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Das Radfahrerprinzip

Erkenntnisbezogenes Vermögen bis 722 n. Chr., Cartoon von zenundsenf ©

Jede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen, wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben kann und dass die Lohnarbeit nicht länger der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die hauptsächlichste Tätigkeit eines jeden bleiben kann.” (André Gorz, Sozialphilosoph)

Gegenwart wie Vergangenheit belegen unübersehbar, dass die Analyse von André Gorz gründlich und solide ist. Mit dem einst von der EZB in Umlauf gebrachten Begriff Helikopter-Geld steht endgültig der Kaiser für jeden sichtbar ohne Kleider da, die Extrapolation von André Gorz wird bestätigt: “Eines Tages muss sich der Kapitalismus seine Kunden kaufen, indem er Zahlungsmittel umsonst verteilt“.

Es wurde öffentlich, dass nicht der sogenannte Arbeitgeber es ist, der für Erwerbsarbeit sorgt, sondern der Verbraucher, denn der Verbraucher schafft Erwerbsarbeit, der sogenannte Arbeitgeber nur dann, wenn sie sich nicht vermeiden lässt.

Dazu wäre aber die Ausschüttung von Helikopter-Geld gar nicht erforderlich, es genügte schon, wenn die Gesellschaften damit aufhörten, auch noch Steuern auf das Existenzminimum zu erheben, also auf jenen Notbedarf, um physisch überleben zu können. Von einer Gesellschaft, die sich einverstanden zeigt, dass selbst auf den Mangel Steuern erhoben werden, ist jedoch weder zu erwarten, dass sie exakte und präzise Analysen davon abhalten könne, weiterhin eloquenter Unlogik von Rosstäuschern nachzulaufen, noch dass sie jemals das einst für alle gültige natürliche Recht auf Nahrung und Unterkunft wieder in Kraft setzen werde. Sie dürfte darauf beharren, das Problem sei mit der Schaffung von Arbeitsanreizen lösbar, obschon vom Arbeitsanreiz kein armutsbekämpfender Effekt zu erwarten ist, wenn es nicht ausreichend Arbeitsplätze gibt. Arbeitsanreiz produziert keine Arbeitsplätze, Verbrauch hingegen schon.

Die Schweizer stimmten am 5. Juni 2016 darüber ab, ob sie ein sogenanntes bedingungsloses Grundeinkommen einführen wollen oder nicht. Bei diesem Terminus handelt es sich um nichts Geringeres als um sehr alten Wein, um das natürliche Recht auf Nahrung und Unterkunft, das einst jedem Einzelnen von der Gemeinschaft gewährt wurde, da es noch als grober Unfug galt, dieses natürliche Recht etwa zur Disposition stellen zu wollen. In jener Zeit wurde gejagt, gesammelt, das Feld bestellt, und die Früchte dieser Arbeit – da dies selbstverständlich war – mit jenen geteilt, die aus verschiedenen Gründen nicht jagen, sammeln, oder das Feld bestellen konnten. Aber in jenen Zeiten hatten die so Werktätigen auch nur das Nötig-ste, und nicht darüber hinaus. Nur wer schmeckt kennt den Geschmack. Jenseits dessen ist nur Gefasel.

Es ist das Verdienst von Kurt Tucholsky, bereits im Jahr 1919 auf eine entartete Spezies der gens humana hingewiesen zu haben, die in Folge als das deutsche Phänomen Radfahrerprinzip das verfügbare Vokabular um ein Wort erweiterte, welches das typische, opportunistische Verhalten des autoritären Charakters bezeichnet. Carl Zuckmayer legte 1931 dann das Prinzip seinem Hauptmann von Köpenick in den Mund: “Das ist ein Radfahrer. Nach unten tritt er, nach oben buckelt er“. Es wird verständlich, aus welchem Grund einer, der endlich selbst oben angekommen ist das nach-oben-Buckeln der anderen einfordert, und unfähig bleibt, nicht nach unten zu treten.

So ist nicht verwunderlich, dass in Deutschland ein Ministrant mit Jo-Jo-Effekt, ein Einzelhandelskaufmann, der sich gerne mit den Statussymbolen Bierflasche und Zigarre umgab, und ein Straftäter, dessen Straftaten zu jenem Zeitpunkt noch unentdeckt waren, sich fragten, ob der deutsche Arbeitslose weiterhin in einer Hängematte auf Mali liegen darf, und dort faulenzend vom Geld des arbeitenden Volkes lebt. Denn dass dem so sein müsse, hatte schließlich kein geringerer als ein Messdiener behauptet, nach seinem Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie.

Ist einer unten, ist es ausgesprochen schwierig, ja sogar unmöglich, nach unten zu treten. Es sei denn, es werde ein noch zu bestimmendes Unten aus dem Unten herausgenommen, was dazu führt, dass jene, die unten sind, wieder etwas unter sich haben, wonach sie treten können. Dass dies gelingt, dafür sorgen entsprechende Substantivierungen wie Juden, Zigeuner, Arbeitslose, Asylanten, etc., und sollten diese Wörter noch nicht genug Reizwirkung entwickeln, kann noch einer draufgesattelt werden, wie z. B. Wucherer, Wirtschaftsflüchtling, Sozialschmarotzer, etc. Im Übergang vom Einzelschicksal zur amorphen Menge befreit sich der Mensch zwingend von möglichem Wissen, entledigt sich erleichtert wahrnehmbarer Qual, phantasiert sich der Ungerechte erfolgreich in die Rolle des  Gerechten. Denn je umfassender die Ahnungslosigkeit, umso umfangreicher der Beifall.

Erkenntnisbezogenes Vermögen ab 722 n. Chr., Cartoon von zenundsenf ©

Gesellschaften, die von sogenannten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften primitive Gesellschaften genannt werden, kamen zu keiner Zeit auf die abstruse Idee, negatives Unrecht gegenüber einer Vielzahl als Ultima-ratio auszugeben, um darüber ein positives Unrecht gegenüber einem geringen Bodensatz zu minimieren. Es fehlten dort die notwendigen Zuchtmeister der Zivilisation, der Apostel Paulus und Adolf Hitler, die da lehrten: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!

Das bis dahin praktizierte natürliche Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft wurde seitdem davon abhängig gemacht, ob jener arbeite oder nicht. Selbstverständlich betrachteten beide Zuchtmeister ihre eigene Tätigkeit als Arbeit. Der eine sah seine eigene Arbeitsleistung darin, zahllose Briefe zu schreiben und zu reden, der andere darin, Millionen von Menschen in den Tod zu schicken.

Nun verhielt es sich bei dem bis dahin praktiziertem natürlichen Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft so, dass die Menschen damals noch über das Wissen verfügten, dass es Arbeit geben kann oder nicht, und dass darüber hinaus es auch einleuchtende Gründe dafür geben könne, dass einer keiner Arbeit nachgehen kann, obschon Arbeit vorhanden wäre. So dass sie gar nicht auf die Idee kommen konnten, dass jener, der nicht arbeite, auch nicht essen solle.

In Deutschland ist das deutsche Bundesfinanzamt bemüht, in seinem Museumsführer die 5.000 jährige Geschichte der Steuern aufzuzeigen: “Mit dem Zehnt fing es an”. Was das Bundesfinanzamt in Deutschland dabei verschweigt, ist nicht nur die Tatsache, dass dies gar nicht zutrifft, sondern auch, dass heute sogar bei den Geringverdienern es bei der Hälfte des Erworbenen immer noch nicht aufhört, da zu den Sozialversicherungsbeiträgen und direkten Steuern auch noch zahllose indirekte Steuern und Gebühren hinzukommen. Zudem handelte es sich bei der ca. 2.500 Jahre alten Idee des Zehnt der Israeliten um eine Abgabe, die das natürliche Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft für Ausländer, Witwen, Waise, etc. sicherstellen solle, es war auch Konsens, dass dieser nur hierfür verwendet werde, wobei die Leviten nur ein Zehntel dieses Zehntel davon behalten durften, demnach 1 Prozent.

In Folge übernahm der Klerus des Christentums die Idee des Zehnt, und widmete ihn 722 nach Chr. um: “Aus den Einkünften der Kirche und den Opfergaben der Gläubigen soll er vier Teile machen: Einen davon soll er für sich behalten, den zweiten unter den Geistlichen verteilen, entsprechend ihrem Eifer in der Erfüllung ihrer Pflichten, den dritten Teil soll er an die Armen und Fremden geben, den vierten soll er aber für den Kirchenbau zurücklegen.” Ab da behielten die europäischen Leviten Dreiviertel des Zehntel, demnach blieben für den ursprünglich angedachten Zweck nur noch 2,5 Prozent.

Erst die “Bill of Rights” ermöglichten, dass sich die Gemeinschaft auch nicht mehr um die Schwerkranken zu kümmern brauche. Was dazu führte, dass heute in den Vereinigten Staaten etliche Ärzte und Krankenpersonal in Eigeninitiative jeden Sonntag sich in ihrer Freizeit in Krankenhäusern treffen, um jene unentgeltlich durch Behandlung und Operationen zu retten, die sich keine Krankenversicherung leisten können. Da diesen Menschen mit deren Eigeninitiative aber keine Einnahmen daraus entstehen, kann es sich bei dieser Tätigkeit – folgt einer der neuen Definition von Arbeit, dass nur Erwerbsarbeit Arbeit sei – nicht um Arbeit handeln.

Der Satz von Paulus und Hitler, dass wer nicht arbeite auch nicht essen solle, führte notgedrungen zur Bedürftigkeitsprüfung, wobei Arbeit nur dann als Arbeit zu gelten habe, falls diese Erwerbsarbeit. Nach dieser Definition ist folglich die Tätigkeit, Millionen Menschen in den Tod zu schicken, eine Arbeit, während Menschen durch Behandlung und Operationen vor dem Tod zu retten, keine Arbeit sei. Denn für die eine Tätigkeit wurde Entgelt gezahlt, für die andere nicht.

Nun wäre sicherlich nichts gegen eine Bedürftigkeitsprüfung einzuwenden, könnte über diese verhindert werden, dass sich einer auf Bali in die Hängematte lege anstatt zu arbeiten. Wobei zu fragen wäre, aus welcher Quelle denn die Behauptung sich speise, ein bedingungsloses Grundeinkommen werde dazu führen, dass sich einer auf Bali in die Hängematte lege anstatt zu arbeiten. Haben doch eine Reihe von Feldstudien zwischen 1969 und 1982 dies nicht bestätigt. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert, dass bei unbedingtem Grundeinkommen unter existenzsichernden Bedingungen allein erziehende Mütter ihre Arbeitszeit zwischen 12 und 28 Prozent verringerten, während die meisten Männer einfach wie vordem weiterarbeiteten. Dafür sank die Scheidungsrate signifikant, und auch die Schulergebnisse von Kindern der Versuchsgruppe änderten sich: “Verbesserungen der Resultate in Lese-Tests waren für Schüler vom vierten bis zum sechsten Schuljahr statistisch bedeutsam. Die Lesefähigkeit dieser jüngeren Kinder stieg also merkbar. Für ältere Schüler vom siebten bis zum zehnten Schuljahr wurden hingegen keine positiven Effekte gemessen. Je länger eine Familie schon der Experimentiergruppe angehörte, desto größer waren auch die zu erwartenden Fortschritte ihrer Kinder in der Schule. Bei Schülern aus den ärmsten teilnehmenden Familien (mit der größten Transfersumme) wurden die stärksten Verbesserungen registriert. Sie profitierten somit am meisten von der höheren Einkommensgarantie. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche aus armen Familien unter einem solchen Programm die obligatorische Schulpflicht (10 Jahre) erfüllen, ist um 20% – 90% größer als die Chance für ihre Altersgenossen aus der Kontrollgruppe.”

Der Vergleich aus Mehrausgaben, da ein minimaler Teil daraufhin seine Arbeitszeit verringerte, mit den Einsparungen, die aus geringerer Scheidungsrate und bessere Schulergebnisse der Kinder resultiert, unterblieb aus nachvollziehbaren Gründen. Es bestand die Gefahr, dass nachgewiesen worden wäre, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Allgemeinheit billiger kommen würde als die Fortsetzung der bisherigen Praxis. Sind doch bei genauer Analyse 32,3 % der Sozialhilfeempfänger Kinder unter 15 Jahre, 37 % Jugendliche unter 18 Jahre alt, 8,4 % Alleinerziehende, die auch beim Empfang von Sozialhilfe nicht arbeiten müssen, solange sie ein Kind unter drei Jahren oder zwei Kinder unter 7 Jahren betreuen, 9,7 % über 60 Jahre alt und 4,7 % wegen Krankheit, Behinderung und Arbeitsunfähigkeit Empfänger von Sozialhilfe. Das wären dann 92 %, die dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung stehen können, und zwar unabhängig davon, ob diese ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielten, oder nicht.

Nun wäre die Modernisierung des Menschseins, die ein Wanderprediger und ein Verbrecher mit dem Satz ermöglichten, dass der nicht essen solle der nicht arbeite, nur auf deren Anhänger beschränkt, hätte da vor 200 Jahren nicht auch noch einer, der sich selbst als Philosoph auffasste, sich lieber in diversen Pubs herumgetrieben und sich an seinem Pint festgehalten, statt die Vorlesungen zu besuchen. Was zu vermuten ist, angesichts des als “falsche Dichotomie” längst bekannten Fehlschlusses, den die Lenker der Nationen dann in Folge für ihre Zwecke für einen brauchbaren hielten: “Was ist bedeutsamer: das allgemeine, gesellschaftliche Glück oder das persönliche, individuelle Glück?”

Ein Satz ist dann par elegance, wenn ihm gelingt, erfolgreich ein Entweder-oder als die einzigen zwei möglichen Alternativen durchzusetzen, wo ein Entweder-oder gar nicht existiert, und dies keinem auffällt. Ist ein Bestandteil des Satzes dann auch noch das Ergebnis einer falschen Übersetzung, ohne dass dies einem auffällt, ist der Schwachsinn vorprogrammiert. Hätte der Philosoph ein wenig mehr seine Nase in die philosophischen Texte statt in das Bierglas gesteckt, hätte er entdeckt, dass die mit dem Wort Eudaimonia verbundene Vorstellung nichts mit der Vorstellung gemein hat, die mit dem Wort Glück assoziiert wird. So ist ihm auch noch dieser Satz entgangen:

Was aber die Eudaimonia sei, darüber streiten sie, und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen. Jene (die Leute) nämlich verstehen darunter etwas Sichtbares und Greifbares, wie Lust, Reichtum oder Ehre; und der eine dies, der andere jenes, oftmals auch ein und derselbe Verschiedenes: wenn er krank ist, so meint er die Gesundheit, wenn er arm ist, den Reichtum.”

Womit Adam Smith das Urteil über sich selbst sprach: Ich bin Leute. Und wurde der Initiator der Ideologien Kapitalismus und Kommunismus. Nun streiten sich die Gelehrten, ob Pest oder Cholera zum allgemeinen, gesellschaftlichen Glück und persönlichen, individuellen Glück führe.

Unter den Begriffen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung wird das Phänomen behandelt, dass diese nicht identisch sind, also wie einer sich selbst sieht, und wie andere diesen sehen. Die Psychologen beschäftigen sich aus der Perspektive der Fremdwahrnehmung daher mit der Illusion der Selbstwahrnehmung. Vielleicht wird eines Tages auch die Illusion der Fremdwahrnehmung Gegenstand einer Betrachtung, also wie einer in seiner Selbstwahrnehmung die anderen sieht, und was die Gründe dafür sind. Gut möglich, dass dabei entdeckt wird, dass der Argwohn, bei fehlendem Zwang würden sich andere in eine Hängematte legen, und dort faulenzend vom Geld des arbeitenden Volkes leben, daher rührt, dass der so Argwöhnende selbst es ist, der es tun würde, von sich selbst irrtümlich auf andere schließend.  Denn die Leute verstehen unter Glück etwas Sichtbares und Greifbares: sind sie krank, ist es die Gesundheit, sind sie arm , ist es der Reichtum, wenn sie arbeiten, ist es die Freizeit, sind sie arbeitslos, ist es die Arbeit.

So bleibt nur der Wunsch, dass all jene, die davon ausgehen, bei einem bedingungslosen Grundeinkommen legten sich die Leute in die Hängematte, was zu steigenden Kosten für die Allgemeinheit führt, da ein Ministrant, ein Einzelhandelskaufmann, ein Straftäter und ein Messdiener dies behaupteten, jener eindeutigen Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems übergeben werden, die immer dann hilft, wenn der Geist zu schwurbeln beginnt: Das Schmecken. Nur wer schmeckt kennt den Geschmack. Jenseits dessen ist nur Gefasel. Der einzige Schaden wäre, dass sich dann die Radfahrer ein anderes Opfer suchen werden.

Markleysa (Belanglosigkeit)

Das Icelandic Online Dictionary  der University of Wisconsin übersetzt das Nomen “mark-leys/a” ins Englische mit “nonsense”, demnach die Vorstellung von Unsinn, Blödsinn, Kokolores, Quatsch, Stuss, Flause, Widersinn, kurz: Belanglosigkeit.

Am 19. August berichtete der SPIEGEL: »’Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung ist immer noch geringer, wenn Sie zwei Dosen erhalten haben. Aber wenn Sie es tun, haben Sie eine ähnliche Viruskonzentration wie jemand, der überhaupt nicht geimpft wurde’, sagte Sarah Walker, Professorin für medizinische Statistik und Epidemiologie an der Universität Oxford, die die Studie leitete. Bei der Alpha-Variante sei die Viruslast bei Menschen, die sich trotz einer Impfung infizierten, noch deutlich niedriger gewesen. ‘Die Tatsache, dass wir eine höhere Viruslast sehen, deutet darauf hin, dass Herdenimmunität tatsächlich schwieriger werden könnte’, sagte der Wissenschaftler Koen Pouwels von der Universität. ‘Impfstoffe sind wahrscheinlich am besten geeignet, schwere Krankheiten zu vermeiden und etwas weniger, um die Übertragung zu verhindern.’«

Am 26. August berichtete der SPIEGEL: “Auch der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité sagte der dpa, dass eine gewisse Zahl an Impfdurchbrüchen zu erwarten gewesen sei – auch wegen der Art der Erkrankung, die Sars-CoV-2 verursacht: ‘Gerade bei einem respiratorischen Erreger, der die oberen Atemwege befällt, sich dort vermehrt und auch von dort weitergegeben wird, ist es schwierig, eine sterile Immunität herzustellen’, sagte Sander … Von einer sterilen Immunität spricht man, wenn sowohl die Ansteckung als auch die Weitergabe eines Erregers vollständig verhindert werden kann. Nicht gut erfasst werden können Infektionen von vollständig Geimpften, die ohne Symptome verlaufen: ‘Solche Infektionen würden sich nur per Zufall detektieren lassen, weil sich Geimpfte kaum testen lassen’, sagte Watzl, der auch Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ist. … Einen möglicherweise weniger guten Schutz bieten die Impfungen Menschen mit Vorerkrankungen. Das zeigt etwa eine Studie aus Israel: Von 152 Patienten, die trotz Impfung an Covid-19 erkrankten, waren nur sechs zuvor gesund. Die übrigen 146 Menschen hatten zum Teil schwere Vorerkrankungen, sie litten an Bluthochdruck, Diabetes, an chronischem Nierenversagen oder Krebs oder hatten ein Herz- oder Lungenleiden. Auch ein geschwächtes Immunsystem, zum Beispiel aufgrund einer Organtransplantation oder einer Chemotherapie, hatte Einfluss. … Denn die Pandemie ist noch nicht vorbei. Und Leif Erik Sander ist überzeugt: Bis zum Ende des kommenden Jahres werden alle mit dem Virus in Kontakt kommen, mit der Delta-Variante oder einer neuen Mutante.”

Am 28. August veröffentlichte ICELAND REVIEW  eine Aussage von Islands Chefepidemiologe Þórólfur Guðnason: “ ‘Die Erfahrung hat gezeigt, dass 20 Prozent aller Ansteckungen in der vierten Welle bei Geimpften in Quarantäne aufkamen.’ erklärt Þórólfur. … Besonders wichtig sei es, die geimpften Touristen im Land zu überwachen. Es sei offensichtlich, dass Geimpfte sich anstecken und andere anstecken können. ‘In den vergangenen Tagen haben wir 40 Ansteckungen an der Grenze gefunden, und bei 30 von ihnen handelte es sich um geimpfte Personen.’ ”

Vermutlich läuft eine Person bei dieser Zusammenstellung von Zitaten Gefahr, umgehend zu jenen Gehirnamputierten gezählt zu werden, welche fälschlicherweise von sich allen Ernstes behaupten, “Querdenker” zu sein.

Es ist auch gut möglich, dass der hier Schreibende damals im Fach Biologie beim Thema “äußere Atmung” mal wieder lieber unter der Schulbank heimlich in einem interessanten Buch schmökerte und nicht aufgepasst hatte, durch diese Unaufmerksamkeit im Schulunterricht bedauerlicherweise bei ihm nur hängen blieb, dass es sich bei der äußeren Atmung um passive und aktive Vorgänge des Austausches von Sauerstoff und Kohlendioxid handle.

Auf Wikipedia ist zu lesen: “Beim Atmen strömt die Luft durch den Mund oder durch die Nase in den Körper. Wird durch die Nase eingeatmet, wird die Luft zunächst durch Härchen der Nase und durch Schleimhäute gereinigt, angefeuchtet und angewärmt. Anschließend gelangt die Atemluft über den Rachenraum vorbei an Kehlkopf und Stimmlippen in die Luftröhre … Am Ende befinden sich die Lungenbläschen in der Lunge, durch deren dünne Membran Sauerstoff in die Blutgefäße übertritt und auf umgekehrtem Weg Kohlenstoffdioxid aus dem Blut über die Alveolarluft in die Luft abgegeben wird.” 

Da auch kein Virologe, geht er vermutlich auch noch davon aus, dass nach einer Impfung  eingeatmete Viren erst   im Körper bekämpft werden, beim Ausatmen daher er weiterhin die empfangenen Viren mitsamt jener, welche sich noch in der Nase tummeln, lustigerweise durch die Gegend pustet.

Eine Freiheit, welche sich mancher Zeitgenosse bzw. manche Zeitgenossin offensichtlich nicht nehmen lassen möchte, schrieb doch  unter der Überschrift “Peitsche statt Zuckerbrot” Frau Susanne Knaul am 03. September in der taz: “Ich möchte wissen, wer von meinen KollegInnen noch nicht vollständig geimpft ist, um dann entsprechend auf Abstand zu gehen oder meine FFP2-Maske hervorzukramen. Zu viel verlangt? Viel zu wenig! Die Ungeimpften sollten ins Homeoffice verwiesen werden oder auf eigene Kosten so lange beurlaubt, bis sie infiziert, erkrankt und wieder genesen sind. … In den USA erhöht eine Krankenversicherung die Beiträge für Ungeimpfte, StudentInnen müssen Testgebühren selbst tragen, Krankenhäuser wollen bei Bettenknappheit zuerst geimpfte Intensivpatienten unterbringen. Wenn es mit Zuckerbrot nicht geht, muss die Peitsche ran.”

Ein Schelm wer dabei denkt, es werde hier Eigenschutz als Fremdschutz ausgegeben. Jedoch: Verhält es sich nicht so, dass Fremdschutz erst dann sichergestellt werde, sobald eine Virenlast vor dem Einatmen zerstört werde und beim Ausatmen nicht munter wieder unters Volk gestreut werde?

Falls zutreffend, wäre der im April 2020 bei dem Pharmaunternehmen Kerecis in Ísafjörður verfolgte Ansatz nachvollziehbar: Die Entwicklung eines Nasensprays, welches die Mambrane der  Viren, also die Virenlast, in der Nase zerstört.

Am 14. Oktober 2020 meldete RÚV, der staatliche Rundfunk Islands: „Die Firma Kerecis hat ein Nasen- und Mundspray gegen COVID-19 entwickelt. Es sollte als Teil der persönlichen Infektionskontrolle verwendet werden, Untersuchungen zeigen, dass es 99,97 Prozent des Virus abtötet … ‚Die Idee ist, wenn Sie zusätzlichen Schutz wünschen, wenn Sie essen gehen, in einem Bus oder Flugzeug. Dann können Sie dies in Nase oder Mund sprühen und einen zusätzlichen Schutz bilden‘, sagt Guðmundur Fertram Sigurjónsson, CEO von Kerecis. Das Mund-Nasen-Spray wird hierzulande mittlerweile auch in Apotheken verkauft. Der internationale Markt wird in den kommenden Monaten anvisiert. Das Spray sollte als vorbeugender Schutz gegen COVID-19 verwendet werden. Die Verwendung bedeutet nicht, dass auf andere persönliche Schutzausrüstungen wie Händewaschen, Händedesinfektionsmittel und Masken verzichtet werden kann. Kerecis weist darauf hin, dass begutachtete wissenschaftliche Artikel gezeigt haben, dass Menschen hauptsächlich über die Nasenhöhle mit dem Virus infiziert werden. Es setzt sich in der Schleimhaut der Nasenhöhle ab und kann sich dort vermehren und ausbreiten. Bevor es dies tut, sollte das Spray das Virus nicht verzerren und zerstören. ‚Das sind Fettsäuren, die das Virus oder die Fettschicht des Virus auflösen. Genau wie die Handseife an unseren Händen bildet diese in unseren Nasen eine Schutzschicht, die das Virus beim Einatmen auflöst.’ Die  Untersuchung der Utah State University hat sich als vielversprechend erwiesen. 99,97 Prozent des Virus wurden zerstört, wenn es mit dem Spray in Reagenzgläsern gemischt wurde. Derzeit wird am Menschen geforscht, zum Beispiel bei Landspítali unter der Leitung der COVID-Ambulanz.“

Eine Nachricht, welche vielleicht eine kleine Recherche gerechtfertigt hätte? Durch jene, welche derart eloquent behaupten, sie legten größten Wert auf Fremdschutz, aus diesem Grund – da ja geimpft –  die FFP2-Maske gegenüber Geimpften ablegen und allen anderen die Peitsche androhen?

Keineswegs, wer gibt sich schon gerne mit Belanglosigkeiten ab. Na, dann: Her mit dem Nasenspray für geimpfte und ungeimpfte Freunde. Áfram!

„Fehlen dir die Füße zum Reisen, so reise nach Innen“

Ist „lesen“ etwas anderes als eine Reise nach Innen? Vorneweg, eine Auseinandersetzung mit einem Text ist die eine Sache, darüber zu schwadronieren eine andere, zumal  ein solcher Erguss hier nicht von einem Literaturkritiker abgefasst, sondern nur von einem simplen Leser.

Es mag sein, dass die Lektüre eines Textes, aus welchem Grund auch immer von einem Interesse ausgehend und angetrieben, im günstigsten Fall  entweder zu eigenen Antworten oder eigenen Fragen führt. So geschehen bei der Lektüre des Romans von Wolfgang Schiffer, Titel “Die Befragung des Otto B.”, Claassen-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-546-47965-3.

Stellte sich doch bereits zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Text die Frage, worin denn Sinn aufzufinden wäre, die darin beschriebenen Handlungen dem Netzwerk eigener Kategorien unterzuordnen. Zu dem Zwecke, die darin aufgezeigten Beweggründe den Schlachtungen der Inquisitoren auszuliefern?

Verhält es sich nicht so, dass sowohl bei der Auswahl einer Lektüre bereits eine eigene persönliche Entscheidung hinsichtlich „interessiert“ oder „unwichtig“ getroffen, als auch im Falle der Entscheidung  „interessiert“ dann bei genauer Beobachtung stets nur jenes den Lesefluss stocken ließe, was im Widerspruch oder Einklang zu jenem stehe, welches einer zwar verzweifelt und vergeblich gesucht, allerdings ohne auch nur die geringste Ahnung hierüber zu haben, dass er eben diese Aussage der Textstelle verzweifelt und unwissentlich seit Langem gesucht habe, bis zu jenem Augenblick?

Wie anders wäre sonst das Phänomen erklärbar, dass zwei Leser dasselbe Buch mit großem Interesse lesen, anschließend über dessen Inhalte sich austauschen, mit dem Ergebnis, dass der eine Leser eine bestimmte Textpassage ausführlich zitiere, der andere Leser jedoch vehement bestreite, dass diese Textpassage im Buch auch nur ansatzweise vorkomme, denn auch er habe das Buch sehr aufmerksam gelesen und diese Textpassage keineswegs vorgefunden. Im Anschluss daran berichtet der andere Leser über eine andere Textpassage, zu welcher jedoch das Gegenüber vehement bestreitet …

Nun, eine Antwort wäre zum Beispiel dahingehend, dass sich einer die darin vorgefundenen Schöpfungen zu seiner eigenen Verblüffung während des Lesens zueigen machte bzw. vielleicht bereits vorher zueigen gemacht hatte, ohne hiervon auch nur die geringste Kenntnis zu haben, möglicherweise aus dem Grund heraus, da er selbst nicht die hierfür notwendigen und geeigneten Begriffe fand, um jenes zu fassen, was ihm wirklich erschien. Mit Schöpfungen sei hier daher nicht nur die erzählte Geschichte selbst gemeint, sondern auch die Schöpfungen an Begriffen und bislang einem selbst unbekannt gebliebener Zusammenhänge, welche Nachhall hinterließen.

Es ist in einem wissenschaftlichen Artikel davon zu lesen, dass ein Begriff wesentliche Merkmale von Dingen beinhalte, es würden Dinge mit gemeinsamen Eigenschaften (Merkmalen) in Kategorien zusammengefasst, Begriffe geschaffen und mit Namen bezeichnet, dabei sei der Begriff nicht der Name des Erfassten, aber man brauche diesen Namen, um Gedanken mitteilen zu können. Jenes, was einer aus dem Inhalt eines Wortes auffassen, kapieren (lat. capere = fangen, fassen, erfassen), begreifen könne, sei der Begriff. (Ital. capire!). Erste Orientierungspunkte bieten die im Text gewählten Benennungen (íðorð) und deren Beziehung zu Bezugsobjekt ( vísimið) und Begriff (hugtak).

Bereits die in der Erzählung aufgefundenen Begriffe zergehen einem auf der Zunge wie Sahnebonbons: „Geburtsdatenwiederholungen“, „Fehlvorstellung“, „eigennützige Anleitung“, „planlos gezeugt worden“, „patriarchalischer Größenwahn“, „unzumutbare Anmaßung“, „Religionsverkettungen“, „Glaube an die eigene Unfertigkeit“, „depressiver Träumer“, „produktiver Denker“, „eindrucksverweigernde Zimmerdecke“, „widerwillige Auferstehung“, etc.

Ferner – so ist im Kapitel 3 „Das Verhältnis von Begriff, Wort und Sprache“ von Dietrich Busse über „Wörter“ zu lesen – sei der Name, folglich das Wort (gr. logos, lat. verbum), also jede Vokabel nichts anderes als “die kleinste als selbständige Äußerung vorkommende Einheit der Sprache“. Indem einer spreche, nehme er auf Wirklichkeit immer schon Bezug, wenngleich sie in seinem Reden eigentlich erst entstünde. Jede Abbildtheorie der Sprache lebe von der Vorstellung, dass es jenseits menschlicher Wahrnehmungstätigkeit eine (vorsprachliche) Wirklichkeit gebe, die Bezugspunkt und Grundlage des Erkennens sei. Diese Vorstellung sei trivial, solange nicht übersehen werde, dass diese Wirklichkeit als angeeignetes, für uns bedeutungsvolles Resultat unserer Tätigkeit (sowohl sprachlicher, als auch außersprachlicher) ist. Die Gegenstände bedeuteten nicht an sich, sondern erst, indem mit ihnen umgegangen, praktisch wie sprachlich, und so einen Bezug zu ihnen entwickelt würde.

Weiterhin führt Dietrich Busse aus: „Ein Fokus auf das Einzelwort ist deshalb zu eng, da er dazu verführt, diese Zusammenhänge auszublenden. Das als Eines vorgestellte, der Gegenstand als das aufgrund einer  nominalisierenden Sprachstruktur als einheitlich Missverstandene, zerfällt unter der Betrachtung der Rede in eine Vielzahl von Einzelheiten und Merkmalen, auf die in ihrer Gesamtheit kein Bezug genommen werden kann.

Die Rede als der Entstehungsort dieser dissoziativen Mannigfaltigkeit ist auch der Ort der Aufdeckung des reifizierenden  [verdinglichend] Missverständnisses. Indem wir den Gegenstand zu beschreiben suchen (und das kann nach Wittgenstein nichts anderes sein, als die Wortverwendungen zu untersuchen) wird uns seine Mannigfaltigkeit, die tatsächlich eine Mannigfaltigkeit der sprachlich vermittelten Bezugsweisen ist, bewusst. Einheit des Gegenstandes ist so immer ein gewollter Akt der Definition des Gegenstandes für uns, und somit (als Akt der Ein- und Ausgrenzung) immer geleitet von allgemeineren (gegenstandsübergreifenden) Vorstellungen und Interessen.

Wie auch immer, Otto B. lässt wie der Stagirit nur jene Begriffe als wissenschaftlich zu, welche durch Definition bestimmbar sind. Was zu einem beachtlichen Erfolg führt, wie die Definitionen des Otto B. zu den Wörtern “Arbeit”, “gewaltsame politische Veränderung” und “Sinnlosigkeit” eindrucksvoll belegen:

Er stütze sich bei der Nennung des Begriffs Arbeit auf dessen volkstümlichen Gebrauch, der besage, nur das als Arbeit anzusehen, was jemand im Auftrag einer wie auch immer beschaffenen, übergeordneten Einflussnahme als einzelner  und widerwillig in geregelten Zeitverhältnissen zur Erreichung eines festgesetzten Ziels vollbringe.“

Er sehe dennoch eine gewisse Berechtigung in seinem Tun, gerade aufgrund der Sinnlosigkeit, die das Recht habe, sich gegen alle Sprüche, Mahnungen und Warnungen, Verbote und Verfolgungen dennoch zu praktizieren.”

Dass eine gewaltsame ökonomische und politische Veränderung nichts anderes bewirken werde, als der Gewalt und Ausbeutung eine neue Form zu geben, solange sie von Menschen ausgefüllt und genutzt werde, deren Triebe und Bedürfnisse selbst durch die grundlegenden Ursachen für die Knechtschaft ihre Formung erfahren hätten.“

Zur Erzählung selbst wäre abschließend anzumerken, dass eine  Erörterung von Literatur so genannten Literaturkritikern vorbehalten sei. Da weder Literaturkritiker, noch Leser von Literaturkritiken – um es mit den Worten von Otto B: auszudrücken: „Wer höre, gehört auch …“ -, wäre nur abschließend anzumerken, dass der Anlass und das Ergebnis der Befragung des Otto B. bis zur letzten Seite unbekannt bleibt. Wohl dem, der angesichts dessen die Kontrolle über sich behält und standhaft der Versuchung widersteht, zu Beginn am Ende des Buches  erstmal nachzusehen, wie die Geschichte denn ausgehe. Wird solch Standhaftigkeit  doch damit belohnt, dass zu dem Lesegenuss auch noch die stetig ansteigende Spannung hinzukomme.

Bliebe nur noch, Otto B. hinterher zu rufen,  dass es sehr bedauerlich ist, dass er seiner Absicht gefolgt ist, sich bewusst dem Irrsinn des Schweigens verfallen zu lassen, damit er ihm vergessen helfe, um der Zukunft frei begegnen zu können. Denn, um es mit den Worten von Ludwig Hohl auszudrücken: “Die Menge denkt wenig. Drum eben sollten die Denkenden sie führen, nicht die Ausnützenden.” Allerdings schrieb Ludwig Hohl auch diesen Satz: “Es gibt nur ein Unglück: dass einer nichts zu tun hat oder gezwungen wird, etwas Falsches zu tun.”

eBook

Für Haptiker:

“Die Befragung des Otto B.”, Roman, Claassen-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-546-47965-3

Covid, Quarantäne, Krater

Wie fast alle, die in Keflavík ankommen, war auch ich immer bestrebt, den Flughafen so schnell wie möglich zu verlassen und den Ort links liegen zu lassen. Vor rund zehn Jahren habe ich vor Rückflügen nach Deutschland in Keflavík übernachtet, einmal in einem winzig kleinen Holzhäuschen, das zweite Mal in einem heruntergekommenen Hostel. Lag das noch in Keflavík oder schon in Njarðvík? Die Orte gehen ineinander über und offiziell gibt es Keflavík gar nicht mehr. Alle Ansiedlungen rundum heißen nun Reykjanesbær (Rauchhalbinselstadt).

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Keflavík gibt es nicht – so lautet auch eine Überschrift in Fische haben keine Beine, dem ersten Keflavík-Roman von Jón Kalman Stefánsson, den ich nun zum zweiten Mal lese.

Die Maschine landet, ich klappe das Buch zu. Neben mir ein geimpftes Pärchen, das sich erstmals einen Islandaufenthalt gönnt. Mir fehlt der bei Icelandair übliche Empfangsgruß Velkomin heim, denn diesmal fliege ich mit Lufthansa. Wir müssen sitzenbleiben, bis unsere Reihen aufgerufen werden, das übliche Aussteigechaos entfällt. Auf den ansonsten menschenleeren Gängen im Flughafen Keflavík erreiche ich das Ende der Warteschlange für den Covid-Test. Da entdecke ich sie wieder, die “Astronauten” (wollen sie auf der Halbinsel Reykjanes etwa eine Mondlandung simulieren?). Nein, es sind nur zwei in weiße Reinraumanzüge inklusive Schutzbrillen, Schuhüberzüge und Plastikhandschuhe gehüllte Covid-Phobiker, die schon am Frankfurter Flughafen für Erheiterung und Stirnrunzeln gesorgt haben.

Es ist der zweite Test innerhalb von zwei Tagen, zu dem ich nun antrete. Für den zu Einreise nötigen PCR-Test musste ich tags zuvor schon zum Frankfurter Flughafen. Es ging alles schnell, aber ich musste fast hundert Euro hinblättern, damit ich innerhalb von 12 Stunden das Ergebnis bekam.

Auf covid.is bin ich mit meiner Quarantäneadresse  registriert, habe einen Barcode erhalten, der jetzt eingelesen wird. Auch die Papiere des Frankfurter Vortests, die man in Englisch vorlegen muss, werden geprüft. In Frankfurt wurden nur zwei tiefe Rachenabstriche gemacht, in Keflavík kommt jetzt eine Entnahme aus der Nase hinzu. Und das alles ganz kostenlos.

Es sind etwa vier Kilometer bis zu meiner privaten Quarantäneunterkunft in Keflavík. Ich dürfte ein Taxi nehmen, nicht aber den öffentlichen Bus. Ich ziehe den Fußweg entlang des Flughafenzauns vor, der abseits der Autostraße zum Stadtrand führt. Er ist allerdings durch einen Bagger versperrt, so dass ich den Koffer über holprige Umwege zerren muss.

Ich habe mich gut auf die fünf Quarantänetage vorbereitet, Desinfektionszeug, Wasserkocher, Müsli, Kartoffelbrei und andere Trockennahrung eingepackt, denn ich darf nicht in die Küche. Eine nicht separate Toilette zu benutzen, ist unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln erlaubt. Und was für mich das Wichtigste ist: Ich darf ¬  unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes – spazieren gehen.

Mein Quarantänezimmer verfügt über ein geräumiges Bett, einen Stuhl und eine nicht angeschlossene Tiefkühltruhe, die ich als Schreibtisch nutze. Das große Fenster bietet Ausblick auf die Straße und das Nachbarhaus.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Mein erster Ausflug führt mich zum nördlichen Hafenabschnitt, in dem kleinere Boote liegen. Dahinter erhebt sich eine Klippe, auf der ich einem Pfad entlang der Steilküste folge, bis hin zur nächsten Bucht, die den Ausblick auf die Müllverbrennungsanlage, eine Siliciumfabrik und die Zementtürme von Aalborg Portland eröffnet. Das motiviert nicht gerade zum Weiterwandern.

Der Wind pfeift mir heftig um die Ohren und lässt mich gelegentlich auch schwanken, so dass ich denke: Wenn jetzt die Erde bebt, was sie in den vergangenen Wochen hier ja oft genug getan hat, dann merke ich das gar nicht! Was ich nicht weiß, ist, dass die Bebentätigkeit bereits abnimmt, da am nächsten Abend die Erde im abgelegenen Geldingadalir aufreißen und Feuer spucken wird.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Vor Jahren habe ich auf der Halbinsel die brodelnden Schlammtöpfe bewundert, die den bekannteren Geothermalfeldern in der Mývatn-Region kaum nachstehen. Doch jetzt tritt über 1200°C heiße Magma aus Tiefen unterhalb der Erdkruste ans Tageslicht und formt ein ganzes Tal innerhalb von wenigen Tagen um. Seltsam, ich bin “vor Ort” (Luftlinie 20 km) und doch weit entfernt vom Geschehen. Auch ich muss in die Webcam glotzen, die Berichte lesen und kann nicht einfach mal hinwandern. Dabei wollen ihn alle sehen, den entstehenden neuen Vulkan. Denn fertig ist er erst, wenn er zu speien aufhört. Vorher erschafft er sich ständig neu. Reißt seine selbst aufgetürmten Kamine ein, bessert sie wieder mit erstarrender Lava aus und vereinigt sie vielleicht zu einem einzigen Schlot. Die Wissenschaftler vermuten, er will ein Schildvulkan werden, nicht so ein hoher und pyramidenförmiger, sondern ein breiter, behäbiger. Es kann lange dauern, bis seine Schöpfung vollendet ist.

Da anfangs niemand so recht weiß, wie man ins Geldingadalir, das Tal der Wallache kommt, herrscht in den ersten Tagen Orientierungslosigkeit und Tränen fließen. Wären die freiwilligen Helfer der Björgunarsveit nicht, die spezialisiert sind, aus Bergen, Seenot, Lawinen, Schneewehen, Lavafeldern etc. zu retten, würde das Chaos unaufhaltsam wachsen. Aber sie beginnen einen Wanderweg abzustecken, um die Massen, deren parkende Autos nun die ganze südliche Straße der Halbinsel blockieren, sicherer ins Geldingadalir zu geleiten.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Ja, ein bisschen neidisch bin ich auf die Eruptionsgucker, das muss ich zugeben. Ich erkunde inzwischen die Randbereiche und die nähere Umgebung von Keflavík. Ich muss nur manchmal Hundehaltern ausweichen oder ein paar Kindern, der Rest der Bewohner hält sich mehr ans Auto. Verständlicherweise, denn was Keflavík am meisten auszeichnet, ist der beständige starke Wind. Keflavík hat drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit, schreibt Jón Kalman Stefánsson.

Der Wind fegt die Wolken weg, die Sonne strahlt und wärmt für ein paar Minuten, dann serviert der Wind (ein hurtiger Kellner) einen Hagelschauer. Ich stelle mich wie ein geduldiges Islandpferd mit dem Hintern gegen den Wind, damit mir die Hagelkörner nicht das Gesicht zerkratzen, und warte auf den nächsten Sonnenstrahl. Ich stehe mitten auf einem uralten Lavafeld, gut bewachsen mit Heidekraut, Flechten, Moosen und Grashöckern, noch bucklig, aber nicht mehr scharfkantig und voll tückischer Spalten.

Am dritten Tag nach dem Ausbruch ist es dann soweit: Die Sicht ist klar und ich mache mich in der Dämmerung auf, wenigstens den Widerschein der Eruption am Horizont zu bestaunen. Die beiden Trolle Steinn og Sleggja (Stein und Hammer) haben ihn nicht gesehen und Sleggja blickt nur mondsüchtig übers Meer. Ich erklimme die Klippe über ihrer Höhle, die noch wegen Erdbebengefahr gesperrt wurde, und nun sehe ich den roten Schein, der sogar ein paar Wölkchen färbt. Ich habe nicht die Ausrüstung, ihn zu fotografieren, aber bei Best of Iceland kann man ihn aus dieser Perspektive bewundern.

Der Tag des abschließenden Covid-Testes bricht an, ein klarer, kalter Morgen, weiß überzuckert. Am zweiten Quarantänetag hatte mich eine Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörden angerufen und auf die verschiedenen Möglichkeiten, wo ich den Test absolvieren könne, hingewiesen. Ich wählte das nächstgelegene Testzentrum in Njardvík. Der Weg führt mich am Meer entlang. Der Fischereihafen ist verödet, Spekulanten haben die Fangquoten verscheuert und die Trawlerflotte verrottet hinter dem Werftgelände. Auf einem Recyclinghof betrete ich eine zum Covid-Test-Zentrum umfunktionierte Halle. Obwohl ich nur fünf Minuten nach Öffnung eintreffe, bin ich die letzte in der Schlange, die von einer Gruppe junger Männern angeführt wird. Sie albern mit heruntergezogenen Masken herum, aber ich kann nicht hören, in welcher Sprache, und rätsele, ob es Touristen oder ausländische Arbeiter sind. Die Teststäbchen werden nicht so unangenehm weit eingeführt wie am Flughafen – offensichtlich gibt es da keine Norm.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Als ich zurückkomme, bricht mein Gastgeber auf, um die Eruption zu besichtigen. Ich kann leider nicht mitkommen, zumal dies kein Spaziergang ist, sondern eine Massenwanderung, auf der Abstandhalten nicht möglich ist.

Gegen vier Uhr nachmittags kommt die Nachricht auf der Nachverfolgungs-App Rakning C-19, dass mein Testergebnis negativ ist. Die Quarantänezeit ist damit offiziell beendet. Nun kann ich das Stadtzentrum und andere belebtere Plätze von Keflavík erkunden.

Am nächsten Tag, es ist Mittwoch, der 24. März, gibt es ernüchternde Meldungen: Da es in den letzten Tagen in Island, das seit Jahresbeginn nahezu covidfrei war, wieder zu gehäuften Fällen gekommen ist, darunter an einer Schule und unter Eruptionsbesuchern, treten ab dem folgenden Tag  verschärfte Bestimmungen in Kraft. Für drei Wochen werden Schulen, Kindergärten, Sportstätten und Schwimmbäder (ich hatte mich schon so aufs Schwimmen und den Hotpot gefreut!) geschlossen. Eine schnelle konsequente Maßnahme, die mit Hilfe der in Island sehr effektiven Nachverfolgung hoffentlich bald zur Eindämmung des Virus führt.

Informationen für Reisende nach Ísland:

DE: Reisen nach und in Island

DE: Die Tracing-App Rakning C-19

FR: Voyager en Islande

FR: Appli de traçage Rakning C-19

EN: Travel to and within Iceland    

EN:  Violations of COVID-19 Quarantine

EN: Pre-registration for visiting Iceland

EN: App Rakning C-19

EN: Iceland´s response

EN: Statistic

Enn einn dagurinn

Ég vakna eftir stórkostlega drauma, stíg fram úr rúminu og fæturnir lenda beint ofan í hreina sokka og pússaða skó og fötin, nýpressuð af ástsjúkri vinkonu bíða mín undir nærbuxunum hennar og þau skríða silkimjúk á útlimina og blettast ekki af heitu brasilísku lúxuskaffi sem aðdáandi minn úr næsta húsi kom með í morgun eins og venjulega með beinu flugi frá Brasilíu og svo kveiki ég á útvarpinu þar sem uppáhaldslagið mitt rennur sitt skeið á undan fréttum sem eru mér allar að skapi og svo geng ég út og anda að mér einstaklega súrefnisríkum loftsveip sem fyrir tilstilli hentugrar vindáttar og þverbrotinna náttúrulögmála fylgir mér að bílnum sem aldrei bilar og svo set ég í gang og tek eftir að bensíntankurinn er fullur og vélin er hljóðlát og stillt á lágmarkseyðslu eftir yfirferð bifvélavirkjans sem kom í gær til þjónustu reiðubúinn á vegum félags sem ég vissi ekki að ég væri í og ég renn úr hlaði og kveiki aftur á útvarpinu og heyri að í gærkvöldi voru lottótölurnar mínar enn dregnar út eftir beinu útsendinguna frá spurningakeppninni sem ég vissi öll svörin í og næst flytur skýrmæltasta fréttaþulan fréttir frá Alþingi þar sem óþverrafrumvarpi var hent út með öllum atkvæðum gegn engu og ég keyri af stað og sé blaðastand þar sem stendur á forsíðum allra dagblaða að blóðið sem ég gaf í Blóðbankanum í gær hafi leitt til lækningar á krabbameini og ég brosi og á næstu umferðarljósum blístra ég lag sem tónlistarmaður í næsta bíl fær á heilann og gerir heimsfrægt á komandi mánuðum og á grænu ljósi keyri ég í veg fyrir bíl bankaræningjaflokks og hann veltur án þess að nokkur meiðist og þeir gefast upp baráttulaust því þeir festu fingurna í öskubökkunum og ég fæ fálkaorðu og mikil verðlaun og er boðið að vera gestur í vinsælasta sjónvarpsþætti landsins og ég er kosinn maður ársins af stjórnanda þáttarins sem heitir Jóna Sólný en upp úr því sef ég hjá henni og barna eins og allar konur sem ég snerti og börnin mín eru öll hraust og hamingjusöm og vegnar vel í lífinu og þegar ég hef lagt í gjaldfrítt stæði á besta stað í miðbænum hitti ég óvænt á röltinu leiðtoga heimsins gráa fyrir járnum á barmi styrjaldar og spyr Bandaríkjaforseta á Eyjafjallaensku hvað klukkan sé en með þessum hreim þýðir spurningin eitthvað stórmerkilegt á kínversku og leiðtogi þeirrar þjóðar grípur orðin á lofti og allir sættast og leysa upp úr því helstu vandamál heimsins og í þakkarskyni gefur frönsk sendinefnd mér verðlaunabúðing með ananasbragði þegar ég geng á braut og klukkan er bara tíu og sólin skín á mig gegnum einu skýjaglufuna á himninum og yfir hafið fjúka peningar ofan í vasa mína þar sem leið mín liggur framhjá besta bíóinu í bænum þar sem uppáhalds myndin mín er í sýningu og ég fer inn og þar er troðfullt út úr dyrum nema besta sætið er eftir fyrir mig og þetta er power sýning í þrívíddarvíðómi og við fagnaðarlæti horfi ég á bestu mynd allra tíma

Fünfmal wird der Mensch geboren

Die erste Geburt
: am Beginn der Schöpfung –
denn nichts ward
je hinzugefügt.

Die zweite Geburt
: Zugang zu Vollkommenheit –
denn ohne ihn
bleibt materielle Welt verschlossen.

Die dritte Geburt
: Tor zum Labyrinth dualistischer Welt –
denn nur durch Kenntnis der Teile
erschließt sich ein Ganzes.

Die vierte Geburt
: Vervollständigung unseres Selbst –
denn erst das Gemeinsame
erklärt die Teile.

Die fünfte Geburt
: öffnet den Raum aus dem wir kamen –
denn nichts kann ihm
je entnommen werden.

Schlaflos

Lljósmynd:  © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Schlaflos

Nachts & das Hirn
voll Ungeduld auf
IRGENDWAS
den aufgedunsenen Mond
durch leere Altstadtgassen
kicken – nur das Herz
klopft Beifall / losgelöst
vom Rhythmus schriller
Tagesängste.

Die aufgeschlagenen Wunden
mit lästerlichen Phantasien kühlen
& in der Glut im Kopf nach
rohen Diamanten wühlen –

wie mit wachen Kindersinnen:
aus jedem Schatten
einen Traum gewinnen …

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

Seit ich meine Hände zählte

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Seit ich meine Hände zählte,

die Beine, die Ohren, die Augen,
den Mund, und einsehen musste,
es werden nicht mehr,
lerne ich Sätze auswendig,
Gedichte, Romane,
denn dem Feuer, das
uns vertreiben wird, wenn
über unseren Köpfen
das Dach einstürzt,
widersteht nur das Paradies
in unseren Köpfen.

(Wolfgang Schiffer)

Síðan ég taldi á mér hendurnar

fæturna, eyrun, augun,
muninn, og skildist að
þeim fjölgar ekki lenur
læri ég setningar utanað
kvæði sögur
því gegn eldinum
sem hrekur okkur burt
þegar þakið brotnar
yfir höfði okkar
stendur aðeins aldingarðurinn
í höfði okkar.

Übersetzung:  Franz Gíslason (1935 – 2006)