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Covid, Quarantäne, Krater

Wie fast alle, die in Keflavík ankommen, war auch ich immer bestrebt, den Flughafen so schnell wie möglich zu verlassen und den Ort links liegen zu lassen. Vor rund zehn Jahren habe ich vor Rückflügen nach Deutschland in Keflavík übernachtet, einmal in einem winzig kleinen Holzhäuschen, das zweite Mal in einem heruntergekommenen Hostel. Lag das noch in Keflavík oder schon in Njarðvík? Die Orte gehen ineinander über und offiziell gibt es Keflavík gar nicht mehr. Alle Ansiedlungen rundum heißen nun Reykjanesbær (Rauchhalbinselstadt).

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Keflavík gibt es nicht – so lautet auch eine Überschrift in Fische haben keine Beine, dem ersten Keflavík-Roman von Jón Kalman Stefánsson, den ich nun zum zweiten Mal lese.

Die Maschine landet, ich klappe das Buch zu. Neben mir ein geimpftes Pärchen, das sich erstmals einen Islandaufenthalt gönnt. Mir fehlt der bei Icelandair übliche Empfangsgruß Velkomin heim, denn diesmal fliege ich mit Lufthansa. Wir müssen sitzenbleiben, bis unsere Reihen aufgerufen werden, das übliche Aussteigechaos entfällt. Auf den ansonsten menschenleeren Gängen im Flughafen Keflavík erreiche ich das Ende der Warteschlange für den Covid-Test. Da entdecke ich sie wieder, die “Astronauten” (wollen sie auf der Halbinsel Reykjanes etwa eine Mondlandung simulieren?). Nein, es sind nur zwei in weiße Reinraumanzüge inklusive Schutzbrillen, Schuhüberzüge und Plastikhandschuhe gehüllte Covid-Phobiker, die schon am Frankfurter Flughafen für Erheiterung und Stirnrunzeln gesorgt haben.

Es ist der zweite Test innerhalb von zwei Tagen, zu dem ich nun antrete. Für den zu Einreise nötigen PCR-Test musste ich tags zuvor schon zum Frankfurter Flughafen. Es ging alles schnell, aber ich musste fast hundert Euro hinblättern, damit ich innerhalb von 12 Stunden das Ergebnis bekam.

Auf covid.is bin ich mit meiner Quarantäneadresse  registriert, habe einen Barcode erhalten, der jetzt eingelesen wird. Auch die Papiere des Frankfurter Vortests, die man in Englisch vorlegen muss, werden geprüft. In Frankfurt wurden nur zwei tiefe Rachenabstriche gemacht, in Keflavík kommt jetzt eine Entnahme aus der Nase hinzu. Und das alles ganz kostenlos.

Es sind etwa vier Kilometer bis zu meiner privaten Quarantäneunterkunft in Keflavík. Ich dürfte ein Taxi nehmen, nicht aber den öffentlichen Bus. Ich ziehe den Fußweg entlang des Flughafenzauns vor, der abseits der Autostraße zum Stadtrand führt. Er ist allerdings durch einen Bagger versperrt, so dass ich den Koffer über holprige Umwege zerren muss.

Ich habe mich gut auf die fünf Quarantänetage vorbereitet, Desinfektionszeug, Wasserkocher, Müsli, Kartoffelbrei und andere Trockennahrung eingepackt, denn ich darf nicht in die Küche. Eine nicht separate Toilette zu benutzen, ist unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln erlaubt. Und was für mich das Wichtigste ist: Ich darf ¬  unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes – spazieren gehen.

Mein Quarantänezimmer verfügt über ein geräumiges Bett, einen Stuhl und eine nicht angeschlossene Tiefkühltruhe, die ich als Schreibtisch nutze. Das große Fenster bietet Ausblick auf die Straße und das Nachbarhaus.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Mein erster Ausflug führt mich zum nördlichen Hafenabschnitt, in dem kleinere Boote liegen. Dahinter erhebt sich eine Klippe, auf der ich einem Pfad entlang der Steilküste folge, bis hin zur nächsten Bucht, die den Ausblick auf die Müllverbrennungsanlage, eine Siliciumfabrik und die Zementtürme von Aalborg Portland eröffnet. Das motiviert nicht gerade zum Weiterwandern.

Der Wind pfeift mir heftig um die Ohren und lässt mich gelegentlich auch schwanken, so dass ich denke: Wenn jetzt die Erde bebt, was sie in den vergangenen Wochen hier ja oft genug getan hat, dann merke ich das gar nicht! Was ich nicht weiß, ist, dass die Bebentätigkeit bereits abnimmt, da am nächsten Abend die Erde im abgelegenen Geldingadalir aufreißen und Feuer spucken wird.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Vor Jahren habe ich auf der Halbinsel die brodelnden Schlammtöpfe bewundert, die den bekannteren Geothermalfeldern in der Mývatn-Region kaum nachstehen. Doch jetzt tritt über 1200°C heiße Magma aus Tiefen unterhalb der Erdkruste ans Tageslicht und formt ein ganzes Tal innerhalb von wenigen Tagen um. Seltsam, ich bin “vor Ort” (Luftlinie 20 km) und doch weit entfernt vom Geschehen. Auch ich muss in die Webcam glotzen, die Berichte lesen und kann nicht einfach mal hinwandern. Dabei wollen ihn alle sehen, den entstehenden neuen Vulkan. Denn fertig ist er erst, wenn er zu speien aufhört. Vorher erschafft er sich ständig neu. Reißt seine selbst aufgetürmten Kamine ein, bessert sie wieder mit erstarrender Lava aus und vereinigt sie vielleicht zu einem einzigen Schlot. Die Wissenschaftler vermuten, er will ein Schildvulkan werden, nicht so ein hoher und pyramidenförmiger, sondern ein breiter, behäbiger. Es kann lange dauern, bis seine Schöpfung vollendet ist.

Da anfangs niemand so recht weiß, wie man ins Geldingadalir, das Tal der Wallache kommt, herrscht in den ersten Tagen Orientierungslosigkeit und Tränen fließen. Wären die freiwilligen Helfer der Björgunarsveit nicht, die spezialisiert sind, aus Bergen, Seenot, Lawinen, Schneewehen, Lavafeldern etc. zu retten, würde das Chaos unaufhaltsam wachsen. Aber sie beginnen einen Wanderweg abzustecken, um die Massen, deren parkende Autos nun die ganze südliche Straße der Halbinsel blockieren, sicherer ins Geldingadalir zu geleiten.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Ja, ein bisschen neidisch bin ich auf die Eruptionsgucker, das muss ich zugeben. Ich erkunde inzwischen die Randbereiche und die nähere Umgebung von Keflavík. Ich muss nur manchmal Hundehaltern ausweichen oder ein paar Kindern, der Rest der Bewohner hält sich mehr ans Auto. Verständlicherweise, denn was Keflavík am meisten auszeichnet, ist der beständige starke Wind. Keflavík hat drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit, schreibt Jón Kalman Stefánsson.

Der Wind fegt die Wolken weg, die Sonne strahlt und wärmt für ein paar Minuten, dann serviert der Wind (ein hurtiger Kellner) einen Hagelschauer. Ich stelle mich wie ein geduldiges Islandpferd mit dem Hintern gegen den Wind, damit mir die Hagelkörner nicht das Gesicht zerkratzen, und warte auf den nächsten Sonnenstrahl. Ich stehe mitten auf einem uralten Lavafeld, gut bewachsen mit Heidekraut, Flechten, Moosen und Grashöckern, noch bucklig, aber nicht mehr scharfkantig und voll tückischer Spalten.

Am dritten Tag nach dem Ausbruch ist es dann soweit: Die Sicht ist klar und ich mache mich in der Dämmerung auf, wenigstens den Widerschein der Eruption am Horizont zu bestaunen. Die beiden Trolle Steinn og Sleggja (Stein und Hammer) haben ihn nicht gesehen und Sleggja blickt nur mondsüchtig übers Meer. Ich erklimme die Klippe über ihrer Höhle, die noch wegen Erdbebengefahr gesperrt wurde, und nun sehe ich den roten Schein, der sogar ein paar Wölkchen färbt. Ich habe nicht die Ausrüstung, ihn zu fotografieren, aber bei Best of Iceland kann man ihn aus dieser Perspektive bewundern.

Der Tag des abschließenden Covid-Testes bricht an, ein klarer, kalter Morgen, weiß überzuckert. Am zweiten Quarantänetag hatte mich eine Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörden angerufen und auf die verschiedenen Möglichkeiten, wo ich den Test absolvieren könne, hingewiesen. Ich wählte das nächstgelegene Testzentrum in Njardvík. Der Weg führt mich am Meer entlang. Der Fischereihafen ist verödet, Spekulanten haben die Fangquoten verscheuert und die Trawlerflotte verrottet hinter dem Werftgelände. Auf einem Recyclinghof betrete ich eine zum Covid-Test-Zentrum umfunktionierte Halle. Obwohl ich nur fünf Minuten nach Öffnung eintreffe, bin ich die letzte in der Schlange, die von einer Gruppe junger Männern angeführt wird. Sie albern mit heruntergezogenen Masken herum, aber ich kann nicht hören, in welcher Sprache, und rätsele, ob es Touristen oder ausländische Arbeiter sind. Die Teststäbchen werden nicht so unangenehm weit eingeführt wie am Flughafen – offensichtlich gibt es da keine Norm.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Als ich zurückkomme, bricht mein Gastgeber auf, um die Eruption zu besichtigen. Ich kann leider nicht mitkommen, zumal dies kein Spaziergang ist, sondern eine Massenwanderung, auf der Abstandhalten nicht möglich ist.

Gegen vier Uhr nachmittags kommt die Nachricht auf der Nachverfolgungs-App Rakning C-19, dass mein Testergebnis negativ ist. Die Quarantänezeit ist damit offiziell beendet. Nun kann ich das Stadtzentrum und andere belebtere Plätze von Keflavík erkunden.

Am nächsten Tag, es ist Mittwoch, der 24. März, gibt es ernüchternde Meldungen: Da es in den letzten Tagen in Island, das seit Jahresbeginn nahezu covidfrei war, wieder zu gehäuften Fällen gekommen ist, darunter an einer Schule und unter Eruptionsbesuchern, treten ab dem folgenden Tag  verschärfte Bestimmungen in Kraft. Für drei Wochen werden Schulen, Kindergärten, Sportstätten und Schwimmbäder (ich hatte mich schon so aufs Schwimmen und den Hotpot gefreut!) geschlossen. Eine schnelle konsequente Maßnahme, die mit Hilfe der in Island sehr effektiven Nachverfolgung hoffentlich bald zur Eindämmung des Virus führt.

Informationen für Reisende nach Ísland:

DE: Reisen nach und in Island

DE: Die Tracing-App Rakning C-19

FR: Voyager en Islande

FR: Appli de traçage Rakning C-19

EN: Travel to and within Iceland    

EN:  Violations of COVID-19 Quarantine

EN: Pre-registration for visiting Iceland

EN: App Rakning C-19

EN: Iceland´s response

EN: Statistic

Enn einn dagurinn

Ég vakna eftir stórkostlega drauma, stíg fram úr rúminu og fæturnir lenda beint ofan í hreina sokka og pússaða skó og fötin, nýpressuð af ástsjúkri vinkonu bíða mín undir nærbuxunum hennar og þau skríða silkimjúk á útlimina og blettast ekki af heitu brasilísku lúxuskaffi sem aðdáandi minn úr næsta húsi kom með í morgun eins og venjulega með beinu flugi frá Brasilíu og svo kveiki ég á útvarpinu þar sem uppáhaldslagið mitt rennur sitt skeið á undan fréttum sem eru mér allar að skapi og svo geng ég út og anda að mér einstaklega súrefnisríkum loftsveip sem fyrir tilstilli hentugrar vindáttar og þverbrotinna náttúrulögmála fylgir mér að bílnum sem aldrei bilar og svo set ég í gang og tek eftir að bensíntankurinn er fullur og vélin er hljóðlát og stillt á lágmarkseyðslu eftir yfirferð bifvélavirkjans sem kom í gær til þjónustu reiðubúinn á vegum félags sem ég vissi ekki að ég væri í og ég renn úr hlaði og kveiki aftur á útvarpinu og heyri að í gærkvöldi voru lottótölurnar mínar enn dregnar út eftir beinu útsendinguna frá spurningakeppninni sem ég vissi öll svörin í og næst flytur skýrmæltasta fréttaþulan fréttir frá Alþingi þar sem óþverrafrumvarpi var hent út með öllum atkvæðum gegn engu og ég keyri af stað og sé blaðastand þar sem stendur á forsíðum allra dagblaða að blóðið sem ég gaf í Blóðbankanum í gær hafi leitt til lækningar á krabbameini og ég brosi og á næstu umferðarljósum blístra ég lag sem tónlistarmaður í næsta bíl fær á heilann og gerir heimsfrægt á komandi mánuðum og á grænu ljósi keyri ég í veg fyrir bíl bankaræningjaflokks og hann veltur án þess að nokkur meiðist og þeir gefast upp baráttulaust því þeir festu fingurna í öskubökkunum og ég fæ fálkaorðu og mikil verðlaun og er boðið að vera gestur í vinsælasta sjónvarpsþætti landsins og ég er kosinn maður ársins af stjórnanda þáttarins sem heitir Jóna Sólný en upp úr því sef ég hjá henni og barna eins og allar konur sem ég snerti og börnin mín eru öll hraust og hamingjusöm og vegnar vel í lífinu og þegar ég hef lagt í gjaldfrítt stæði á besta stað í miðbænum hitti ég óvænt á röltinu leiðtoga heimsins gráa fyrir járnum á barmi styrjaldar og spyr Bandaríkjaforseta á Eyjafjallaensku hvað klukkan sé en með þessum hreim þýðir spurningin eitthvað stórmerkilegt á kínversku og leiðtogi þeirrar þjóðar grípur orðin á lofti og allir sættast og leysa upp úr því helstu vandamál heimsins og í þakkarskyni gefur frönsk sendinefnd mér verðlaunabúðing með ananasbragði þegar ég geng á braut og klukkan er bara tíu og sólin skín á mig gegnum einu skýjaglufuna á himninum og yfir hafið fjúka peningar ofan í vasa mína þar sem leið mín liggur framhjá besta bíóinu í bænum þar sem uppáhalds myndin mín er í sýningu og ég fer inn og þar er troðfullt út úr dyrum nema besta sætið er eftir fyrir mig og þetta er power sýning í þrívíddarvíðómi og við fagnaðarlæti horfi ég á bestu mynd allra tíma

Fünfmal wird der Mensch geboren

Die erste Geburt
: am Beginn der Schöpfung –
denn nichts ward
je hinzugefügt.

Die zweite Geburt
: Zugang zu Vollkommenheit –
denn ohne ihn
bleibt materielle Welt verschlossen.

Die dritte Geburt
: Tor zum Labyrinth dualistischer Welt –
denn nur durch Kenntnis der Teile
erschließt sich ein Ganzes.

Die vierte Geburt
: Vervollständigung unseres Selbst –
denn erst das Gemeinsame
erklärt die Teile.

Die fünfte Geburt
: öffnet den Raum aus dem wir kamen –
denn nichts kann ihm
je entnommen werden.

Schlaflos

Lljósmynd:  © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Schlaflos

Nachts & das Hirn
voll Ungeduld auf
IRGENDWAS
den aufgedunsenen Mond
durch leere Altstadtgassen
kicken – nur das Herz
klopft Beifall / losgelöst
vom Rhythmus schriller
Tagesängste.

Die aufgeschlagenen Wunden
mit lästerlichen Phantasien kühlen
& in der Glut im Kopf nach
rohen Diamanten wühlen –

wie mit wachen Kindersinnen:
aus jedem Schatten
einen Traum gewinnen …

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

Seit ich meine Hände zählte

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Seit ich meine Hände zählte,

die Beine, die Ohren, die Augen,
den Mund, und einsehen musste,
es werden nicht mehr,
lerne ich Sätze auswendig,
Gedichte, Romane,
denn dem Feuer, das
uns vertreiben wird, wenn
über unseren Köpfen
das Dach einstürzt,
widersteht nur das Paradies
in unseren Köpfen.

(Wolfgang Schiffer)

Síðan ég taldi á mér hendurnar

fæturna, eyrun, augun,
muninn, og skildist að
þeim fjölgar ekki lenur
læri ég setningar utanað
kvæði sögur
því gegn eldinum
sem hrekur okkur burt
þegar þakið brotnar
yfir höfði okkar
stendur aðeins aldingarðurinn
í höfði okkar.

Übersetzung:  Franz Gíslason (1935 – 2006)

 

Am Meer

Ljósmynd: Wolfgang Schiffer

 

Am Meer

Hier sitzen:
Sand und Gischt und Muschelwerk
die Sonne blutet aus
der Wind schreit Möwen an
wenn sie ihm allzu dreist den Weg verstellen
es ist, als knatterts im Gefieder oder
täuscht mich das verletzte Ohr
das ich noch mit mir trage
das beleidigte Auge
das in der Weite immer noch
der Menschen Schatten sieht
obwohl die Möwen sich nun niederlassen
und aus dem Sand, in dem ich sitze
dem Muschelwerk, umspült von Gischt
der Menschen letzte Spuren picken.

Við sjóinn

Að sitja hér:
sandur og særok og skeljaskraut
sólinni blæðir út
vindurinn gargar á mávana
þegar þeir hefta för hans framhleypnir um of
það er eins og snarki í fiðrinu eða
blekkir mig sært eyrað
sem ég burðast enn með
móðgað augað
sem enn greinir í fjarska
skugga mannanna
þótt mávarnir stjist nú niður
og kroppi síðustu mannasporin
úr sandinum þar sem ég sit
skeljunum, umleiknum sædrifi.

Übersetzung: Ingibjörg Haraldsdóttir (1942 – 2016)

Sich seiner selbst bewusst sein

Ferðalangur: „Wir haben nun ausgiebig genug über diese Wesen uns erfahren, so dass sich die Frage aufdrängt, was denn nun diese Wesen an sich seien, also diese signifikant von anderen Gattungen unterscheide.“

Hugsuður: „Nun, da wäre vielleicht jenes zu nennen, was allgemein als humanes Sozialverhalten verstanden wird“.

Ferðalangur: „Wie steht es dann aber mit jener Elefantenkuh, die sich neben ihre gebärende Artgenossin postiert, um diese in ihrer Wehrlosigkeit gegen etwaige Angriffe von Raubtieren zu verteidigen, da diese selbst hierzu nicht in der Lage?“

Hugsuður: „Schon gut. Da wäre vielleicht jenes zu nennen, was allgemein als Mitleiden verstanden wird“.

Ferðalangur: „Und als was wäre dann die Reaktion jener Pflanze zu bezeichnen, an welcher sich signifikante Reaktionen feststellen ließen, als Resonanz auf die Tatsache, dass ihrer benachbarten Pflanze eine Injektion mit Gift verabreicht wurde, an dessen Wirkung diese gerade verendet?“

Hugsuður: „Zum Teufel mit der Wissenschaft. Bliebe also jenes zu nennen, was allgemein als Seele verstanden wird.“

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Ferðalangur: „Und als was wäre dann jenes zu bezeichnen, was einen Pinguin dazu veranlasst, einen nur noch in Teilen vorhandenen verwesten Artgenossen gegen einen Aasfresser zu beschützen, damit dieser ihn nicht weiterhin verspeisen könne, und sich dafür sogar dessen Attacken aussetzt, und nicht davon ablässt?“

Hugsuður: „Meinetwegen. Dann bleibt halt nur noch jenes, was allgemein als Verstand angenommen wird.“

Ferðalangur: „Du meinst jene Fähigkeit, welche die Wesen signifikant von anderen Gattungen unterscheidet?“

Hugsuður: „Ja.“

Ferðalangur: „Da hast Du recht. Die Wesen sind tatsächlich die einzige Gattung, der es ein Herzensbedürfnis ist, seine eigene Gattung über das Betätigen von ein paar Schaltknöpfen auslöschen zu dürfen.“

Hugsuður: „Nun, die Vernunft wird es sein, die sie von diesem Schritt bewahren wird.“

Ferðalangur: „Du meinst jenes, was sie diese Fähigkeit erst entwickeln ließ?“

Hugsuður: „Dann ist es halt die Anhaftung von jenem, was als Bewusstsein bezeichnet wird.“

Ferðalangur: „Ach wirklich?“

isVera með fullri meðvitund

Eine Reise nach Syrien

Das gegen innere Widerstände mitgenom­mene Mobiltelefon habe ich – was gewiss kein Zufall ist – schon im ersten Hotel vergessen. Der Verlust hat nicht sehr ge­schmerzt, habe ich doch ein recht kritisches Verhältnis zu dieser „Errungenschaft“ der mo­der­nen Kommunikationstech­nik: Ich finde, so ein Handy rundet die „emotionalen Ecken“ ab, Abschied und Wiedersehen zum Beispiel werden gar nicht mehr richtig durchlebt, durch­litten und genossen, wenn die kommunikative Nabelschnur niemals unterbrochen ist.  Und wie kann man sagen: „Ich bin dann mal weg …“, wenn ständige Erreichbarkeit besteht?

Einen Fotoapparat habe ich von Anfang an gar nicht mitgenommen: Noch nie hatte ich auf einer derartigen Reise eine Kame­ra dabei, denn ich habe früh bemerkt, dass sie dazu ver­führt, die Welt ständig als Fotomotiv zu sehen und auf „Sehenswürdigkeiten“ zu reduzieren. Mir aber kam es darauf an, das frem­de Land in seiner ganzen Buntheit und Vielfalt  bewusst und ohne Ablenkung in mich aufzu­nehmen. (die besuchten „Sehenswürdigkeiten“  sind schließ­lich auf Postkar­ten erhältlich …) Nur so ist es möglich, an jedem Ort, den ich auf­ge­sucht habe, tatsächlich gewesen zu sein. Und das Erlebte mache ich nicht durch Fotos, son­dern durch Schreiben erinnerbar.

Wer allein eine Reise in ein fremdes Land unternimmt, tritt auch eine Reise zu sich selbst an. Unmittelbar und ungefiltert treffen Bilder, Geräusche, Gerüche und Gefühle auf die eigene Seele. Auf diese Weise spiegelt die fremde Umgebung  das Ich mit seinen moralischen und kulturellen Wertvorstellungen, bisherigen Erfahrungen, seinen (Vor-)urteilen, Vorlieben und Abneigungen und eröffnet so eine neue Sicht auf die eigene Existenz und auf die umgebende Welt: Die Begegnung mit einer frem­den Welt wird zur Selbstbegegnung. Liegt doch das Eigene meist im toten Winkel der Wahr­nehmung.

Der allein Reisende ist weitgehend Herr über Zeit und Raum – welch beglückendes Erlebnis, wo unser Leben heutzutage doch bis ins Detail strukturiert ist von Uhren, Fahrplänen, Am­peln, Fußgängerüberwegen, Vereinba­run­­gen, Verabredungen, Terminen … und nur der Rei­sende selbst bestimmt die Richtung, in die er sich bewegt, die Neugier weist ihm den Weg, er kann sich treiben lassen von Lust- und Unlust­gefühlen. Und es spielt keine Rolle, ob er müde gewor­den ist, oder über die Energie für weitere Stunden des Umherwan­derns ver­fügt – kann er doch rasten, wann immer und so lange er will!

Nach eineinhalb Stunden kündigt sich die türkisch-syrische Grenze durch kilometerlange Lastwa­genkolonnen an. Das Verhältnis der beiden Länder hat sich in letzter Zeit wesentlich verbes­sert, der Handel ist nun rege und dementsprechend geht es an der Grenze mit ihren Forma­litäten zu. Unser Fahrer wuselt listig rechts und links an den Kolonnen vorbei, schimpft, und wird beschimpft,  und schon stehen wir vor dem Abfertigungsgebäude an der Grenze. Alle müssen aussteigen, zur Passkontrolle. Unser Fahrer geht durch den Bus und sammelt alle türkischen Pässe ein. Ich sage: „Ich bin Deutscher, nicht Türke“. Er zwinkert mir zu: „Jetzt bist du auch mal Türke“, nimmt meinen Pass und verschwindet im Laufschritt in der Abferti­gungshalle. Ich, etwas besorgt, hinterher. Aber schon ist er in irgendwelchen Büros ver­schwun­den mit seinen türkischen Pässen. Während die anderen ausländischen Mitreisenden die Einreiseformulare ausfüllen, kann ich mich in Ruhe umschauen. Das Gebäude ist ziem­lich neu und sehr gepflegt, es herrscht eine ruhige Atmosphäre; natürlich blickt das Konterfei des – wie ich finde – „chaplinesk“ drein schauende Präsidenten, der von nun an allgegen­wärtig sein wird in diesem Land, gleich mehrfach von der Wand. Und dann fällt mein Blick auf ein großes Schild: „Verehrte Einreisende“, heißt es da, „sollte sich einer unserer Beam­ten nicht korrekt verhalten oder in irgendeiner Weise Anlass zu Beschwerde geben, so wen­den Sie sich bitte an den zuständigen Aufsichtsbeamten oder rufen Sie die Telefonnum­mer … an.“  Da fällt mir ein, was mir bei der Einreise am Flughafen in Baltimore (USA) vor einigen Jahren als erstes auffiel: Ein Schild, das in rüdem Ton darauf verwies, dass es ein strafbewehrtes Vergehen sei,  bei der Passkontrolle eine Diskussion zu führen („to argue with an immigration officer“). Welch ein Kontrast zwischen dem Land, das angeblich ein Hort der Finsternis sein soll einerseits, und dem gelobten Land der Freien und Gleichen andererseits  …

Allepo

Am Ende der Gasse eine nun lebhafte Straße. Hier kommen viele Taxis an und vor allem auch  große Touristenbusse. Ich setze mich auf eine Mauer an der Moschee und betrachte das Treiben. Gerade quellen etwa 40 Touristen aus Deutschland aus einem der Busse; kaum setzen sie den Fuß auf die Straße, reißen die meisten von ihnen die Kamera vors Auge und „schießen“ wie wild um sich. Manche fahren mit ihrem Camcorder einen  ra­schen 360-Grad-Schwenk um die eigene Achse. Die Reiseführerin weist auf drei renovierte Holz­häuser hin (wie ich sie bereits in großer Zahl auf meiner Wanderung heute früh gesehen habe), und schon richten sich alle Kameras auf diese drei Gebäude. Es scheint aber nie­mand richtig hin zu schauen, vielmehr gilt die ganze Aufmerksamkeit  der Entdeckung weite­rer Fotomotive. Ich stelle mir vor, dass viele der hier Anwesenden möglicher Weise erst auf dem Sofa daheim, wenn sie die Fotos betrachten, zum ersten Mal all das Schöne zur Kennt­nis nehmen, das sie hier vor Ort offenbar nicht richtig in sich aufnehmen (können).  Die Rei­se­führerin erzählt dann offenbar noch vieles mehr, aber es hören nur ein halbes Dutzend wirk­lich zu, die anderen haben sich abgewendet, fotografieren, gucken sich am Straßenrand angebotene Souvenirs an, trinken aus mitgebrachten Wasserflaschen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Und reden viel. Ich frage mich, warum diese Leute überhaupt eine doch sicherlich nicht billige „Bildungsreise“ gebucht haben. Als ich der Gruppe nachschaue, wie sie sich nun, hinter dem Fähnlein der Reiseführerin versammelt, den Hügel zur Zitadelle hinauf schleppt (die Zufahrt von hier aus ist für Busse gesperrt), denke ich daran, wie gut ich’s doch habe … ich nämlich kann es mir erlauben, hier zu sitzen und zu staunen solange ich mag, um an die­sem ersten Tag erst einmal die Stadt als Ganzes mit allen Sinnen in mich auf zu nehmen; Zi­ta­delle und Moschee und all die anderen Sehenswürdigkeiten können warten, sie sind ja schon viele hundert Jahre und auch morgen noch da …

Es ist – nach vielen unguten Erfahrungen in anderen Ländern –  unglaublich, wie unbehelligt ich mich als Tourist in diesem Land bewegen kann: Keinerlei lästige oder aufdringliche „An­mache“, niemand zupft am Ärmel, niemand will einem irgendwelche „echt antike“ Schätze verhökern, einen Teppich verkaufen, die Schwester anbieten, illegal Geld wechseln oder ein­fach nur „guide“ sein! Welch ein Gegensatz zu Ländern wie Ägypten oder Marokko! Wende ich mich aber Auskunft suchend an einen Passanten, so überschlägt sich der vor lauter Hilfs­bereitschaft! Die Verständigung ist zwar in aller Regel schwierig, nur die Wenigsten können Englisch oder Französisch, im Lesen eines Lageplans sind die Syrer auch nicht gerade Welt­meister – aber sie sind herzlich und freundlich und immer sind sie bemüht, dem Fragenden eine Antwort zu geben (die sich bisweilen später als falsch heraus stellt, vermutlich, weil es in den Augen eines Syrers immer noch besser ist, eine unzutreffende Auskunft zu geben, als gar keine.) Als ich in einer überfüllten Bank Geld wechseln möchte und mich hilflos um­schaue, komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der einmal ein paar Jahre in Dortmund gearbeitet hat und noch recht gut deutsch spricht. Er nimmt sich viel Zeit für mich, lotst mich an langen Warteschlangen vorbei, redet mit dem Schalterbeamten, lässt sich nicht abwim­meln, und ich bekomme meine syrischen Pfund. Herzlich verabschiedet er sich von mir, wie von einem alten Freund. Abends, als ich am Sahat Hatab, dem kleinen Platz in der Nähe mei­nes Hotels einen „sun­downer“ genieße, kommt plötzlich dieser Mann aus der Bank vorbei, an der Hand seine zwei kleinen Töchter, etwa im Alter von 8-10 Jahren.  Eine von ihnen ist behindert. Der Mann zeigt sich ehrlich erfreut, mich wieder zu sehen. Ich bin es auch. Die beiden Mädchen geben wohlerzogen die Hand, wir wechseln ein paar Worte, dann muss er weiter, seine Frau wartet. Mit einer Umarmung verabschiedet sich der Mann, wie es üblich ist in diesem Land.  An die­se Begegnung muss ich oft denken: Wie schnell kann sich manchmal ein herzlicher Kontakt zwischen Menschen ergeben, die sich völlig fremd waren!  Und es fällt mir das Zitat aus dem „Kleinen Prinzen“ ein, „Man sieht nur gut mit dem Herzen“.

—-

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Früh werde ich geweckt – nein, nicht vom Ruf des Muez­zin, sondern vom Glockengeläut der im 19. Jahrhundert gebauten katholischen Kirche hinter dem Hotel! Tja, in Syrien ist möglich, was im Deutschland von Herrn Sarazzin undenkbar ist. Man stelle sich nur einmal vor, einen Steinwurf von Münchens Marienplatz entfernt riefe am Morgen der Muezzin zum Gebet! Beschämt muss ich mir eingestehen, dass für den größten Teil meiner deutschen Mitbürger eine solche Vorstellung wohl unerträglich ist.

Es ist wohl die „Ganzheit“ menschlichen Lebens, das Neben- und Miteinander von Produktion, Handel, Wohnen, geselliger Zerstreuung, Erholung und religiöser Hingabe. Wohnung, Werkstadt, Geschäft, Teestube, Moschee und Hamam – alles ist in Reichweite, kaum getrennt. Ein Nebeneinander auch der Generationen: Greise, die an der Türschwelle sitzen und Horden spielender Kinder in den Gassen. All das, was wir der Mo­derne geopfert haben, suchen wir nun sehnsüchtig wieder zu finden in fernen Ländern. Wohnen wir doch in „Schlafstädten“, arbeiten in Industriezonen oder Bürohäusern, kaufen in Einkaufszentren, entspannen uns im Vergnügungsviertel, erholen uns im „Wellness-Centre“, besuchen unsere Alten im Altenheim und verbannen unsere Kinder auf Spielplätze, Kirchen brauchen wir schon lange nicht mehr … Alles ist getrennt, funktional, effizient, raum-,  geld-, zeitsparend organisiert. Das menschliche Dasein, es ist in Segmente zerfallen und es wird immer schwerer, die Einzelteile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen.

An diesem letzten Abend in Aleppo sitze ich noch einmal in der Nähe meines Hotels vor dem „Café Sissi“ am Sahat Hatab-Platz, der mich mit seinem Flair ein wenig an Montmartre oder auch Alt-Schwabing erinnert. Hier wird mir bewusst, dass Aleppo auch heute noch eine Schnitt­stelle ist zwischen Tradition und Moderne, zwischen Okzident und Orient, zwischen verschiedenen Kulturen. Fast so wie ich Beirut erlebt habe vor dem Krieg von 1975. Um mich herum sitzen ganz unterschiedliche Menschen: Das syrische Paar mittleren Alters, mit dem ich mich französisch unterhalten kann, er trinkt (in aller Öffentlichkeit!) ein Bier, sie tele­foniert mit ihrem Mobiltelefon. Dann sind da zwei junge Frauen, beide tragen Kopftuch – und rauchen, sich lebhaft unterhaltend, Wasserpfeife (auch das in aller Öffentlichkeit)!  Und dann ist da eine westlich gekleidete, offenbar gut betuchte Dame, die – einen Hund (!!!) an der Lei­ne – mit einem Begleiter am Nebentisch Platz nimmt. Das ist etwas Unerhörtes, denn für ei­nen Muslim ist der Hund, neben dem Schwein, ein unreines Tier, dessen Nähe der Mensch meidet. Der Hund und seine Herrin erregen denn auch große Aufmerksamkeit, die Buben, die in der Mitte des Platzes Fußball gespielt haben, unterbrechen ihr Spiel und stehen bald belustigt tuschelnd, und gleichzeitig ungläubig staunend in einiger Entfernung um den Tisch, an dem sich Hund und Mensch niedergelassen haben. Auch die Passanten, die vorbei kom­men, werfen verstohlene Blicke auf den Hund, der es sich unter dem Stuhl seiner Herrin ge­mütlich gemacht hat. Da fällt mir das Kapitel „Ich, der Hund“ in Orhan Pamuks Roman „Rot ist mein Name“ ein, das die Existenz der Gattung Hund aus der Sicht eines Hundes in Istan­bul mit umwerfender Komik beschrieben hat. Und es fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich seit meiner Abreise aus Deutschland vor 14 Tagen nicht einen einzigen Hund zu Gesicht be­kommen habe, bis heute Abend.

Wenn ich die drei Tage, die ich nun in Aleppo verbracht habe, Revue passieren lasse, so bin ich einiger Massen verwirrt. Was ich sah, entspricht so gar nicht dem Klischee vom „bösen Islam“, vom „Ort der Finsternis“, „der Achse des Bösen“, die Syrien doch sein soll – wenn man Psy­cho­pathen  wie Ronald Reagan, George W. Bush, Herrn Sarrazin, etc. glauben will. Nun könnte man mir entgegnen: Syrien und vor allem Aleppo ist ja nicht „typisch“! Aber warum soll immer nur „typisch“ sein, was dem Vorurteil entspricht? Könnte man nicht auch argumentieren, dass Aleppo „typisch“ ist für die kulturelle und religiöse Toleranz, die eben auch anzutreffen ist in den Ländern des Nahen Ostens?

Etwa vier Monate, nachdem ich aus dem mir so liebenswert erscheinenden Land zurückgekehrt war, kamen erschreckende Bilder aus Syrien: Bilder von Panzern und Soldaten in den Städten, Frauen und Kinder auf der Flucht, blutüberströmte Demonstranten und brennende Geschäfte … Wie mag es nun den vielen netten Menschen ergehen, die ich auf meiner Reise kennen gelernt hatte? Sind sie alle noch unversehrt?