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Abseits virtueller Schwatzbuden

Das oft vorgetragene Argument, dass der Erfolg des isländischen Managements bei der Bekämpfung der Pandemie  darauf zurückzuführen sei, dass Ísland nur 368.720 Einwohner zähle, Deutschland hingegen 83.166.711 Staatsbürger aufweise, erweist sich bei genauer Analyse als fadenscheinig (= „wenig belastbar“), da die isländische Gesundheitsbehörde für mehr Einwohner zuständig war als jedes der 376 deutschen Gesundheitsämter (siehe Vergleichsdaten).

Um weiterer wohlfeiler Ausreden begegnen zu können, wäre eine näher liegende Conclusio vorzuschlagen, dergestalt, dass die zuständigen Entscheidungsträger Íslands wohl sehr professionell die Pandemie bekämpften, indem sie im Gegensatz zu anderen Nationen sehr schnell geeignete und wirksame Gegenmaßnahmen entwickelten.

Dieser Erfolg bei der Bekämpfung der Pandemie ist umso bemerkenswerter, wenn berücksichtigt wird, das Isländer der exakte Gegensatz zu jener entarteten Spezies der gens humana sind, welche mit dem Begriff „Radfahrerprinzip“ (Nach unten treten, nach oben buckeln) beschrieben wird.

Der Wunsch, dass die zuständigen Entscheidungsträger anderer Nationen die isländische  Gesundheitsbehörde darum bitten werden, in Nachhilfekursen die geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung zukünftiger Pandemien erwerben zu können, wird wohl vergeblich sein. Bleibt nur zu hoffen, dass die Wissenschaft sich dieses aufgetretenen Phänomens annimmt und eine vergleichende Studie erstellt.  

„Fehlen dir die Füße zum Reisen, so reise nach Innen“

Ist „lesen“ etwas anderes als eine Reise nach Innen? Vorneweg, eine Auseinandersetzung mit einem Text ist die eine Sache, darüber zu schwadronieren eine andere, zumal  ein solcher Erguss hier nicht von einem Literaturkritiker abgefasst, sondern nur von einem simplen Leser.

Es mag sein, dass die Lektüre eines Textes, aus welchem Grund auch immer von einem Interesse ausgehend und angetrieben, im günstigsten Fall  entweder zu eigenen Antworten oder eigenen Fragen führt. So geschehen bei der Lektüre des Romans von Wolfgang Schiffer, Titel “Die Befragung des Otto B.”, Claassen-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-546-47965-3.

Stellte sich doch bereits zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Text die Frage, worin denn Sinn aufzufinden wäre, die darin beschriebenen Handlungen dem Netzwerk eigener Kategorien unterzuordnen. Zu dem Zwecke, die darin aufgezeigten Beweggründe den Schlachtungen der Inquisitoren auszuliefern?

Verhält es sich nicht so, dass sowohl bei der Auswahl einer Lektüre bereits eine eigene persönliche Entscheidung hinsichtlich „interessiert“ oder „unwichtig“ getroffen, als auch im Falle der Entscheidung  „interessiert“ dann bei genauer Beobachtung stets nur jenes den Lesefluss stocken ließe, was im Widerspruch oder Einklang zu jenem stehe, welches einer zwar verzweifelt und vergeblich gesucht, allerdings ohne auch nur die geringste Ahnung hierüber zu haben, dass er eben diese Aussage der Textstelle verzweifelt und unwissentlich seit Langem gesucht habe, bis zu jenem Augenblick?

Wie anders wäre sonst das Phänomen erklärbar, dass zwei Leser dasselbe Buch mit großem Interesse lesen, anschließend über dessen Inhalte sich austauschen, mit dem Ergebnis, dass der eine Leser eine bestimmte Textpassage ausführlich zitiere, der andere Leser jedoch vehement bestreite, dass diese Textpassage im Buch auch nur ansatzweise vorkomme, denn auch er habe das Buch sehr aufmerksam gelesen und diese Textpassage keineswegs vorgefunden. Im Anschluss daran berichtet der andere Leser über eine andere Textpassage, zu welcher jedoch das Gegenüber vehement bestreitet …

Nun, eine Antwort wäre zum Beispiel dahingehend, dass sich einer die darin vorgefundenen Schöpfungen zu seiner eigenen Verblüffung während des Lesens zueigen machte bzw. vielleicht bereits vorher zueigen gemacht hatte, ohne hiervon auch nur die geringste Kenntnis zu haben, möglicherweise aus dem Grund heraus, da er selbst nicht die hierfür notwendigen und geeigneten Begriffe fand, um jenes zu fassen, was ihm wirklich erschien. Mit Schöpfungen sei hier daher nicht nur die erzählte Geschichte selbst gemeint, sondern auch die Schöpfungen an Begriffen und bislang einem selbst unbekannt gebliebener Zusammenhänge, welche Nachhall hinterließen.

Es ist in einem wissenschaftlichen Artikel davon zu lesen, dass ein Begriff wesentliche Merkmale von Dingen beinhalte, es würden Dinge mit gemeinsamen Eigenschaften (Merkmalen) in Kategorien zusammengefasst, Begriffe geschaffen und mit Namen bezeichnet, dabei sei der Begriff nicht der Name des Erfassten, aber man brauche diesen Namen, um Gedanken mitteilen zu können. Jenes, was einer aus dem Inhalt eines Wortes auffassen, kapieren (lat. capere = fangen, fassen, erfassen), begreifen könne, sei der Begriff. (Ital. capire!). Erste Orientierungspunkte bieten die im Text gewählten Benennungen (íðorð) und deren Beziehung zu Bezugsobjekt ( vísimið) und Begriff (hugtak).

Bereits die in der Erzählung aufgefundenen Begriffe zergehen einem auf der Zunge wie Sahnebonbons: „Geburtsdatenwiederholungen“, „Fehlvorstellung“, „eigennützige Anleitung“, „planlos gezeugt worden“, „patriarchalischer Größenwahn“, „unzumutbare Anmaßung“, „Religionsverkettungen“, „Glaube an die eigene Unfertigkeit“, „depressiver Träumer“, „produktiver Denker“, „eindrucksverweigernde Zimmerdecke“, „widerwillige Auferstehung“, etc.

Ferner – so ist im Kapitel 3 „Das Verhältnis von Begriff, Wort und Sprache“ von Dietrich Busse über „Wörter“ zu lesen – sei der Name, folglich das Wort (gr. logos, lat. verbum), also jede Vokabel nichts anderes als “die kleinste als selbständige Äußerung vorkommende Einheit der Sprache“. Indem einer spreche, nehme er auf Wirklichkeit immer schon Bezug, wenngleich sie in seinem Reden eigentlich erst entstünde. Jede Abbildtheorie der Sprache lebe von der Vorstellung, dass es jenseits menschlicher Wahrnehmungstätigkeit eine (vorsprachliche) Wirklichkeit gebe, die Bezugspunkt und Grundlage des Erkennens sei. Diese Vorstellung sei trivial, solange nicht übersehen werde, dass diese Wirklichkeit als angeeignetes, für uns bedeutungsvolles Resultat unserer Tätigkeit (sowohl sprachlicher, als auch außersprachlicher) ist. Die Gegenstände bedeuteten nicht an sich, sondern erst, indem mit ihnen umgegangen, praktisch wie sprachlich, und so einen Bezug zu ihnen entwickelt würde.

Weiterhin führt Dietrich Busse aus: „Ein Fokus auf das Einzelwort ist deshalb zu eng, da er dazu verführt, diese Zusammenhänge auszublenden. Das als Eines vorgestellte, der Gegenstand als das aufgrund einer  nominalisierenden Sprachstruktur als einheitlich Missverstandene, zerfällt unter der Betrachtung der Rede in eine Vielzahl von Einzelheiten und Merkmalen, auf die in ihrer Gesamtheit kein Bezug genommen werden kann.

Die Rede als der Entstehungsort dieser dissoziativen Mannigfaltigkeit ist auch der Ort der Aufdeckung des reifizierenden  [verdinglichend] Missverständnisses. Indem wir den Gegenstand zu beschreiben suchen (und das kann nach Wittgenstein nichts anderes sein, als die Wortverwendungen zu untersuchen) wird uns seine Mannigfaltigkeit, die tatsächlich eine Mannigfaltigkeit der sprachlich vermittelten Bezugsweisen ist, bewusst. Einheit des Gegenstandes ist so immer ein gewollter Akt der Definition des Gegenstandes für uns, und somit (als Akt der Ein- und Ausgrenzung) immer geleitet von allgemeineren (gegenstandsübergreifenden) Vorstellungen und Interessen.

Wie auch immer, Otto B. lässt wie der Stagirit nur jene Begriffe als wissenschaftlich zu, welche durch Definition bestimmbar sind. Was zu einem beachtlichen Erfolg führt, wie die Definitionen des Otto B. zu den Wörtern “Arbeit”, “gewaltsame politische Veränderung” und “Sinnlosigkeit” eindrucksvoll belegen:

Er stütze sich bei der Nennung des Begriffs Arbeit auf dessen volkstümlichen Gebrauch, der besage, nur das als Arbeit anzusehen, was jemand im Auftrag einer wie auch immer beschaffenen, übergeordneten Einflussnahme als einzelner  und widerwillig in geregelten Zeitverhältnissen zur Erreichung eines festgesetzten Ziels vollbringe.“

Er sehe dennoch eine gewisse Berechtigung in seinem Tun, gerade aufgrund der Sinnlosigkeit, die das Recht habe, sich gegen alle Sprüche, Mahnungen und Warnungen, Verbote und Verfolgungen dennoch zu praktizieren.”

Dass eine gewaltsame ökonomische und politische Veränderung nichts anderes bewirken werde, als der Gewalt und Ausbeutung eine neue Form zu geben, solange sie von Menschen ausgefüllt und genutzt werde, deren Triebe und Bedürfnisse selbst durch die grundlegenden Ursachen für die Knechtschaft ihre Formung erfahren hätten.“

Zur Erzählung selbst wäre abschließend anzumerken, dass eine  Erörterung von Literatur so genannten Literaturkritikern vorbehalten sei. Da weder Literaturkritiker, noch Leser von Literaturkritiken – um es mit den Worten von Otto B: auszudrücken: „Wer höre, gehört auch …“ -, wäre nur abschließend anzumerken, dass der Anlass und das Ergebnis der Befragung des Otto B. bis zur letzten Seite unbekannt bleibt. Wohl dem, der angesichts dessen die Kontrolle über sich behält und standhaft der Versuchung widersteht, zu Beginn am Ende des Buches  erstmal nachzusehen, wie die Geschichte denn ausgehe. Wird solch Standhaftigkeit  doch damit belohnt, dass zu dem Lesegenuss auch noch die stetig ansteigende Spannung hinzukomme.

Bliebe nur noch, Otto B. hinterher zu rufen,  dass es sehr bedauerlich ist, dass er seiner Absicht gefolgt ist, sich bewusst dem Irrsinn des Schweigens verfallen zu lassen, damit er ihm vergessen helfe, um der Zukunft frei begegnen zu können. Denn, um es mit den Worten von Ludwig Hohl auszudrücken: “Die Menge denkt wenig. Drum eben sollten die Denkenden sie führen, nicht die Ausnützenden.” Allerdings schrieb Ludwig Hohl auch diesen Satz: “Es gibt nur ein Unglück: dass einer nichts zu tun hat oder gezwungen wird, etwas Falsches zu tun.”

eBook

Für Haptiker:

“Die Befragung des Otto B.”, Roman, Claassen-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-546-47965-3

Covid, Quarantäne, Krater

Wie fast alle, die in Keflavík ankommen, war auch ich immer bestrebt, den Flughafen so schnell wie möglich zu verlassen und den Ort links liegen zu lassen. Vor rund zehn Jahren habe ich vor Rückflügen nach Deutschland in Keflavík übernachtet, einmal in einem winzig kleinen Holzhäuschen, das zweite Mal in einem heruntergekommenen Hostel. Lag das noch in Keflavík oder schon in Njarðvík? Die Orte gehen ineinander über und offiziell gibt es Keflavík gar nicht mehr. Alle Ansiedlungen rundum heißen nun Reykjanesbær (Rauchhalbinselstadt).

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Keflavík gibt es nicht – so lautet auch eine Überschrift in Fische haben keine Beine, dem ersten Keflavík-Roman von Jón Kalman Stefánsson, den ich nun zum zweiten Mal lese.

Die Maschine landet, ich klappe das Buch zu. Neben mir ein geimpftes Pärchen, das sich erstmals einen Islandaufenthalt gönnt. Mir fehlt der bei Icelandair übliche Empfangsgruß Velkomin heim, denn diesmal fliege ich mit Lufthansa. Wir müssen sitzenbleiben, bis unsere Reihen aufgerufen werden, das übliche Aussteigechaos entfällt. Auf den ansonsten menschenleeren Gängen im Flughafen Keflavík erreiche ich das Ende der Warteschlange für den Covid-Test. Da entdecke ich sie wieder, die “Astronauten” (wollen sie auf der Halbinsel Reykjanes etwa eine Mondlandung simulieren?). Nein, es sind nur zwei in weiße Reinraumanzüge inklusive Schutzbrillen, Schuhüberzüge und Plastikhandschuhe gehüllte Covid-Phobiker, die schon am Frankfurter Flughafen für Erheiterung und Stirnrunzeln gesorgt haben.

Es ist der zweite Test innerhalb von zwei Tagen, zu dem ich nun antrete. Für den zu Einreise nötigen PCR-Test musste ich tags zuvor schon zum Frankfurter Flughafen. Es ging alles schnell, aber ich musste fast hundert Euro hinblättern, damit ich innerhalb von 12 Stunden das Ergebnis bekam.

Auf covid.is bin ich mit meiner Quarantäneadresse  registriert, habe einen Barcode erhalten, der jetzt eingelesen wird. Auch die Papiere des Frankfurter Vortests, die man in Englisch vorlegen muss, werden geprüft. In Frankfurt wurden nur zwei tiefe Rachenabstriche gemacht, in Keflavík kommt jetzt eine Entnahme aus der Nase hinzu. Und das alles ganz kostenlos.

Es sind etwa vier Kilometer bis zu meiner privaten Quarantäneunterkunft in Keflavík. Ich dürfte ein Taxi nehmen, nicht aber den öffentlichen Bus. Ich ziehe den Fußweg entlang des Flughafenzauns vor, der abseits der Autostraße zum Stadtrand führt. Er ist allerdings durch einen Bagger versperrt, so dass ich den Koffer über holprige Umwege zerren muss.

Ich habe mich gut auf die fünf Quarantänetage vorbereitet, Desinfektionszeug, Wasserkocher, Müsli, Kartoffelbrei und andere Trockennahrung eingepackt, denn ich darf nicht in die Küche. Eine nicht separate Toilette zu benutzen, ist unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln erlaubt. Und was für mich das Wichtigste ist: Ich darf ¬  unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes – spazieren gehen.

Mein Quarantänezimmer verfügt über ein geräumiges Bett, einen Stuhl und eine nicht angeschlossene Tiefkühltruhe, die ich als Schreibtisch nutze. Das große Fenster bietet Ausblick auf die Straße und das Nachbarhaus.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Mein erster Ausflug führt mich zum nördlichen Hafenabschnitt, in dem kleinere Boote liegen. Dahinter erhebt sich eine Klippe, auf der ich einem Pfad entlang der Steilküste folge, bis hin zur nächsten Bucht, die den Ausblick auf die Müllverbrennungsanlage, eine Siliciumfabrik und die Zementtürme von Aalborg Portland eröffnet. Das motiviert nicht gerade zum Weiterwandern.

Der Wind pfeift mir heftig um die Ohren und lässt mich gelegentlich auch schwanken, so dass ich denke: Wenn jetzt die Erde bebt, was sie in den vergangenen Wochen hier ja oft genug getan hat, dann merke ich das gar nicht! Was ich nicht weiß, ist, dass die Bebentätigkeit bereits abnimmt, da am nächsten Abend die Erde im abgelegenen Geldingadalir aufreißen und Feuer spucken wird.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Vor Jahren habe ich auf der Halbinsel die brodelnden Schlammtöpfe bewundert, die den bekannteren Geothermalfeldern in der Mývatn-Region kaum nachstehen. Doch jetzt tritt über 1200°C heiße Magma aus Tiefen unterhalb der Erdkruste ans Tageslicht und formt ein ganzes Tal innerhalb von wenigen Tagen um. Seltsam, ich bin “vor Ort” (Luftlinie 20 km) und doch weit entfernt vom Geschehen. Auch ich muss in die Webcam glotzen, die Berichte lesen und kann nicht einfach mal hinwandern. Dabei wollen ihn alle sehen, den entstehenden neuen Vulkan. Denn fertig ist er erst, wenn er zu speien aufhört. Vorher erschafft er sich ständig neu. Reißt seine selbst aufgetürmten Kamine ein, bessert sie wieder mit erstarrender Lava aus und vereinigt sie vielleicht zu einem einzigen Schlot. Die Wissenschaftler vermuten, er will ein Schildvulkan werden, nicht so ein hoher und pyramidenförmiger, sondern ein breiter, behäbiger. Es kann lange dauern, bis seine Schöpfung vollendet ist.

Da anfangs niemand so recht weiß, wie man ins Geldingadalir, das Tal der Wallache kommt, herrscht in den ersten Tagen Orientierungslosigkeit und Tränen fließen. Wären die freiwilligen Helfer der Björgunarsveit nicht, die spezialisiert sind, aus Bergen, Seenot, Lawinen, Schneewehen, Lavafeldern etc. zu retten, würde das Chaos unaufhaltsam wachsen. Aber sie beginnen einen Wanderweg abzustecken, um die Massen, deren parkende Autos nun die ganze südliche Straße der Halbinsel blockieren, sicherer ins Geldingadalir zu geleiten.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Ja, ein bisschen neidisch bin ich auf die Eruptionsgucker, das muss ich zugeben. Ich erkunde inzwischen die Randbereiche und die nähere Umgebung von Keflavík. Ich muss nur manchmal Hundehaltern ausweichen oder ein paar Kindern, der Rest der Bewohner hält sich mehr ans Auto. Verständlicherweise, denn was Keflavík am meisten auszeichnet, ist der beständige starke Wind. Keflavík hat drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit, schreibt Jón Kalman Stefánsson.

Der Wind fegt die Wolken weg, die Sonne strahlt und wärmt für ein paar Minuten, dann serviert der Wind (ein hurtiger Kellner) einen Hagelschauer. Ich stelle mich wie ein geduldiges Islandpferd mit dem Hintern gegen den Wind, damit mir die Hagelkörner nicht das Gesicht zerkratzen, und warte auf den nächsten Sonnenstrahl. Ich stehe mitten auf einem uralten Lavafeld, gut bewachsen mit Heidekraut, Flechten, Moosen und Grashöckern, noch bucklig, aber nicht mehr scharfkantig und voll tückischer Spalten.

Am dritten Tag nach dem Ausbruch ist es dann soweit: Die Sicht ist klar und ich mache mich in der Dämmerung auf, wenigstens den Widerschein der Eruption am Horizont zu bestaunen. Die beiden Trolle Steinn og Sleggja (Stein und Hammer) haben ihn nicht gesehen und Sleggja blickt nur mondsüchtig übers Meer. Ich erklimme die Klippe über ihrer Höhle, die noch wegen Erdbebengefahr gesperrt wurde, und nun sehe ich den roten Schein, der sogar ein paar Wölkchen färbt. Ich habe nicht die Ausrüstung, ihn zu fotografieren, aber bei Best of Iceland kann man ihn aus dieser Perspektive bewundern.

Der Tag des abschließenden Covid-Testes bricht an, ein klarer, kalter Morgen, weiß überzuckert. Am zweiten Quarantänetag hatte mich eine Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörden angerufen und auf die verschiedenen Möglichkeiten, wo ich den Test absolvieren könne, hingewiesen. Ich wählte das nächstgelegene Testzentrum in Njardvík. Der Weg führt mich am Meer entlang. Der Fischereihafen ist verödet, Spekulanten haben die Fangquoten verscheuert und die Trawlerflotte verrottet hinter dem Werftgelände. Auf einem Recyclinghof betrete ich eine zum Covid-Test-Zentrum umfunktionierte Halle. Obwohl ich nur fünf Minuten nach Öffnung eintreffe, bin ich die letzte in der Schlange, die von einer Gruppe junger Männern angeführt wird. Sie albern mit heruntergezogenen Masken herum, aber ich kann nicht hören, in welcher Sprache, und rätsele, ob es Touristen oder ausländische Arbeiter sind. Die Teststäbchen werden nicht so unangenehm weit eingeführt wie am Flughafen – offensichtlich gibt es da keine Norm.

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Als ich zurückkomme, bricht mein Gastgeber auf, um die Eruption zu besichtigen. Ich kann leider nicht mitkommen, zumal dies kein Spaziergang ist, sondern eine Massenwanderung, auf der Abstandhalten nicht möglich ist.

Gegen vier Uhr nachmittags kommt die Nachricht auf der Nachverfolgungs-App Rakning C-19, dass mein Testergebnis negativ ist. Die Quarantänezeit ist damit offiziell beendet. Nun kann ich das Stadtzentrum und andere belebtere Plätze von Keflavík erkunden.

Am nächsten Tag, es ist Mittwoch, der 24. März, gibt es ernüchternde Meldungen: Da es in den letzten Tagen in Island, das seit Jahresbeginn nahezu covidfrei war, wieder zu gehäuften Fällen gekommen ist, darunter an einer Schule und unter Eruptionsbesuchern, treten ab dem folgenden Tag  verschärfte Bestimmungen in Kraft. Für drei Wochen werden Schulen, Kindergärten, Sportstätten und Schwimmbäder (ich hatte mich schon so aufs Schwimmen und den Hotpot gefreut!) geschlossen. Eine schnelle konsequente Maßnahme, die mit Hilfe der in Island sehr effektiven Nachverfolgung hoffentlich bald zur Eindämmung des Virus führt.

Informationen für Reisende nach Ísland:

DE: Reisen nach und in Island

DE: Die Tracing-App Rakning C-19

FR: Voyager en Islande

FR: Appli de traçage Rakning C-19

EN: Travel to and within Iceland    

EN:  Violations of COVID-19 Quarantine

EN: Pre-registration for visiting Iceland

EN: App Rakning C-19

EN: Iceland´s response

EN: Statistic

Enn einn dagurinn

Ég vakna eftir stórkostlega drauma, stíg fram úr rúminu og fæturnir lenda beint ofan í hreina sokka og pússaða skó og fötin, nýpressuð af ástsjúkri vinkonu bíða mín undir nærbuxunum hennar og þau skríða silkimjúk á útlimina og blettast ekki af heitu brasilísku lúxuskaffi sem aðdáandi minn úr næsta húsi kom með í morgun eins og venjulega með beinu flugi frá Brasilíu og svo kveiki ég á útvarpinu þar sem uppáhaldslagið mitt rennur sitt skeið á undan fréttum sem eru mér allar að skapi og svo geng ég út og anda að mér einstaklega súrefnisríkum loftsveip sem fyrir tilstilli hentugrar vindáttar og þverbrotinna náttúrulögmála fylgir mér að bílnum sem aldrei bilar og svo set ég í gang og tek eftir að bensíntankurinn er fullur og vélin er hljóðlát og stillt á lágmarkseyðslu eftir yfirferð bifvélavirkjans sem kom í gær til þjónustu reiðubúinn á vegum félags sem ég vissi ekki að ég væri í og ég renn úr hlaði og kveiki aftur á útvarpinu og heyri að í gærkvöldi voru lottótölurnar mínar enn dregnar út eftir beinu útsendinguna frá spurningakeppninni sem ég vissi öll svörin í og næst flytur skýrmæltasta fréttaþulan fréttir frá Alþingi þar sem óþverrafrumvarpi var hent út með öllum atkvæðum gegn engu og ég keyri af stað og sé blaðastand þar sem stendur á forsíðum allra dagblaða að blóðið sem ég gaf í Blóðbankanum í gær hafi leitt til lækningar á krabbameini og ég brosi og á næstu umferðarljósum blístra ég lag sem tónlistarmaður í næsta bíl fær á heilann og gerir heimsfrægt á komandi mánuðum og á grænu ljósi keyri ég í veg fyrir bíl bankaræningjaflokks og hann veltur án þess að nokkur meiðist og þeir gefast upp baráttulaust því þeir festu fingurna í öskubökkunum og ég fæ fálkaorðu og mikil verðlaun og er boðið að vera gestur í vinsælasta sjónvarpsþætti landsins og ég er kosinn maður ársins af stjórnanda þáttarins sem heitir Jóna Sólný en upp úr því sef ég hjá henni og barna eins og allar konur sem ég snerti og börnin mín eru öll hraust og hamingjusöm og vegnar vel í lífinu og þegar ég hef lagt í gjaldfrítt stæði á besta stað í miðbænum hitti ég óvænt á röltinu leiðtoga heimsins gráa fyrir járnum á barmi styrjaldar og spyr Bandaríkjaforseta á Eyjafjallaensku hvað klukkan sé en með þessum hreim þýðir spurningin eitthvað stórmerkilegt á kínversku og leiðtogi þeirrar þjóðar grípur orðin á lofti og allir sættast og leysa upp úr því helstu vandamál heimsins og í þakkarskyni gefur frönsk sendinefnd mér verðlaunabúðing með ananasbragði þegar ég geng á braut og klukkan er bara tíu og sólin skín á mig gegnum einu skýjaglufuna á himninum og yfir hafið fjúka peningar ofan í vasa mína þar sem leið mín liggur framhjá besta bíóinu í bænum þar sem uppáhalds myndin mín er í sýningu og ég fer inn og þar er troðfullt út úr dyrum nema besta sætið er eftir fyrir mig og þetta er power sýning í þrívíddarvíðómi og við fagnaðarlæti horfi ég á bestu mynd allra tíma

Fünfmal wird der Mensch geboren

Die erste Geburt
: am Beginn der Schöpfung –
denn nichts ward
je hinzugefügt.

Die zweite Geburt
: Zugang zu Vollkommenheit –
denn ohne ihn
bleibt materielle Welt verschlossen.

Die dritte Geburt
: Tor zum Labyrinth dualistischer Welt –
denn nur durch Kenntnis der Teile
erschließt sich ein Ganzes.

Die vierte Geburt
: Vervollständigung unseres Selbst –
denn erst das Gemeinsame
erklärt die Teile.

Die fünfte Geburt
: öffnet den Raum aus dem wir kamen –
denn nichts kann ihm
je entnommen werden.

Schlaflos

Lljósmynd:  © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Schlaflos

Nachts & das Hirn
voll Ungeduld auf
IRGENDWAS
den aufgedunsenen Mond
durch leere Altstadtgassen
kicken – nur das Herz
klopft Beifall / losgelöst
vom Rhythmus schriller
Tagesängste.

Die aufgeschlagenen Wunden
mit lästerlichen Phantasien kühlen
& in der Glut im Kopf nach
rohen Diamanten wühlen –

wie mit wachen Kindersinnen:
aus jedem Schatten
einen Traum gewinnen …

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

Seit ich meine Hände zählte

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Seit ich meine Hände zählte,

die Beine, die Ohren, die Augen,
den Mund, und einsehen musste,
es werden nicht mehr,
lerne ich Sätze auswendig,
Gedichte, Romane,
denn dem Feuer, das
uns vertreiben wird, wenn
über unseren Köpfen
das Dach einstürzt,
widersteht nur das Paradies
in unseren Köpfen.

(Wolfgang Schiffer)

Síðan ég taldi á mér hendurnar

fæturna, eyrun, augun,
muninn, og skildist að
þeim fjölgar ekki lenur
læri ég setningar utanað
kvæði sögur
því gegn eldinum
sem hrekur okkur burt
þegar þakið brotnar
yfir höfði okkar
stendur aðeins aldingarðurinn
í höfði okkar.

Übersetzung:  Franz Gíslason (1935 – 2006)

 

Am Meer

Ljósmynd: Wolfgang Schiffer

 

Am Meer

Hier sitzen:
Sand und Gischt und Muschelwerk
die Sonne blutet aus
der Wind schreit Möwen an
wenn sie ihm allzu dreist den Weg verstellen
es ist, als knatterts im Gefieder oder
täuscht mich das verletzte Ohr
das ich noch mit mir trage
das beleidigte Auge
das in der Weite immer noch
der Menschen Schatten sieht
obwohl die Möwen sich nun niederlassen
und aus dem Sand, in dem ich sitze
dem Muschelwerk, umspült von Gischt
der Menschen letzte Spuren picken.

Við sjóinn

Að sitja hér:
sandur og særok og skeljaskraut
sólinni blæðir út
vindurinn gargar á mávana
þegar þeir hefta för hans framhleypnir um of
það er eins og snarki í fiðrinu eða
blekkir mig sært eyrað
sem ég burðast enn með
móðgað augað
sem enn greinir í fjarska
skugga mannanna
þótt mávarnir stjist nú niður
og kroppi síðustu mannasporin
úr sandinum þar sem ég sit
skeljunum, umleiknum sædrifi.

Übersetzung: Ingibjörg Haraldsdóttir (1942 – 2016)