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Das Wort „Staat“ (πολις) hat mehrere Bedeutungen

Die Trolle Stjórnvald und Húskarl verfolgten an Sylvester auf ihrem Stein liegend  mit großer Freude den Tanz der Elfen am Firmament.

Húskarl  : „Ich las davon, dass das Zusammengesetzte bis zu dem Einfachen hin getrennt werden müsse, was sozusagen  die kleinsten Teile des Ganzen sind, daher auch bei dem Staate untersucht werden müsse, woraus er bestehe und würde dann an seinen Bestandteilen besser ersehen, wie die Staaten sich voneinander unterscheiden und ob es angehe, über jede der genannten Gemeinschaften etwas wissenschaftlich festzustellen.“

Stjórnvald : „Ich sehe, auch dieses Jahr hat die Bókaflóð bei dir ihre Spuren hinterlassen.“

Húskarl  : „Ist dir auf deinen Reisen nicht aufgefallen, dass es zahlreiche Gemeinsamkeiten bei den Nationen da draußen in der Welt gebe und dies unabhängig davon, ob sich diese Demokratien, Königtümer, oder Diktaturen nennen und auch völlig unabhängig davon, ob sie von sich behaupten, sie wären atheistisch, säkular oder religiös?“

Stjórnvald :  „Hattest du nicht auch den Satz entdeckt, dass die Tyrannen schlechte Leute lieben würden, denn wenn man ihnen schmeichle, freue es sie, denn der Tyrann strebe nach dreierlei, einmal nach einer kleinmütigen Gesinnung bei seinen Untertanen, dann dass niemand dem Anderen traue, denn die Tyrannis könne ja nicht eher gestürzt werden, als bis einige einander vertrauten?“

Húskarl  : „Hatte ich  gelesen. Deshalb verfolge die Tyrannis auch die rechtlichen Leute, weil diese ihrer Herrschaft Schaden brächten. Ich las auch, dass das Gleiche und Gerechte immer nur von den Schwächeren verlangt werde, während Gewalthaber sich nicht darum kümmerten.“

Stjórnvald :  „Nun, dann hast du sicherlich auch gelesen, dass der Staat zu den zusammengesetzten Dingen gehöre und daher aus vielen Teilen bestehe. Daher wäre zunächst die Untersuchung auf die Bürger zu richten, denn der Staat ist ja eine Menge von Bürgern.“

Húskarl : „Dann dürfte die Einteilung aber nicht mehr stimmen.“

Stjórnvald :  „Welche Einteilung?“

Húskarl : „Unterschied er nicht nach Königtum, der Aristokratie, dem Freistaat und der drei Ausartungen derselben, also der Tyrannis als Ausartung des Königtums, der Oligarchie als Ausartung der Aristokratie und der Demokratie als Ausartung des Freistaates?

Stjórnvald :  „Nun, aus diesem Grund wurde auch 500 Jahre später diese Einteilung um die Ochlokratie ergänzt.“

Húskarl : „Allerdings hatte er es bereits vorausgesehen. Führte er nicht aus, dass die meisten die despotische Herrschaft für die stattliche hielten und was sie für sich selbst nicht für gut und zuträglich hielten, dessen schämten sie sich nicht gegen Andere zu üben? Bei sich zu Hause mögen sie vielleicht nach einer gerechten Herrschaft streben, Anderen gegenüber kümmere sie das Gerechte nicht. Daher hatte die Einrichtung des Scherbengerichts gegen anerkannte Überlegenheiten eine staatliche Berechtigung.“

Ljósmynd:  Forseti Íslands

Stjórnvald :  „Dann sind wir hier ja bestens aufgehoben. Der Staatspräsident steht im Supermarkt wie jeder andere vor der Kasse in der Warteschlange, fährt morgens seine Tochter mit dem Fahrrad zur Schule, kann bei einer Fußball-Europameisterschaft dankend die VIP-Lounge ablehnen, sich zur Fankurve seiner Staatsbürger  gesellen und in der Menge wie ein Fisch im Fischschwarm schwimmen.“

Húskarl : „Vergiss nicht, dass es nicht in allen Ländern die Bücherflut gibt. Ich hörte davon, dass hier die Schüler einer Schule jede Woche ein anderes Buch zu lesen haben, welches dann anschließend im Unterricht gemeinsam erörtert werde. Ein Direktor einer Schule eines anderen Landes, welcher mit dieser Schule in den Westfjorden über ein Schüleraustauschprogramm verbunden war, führte beredte Klage, dass er schon froh wäre, wenn er in seiner Schule wenigstens zwei Bücher im Jahr besprechen könne. Ist es nicht die Sprache, welche das Nützliche und Schädliche sowie das Gerechte und Ungerechte offenbare?“

Stjórnvald :  „Der Unterschied liegt wohl darin, dass hier vom Staatsvolk auch die Dichter mehr geachtet werden als Politiker oder sonstige prominente Personen.“

Húskarl : „Verhält es sich dann nicht so, dass es nicht die Menge der Bürger ist, welche die Größe eines Staates bestimme, sondern von welcher Beschaffenheit diese seien?“

Stjórnvald :  „So ist zu lesen. Zudem beurteilen in anderen Staaten die Menschen die Größe eines Staates nach der Zahl seiner Einwohner, statt auf die Kraft zu sehen,  ist doch ein großer Staat nicht dasselbe wie ein volkreicher Staat. Das Übrige wäre dann Sache der Erziehung, denn der Mensch lerne teils durch Gewöhnung, teils durch Hören.“

Húskarl : „So ist es. Daher wurde seit der Landnahme hier großer Wert darauf gelegt, dass die Sprache nicht verwässert werde durch Lehnwörter oder Worthülsen, welche vorgeben etwas zu sein, was sie bei näherer Betrachtung dessen Inhalts gar nicht sind.“

Stjórnvald :  „Was dazu führte, dass mit den Leuten hier nicht gut Kirschen essen ist. Die Bankster, welche damals den Staatsbankrott herbeiführten, waren vernünftig genug, schleunigst das Land zu verlassen und nicht mehr zurückzukehren. Erinnerst du dich noch an jene Toilette, bei der die Pissoirs mit den Konterfeis dieser Bankster ausgekleidet wurden, damit jeder  diese sofort erkennen könne, sobald sie es wagen sollten, isländisches Territorium zu betreten?“

Ljósmynd: Iceland Monitor / Golli

Húskarl : „Oder dieser ohrenbetörende rhythmische Lärm, der von Austurvöllur bis hinauf zur  Hallgrímmskirkja zu hören war und dies nur aus dem Grund heraus, weil ein Politiker vor der Wahl versprach, dass er das  Staatsvolk befragen werde, ob die Verhandlungen mit der EU eingestellt werden sollen oder nicht …“

Stjórnvald :  „… und dann das Staatsvolk nach der Wahl nicht befragte, sondern einfach die Verhandlungen eigenmächtig einstellte, mit der Begründung, dass das Ergebnis der Befragung  ja ohnehin eindeutig gewesen wäre, da die Mehrheit der Ísländer bereits vor der Wahl gegen den Beitritt zur EU  gewesen war, wie die Meinungsumfragen belegt hätten …“

Húskarl : „… was ja auch bereits vor der Wahl bekannt gewesen, so dass sich den Wählern die Frage aufdrängte, wieso er dann dennoch eine Volksbefragung vor der Wahl versprochen habe, wissend, dass er dieses Versprechen nach der Wahl nicht einhalten werde.“

Stjórnvald :  „Nun, mit den Panamapapieren hatte er den Bogen ja dann endgültig überspannt. Vermutlich ist ihm völlig entgangen, dass die Vorfahren damals das Land besiedelten, weil sie sich nicht einem König unterwerfen wollten.“

Húskarl : „Womit zwar wieder einmal bestätigt, dass jene welche sich im Übermaß von Glücksgütern befinden, weder den Willen noch das Verständnis für Gehorchen hätten, ihnen dieser Mangel bereits von Hause aus und von Kindheit ab anhänge und sich wegen des Luxus nicht einmal in der Schule sich an das Gehorchen gewöhnen mussten …”

Stjórnvald :  „ … wohingegen die weitere Aussage nicht zutraf, dass jene, welche an all diesen Gütern großen Mangel litten, zu unterwürfig werden würden.“

Húskarl : „Es ist an der Zeit : Gleðilegt nýtt ár, Stjórnvald! Wäre dies nicht ein Grund,  den Tanz der Elfen mit einem Lied zu begleiten?“

Stjórnvald :  „Gleðilegt nýtt ár, Húskarl!“

Die Trolle Stjórnvald  und Húskarl standen auf und sangen Hand in Hand den Elfen ein Lied:

(64) Ríki sitt skyli ráðsnotra hver
í hofi hafa.
Þá hann það finnur
er með fræknum kemur
að engi er einna hvatastur. 1)

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

(64) Der Befugnis
in Maßen führt durch,
wer guten Rat hütet.
Der wird einen finden
der tapferer kommt;
keiner ist allein lebendig.

Made in GERMANY

Kennari : „So spät noch des Wegs? Wozu die Eile?“

Tölvufræðingur : „Es gilt eine ganze Generation zu retten.“

Kennari: „Drunten im Dorf?“

Tölvufræðingur : „Keineswegs, da ist alles so wie es sein könnte. Nein, ein Kontinent im Süden bedarf  raschester Entwicklungshilfe.  Du weißt ja, primitive Gemeinschaften mit evolutionär bedingter Rückständigkeit und nun der Virus, die Epidemie …“

Kennari: „Darf ich dich schonend daran erinnern, dass du kein Virologe bist.“

Tölvufræðingur : “Ich will dort keineswegs den Virologen mimen, wo denkst du hin. Schuster bleib bei deinen Leisten! Zudem hätten sie dort ohnehin schon ausreichend Spezialisten.  Nein, es geht mir um die Schüler, welche – wie du weißt – die einzige Zukunft jeder Generation sind.“

 Kennari: „Sind die Lehrer alle erkrankt?

Tölvufræðingur : „Auch das nicht. Hast du schon einmal in deinem Leben in einem Büro gearbeitet? Nun stelle dir vor, du bewirbst dich um eine Anstellung in einem Betrieb. Der Personalchef teilt dir mit, dass du 16 Wochen lang in einem Büro allein eingesperrt wirst und dein Abteilungsleiter dir innerhalb dieser 16 Wochen 137 entweder sehr umfangreiche oder sehr armselig ausgearbeitete Dokumente zu 11 verschiedenen Themenbereichen zur Verfügung stellen wird, an manchen Tagen  zu 4 , 5 oder 6 Themenbereichen gleichzeitig. Du kannst den Abteilungsleiter in diesen 16 Wochen nicht anrufen, um Rückfragen zu stellen und hast die vorgegebenen Termine einzuhalten. Insgesamt wirst du einen Stapel von mehr als 500 Seiten in Empfang nehmen. Wirst du diese Anstellung annehmen?“

Kennari : „Bin ich Jesus, wächst mir Gras aus der Tasche, trag ich einen Strohhut?  Neige ich zu Verzweiflungstaten?“

Tölvufræðingur : „Und wieso ordneten dies dann ausgerechnet Pä-dagogen par orde du mufti  an?“

Kennari: „Vielleicht sind sie Querdenker?“

Tölvufræðingur : „Dieses Nomen ging den Weg alles Irdischen, ohne dass hierfür Ersatz bereitgestellt. Einst wurden unter ‘Querdenker’ kreative Menschen verstanden, welche nicht von ‘Betriebsblindheit’  betroffen. Längst Geschichte, vorbei. Nun haben dort Tölpel, Dumpfbacken und Schreihälse in großer Zahl sich dieses Begriffs eigenmächtig bemächtigt und damit diesen bis dahin zu recht positiv konnotierten Begriff ein für allemal zu Grabe gegrölt. Ich sprach von Pädagogen.“

Kennari : „Von wem ist nun die Rede? Von Lehrern, von Pädagogen?  Gibt es denn da einen Unterschied?“

Tölvufræðingur : „Warst du nie Schüler? Verhält es sich nicht so, dass du dich bei manchen deiner Lehrer auch noch nach Jahrzehnten an deren Namen erinnerst, und bei anderen deiner Lehrer dir deren Namen partout nicht mehr einfallen will?“

Kennari : „Nun, es heißt ja nicht umsonst, es habe sich einer einen Namen gemacht. Wozu sich dann  an jenen der anderen noch erinnern?“

Tölvufræðingur : „Nun, dann dürftest du auch nachvollziehen können, aus welchem Grund heraus mit dem Wort ‘Pädagoge’ ursprünglich jener Sklave bezeichnet wurde, der den Schüler nur zu seinem Lehrer begleitete.“

Kennari : „In der Tat, der Unterschied zu einem Lehrer ist mehr als signifikant. Ich fasse zusammen:  Du willst folglich dort nicht den Virologen mimen, auch nicht den Pädagogen geben, verabscheust auch diese neue Art von Spezies, welche sich selbst in einem Anfall von Größenwahn als  ‘Querdenker’ bezeichnen und dummerweise diese anmaßende Selbstzuweisung dort auch noch akzeptiert wird. Willst du dort den Lehrer mimen?“

Tölvufræðingur : „Wo denkst du hin. Ich bin zum Lehrer denkbar ungeeignet. Nimm zum Beispiel das Unterrichtsfach Geschichte. Da werden den Kindern auf Anordnung von Pädagogen die Jahreszahlen von irgendwelchen Schlachtfesten eingetrichtert, Namen von Vollpfosten, welchen Denkmäler errichtet wurden, weil sie Erbstreitigkeiten mit der buckligen Verwandtschaft in der Regel mit solchen Schlachtorgien beantworteten,  nicht zu sprechen von so genannten Entdeckern, welche nichts Besseres mit ihrer Entdeckung anzustellen wussten, als die Entdeckten auszurauben, ihnen das Land zu stehlen und sie massenweise zu versklaven oder zu ermorden. Da halte ich es lieber mit meiner damaligen Geschichtslehrerin, die uns sagte, dass aus diesem Brimborium Geschichte nie zu verstehen sei und es daher vorzog, Briefe von Betroffenen aus jener Zeit mit uns durchzuarbeiten, damit wir verstehen lernen, mit welchen Ängsten, Sorgen und Problemen die Menschen damals zu kämpfen hatten.“

Kennari : „Nun gut, also auch zum Lehrer untauglich. Was willst du dann dort? Den Kindern Geschichten erzählen?“

Tölvufræðingur : „Da weder Querdenker, Virologe, Lehrer,  noch  Pädagoge, bleiben mir nur Verzweiflungstaten. Ich bringe nur Nasenspray zu den Kindern.“

Kennari : „Nasenspray? Haben die Kinder dort Schnupfen?“

Tölvufræðingur : „Nein, wobei ich dies nicht mit Gewissheit sagen kann. Denn einerseits werden sie dort gezwungen, bei offenen Fenstern und Türen im Klassenzimmer zu frieren, andererseits dazu gezwungen, jeden Schultag über eine Fahrzeit von mitunter mehr als einer halben Stunde am Morgen in so genannten Schulbussen dicht an dicht gedrängt sich zur Schule zu begeben und am Ende des Unterrichts dieselbe Prozedur in umgekehrter Fahrrichtung durchzustehen. Nein, ich bringe nur ein Nasenspray.  Du erinnerst dich doch noch daran, dass die Fischhäute vom Kabeljau von der Fischverarbeitung nicht als Abfall behandelt wurden, sondern einem örtlichen Pharmaunternehmen übergeben, welches daraus seit Jahren schon ein Wundpflaster für schwerste Wunden herstellte und damit die Krankenhäuser der Welt belieferte.“

Kennari : „Ich weiß, während die einen einem weiß machen wollen,  sie könnten sogar aus Exkrementen Brot machen, ist es den Leuten in den Westfjorden tatsächlich gelungen, aus Abfall  Wundpflaster herzustellen und haben damit schon manchem Patienten in den Nationen der Welt das Leben gerettet. Und jetzt kümmern sie sich um die Nasen von Kindern?“

Tölvufræðingur : „Es war davon zu hören, dass sie nun ein Nasenspray entwickelt hätten, welches 99,97 % der COVID-19-Viren abtöte, indem es die Membran des Virus zerstöre. Es soll dieses Nasenspray hier dem Vernehmen nach seit Oktober in allen Apotheken geben, auch namhafte Wissenschaftler seien interessiert. Ich habe mir daher meinen Rucksack damit vollgestopft und möchte ihn den Kindern bringen.“

Kennari : „Nun, dann hätte Guðbergur Bergsson ja doch recht gehabt.“

Tölvufræðingur : „Womit?“

Kennari : „Schrieb er nicht in seinem Essay ‚Island ist ein kleines Land, weitab von anderen Völkern‘ in Bezug auf die Größe von Nationen davon, dass es wie so oft sei, dass die Winzigkeit und nicht die Größe den Menschen vor dem Abgrund rette?“

Tölvufræðingur : „Nun, vermutlich haben dort nicht alle im Band 143 von ‚die horen‘ aus dem Jahre 1986 die Übersetzung von Jürgen von Heymann gelesen.“

Kennari : „Na, dann : Góða ferð!“

Seifenblase

(c) Zen&Senf

Die Trolle Viturmaður und Barn saßen östlich von Sveinstindur auf einem Stein, und warfen kleine Kieselsteine in den Langisjór.

Barn: „Ich muss dir erzählen, was ich heute gesehen habe, unten in Kirkjubæjarklaustur. Ein Kind vermischte in einem Glas Seife mit Wasser, nahm einen Strohhalm und pustete in die entstandene Seifenlauge.“

Viturmaður: „Es entstanden Seifenblasen.“

Barn: „Jede Seifenblase grenzte sich von der anderen durch eine dünne Haut aus Wasser ab. Es gab unterschiedlich große und kleine Seifenblasen. Auch waren alle nicht gleich rund, aber irgendwie schon ähnlich. Gelegentlich löste sich die trennende dünne Haut zwischen zwei Seifenblasen auf, und es entstand eine einzige, größere Seifenblase. Auch entstanden aus Seifenblasen wieder neue Seifenblasen.“

Viturmaður: „Kenne ich.“

Barn: „Schon nach kurzer Zeit erkannten die Seifenblasen, und die eine oder andere Seifenblase begann über wichtige Dinge nachzudenken, ihre Gedanken und Erkenntnisse anderen mitzuteilen. Das Glas füllte sich mit abertausenden Informationen, was zum Beispiel zu tun wäre, damit die aus Wasser bestehende dünne Haut einer Seifenblase schöner werden würde, wie man verhindern könnte, dass man vor der Zeit platzt, oder dass aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, oder dass aus einer Seifenblase mehrere Seifenblasen entstehen. Andere Seifenblasen zerbrachen sich den Kopf darüber, ob es gut oder schlecht sei, wenn aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, bzw. dass aus einer Seifenblase weitere Seifenblasen entstehen. Andere, ebenso vernunftbegabte Seifenblasen beschäftigten sich mit dem Problem, dass sie ihrer Ansicht nach nicht genug Platz hätten, vereinigten sich mit anderen Seifenblasen, stemmten sich mit vereinten Kräften gegen jene Seifenblasen, die ihnen den Platz streitig zu machen schienen, machte jemand nicht mit, oder sah es danach aus, als würde er nicht mitziehen, so zerdrückten sie ihn und teilten seine dünne Haut unter sich auf.

Viturmaður: „Das ist üblich.“

Barn: „Intelligente Seifenblasen kamen überein, dass man eine Grundlage benötige, um zu verstehen, was hier vor sich gehe. Sie teilten das Wahrnehmbare in Einheiten, bestimmten ein Davor und Danach, sie entwickelten Systeme und Logiken, die vergleichende Aussagen erlaubten.“

Viturmaður: „Sehr klug.“

Barn: „Manche Seifenblasen waren gelähmt vor Angst, da sie befürchteten, sie würden nicht groß werden wie die anderen, große Seifenblasen hatten wiederum Angst, sie würden kleiner werden, und versuchten, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Hier und dort war eine Seifenblase traurig über ihre Situation, manche zerstörte sich deswegen sogar selber. Andere Seifenblasen waren der Ansicht, sie kämen zu kurz, sie bekämen nicht, was ihnen zustehen würde, beklagten sich lauthals darüber, schmollten, oder strampelten sich ab, damit andere Seifenblasen diesen Zustand endlich korrigieren.“

(c) Zen&Senf

Viturmaður: „Verständlich.“

Barn: „Die intelligentesten Seifenblasen beobachteten nun das Geschehen anhand dieser Systeme und Logiken, entwickelten diese weiter, analysierten als Seifenblase die dünnen Häute der Seifenblasen, den Innenraum der Seifenblasen, leiteten Formeln und Erklärungsmuster ab, für das Innenleben der Seifenblasen, für den Raum, der die Seifenblasen enthielt, für das Geschehen, das beobachtet werden konnte, bestimmten Zeit, da sie sahen, dass es einen Beginn und ein Ende für eine Seifenblase gab, es Seifenblasen vor ihnen gab, die es nun nicht mehr gibt, und Seifenblasen aus dem Nichts entstehen, da es diese im Augenblick noch nicht gibt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach noch geben wird.“

Viturmaður: „Vernünftig.“

Barn: „Andere Seifenblasen wiederum kümmerten sich nicht mehr um all dieses, sie vertrieben sich daher die Zeit damit, sich mit anderen Seifenblasen über die Farbe von dieser oder jener Seifenblase lustig zu machen, da sie ihnen als ‚schräg‘ galt, und einer anderen Seifenblase nachzulaufen, deren Farbe als ‚geil‘ angesehen wurde.“

Viturmaður: „Nachvollziehbar.“

Barn: „Plötzlich war Stille. Und alle Seifenblasen fielen in sich zusammen. Vereinigten sich zu einer grauen, schmierigen Brühe, dicht an dicht, zu einer homogenen Masse, ohne trennende dünne Haut, ohne schillernde Farben, bewegungslos vereint, schwappten sie im Glas – als träge Seifenlauge. Dem Kind, das mit leuchtenden Augen diesem lustigen, farbenfrohen, bewegten, lebendigen Treiben zugesehen hatte, war die Puste ausgegangen.“

Viturmaður: „Habe ich auch schon mal beobachtet.“

Barn: „Nur eine winzige Seifenblase klebte noch verzweifelt am Glas, blickte – schon das nahe Ende spürend – dem Strohhalm entlang zum Mund des Kindes, das gerade dabei war, seine Lungen wieder mit Luft aufzufüllen.“

Viturmaður: „Hast du Seife, Wasser und ein Glas hier? Ich möchte spielen.“

Viturmaður und Barn pusteten in ihr Glas und summten dabei:

Heilkundig weise,
der den Lebensweg
des Menschen gut erkennt.
Weil weiser Menschen Herz
kaum zu entzücken sei,
wenn es allwissend wird.

(Hávamál, Vers 55)

isSápukúla

Bedenke das Ende

(c) Zen&Senf

Nicht unweit von Hvanngil tanzten drei Trolle, Durgur, Bófi und Barefli um einen Stein und spielten ihr Lieblingsspiel, das Spiel der Wesen.
Um den Stein tanzend, sangen Durgur, Bófi und Barefli ihren Refrain im Chor:

„Oh wie gut,
dass wir nicht sind,
stets würden wir
das Streichholz ziehn
das kürzer wär.“

Barefli: „Welche Klage führst du?“

Durgur: „Jeder kann bezeugen, ich war stets redlich. Ich bin nun in das Alter gekommen, meine materiellen Angelegenheiten abschließend zu regeln, und deswegen stehe ich hier. Dieses Wesen sagt mir, dass mir aus meinem Tod eine Schuld in Geld entsteht. Ich müsse Miete für meine tote Hülle bezahlen. Er ist ein Leichenfledderer, und ich beschuldige ihn daher des Diebstahls.“

Bófi: „Uns entstehen Kosten durch seinen Tod. Sein Körper braucht einen Platz, der Friedhof muss gepflegt werden, wir als Gemeinde verlieren wertvollsten Baugrund, er nimmt anderen auch noch den Platz weg. Ich handle nur nach Gesetz. Wenn jemand Müll auf die Mülldeponie wirft, muss er auch dafür zahlen. Er ist nur ein Sláni, weiter nichts.“

Barefli: „Wie können Sie, Durgur, wegen so einer Bagatelle uns hier die Zeit stehlen. Ich verstehe auch nicht. Der Beklagte handelt doch nur nach Recht und Gesetz. Er ist ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Sie verklagen damit nicht ihn, sondern das Gesetz. Ich muss daher die Klage abweisen, da der vorliegende Fall nicht bei der beklagten Partei liegt.“

Durgur: „Er ist Vollstrecker. Mein Tod ist ein mir zustehendes grundlegendes Recht, und hat als solches auch zu gelten. Wie kann es sein, dass aus der Tatsache, dass ich mein Naturrecht für mich in Anspruch nehme, mir daraus nicht unerhebliche Schulden erstehen.“

Barefli: „Nun, ich bin auch Vollstrecker des Worts, und ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Außerdem müssen Sie die Schulden ja nicht begleichen. Ihre Angehörigen werden Ihre Schuld begleichen.“

Durgur: „Durch mein Naturrecht, zu sterben, bezahle ich den gerechten Preis meiner Geburt. Die Schuld ist also getilgt. Meine Schulden an den Staat dafür, dass ich hier überleben durfte, sind auch allesamt bezahlt, wie auch alles, was ich anderen noch schuldig war. Und Sie wissen, dass meine Geldschulden, die durch meinen Tod erst durch Gesetz entstehen, nicht aber von Rechts wegen, also aus der Tatsache heraus, gestorben zu sein, solcherart Geldschulden von meinen Angehörigen abverlangt werden, in schamlosester Ausnutzung derer Pietät. Obschon nicht deren Schuld, denn erst deren Schuld durch Gesetz, und da jenen Bezahlung von Schulden Pflicht, somit auch keine Befreiung möglich, diese die Schulden begleichen, die nicht die ihren sind.“

Barefli: „So ist es. Allerdings leidet Ihre Klage an einem weiteren Mangel. Unser Recht verlangt, dass erst die beanstandete Tat begangen worden, also vollzogen sein muss, bevor man dagegen Klage erheben darf. Das ist ein unumstößlicher Rechtsgrundsatz. Das ist aber, wie Sie an sich selbst sehen, in Ihrem Fall nicht gegeben. Das heißt, es liegt auch kein Klagegegenstand vor. Ich muss daher nach Recht und Gesetz Ihre Klage abweisen.“

Durgur: „Ich kann demnach vor Ihnen Klage erst dann einreichen, wenn ich tot bin?“

Barefli: „So ist es. Laut Recht und Gesetz ist das dann aber auch nicht möglich, da dann zwar der Klagegegenstand vorläge, aber kein Kläger mehr vorhanden, und da laut Recht und Gesetz postum keiner Klage einreichen darf, würde auch diese Klage, dann mangels Kläger, abgewiesen. Ein Staatsanwalt könnte dann an Ihrer Stelle Klage erheben, aber dafür benötigte er erst einmal ein Gesetz. Sie müssen sich folglich an den Gesetzgeber wenden.“

Durgur: „Aber bis eine ausreichende Anzahl an Gesetzgebern in das Parlament gewählt wird, die davon überzeugt sind, dass Tote keine Miete für die Tatsache ihres Todes zu bezahlen haben, vergehen Jahrzehnte. Wenn man auch noch bedenkt, dass das Parlament der Gemeinde selbst die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, die der Angestellte dieses Parlaments, jener Beklagte hier, eintreibt, und wenn man bedenkt, dass Sie selbst, ehrenwerter Richter, in diesem Parlament eine Führungsrolle innehaben, und daher auch Interesse daran haben, dass das Parlament die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, werde ich bis dahin längst gestorben und vermodert sein.“

Barefli: „So leid mir das auch tut, da haben Sie halt Pech gehabt. Das gehört zum allgemeinen Lebensrisiko. Wir alle haben uns an Recht und Gesetz zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir davon abweichen würden. Sie können Ihre Klage ja dort Ihrem Richter vortragen.
Bitte, erheben Sie sich. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Klage wird abgewiesen … die Kosten des Verfahrens trägt der Kläger.“

Durgur: „Die Wesen sagen ‚Recht und Ordnung‘, handeln nach ‚Ordnung statt Recht‘ …“

Barefli: „… so wurde Ordnung zu Unrecht, Naturrecht …“

Bófi: „… zu Menschenrecht, Demokratie …“

Durgur, Bófi und Barefli: „ … zur Diktatur der Masse, und Leben zu Spiel mit zu kurzen Stäbchen.“

“Satt und gewaschen
reite  der Mensch zur Versammlung,
wähnt sich unbekleidet.
Schuhe und Hose
tadelt keinen Mensch,
auch nicht ein Pferd
wenngleich er kein gutes hat.”

(Hávamál, Vers 61)

isLítið á enda

Ohne Mikroskop

(c) Zen&Senf

 

 

Tvö: „Sie sagen, er schuf die Wesen nach seinem Ebenbild.“

Der Troll Eitt lehnte sich im Meer der Ruhe zurück in den Staub, betrachtete diesen blauen Planeten, über dem Horizont im All schwebend, die geschwungenen weißen Fahnen, die ihn bedecken, und sinnierte: „Man wird wohl ein geeignetes Mikroskop benötigen, wollte man nachsehen, wie sich dieses Ebenbild darstelle.“

Tvö: „Dem Absoluten ist das Relative dienlich, der Hybris das angemessene Maß.“

isÁn smásjár

Einföldun – Vom Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise

Tjáningarfrelsi: “Wohin des Weges?”

Ónytjungur: “Zu einem fernen Stamm, um Spielsachen unter dessen Kindern zu verschenken.”

Tjáningarfrelsi: “Hampelmänner?”

Ónytjungur: “Bei Zusammenbau und anschließender Nutzung wird nachvollziehbar, aus welchem Grund der Fisch stets vom Kopf her zu stinken beginnt, also bei jener antreibenden Kraft, welche die Richtung des Körpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Dies sind keine Fische.”

Ónytjungur: “So ist es. Aber in Demokratien ist das Staatsvolk die antreibende Kraft, also der Kopf, welcher die Richtung des Staatskörpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Und?”

Ónytjungur: “Es demnach so unsinnig wie erfolglos wäre, behaupte einer später, er wäre für den Gestank nicht verantwortlich.”

Tjáningarfrelsi: “Früh übe sich, wer ein Meister werden will. Und weswegen wähltest du zu diesem Zweck Gestalten aus der Vergangenheit?”

Ónytjungur: “Sie sind bestens bekannt und daher geeignet, die Kinder des fernen Stammes an die signifikanten Merkmale eines Nazis zu erinnern. Ziehen sie dann an der Schnur, wird deutlich, wer diese aus der anonymen Masse emporhebt.”

Tjáningarfrelsi: “Und was sind Deiner Auffassung nach die signifikanten Merkmale eines Nazis, damit ich beurteilen kann, ob Du zu Generalisierung befähigt, oder dich nur der Simplifizierung schuldig gemacht?”

Ónytjungur: “Signifikantes Merkmal von Nazis ist deren Eigenschaft, innerhalb eines Nationalstaates einen via Willens- und Absichtserklärung definierten imaginären Stamm zu fördern, zu billigen, oder hinzunehmen, zum Zwecke, die vorhandene Gleichheit aller Staatsbürger aufzuheben, da den nicht zum Stamm  gehörenden Staatsbürgern die Rechte des Stammes nicht zustünden, so dass Maßnahmen zu deren Entfernung aus dem entstehenden Stammesgebiet zu ergreifen oder wenigstens hinzunehmen sind, weil für jedermann nachvollziehbar, dass diese Maßnahmen erst die Grundlage erzeuge, und damit erzwungen notwendig sei, um die bestehende Nation erfolgreich auf den definierten Stamm  reduzieren zu können, da nur ein Stamm einen nationalen Sozialstaat bilde.”

Tjáningarfrelsi: “Ich lese, dass zum Zwecke einer angemessenen Abbildung bzw. Abgrenzung dafür eigens neue Eigenschaftswörter erzeugt wurden : rechtslastig, rechts, rechtsextrem, rechtsradikal, rechts …”

Ónytjungur: “Diese Methode ist ebenso intelligent wie die Erzeugung neuer Eigenschaftswörter der Form obenextrem, obenradikal, untenextrem, untenradikal, hintenextrem, hintenradikal, vorneextrem, vorneradikal, … “

Tjáningarfrelsi:  “Es soll Nebel zerstreuen, studiere einer die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung?”

Ónytjungur: “Selbstzuweisungen wie germanisch, identitär, biodeutsch, autochthon, etc. heben per-se die Gleichheit der Staatsbürger auf, und kreieren einen solchen Stamm.  Wo diese signifikanten Merkmale vorliegen, ist bereits die Zuweisung ‘rechts’ ebenso irreführend wie verharmlosend.”

Tjáningarfrelsi:  “Verhält es sich nicht so, dass unbestimmte, verschwommene Wortinhalte es jedem Redner ermöglichen, einen Begriff unterschiedlich zu gebrauchen?”

Ónytjungur: “Ein übergeordneter Gattungsbegriff unterscheidet sich stets signifikant von einer Vereinfachung.”

Tjáningarfrelsi: “Handelt es sich bei den Wörtern rechts und links nicht um Umstandswörter des Ortes, und verhält es sich nicht so, dass diese Wörter einen Bezugspunkt erfordern, und dieser Bezugspunkt – so er sich nicht jenseits des Universums befinde – erzwungenermaßen irgendein Punkt im Raum sein müsse? Hinzu kommt, dass diese Umstandswörter des Ortes im Sprachgebrauch nicht einheitlich angewendet werden, denn die Mitteilung, die Zuckerdose liege links vom Kühlschrank, erfüllt stets den damit beabsichtigten Zweck, wird doch die Zuckerdose daraufhin gefunden, hingegen der Hinweis, dass der linke Sitznachbar ein Taschendieb sei, nur dazu führe, dass der Angesprochene sich vergeblich nach rechts absichere, es sei denn, der Hinweisgeber habe mit dem Umstandswort des Ortes den Blickwinkel des Angesprochenen verwendet, und nicht den eigenen.”

Ónytjungur: “Die Zuweisungen rechts und links erfuhren bekanntlich innerhalb der vergangenen  200 Jahre einen Bedeutungswandel. Am Ausgangspunkt als Etikettierung der Eigenschaft monarchistisch (rechts) und dessen Gegensatz republikanisch (links), dann im Zuge der Industrialisierung via Bedeutungswandel auf die Eigenschaft arbeitgeberorientiert (rechts) und dessen Gegensatz arbeitnehmerorientiert (links) angewandt, findet diese Etikettierung bei jenem fernen Stamm nun Verwendung für die Eigenschaft nationalsozialistisch (rechts) und dessen Gegensatz nicht nationalsozialistisch, womit jede Person, welche nicht nationalsozialistisch ist, nur ‘links’ sein kann.”

Tjáningarfrelsi: “Führt dies nicht dazu, dass jeder, welcher sich dem Konzept der Nazis widersetzt, sich über Nacht plötzlich – ei verbibbsch – damit konfrontiert sieht, ‘links’ zu sein?”

Ónytjungur: “Dieser ‘Bedeutungswandel, welcher – da abrupt erfolgt und weder auf Bedeutungsverengung noch Bedeutungserweiterung beruhend – gar kein Bedeutungswandel sein kann, ermöglicht  letztlich  auch das Phänomen, dass das ein und dasselbe Konzept einmal als Riesenkänguruh bezeichnet werden kann, und im gleichen Atemzug – davon völlig unberührt – als Springmaus.”

Tjáningarfrelsi: “Das Konzept eines Riesenkänguruhs unterscheidet sich bekanntlich vom Konzept einer Springmaus.”

Ónytjungur: “Für diesen Vergleich wurde erst gar nicht das gemeinsame Konzept herangezogen, um nicht bestätigen zu müssen, dass es sich dabei um ein und dasselbe Konzept handle.”

Tjáningarfrelsi: “Sie behaupten, nachdem ein und dasselbe Konzept zwar einmal angewendet wurde, wäre darüber noch lange nicht ausgesagt, dass das Konzept nicht zu etwas anderem führe.”

Ónytjungur: “Wurde das Ende nicht bereits in den Anfang gesteckt?”

Tjáningarfrelsi: “Dann dürfte es sich bei jenem fernen Stamm um einen solchen handeln, der vom kollektiven Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise befallen. Handelt es sich doch bei derartigem Gebrauch weder um eine Spezialisierung, also einer Bedeutungsverengung, noch um eine Bedeutungserweiterung, demnach auch nicht um eine Generalisierung.”

Ónytjungur: “Könnte auch daran liegen, dass bei jenem Stamm den Schülern von den Lehrern nicht auferlegt wurde, jede Woche zuhause ein anderes Buch zu lesen, und daran anschließend sich im Unterricht über das Gelesene auszutauschen, wie an der Schule dort unten im Ort, da darüber die Fähigkeit hervorgerufen,  greina (charakterisieren, abgrenzen), alhæfa (verallgemeinern) und einfalda (vereinfachen) richtig zuordnen zu können.”

Tjáningarfrelsi: “Und durch das Verb falda auch noch dazu befähigt werden, die Symptome ‘herumdrucksen’ und ‘nicht recht mit der Sprache herauswollen’ erkennen zu können.”

Ónytjungur: ” Ist dir bei dem Verb einfalda  etwas aufgefallen?”

Tjáningarfrelsi: “Es wurde bei dem fernen Stamm durch das Verb vereinfachen eingedeutscht.”

Ónytjungur: “Und?”

Tjáningarfrelsi: “Erinnerte vermutlich doch zu sehr an die Eigenschaft einfältig. Singst du mit mir noch ein Lied zum Abschied?”

Ónytjungur und Tjáningarfrelsi fassten sich bei der Hand, und tanzten einen Reigen :

(49) “Voðir mínar
gaf eg velli að
tveim trémönnum.
Rekkar það þóttust
er þeir rift höfðu:
Neis er nökkvinn halur.” 1)

(49) “Mein Tuch
gab ich auf dem Feld
zwei Männern aus Holz.
Helden wähnen
ihre Kleider zu sein :
nackt sind sie schüchtern.”

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

(Über)setzung

Sjóminjasafnið Ósvör

 

(30) Að augabragði
skala maður annan hafa,
þótt til kynnis komi.
Margur þá fróður þykist
ef hann freginn er at
og nái hann þurrfjallur þruma. ¹)

(30) Sich lustig machen
über die Hütte eines anderen Menschen
obgleich er zu Freunden kommt:
Wähnt sich sehr belesen
: sofern er nicht befragt wird
und ohne Störung sitzen kann.

¹) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

Innenansicht und Außenmeinung

Die Trolle Bókstafareikningur und Reiknirit lagen Nächtens auf ihrem Stein südlich des Drangajökull und träumen bei rotem, grünem und gelbem Tanz der Elfen.

Reiknirit: „Ein konkretes Individuum verlor sein Meditationszentrum. Dessen Meditationszentrum war ein Fabrikschlot vor dem Fenster. Es hatte sich vor dem Fenster eine Schar von Buddhisten in der Fabrik niedergelassen, Männer waren auf das Dach geklettert, und hatten dem Schornstein hölzerne Reifen umgelegt, stiegen auf diesen hinauf und warfen den Schornstein Stück um Stück in dessen Schlund. Dann feierten die Buddhisten das Richtfest ihres Meditationszentrums. Der Schornstein fehle nun dem konkreten Individuum in jenen Stunden, in welchen das Selbstvertrauen schwindet, wenn die Zweifel kommen, und die Stimmung so trüb ist wie die schmutzigblaue Abdeckplane auf dem Dach der Fabrik.“

(be)

Bókstafareikningur: „Zentren sind immer nur Zentren relativ zu Irgendetwas. Wenn ich zum Beispiel den Ausdruck im Uhrzeigersinn gebrauche, beziehe ich mich auf ein Zentrum, und ich verstehe selbstverständlich darunter jenes, was vom Standpunkt der Uhr aus gesehen deren Sinn beschreibt, und nicht den Standort jener, welche auf die Uhr blicken. Denn gesetzt den Fall, die Uhr nehme sich selbst wahr, während sie auf die Menschen blicke, sieht diese ihre Zeiger gegen den …“

Reiknirit: „ … was nur feststellbar, stellte einer sich vor, er sei diese Uhr. Was aber hat das mit dem zu tun, was ich mir erfahren hatte, und dir gerade zu erzählen begann?“

Bókstafareikningur: „Da damit bereits das Feststellbare über Innenansicht und Außenmeinung hinreichend beschrieben. Ich erinnere dich an den Satz: Fehlen Dir die Füße zum Reisen, so reise nach innen.“

Reiknirit: „Verstehe. Gesetzt den Fall, es wäre möglich, nach innen zu reisen, und nach außen zu reisen, …”

Bókstafareikningur: „… so könne dies sich nur so verhalten, als würde der Reisende dabei in einem gewöhnlichen Spiegel leben, damit er sehe, was sich da zeige, so er der spiegelnden Seite zugewandt.“

Reiknirit: „Was Sinn mache, denn blickte er auf dessen Rückseite, so sähe er ja nichts, da diese blind. Richte nun einer – auf solche Art und Weise reisend – den Blick nach innen in sich selbst, so sähe er sich selbst. Was aber nach sich zöge, dass er außen nichts mehr wahrnehmen könne, da zugleich die blinde Seite des Spiegels in Richtung nach außen gerichtet, welche ja außerstande, etwas wahrnehmen zu können.“

Bókstafareikningur: „Nehme er nun bei dem Blick nach innen etwa außen etwas wahr, wozu auch ein Gedanke bzw. eine bildhafte Vorstellung zählte, …“

Reiknirit: „… erzählte dieses Ereignis demnach, dass er tatsächlich den Spiegel gewendet habe, und damit logischerweise gar nicht mehr nach innen sähe. Nehmen wir nun an, es gelänge ihm, den Spiegel nach innen gerichtet zu halten, was sähe dann ein Außenstehender?“

Bókstafareikningur: „Aller Logik nach nur die blinde Seite des Spiegels, also – nichts. Nehmen wir nun noch an, der Reisende würde den Spiegel wenden, also nach außen richten. Verhält es sich dann nicht so, dass der Reisende sähe, was sich ihm dort darböte, so er zu Aufmerksamkeit fähig?“

Reiknirit: „Dann sähe er aber innen nichts mehr, da in Folge nun die blinde Seite des Spiegels in Richtung nach innen gerichtet, welche ja nichts wahrnehmen könne.“

Bókstafareikningur: „Was sähe aber in diesem Falle dann der Außenstehende, der in die nun dargebotene spiegelnde Seite blicke?“

Reiknirit: „Wer bereits einmal in einen Spiegel gesehen hat, kann diese Frage beantworten. Nur die Wesen glauben, sie seien mit einem Januskopf ausgestattet worden. Was sie zwar abstreiten, aber so agieren, als besäßen sie einen.“

Bókstafareikningur: „Womit auch die Uhr, und jener, der auf diese blicke, hinreichend beschrieben. Und weil dem so ist, ist eine Feststellung nachvollziehbar, dass sich Innenansicht und Außenmeinung keineswegs deckten.“

Reiknirit: „Bliebe noch der Frage nachzugehen, ob jene Innenansicht, welche über solcherart Spiegelei wahrnehmbar, mit jener Innenansicht sich decken könne oder sogar müsse, welche aus Nachdenken, also dem sogenannten Rationalisieren resultiere, welches nicht mit rationalem Begreifen identisch.“

Bókstafareikningur: „Was eine interessante Frage schon allein aus dem Grund, da auf Grundlage der Annahme, die gewonnene Innenansicht des Inhabers, und die gewonnene Ansicht eines Außenstehenden über den Inhalt des Inhabers könnten deckungsgleich sein, sich nicht nur ein neuer Berufsstand entwickelte, sondern gleich eine neue Wissenschaft: die Psychologie.“

Reiknirit: „Und so verlässt seitdem der hiervon Infizierte gelangweilt die Theatervorstellung vor der Zeit, sich der Frage widmend, ob die Tatsache, dass er im Gegensatz zu dem restlichen Publikum sich von der dargebotenen Aufführung gelangweilt fühle, nur aus dem Grund hervorgegangen sein könne, weil da noch ein unentdecktes Problem in ihm wäre, was sich ihm darüber kund tue …“

Bókstafareikningur: „… vielleicht ein verdeckt schlummernder Konflikt mit der Mutter, dem Vater, den Geschwistern, unerfüllte inzestuöse Wünsche, oder was auch immer. Und der nun endlich nach langer Zeit danach dränge, durch einen Psychologen ans Tageslicht gebracht zu werden.“

Reiknirit: „Dies erklärte, dass in den Vereinigten Staaten – so ist zu hören – gebildete Menschen neben einem Eigenheim, einem Auto, einer Mikrowelle, und einem Eisschrank auch einen Psychologen als notwendiges Accessoire für ein vollständiges Portefeuille erkannt haben.“

Bókstafareikningur: „Ergibt sich doch darüber neben dem Geltungsnutzen auch ein Grundnutzen, in Form von kurzweiligem Gesprächsstoff in angenehmer Runde unter Gleichgesinnten. Nach dem Besuch des Sofas.“

Reiknirit: „Und für den Fall, der Psychologe sollte etwas von dem Gegenstand begriffen haben, mit dem er umgeht, gibt es auch eine Lösung: man wechselt ihn aus.“

Bókstafareikningur: „Was zu dem Satz führe: Die Person? Wie soll ich sie beschreiben. Ich beschriebe sie in der Form eines Fragezeichens, mit der Gewissheit, dass vor diesem ein Satz stehe, und dem Wissen, dass dieser Satz von Niemandem gelesen werden könne, außer von derjenigen Person selbst.“

Reiknirit: „Aber deine Erklärung hat einen Haken. Denn diese ist nur eine aristotelische Spiegelei, die schon längst widerlegt ist“.

Bókstafareikningur: „So, meinst du? Hast du schon einmal einen Versuch unternommen, deine Gehirnströme auf 0,4 Hz herunterzufahren?“

Reiknirit: „Wozu sollte das gut sein?“

Bókstafareikningur: „Damit du den Satz verstehen kannst: Welcher Sehnsucht folgst du, die Wüste zu durchwandern? Wie oft bist du zu heiligen Stätten gepilgert, bist dem Rufe der Gurus gefolgt oder hast magische Steine an deiner Haut gerieben? Doch wann bist du jemals in deinen eigenen Tempel eingetreten?

Reiknirit: „Und wozu sollte das nun wieder gut sein?“

Bókstafareikningur: „Weil sich nur dort vielleicht ein Meditationszentrum auffinden ließe? Und damit du endlich Einsteins Relativitätstheorie verstehst, und diese nicht weiterhin nur ohne Sinn und Verstand auswendig herunterbetest?“

Reiknirit: „Aber was bitteschön wäre da nun relativ?“

Bókstafareikningur: „Nun, es könnte gut sein, dass du dabei aus Versehen in den Mikrokosmos eintauchst, aber im Makrokosmos landest, und den Weg zurück nicht mehr findest.“

Reiknirit: „Blühender Blödsinn.“

Bókstafareikningur: „So, meinst du? Wie verhält sich denn der Durchmesser eines Atoms zu seiner Atomhülle?“

Reiknirit: „Das Verhältnis des Durchmessers eines Atomkerns zu dem Durchmesser seiner Atomhülle, in der sich die Elektronen bewegen, welche die chemischen und physikalischen Eigenschaften des Atoms bestimmen, bewegt sich im Verhältnis von ca. 1 : 10.000 bis 1 : 100.000.”

Bókstafareikningur: „Und besäße der Atomkern den Durchmesser der Sonne, kreiste dessen äußerstes Elektron ca. 13.927.000.000 km entfernt davon. Gemessen daran klebt die Erde mit ihren 149.500.000 km geradezu an der Sonne. Betrachte einer das Verhältnis der vorkommenden Massen in einer Atomhülle mit dem eines Sonnensystems, so ließe sich feststellen, dass sich im Atomkern mehr als 99,9 % der Masse und Energie des gesamten Atoms konzentrierten, was mit dem Verhältnis der Massen in unserem Sonnensystem in etwa konform wäre, in welchem die Masse der Sonne 700fach größer sei als die Masse all ihrer Planeten.“

Reiknirit: „Nehmen wir beide also einmal an, jemand wäre in der Lage, seine Gehirnströme auf 0,4 Hz herunterzufahren, und reise dabei versehentlich in seinen eigenen Mikrokosmos, und es gelänge ihm, sich dort über einen gewissen Zeitraum aufzuhalten, er demnach nicht in der Lage wäre, sich jenseits dieses Mikrokosmos auf der Ebene der dort vorhandenen Wahrnehmungsfähigkeit zu bedienen, um deren Zweck zu erfüllen, …”

Bókstafareikningur: „… würde dies gemäß der Naturgesetze zufolge unweigerlich dazu führen, dass dessen neuronale Vorgänge ihre Funktionsfähigkeit verlören, da ihnen dadurch jegliche Voraussetzung hierfür hinreichend genug entzogen, welche diese zur Aufrechterhaltung ihrer Funktionstüchtigkeit benötigten.“

Reiknirit: „Während dem im Mikrokosmos Schwebenden …“

Bókstafareikningur: „… die fernen Atome des eigenen Körpers erschienen wie ferne Planeten, und er sich die bange Frage stellte, wie es denn nun anzustellen sei, …”

Reiknirit: „… dass er endlich diesen taumelnden Zustand in diesem leeren Weltall auch wieder verlassen könne, um endlich wieder auf seinem Sofa zu landen …“

Bókstafareikningur: „… er auf solchem Weg folglich von einem Bezugssystem zu jenem Bezugssystem zurückkehre, von welchem er seine Reise unternommen.“

Reiknirit: „Wird nicht mit dem Begriff Wirklichkeit all das beschrieben, was der Fall ist?“

Bókstafareikningur: „So ist zu hören. Und als Gegenbegriffe zur Wirklichkeit werden Schein und Phantasie gehandelt.“

Reiknirit: „Nach Needham stellt sich in der Objektwahrnehmung bei Säuglingen die Unterscheidung von Objekten auf der Grundlage von Formunterschieden erst nach ca. 4 ½ Monaten ein, die Nutzung von Farbunterschieden sogar erst nach 5 bis 9 Monaten. Die Bildung und Selektion der Synapsen erfolgt ebenfalls erst postnatal, ungefähr ab dem achten Tag nach der Geburt, um nach ca. 30 Tagen mit ca. 13.000 Synapsen pro Neuron den Kulminationspunkt zu erreichen. Erst nachdem nach 30 Tagen der Kulminationspunkt bei der Bildung von Synapsen erreicht wurde, beginnt die lange Fixation von Objekten.“

(be)

Bókstafareikningur: „Und diese Fixation von Objekten führt zu jenem Bezugs– oder Referenzpunkt, ohne dem eine Tomate …“

Reiknirit: „.. sich vielleicht nur als ein Universum darböte, aus Atomen und Atomhüllen, was alles andere als geeignet wäre, …“

Bókstafareikningur: „… um erkennen zu können, dass einer in diese auch hineinbeißen könne, um seinen Hunger zu stillen.“

Reiknirit: „“Womit vorstellendes Begreifen ausreichend beschrieben.”

Bókstafareikningur: “Wie auch das rationale Begreifen. Rökfræði führt zu Samræmi.“ 1)

Die Trolle Bókstafareikningur und Reiknirit kletterten von ihrem Stein südlich des Drangajökull, und tanzten ausgelassen einen Reigen um ihren Stein, da er sich ihnen als Stein darbot, was nur Schein und Phantasie, und nicht als eine riesige Ansammlung von Atomen und Atomhüllen, also dessen Wirklichkeit, die ja Gegenbegriff zu Schein und Phantasie:

„Lítilla sanda
lítilla sæva
lítil eru geð guma.
Því að allir menn
urðu-t jafnspakir:
Hálf er öld hvar.“
2)

 

1) Samræmi (isl.) = Harmonie, Korrespondenz (isl.) = Widerspruchsfreiheit / Konsistenz (dt., gr.)
Rökfræði (isl.) = Argument und Studie (isl.) = Logik (dt., gr.)

2) Aus „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986, Übersetzung:

 (53) “Unbedeutende Buchten
kleine Meere
bedeutungslos der Dichter Sinn.
Da alle Menschen
nicht gleich weise waren,
ist Dasein unvollständig überall.“