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Des Gnoms Genom

Tilvera: “Sie setzen nun entdecken dem erfinden gleich, und argumentieren, dass kein Unterschied bestehe zwischen den beiden Tätigkeiten, denn es sei der Verstand, der entdecke, und da dieser  es ist, der finde, sei es erfunden, und keineswegs entdeckt. Dein Genom wurde daher keineswegs entdeckt, sondern erfunden.”

Ónytjungur: “Ich besitze keinen Gnom. Es war daher bei mir auch keiner zu entdecken, und wäre da, weil bei mir hier nichts zu finden war, deswegen erfunden worden, dass ich einen Gnom besitze, so wurde dies meiner Erinnerung nach vor nicht langer Zeit noch Lüge genannt. Und diese meine Aussage ist wahr,  sowohl für jenen Fall, dass du mit dem Wort Gnom einen Erdbewohner meintest, als auch für jenen Fall, dass du mit dem Wort vom Verstand sprachst.”

Tilvera: “Ich sagte Genom, und nicht Gnom. Du spottest über Kleinwüchsige?”

Ónytjungur: “Wo denkst Du hin. Du weißt, das unsichtbare Volk ist unser treuester Freund, und wir Tröll deren treueste Freunde. Und da das unsichtbare Volk, wie der Name bereits darauf hinweist, unsichtbar ist, kann kein Tröll wissen, ob diese Bewohner im Untergrund nun Riesen, Zwerge, oder keines von beiden sind.  Demnach ist für uns Tröll eine bestimmte Körpergröße völlig nichtssagend, denn wäre es anders, wie könnten wir dann deren treueste Freunde sein.”

Tilvera: “Dennoch sagte ich Genom, und nicht Gnom.”

Ónytjungur: “Würdest Du mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass im Falle, mit dem Wort Gnom würden Erdbewohner bezeichnet, dann mit dem Wort eine angemessene Vorstellung über das Bezeichnete verbunden werden könne, hingegen  im Falle, es würde mit dem Wort Verstand bezeichnet,  keine angemessene Vorstellung über das Bezeichnete verbunden werden könne?

Tilvera: “In beiden Fällen wäre das darüber Bezeichnete einer Vorstellung zugänglich. Es ist aber immer noch so, dass ich vom Genom sprach, und nicht vom Gnom.”

Ónytjungur: “Gemach. Wie du weißt, gibt es keine Messgröße, die das Ausmaß an Verstand messe, also jener Fähigkeit, über welche mittels Begriffen sich etwas vorgestellt werde. Eine Messgröße  gibt es selbst dann nicht, setzte einer eine solche. Zudem, bildete einer Begriffe, und verknüpfte er diese dann mit Urteilen,  so wäre einer – wolle er in Folge darüber aussagen – dazu gezwungen, dieses  über Vergleiche mitzuteilen, da über Sprache nur Aussagen von Vergleichen möglich. Doch was wäre dann beschrieben über dieses Etwas, wenn erzählt, es sei größer oder kleiner als, dicker oder dünner als, älter oder jünger als, und was da an Vergleichen noch so möglich?  Das Ding selbst? Oder nur das Ergebnis eines Vergleichs, bezogen auf irgendeine Messgröße?”

Tilvera: “Nun, ebenso verhält es sich mit jenem, was mit dem Wort Akzeptanz bezeichnet. Auch über diese gibt keine Messgröße, die ein Ausmaß an Akzeptanz messe. Selbst dann nicht, setzte einer eine solche. Denn diese wäre immer willkürlicher Natur. Und so wäre von Akzeptanz nur zu sagen, dass es zwar einen oberen und unteren Schwellwert hinsichtlich vorhandener oder nicht vorhandener Akzeptanz gebe, jenseits derer entweder – in der einen Richtung – die Urteilsfähigkeit sich in ein  kollektives Delirium begebe, oder-  in der entgegengesetzten Richtung – ein konkretes Individuum sich  von jeglichem weiteren Versuch einer Kontaktaufnahme verabschiede, nicht jedoch, ab wann denn diese Schwellwerte nach oben oder nach unten genau über- oder unterschritten seien.”

Ónytjungur: “Wie kannst du dann behaupten, in beiden Fällen wäre das darüber Bezeichnete einer Vorstellung zugänglich, also sowohl bei den Ding Erdbewohner, wie bei dem Nichtding Verstand?”

Tilvera: “Nun, weil die Resultate aus der Bildung von Begriffen, und der damit verknüpften Urteile für jedermann wahrnehmbar, so er über Sinne verfüge.”

Ónytjungur: “Zugegeben. Und das auch noch unübersehbar. Jahrhunderte sitze ich nun bereits auf meinem Stein, bin durch Länder gereist, habe mir erfahren, was an Dingen jenseits des Horizonts, und bin dort auf jenes gestoßen, was Intelligenz genannt.”

Tilvera: “Nun, dann verfügst du bereits über Wahrnehmung, was Voraussetzung von Intelligenz. Wie du sicherlich weißt, ist Wahrnehmung selbst nur dumm.”

Ónytjungur: “Nun, ich bin ein Tröll. Ziehe demnach Betrachtungen über Wahrgenommenes allemal einer möglichen Intelligenz vor, und bleibe daher lieber dumm. Stahl doch die Intelligenz zuerst das Land, das ausnahmslos für alle bestimmt, wissend, dass sie damit Artgenossen die Ernährungsgrundlage entziehe. Dann erfand sie den Tausch, und verkündete den Landlosen: ‘Schaffet an meiner statt, und ich gebe euch dafür das Brot, das ich euch entzog!‘ Dann erfand sie die unverderbliche  Ware, die es gar nicht gibt, was dazu führte, dass die einen diese im Übermaß horteten, und die anderen mühsam oder vergeblich sich selbst verleugneten, um etwas davon zu erhalten, denn nur darüber war noch Nahrung zugänglich. Und so wucherten Höfðingar landauf, landab, und jene, die übrig blieben. Da aber noch das Prinzip herrschte, dass jedes konkrete Individuum sich seinen Goði frei wählen konnte,  den Goðar daher jederzeit die Gefolgschaft aufgekündigt werden durfte, ohne deswegen etwas Nachteiliges befürchten zu müssen,  erfand sie die Ideologie, die Nation, die Gesellschaft, die Akzeptanz, welche nur das Ausmaß an Gefolgschaft, die Ochlokratie, die Diktatur der Mehrheit, die Querulanten, die Leitkultur, die Nestbeschmutzer,  ersetzte Gattung durch Volk,  und Wissen durch Meinung, und was noch so alles an Begriffsbildungen möglich, verhedderte und verirrte sich in dem auf solche Weise entstandenen Begriffslabyrinth, verwarf endgültig, dass etwas unstrittig sein könne, und da es hierfür noch keinen Begriff gab, nannte sie es Zivilisation.”

Tilvera: “Du scheinst mir ein Defätist zu sein.”

Ónytjungur: “Du hörst einen, der mutlos und hoffnungslos ist, und die eigene Sache für aussichtslos hält? Setzte eine solche Haltung nicht voraus, dass da einer sich auf den Weg gemacht hätte, Gefolgschaft für die eigene Sache zu suchen, da von Sucht nach Bestätigung oder Widerspruch heimgesucht?  Was wäre da schon anderes gewonnen als Gesocks.”

Tilvera: “Nun, das liegt daran, dass du strohdumm bist.”

Ónytjungur: “Da lob ich mir doch die Dummheit. Verhält es sich nicht so, dass Gefolgschaft es war, die aus der Menge von Milliarden Exemplaren einem Dutzend aus dieser Menge die Möglichkeit schuf, dass dieses Dutzend jedes Lebende von dieser Erde jederzeit auslöschen dürfe, wann immer es einem aus diesem Dutzend gefiele, und die Befugnis hierzu als notwendig ausgab, wider besseren Wissens die Behauptung aufstellend, bereits die Gattung begründe, dass es sich bei solchen bereits per-se um ein vernunftbegabtes Wesen handeln müsse?”

Tilvera: “Dem Versuch einer Abschaffung dieses Zustands wird von intelligenten Leuten kein Erfolg attestiert, wie du weißt. Bist du nun ein systematischer Schlechtreder gesellschaftlicher und politischer Umstände geworden?”

Ónytjungur: “Ich erzähle dir nur, was ich mir auf meinen Reisen erfahren hatte, und nichts darüber hinaus. Sage mir, falls ich lüge, und meine Erinnerung mich betrogen habe, und ich werde meine Erzählung korrigieren.”

Tilvera: “Nun, für den Fall, dass du dich noch daran erinnern kannst: ich sprach nur vom Genom.”

Ónytjungur: “Auch ich spreche von nichts anderem. Sag mir, wie nennst du Etwas, das zwar in der Lage ist, einen gesprochenen oder geschriebenen Satz als Aneinanderreihung von Begriffen zu erkennen, darin enthaltene Begriffe extrahieren und bereits vorhandenen Begriffen zuordnen kann,  Beziehungen und deren Kardinalität in einem Gedächtnis ablegen kann, ausschließlich  in der Lage ist, einer vorgegebenen Reihenfolge von Entscheidungen, Wiederholungen und Anweisungen zu folgen, nur dazu fähig, Erkenntnisse ausschließlich aus dem Gebrauch vorliegender Statistiken gewinne, und jegliche Entscheidung nur auf Grundlage vorliegender statistischer Daten treffen kann? Nennst du solches etwa vorhandenen Verstand, oder Verständnis, oder Besinnung, oder Einsicht?”

Tilvera: “Dies wäre erst anhand jener Begriffe feststellbar, die diesen Nomen vorausgingen, demnach  die Begriffe für  die Tätigkeiten überlegen, verstehen, begreifen, besinnen, und einsehen, da erst über diese Tätigkeiten einer möglichen Vorstellung zugänglich.”

Ónytjungur: “Und ist verstehen, begreifen, sich besinnen, und einsehen möglich im Falle, einer wüsste nur jenes, was ihm persönlich bekannt, jedoch nicht jenes, was ihm unbekannt, dennoch aber vorhanden?”

Tilvera: “Es wären nur solche Annahmen herstellbar, welche das im Unbekannten gebliebene nicht berücksichtigten, was zwangsläufig zu irrtümlichen Entscheidungen führe. Irrtum wäre daher bereits systemimmanent und  vorprogrammiert.”

Ónytjungur: “Womit der Satz erklärt, dass ein Mensch sich stündlich irre. Und da dem so ist, überträgt er nun jenes, was er für Intelligenz hält, auf eine neu geschaffene Gattung, die in der Lage, sich – im Gegensatz zu ihm selbst –  jede Millisekunde irren zu können. Womit ich beim Genom angekommen.”

Tilvera: “Und worin bestünde deiner Ansicht nach die Verbindung mit jenem, von dem du erzähltest, mit jenem, was Genom genannt?”

Ónytjungur: “Nun, ich hörte davon, dass bei diesen Wesen sogenannte Pseudogenome gefunden wurden, die jedoch nicht mehr im Gebrauch seien, vermutlich durch Mutationen außer Kraft gesetzt.”

Tilvera: “Und?”

Ónytjungur: “Nun, ich habe, wie du meiner Erzählung entnehmen konntest, durchaus Anlass zu der Vermutung, dass jene Gattung, die sich selbst die Eigenschaft eines vernunftbegabten Wesens zuschreibt, zwar für Vernunft begabt sei, allerdings größten Wert darauf lege, diese Begabung nicht zu nutzen, diese daher nun in solchen sogenannten Pseudogenen ungenutzt auf jenen Zeitpunkt harre, an dem es wieder opportun, Verständnis und Einsicht zu praktizieren, da sich mittlerweile über die Methode trial-and-error herausgestellt habe, dass erst diese beiden den Fortbestand der Gattung sicherstellen würden, und nicht – wie irrtümlich angenommen – jenes, was Intelligenz genannt, da diese ja nichts weiter als das Resultat aus vorhandener Gefolgschaften, und deren jeweiligem Diktat, welches Akzeptanz genannt.”

Tilvera: “Womit du eindrucksvoll für jedermann belegst, dass du kein vernunftbegabtes Wesen bist”.

Ónytjungur: “Was kein Schaden ist. Ermöglicht doch diese Eigenschaft uns Tröll, aufmerksam zu sein, und sich auf unseren Reisen Wirklichkeit erfahren zu können. Lass mich dich daher mit einem Vers willkommen heißen.”

Tilvera und Ónytjungur fassten sich bei den Händen, sangen ein Lied, und tanzten auf ihrem Stein:

“Hrörnar þöll
sú er stendur þorpi á.
Hlýrat henni börkur né barr.

Svo er maður
sá er manngi ann.

Hvað skal hann lengi lifa?”  1)

 

1) Anm.: Vers 50, „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986 , Übersetzung:

(50) “Die Kiefer verdorrt, die auf kahler Höhe steht,
Ihr nützt nicht Nadel noch Rinde.
So geht es dem Mensch, den niemand mag:
Was soll er lange leben?”

Ystu endimörk

Die Chaoten von Ystuendimörk hatten einen Geigerzähler gekauft, und veröffentlichten die Becquerel-Werte von Waldfrüchten, Pilzen, etc. in der Zeitung der Chaoten.

Ihr Modell der angewandten  Demokratie baute auf dem Begriff Arete auf, ging demnach von der Voraussetzung aus, dass die Menschen  Tapferkeit,  Besonnenheit,  Freigebigkeit,  Gerechtigkeit,  Großzügigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben, da die Möglichkeit hierfür existiere,  und sie die dritte Stufe  des Wissens erreicht hätten, die sich aus den Teilen Wirklichkeit und Möglichkeit zusammensetze.

An Wochenenden schnitten die Chaoten alle eingegangenen Artikel und Leserbriefe in mühsamer Kleinarbeit mit der Schere in passende Stücke, reihten diese auf einem Bogen Papier der Größe einer Doppelseite der Zeitung nebeneinander, reicherten die Bleiwüste durch Bildmaterial an, fügten dann die Schnipsel auf die großen Bögen zu einem Layout,  … aufgeklebt, der nächste,  … und dies solange, bis auch die letzte Seite der Zeitung für den Druck fertiggestellt.

Hätte einer in der Redaktion darauf hingewiesen, dass ihm durch seine unentgeltliche Tätigkeit, die er aus freien Stücken wählte, ein Anspruch daraus entstünde, entweder par ordre du mufti, oder hilfsweise durch Mehrheitsentscheid von Gesinnungsgenossen, darüber entscheiden zu dürfen, welcher Text ihm genehm sei, und daher einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfe, und welcher Text ihm missfalle, der Artikel somit der Ablage “P”  zu übergeben wäre, die Gruppe hätte diesen konfirmiert, und unter Inanspruchnahme des Werbeslogans “Alles Müller oder was?” forthin zu den Schwachsinnigen gezählt.

Derartige Attitüden waren den Chaoten in Ystuendimörk fremd, denn anderenfalls wären sie auch keine Chaoten. Und so einigten sich die Chaoten in Ystuendimörk darauf, dass allenfalls ein leichtes Schmunzeln beim Einkleben des Textes in den Layout-Bogen hinzunehmen wäre, wenn zum Beispiel der einzige bekennende Kommunist, der im Landkreis ungerührt von allen Anfechtungen weiterhin tapfer das Wort ergriff, zum x-ten Mal in einem Text sein stets gleichbleibendes Steckenpferd ritt. Alles Weitere wurde dem freien Wort übereignet. Das Plenum war die Zeitung, denn aus keinem anderen Grund unterzogen sie sich der Mühe.

Denn der Grund, aus dem die Chaoten von Ystuendimörk zusammenkamen, und völlig hirnrissig nichts Besseres mit sich anzustellen wussten, als Freizeit und eigene Geldmittel ausgerechnet darin zu investieren, Papierschnipsel auf Papierbögen zu kleben, war kein anderer als eben jener, dass bei den Meinungsmachern, die ihr Handwerk als Beruf ausführten, die Ablage “P” bereits die Größe des  Zeitungsarchivs angenommen hatte. Was keineswegs daran lag, dass da Zensur ausgeübt, wie böse Zungen gerne behaupten, sondern einfach daran, dass die Menge an Nachrichten, die von größtem  öffentlichen Interesse waren, einen derartigen Umfang angenommen hatte, dass die einzige lokale Tageszeitung als tägliches Buch herauszugeben gewesen wäre, wolle sie zusätzlich zu den Berichten der Sportmannschaften, die auf regionalem Niveau entweder verloren oder gewannen, den Berichten aus dem regen Vereinsleben, und den Berichten über die Events der Lokalpolitiker, nun auch noch völlig überflüssige Becquerel-Werte von Waldfrüchten, Pilzen, etc. publizieren.

Wie bei Chaoten in Ystuendimörk nicht anders zu erwarten, erkannten sie noch nicht einmal, dass sie bereits dadurch die Merkmale einer Bürgerinititiative zeigten, da sie die Veröffentlichung von eingereichten Artikeln den Autoren gar nicht in Rechnung stellten, da dies von Autoren unter normalen Umständen ja zu bezahlen wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass die Sorge der Chaoten, die als Panikmache verlacht, sowie die Verantwortbarkeit ihres Handelns, die als Querulanz verteufelt, keineswegs unbegründet war, und dass die Maßnahmen der Erwachsenen in jener Zeit, Kindern auf die Finger zu schlagen, weil sie in Ermangelung anderer Spielmöglichkeiten auf kontaminierte  Rasen rannten, da die Bäder geschlossen waren, die Sandkästen keinen Sand mehr enthielten, nur hilflose Gestik war in einer Wirklichkeit, die  den unmittelbar davon Betroffenen vorenthalten.

Denn neben jenem fremden und  unsichtbaren Eindringling, der immerhin noch in Becquerel messbar, gab es noch einen weiteren unsichtbaren Eindringling, der allgemein unter dem Begriff “garbage in – garbage out” und “trial and error” sein Unwesen treibt: das hochintelligente Computer-Programm. Und da solche Programme derart hochintelligent sind, erfuhren sowohl die lokalen Chaoten wie die lokalen Nicht-Chaoten erst nach Jahrzehnten, dass sie ausgerechnet einem dieser Querulanten, die ja berüchtigt dafür sind, dass sie einfach unwillig, ihre Aufmerksamkeit  an der Garderobe der Konformisten abzugeben, noch dazu einem ausgewachsenem Kommunisten, und  dann auch noch ein Rotarmist, die Fortsetzung ihres Lebens verdanken. Sein Name:  Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, am 26. September 1983, kurz nach Mitternacht – in der Musikkneipe von Ystuendimörk, von allen Bewohnern nur die “Eule” genannt, wurde gerade die Platte “Never going back again” von Fleetwood Mac aufgelegt , da in jener Zeit dieser Song dort immer die Sperrstunde einläutete, damit die Nimmersatten sich schnell noch einen “Schnitt” bestellen konnten -, waren die Bürger von Ystuendimörk nur noch einen Atemzug von einer alles verschlingenden Mitternachtssonne entfernt. Allerdings einer solchen Mitternachtssonne, die von Menschen erschaffen, diese daher niemanden in kalten Nächten wärmt, sondern nur jeden verglüht oder verstrahlt.

Wenn eine Information von essentieller Wichtigkeit für jeden Bürger ist, neigen staatstragende Würdenträger wissenschaftsbasierter Informationsgesellschaften gerne zu der Ansicht von Despoten, indem sie argumentieren, dass genau solche Informationen den gemeinen Staatsbürger überhaupt nichts anginge. Und so blieben die Bürger von Ystuendimörk jahrzehntelang unwissend, hatten nicht die leiseste Ahnung davon, dass sie mittlerweile sowohl bei 1.200 signifikanten Unfällen, als auch bei den  pro Woche auftretenden ein, zwei Computeralarmen, welche auch nur bei einer einzigen Nation gezählt, jedes Mal im letzten Augenblick gerade noch dem sicheren Tod von der Schippe gesprungen waren. Dass dem so ist, ergibt sich bereits aus dem Faktum, dass Radioaktivität  mittels Wind, Wasser und Wolken verreist,  daher weder Visa noch  Reisepässe benötigt, und ihr Landesgrenzen als purer Tand aus Menschenhand gilt.

Dass die Bürger von Ystuendimörk jahrzehntelang unwissend blieben, ist darauf zurückzuführen, dass es sicherlich schwierig wäre, den Delinquenten zu vermitteln, dass jede Person, ob nun Mann, Frau oder Kind,  per Anordnung pro forma, de jure, und de facto zum Tode verurteilt sei. Und da dem so ist, erübrigt sich auch jene Praxis, welche zum Tode verurteilten Kriminellen zuteilwird, die daraufhin  in ihrer Zelle auf ihre Hinrichtung warten, um dann, unmittelbar  nachdem sie bereits auf den Elektrischen Stuhl geschnallt, die Mitteilung zu erhalten, dass zwar ihr Gnadengesuch abgelehnt, die Hinrichtung jedoch verschoben worden wäre.

Es wäre auch sinnlos gewesen, hätten die Wissensträger die Bürger von Ystuendimörk bei jedem signifikanten Unfall oder Computeralarm davon in Kenntnis gesetzt. Es hätte ohnehin niemanden interessiert. Waren diese  doch durch Bildung und Aufklärung längst schon zu vernunftbegabten Wesen herangereift.

Und so geschah, was nicht mehr aufzuhalten war: Bildung und Aufklärung setzten diesem seltsamen Treiben der Chaoten in Ystuendimörk ein Ende. Hatten die Chaoten doch den Bogen überspannt, als sie darauf hinwiesen, dass die mittlerweile nicht mehr überschaubare Menge an billigen Konsumgütern, die im Überfluss die ungezählten Regale der Supermärkte und Warenhausketten füllen,  fast durchwegs  auf gnadenloser Ausbeutung der Bevölkerung anderer Kontinente beruhe. War doch nur über solche Handlungsweise das Überleben der eigenen Bevölkerung überhaupt erst zu gewährleisten, folglich gottgegeben, und keinesfalls gewollt.  Zudem habe man sich keineswegs lumpen lassen, und hätte im Gegenzug auch reichlich Güter in diese Länder geliefert, und dies nicht zu knapp. Und dafür, dass diese primitiven und archaischen Kulturen seit geraumer Zeit Glasperlen als Gegenleistung ablehnen, was nicht nur unverständlich sei, sondern auch noch gegen die guten Sitten verstoße, und nun nur noch Interesse an hochtechnisierter Kriegstechnik hätten, könne man schwerlich verantwortlich gemacht werden.

So war nicht verwunderlich, dass jene Bürger, welche die Zeitung von den Chaoten übernommen hatten, der Ansicht waren, dass mittlerweile der Punkt “Ad nauseam” längst überschritten wäre. Wie stünde man sonst da vor den sinnbegabten Esoterikern und Sektenpriestern, die von Sorge um das autochthone Volk bereits gramgebeugt in die Naturkostläden strömten. Sahen diese  doch mit Seherblick bürgerkriegsähnliches Chaos ausbrechen, der illegale Schwarzmarkt für Waffen sei bereits leergefegt, und verantwortlich für diese Entwicklung seien die Vereinten Nationen, die auf Geheiß verborgener Strippenzieher nichts unversucht gelassen, und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatten, damit das autochthone Volk von Hunnenhorden überrannt werde. Und diesmal – und  so viel Zeit müsse schon sein, um darauf hinzuweisen – heiße der dafür verantwortlich zu machende Jude nicht Rothschild, sondern Georg  Soros, der sich zudem auch noch auf Kosten anderer bereichert habe.

Die Zeit der Chaoten und  Graswurzelbewegung in Ystuendimörk ist längst Vergangenheit. Es stellte sich heraus, dass in einer wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft weder genügend Platz noch Zeit für basisdemokratische und konsensorientierte Querulanten. Wo einst Wissen die Menschen in unangenehm drückende Schranken verwies, erkämpften sich die so Geschundenen endlich ihre Befreiung, indem sie an dessen Stelle die Meinung setzten.

Und so kehrte auch in Ystuendimörk nach all den Irrungen und Wirrungen endlich wieder Ruhe ein. Nur noch die Erinnerung daran lebte fort, in den Rührseligkeiten jener mit der Zeit alt gewordenen Männer und Frauen, denen die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung stets ein fremder Gedanke war, und daher als Chaoten galten.

Möge daher diesen die Erinnerung an jene Zeit, an der sie Anteil haben durften und Anteil hatten, über alle weiteren bösen Überraschungen beim Renteneintritt hinweghelfen. Mögen sie ihren Nachkommen davon erzählen, so jene Geschichten aus der Vergangenheit erzählt bekommen wollen. Und mögen die Erzähler dann ihre Erzählung mit dem Satz eines Affen beenden: “Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im Übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.”

[ Anmerkung der Redaktion

Zur  Sorgfaltspflicht der Presse gehört, vor Verbreitung eines Artikels diesen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Wahrheit und Herkunft zu prüfen. Üblicherweise verlinken wir niemals Eruptionen von Nazis, selbst dann nicht, wenn diese sich mit den neuen Begriff “Reichsbürger” tarnen. Sollte ein Leser den Begriff “Reichsbürger” noch nicht kennen, möge er anhand eines veröffentlichten “Leserbriefs” dieser Sorte einen Eindruck gewinnen, der von den Nachfolgern der einstigen Graswurzelbewegung wohlwollend veröffentlicht wurde .]

Gleðilegt sumar!

Tilvera: “Was ist jenes, worauf einer mit dem Wort wir verweist?”

Ónytjungur: “Irgendetwas, zu dem sich einer zugehörig sieht,  was entweder notwendigerweise durch dessen Existenz bereits an sich gegeben, oder über eine simplifizierende Formel leicht zugänglich, was in der Regel dazu führt, dass sonstiges Vorhandene auf eine überschaubare Formel reduziert.”

Tilvera: “Was verstehst du unter Formel?”

Ónytjungur: “Die Umwandlung eines Zusammenhangs in eine Beschreibung. Wenn ich zum Beispiel meine Familie sage, dann beschreibe ich mit der Formel Familie jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich sowohl meiner Frau als auch meinen Kindern zugehörig bin.”

Tilvera: “Gut, dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise bei all jenen Lebewesen, deren Eigenschaft es ist, sich fortpflanzen zu können. Übst du nicht auch einen Beruf aus, und erfüllst in diesem eine bestimmte Rolle?”

Ónytjungur: “So ist es. Wenn ich zum Beispiel mein Team sage, dann beschreibe ich mit der Formel Team jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich jenen Kollegen zugehöre, die an der Erreichung eines bestimmten Ziels arbeiten.”

Tilvera : “Dabei zeige sich der Zusammenhang im gemeinsamen Ziel, nicht jedoch in Beruf und Rolle. Und gehörst du nicht einer Gattung an?”

Ónytjungur: “Auch das. Ich gehöre wie du der Gattung an, die Tröll genannt werden. Wenn ich zum Beispiel die Formel Tröll sage, dann beschreibe ich mit der Formel Tröll jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich kein Schaf, kein Pferd, und auch keine andere Gattung bin, die sich signifikant von einem Tröll unterscheidet.”

Tilvera : “Gut, auch dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise durch die Tatsache, ein Lebewesen zu sein. So zählte ich jetzt schon drei wir bei dir, dabei stehe ich erst am Anfang meiner Möglichkeiten. Wie viele glaubst du, könnte ich noch finden?”

Ónytjungur: “Du weißt, dass du bei mir am Ende deiner Möglichkeiten angelangt. Du musst dich also an andere richten, wenn du weiterfragen möchtest.”

Tilvera : “Nun, du magst mir genügen. Wäre doch mit jeder weiteren Zugehörigkeit zu Irgendetwas nichts gewonnen, sondern nur verloren.”

Ónytjungur: “Du sprichst in Rätseln.”

Tilvera : “Keineswegs. Es dürfte selbst dir als Taugenichts einleuchten, dass umso komplexer die Formel, desto  geringer die Lust, diese verstehen zu wollen, da eine solche einerseits nicht eingängig,  und andererseits  sie keinen Beitrag leiste, um jenes fortzusetzen, was einfache Formel ermöglichten. Gegenüber einer komplexen Formel hat eine einfache Formel auch noch einerseits den Vorteil, dass sie leicht nachzusprechen wäre, was andererseits dazu führe, über diese  ein so genanntes Zusammengehörigkeitsgefühl generieren zu können …”

Ónytjungur: “… in der Form, dass darüber die einen hinzugezählt, somit die anderen ausgeschlossen, denn das eine ist nicht möglich ohne das andere …”

Tilvera : “… wie du ja bereits an drei Zusammenhängen aufzeigtest. Es dürfte auf der Hand liegen, dass umso mehr Zusammenhängen einer sich zugehörig fühle, desto größer sowohl  Möglichkeit wie Wahrscheinlichkeit , dass die Zugehörigkeit zu einem Zusammenhang in Konflikt gerate  mit der Zugehörigkeit zu einem anderen Zusammenhang.”

Ónytjungur: “Mit welcher Begründung?”

Sommeranfang, 20.04.2017, 23:36 Uhr

Tilvera : “Mit jener, dass Zusammenhänge, welche nicht notwendigerweise bereits durch die Tatsache gegeben, ein konkretes Individuum zu sein, solche sind, die stets durch eine simplifizierende Formel aufgestellt, welche die anderen vorhandenen künstlich geschaffenen Zusammenhänge nicht berücksichtigten, die aber nichtsdestoweniger dennoch vorhanden sind, und in aller Regel – je nach Ausprägung mehr oder weniger von solchen – sich in einem konkreten Individuum verknüpfen.”

Ónytjungur: “Du willst mir erzählen, dass simplifizierende Formeln in einem konkreten Individuum zwangsläufig Unheil  hervorrufen?”

Tilvera : “Das hängt von der Art der simplifizierenden Formel ab, und dem konkreten Individuum.”

Ónytjungur: “Es gibt nur eine Art simplifizierender Formeln. Ihr Merkmal ist, dass sie simplifizieren.”

Tilvera : “Das hängt davon ab, ob du mit simplifizierend eine übermäßige Vereinfachung oder eine zutreffende Vereinfachung meinst.”

Ónytjungur: “Und was wäre deiner Ansicht nach eine zutreffende Vereinfachung?

Tilvera : “Gesetzt den Fall, es gebe Lehre, deren Anwendung, und ein Resultat aus Anwendung …”

Ónytjungur: “Es gibt tausende Lehren, zahllose  Anwendung davon, und die Resultate …”

Tilvera : “Gemach, gemach. Gehen wir beide zuerst ganz allgemein einmal davon aus, eine Lehre stellte allgemeine und informatorische Behauptungen auf. Diese würden nun im Detail von einem konkreten Individuum auf einen besonderen Fall angewendet, der vom Allgemeinen insofern abweiche, dass dieser eben ein Detail sei, ist es dann nicht so, dass dieses konkrete Individuum dabei unweigerlich eine persönliche Erfahrung mache, was dazu führe, dass er diese Erfahrung als Lehre kodifiziere, und mit jedem solchen Ereignis den Kreislauf erneut beginne?”

Ónytjungur: “Wäre dem nicht so, wozu dann Lehre, Anwendung und Resultat?”

Tilvera : “Gut. Wie kann es dann aber dazu kommen, dass es Zusammenhänge gibt, welche Lehren dennoch aufrecht erhalten, obschon die konkrete persönliche Erfahrung eines Individuums dieser eklatant wiederspreche, dennoch solche Zusammenhänge ungerührt weiterhin behaupten, sie würden  individuelle Erfahrung repräsentieren?”

Ónytjungur: “Möglicherweise aufgrund des gleichen Musters, anhand dessen Individuen davon ausgehen, es gebe Frühling, Sommer, Herbst und Winter, dies sei überall so, und falls nicht, dann habe es eben so zu sein?”

Tilvera : “So ungefähr.”

Ónytjungur: “Nun, es gibt hier seit jeher nur Winter und Sommer, wie du weißt. Die Vorgabe, es habe aber so zu sein, dass es auch Frühling und Herbst gebe, wäre hier nur als grober Unfug eingestuft, da das Wetter ja bis heute noch nicht einmal dazu zu bewegen war, sich wenigstens an die Vorgaben Winter und Sommer zu halten.”

Tilvera : “Gut, dass du mich daran erinnerst. Heute ist ja gesetzlicher Feiertag, da der Sommeranfang gebührend begrüßt werde. Gleðilegt sumar, Ónytjungur!”

Ónytjungur: ” Gleðilegt sumar,  Tilvera”.

Im Wahrnehmungsgefängnis

Ónytjungur: “Was bringst du Neues aus der Welt der seltsamen Wesen, die immer zahlreicher die Gegend hier heimsuchen?”

Tilvera: “Es ist die Rede davon, dass jeder Schwachkopf, der den freien Willen in Frage stelle, seinen freien Willen dazu benutze, um eine Theorie zu entwickeln.”

Ónytjungur: “Und wie verhält es sich bei jenen, die darüber keine Theorie entwickeln?”

Tilvera: “Befinden sich, so der Erkennende, ebenso in einem Wahrnehmungsgefängnis. Aus diesem heraus erkenne er, dass das produktivste Vermögen die Fantasie sei.”

Ónytjungur: “Meint er mit dem Eigenschaftswort produktiv nun jenes Vermögen, viele konkrete Ergebnisse hervorbringen zu können, oder das Vermögen, schöpferisch sein zu können?”

Tilvera: “Worin läge der Unterschied?”

(Bild: Bernhild Vögel)

Ónytjungur: “Nun, gesetzt den Fall, seine Aussage treffe zu, dass er sich in einem Wahrnehmungsgefängnis befinde, wäre er ja außerstande, konkrete Ergebnisse hervorbringen zu können, könne also nur schöpferisch unterwegs sein, in dem Sinne, dass er zum Beispiel  die These aufstelle, Trolle hätten knubbelige Nasen, und würden grobe Späße treiben.  Nun ist der Vorgang, eine These aufzustellen, dass Trolle knubbelige Nasen hätten und grobe Späße treiben würden, nicht weniger oder mehr schöpferisch als die These, dass das Ding da in deiner Hand ein Apfel sei, er für Trolle genießbar wäre, sie damit ihren leeren Magen füllen könnten, und daran auch keineswegs zugrunde gehen würden, sondern nur nicht verhungerten. Die erste These wäre wie die zweite These schöpferisch, allerdings entbehrte die erste These der Eigenschaft, ein konkretes Ergebnis im Sinne von Tatsache hervorgebracht zu haben, und es ist unschwer zu erkennen, dass die erste These so abwegig ist wie die zweite zutreffend.”

Tilvera: “Er sagt, es hätte bei ihm eine Einsicht gezündet.  Die Menschen würden nur aneinander vorbeileben, sich einander nicht verstehen, sondern sich nur Bilder voneinander machen und sich überstülpen.”

Ónytjungur: “Wie kommt’s? Schließt er von sich auf andere?”

Tilvera: “Er sagt, es gebe kein höheres Ziel, denn so sei der Begriff der Evolution konzipiert. Es gebe zwar eine Höherentwicklung des Lebens, aber dies geschehe nicht aus zielgerichtetem Geschehen, sondern aus Zufallsgeschehen. Es würden jene selektiert, welche die besten Überlebenschancen hätten.”

Ónytjungur: “In der Tat. Als ich vor ein paar Jahrzehnten bei strömendem Regen über einen dieser gepflasterten Gehwege  unten im Park lief, zertrat ich aus Versehen ein paar Regenwürmer, die sich dort in Sicherheit gebracht hatten. Ihr Unglück war, dass sie hierfür sich den falschen Ort zur falschen Zeit aussuchten, wie all jene zerquetschten Regenwürmer verrieten, die vor mir bereits Fußgänger zertreten hatten. Es ist auch unbekannt, ob es sich dabei um Regenwürmer handelte, die dabei der Tod bereits ereilte, bevor sie sich fortpflanzen konnten, wie auch unbekannt, ob es sich dabei um Regenwürmer handelte, die mit Intelligenz begabt waren, oder nur um Dummköpfe. Wie auch immer, jene Regenwürmer, die sich zu jenem Zeitpunkt im Gras aufhielten, hatten sich danach fortgepflanzt. Da die Lebenserwartung der Regenwürmer zwei Jahre beträgt, müsste sich dort nun unten im Park mittlerweile die 25. Generation tummeln. Genau gesagt nur jene, die bei all den zahllosen Regenfällen der letzten Jahrzehnte nicht ausgerechnet gerade in dem Augenblick den Gehweg als einzige Zuflucht vorfanden. Nun sage mir, meint er damit jene, wenn er sagt, diese wurden nur deswegen selektiert, weil diese die besten Überlebenschancen gehabt hätten?”

Tilvera: “Nun, er geht von Rückkoppelung aus.”

Ónytjungur: “Von negativer oder positiver?”

Tilvera: “Von positiver.”

Ónytjungur: “Demnach davon, dass desto mehr, umso mehr, und desto weniger, umso weniger?”

Tilvera: “So scheint es. Er sieht Sinninseln.  Es gebe keinen Sinn, außer er werde erzeugt.”

Ónytjungur: “Und was wird unter Sinn verstanden?”

Tilvera: “Sinn sei etwas, was Einzelne oder auch ganze Kulturen, ganze Kollektive, als produktives Vermögen erzeugen in der Art und Weise, wie sie ihr Leben organisieren. Er ist der Ansicht, dass im Falle, einer hätte das Gefühl, dass sein Leben sinnlos sei, er damit eigentlich sage, dass er ein zusammenhangloses Leben führe.”

Ónytjungur: “Wäre er Philosoph, so wüsste er, dass heutzutage nur noch entweder ein zusammenhangloses Leben oder ein an Blauäugigkeit kaum zu überbietendes Leben möglich.”

Tilvera: “Mit welcher Begründung?”

Ónytjungur: “Schon einmal vom Rabbit Proof Fence gehört?”

Tilvera: “Ein Farmer führte einst in Australien 24 Karnickel ein, damit er sich dort besser heimisch fühlen könne, da …”

Ónytjungur: “Verhält es sich nicht so, dass jeder Einzelne, so er sich einem  Zusammenhang  zugehörig wähne, sich de-facto nur irgendeinem Zusammenhang anschlösse, der nur  irgendeine winzig kleine Teilmenge aller tatsächlich vorhandenen Zusammenhänge wäre? Somit alle weiteren vorhandenen Zusammenhänge schlicht und ergreifend ignorierte?”

Tilvera: “Er sagt, Schopenhauer hätte gesagt, dass die Erde ein erkalteter Planet mit einem Schimmelüberzug von Leben sei, und der Schimmel die Eigenschaft hätte, sich überall auszubreiten, auch ziemlich unappetitlich sei, es aber in­mitten des Schimmels gemütlich und warm wäre. Dies sei allerdings nur eine Metapher gewesen.”

Ónytjungur: “Beschrieb er dabei nicht jenes, was sich da bis auf den heutigen Tag zeige? Und bestünde der Sinn dessen nun darin, dass sich einer einem Zusammenhang anschließe, der nur  irgendeine winzig kleine Teilmenge aller tatsächlich vorhandenen Zusammenhänge sein kann, nur um es etwas gemütlich und warm zu haben?”

þanki

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: “Du warst lange Zeit unterwegs. Du weißt Neues zu berichten?”

Tilvera: “Nur über jenes, was Geschichte genannt, womit nicht Erzählung gemeint, sondern Entwicklung, im Sinne entstehender Gesellschaften. Sie suchen nun nach Veränderungen im Erleben und Verhalten, die zeitlich überdauern, und aufeinander aufbauen.”

Ónytjungur: “Wie? Ist ihnen noch nicht genug, was bisher angerichtet?”

Tilvera: “Es geht ihnen um die Anerkennung, Urinstinkte ausleben zu dürfen.”

Ónytjungur: “Als da sind?”

Tilvera: “Zum Beispiel die Angst. Diese habe über Jahrmillionen die Arterhaltung mitgesichert. Daher sei aufklären und Ungebildetheit anprangern die falsche Antwort. Entsteht Angst, würden die Urinstinkte geweckt, und diese seien brutal, und vertrügen sich nicht mit gebildetem Denken.”

Ónytjungur: “Interessant, Urinstinkte lehnen Information und öffentlichen Tadel ab. Richtet sich jenes, was da nun Urinstinkt genannt, nicht gegen die eigene Art, gegen Menschen? Sind die Opfer in deren Augen wieder einmal keine Menschen mehr, oder wird da nur Urinstinkt genannt, was kein Urinstinkt ist?  Und was ist denken?”

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(Bild: Bernhild Vögel)

Tilvera: “Eine berechtigte Frage. Es entstand aus dem mittelhochdeutschen Wort þanki.

Ónytjungur: “Aber þanki ist ein Ergebnis, und keine Tätigkeit. Wie kam es zu solchem Unsinn?”

Tilvera: “Ich weiß. þanki  ist das Wort für jenes, was in einer anderen Sprach Idee genannt.”

Ónytjungur: “Wurde das Wort Idee nicht dem Griechischen entnommen?”

Tilvera: “Sie haben eine Rangordnung festgelegt, im Sinne von Sortierung mehrerer vergleichbarer Objekte zum Zwecke einer Bewertung, und in dieser steht Idee über Wirklichkeit.”

Ónytjungur:þunk ist þank? Mir dünkt, ergo denk ich? Ist mit der Tätigkeit dünken  nicht bezeichnet, dass da einem etwas so vorkomme, es ihm als ob erscheine, anmute? Und beruhen nicht Ideen auf demselben? Wozu dann zwei Wörter für dasselbe? Ist doch, was mit denken bezeichnet, nichts anderes als dünken. War ihnen dünken nicht ausreichend, so dass sie aus dem Begriff þanki, also Idee, ein Tunwort erzeugen mussten?”

Tilvera: “Nun, vielleicht deckte das Wort dünken nicht ab, was denken abdecke.”

Ónytjungur: “Soso.  Und was wird getan, wenn einer denkt, und nicht dünkt?”

Tilvera: “Ich denke, also bin ich.”

Ónytjungur: “Wäre das auch nicht schon erreicht, wenn mir etwas deuchte, also dünke?”

Tilvera: “Zweifellos. Dann wären aber bestimmte Aussagen nicht mehr möglich.”

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Gedanke – Idee

Ónytjungur: “Als da wären?”

Tilvera: “Zum Beispiel: Was denkst du.”

Ónytjungur: “Und wozu fragst du nicht: Was überlegst du?”

Tilvera: “Oder:  Ich habe ihm was zu denken gegeben.”

Ónytjungur: “Und wozu teilst du mir nicht mit: Ich habe ihm was zu überlegen gegeben?”

Tilvera: “Da wäre noch: was denkst du darüber.”

Ónytjungur: “Und wozu fragst du nicht: wie urteilst du darüber?”

Tilvera: “Es ginge auch nicht mehr die Feststellung: wer hätte das von dir gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du mir nicht: wer hätte das von dir geglaubt?”

Tilvera: “Es wäre auch die Mitteilung nicht mehr möglich: das war für ihn gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu teilst du mir nicht mit: das war für ihn bestimmt?”

Tilvera: “Ich könnte auch nicht mehr sagen: ich habe mir nichts Böses dabei gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du nicht: ich habe dabei nichts Böses beabsichtigt?”

Tilvera: “Ich könnte auch nicht mehr sagen: das habe ich mir gleich gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du nicht: das habe ich mir gleich vorgestellt?”

Tilvera: “Findest du nicht, dass du ein Wortklauber bist?”

Ónytjungur: “Ist das deine Antwort auf meine Frage nach dem wozu? Dann düfte das Tunwort denken wohl mehr bei einer fixen Idee anzusiedeln sein, und nicht bei Gedanke, also bei kredda, und nicht bei hugur. Soll ich deiner Ansicht nach langsam zu verstehen beginnen, aus welchem tieferen Grund es das Tunwort denken nicht in allen Sprachen gibt?”

Tilvera: “Nun, dieses Tunwort bezeichnet eine Zusammenfassung der Tätigkeiten überlegen, urteilen, erinnern, glauben, bestimmen, vorstellen, meinen und beabsichtigen.”

Ónytjungur: “Und was ist das Ergebnis, wenn ich Äpfel, Unterhosen, Schraubenzieher und Kartoffeln zusammenrühre? Apfelmus? Kartoffelbrei? Dann wäre wenigstens nachvollziehbar, dass im Ergebnis über dieses Wort nur eine diffuse Vorstellung herstellbar, da zum Einen völlig undeutlich, und zum Anderen eine erforderliche Abgrenzung unterschlagend.”

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Differenzierung Eigenschaft “dumm”

Tilvera: “Wie bereits festgestellt, du bist nichts anderes als ein Wortklauber. Das rein Geistige wird dir stets fremd sein, wenn du so weiter machst. Bist du dumm?”

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“Vernunft”

Ónytjungur: “Das lässt sich wohl nicht vermeiden. Insbesonders dann, wenn mich einer dahingehend belehren möchte, dass ich mich vor einer Diktatur der Vernünftigen zu fürchten habe. Offensichtlich ist einem solchen unbekannt, was hierzulande unter dem Wort Vernunft verstanden wird. Aus diesem Grund  ziehe ich dem rein Geistigen vor, auf Erfahrung beruhend, durch systematische Beobachtung zu einer vorläufigen Annahme zu kommen, diese dann zu untersuchen, um dann zu versuchen, ob ich das auf solche Art und Weise  Aufgefundene mir selbst gegenüber erklären könne.”

Tilvera: “Und? Kannst du?”

Ónytjungur: “Kaum. Es zerrinnen mir die Wörter bei genauerer Inspektion wie Sand zwischen den Fingern. Und beschränke mich daher lieber  auf die Wörter überlegen, urteilen, erinnern, glauben, bestimmen, vorstellen, meinen und beabsichtigen. Sind doch diese Tätigkeiten für mich nachvollziehbar.”

Tilvera: “Dann wird aus dir nie ein Denker.”

Ónytjungur: “Wer sagt, dass ich beabsichtige, ein solcher eines Tages zu werden? Mir genügte schon, würde ich eines Tages wenigstens einen geringen Teil von dem verstehen, was anderen begreiflich.”

Das Bier-Dilemma

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: “Siehst Du dort diesen SUV, der gerade derart stümperhaft  in die Furt einfährt, dass ihn die Leute von ICE-SAR wieder herausziehen werden müssen? Was würdest du mir antworten, wenn ich dir sage, der Motor sei der Fahrer, und der Fahrer nur ein Trugbild deiner Phantasie?”

Tilvera: “Dass du, nachdem du so alt geworden bist,  wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank hast, oder gestern Abend bei dem Live-Konzert im Enski Barinn etwas zu oft die Nase in die  Gläser  der Gäste gesteckt haben musst, die mit  Guinness gefüllt. Sonst würdest du dich noch daran erinnern, dass der Motor nur das Werkzeug ist, dessen sich der Fahrer bedient, der Fahrer hingegen nur dies tun kann, was ihm der Motor erlaubt. Oder hast du schon einen Motor gesehen, der von sich aus fährt, oder einen Autofahrer, der mit seinem Auto taucht oder fliegt?”

Ónytjungur: “Nur dort, wo der Fahrer in der Kurve zu schnell unterwegs, oder der Wasserstand des Flusses zu hoch.  Das war dann in aller Regel auch das Ende einer solchen spezifischen Fahrgemeinschaft. Nehme ich nun das Auto als Referenzgegenstand, so bewegen sich beide, wie du mir wohl eingestehen wirst, sowohl der Fahrer, als auch der Motor. Auch scheinst du mir vertraut zu sein mit dem Prinzip der Erklärungsebene.”

Tilvera: “Kann es sein, dass du gestern Abend deine Nase auch noch in eine Flasche Svarti dauði  gesteckt hast?”

Ónytjungur: “Keineswegs. Zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran.  Können wir beide uns darauf einigen, dass es sowohl das Teil wie auch das Ganze gibt?”

Tilvera: “Es waren wohl auch noch härtere Sachen dabei, wie käme sonst eine solche dumme Frage zustande. Jedes Kind da unten in der Dorfschule weiß, dass Teil und Ganzes sich einander bedingen.”

Ónytjungur: “Schön.  Wie steht es mit den Begriffen Ursache und Eigenschaft? Bezogen sowohl auf das Auto dort als Ganzes, wie auch auf dessen Teile, also dem Fahrer und dem Motor.”

Tilvera: “Da werde ich wohl nicht darum herumkommen, das Teil vom Ganzen getrennt betrachten zu müssen, wie auch das Ganze getrennt von dessen Teilen.”

Ónytjungur: “Wie kommst du auf eine derart seltsame Idee, solch ein Vorgehen zu wählen?”

Tilvera: “Da das Ergebnis, so es ein logisches sein solle, und kein ideologisches, einzig und allein davon abhängt, was ich betrachte, also das Ganze, oder das Teil. Betrachte ich das Ganze, so ist der Fahrer eine Eigenschaft des Autos, welche dem Auto erst ermöglicht, sich zu  bewegen, betrachte ich das Teil, so ist der Fahrer jedoch die Ursache, die dazu führt, dass sich das Auto bewegt. Was ist nun der Fahrer, Eigenschaft oder Ursache?”

Ónytjungur: “Ich sehe, du bist mit dem Prinzip der Erklärungsebenen durchaus vertraut, wie auch mit der damit vorhandenen Logik. Allerdings wirst du wohl einräumen, dass da etwas widersprüchlich sein muss, denn es ist ein Unding, dass ein und dasselbe sowohl Eigenschaft als auch Ursache sein kann.”

Tilvera: “Das hängt davon ab, was du unter dem Wort Wissen verstehst, und was nicht.”

Ónytjungur: “Stecktest du deine Nase gestern Abend auch in die besagten Gläser?”

Tilvera: “Keineswegs.  Denn du kannst die Wirklichkeit als Wissen bezeichnen, also jenes, was ist. Du kannst aber auch die Wahrnehmung als Wissen bezeichnen, also jenes, was wird.  Alles nur eine Frage der Terminologie. Und der angewandten Methode.”

Ónytjungur: “Kann es sein, dass bei dir gestern Abend zufällig auch eine Flasche Svarti dauði  deinen Weg kreuzte?”

Tilvera: “Weil ich empirisch und naturwissenschaftlich vorgehe, und nicht idealistisch? Muss ich bei dir nun erst Platoniker werden, oder Neuplatoniker, fahrender Scholast, oder gar Philosoph?”

Ónytjungur: “Nun wirst du aber unvernünftig.”

Tilvera: “Bleib mir mit dem Wort Vernunft vom Leib. Es gibt wohl wenig Wörter, die mit einem solchen Umfang sich widersprechender oder undeutlicher Beschreibungen daherkommen. Ist es nicht seltsam, dass je undeutlicher eine Beschreibung, desto umfangreicher deren Gebrauch?”

Ónytjungur: “Nun, es dient der Erarbeitung dessen, was mit dem Wort gemeint, und was nicht.”

Tilvera: “Wohl eher zum Zwecke, anderen vorhandene Unvernunft zu unterstellen.  Oder willst du etwa behaupten, es wäre Ausdruck von Vernunft gewesen, als Menschen damals im Land der Biodeutschen dennoch einen Mitbürger jüdischen Glaubens heirateten, oder bei ihm einkauften, ihn gar verstecken? Es war nicht die Vernunft, die solche zu solchem Tun veranlasste, auch nicht die Moral, und schon gar nicht ein Gesetz, erst recht nicht eine Erziehung oder eine Ideologie.”

Ónytjungur: “Sondern?”

Tilvera: “Deren Selbst, über welches seit jeher jedes konkrete Individuum verfügte bis zu dessen Tod, in diesem Augenblick verfügt, so es denn lebe, und über ein solches auch in Zukunft jedes konkrete Individuum verfügen wird. Und kein einziges davon ist einem anderen gleich.”

Ónytjungur: “Soso. Und was ist dieses Selbst?”

Tilvera: “Das kann nur der jeweilige Eigentümer selbst herausfinden.”

Ónytjungur: “Und worauf begründet sich dann deine Behauptung, es gäbe so etwas?”

Tilvera: “Verhält es sich bei dir nicht so, dass es dein Selbst ist, mit dem du dein Ich identifizierst? Oder ist es etwa das eines Anderen? Und verhält es sich bei dir nicht so, dass du zwischen deinem Körper und deinem Ich unterscheidest? Und hat dieses dein Selbst eine Länge, eine Breite, eine Tiefe? Und falls nicht, hat es dann nicht andere Eigenschaften als dein Körper?”

Ónytjungur: “Bei dir waren wohl gestern Abend auch noch härtere Sachen dabei, als es ein Svarti dauði sein kann. Zu deiner Beruhigung, bei mir verhält es sich so, dass mein Selbst bei meinen Nachforschungen immer dasselbe war, sooft ich auch danach forschte, es folglich bereits mein ganzes Leben lang unverändert  bis jetzt existierte. Oder glaubst du etwa, ich wäre durch dein Geschwätz du geworden?”

Tilvera: “Das fehlte mir noch. Als wäre mein Unglück nicht bereits ohne dich schon groß genug. Könnte es demnach sein, dass auch das Gedachte nicht gedacht sein kann wie auch das Allgemeine nicht allgemein sein kann, ohne es zuerst vom Raum oder aus materiellen Eigenschaften zu abstrahieren? “

maltÓnytjungur: “Die Eigenschaften physikalischer Phänomene, also räumliche und zeitliche, sind bestimmten physikalischen Gesetzen untergeordnet, das kann dir jeder Physiker dort unten in der Dorfschule erklären, solltest du dahingehend noch Nachhilfe nötig haben. Und das bei deinem Alter!”

Tilvera: “Wie kommt es dann, dass du dir einbildest, du hättest ein Selbst, das ja – da du mir diesbezüglich nicht widersprachst – weder eine Länge, eine Breite, noch eine Tiefe hat?”

Ónytjungur: “Was hältst du davon, wenn wir beide uns  heute Abend ausnahmsweise mal im Cafe Hresso treffen, und ein  alkoholfreies Malt zischen?”

Begriffsstutzig

troll-imadeWEB-1Tilvera: Es wird gesagt, Begriffe beruhten auf Übereinkunft, und ihre Bedeutung ergebe sich aus ihrem Gebrauch.“

Ónytjungur: „Du willst mir also erzählen, dass im Falle, Diebe kommen darin überein, das Fahrrad sei kein Diebesgut, sondern nur eine Ausleihung auf unbestimmte Zeit, dann …

Tilvera:Bist du heute von Begriffsstutzigkeit geplagt?

Ónytjungur: „Falls ja, dann mag das vielleicht daran liegen, dass mich die festgestellten Veränderungen im Gebrauch der Begriffe stutzig gemacht haben. Denn ich finde keine Übereinkunft mehr, keine einzige.“

Tilvera: „Als da wären? Ich meine die Veränderungen im Gebrauch der Begriffe.

Ónytjungur: „Wo soll ich anfangen, angesichts der großen Zahl an Veränderungen? Ich frage nur, denn das könnte dann etwas dauern.“

Tilvera: „Dann nimm das Unveränderte, also jene Begriffe, die auf Übereinkunft beruhen. Das müsste bei der großen Zahl an Veränderungen, und jener Begriffe, zu denen keine Übereinkunft besteht, ja kürzer werden.“  

Ónytjungur: „Als da wären?

Tilvera: „Wie wäre es zum Beispiel mit den Begriffen Absicht und Zweck. Nur um ein Beispiel zu nennen.

Ónytjungur: „Bist du heute von Begriffsstutzigkeit geplagt?

Tilvera: „Keineswegs. Bei beiden Begriffen herrscht Übereinkunft, sowohl was die Begriffe bedeuten, als auch deren Gebrauch.“

Ónytjungur: „Soso. Ich hörte aber davon, dass nun Absicht für Zweck ausgegeben, und wo Zweck vorhanden, dieser entweder auf Absicht oder auf Zufall beruhe.

Tilvera: „Es kann nicht anders sein.“

Ónytjungur: „Wie verhält es sich dann bei einem Neutron eines Uran-235-Atomkerns, und einer Person, die das Neutron aus dem Atomkern herausschießt? Das Neutron eines Uran-235-Atomkerns erfüllt nur einen bestimmten Zweck, es wäre sonst nicht an dieser Stelle, und wie wir wissen, das auch noch sehr erfolgreich, die Person hingegen verfolgt eine bestimmte Absicht. Beruht die Anwesenheit dieses Neutron nun auf Zufall, oder auf Notwendigkeit?”

Tilvera: „Wäre es nicht dort, wo es sich aufhältdann wäre schon längst geschehen, was geschehen wird, wenn die Absicht der Person in die Tat umgesetzt. Dann wäre aber auch nicht möglich, dass wir beide hier nun sitzen,  und du könntest auch nicht deine Begriffsstutzigkeit offenbaren.”

Ónytjungur: „Es ist auch davon zu lesen, die Gestalt der menschlichen Hand, die Anzahl ihrer Finger und deren Maße seien entweder aus Zufall oder aus Notwendigkeit so, wie sie sind.“

Tilvera: „Du schweifst ab. Es geht um Absicht und Zweck.“

Ónytjungur: „So ist es. Die Aussage über die menschliche Hand ist mittlerweile auch bereits 800 Jahre alt. Verhält es sich deiner Ansicht nach so, dass die Aufgabe der menschlichen Hand das Ergreifen ist, auch das Erfassen verschiedener Gegenstände, oder für die Angemessenheit, Werkzeuge zu halten?

Tilvera: „Deine Flucht in Trivialitäten macht deine Abschweifung nicht besser.“

Ónytjungur: „Das mag sein. Die Frage wäre doch, ob alles, was die menschliche Hand kann, was ja vom Wortsinne her Möglichkeit voraussetze – und ich hoffe, wir beide können wenigstens diesbezüglich auf eine Übereinkunft zurückgreifen -, auf deren Gestalt, der Anzahl ihrer Einzelteile und deren Maße beruhe – und ich hoffe, wir beide können auch hier auf eine Übereinkunft zurückgreifen -, …

Tilvera: „In beiden Fällen genehmigt.“

Ónytjungur: „ … und ob dies nun alles auf Zufall zurückzuführen wäre, oder auf Notwendigkeit.“

Tilvera: „Was hat das mit den Begriffen Absicht und Zweck zu tun? Willst du deine Abschweifung nicht langsam einstellen?

Ónytjungur: „Immer der Reihe nach. Vergiss nicht, wir beide bewegen uns im Augenblick auf der Ebene der Sprache, sind demnach dem Vokabular, der Grammatik, der Syntax und der Semantik dieser Sprache unterworfen. Da ist notwendig, diese einzuhalten, es sei denn, einer wolle nicht verstanden werden. Dann stellte sich jedoch die Frage, wozu er dann die Stille durch Geräusche störe, oder das Sichtbare durch Geschreibsel.

Tilvera: „Und?

Ónytjungur: „Wenn es also so ist, dass die menschliche Hand so ist wie beschrieben, und damit die Aufgabe erfülle, Dinge zu ergreifen, verschiedene Gegenstände zu erfassen, oder angemessen Werkzeuge zu halten, ist es dann nicht so, dass sie ihren Zweck erfülle, und dies nur darauf zurückzuführen ist, dass sie so ist, wie sie ist?

Tilvera: „Wäre sie anders, zum Beispiel so, dass es die Daumen nicht gäbe, sie erfüllte nicht …

Ónytjungur: „Willst du mir  gerade erzählen, dass zur Erfüllung der beschriebenen Aufgaben die menschliche Hand notwendig sei so wie sie ist?

Tilvera: „Sie wäre sonst für die Erfüllung der beschriebenen Aufgaben nicht so brauchbar, also für solche Zwecke.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund kommt dann einer auf die Idee, es beruhe nur auf Zufall, dass die Hand so ist wie sie ist? Denn beruhe sie auf Zufall, dann würde es keinen Unterschied machen, ob den Menschen die Hand eigentümlich ist oder etwa Hufe oder irgendwelche anderen Körperteile, die den verschiedenen Tieren eigentümlich sind. Denn der Zufall benötigt keinen Grund, und benötige er einen, so wäre er nicht Zufall. Ist es nun die Aufgabe, also der Zweck, welche die menschliche Hand so formte wie sie ist, oder der Zufall? Denn der Zufall hätte auch zu einem Huf führen können.

Tilvera: „Die Form könnte auf Versuch und Irrtum beruhen.“

Ónytjungur: „Ein Huf wäre aber kein Irrtum, wie die Pferde belegen. Kein Zweifel möglich, es schätzt der Mensch die Logik; so sie nicht mit einer Idee kollidiere. Womit du auch noch unweigerlich bei der Absicht angekommen.“

Tilvera: „Ich bin nur bei Versuch und Irrtum angekommen.“

Ónytjungur: „Setzt Versuch nicht Absicht voraus? Beschreibt der Begriff Versuch doch, dass da etwas sei, was nicht so hingenommen, und daher zu probieren sei, wie probiert werde, einen anderen Zustand herzustellen, statt sich damit abzufinden. Setzt probieren nicht Absicht voraus? Ist doch etwas, was nicht so hingenommen werde, und daher ein anderer Zustand herbeigeführt werden solle, ein Beweggrund. Oder herrscht auch bei dem Begriff Beweggrund mittlerweile keine Übereinkunft mehr, und dessen Bedeutung ergebe sich nur nun aus seinem Gebrauch?“   

Tilvera: „Dann sage, es sei ein Motiv.“

Ónytjungur: „Wie auch immer. Vom logischen Standpunkt aus betrachtet würde es stets darauf hinauslaufen, dass der Zufall eine Absicht verfolgen müsse, also einen Beweggrund habe, du kannst es auch gerne Motiv nennen. Dumm nur, dass probieren dann nicht auf Zufall beruhe, da Beweggrund vorhanden, daher Zufall sich nur für einen solchen ausgebe.“

Tilvera: „Du sprichst in Rätseln.“

Ónytjungur: „Beweggrund ist eine Schranke, und ich hoffe, dass dazu wenigstens noch eine Übereinkunft existiere. Wenn alles Zufall ist, dann kann es auch keine Notwendigkeit geben, schließt doch das eine das andere aus. Da bei Notwendigkeit noch Möglichkeiten existierten, die nicht Notwendigkeit, da Notwendigkeit ja genau nur eine der Möglichkeiten, so wie auch Unmöglichkeiten existierten, so sind es die Unmöglichkeiten, die den Möglichkeiten – damit auch der Notwendigkeit – Schranken setzen, denn sonst ergäben alle drei Begriffe keinen Sinn. Dem Zufall hingegen können keine Schranken gesetzt sein, denn gäbe es da auch nur eine einzige, so wäre Zufall auch nicht mehr Zufall.“

Tilvera: „Na, dann bleibt mir wenigstens erspart, Zufall zu sein. Denn mir sind eine Fülle von Schranken gesetzt.“

Ónytjungur: „Nun verhält es sich aber auch noch so, dass Absicht eine Entscheidung voraussetze, und Entscheidung vorhandene Alternativen, denn wo keine Alternative, ist auch nichts zu entscheiden, und wo keine Entscheidung möglich, ist auch keine Absicht möglich. Wird probiert, so müssen zwar Alternativen gegeben sein, also mindestens zwei, allerdings ist bei probieren keine Entscheidung erforderlich, welche der Alternativen jetzt versucht, welche nicht, und welche später. Dabei wird aber übersehen, dass davor eine Entscheidung erfolgt sein muss, denn …

Tilvera: „… dies ergibt sich daraus, dass da etwas war, was nicht so hingenommen, und daher probiert wurde, einen anderen Zustand herzustellen, statt sich damit abzufinden, was einen Beweggrund konstituiere, ich weiß. Du weißt, was ein Korinthenkacker ist?

Ónytjungur: „Wer sagt, dass ich rechthaben möchte? Das genaue Gegenteil ist der Fall, ich bin nur ein Opfer meiner eigenen Begriffsstutzigkeit.“

Tilvera: „ Na, dann.

Ónytjungur: „Absicht setzt zudem vorhandenes Interesse voraus. Es sei denn, es wäre möglich, dass eine Absicht hinsichtlich etwas verfolgt werde, an dem gar kein Interesse bestehe. Das wäre aber meines Erachtens ein sehr merkwürdiges Gebaren. Führte es doch dazu, dass Zufall auch noch ein Interesse habe. Schon erstaunlich, welche Eigenschaften Zufall aufweist. Wenn also Absicht eine Entscheidung voraussetze, Entscheidung wiederum alternative Angebote voraussetze, so ist zu sagen, dass Zweck im Gegensatz hierzu weder alternative Angebote noch Entscheidung erfordere. Er ist einfach erfüllt, oder eben nicht. Können wir beide dahingehend zu einer Übereinkunft kommen?

Tilvera: „Meinetwegen. Falls sie dazu geeignet, die Angelegenheit zu verkürzen. Bist du nun mit deinen persönlichen Erkenntnissen über Wirklichkeit und Wahrheit fertig?

Ónytjungur: „Es gibt solche, die aussagen, Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit sei nicht möglich, und solche, die aussagen, sie verfügten über Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit. Beide Aussagen sind von gleicher Qualität. Denn die einen können es nicht wissen, und die anderen sich nur irren.“

Menschen sind nicht als Untertanen anderer geboren

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es hat auch sein Gutes, unsichtbar zu sein.“

Ónytjungur: „Inwiefern?“

Tilvera: „Nun, es erspart anderen, zu glotzen, und mir das Schuldgefühl.“

Ónytjungur: „Inwiefern? Du sprichst immer noch in Rätseln. Dass gerne geglotzt wird, da solche dies irrtümlich mit Aufmerksamkeit verwechseln, ist hinlänglich bekannt. Allerdings ist dies noch kein Anlass, deswegen in sich Schuldgefühle zu entdecken, denn der Glotzer ist dazu unfähig, und das Objekt der Begierde des Glotzers daran unschuldig.“

Tilvera: „Es geht um jene, die mich nach Europa mitnahmen. Seitdem es zur Festung erklärt, ist sowohl unterlassene Hilfeleistung wie auch getane Hilfeleistung ein Straftatbestand. Unterblieb die Hilfeleistung, so drohen bis zu sechs Monate Gefängnis, führt die Unterlassung der Hilfeleistung zum Tod des Hilfsbedürftigen, drohen sogar bis zu einen Jahr Gefängnis.“

Ónytjungur: „Und im Falle, die Hilfeleistung werde getan?“

Tilvera: „Dann drohen bis zu 16 Jahre Gefängnis.“

Ónytjungur: „Dieser Unfug scheitert doch spätestens bei jedem Richter.“

Tilvera: „Das Gegenteil ist der Fall. Es ist dort nicht so, dass Gesetze erst durch Rechtsentscheid zu vorliegendem Rechtsstreit entstehen.”

Ónytjungur: „Und wozu beschäftigen sie dann dort noch Richter, und überlassen das Urteil nicht gleich Vollzugsbeamten? Sie ersparten sich damit wenigstens eine Menge Geld.”

Tilvera: „Die Mehrheit hat dort nun die Rolle des absolutistischen Monarchen inne, und die Mehrheit will auf Richter nicht verzichten. Sie nennen es Gewaltenteilung.”

Ónytjungur: „Wäre eine Teilung nach Kompetenz nicht sinnvoller gewesen? Ich erinnere mich da an jenen Richter, dem ein Bettler vorgeführt wurde, der seine Scheibe Brot, die ihm ein aufmerksamer Mensch überlassen hatte, in einer Gastwirtschaft über einen dampfenden Fleischtopf hielt, auf dass sich die Scheibe mit dem Geruch des Fleisches vollsauge.“

Tilvera: „Und?”

Ónytjungur: „Der Wirt bestand auf Bezahlung, und da der Bettler kein Geld hatte, zerrte er ihn vor den Richter.“

Tilvera: „Wie ging die Sache aus?“

Ónytjungur: „Der Richter hörte sich die Klage an, und gab daraufhin dem Kläger recht.“

Tilvera: „Der Bettler wurde wegen Zechprellerei verurteilt?“

Ónytjungur: „Nicht ganz. Der Richter teilte dem Kläger mit, dass er selbst für den Schaden aufkommen werde, da der Bettler offensichtlich über keine Barmittel oder Rücklagen verfüge. Er griff also in seine Hosentasche, und warf ein paar Münzen auf den Richtertisch.“

Tilvera: „Eine noble Geste.“

Ónytjungur: „In der Tat. Denn er sagte dem Kläger, der Klang dieses Geldes sei die gerechte Bezahlung für den Geruch seines Fleisches. Sammelte daraufhin die Münzen wieder ein, und ließ sie wieder in seiner Hosentasche verschwinden. Du verstehst nun, weswegen eine Teilung nach Kompetenz sinnvoller ist, und brauchbare Gesetze erst durch Rechtsentscheid zu vorliegendem Rechtsstreit entstehen?“

Tilera: „Sie sagen, sie hätten sich Regeln des Zusammenlebens gegeben, die einer einhalten sollte, wenn er dort leben wolle, sonst werde er ausgegrenzt oder sogar bestraft, denn so würden Gesellschaften funktionieren.“

Tilvera: „Nun, da wird von Gesellschaften gesprochen, nicht von Gemeinschaften, was ja nicht dasselbe ist, wie wir beide wissen. Da haben sie wohl etwas zu viel in einen Satz gepackt. Lass mich raten: Ex cathedra? Von einem unfehlbaren Papst gemäß seiner Vollmacht verkündet und damit wahr?“

Tilvera: „Weit gefehlt. Bereits Johannes XXIII hat damals zu Beginn seiner Amtszeit erklärt, er werde von dem Dogma keinen weiteren Gebrauch mehr machen. An dessen Stelle sind nun Päpste getreten, die zwar keine Päpste sind, aber nicht die Finger davon lassen wollen, sich für Päpste zu halten, auch noch für unfehlbare. Fühlt einer ihnen dann etwas auf den Zahn, pochen sie in aller Regel auf ihr Recht, frei die Meinung äußern zu dürfen, um die Antwort schuldig bleiben zu dürfen.“

Ónytjungur: „Was hoffentlich solchen nicht zum Vorwurf gemacht werde. Jeder hat schließlich das Recht, vor sich hin zu monologisieren. Zudem wird da ohnehin nur Behauptung und Belehrung mit Meinung verwechselt. In aller Regel kleine Machiavellis, ständig mit der Schlechtigkeit des Menschen rechnend, wovon sie selbstverständlich sich selbst ausnehmen. Der Enttheologisierung folgte die Entmoralisierung, und dieser die Blasierheit.“

Tilvera: „Wie kommst du auf Hochmut?“

Ónytjungur: „Wie sollte ich nicht. Ist es doch eine Frage des Kontrakts. Der Gemeinschaft, die hier an den Küsten siedelt, ist zum Beispiel die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung ein fremder Gedanke geblieben, nicht so aber bei den Gesellschaften draußen, wo verbesserte Gesundheit und höhere Lebenserwartung offensichtlich dazu führten, zur Zerstörung der Natur und der menschlichen Geisteshaltung den größten Anteil beizutragen. Sie haben sogar vergessen, dass Menschen nicht als Untertanen anderer geboren wurden.“

Tilvera: „Und was soll daran Hochmut sein?“

 Ónytjungur: „Ziehen sie nicht aus, damit die Welt an ihrem Wesen genese? Dabei merken sie noch nicht einmal, dass sie mittlerweile sogar hinter die spanischen Spätscholastiker zurückgefallen sind. Bereits vor 400 Jahren wurden die Sesshaften durch die Entdeckung, dass es neue Welten gebe, völlig unvorbereitet mit fremden Kulturen konfrontiert, und es war zu klären, wie sich gegen Indianern zu verhalten sei, was von Anfang an ein Rechtsproblem darstellte. Denn immerhin war zu klären, ob diese überhaupt Menschen waren, und ob sie gegebenenfalls Eigentumsrechte hätten. Das Ergebnis ist ja hinlänglich bekannt.“

Tilvera: „Nun, immerhin hat darauf aufbauend ein Bundesverfassungsgericht zur Vereinigungstheorie ausgeführt, im Falle, es sei das oberste Ziel des Strafens, die Gesellschaft vor sozialschädlichem Verhalten zu bewahren und die elementaren Werte des Gemeinschaftslebens zu schützen, müsse zunächst von dem Wert des verletzten Rechtsguts und dem Maß der Sozialschädlichkeit der Verletzungshandlung – auch im Vergleich mit anderen unter Strafe gestellten Handlungen – ausgegangen werden. Das Leben jedes einzelnen Menschen gehöre zu den höchsten Rechtsgütern, und die Pflicht des Staates, es zu schützen, ergebe sich bereits unmittelbar aus Artikel 2 des Grundgesetzes, sie folge darüber hinaus aus der ausdrücklichen Vorschrift des Artikel 1 des Grundgesetzes.“

Ónytjungur: „Und? Was hat es genutzt?“

Tilvera: „Nichts. Es sei denn, unter dem verwendeten Begriff des einzelnen Menschen sei nur der eigene Staatsbürger gemeint, tätige Hilfeleistung sei sozialschädlich, und im Vergleich zu anderen unter Strafe gestellte Handlungen – wie zum Beispiel unterlassene Hilfeleistung – sogar um ein Vielfaches sozialschädlicher.“

Ónytjungur: „Womit hinreichend über die dortigen elementaren Werte derer Gemeinschaftsleben ausgesagt.“

Kognitive Dissonanz

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Was gibt es Neues von der wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft zu berichten? Die jüngsten Ereignisse hier verheißen nichts Gutes.“

Tilvera: „Die Zeit der Heroen ist endlich wieder angebrochen, die seit langem vermissten Dichter und Denker sind zurückgekehrt, erleben eine Renaissance.“

Ónytjungur: „Erfreulich, erfreulich. Du hast ihre Dichtung gelesen? Ist die Prosa gefällig?“

Tilvera: „Die eingesetzte Form der Prosa, obschon aufgewärmt, da dort schon einmal erfolgreich angewandt, findet nun immer mehr Anhänger, allerdings nennen sie diese dort nun Wissenschaft.“

Ónytjungur: „Ein Fortschritt. Sind es doch die Dichter, die Wissen besitzen, wie hier jeder weiß. Und was ist das Thema? Die Natur, die Liebe, der Mensch an sich, Innenleben, …?“

Tilvera: „Es dreht sich um Fragen des wahren Menschseins. Genau genommen um Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten. Sie nennen es Kognitionen.“

Ónytjungur: „Interessant. Ein weites Feld.“

Tilvera: „Genau genommen, ein sehr begrenztes Feld. Es geht nur um die Frage, was zu tun ist, ob einem Menschen, der vor Mördern flieht, um nicht ermordet zu werden, dabei Hab und Gut verlor, Obdach zu gewähren sei, oder nicht.“

Ónytjungur: „Wie kommt’s? Die Frage ist seit Menschengedenken längst geklärt, von Generation zu Generation, in allen Kulturen, und unwidersprochen. Was gibt es da noch zu reden?“

Tilvera: „Da gab es die denkend abwägenden Psychologen noch nicht. Diese sagen nun, dass handeln falsch sei, denn es müsse vorher erst denkend abgewogen werden. Denn werde gehandelt, ohne vorher denkend abzuwägen, wäre eine Realitätsverweigerung zu diagnostizieren, und die Ursache wäre ein pathologischer Charakter. Entstanden aus Unwissenheit, Gedankenlosigkeit, schierer Angst, die Dinge an ihr Ende zu denken, Selbstbetrug, einer mentalen Schwäche. Verantwortlich dafür seien sogenannte Gesinnungsethiker, die unerfüllbare Maximalforderungen aufstellten, und abstrakte Ideale wie eine Monstranz vor sich her trügen. So sei der abwägend Denkende nun notwendig geworden, der Möglichkeiten an der Realität abgleiche.“

Ónytjungur: „Da hat wohl einer nicht verkraftet, dass die Wirklichkeit nicht hinter dem Display blieb, welches sogar hier jeder Besucher in der Einöde vor seine Nase hält, sondern plötzlich vor dem Display auftauchte. Aber da war sie doch immer, wie du und ich wissen, nur hat das offensichtlich von denen keiner bemerkt. Was kein Wunder ist, wenn die Nase ständig am Display klebt, und damit Wahrnehmungen, Gedanken, Wünsche und Absichten auf jenes ausgerichtet, was hinter dem Display sichtbar, und nicht vor dem Display gegeben.

Tilvera: „Nun, die denkend abwägenden Psychologen sehen sich selbst als ein dem Untergang geweihter Indianerstamm im Amazonasgebiet, und beanspruchen daher, geschützt zu werden wie Tibeter in China. Sie sehen sich selbst als indigenes Volk, und beanspruchen daher Schutz gemäß Resolution 61/295, der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker.“

Ónytjungur: „Lass mich raten: da diese Dichter Psychologen sind, die sich für Wissenschaftler halten, reden sie dabei keineswegs von sich, sondern selbstverständlich über andere. Ist es nicht so, dass Psychologen einmal als Beruf entstanden, um ein konkretes Individuum, das entweder für sich selbst oder für andere eine Gefahr für Leib und Leben darstellt, mit geeigneten Methoden zu therapieren, wozu  sich vordem niemand kompetent erklärte? Was haben die nun mit dem Plural zu schaffen?“

Tilvera: „Das war, bevor die denkend abwägenden Psychologen der wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft eine kollektive kognitive Dissonanz diagnostizierten.“

Ónytjungur: „Und was ist eine kognitive Dissonanz?“

Tilvera: „Ein unangenehm empfundenes Gefühl, das dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat, die nicht miteinander vereinbar sind. Sie ist situationsbedingt, und ist abhängig von getroffener Entscheidung, Gewahrwerdung, oder Verhalten.

Ónytjungur: „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass diese Definition sich auf Einzahl bezieht, also auf ein konkretes Individuum, du aber vorher von Mehrzahl sprachst, also einem Kollektiv? Hast du auf deiner langen Reise die Fähigkeit zur Sprache verloren, fehlten dir unsere Dichter?“

Tilvera: „Ich berichte dir nur wahrheitsgetreu, bin daher auch nicht dafür verantwortlich.“

Ónytjungur: „Das hört sich alles sehr komplex an. Du machst mich neugierig. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ist nur möglich, dass das Ergebnis aus Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche und Absichten, das einer Person in ihrem  Leben als Summe widerfuhr, nur einzigartig sein kann, demnach nie mit einer anderen Person identisch. Du behauptest nun, dies sei nicht wahr.“

Tilvera: „Nicht ich bin es, der das behauptet. Ich bin nur derjenige, der davon berichtet. Wurdest du nie von einem Gefühl heimgesucht, dass du als unangenehm empfandst? Da du Unstimmigkeiten bei deinen Wahrnehmungen, Gedanken, Wünschen und Absichten entdecktest? Ich meine, bezogen auf deine Einstellungen und dein Verhalten.“

Ónytjungur: „Im Sommer jeden verdammten, langen Tag. Nicht aber im Winter.“

Tilvera: „Tatsächlich sind es aber nur fünf verschiedene Ereignisse, die zu einer kognitiven Dissonanz führen.“

Ónytjungur: „Dann könnte möglich sein, dass sogar ich es verstehe. Erzähl, nur keine Scheu!“

Tilvera: „Das Gefühl tritt zum Beispiel auf, wenn einer eine Entscheidung getroffen hat, obwohl die Alternativen ebenfalls attraktiv waren.“

Ónytjungur: „Mir ist ein solches Individuum schon begegnet. Es hatte sich für ein graues Auto entschieden, und war sein Leben lang totunglücklich darüber, dass es sich nicht für das rote Auto entschieden hatte. Oder der Mann, der eine Frau geheiratet hat, und dann … ich sehe aber keinen Zusammenhang …“

Tilvera: „Das Gefühl tritt auch auf, wenn einer eine Entscheidung getroffen hat, die sich als eine Fehlentscheidung herausstellte.“

Ónytjungur: „Auch das. Bei dem einen war aber die Ursache nicht die Farbe des Autos, sondern die Umgebung, die er damit aufsuchte, und bei dem anderen nicht die Ehefrau. Ich sehe immer noch keinen Zusammenhang …“

Tilvera: „Das Gefühl tritt auch dann auf, wenn einer gewahr wird, dass eine begonnene Sache anstrengender oder unangenehmer wird als erwartet.“

Ónytjungur: „Das stimmt. Der eine versuchte, mit seinem grauen Ford Fiesta die Krossa zu durchqueren, der andere jammerte darüber, dass seine Frau ihn vor die Alternative stelle, entweder wenigstens einmal in der Woche die Unterhose zu wechseln, oder auf kuscheln zu verzichten. Was hat das mit …“

Tilvera: „Das Gefühl tritt zum Beispiel auch dann auf, wenn einer große Anstrengungen auf sich genommen hat, nur um dann festzustellen, dass das Ziel den Erwartungen nicht gerecht wird.“

Ónytjungur: „Mir längst bekannt. Der eine schrie laut um Hilfe, in der Hoffnung, es höre einer die Hilferufe und eile herbei, denn das graue Auto war in der Krossa praktisch unsichtbar, wurde dadurch aber nur heiser, denn die Krossa war lauter, und der andere wechselte seine Unterhose, da war es aber schon zu spät, denn seine Frau war mittlerweile eingeschlafen. Du hast mir immer noch nicht gesagt …“

Tilvera: „Das Gefühl tritt zum Beispiel auf, wenn einer sich konträr zu seinen Überzeugungen verhält, ohne dass es dafür eine externe Rechtfertigung in Form von Nutzen bez. Belohnung oder Kosten bzw. Bestrafung gibt.“

Ónytjungur: „Auch das ist mir geläufig. Der eine war überzeugt, dass es in Italien Brücken gibt und warm ist, auch war er davon überzeugt, dass hier im Hochland Flüsse zu durchqueren sind, und er eigentlich ein geländegängiges Auto bräuchte, fuhr aber dennoch mit einem Ford Fiesta hierher, und der andere wechselte gegen seine Überzeugung jede Woche seines Lebens seine Unterhose, obschon es immer zu spät war. Was zum Teufel hat das alles damit zu tun, ob einem Menschen, der vor Mördern flieht, um nicht ermordet zu werden, dabei Hab und Gut verlor, Obdach zu gewähren ist, oder nicht?“

Tilvera: „Das Problem ist, dass dabei Einstellungen und Verhalten als widersprüchlich empfunden werden, und – da das Verhalten freiwillig geschah – eine körperliche Erregung eintrat, wofür dieses Verhalten verantwortlich ist.“

Ónytjungur: „Interessant. Gibt es eine Rettung aus dem, was da als Dilemma aufgefasst?“

Tilvera: „Die abwägend denkenden Psychologen gehen davon aus, dass dafür vier Schritte notwendig wären. Mit welchen der Schritte begonnen werde, sei unerheblich.“

Ónytjungur: „Als da sind?“

Tilvera: „Um das zugrunde liegende Problem zu lösen, wäre notwendig, den Blickwinkel zu ändern, damit neue Lösungswege erkannt werden können. Mit der Lösung verschwinde auch die Dissonanz.“

Ónytjungur: „Genial. Sobald die Menschen Kriegsflüchtlinge nicht für Kriegsflüchtlinge halten, die vor Mördern fliehen, um nicht ermordet zu werden, und dabei Hab und Gut verloren, eröffnen sich neue Lösungswege, die vordem ja deswegen nicht erkannt wurden, da ja noch die Kriegsflüchtlinge irrtümlich für Kriegsflüchtlinge gehalten wurden, die vor Mördern fliehen, um nicht ermordet zu werden, und dabei Hab und Gut verloren.“

Tilvera: „Ein anderer Schritt wäre, die Wünsche, Absichten oder Einstellungen aufzugeben.“

Ónytjungur: „Noch besser. Bieten die denkend abwägenden Psychologen auch Einrichtungen an, in denen sie Umschulungen anbieten, so dass Wünsche und Absichten, oder die Einstellung, Menschen Obdach zu gewähren, die vor Mördern fliehen, um nicht ermordet zu werden, und dabei Hab und Gut verloren, sich dahingehend verändern, diesen nicht mehr Obdach gewähren zu wollen?“

Tilvera: „Es wäre auch möglich, die körperliche Erregung zu dämpfen, was durch Sport, ausgleichende Aktivitäten, Ruhe, Vermeidung von vermeidbarem Stress, Meditation, aber auch durch Alkoholkonsum, Beruhigungsmittel, Tabak oder andere Drogen möglich wäre.

Ónytjungur: „Das bringt mich auf eine Idee. Gibt es nicht eventuell die Möglichkeit, an die abwägend denkenden Psychologen Gutscheine auszugeben, für das Fitness-Studio, oder Meditationskurse, oder Freibier bis zum abwinken? Immerhin würde dadurch erreicht werden, dass jene, die nicht von kognitiver Dissonanz befallen wie jene abwägend denkenden Psychologen, endlich von deren Geschwätz befreit werden, abwägend denkende Psychologen möglicherweise darüber sogar ihre Einstellung änderten, also eines fernen Tages Menschen in Not Obdach gewähren wollen.“

Tilvera: „Aber die abwägend denkenden Psychologen sind es doch nicht, die an kognitiver Dissonanz leiden, sondern jene, die Kriegsflüchtlingen Obdach gewähren, da die vor Mördern fliehen, um nicht ermordet zu werden, und dabei Hab und Gut verloren.“

Ónytjungur: „Soso, ist das so? Ist dir auf deinen Reisen schon einmal das Wort Gewissen begegnet?“

Tilvera: „Wo ich auch hin kam. Was aber hat das Wort mit kognitiver Dissonanz zu tun?“

Ónytjungur: „Nun, Gewissen ist das Gefühl der inneren Ruhe oder Unruhe, das in das Bewusstsein tritt, wenn eine vorgehabte, begangene oder unterlassene Tat im Einklang oder Widerspruch zu einem moralischen Grundsatz steht, der für eine Person verbindlich ist. Was wäre daraus zu schließen, ich meine, bezogen auf Psychologen, die dichten, da sie sich für Wissenschaftler halten?”

Tilvera: „Dass ein Esel ein Esel bleibt, auch wenn er eine Melone frisst?“

fr

Dissonance cognitive

Aufgeflogen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Was ist zu halten von einem, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt?“

Tilvera: „Das lässt sich einfach beantworten, wo Verbrecher belauscht werden, da diese Verbrecher sind. Allerdings wird der Inhalt in solchen Fällen nicht einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, sondern einem Richter, und es ist auch ein Richter notwendig, der vorab prüft, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe, dass es sich dabei um Verbrechen handeln könne, die da besprochen. Es ist davon zu hören, dass es auch Leute gebe, die zwar dafür bezahlt werden, dies aber nur unter der Voraussetzung, dass sie eben nicht den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten, die keine Richter sind. Dann gibt es noch Leute, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, es aber dennoch tun, da sonst Verbrechen im Verborgenen blieben, mit Duldung der Richter. In diesem Fall führt es dazu, dass die Öffentlichkeit ausgesprochen dankbar dafür ist. Was seinen Ausdruck darin findet, sich über die vor ihnen verborgen gehaltene Wirklichkeit empören zu können, oder darüber, dass sie nun nicht mehr verborgen, sondern ans Tageslicht gebracht. Da aber in solchen Fällen kaum einer an der Wirklichkeit interessiert, sondern nur daran, sich über etwas empören zu können, entsteht keinem Einzigen daraus ein Schaden, ausgenommen eben jener Person, die da ohne Entgelt arbeitete, um den getäuschten Artgenossen von der Wirklichkeit zu erzählen. Es erinnert mich an den Satz eines Schweizer Dichters: Alles Gute geschieht nur durch die Not, das heißt die Freiwilligkeit, nicht durch den Zwang, das heißt die Nötigung.“

Ónytjungur: „Was das Resultat für die unentgeltliche Arbeit erkläre. Es entstand darüber Zwang, da die Öffentlichkeit damit genötigt wurde, die Wirklichkeit zu kennen, was dazu führt, dass sie sich – vor die Wahl gestellt – doch lieber für die Fiktion entscheidet, war diese doch aus Freiwilligkeit heraus angenommen. Das ganze Unterfangen also nur vergeblich, nur dazu führt, dass jene Leute, die auf Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion hinweisen, mit allen Mitteln gejagt werden, um sie einsperren zu können. Hatte dieser Dichter, an dessen Satz du dich erinnerst, nicht auch notiert: Dieser hielt sich ans Einzelne und änderte das All. Jener predigte das Universale und änderte weder das All noch das Einzelne?“

Tilvera: „Nun, ihm war damals vermutlich der mittlerweile bereits 800 Jahre alt gewordene Satz noch unbekannt: Da ich dem aufrichtigen Rat und den Einzelheiten anhänge, lassen diese beiden mir unter den Menschen keinen Freund.“

Ónytjungur: „Lass mich raten. Es erging dem Dichter wie denjenigen, die nun Whistleblower geheißen.“

Tilvera: „Was die Vergeblichkeit anbelangt, hinsichtlich der breiten Masse, liegst du nicht falsch. Dessen Erkenntnisfähigkeit wurde ihm ebenso zum Verhängnis wie diejenige der Hinweisgeber. Allerdings hatte er wie diese keine andere Wahl. Er hatte sogar festgehalten, dass er gar keine andere Wahl habe: Man kann nicht etwas voll erkennen und nicht tun. Das Erkennen geht unmerklich in die Tat über.“

Ónytjungur: „Wobei anzumerken wäre, dass die Enthüller wissen, dass einer der gebräuchlichsten Irrtümer jene Annahme ist, dass über Erkenntnisse sammeln notgedrungen auch die Erkenntnisfähigkeit zunehme. Ganz im Gegensatz zu solchen, die gegen Entgelt Gespräche belauschen, die nicht für sie bestimmt waren, deren Inhalt sie aber nicht einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten.

Tilvera: „Wird doch mit dem Wort Erkenntnis benannt, was bloßes Kennen von Daten, unter dem Vorwand, darüber hinausgehende Einsicht und Verstehen erlangen zu wollen, was nicht der Fall ist.“

Ónytjungur: „Es daher in privatem Bereich, so in diesem keine Verbrechen besprochen, sowohl gute Gründe dafür gebe, dass ein Gespräch nur unter zwei   Gesprächspartnern erfolge, andere davon ausgeschlossen werden, als es auch gute Gründe für solche Gespräche gebe, von der eine Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen. Und es jedes Einzelnen zustehendes natürliches Recht ist, zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zugeordnet werde, und was nicht.“

Tilvera: „Nun, die Nicht-Enthüller vertreten den Standpunkt, dass es keinem konkreten Individuum zustünde darüber zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zuzuordnen sei, und was nicht, da es zwingend notwendig, Menschen zu schützen. Wer nichts zu verbergen habe, brauche sich deswegen auch keine Sorgen zu machen.“

Ónytjungur: „Und wer von den Abgehörten etwas zu verbergen habe, auch nicht, denn die Verbrecher nutzen dann einfach andere Kommunikationskanäle.  Was sagt dir die Zahl 1984 ?“

Tilvera: “Dass der Verfasser des Textes ein hoffnungsloser Optimist war, bei der Betrachtung seiner Artgenossen.

Ónytjungur: „Wir haben nun zwar betrachtet, was von einem zu halten ist, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Allerdings war dabei stets die Rede von wirklichen Geschehnissen, nicht aber von möglichen Geschehnissen, die es gar nicht gibt, die nur Fiktion, so wie wir beide.“

Tilvera: „Es hat sein Gutes, dass wir nur für Fiktion gehalten. Wir hatten dafür gute Gründe, wie du weißt. Es kann auch nichts Sinnvolles dabei herauskommen, wäre es anders. Es entstünde daraus auch für niemanden ein Nutzen, allerdings für uns beide ein erheblicher Schaden. Worauf willst du hinaus?“

Ónytjungur: „Wir werden abgehört.“

Tilvera: „Wie? Wo? Wann?

Ónytjungur: „Vielleicht gerade jetzt und hier.“

Tilvera: „Ich sehe niemand. Und zu welchem Zweck sollte das dienen?“

Ónytjungur: „Nun, die dahingehende Technik ist ja bereits sehr fortgeschritten, wie Du weißt. Es dürfte sich um einen Trottel handeln, dem nichts Besseres einfällt, als sein Leben damit zu vergeuden, sich hier herumzutreiben, unsere Gespräche abzuhören, die weder für ihn noch für andere bestimmt, und diese einer Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Tilvera: „Welcher Beweggrund wäre es, der ihn zu solchem Unfug treibe?“

Ónytjungur: „Es ist nur einer denkbar. Wie dir bekannt sein dürfte, wird diesem Land immer mehr Wohlwollen entgegengebracht.“

Tilvera: „Nun, wir beide wissen, dass dieses Wohlwollen kein Wohlwollen ist, sondern vielmehr nur verwendet wird, um sich mit Hilfe dieses wenig bekannten Landes selbst durchzubringen. Hauptsächlich durch Reisen, die solchen selbst berühmt machen sollen, aber das Land hier fast so unbekannt lassen wie zuvor. Es muss schon ein ausgemachter Volltrottel sein, der glaubt, er könne dies ausgerechnet dadurch erreichen, dass er Erfundenes bzw. Erdachtes veröffentliche, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.“

Ónytjungur: „So ist es. Ich sehe, du liest Texte isländischer Dichter, sonst hättest du Bergsson nicht gerade zitieren können. Und doch muss sich solch ein Schmarotzer hier herumtreiben, der mangels eigener Ideen uns abhört. Wogegen erst einmal nichts einzuwenden wäre, außer der Tatsache, dass unsere Gespräche eindeutig nur für uns beide bestimmt sind, nicht aber für andere. Zudem hätten wir nichts zu verbergen, außer der Antwort auf die Frage, ob wir Wirklichkeit oder Fiktion sind. Welcher Teufel hat ihn aber geritten, auf die Idee zu kommen, nicht für sich behalten zu wollen, was er sich durch Unverfrorenheit erschlichen? Dass dem so ist, konnte ich auf meiner letzten Reise feststellen. Ich fand unsere letzte Unterhaltung, Wort für Wort, in einem dieser Dinger, die sich die Menschen zulegten, um ihr eigenes immer mehr schwindendes Gedächtnis zu ersetzen, und nun glauben, darin wäre das gleiche aufzufinden, wie vordem in ihrem Gedächtnis noch möglich. Was nicht der Fall ist, wie wir beide wissen.“

Tilvera: „Fehlen doch dort all jene Informationen, die im Gedächtnis vorhanden, und Gedächtnis erst zu Gedächtnis machten. In diesen Dingern stehen jedoch nur noch Worte. Als wären Worte bereits Information.“

Ónytjungur: „Was sie nicht sind. Sie sind nur Konstrukt, noch nicht einmal Konzept. Dazu kommt, dass dort als Gegenwart ausgegeben, was Vergangenheit ist. Denn wer macht sich schon die Mühe, vorhandene Prozesse jedes Einzelnen angemessen abzubilden. Es sind demnach noch nicht einmal Worte, es sind nur Stempel.“

Tilvera: „Die mit Aussage verwechselt. Nun, sie glauben auch, dass sich Intelligenz messen lasse, obschon sie noch nicht mal über eine Definition verfügen, was sie da messen. In solchen Dingern sind die Worte unserer Unterhaltungen nun abgelegt?“

Ónytjungur: „Muss uns das tangieren? Der Dummkopf weiß noch nicht einmal, dass wir auch über eine eigene Sprache verfügen, die nur wir beide verstehen, er aber nie verstehen wird, da er sie zu keiner Zeit je erlernen wird, da unsere Diné bizaad, und nicht die seine. Er daher nur belauscht, wenn wir beide uns in seiner Sprache unterhalten, damit unsere Fähigkeit nicht einroste, um in Übung zu bleiben, da wir seine Sprache sonst verlieren würden.“

Tilvera: „Und dieser Einfallspinsel veröffentlicht daher nur unsere Sprachübungen, und nichts darüber hinaus. Lassen wir ihm also seine lächerliche Spielerei. Gut möglich, dass er sonst nichts mehr mit seinem Leben anzufangen wüsste, und wir wären dann auch noch dafür verantwortlich, wenn ihm auch das noch entzogen.“

Ónytjungur: „Nun, sollte er auch dieses Gespräch belauscht haben, so hoffe ich für ihn, dass ihm endlich bewusst werde, dass er nicht nur reine Sprachübungen aufzeichnet, und nichts darüber hinaus, sondern zudem auch noch solche, die keinen Flynn-Effekt enthalten, mangels vorhandener Grundlage. Wir beide würden auch keinen einzigen IQ-Test bestehen, mag er auch das aktuellste und empirisch am besten untersuchte Strukturmodell der Intelligenz sein.“

2.4 Compare words_ erfahren - verstehen
“skilja” und “greina”

Tilvera: „Verwechseln diese Modelle doch greina mit skilja, also erkennen, wahrnehmen, unterscheiden mit verstehen. So wird nur Umfang gemessen, der auch noch von Interesse abhängig. Da dem so ist, entstünde auch keinem ein Schaden dadurch, sollte dieser Schwachkopf unsere Gespräche, die weder für ihn und sonst irgendeinen bestimmt, ohne die gebotene Zurückhaltung auch noch Beifall heischend herumposaunen. Betreiben wir doch bei unseren Sprachübungen nur Schabernack, da die Übungen sonst einfach zu strohtrocken wären.“

Ónytjungur: „Und will einem der Schabernack nicht schmecken, aus welchen Gründen auch immer, mag dieser Trost darin finden, dass unser beider IQ sich erheblich unterscheide von dem seinen.“

Tilvera: „Was meinst du, hat er uns gerade wieder belauscht?“

Aufgeflogen