Brief von Amadou Hampâté Ba an die Jugend

Derjenige, der zu euch  spricht, ist einer der Erstgeborenen des zwanzigsten Jahrhunderts. Er lebte also lange und sah und hörte, wie ihr euch vorstellen könnt, vieles in der weiten Welt. Er erhebt in keiner Weise den Anspruch, ein Meister zu sein. Er wollte vor allem ein ewiger Forscher, ein ewiger Student sein, und sein Lerndurst ist heute noch so groß wie in den Anfängen.

Er begann damit, in sich selbst zu schauen, sich selbst zu entdecken und zu kennen, um sich in seinem Nächsten zu erkennen und ihn entsprechend zu lieben. Er möchte, dass jeder von euch  dasselbe tut.

Nach dieser schwierigen Suche unternahm er viele Reisen um die Welt: Afrika, Naher Osten, Europa, Amerika. Als Schüler ohne Komplexe oder Vorurteile suchte er die Lehren aller Meister und aller Weisen, die er treffen konnte.

Er hörte ihnen gehorsam zu. Er hat ihre Worte gewissenhaft aufgezeichnet und ihre Lektionen objektiv analysiert, um die verschiedenen Aspekte ihrer Kulturen vollständig zu verstehen, denn das große Problem des Lebens ist die gegenseitige Kommunikation.

Gewiss, ob Individuen, Nationen, Ethnien oder Kulturen, wir sind alle voneinander verschieden; aber wir alle haben auch etwas ähnliches, und das muss man suchen, um sich im anderen wiedererkennen und mit ihm sprechen zu können. So werden unsere Unterschiede, anstatt uns zu trennen, zu Komplementarität und zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung.

So wie die Schönheit eines Teppichs auf der Vielfalt seiner Farben beruht, macht die Vielfalt der Menschen, Kulturen und Zivilisationen die Schönheit und den Reichtum der Welt aus. Wie langweilig und eintönig wäre eine einheitliche Welt, in der alle Menschen nach dem gleichen Vorbild gleich denken und gleich leben! Wenn man bei anderen nichts mehr zu entdecken hat, wie könnte man sich bereichern?

In unserer Zeit voller Bedrohungen aller Art müssen sich Menschen nicht mehr auf das konzentrieren, was sie trennt, sondern auf das, was sie gemeinsam haben, während sie die Identität des anderen respektieren. Anderen zu begegnen und ihnen zuzuhören ist immer lohnender – auch für die Entwicklung der eigenen Identität – als Konflikte und sterile Diskussionen, um den eigenen Standpunkt durchzusetzen.

Ein alter Meister aus Afrika sagte: Es gibt „meine“ Wahrheit und „deine“ Wahrheit, die sich nie treffen. „Die“ Wahrheit liegt in der Mitte. Um sich ihr zu nähern, muss sich jeder ein wenig von “seiner” Wahrheit lösen, um einen Schritt auf den anderen zu machen…

Junge Menschen, ihr letzten Geborenen des 20. Jahrhunderts, ihr lebt in einer Zeit, die sowohl beängstigend in Bezug auf die Bedrohungen für die Menschheit als auch aufregend in Bezug auf die Möglichkeiten ist, die sich im Bereich des Wissens und der Kommunikation zwischen Menschen eröffnet. Die Generation des 21. Jahrhunderts wird ein fantastisches Aufeinandertreffen von Ethnien  und Ideen erleben. Je nachdem, wie sie  dieses Phänomen assimiliert, wird es ihr Überleben sichern oder durch tödliche Konflikte deren Zerstörung herbeiführen.

In dieser modernen Welt kann sich niemand mehr in seinen Elfenbeinturm flüchten. Alle Staaten, ob stark oder schwach, reich oder arm, sind jetzt voneinander abhängig, sei es nur wirtschaftlich oder angesichts der Gefahren eines internationalen Krieges.

Ob es ihnen gefällt oder nicht, die Menschen werden auf demselben Boot eingeschifft: dass ein Hurrikan aufzieht und alle gleichzeitig bedroht werden. Ist es nicht besser zu versuchen, einander zu verstehen und zu helfen, bevor es zu spät ist?

Gerade die gegenseitige Abhängigkeit der Staaten erzwingt eine unverzichtbare Komplementarität von Menschen und Kulturen. Heutzutage ist die Menschheit wie eine große Fabrik, in der wir am Fließband arbeiten: Jedes Teil, ob klein oder groß, hat eine bestimmte Rolle zu spielen, die den reibungslosen Ablauf der gesamten Fabrik bestimmen kann.

Derzeit prallen Interessenblöcke in der Regel aufeinander und reißen sich gegenseitig auseinander. Vielleicht liegt es an euch, ihr jungen Leute, nach und nach eine neue Geisteshaltung herbeizuführen, die mehr auf Komplementarität und Solidarität ausgerichtet ist, sowohl individuell als auch international. Dies wird die Bedingung des Friedens sein, ohne die es keine Entwicklung geben kann.

Ich wende mich jetzt an euch, junge Schwarzafrikaner. Vielleicht fragen sich einige von euch, ob unsere Väter eine Kultur hatten, da sie keine Bücher hinterlassen haben? Ist es denen, die so lange unsere Herren des Lebens und Denkens waren, nicht fast gelungen, uns glauben zu machen, dass ein Volk ohne Schrift ohne Kultur sei?

Aber es ist wahr, dass die erste Sorge eines jeden Kolonisators (zu jeder Zeit und woher er auch immer kam) immer darin bestand, das Land energisch zu roden und die lokalen Feldfrüchte zu entwurzeln, um mit seinen eigenen Werten zufrieden zu säen.

Glücklicherweise haben sich dank der Arbeit afrikanischer und europäischer Forscher Meinungen auf diesem Gebiet entwickelt, und es wird jetzt anerkannt, dass lokale Kulturen authentische Quellen des Wissens und der Zivilisation sind.

Ist die Sprache nicht sowieso die Mutter der Schrift, und ist diese nicht etwas anderes als eine Art Foto des Wissens und des menschlichen Denkens?

Die Völker der schwarzen Ethnie, die keine Schriftvölker sind, haben die Sprachkunst in ganz besonderer Weise entwickelt. Obwohl nicht geschrieben, ist ihre Literatur nicht weniger schön.

Wie viele Gedichte, Epen, historische und ritterliche Geschichten, didaktische Erzählungen, Mythen und Legenden mit bewundernswerten Worten wurden so durch die Jahrhunderte überliefert, treu getragen von der erstaunlichen Erinnerung von Menschen der Mündlichkeit, leidenschaftlich verliebt in die schöne Sprache und aller Dichter.

Von all diesem literarischen Reichtum in ständiger Schöpfung hat nur ein kleiner Teil damit begonnen, übersetzt und genutzt zu werden. Es bleibt noch eine gewaltige Sammlungsarbeit mit jenen zu leisten, die die letzten Hüter dieses Erbes der Vorfahren sind, das leider auf dem Weg zum Verschwinden ist. Was für eine aufregende Aufgabe für diejenigen unter Ihnen, die sich ihr widmen werden!

Aber Kultur ist nicht nur mündliche oder schriftliche Literatur, sie ist auch und vor allem eine Lebenskunst, eine besondere Art des Verhaltens gegenüber sich selbst, seinen Mitmenschen und allen Menschen, die die Natur umgeben. Es ist ein Weg, die Rolle und den Platz des Menschen innerhalb der Schöpfung zu verstehen.

Die traditionelle Zivilisation (ich spreche vor allem von Afrika von der Savanne bis zum Süden der Sahara, was ich genauer kenne) war vor allem eine Zivilisation der Verantwortung und Solidarität auf allen Ebenen. In keinem Fall war ein Mensch, wer auch immer es war, isoliert. Wir hätten niemals eine Frau, ein Kind, einen Kranken oder einen alten Mann wie ein Ersatzteil am Rande der Gesellschaft leben lassen. Innerhalb der großen Familie gab es für ihn immer einen Platz, wo auch der vorbeikommende Fremde Unterschlupf und Nahrung fand. Der Gemeinschaftsgeist und das Gefühl des Teilens prägten alle menschlichen Beziehungen. Das Reisgericht, wie bescheiden es auch sein mochte, stand allen offen.

Der Mensch identifizierte sich mit seinem Wort, das heilig war. Häufig wurden Konflikte durch „palabre“ friedlich beigelegt: „Zusammenkommen zum Diskutieren“, sagt ein Sprichwort, „beruhigt alle und vermeidet Zwietracht“.

Die Ältesten, angesehene Schiedsrichter, wachten über die Wahrung des Friedens im Dorf. „Peace!“, „Peace only“, sind die Schlüsselworte aller afrikanischen Ritualgrüße.

Eines der großen Ziele von Einweihungen und traditionellen Religionen war der Erwerb der totalen Selbstbeherrschung und des inneren Friedens durch jeden Einzelnen, ohne den es keinen äußeren Frieden geben kann. Im Frieden und nur im Frieden kann der Mensch eine Gesellschaft aufbauen und entwickeln, während der Krieg in wenigen Tagen ruiniert, was Jahrhunderte gedauert hat, um aufgebaut zu werden.

Der Mensch wurde auch für das Gleichgewicht der umgebenden Natur verantwortlich gemacht. Es war ihm verboten, ohne Grund einen Baum zu fällen, ohne triftigen Grund ein Tier zu töten. Das Land war nicht sein Eigentum, sondern ein vom Schöpfer anvertrautes heiliges Gut, dessen Verwalter er war. Dieser Begriff gewinnt heute seine volle Bedeutung, wenn wir an die Leichtigkeit denken, mit der die Menschen unserer Zeit die Reichtümer des Planeten ausschöpfen und sein natürliches Gleichgewicht zerstören.

Sicher, wie jede menschliche Gesellschaft hatte auch die afrikanische Gesellschaft ihre Exzesse und Schwächen. Es liegt an euch, junge Männer und Frauen, Erwachsene von morgen, missbräuchliche Bräuche von sich aus verschwinden zu lassen und gleichzeitig positive traditionelle Werte zu bewahren.

Das menschliche Leben ist wie ein großer Baum und jede Generation ist wie ein Gärtner. Der gute Gärtner ist nicht derjenige, der entwurzelt, sondern derjenige, der abgestorbene Äste zu beschneiden weiß und, wenn nötig, sinnvoll mit nützlichen Pfropfreisern vorgeht. Den Baumstamm  abzuschneiden wäre Selbstmord, der eigenen Persönlichkeit abzuschwören, die der anderen künstlich zu unterstützen, ohne jemals ganz erfolgreich zu sein. Erinnern wir uns auch hier wieder an das Sprichwort: „Das Stück Holz mag im Wasser bleiben, es mag schwimmen, aber ein Kaiman wird es nie!“.

Seid, junge Leute, dieser gute Gärtner, der weiß, dass ein Baum tiefe und starke Wurzeln braucht, um hoch zu wachsen und seine Zweige in alle Richtungen des Raumes auszubreiten. So werdet ihr, gut in euch verwurzelt, euch ohne Angst und ohne Schaden nach außen öffnen können, sowohl zum Geben als auch zum Empfangen.

Für diese umfangreiche Arbeit sind zwei Werkzeuge für euch unerlässlich: erstens die Vertiefung und Bewahrung eurer Muttersprachen, unersetzliche Träger unserer spezifischen Kulturen; dann die perfekte Kenntnis der von der Kolonialisierung geerbten Sprache (für uns die französische Sprache ), ebenso unersetzlich, um nicht nur die Kommunikation und das bessere Kennenlernen der verschiedenen afrikanischen Volksgruppen zu ermöglichen, sondern auch um uns nach außen zu öffnen und mit den Kulturen der ganzen Welt in Dialog zu treten .

Junge Menschen Afrikas und der Welt, das Schicksal hat es so gewollt, dass ihr am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, am Beginn einer neuen Ära, wie eine Brücke seid, die zwischen zwei Welten geschlagen wird: die der Vergangenheit, wohin alte Zivilisationen nur streben, euch ihre Schätze zu hinterlassen, bevor sie verschwinden, und die der Zukunft, natürlich voller Ungewissheiten und Schwierigkeiten, aber auch reich an neuen Abenteuern und aufregenden Erfahrungen. Es liegt an euch, die Herausforderung anzunehmen und dafür zu sorgen, dass es keinen militanten Bruch gibt, sondern eine ruhige Fortsetzung und Befruchtung von einer Ära zur nächsten.

Erinnere dich in den Wirbelstürmen, die dich mitreißen, an deine alten Werte der Gemeinschaft, Solidarität und des Teilens. Und wenn du das Glück hast, ein Reisgericht zu haben, iss es nicht alleine!

Wenn Konflikte drohen, erinnert euch an die Tugenden des Dialogs und der Diskussion! Und wenn ihr euch beschäftigen wollt, denkt daran, zu unserer Mutter Erde, unserem einzig wahren Reichtum, zurückzukehren und ihr all eure Fürsorge zu widmen, damit wir genug schöpfen können, um alle Menschen zu ernähren, anstatt all eure Energie einer unfruchtbaren und unproduktiven Arbeit zu widmen. Kurz gesagt: Steht im Dienst des Lebens mit all seinen Aspekten!

Einige von euch mögen sagen: „Das ist zu viel verlangt von uns! Eine solche Aufgabe ist über uns hinaus!“. Gestattet dem alten Mann, der ich bin, euch ein Geheimnis anzuvertrauen: „So wie es kein ‚kleines‘ Feuer gibt (alles hängt von der Art des angetroffenen Brennstoffs ab), gibt es keine geringe Anstrengung. Jede Anstrengung zählt, und man weiß nie, aus welcher scheinbar kleinen Aktion das Ereignis wird, welches das Gesicht der Dinge verändern wird. Vergesst nicht, dass der König der Savannenbäume, der mächtige und majestätische Affenbrotbaum, einem Samen entspringt, der zunächst nicht größer als eine sehr kleine Kaffeebohne ist.“

Quelle: „Open Letters to Youth – Generation Dialogue Competition“ veranstaltet von der ACCT (Agency for Cultural and Technical Cooperation) für das Jahr „1985, Internationales Jahr der Jugend“

Amadou Hampâté Bâ war ein malischer Schriftsteller und Ethnologe. Zwischen 1960 und 1970 war er für die UNESCO tätig

Veröffentlicht am 8. September 2022 von  Alain Supiot, Professeur émérite au Collège de France

Übersetzung aus dem Französischen: B. Pangerl

Arktische Geschichten von Wasser und Eis

Kunst und Wissenschaft kommen nicht oft zusammen, doch dann entsteht eine ganz eigene Spannung. So an dem Abend „Sagnakvöld – Stories and impressions from the North“, einer deutsch-isländischen Veranstaltung in Bremerhaven, eröffnet von der isländischen Botschafterin María Erla Marelsdóttir.

Kann ich mir das vorstellen? Ich blicke auf die Rednerin. Es ist Montagabend, der 30. Mai in Bremerhaven. Der Vortragssaal im Fischbahnhof ist fensterlos und beleuchtet. Draußen scheint die Sonne.

„Der Ausstoß einer Tonne CO2 bedeutet den Verlust von 3 m² Meereseis.“ Kann ich mir das vorstellen? Nicht so ganz. Ich wende den Blick zur Leinwand, auf der Fotos und Grafiken erscheinen. Die Frau am Rednerpult, Prof. Antje Boetius, ist Leiterin des Alfred-Wegener-Institutes. Sie berichtet von dem Forschungsschiff Polarstern, vom Ökosystem unter dem Eis, von dem Tauchroboter, der Daten und Bilder vom Meeresgrund, dem vulkanisch aktiven Gakkelrückens liefert. Die Fotografin Esther Horvath veranschaulicht weiter die Arbeit des Institutes. Sie hat dreieinhalb Monate lang die internationale MOSAic-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate, 2019/20) auf der Polarstern fotografisch begleitet. Die gebürtige Ungarin erzählt begeistert von der Polarnacht in der Arktis und zeigt in ihren Bildern den rauen Alltag von Forschern und Mannschaft. Klirrende Kälte, Stürme, Dunkelheit. Jede Tätigkeit auf dem Eis muss von einer Eisbärenwache abgesichert werden. Neben der eingefrorenen Polarstern wird Fußball gespielt und ein Matrose eröffnet nach Dienstschluss einen Friseursalon.

Geschichten in Bildern.

Die Abendveranstaltung heißt Sagnakvöld. Das ist Isländisch und heißt Geschichtenabend. Und für Bildergeschichten aus der Arktis steht auch der zweite Fotograf, der an diesem Abend seine Bilder zeigt: Island, Grönland, Sibirien, Kanada – der Isländer Ragnar Axelsson, kurz RAX genannt, hat Menschen, Tiere und Landschaften der arktischen Regionen, die Umbrüche im Leben der Inuit, die Strukturen des Eises, das Schwinden der Gletscher und die verengten Lebensräume der Tierwelt in unglaublich eindrucksvollen Schwarzweißfotos dokumentiert. Vor Kurzem ist seine Ausstellung Where the world is melting in München zu Ende gegangen. In Bremerhaven zeigt RAX im Schnelldurchgang einen Querschnitt aus seiner Arbeit.

(c) Bernhild Vögel

In der Ausstellung hafið – Reflections of the Sea  (zu sehen vom 14.07. bis 17.08.2022 im Schaufenster des Fischbahnhofs) wird eine kurze Bilderfolge von Ragnar Axelssons Grönlandfotos eingeblendet:
Schlittenhunde stehen dabei im Mittelpunkt und ich habe das Bild des vorbeihetzenden Hundes vor Augen, wenn ich an Ragnars eindringliche Worte denke: We are running out of time.

Im Schnitt verursacht jeder Deutsche einen CO2-Ausstoß von ca. 10 Tonnen pro Jahr. Mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes lässt sich der ganz persönliche Anteil ausrechnen. Obwohl ich passionierte Fußgängerin bin und kein Auto besitze, schlagen meine Islandflüge ordentlich zu Buche. Ob 30 m² Eisschwund/pro Kopf oder etwas weniger: Wenn wir so weiter konsumieren wie bisher, sind die Pole in 30 Jahren abgetaut. Das finde ich erschreckend vorstellbar. Auch wenn ich dann schon längst tot bin: Die Kinder und Enkel werden die Folgen tragen müssen.

Ragnar Axelsson und Andri Snær Magnason

Am Rednerpult steht jetzt Andri Snær Magnason.  Ich kenne den Schriftsteller seit vielen Jahren. 2010 erhielt er den Kairos-Preis der Alfred-Töpfer-Stiftung in Hamburg und ich berichtete darüber in der IcelandReview:

Wichtigstes Werk des 36-jährigen Autors ist das 2006 erschienene Sachbuch Draumalandið (Traumland) und die gleichnamige Filmdokumentation. Schon vor der isländischen Krise hat der Autor davor gewarnt, die einzigartige isländische Natur dem Energiewahn und Konsumrausch zu opfern.
Am Beispiel des gigantischen Kárahnjúkar-Staudamm-Projektes – gebaut um den Strombedarf einer einzigen Aluminiumschmelze zu befriedigen – stellt Magnason einfache, aber unbequeme Fragen und rechnet vor, wie scheinbar profitable Rechnungen weder für Mensch noch Umwelt aufgehen.“

Andri Snær war mit seiner Familie nach Hamburg gekommen. Die jüngste Tochter, Hulda Filippía, (geb. 2008) war noch nicht auf dem Familienfoto, das ich nach der Preisverleihung machte. Etwa ein Jahrzehnt später, als der Schriftsteller für sein neues Buch recherchierte, stellte er Hulda Filippía ein paar Rechenaufgaben nachzulesen in seinem Buch Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft und nachzuhören auf Vimeo.

In Bremerhaven blendet Andri Snær ein Bild ein, auf dem nur 2160? steht. Eine Jahreszahl in ferner Zukunft, einem Jahr, in dem die Urenkeltochter meiner Enkelin eine rüstige Rentnerin sein könnte. Gesetzt den Fall, meine Enkelin wird ihre Urenkelin noch kennen lernen, so wie sie selbst als Kind ihre Urgroßmutter erlebt hat, dann würde sie so Andri Snær einen Generationen-Handschlag über ungefähr 250 Jahre machen können. Kümmern wir uns durch gegenwärtiges Handeln um die Gestaltung der Zukunft das ist seine Botschaft seit Jahrzehnten. Mal sarkastisch, mal augenzwinkernd, mal streng sachlich, ob in Gedichtform (Bónus Supermarktgedichte 1996, dt. 2011), Romanen und Kinderbüchern (Geschichte vom blauen Planeten, 1999, dt. 2007) oder Sachbüchern (Traumland 2006, dt. 2011, Zeit und Wasser, 2019, Zeit und Wasser, 2019, übersetzt von Tina Flecken, 2020).

Einzellige Algen benötigen zum Kalkaufbau CO2 sterben sie ab, binden sie auf dem Meeresgrund das eingelagerte Kohlendioxid. Doch unser hoher CO2-Ausstoß führt zur Erwärmung der Meere und ihrer Versauerung, wodurch der Kalkaufbau gestört wird mit der Folge, dass die Ozeane weniger CO2 binden können. Auch viele kalkbildende Lebewesen sind bedroht, und damit die gesamte Nahrungskette. Andri Snær beschreibt eindringlich diese Gefahren und verwebt sie mit persönlichen Geschichten.

Am meisten hat mich im Buch Wasser und Zeit die Geschichte mit der Kuh beeindruckt, auch wenn sie Andri Snær in Bremerhaven nicht zur Sprache bringt. Die mysteriöse, aus Reif geborene Urkuh Auðhumla der nordischen Mythologie hat sie ihren Ursprung im Himalaja und seinen Gletschern, aus denen milchige Ströme in alle Himmelsrichtungen fließen? Und was, wenn die heilige Kuh verendet und ihre lebensspendende Milch sich in reißende Fluten verwandelt, die katastrophale Überschwemmungen verursachen?  Auðhumla nichts als eine poetische Metapher? Mich würde interessieren, was Svenja dazu sagt. Ich unterhielt mich nach der Veranstaltung mit ihrer Mutter, während die Abiturientin Andri Snærs Buch kaufte und von ihm signieren ließ. Svenja Paulsen ist bereits eine preisgekrönte Forscherin und wird bald auch ein Praktikum beim Alfred-Wegener-Institut beginnen.

Auðhumla nur eine poetische Metapher? Und wenn schon! Auch Steinunn Sigurdardóttir, Islands wohl bekannteste Dichterin, beschwört in ihrem neuen Gedichtband Nachtdämmern (übersetzt von Kristof Magnusson) die bedrohte Schönheit des sterbenden Gletschers Vatnajökull (Wassergletscher) und verwendet die Kuh-Metapher:

sobald die gletscherkuh gebiert, ein eiskalb
aus dem mutterleib presst, da
stirbt ein teil von ihr. Und die nachkommen
strampeln eine weile.
Manche schaffen es aus der sandkiste der
lagune auf das erwachsenenmeer,
die offene see, in ihrem kurzen schönen
leben.

Bernhild Vögel, 15.6.2022

Eigentlich wollte er nur seine Ruhe finden

Source unknown

Er habe eine Einladung zu einem Klassentreffen  erhalten, da seit seinem Schulabschluss 50 Jahre vergangen sind. Das bemerkenswerteste an dieser Einladung war die Rechercheleistung der Organisatoren, welche die Nähnadeln (Klassenkameraden) nach 50 Jahren noch im Heuhaufen fanden, da in alle Winde verstreut.

Gottseidank hätte seine Altersdemenz noch so lange gewartet, dass er sich noch an einen Klassenkameraden dieses Namens erinnern konnte, der damals auch an dem angegebenen Wohnort  wohnhaft war. Was dazu führte, bei der Anfrage auf LinkedIn den Button „Ignorieren“ nicht zu drücken; eine Maßnahme, welche er  dort grundsätzlich bei allen Vernetzungswünschen ergriff, sollte der Anfragende keiner seiner ehemaligen Studenten sein. Massel g’habt.

So ein Klassentreffen nach einem halben Jahrhundert eigne sich vorzüglich dafür, das bisherige Leben zu reflektieren und den Werdegang kritisch zu hinterfragen, so begann er zu erzählen.

Eigentlich hätte ihm persönlich der Hauptschulabschluss genügt. Er hatte keinerlei Ambitionen damals, eine höhere Schule zu besuchen, eher den Wunsch, das Martyrium namens „Schule“ bald verlassen zu dürfen. Wäre da nicht die Forderung seines Vaters gewesen, bei der Eisenbahn in die Lehre zu gehen, da dieser selbst dort arbeitete. Es wäre eine Perspektive gewesen, denn Jungs in seinem Alter wollten damals meistens Lokführer werden, denn dort hätte …

Hätte, hätte, Fahrradkette. Dummerweise wäre er noch lernfähig gewesen, hätte auch sein Erinnerungsvermögen noch nicht eingebüßt und konnte sich somit noch gut daran erinnern, dass alle Löhne, welche er seit seinem 12. Lebensjahr in den Sommerferien durch Ferienarbeit im Büro oder auf den Baustellen im Hochbau und Kanalbau verdiente, von seinem Vater vollständig einkassiert wurden, er noch nicht einmal ein „Taschengeld“ hieraus erhalten habe. Außerdem wäre da noch Theo gewesen, sein Klassenkamerad, der auf die höhere Schule wechselte. Schule ohne Theo? Nicht sein Ding.

Mit der Hilfe seiner Mutter habe er sich bei seinem Vater durchgesetzt und die Hauptschule verlassen. Der Beweggrund wäre demnach keineswegs seine Wissbegier gewesen, sondern die Flucht vor der drohenden Zukunft, auch noch eine geringfügige Ausbildungsvergütung als „Lehrling“ bei seinem Vater abliefern zu müssen.

Dann sei in ihm der Entschluss gereift, anschließend das so genannte Polytechnikum zu durchlaufen und Bauingenieur zu werden. Der primitive Beweggrund: Er zeichnete sehr gerne. Bedauerlicherweise war jedoch diese Idee mit nicht lösbaren Problemen behaftet.

Da er kein Taschengeld erhielt, das jugendliche Alter jedoch bekanntlich mit persönlichen Wünschen geradezu gespickt ist, welche nur via Geld erhältlich, habe er neben dem Schulbesuch diverse Jobs angenommen; Balljunge auf dem Tennisplatz, Obstpflücker im Akkord auf der Obstplantage, Tellerwäscher im Restaurant, Bauarbeiter, Regale füllen bei Metro, etc.  

Gab es da nicht eine Möglichkeit, 1.000 DM im Monat zu verdienen bei freier Kost und Logie, den Führerschein gäbe es auch noch kostenlos obendrauf? Richtig, die Bundeswehr.

Also habe er sich als so genannter „Zeitsoldat“ verpflichtet. Dort gäbe es nach Ablauf der Zeit sogar noch ein nicht zu verachtendes Übergangsgeld obendrauf.

Nichts wie rinn, sei daher sein Entschluss gewesen. Die Ernüchterung habe auch nicht lange auf sich warten lassen. Es müsse einer schon ein großer Patridiot sein, um nicht zu erkennen, dass da Herdentiere abgerichtet werden, welche am Nasenring einer aufgeblasenen Kaste ihrem Untergang entgegengeführt werden sollen.

Da wäre zum Einen der Chef gewesen, der sich bei Kriegsspielen lieber bei der Brigade herumtrieb, da er Major werden wollte, statt sich darum zu kümmern, dass sein Spähtrupp in der Nacht aus dem „Feindesland“ zurückkehren könne und bei der Durchquerung des Minenfelds an der “Frontlinie” nicht von den eigenen Kameraden zusammengeschossen werde, da El Cheffe es mal wieder versäumt hatte, die eigene Truppe zu informieren, dass ein Spähtrupp an dieser Stelle um diese Uhrzeit zurückkomme . Die Unteroffiziere seien daher übereingekommen, dass im „Ernstfall“ El Cheffe der erste Gefallene sein werde, allerdings nicht von der Kugel des Feindes getroffen. Der Spieß, also die Mutter der Kompanie, hätte sich zudem laufend an drastischen Strafmaßnahmen ergötzt, weil das Bett wieder einmal nicht mikrometergenau gefaltet war, und gefiel sich täglich beim Morgenappel in der Rolle des Komödianten: „Mit mir könnt ihr reden, wie mit einem Blöden“. Sollte einer auf die abstruse Idee kommen, dieses Angebot ernst zu nehmen, kam stets dieselbe Antwort: „Halt den Mund, du Eichhörnchen“.

Wen wundere es, dass bei solchen Ereignissen sich der Wunsch nach ausgiebigen Reisen einstelle? Gab es da nicht eine Möglichkeit, vorzeitig vor jenen Typen zu flüchten, welche die Ansicht vertraten, ein Krieg werde dadurch gewonnen, indem der Soldat den kleinen Finger beim militärischen Gruß anlege? Es hätte eine Möglichkeit gegeben: Ein Job beim Militärattaché in einer Botschaft. Nichts wie hin, habe er gedacht, denn das Botschaftspersonal musste alle vier Jahre ausgetauscht werden und wurde danach stets in einem anderen Land eingesetzt. Gibt es eine billiger Möglichkeit, die Welt kennenzulernen?

Sicherlich nicht. Es sei denn, einer würde erst gar nicht in das fremde Land geschickt, da er zwar die besten Noten beim Erlernen der Fremdsprache am Bundessprachenamt erzielte, allerdings in der Fremde kein Auto reparieren könne wie der Kollege, der beim Sprachunterricht mit Pauken und Trompeten durchfiel.

Es hätte allerdings zu Beginn seiner Verpflichtung Experten gegeben, welche den derart Getriebenen ein Talent zur „Systemanalyse“ bescheinigten. Kein Mensch konnte erklären, was damit gemeint ist, allerdings sei seiner Auffassung nach die Natur unbestreitbar ein System, dessen Analyse durchaus interessant sein könne. Also, nichts wie weg, habe er daher beschlossen, so schnell wie möglich und rein ins Studium. Gab es doch das Gebiet der vergleichenden Verhaltensforschung, in welchem auch ausgedehnte Reisen in diverse Kulturen jenseits von Urlauben möglich sind.

Es hätte jedoch in dem Land die Regulierung gegeben, dass ein Studium der Zoologie auf dem zweiten Bildungsweg nicht möglich sei.

War nicht davon zu lesen, dass das Schwarmverhalten der Buntbarsche mit Hilfe von Computerprogrammen analysiert wurde, die Analyse zu dem Ergebnis kam, man brauche nur das Gehirn eines Buntbarsches operativ entfernen, schon wäre er als Führer des Schwarms anerkannt? Ei verbibbsch. Es sei auch davon zu hören gewesen, dass gerade ein neues Studienfach namens „Informatik“ angeboten werde, obschon niemand erklären konnte, was es denn mit dem Begriff „Informatik“ auf sich habe. Vermutlich irgendetwas mit Computer.  

Bekanntlich lebe der Mensch nicht nur von Brot allein, und da ein Informatikstudent neben dem Studium damals mehr im Monat verdienen konnte als ein Professor der Informatik an der Hochschule, war es es um den Geflüchteten geschehen, da seine Sucht nach ausreichendem Einkommen größer gewesen sei als seine Sehnsucht nach vergleichender Verhaltensforschung.

Und da in so genannten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften allzu gerne Rolle mit Kompetenz verwechselt wird, er weder Kompetenzen noch eine bedeutende Rolle vorweisen kann, sei er zeitlebens ein Ónytjungur geblieben, der bei genauer Betrachtung nur seine Ruhe finden wollte.

Gut möglich, dass seine Erfahrungen ihm wenigstens die Sinne dahingehend geschärft haben könnte, endlich die konsequente Haltung und Geradlinigkeit eines Theo zu erreichen. Als damals Theo auf der Straße ein Aushilfslehrer, der sich im Unterricht nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, mit seiner Gattin entgegenkam und stolz und freudig erregt ein Gespräch mit seinen Schülern beginnen wollte, hätte Theo abwehrend seine Hand ausgestreckt, gesagt, dass er privat nichts mit ihn zu tun haben wolle und wäre daraufhin schnurstracks seines Wegs weitergezogen. Ehrlich währt am Längsten.

Womit der Werdegang eines Ónytjungur seines Erachtens vermutlich hinreichend beschrieben wäre. Sollte ein Mensch mit einem solchen Lebenslauf öffentlich hausieren gehen? Besser nicht. Hat dieser beschriebene Mensch sein Leben dazu genützt, „Karriere“ zu machen? „Karriere“ sähe anders aus.

Genau genommen sei er ständig auf der Flucht gewesen, um sein „Selbst“ zu beschützen; und wüsste nach 65 Jahren immer noch nicht, was denn dieses sein „Selbst“ eigentlich sei. Es sei halt dumm gelaufen.  

Die Wohnzimmerkrieger

Bæjarins Besta

Die Trolle Sagnfræðingur und Svikahetja lagen auf dem von der Sonne gewärmten Stein inmitten des Blumenteppichs von Hornstrandir und kamen angesichts der farbenfrohen Blumenarten, welche friedlich sich nebeneinander entwickelten, zu dem Entschluss, sich damit etwas die Zeit zu vertreiben, Annahmen anhand von Gegenüberstellungen einer Überprüfung zu unterziehen.

Sagnfræðingur: „Es gibt nicht nur eine Frontlinie, es sind stets deren sechs, denn die zwei Blöcke an Nationen, die gegeneinander antreten, bilden nur die horizontale Sicht ab. Die alle Nationen umfassende vertikale Sicht benennt allerdings zusätzlich fünf weitere Frontlinien.“

Svikahetja: „Als da wären?“

Sagnfræðingur: „Nun, einmal jener Teil, welcher bereit ist, sich mit Waffen auf das Gebiet einer anderen  Nation in kriegerischer Absicht zu begeben und diese dort einsetzt, dann jener Teil, der nur dazu bereit ist, Waffen innerhalb  der eigenen Nation gegen einen Eindringling aus einer anderen Nation  einzusetzen, und schließlich jener Teil, der aus grundsätzlichen Erwägungen es strikt ablehnt, einen anderen Menschen zu töten.“

Svikahetja: „Ich zähle bisher nur drei weitere Frontlinien.“

Sagnfræðingur: „Nun, dies waren nur jene Frontlinien, welche sich hinsichtlich des persönlichen Gebrauchs von Waffen unterscheiden. Es wären noch jene hinzuzuzählen, welche zwar persönlich keine Waffe gebrauchen, allerdings dieses von anderen Menschen erwarten, beziehungsweise fordern.“

Svikahetja: „Demnach die lautstarke Mehrheit.“

Sagnfræðingur: „Sie werden die Wohnzimmerkrieger genannt, also jene, welche sich in dem Wahn befinden, dass für andere zu gelten habe, was für sie selbst keine Gültigkeit haben dürfe. Gibt es dafür nicht längst einen exakten Begriff?”

Svikahetja: „Nun, diese gehen von dem Grundsatz aus, dass Menschenwürde nicht nur teilbar sei, sondern teilbar sein müsse. Der Begriff hierfür ist auch längst hinlänglich bekannt. Im Englischen gibt es dafür das Wort Nimby, eine Abkürzung für die Entscheidung ‚Not in my backyard‘, anderenorts das Sankt Florian Prinzip genannt: ‚Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!‘“.  

Sagnfræðingur: „André Beaufre, Général d’armée, stellte in seinem Buch ‚Revolutionierung des Kriegsbildes‘ fest, dass alle Aspekte der bürgerlichen Gesellschaft, die Sozialordnung, Wirtschaft, Informationswesen, etc. zu Teilen des Schlachtfeldes geworden seien.“

Svikahetja: „Gilt es nicht, Menschen in ihrer Not beizustehen? Dies nicht zu tun, wäre doch unterlassene Hilfeleistung, oder etwa nicht?“

Sagnfræðingur: „Offensichtlich hatte es sich bei dem General noch nicht herumgesprochen, dass sich die Form der kriegerischen Handlungen in den letzten zwei Jahrtausenden etwas geändert hat.“

Svikahetja: „Als da wäre?

Sagnfræðingur: „Falls ich richtig informiert bin, gab es einst zwei Formen. In der einen Form überfielen Bewaffnete Unbewaffnete, ermordeten, beraubten, vergewaltigten und versklavten diese, in der anderen Form standen sich die bewaffneten Beherrschten unter einem Herrscher sich den bewaffneten Beherrschten eines anderen Herrschers gegenüber und beschränkten sich darauf, sich gegenseitig in einem Event zu ermorden, welcher Schlacht genannt. Wobei in den Geschichtsbüchern festzustellen wäre, dass dies unabhängig von der Herrschaftsform geschah, also sowohl von so genannten Verfassungsstaaten praktiziert wurde, welche laut dem Stagirit dem Gemeinwohl zugewandt seien, demnach den Herrschaftsformen Königtum, Politie und Aristokratie,  als auch von deren Ableitungen, welche dem Eigennutz dienen, also der Oligarchie, Demokratie und Tyrannis.“

Svikahetja: „Nun, wie wir wissen, gibt es heute nur noch jene Herrschaftsformen, in welchen  entweder eine Minderheit aus einem Herrscher und seiner Entourage herrscht, oder eine Masse ihre politischen Entschlüsse als Mehrheit, demnach durch Gewalt durchsetzt. Und?“

Sagnfræðingur: „Verhält es sich nunmehr seit Jahrzehnten nicht so, dass die Form, in welcher sich die bewaffneten Beherrschten unter einem Herrscher sich den bewaffneten Beherrschten eines anderen Herrschers gegenüberstanden, sich dabei darauf beschränkten, sich gegenseitig in einem Event zu ermorden, längst nicht mehr stattfindet? Wogegen ja nichts einzuwenden wäre, da bei dieser Form ja nur Bewaffnete gegen Bewaffnete antreten, kein Unbewaffneter dabei zu Schaden kommt, einmal davon abgesehen, dass die daran teilnehmenden Beherrschten zu dieser Tat entweder gezwungen wurden, oder aus Überzeugung daran teilnahmen.“

Svikahetja: „Nun, wir befinden uns nunmehr im Zeitalter der chirurgischen Schläge, sind demnach wieder zu der Form des sauberen Kriegs zurückgekehrt.“

Sagnfræðingur: „Wie wir wissen, dürfte dies einmal als die dreisteste Lüge der so genannten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften in die Analen eingehen.  Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Anzahl der unbewaffneten Kinder, Frauen und Männer, welche in diesen so genannten sauberen Kriegen ermordet wurden, mittlerweile Abermillionen Menschen zählen.“  

Svikahetja: „Nun, dies sind mittlerweile keine zivilen Opfer mehr, sondern nur noch  Kollateralschäden.“

Sagnfræðingur: „Falls die Teilnahme an einem Krieg, sei dies nun durch Truppen oder Lieferung von Waffen, die einzige Ultima Ratio bliebe, um sich nicht des Tatbestands der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen, müssten sich demnach dort unten nur Feiglinge und Mitleidlose tummeln, wie etwa Mohandas Karamchand Gandhi. Wie willst du dir dann aber erklären, dass dieser Gemeinschaft dort unten trotz des Umstandes, über keinerlei bewaffnete Streitkräfte zu verfügen, es dennoch gelang, fremde Besatzer von ihrem Land zu vertreiben?“

Svikahetja: „Wie meinen?“

Sagnfræðingur: „Verhält es sich nicht so, dass fremde Truppen einst dieses Land nicht verlassen wollten, obschon deren bekanntgegebener Grund für die Invasion, dieses Land vor Feinden schützen zu müssen, schon längst nicht mehr vorhanden war, da der Feind bedingungslos kapituliert hatte?“

Svikahetja: „Soweit mir bekannt, handelten sie mit dem Treibholz, welches die Treibholzbucht nicht mehr verlassen wollte, einen Vertrag aus, welcher die Besatzung für eine bestimmte Zeitspanne legalisierte, erhielten im Gegenzug dafür die Mitgliedschaft in  der NATO, ohne jedoch jemals hierfür eigene Truppen aufstellen zu müssen, als Sahnehäubchen obendrauf sollen sie sich auch noch den   Bau des internationalen Flughafen Keflavík ausbedungen haben.“

Sagnfræðingur: „Waren dies nicht die Nachfahren jener Menschen, von denen erzählt wird, sie hätten einst andere Länder als Bewaffnete überfallen, dort in der Regel Unbewaffnete ermordet, beraubt, vergewaltigt und versklavt?“

Svikahetja: „So ist es. Ihr Verstand hatte sich weiter entwickelt seit jener Zeit.“

Sagnfræðingur: „Demnach ist es folglich durchaus möglich, dass der Mensch etwas durch Bildung dazulerne?“

Svikahetja: „Durchaus. Kein Politiker dort unten käme auf die skurrile Idee, Streitkräfte aufzustellen oder Waffen zu exportieren. Ein solcher würde – um es mit den Worten von Guðbergur Bergsson auszudrücken – konfirmiert und zu den Schwachsinnigen gezählt werden. Es war davon zu hören, dass einmal einer versucht haben soll, heimlich die Küstenwache mit Maschinenpistolen auszustatten. Als er dabei ertappt wurde, flüchtete er sich in die steile Behauptung, es sei ein Geschenk aus Norwegen gewesen, was der edle Spender prompt als Lüge entlarvte. Die Staatsbürger zeigten dem Dummkopf exemplarisch auf, worin der Unterschied zwischen Politie und Demokratie bestehe. Die Aufgabenteilung der Herrschaftsform Politie, welche keineswegs die Herrschaftsform der Mehrheit, sondern die Herrschaftsform von Arete, führte umgehend dazu, dass die Waffen wieder zurück geschickt wurden. Allerdings verhinderte diese Aufgabenteilung die Möglichkeit, dass sich kriegerisches Gehabe auf Worte beschränken könne, um danach Gefallene als Helden zu ehren, ohne sich an deren Tod jemals auch nur im Geringsten schuldig zu fühlen.“

Sagnfræðingur: „Nun, sie trösten sich über diesen Verlust mit dem Lesen von Sagen und Gedichten hinweg, da in diesen mehr Leben aufzufinden als an jedem Kriegerdenkmal.“.

Svikahetja: „Wie aber könnte ermöglicht werden, dass auch die Wohnzimmerkrieger bei den anderen Nationen diese Evolution durchlaufen?“

Sagnfræðingur: „Nur durch schmecken. Die Literatur bietet daher schon seit tausend Jahren solchen Wohnzimmerkriegern eine Anleitung, welche geeignet ist, ihren groben Unfug entweder zu unterlassen, oder wenigstens konsequent zu sein, denn alles andere könne allen Ernstes nur als Geschwätz und Ochlokratie aufgefasst werden.“

Der Troll Sagnfræðingur fasste Svikahetja bei der Hand und beide sangen voller Hingabe die isländische Empfehlung für Wohnzimmerkrieger.

(16) Ósnjallur maður
hyggst munu ey lifa,
ef hann við víg varast.
En elli gefur
honum engi frið,
þótt honum geirar gefi.

(16) Ein erbärmlicher Mensch
glaubt für immer zu leben
wenn er sich vor der Schlacht hütet.
Alter jedoch gibt
ihm keinen Frieden
auch wenn die Speere ihn gewähren

1) Anm.: Vers 16, „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

Pan(nen)demie

Ónytjungur betrachtete am Abend gerade das bunte Treiben unten in der Stadt, als sein Freund  Ferðamaður den Öskjuhlíð heraufkam.

Ónytjungur: Sei willkommen, Ferðamaður. Was gibt es Neues über die wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft zu berichten? Ich hoffe, nur Gutes.“

Ferðamaður: „Wäre nicht erst zu klären, was du mit dem Begriff wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft meinst?“

Ónytjungur: „In der Tat. Soweit mir bekannt, gibt es da jene, in welcher nicht die Ergebnisse zählen, sondern nur Rollen und Privilegien, und solche, in welchen die Rolle nichts zählt, auch keine Privilegien gewährt werden, und nur dem Ergebnis rege Aufmerksamkeit zuteil wird. Auch in der Art der Beschaffung von Informationen ließen sich diese unterscheiden, in jene, welche als Haptiker Erfahrungen aus einer Vielzahl an Büchern schöpfen, vorzugsweise aus Philosophie, Literatur und Wissenschaft, und solche, welche sich lieber in so genannten sozialen Netzwerken tummeln und die Lektüre von Gedichten dahingehend bewerten, dass diese nicht mehr angemessen sei. Du erinnerst dich sicherlich noch an jenen Gast im Restaurant des BSÍ Terminals, der nach Weihnachten aus zwei prall gefüllte Einkaufstaschen nach und nach einen Gedichtband nach dem anderen herausholte, jeden an einer bestimmten Seite aufschlug, die gesamte Fläche des großen Tisches mit all den aufgeschlagenen Gedichtbänden pflasterte, um dann bei einer Tasse kräftigen Kaffees Stunde für Stunde einen Band nach dem anderen heranzuziehen und darin mit Genuss zu schmökern? Weswegen fragst du?“

Ferðamaður: „Ja, er hatte sich entweder in der Bókaflóð eingedeckt oder zahlreiche gute Freunde. Nun, woher ich komme, pflegt man lieber den Hang zum Zweitbuch, gut sichtbar im Wohnzimmerschrank, vorzugsweise Bildbände, Ratgeber oder sonst etwas Repräsentatives. Ich fragte, weil ich mir keinen Reim darauf machen kann, weswegen die Ergebnisse bei zwei unterschiedlichen wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften derart auseinander klaffen.“

Ónytjungur: „Als da wäre?“

Ferðamaður: „Nun, wie du sicherlich bereits erfahren hast, treibt sich gerade weltweit eine infektiöse organische Struktur herum, welcher reihenweise Menschen zum Opfer fallen, also daran sterben.“

Ónytjungur: „Hat sich auch hier oben herumgesprochen. Sind nicht alle wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften gleichermaßen von der infektiösen organischen Struktur betroffen? Ich erinnere mich, dass dort unten diese infektiöse Struktur zuerst entdeckt wurde, als Einheimische aus einem Ort  namens Ischgl krank zurückkehrten, und der Epidemiologe dort unten das Kaff bereits am 5. März darüber informierte. Reim dich oder ich fress dich.“

Ferðamaður: „Wie kommt es dann, dass dort unten die Letalitätsrate bei 0,1 % liegt, trotz einer  Infektionsrate von 45,5 % und anderenorts die Letalitätsrate bei 0,7 % trotz einer geringeren Infektionsrate von nur  21,6 %? Sicherlich hast du hierzu auch einen passender Reim  in deinem Portfolio.“

Ónytjungur: „Nun ja, hier treiben sich nur ungefähr 368.720 poten-tielle Opfer herum, anderenorts geht die Anzahl in mehrere Millionen, wie auch dir bekannt sein dürfte.“

Ferðamaður: „Ist dies dein Reim? Du entpuppst dich als Laubendichter?“

Ónytjungur: „Ich sage nur die Wahrheit.“

Ferðamaður: „Zweifellos, allerdings unterschlägst du dabei wesentliche Eigenschaften, was ich von dir bisher nicht gewohnt.“

Ónytjungur: „Welche wesentlichen Eigenschaften, du Naseweis.“

Ferðamaður: „Zum Beispiel jene, dass es dort unten nur eine Gesundheitsbehörde gibt, welche sich um ungefähr 368.720 potentielle Opfer sowie um die zusätzlich anreisenden Passagiere am internationalen Flughafen Keflavík zu kümmern hat, dort hingegen sich sage und schreibe 376 Gesundheitsbehörden um die Angelegenheit kümmern, im schlimmsten Fall für nur 338.218 potentielle Opfer. Zudem wurden hier alle Einreisenden – Jacke wie Hose,  ob nun geimpft, ungeimpft oder getestet – einem PCR-Test unterzogen, 5 Tage zur Quarantäne in eine kostenlose Unterkunft verwiesen, erhielten nach 5 Stunden das Ergebnis des ersten PCR-Tests und nach 5 Tagen Quarantäne das Ergebnis des zweiten PCR-Tests auch innerhalb von 5 Stunden, erst danach durften alle raus. Welchen Reim machst du dir nun darauf?“

 Ónytjungur: „Möglicherweise sind diesen dort die Hände gebunden …“

Ferðamaður: „Wieder daneben.“

Ónytjungur: „Nun bin ich s, der sich darauf keinen Reim machen kann. Hättest du auch eine Erklärung parat, welche auf vorhandene Plausibilität überprüfbar ist?“

Ferðamaður: „Wäre einen Versuch wert. Wie dir sicherlich bekannt sein dürfte, ist es die Zeit, welche bei einer Pandemie Leben rettet, oder etwa nicht?“

Ónytjungur: „Das ist eine Binsenweisheit, die keinen Wissenszuwachs bringt, da dies dort unten bereits jeder ABC-Schüler kennt. Und?“

Ferðamaður: Wie lange dauert es dort unten, bis die Infektionskette der infektiösen organischen Struktur unterbrochen wird?“

Ónytjungur: „Nun, die Gesundheitsbehörde dort unten hat umgehend selbst eine Warn-App entwickelt und bereits im April 2020 freigegeben. Die Ergebnisse von PCR-Tests wurden bereits spä-testens nach 5 Stunden mitgeteilt, war einer positiv, wurden dessen Kontakte umgehend aus der Warn-App von der Gesundheitsbehörde ausgewertet und gefährdete Kontaktpersonen unmittelbar per Anruf informiert, dass sich diese in Quarantäne zu begeben haben,  …“

 Ferðamaður: „… und erzielten damit eine 7-Tage Inzidenz von Null. Mir bekannt.“

Ónytjungur: „Und anderenorts?“

Ferðamaður: „Die verließen sich auf Antigen-Tests, Schüler mussten eine OP-Maske tragen.“

Ónytjungur: „Ei verbibbsch. Verhält es sich nicht so, dass Antigen-Tests sehr ungenau sind und OP-Masken bei einem Maskenball angebrachter wären?“

Ferðamaður: „Nun, glaubwürdige Quellen berichten, dass ein großer Online-Händler alle seine Mitarbeiter täglich am Eingang jedes Logistikzentrums einem Antigen-Test unterzieht und nur jene in den Betrieb lässt, welche negativ getestet wurden.“  

Ónytjungur: „Eine weise Maßnahme.“

Ferðamaður: „Dumm nur, dass die Anzahl an Mitarbeitern, welche an der Pforte negativ getestet wurden, kurz danach jedoch wegen Symptomen in einem PCR-Test positiv getestet wurden und deren Anzahl zunimmt.“

Ónytjungur: „Coup de théâtre! Taugen die Antigen-Tests nichts?“

Ferðamaður: „Du weißt ja, wo schnelles Geld gemacht werden kann, musst du auf Betrüger und Vetternwirtschaft nicht lange warten. Zudem sind dort die Behörden immer noch dabei, die feilgebotenen Produkte zu testen, um für die gutgläubigen Anwender die Spreu vom Weizen zu trennen.“

Ónytjungur: „Nach zwei Jahren? Da ist es doch gut, dass die geringe Anzahl von Konsumenten hier große Online-Händler nur müde abwinken lässt, da nix zu verdienen wäre, und dass die Bevölkerung dort unten noch über zwei Beine verfügt, alle Anbieter von Produkten ihre Geschäfte folglich nicht zu schließen brauchen. Wieso sind die dort nach zwei Jahren immer noch nicht damit fertig, die Spreu vom Weizen zu trennen? Steckt darin nicht ein sehr großes Gefahrenpotential?“

Ferðamaður: „Þetta er ekki til umræðu. Zudem zöge ich es vor, über jenes, von dem ich weiß, von einem Anderen zu hören. Ich fliege morgen nach Portugal.“ 

Ónytjungur: „Wie kommt’s?

Ferðamaður: „Ich habe Sehnsucht, einen oder eine Fadista zu hören.“

Ónytjungur: „Fado? Sehnsucht nach Liedern über vergangene Zeiten? Sehnsucht nach besseren Zeiten? Unglücklich verliebt?“

Ferðamaður: „Weit gefehlt, das Liedgut umfasst auch Werke zu sozialen Missständen.“

Ónytjungur: „Oder treibt sich dort die infektiöse organische Struktur nicht herum?“

Ferðamaður: „Weit gefehlt. Obschon dort seit Langem mehr als 90 % vollständig geimpft sind, steigt weiterhin kontinuierlich die Infektionsrate und liegt nun bei 33,6 %.“

Ónytjungur: „Nun denn, so sei es meinetwegen. Hast du vorher noch Lust, mit mir ein Lied zu singen?“

Ferðamaður fasste Ónytjungur bei der Hand und beide tanzten einen Reigen um Perlan herum.

(75) Veita hinn
er vætki veit,
margur verður af aurum api.
Maður er auðigur,
annar óauðigur,
skylit þann vítka vár. 1)

(75) Gewähre dem,
der nichts weiß;
oft wird Reichtum nachgeäfft.
Ein Mensch ist reich,
ein anderer arm,
keinem ein Vorwurf
wegen Unglück & Pech.

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986 

Anmerkung: Am 30. März 2022 berichtet DER SPIEGEL:

Das Paul-Ehrlich-Institut hat vielen Antigenschnelltests ein gutes Zeugnis beim Omikronnachweis ausgestellt. Zu Unrecht, meint der Münchner Virologe Oliver Keppler, die Studie sei unzulänglich. Kritik gibt es vor allem an der Stichprobe. Der Münchner Virologe Oliver Keppler hält die günstige Bewertung von Corona-Schnelltests durch das bundeseigene Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für falsch. Der Leiter der Virologie an der Münchner Ludwig Maximilians-Universität (LMU) wirft den Studienautoren des PEI vor, dass eine Arbeit, die das PEI in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, wissenschaftlichen Standards nicht genüge. Keppler kritisiert unter anderem, dass die Zahl der Proben für eine verlässliche Studie viel zu gering gewesen sei. …

Es wurde eine viel zu kleine Zahl an respiratorischen Proben pro Virusvariante untersucht, nämlich 4, verglichen mit 50 bis 100 in den meisten internationalen Studien“, schreibt Keppler in seiner Bewertung der PEI-Studie. Die PEI-Daten erfüllten wissenschaftliche Mindeststandards nicht und seien daher nicht aussagekräftig.

Für solche Untersuchungen braucht es ausreichend große Probensets, um statistische Vergleichbarkeit zu erzielen“, heißt es in Kepplers Stellungnahme. Darüber hinaus seien weitere Untersuchungen mit in Zellkulturen expandierten Virusvarianten durchgeführt worden, obwohl die klinische Aussagekraft dieser Methode mittlerweile stark bezweifelt werde. „Man hat fast den Eindruck, hier wurde ein »Jugend Forscht«-Projekt durchgeführt.“

Die vielen Alltagsberichte von mehrfach falsch-negativen Antigenschnelltests selbst bei symptomatischen Menschen, bei denen dann erst Tage später per PCR Covid-19 diagnostiziert wird, sollten uns allen zu denken geben“, schrieb Keppler – und kritisierte das PEI scharf: „Für eine mit Millionen durch den Bund geförderte Bundesbehörde, deren genuine Aufgabe und Verantwortung es ist, diese Fragen fundiert und verlässlich für das Pandemiemanagement in unserem Land zu klären, ist dies fast vier Monate nach Erstbeschreibung von Omikronfällen in Deutschland viel zu spät, inhaltlich dünn und in der Aussagekraft fraglich.

Balu im Cafe Hresso

Wenig ist auf Ísland mehr geächtet als Anwendung von Gewalt.

Das völlige Fehlen von Mimikry verbindet sich auf Ísland – bei Individuen wie auch bei der Gemeinschaft insgesamt – mit absoluter Ächtung jeglicher Gewaltanwendung. Wenig verdeutlicht dies mehr, als eine gewaltsame Auseinandersetzung in der Hitze eines mitternächtlichen Pubs, wenn zu Live-Musik tanzend Individuen angetrunken aneinander geraten. 

Eine junge Frau sitzt allein an einem großen Tisch vor ihrem Bier und erwartet erkennbar, dass sie sich heute nicht allein amüsieren sollte. Sie fällt auf in dem Trubel, da die Nachkommen der Elfen und Tröll eigentlich nie alleine, sondern immer wenigstens zu zweit oder gar in kleinen Gruppen von Pub zu Pub ziehen, andere treffen, und in aller Regelmäßigkeit wiederum in kleinsten Gruppen, nun neu gemischt und zusammengesetzt, bald auch wieder den nächsten Pub ansteuern; in ihrem Verhalten irgendwie an Amöben erinnernd, die auf optimalste Art und Weise futterreiche wie futterarme Terrains durchmessen.

Ein stattlicher Bursche in Lederjacke springt in dieses Treiben, springt mit einem weitausholdenden Schritt in den Pub, zieht – für alle Anwesenden bestens sichtbar – auf der Tanzfläche eine spektakuläre One-Man-Show als Little-Travolta ab. Arme kurbeln, Hüfte schwingt, zum Abschluss der Vorstellung der spektakuläre Kniefall. Um sich dann – der Aufmerksamkeit aller Anwesenden gewiss, obschon kein einziger hinsah, da mit Interessanterem beschäftigt – gemessenen Schrittes an die Theke der Bar zu begeben, und nach der Bestellung eines Drinks sich nach alleinstehenden Seelen weiblichen Geschlechts umzusehen.

Die beiden haben sich gefunden. Bei gemeinsamen Cocktails und erotischem Gereibe an der Bar verrenken sich daraufhin beide sichtlich angeheitert lasziv auf der Tanzfläche in ihr Vergnügen. Der Bursche geht, von Erfolg gesättigt, zurück an die Bar, und gefällt sich dort in angeregten Gesprächen mit den Barmädchen, seine frische Eroberung allein vor sich hin wiegend auf der Tanzfläche zurücklassend.

Das ruft Balu den Bär ins Geschehen. Er trennt sich, ebenfalls allein sitzend, von seinem Glas Wasser; und – einer reifen Birne nicht unähnlich, mit verträumtem Gesichtsausdruck eines Balu – schwebt er nun zur Tanzfläche, mit dem gleichen tänzelnden Unterleib wie eben jener Bär, wie ein Gockel, mit seligem Lächeln im Nirwana der Verzückung sich aufhaltend, um mit der Alleingelassenen, von dieser hoch willkommen, in den siebten Himmel von Fred Astaire zu entschweben.

Solcherlei Verhalten war aber mit dem Selbstverständnis der billigen John-Travolta-Imitation nicht vereinbar, die daraufhin ihr Whiskyglas  nahm, sich von den Barmädchen abwandte, zur Tanzfläche schritt, und den Inhalt des Glases der frischen Eroberung über deren langes Haar schüttete.

Schon strömten zielstrebig aus allen vier Ecken des Pubs die in Schwarz gekleideten Türsteher auf den Burschen zu.

Wer sich nun eine zünftige Schlägerei oder wenigstens erregte Wortgefechte erwartet hatte, kam leider nicht auf seine Kosten. Die Türsteher, alle vier von Beruf Polizisten, welche sich Nächtens über einen zweiten Job im Pub durchs Leben bringen, argumentierten mit den sanftesten, freundlichsten Stimmen und gütigsten Gesichtern solange auf deeskalierende Weise mit dem Burschen, bis dessen erregte und angetrunkene Stimme immer leiser wurde, er sich verständig zeigte, und die Polizisten sich mit einem festen Händedruck von ihm verabschieden konnten. Als beim Hinausgehen die Durchnässte ihm in ihrer Frustration noch einen Fußtritt nachschicken wollte, packte sie einer der Türsteher und trug sie wieder zur Bar zurück, statt sie auch des Pubs zu verweisen.

Wenn nun jemand gehofft hatte, Umstehende würden dieses Spektakel von der unfreiwilligen Dusche bis zur Entfernung des Gewalttäters schaulustig begleiten, wurde dieser herb enttäuscht. Nicht ein einziger würdigte diese Szenerie mit einem Blick. Sie hatten ein interessanteres eigenes Leben, um sich an Ungewöhnlichem Aufregung verschaffen zu müssen, gingen sozusagen, wie Isländer es ausdrücken, in ihrer eigenen Spucke, und wollten darüber hinaus dem begießenden Pudel, da er in ihren Augen sein Gesicht verloren hatte, in aller Freundschaftlichkeit die Peinlichkeit wegen Aufmerksamkeit ersparen.

Ein Vergleich mit Gepflogenheiten in Vergnügungsstätten jener Länder, in welchen Feuerriesen hausen, erübrigt sich.

Es ist nachvollziehbar, dass als Ergebnis eines vom Milch-Absatzkartell des Elfenlands unter den Schülern ausgelobten Poesie-Wettbewerbs folgende Zeilen eines Schülers als Erkenntnis herauskamen, welche die Elfenkinder dann morgens auf den Milchkartons täglich beim Frühstück studieren konnten:

Þá
Mér fannst svo gaman
að kvelja hann
og enginn
þorði að klaga mig


Ég sá hann í dag,
hann er frægur.
Ég öfunda hann,
því hvað er ég?
Ekkert! 1)

Übersetzung:

Damals
war ich so glücklich
ihn zu peinigen
und keiner
wagte mich anzuklagen.

Jetzt
sah ich ihn heute,
er ist berühmt.
Ich beneide ihn;
was bin ich?
Nichts!  

1) Autor unbekannt

Einsicht als Bedürfnis

Lljósmynd:  © Ragnar Ómarsson

Die Trolle Grúskari und Kjaftaskúmur liegen unweit von Hnifsdalur auf dem Dach eines Kofi und betrachten das Polarlicht, welches ein rotes Kleid angezogen hat.

 Kjaftaskúmur: „Gibt es Neues von Ónytjungur?“

Grúskari: „Wie du weißt, leidet er immer noch unter dem Malheur, bei seiner Geburt nicht unter Unseresgleichen aufwachsen zu dürfen, da er flugs einer Familie als Wechselbalg  untergeschoben wurde.  Vermutlich befindet er sich noch in der imaginalen Welt, wo Geistiges verkörperlicht und Körperliches vergeistigt wird.“

Kjaftaskúmur: „Daher wohl auch sein übersteigertes Interesse an fremdartigen Kulturkreisen, steckt er doch ständig seine Nase in Angelegenheiten, welche ihn eigentlich nichts angingen.“

Grúskari: „Nun, er ist davon getrieben, auf seinen Reisen endlich vertrauenswürdige Zusammenhänge zu entdecken, da er immer noch einer erklärenden Orientierung  entbehre …“

Kjaftaskúmur: „Wie kommt‘s? Die Welt erfreut sich da draußen geradezu an einer wahren Sintflut an Orientierungshilfen, wird regelrecht hiervon überschwemmt, und bestünde diese Sintflut nicht aus Worten, sondern aus Wasser, keine Arche wäre groß genug, um sich vor ihr in Sicherheit zu bringen.“

Grúskari: „Er ist wohl aus Erfahrungen heraus zu der Ansicht gelangt, dass er einer anderen Erklärungsebene bedarf, da ihm die vorhandenen Erklärungsebenen zu viele Widersprüchlichkeiten enthielten.“

Kjaftaskúmur: „Widersprüchlichkeiten? Meint er Unstimmigkeiten?“

Grúskari: „Unstimmigkeiten ließen sich beseitigen. Wohl  eher Unvereinbarkeiten.“

Kjaftaskúmur: „Wozu gibt es Lehrer? Diese sind studiert und wissen sich in der Kunst, Unvereinbarkeiten auflösen zu können, gut zu helfen.“

Grúskari: „In der Tat. Er war auch sehr wissbegierig und konnte damals den ersten Schultag kaum erwarten, solange, bis ihm die Lehrerin am zweiten Schultag mitteilte, dass er eine Missgeburt sei, ihm mit einem Rohrstock ständig auf die Finger schlug, seine Zieheltern einbestellte und diesen dringend auftrug, sie sollten bei den Hausaufgaben seinen linken Arm auf den Rücken binden, damit er endlich mit der rechten Hand schreibe.“

Kjaftaskúmur: „Nun, es gab sicherlich pädagogische Gründe für diese Maßnahme, sonst hätten die Kultusministerien diese nicht angeordnet. Für was gibt es Geistliche, welche darin geschult wurden, sich um hilfsbedürftige Seelen zu kümmern und den Verzagten Trost zu spenden.

Grúskari: „Welche meinst du? Jene, welche bei einer Zeremonie Panzer und Haubitzen segnen und es noch nicht einmal zustande bringen, untereinander sich einig darin zu sein, ob die ein und dieselben Person jüdischen Glaubens sei oder nicht, Christ sei oder nicht,  Moslem sei oder nicht?“

Kjaftaskúmur: „Nun gut, er hätte sich als offenbarte Missgeburt auch an einen Arzt wenden können,  damit seine Plage ein Ende finde.“

Grúskari: „Er hatte begründete Zweifel, dass dieser geeignet gewesen wäre, ihn von seiner schweren Last zu befreien, denn seiner Erfahrung nach war wohl eher dessen Gegenteil zu erwarten. War er  doch jahrelang Augenzeuge, wie Eltern aufgetragen wurde,  den Köper ihres kleines Kindes jahrelang jede Nacht in eine Gipsform zu schnallen, in welchem dann das Kind gezwungen war, jede Nacht mit gestreckten Armen und Beinen auf dem Rücken zu liegen, da beide Arme und Beine mit einem Band an der Gipsform zu fixieren waren. Da wäre doch ein auf den Rücken gebundener Arm wohl das kleinere Übel, oder etwa nicht?“

Kjaftaskúmur: „Dumm gelaufen. Und was wäre dann seiner Ansicht nach eine Erklärungsebene, welche solcherart Unvereinbarkeiten beseitigen könne? Handelt es sich bei ihm dann nicht vielmehr um eine abhängige Kreatur, da er immer noch an seinen kindischen Wunden hängt, diese liebevoll leckt, statt sich bei allseits anerkannten Koryphäen hilfreichen Rat zu holen, welcher geeignet wäre, die von ihm als Unvereinbarkeiten  wahrgenommenen Sachverhalte in Luft aufzulösen?“

Grúskari: „Führt dies nicht zu so etwas wie einer griechische Tragödie? Damals wurde der Chorführer als Koryphäe bezeichnet, nun wird diese Titulierung solchen Personen zuteil, welche durch außergewöhnliche Leistungen hervorstachen, also Autoritäten und Sachkundige eines bestimmten Sachgebiets.“

Kjaftaskúmur: „Wieso sollte es in eine Art von griechischer Tragödie enden, wolle sich einer in die Hände von Experten begeben?“

Grúskari: „Du willst mir hier nicht allen Ernstes erzählen, dass jener Lehrer, Pfarrer und Arzt nicht genau dies taten, oder glaubst du etwa, deren Handlungen wären auf deren eigenem Mist gewachsen?“

Kjaftaskúmur: „Nun, die Zeiten ändern sich“.

Grúskari: „Was hat die Zeit damit zu schaffen? Sind es nicht vielmehr die Ideen, welche sich mit der Zeit ändern?“

Kjaftaskúmur: „Nun, die Schwarmintelligenz wird schon dazu führen, dass sich die besten Ideen durchsetzen werden.“

Grúskari: „Du meinst jenes Gebaren, welches dazu führte, dass in Afrika und Nordamerika ganze Völker  abgeschlachtet wurden, nur weil diese nicht bereit waren, den Preis für die Früchte solcher Ideen zu bezahlen?“

Kjaftaskúmur: „Nun, es ist ja noch nicht aller Tage Abend.“

Grúskari: „Was die Frage aufwerfe, wie lange eine Hoffnung aufrechterhalten werden könne, ohne dass diese erfüllt werde. Verhält es sich doch so, dass der Inhalt der Wahrnehmung und der Sinnesorgane sich in einer  kontinuierlichen Änderung befinden,  also einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen sind.“

Kjaftaskúmur: „Will sagen?“

Grúskari: „Dass im Falle, es ist vorher in der Vernunft kein allgemeines Wissen vorhanden, es dann  auch nicht möglich sei, konkrete Sinneswahrnehmungen ins Allgemeine, ins Abstrakte, in Ideen umzuwandeln.“

Kjaftaskúmur: „Welcher Art könne dieses Wissen sein“? Erworben durch die Fähigkeit  des Übergangs vom Einzelnen zum Allgemeinen? Gibt es doch zwei Methoden der Behandlung. Die eine ist die analytische Methode, die andere ist die zusammensetzende Methode. Die analytische Methode beschränkt sich auf Funktionen und Eigenschaften, die zusammensetzende Methode auf die Eigenschaften der Funktionen und deren Ordnung.“

Grúskari: „ Nun, wäre hierzu nicht die Denkmethode laterales Denken vonnöten, um gegebene Pauschalisierungen als solche erkennen zu können, wie auch den Unterschied zwischen Pauschalisierung und Generalisierung?“

Kjaftaskúmur: „Nun, Pauschalisierungen sind bekanntlich  Ergebnisse von Dumpfbacken für Dumpfbacken, das Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch nehmend, allerdings mit der Einstellung betrieben, Argumente und Widerlegungen als schädlich einzustufen. Soweit mir bekannt, wendet im Gegensatz hierzu die Generalisierung analytische und zusammensetzende Methode an, von konkreten Beobachtungen ausgehend zu einer Abstraktion, indem die ermittelten Eigenschaften säuberlich getrennt einem Träger zugeordnet werden.“

Grúskari: „Was allerding vergeblich wäre.“

Kjaftaskúmur: „Wie meinen?“

Grúskari: „Nun, gesetzt den Fall, es entstünde hieraus ein wohldefinierter Begriff, so wäre damit keineswegs sichergestellt, dass alle unter dem Begriff sich jenes vorstellten, was der Begriff aussage.“

Kjaftaskúmur: „Wie kommts?“

Grúskari: „Nun, soweit bekannt, werden manche Begriffe durch Wesen dort im Tal durch Selbstbezeichnungen aus primitiven Beweggründen heraus einfach okkupiert, was einen Bedeutungswandel im Sinne einer Bedeutungsverschlechterung nach sich ziehe, der Begriff daher nicht mehr verwendbar wäre, sei er auch noch so durch saubere Generalisierung entstanden.“

Kjaftaskúmur: „Beispiel?“

Grúskari: „Der Begriff Querdenker.“

Kjaftaskúmur: „ Was wäre zu tun, um diesem Unfug eine Ende zu setzen?“

Grúskari: „ Woher kann ich das wissen? Ich bin weder Generalist noch Spezialist. Verhält es sich nicht so, dass der Generalist von immer mehr immer weniger weiß, bis er von Allem nichts mehr weiß, und der Spezialist von immer weniger immer mehr weiß, bis dass er von Nichts alles weiß?  Willst du mit mir ein Lied singen?“

Der Troll Grúskari ergreift die Hand von Kjaftaskúmur und beide tanzen singend einen Reigen.

(05) Vits er þörf
þeim er víða ratar.
Dælt er heima hvað.
Að augabragði verður
sá er ekki kann
og með notrum situr.
1)

(05) Einsicht als Bedürfnis
wer vielerorts den eigenen Weg findet.
Leicht ist es nur zuhause.
Dem werden  die Augen mit Spott geöffnet,
der ohne Wissen ist
und bei Weisen sitzt.

1) Anm.: Vers 5, „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

Wie die Zukunft, schwarz und bitter?

Lljósmynd:  © Bernhild Vögel

Die isländische Sprache kennt zwei Verben für das deutsche Wort „schreiben“: „skrifa“ und „kvitta“. Intelligentere  Zungen behaupten, das Verb „skrifa“ solle nur  für die Herstellung literarischer Werke angewendet werden, für alles weitere genüge auch das Verb „kvitta“.

Im Jahr 1986, als überÍsland noch bei  „Völker draußen in der großen Welt … die meisten meinten, es sei von Eskimos bewohnt, die sich von Läusen ernährten“ und „es sich nur wenige leisten können, zwischen den Landesteilen hin und her zu rasen, mit Fahrrad auf dem Auto und Boot auf dem Wohnanhängerdach, ein so häufiger Anblick auf deutschen Straßen, wenn es hinaus ‚in die Natur‘ geht“-  um es mit den Worten von Guðbergur Bergsson auszudrücken -,  lag in der Buchhandlung Eymundsson der Band 3/1986, Ausgabe 143 von „die horen“ zu isländischer Nachkriegsliteratur, Kunst und Kultur, mit dem Titel „Wenn das Eisherz schlägt“, herausgegeben von Franz Gíslason, Sigurður A. Magnússon und Wolfgang Schiffer.

Dem Dichter Siguðrur Pálsson in seinem Gedicht „Auf der Straße des Gedichts“ folgend, war es damit möglich, isländische Dichtkunst der Gegenwart auch in deutscher Übersetzung zu lesen. Erfreulicherweise haben gute Gedichte kein Verfallsdatum, da zeitlos.  

Da weder Dichter noch Literat, möge daher für diese Bekanntmachung die Tätigkeit „kvitta“ angewendet werden:

Es mag sein, dass manche Leser Gedichtbände wie einen Maßkrug auf ex hinunterspülen. Eine angemessene Annäherung wäre allerdings, Gedichte wie einen guten roten Tropfen aus Barrique-Lagerung zu genießen, Schlückchen für Schlückchen schlürfend, mit viel Sauerstoff vermischt und mit Pausen dazwischen, um den Schluck im Abgang voll wirken zu lassen. Bei manchen Gedichten bleibt der Nachklang ein Leben lang,  so wie auch bei dem Gedichtband „Dass die Erde einen Buckel werfe“, Gedichte von Wolfgang Schiffer in deutscher Sprache, erhältlich am 21. Februar 2022 im deutschen Buchhandel, herausgegeben vom ELIF-Verlag. 1)

Nun, der Genuss gelänge sicherlich auch ohne Alkohol, zum Beispiel bei einer Kanne Kaffee. Ein Getränk, welches auf Ísland in jener Zeit, als noch kein Alkohol in den Restaurants und Cafes ausgeschenkt wurde, in 1 Literkannen serviert wurde. Demnach in jener Zeit, als auch noch keiner fragte, wie man denn den Kaffee wünsche. Heutzutage, wo die diversen möglichen Varianten mit der Anzahl an Varianten zu wohlfeilem Hunde- und Katzenfutter konkurrieren, mag der  Gourmet auf jene Art und Weise antworten, welche „smart Icelandic“ genannt wird : „Wie die Zukunft, schwarz und bitter.“

Nur soviel: Solange es Gedichte gibt, gibt es auch Anlass zur Hoffnung, dass die Zukunft nicht schwarz und bitter werde.  Es wäre daher zu wünschen, dass eines Tages das Gedicht „Lamento und Eingeständnis“ des Dichters Wolfgang Schiffer als öffentlicher „Sprechakt“ (Manifest) von allen Lesern unterzeichnet werden könne, mit dem Versprechen, von nun an damit zu beginnen, diesem Irrsinn abzuschwören und im Sinne des Verfassers durch Taten und Unterlassungen die Welt endlich in eine Lebenswertere aktiv zu verändern.

Bleibt noch zu wünschen, dass alle Gedichte des Dichters Wolfgang Schiffer eines Tages auch in isländischer Übersetzung erhältlich sind, und dass er fortsetzen möge, indem er noch weitere Gedichte hinzufüge; dass seine Hände weiterhin um seine Gunst buhlen, um es mit den Worten des Dichters Werner Friebel auszudrücken:

Die Hände buhlen um meine Gunst

Fleißig zieht die Rechte
Tintenbahnen über’s Blatt:
Hüpft unterwürfig dienstbereit,
meinen Gedanken Form zu geben;

derweil die Linke ruht
und katzenartig eingerollt
den Augenblick erschnurrt,
meinem Mund den Wein zu reichen.

1) „Dass die Erde einen Buckel werfe“. Gedichte, ELIF Verlag, Nettetal 2022, ISBN 978-3-946989-43-1