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Kennari : „So spät noch des Wegs? Wozu die Eile?“

Tölvufræðingur : „Es gilt eine ganze Generation zu retten.“

Kennari: „Drunten im Dorf?“

Tölvufræðingur : „Keineswegs, da ist alles so wie es sein könnte. Nein, ein Kontinent im Süden bedarf  raschester Entwicklungshilfe.  Du weißt ja, primitive Gemeinschaften mit evolutionär bedingter Rückständigkeit und nun der Virus, die Epidemie …“

Kennari: „Darf ich dich schonend daran erinnern, dass du kein Virologe bist.“

Tölvufræðingur : “Ich will dort keineswegs den Virologen mimen, wo denkst du hin. Schuster bleib bei deinen Leisten! Zudem hätten sie dort ohnehin schon ausreichend Spezialisten.  Nein, es geht mir um die Schüler, welche – wie du weißt – die einzige Zukunft jeder Generation sind.“

 Kennari: „Sind die Lehrer alle erkrankt?

Tölvufræðingur : „Auch das nicht. Hast du schon einmal in deinem Leben in einem Büro gearbeitet? Nun stelle dir vor, du bewirbst dich um eine Anstellung in einem Betrieb. Der Personalchef teilt dir mit, dass du 16 Wochen lang in einem Büro allein eingesperrt wirst und dein Abteilungsleiter dir innerhalb dieser 16 Wochen 137 entweder sehr umfangreiche oder sehr armselig ausgearbeitete Dokumente zu 11 verschiedenen Themenbereichen zur Verfügung stellen wird, an manchen Tagen  zu 4 , 5 oder 6 Themenbereichen gleichzeitig. Du kannst den Abteilungsleiter in diesen 16 Wochen nicht anrufen, um Rückfragen zu stellen und hast die vorgegebenen Termine einzuhalten. Insgesamt wirst du einen Stapel von mehr als 500 Seiten in Empfang nehmen. Wirst du diese Anstellung annehmen?“

Kennari : „Bin ich Jesus, wächst mir Gras aus der Tasche, trag ich einen Strohhut?  Neige ich zu Verzweiflungstaten?“

Tölvufræðingur : „Und wieso ordneten dies dann ausgerechnet Pä-dagogen par orde du mufti  an?“

Kennari: „Vielleicht sind sie Querdenker?“

Tölvufræðingur : „Dieses Nomen ging den Weg alles Irdischen, ohne dass hierfür Ersatz bereitgestellt. Einst wurden unter ‘Querdenker’ kreative Menschen verstanden, welche nicht von ‘Betriebsblindheit’  betroffen. Längst Geschichte, vorbei. Nun haben dort Tölpel, Dumpfbacken und Schreihälse in großer Zahl sich dieses Begriffs eigenmächtig bemächtigt und damit diesen bis dahin zu recht positiv konnotierten Begriff ein für allemal zu Grabe gegrölt. Ich sprach von Pädagogen.“

Kennari : „Von wem ist nun die Rede? Von Lehrern, von Pädagogen?  Gibt es denn da einen Unterschied?“

Tölvufræðingur : „Warst du nie Schüler? Verhält es sich nicht so, dass du dich bei manchen deiner Lehrer auch noch nach Jahrzehnten an deren Namen erinnerst, und bei anderen deiner Lehrer dir deren Namen partout nicht mehr einfallen will?“

Kennari : „Nun, es heißt ja nicht umsonst, es habe sich einer einen Namen gemacht. Wozu sich dann  an jenen der anderen noch erinnern?“

Tölvufræðingur : „Nun, dann dürftest du auch nachvollziehen können, aus welchem Grund heraus mit dem Wort ‘Pädagoge’ ursprünglich jener Sklave bezeichnet wurde, der den Schüler nur zu seinem Lehrer begleitete.“

Kennari : „In der Tat, der Unterschied zu einem Lehrer ist mehr als signifikant. Ich fasse zusammen:  Du willst folglich dort nicht den Virologen mimen, auch nicht den Pädagogen geben, verabscheust auch diese neue Art von Spezies, welche sich selbst in einem Anfall von Größenwahn als  ‘Querdenker’ bezeichnen und dummerweise diese anmaßende Selbstzuweisung dort auch noch akzeptiert wird. Willst du dort den Lehrer mimen?“

Tölvufræðingur : „Wo denkst du hin. Ich bin zum Lehrer denkbar ungeeignet. Nimm zum Beispiel das Unterrichtsfach Geschichte. Da werden den Kindern auf Anordnung von Pädagogen die Jahreszahlen von irgendwelchen Schlachtfesten eingetrichtert, Namen von Vollpfosten, welchen Denkmäler errichtet wurden, weil sie Erbstreitigkeiten mit der buckligen Verwandtschaft in der Regel mit solchen Schlachtorgien beantworteten,  nicht zu sprechen von so genannten Entdeckern, welche nichts Besseres mit ihrer Entdeckung anzustellen wussten, als die Entdeckten auszurauben, ihnen das Land zu stehlen und sie massenweise zu versklaven oder zu ermorden. Da halte ich es lieber mit meiner damaligen Geschichtslehrerin, die uns sagte, dass aus diesem Brimborium Geschichte nie zu verstehen sei und es daher vorzog, Briefe von Betroffenen aus jener Zeit mit uns durchzuarbeiten, damit wir verstehen lernen, mit welchen Ängsten, Sorgen und Problemen die Menschen damals zu kämpfen hatten.“

Kennari : „Nun gut, also auch zum Lehrer untauglich. Was willst du dann dort? Den Kindern Geschichten erzählen?“

Tölvufræðingur : „Da weder Querdenker, Virologe, Lehrer,  noch  Pädagoge, bleiben mir nur Verzweiflungstaten. Ich bringe nur Nasenspray zu den Kindern.“

Kennari : „Nasenspray? Haben die Kinder dort Schnupfen?“

Tölvufræðingur : „Nein, wobei ich dies nicht mit Gewissheit sagen kann. Denn einerseits werden sie dort gezwungen, bei offenen Fenstern und Türen im Klassenzimmer zu frieren, andererseits dazu gezwungen, jeden Schultag über eine Fahrzeit von mitunter mehr als einer halben Stunde am Morgen in so genannten Schulbussen dicht an dicht gedrängt sich zur Schule zu begeben und am Ende des Unterrichts dieselbe Prozedur in umgekehrter Fahrrichtung durchzustehen. Nein, ich bringe nur ein Nasenspray.  Du erinnerst dich doch noch daran, dass die Fischhäute vom Kabeljau von der Fischverarbeitung nicht als Abfall behandelt wurden, sondern einem örtlichen Pharmaunternehmen übergeben, welches daraus seit Jahren schon ein Wundpflaster für schwerste Wunden herstellte und damit die Krankenhäuser der Welt belieferte.“

Kennari : „Ich weiß, während die einen einem weiß machen wollen,  sie könnten sogar aus Exkrementen Brot machen, ist es den Leuten in den Westfjorden tatsächlich gelungen, aus Abfall  Wundpflaster herzustellen und haben damit schon manchem Patienten in den Nationen der Welt das Leben gerettet. Und jetzt kümmern sie sich um die Nasen von Kindern?“

Tölvufræðingur : „Es war davon zu hören, dass sie nun ein Nasenspray entwickelt hätten, welches 99,97 % der COVID-19-Viren abtöte, indem es die Membran des Virus zerstöre. Es soll dieses Nasenspray hier dem Vernehmen nach seit Oktober in allen Apotheken geben, auch namhafte Wissenschaftler seien interessiert. Ich habe mir daher meinen Rucksack damit vollgestopft und möchte ihn den Kindern bringen.“

Kennari : „Nun, dann hätte Guðbergur Bergsson ja doch recht gehabt.“

Tölvufræðingur : „Womit?“

Kennari : „Schrieb er nicht in seinem Essay ‚Island ist ein kleines Land, weitab von anderen Völkern‘ in Bezug auf die Größe von Nationen davon, dass es wie so oft sei, dass die Winzigkeit und nicht die Größe den Menschen vor dem Abgrund rette?“

Tölvufræðingur : „Nun, vermutlich haben dort nicht alle im Band 143 von ‚die horen‘ aus dem Jahre 1986 die Übersetzung von Jürgen von Heymann gelesen.“

Kennari : „Na, dann : Góða ferð!“

Schlaflos

Lljósmynd:  © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Schlaflos

Nachts & das Hirn
voll Ungeduld auf
IRGENDWAS
den aufgedunsenen Mond
durch leere Altstadtgassen
kicken – nur das Herz
klopft Beifall / losgelöst
vom Rhythmus schriller
Tagesängste.

Die aufgeschlagenen Wunden
mit lästerlichen Phantasien kühlen
& in der Glut im Kopf nach
rohen Diamanten wühlen –

wie mit wachen Kindersinnen:
aus jedem Schatten
einen Traum gewinnen …

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

Seifenblase

(c) Zen&Senf

Die Trolle Viturmaður und Barn saßen östlich von Sveinstindur auf einem Stein, und warfen kleine Kieselsteine in den Langisjór.

Barn: „Ich muss dir erzählen, was ich heute gesehen habe, unten in Kirkjubæjarklaustur. Ein Kind vermischte in einem Glas Seife mit Wasser, nahm einen Strohhalm und pustete in die entstandene Seifenlauge.“

Viturmaður: „Es entstanden Seifenblasen.“

Barn: „Jede Seifenblase grenzte sich von der anderen durch eine dünne Haut aus Wasser ab. Es gab unterschiedlich große und kleine Seifenblasen. Auch waren alle nicht gleich rund, aber irgendwie schon ähnlich. Gelegentlich löste sich die trennende dünne Haut zwischen zwei Seifenblasen auf, und es entstand eine einzige, größere Seifenblase. Auch entstanden aus Seifenblasen wieder neue Seifenblasen.“

Viturmaður: „Kenne ich.“

Barn: „Schon nach kurzer Zeit erkannten die Seifenblasen, und die eine oder andere Seifenblase begann über wichtige Dinge nachzudenken, ihre Gedanken und Erkenntnisse anderen mitzuteilen. Das Glas füllte sich mit abertausenden Informationen, was zum Beispiel zu tun wäre, damit die aus Wasser bestehende dünne Haut einer Seifenblase schöner werden würde, wie man verhindern könnte, dass man vor der Zeit platzt, oder dass aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, oder dass aus einer Seifenblase mehrere Seifenblasen entstehen. Andere Seifenblasen zerbrachen sich den Kopf darüber, ob es gut oder schlecht sei, wenn aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, bzw. dass aus einer Seifenblase weitere Seifenblasen entstehen. Andere, ebenso vernunftbegabte Seifenblasen beschäftigten sich mit dem Problem, dass sie ihrer Ansicht nach nicht genug Platz hätten, vereinigten sich mit anderen Seifenblasen, stemmten sich mit vereinten Kräften gegen jene Seifenblasen, die ihnen den Platz streitig zu machen schienen, machte jemand nicht mit, oder sah es danach aus, als würde er nicht mitziehen, so zerdrückten sie ihn und teilten seine dünne Haut unter sich auf.

Viturmaður: „Das ist üblich.“

Barn: „Intelligente Seifenblasen kamen überein, dass man eine Grundlage benötige, um zu verstehen, was hier vor sich gehe. Sie teilten das Wahrnehmbare in Einheiten, bestimmten ein Davor und Danach, sie entwickelten Systeme und Logiken, die vergleichende Aussagen erlaubten.“

Viturmaður: „Sehr klug.“

Barn: „Manche Seifenblasen waren gelähmt vor Angst, da sie befürchteten, sie würden nicht groß werden wie die anderen, große Seifenblasen hatten wiederum Angst, sie würden kleiner werden, und versuchten, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Hier und dort war eine Seifenblase traurig über ihre Situation, manche zerstörte sich deswegen sogar selber. Andere Seifenblasen waren der Ansicht, sie kämen zu kurz, sie bekämen nicht, was ihnen zustehen würde, beklagten sich lauthals darüber, schmollten, oder strampelten sich ab, damit andere Seifenblasen diesen Zustand endlich korrigieren.“

(c) Zen&Senf

Viturmaður: „Verständlich.“

Barn: „Die intelligentesten Seifenblasen beobachteten nun das Geschehen anhand dieser Systeme und Logiken, entwickelten diese weiter, analysierten als Seifenblase die dünnen Häute der Seifenblasen, den Innenraum der Seifenblasen, leiteten Formeln und Erklärungsmuster ab, für das Innenleben der Seifenblasen, für den Raum, der die Seifenblasen enthielt, für das Geschehen, das beobachtet werden konnte, bestimmten Zeit, da sie sahen, dass es einen Beginn und ein Ende für eine Seifenblase gab, es Seifenblasen vor ihnen gab, die es nun nicht mehr gibt, und Seifenblasen aus dem Nichts entstehen, da es diese im Augenblick noch nicht gibt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach noch geben wird.“

Viturmaður: „Vernünftig.“

Barn: „Andere Seifenblasen wiederum kümmerten sich nicht mehr um all dieses, sie vertrieben sich daher die Zeit damit, sich mit anderen Seifenblasen über die Farbe von dieser oder jener Seifenblase lustig zu machen, da sie ihnen als ‚schräg‘ galt, und einer anderen Seifenblase nachzulaufen, deren Farbe als ‚geil‘ angesehen wurde.“

Viturmaður: „Nachvollziehbar.“

Barn: „Plötzlich war Stille. Und alle Seifenblasen fielen in sich zusammen. Vereinigten sich zu einer grauen, schmierigen Brühe, dicht an dicht, zu einer homogenen Masse, ohne trennende dünne Haut, ohne schillernde Farben, bewegungslos vereint, schwappten sie im Glas – als träge Seifenlauge. Dem Kind, das mit leuchtenden Augen diesem lustigen, farbenfrohen, bewegten, lebendigen Treiben zugesehen hatte, war die Puste ausgegangen.“

Viturmaður: „Habe ich auch schon mal beobachtet.“

Barn: „Nur eine winzige Seifenblase klebte noch verzweifelt am Glas, blickte – schon das nahe Ende spürend – dem Strohhalm entlang zum Mund des Kindes, das gerade dabei war, seine Lungen wieder mit Luft aufzufüllen.“

Viturmaður: „Hast du Seife, Wasser und ein Glas hier? Ich möchte spielen.“

Viturmaður und Barn pusteten in ihr Glas und summten dabei:

Heilkundig weise,
der den Lebensweg
des Menschen gut erkennt.
Weil weiser Menschen Herz
kaum zu entzücken sei,
wenn es allwissend wird.

(Hávamál, Vers 55)

isSápukúla

Bedenke das Ende

(c) Zen&Senf

Nicht unweit von Hvanngil tanzten drei Trolle, Durgur, Bófi und Barefli um einen Stein und spielten ihr Lieblingsspiel, das Spiel der Wesen.
Um den Stein tanzend, sangen Durgur, Bófi und Barefli ihren Refrain im Chor:

„Oh wie gut,
dass wir nicht sind,
stets würden wir
das Streichholz ziehn
das kürzer wär.“

Barefli: „Welche Klage führst du?“

Durgur: „Jeder kann bezeugen, ich war stets redlich. Ich bin nun in das Alter gekommen, meine materiellen Angelegenheiten abschließend zu regeln, und deswegen stehe ich hier. Dieses Wesen sagt mir, dass mir aus meinem Tod eine Schuld in Geld entsteht. Ich müsse Miete für meine tote Hülle bezahlen. Er ist ein Leichenfledderer, und ich beschuldige ihn daher des Diebstahls.“

Bófi: „Uns entstehen Kosten durch seinen Tod. Sein Körper braucht einen Platz, der Friedhof muss gepflegt werden, wir als Gemeinde verlieren wertvollsten Baugrund, er nimmt anderen auch noch den Platz weg. Ich handle nur nach Gesetz. Wenn jemand Müll auf die Mülldeponie wirft, muss er auch dafür zahlen. Er ist nur ein Sláni, weiter nichts.“

Barefli: „Wie können Sie, Durgur, wegen so einer Bagatelle uns hier die Zeit stehlen. Ich verstehe auch nicht. Der Beklagte handelt doch nur nach Recht und Gesetz. Er ist ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Sie verklagen damit nicht ihn, sondern das Gesetz. Ich muss daher die Klage abweisen, da der vorliegende Fall nicht bei der beklagten Partei liegt.“

Durgur: „Er ist Vollstrecker. Mein Tod ist ein mir zustehendes grundlegendes Recht, und hat als solches auch zu gelten. Wie kann es sein, dass aus der Tatsache, dass ich mein Naturrecht für mich in Anspruch nehme, mir daraus nicht unerhebliche Schulden erstehen.“

Barefli: „Nun, ich bin auch Vollstrecker des Worts, und ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Außerdem müssen Sie die Schulden ja nicht begleichen. Ihre Angehörigen werden Ihre Schuld begleichen.“

Durgur: „Durch mein Naturrecht, zu sterben, bezahle ich den gerechten Preis meiner Geburt. Die Schuld ist also getilgt. Meine Schulden an den Staat dafür, dass ich hier überleben durfte, sind auch allesamt bezahlt, wie auch alles, was ich anderen noch schuldig war. Und Sie wissen, dass meine Geldschulden, die durch meinen Tod erst durch Gesetz entstehen, nicht aber von Rechts wegen, also aus der Tatsache heraus, gestorben zu sein, solcherart Geldschulden von meinen Angehörigen abverlangt werden, in schamlosester Ausnutzung derer Pietät. Obschon nicht deren Schuld, denn erst deren Schuld durch Gesetz, und da jenen Bezahlung von Schulden Pflicht, somit auch keine Befreiung möglich, diese die Schulden begleichen, die nicht die ihren sind.“

Barefli: „So ist es. Allerdings leidet Ihre Klage an einem weiteren Mangel. Unser Recht verlangt, dass erst die beanstandete Tat begangen worden, also vollzogen sein muss, bevor man dagegen Klage erheben darf. Das ist ein unumstößlicher Rechtsgrundsatz. Das ist aber, wie Sie an sich selbst sehen, in Ihrem Fall nicht gegeben. Das heißt, es liegt auch kein Klagegegenstand vor. Ich muss daher nach Recht und Gesetz Ihre Klage abweisen.“

Durgur: „Ich kann demnach vor Ihnen Klage erst dann einreichen, wenn ich tot bin?“

Barefli: „So ist es. Laut Recht und Gesetz ist das dann aber auch nicht möglich, da dann zwar der Klagegegenstand vorläge, aber kein Kläger mehr vorhanden, und da laut Recht und Gesetz postum keiner Klage einreichen darf, würde auch diese Klage, dann mangels Kläger, abgewiesen. Ein Staatsanwalt könnte dann an Ihrer Stelle Klage erheben, aber dafür benötigte er erst einmal ein Gesetz. Sie müssen sich folglich an den Gesetzgeber wenden.“

Durgur: „Aber bis eine ausreichende Anzahl an Gesetzgebern in das Parlament gewählt wird, die davon überzeugt sind, dass Tote keine Miete für die Tatsache ihres Todes zu bezahlen haben, vergehen Jahrzehnte. Wenn man auch noch bedenkt, dass das Parlament der Gemeinde selbst die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, die der Angestellte dieses Parlaments, jener Beklagte hier, eintreibt, und wenn man bedenkt, dass Sie selbst, ehrenwerter Richter, in diesem Parlament eine Führungsrolle innehaben, und daher auch Interesse daran haben, dass das Parlament die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, werde ich bis dahin längst gestorben und vermodert sein.“

Barefli: „So leid mir das auch tut, da haben Sie halt Pech gehabt. Das gehört zum allgemeinen Lebensrisiko. Wir alle haben uns an Recht und Gesetz zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir davon abweichen würden. Sie können Ihre Klage ja dort Ihrem Richter vortragen.
Bitte, erheben Sie sich. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Klage wird abgewiesen … die Kosten des Verfahrens trägt der Kläger.“

Durgur: „Die Wesen sagen ‚Recht und Ordnung‘, handeln nach ‚Ordnung statt Recht‘ …“

Barefli: „… so wurde Ordnung zu Unrecht, Naturrecht …“

Bófi: „… zu Menschenrecht, Demokratie …“

Durgur, Bófi und Barefli: „ … zur Diktatur der Masse, und Leben zu Spiel mit zu kurzen Stäbchen.“

“Satt und gewaschen
reite  der Mensch zur Versammlung,
wähnt sich unbekleidet.
Schuhe und Hose
tadelt keinen Mensch,
auch nicht ein Pferd
wenngleich er kein gutes hat.”

(Hávamál, Vers 61)

isLítið á enda

Ohne Mikroskop

(c) Zen&Senf

 

 

Tvö: „Sie sagen, er schuf die Wesen nach seinem Ebenbild.“

Der Troll Eitt lehnte sich im Meer der Ruhe zurück in den Staub, betrachtete diesen blauen Planeten, über dem Horizont im All schwebend, die geschwungenen weißen Fahnen, die ihn bedecken, und sinnierte: „Man wird wohl ein geeignetes Mikroskop benötigen, wollte man nachsehen, wie sich dieses Ebenbild darstelle.“

Tvö: „Dem Absoluten ist das Relative dienlich, der Hybris das angemessene Maß.“

isÁn smásjár

Seit ich meine Hände zählte

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Seit ich meine Hände zählte,

die Beine, die Ohren, die Augen,
den Mund, und einsehen musste,
es werden nicht mehr,
lerne ich Sätze auswendig,
Gedichte, Romane,
denn dem Feuer, das
uns vertreiben wird, wenn
über unseren Köpfen
das Dach einstürzt,
widersteht nur das Paradies
in unseren Köpfen.

(Wolfgang Schiffer)

Síðan ég taldi á mér hendurnar

fæturna, eyrun, augun,
muninn, og skildist að
þeim fjölgar ekki lenur
læri ég setningar utanað
kvæði sögur
því gegn eldinum
sem hrekur okkur burt
þegar þakið brotnar
yfir höfði okkar
stendur aðeins aldingarðurinn
í höfði okkar.

Übersetzung:  Franz Gíslason (1935 – 2006)

 

Einföldun – Vom Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise

Tjáningarfrelsi: “Wohin des Weges?”

Ónytjungur: “Zu einem fernen Stamm, um Spielsachen unter dessen Kindern zu verschenken.”

Tjáningarfrelsi: “Hampelmänner?”

Ónytjungur: “Bei Zusammenbau und anschließender Nutzung wird nachvollziehbar, aus welchem Grund der Fisch stets vom Kopf her zu stinken beginnt, also bei jener antreibenden Kraft, welche die Richtung des Körpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Dies sind keine Fische.”

Ónytjungur: “So ist es. Aber in Demokratien ist das Staatsvolk die antreibende Kraft, also der Kopf, welcher die Richtung des Staatskörpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Und?”

Ónytjungur: “Es demnach so unsinnig wie erfolglos wäre, behaupte einer später, er wäre für den Gestank nicht verantwortlich.”

Tjáningarfrelsi: “Früh übe sich, wer ein Meister werden will. Und weswegen wähltest du zu diesem Zweck Gestalten aus der Vergangenheit?”

Ónytjungur: “Sie sind bestens bekannt und daher geeignet, die Kinder des fernen Stammes an die signifikanten Merkmale eines Nazis zu erinnern. Ziehen sie dann an der Schnur, wird deutlich, wer diese aus der anonymen Masse emporhebt.”

Tjáningarfrelsi: “Und was sind Deiner Auffassung nach die signifikanten Merkmale eines Nazis, damit ich beurteilen kann, ob Du zu Generalisierung befähigt, oder dich nur der Simplifizierung schuldig gemacht?”

Ónytjungur: “Signifikantes Merkmal von Nazis ist deren Eigenschaft, innerhalb eines Nationalstaates einen via Willens- und Absichtserklärung definierten imaginären Stamm zu fördern, zu billigen, oder hinzunehmen, zum Zwecke, die vorhandene Gleichheit aller Staatsbürger aufzuheben, da den nicht zum Stamm  gehörenden Staatsbürgern die Rechte des Stammes nicht zustünden, so dass Maßnahmen zu deren Entfernung aus dem entstehenden Stammesgebiet zu ergreifen oder wenigstens hinzunehmen sind, weil für jedermann nachvollziehbar, dass diese Maßnahmen erst die Grundlage erzeuge, und damit erzwungen notwendig sei, um die bestehende Nation erfolgreich auf den definierten Stamm  reduzieren zu können, da nur ein Stamm einen nationalen Sozialstaat bilde.”

Tjáningarfrelsi: “Ich lese, dass zum Zwecke einer angemessenen Abbildung bzw. Abgrenzung dafür eigens neue Eigenschaftswörter erzeugt wurden : rechtslastig, rechts, rechtsextrem, rechtsradikal, rechts …”

Ónytjungur: “Diese Methode ist ebenso intelligent wie die Erzeugung neuer Eigenschaftswörter der Form obenextrem, obenradikal, untenextrem, untenradikal, hintenextrem, hintenradikal, vorneextrem, vorneradikal, … “

Tjáningarfrelsi:  “Es soll Nebel zerstreuen, studiere einer die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung?”

Ónytjungur: “Selbstzuweisungen wie germanisch, identitär, biodeutsch, autochthon, etc. heben per-se die Gleichheit der Staatsbürger auf, und kreieren einen solchen Stamm.  Wo diese signifikanten Merkmale vorliegen, ist bereits die Zuweisung ‘rechts’ ebenso irreführend wie verharmlosend.”

Tjáningarfrelsi:  “Verhält es sich nicht so, dass unbestimmte, verschwommene Wortinhalte es jedem Redner ermöglichen, einen Begriff unterschiedlich zu gebrauchen?”

Ónytjungur: “Ein übergeordneter Gattungsbegriff unterscheidet sich stets signifikant von einer Vereinfachung.”

Tjáningarfrelsi: “Handelt es sich bei den Wörtern rechts und links nicht um Umstandswörter des Ortes, und verhält es sich nicht so, dass diese Wörter einen Bezugspunkt erfordern, und dieser Bezugspunkt – so er sich nicht jenseits des Universums befinde – erzwungenermaßen irgendein Punkt im Raum sein müsse? Hinzu kommt, dass diese Umstandswörter des Ortes im Sprachgebrauch nicht einheitlich angewendet werden, denn die Mitteilung, die Zuckerdose liege links vom Kühlschrank, erfüllt stets den damit beabsichtigten Zweck, wird doch die Zuckerdose daraufhin gefunden, hingegen der Hinweis, dass der linke Sitznachbar ein Taschendieb sei, nur dazu führe, dass der Angesprochene sich vergeblich nach rechts absichere, es sei denn, der Hinweisgeber habe mit dem Umstandswort des Ortes den Blickwinkel des Angesprochenen verwendet, und nicht den eigenen.”

Ónytjungur: “Die Zuweisungen rechts und links erfuhren bekanntlich innerhalb der vergangenen  200 Jahre einen Bedeutungswandel. Am Ausgangspunkt als Etikettierung der Eigenschaft monarchistisch (rechts) und dessen Gegensatz republikanisch (links), dann im Zuge der Industrialisierung via Bedeutungswandel auf die Eigenschaft arbeitgeberorientiert (rechts) und dessen Gegensatz arbeitnehmerorientiert (links) angewandt, findet diese Etikettierung bei jenem fernen Stamm nun Verwendung für die Eigenschaft nationalsozialistisch (rechts) und dessen Gegensatz nicht nationalsozialistisch, womit jede Person, welche nicht nationalsozialistisch ist, nur ‘links’ sein kann.”

Tjáningarfrelsi: “Führt dies nicht dazu, dass jeder, welcher sich dem Konzept der Nazis widersetzt, sich über Nacht plötzlich – ei verbibbsch – damit konfrontiert sieht, ‘links’ zu sein?”

Ónytjungur: “Dieser ‘Bedeutungswandel, welcher – da abrupt erfolgt und weder auf Bedeutungsverengung noch Bedeutungserweiterung beruhend – gar kein Bedeutungswandel sein kann, ermöglicht  letztlich  auch das Phänomen, dass das ein und dasselbe Konzept einmal als Riesenkänguruh bezeichnet werden kann, und im gleichen Atemzug – davon völlig unberührt – als Springmaus.”

Tjáningarfrelsi: “Das Konzept eines Riesenkänguruhs unterscheidet sich bekanntlich vom Konzept einer Springmaus.”

Ónytjungur: “Für diesen Vergleich wurde erst gar nicht das gemeinsame Konzept herangezogen, um nicht bestätigen zu müssen, dass es sich dabei um ein und dasselbe Konzept handle.”

Tjáningarfrelsi: “Sie behaupten, nachdem ein und dasselbe Konzept zwar einmal angewendet wurde, wäre darüber noch lange nicht ausgesagt, dass das Konzept nicht zu etwas anderem führe.”

Ónytjungur: “Wurde das Ende nicht bereits in den Anfang gesteckt?”

Tjáningarfrelsi: “Dann dürfte es sich bei jenem fernen Stamm um einen solchen handeln, der vom kollektiven Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise befallen. Handelt es sich doch bei derartigem Gebrauch weder um eine Spezialisierung, also einer Bedeutungsverengung, noch um eine Bedeutungserweiterung, demnach auch nicht um eine Generalisierung.”

Ónytjungur: “Könnte auch daran liegen, dass bei jenem Stamm den Schülern von den Lehrern nicht auferlegt wurde, jede Woche zuhause ein anderes Buch zu lesen, und daran anschließend sich im Unterricht über das Gelesene auszutauschen, wie an der Schule dort unten im Ort, da darüber die Fähigkeit hervorgerufen,  greina (charakterisieren, abgrenzen), alhæfa (verallgemeinern) und einfalda (vereinfachen) richtig zuordnen zu können.”

Tjáningarfrelsi: “Und durch das Verb falda auch noch dazu befähigt werden, die Symptome ‘herumdrucksen’ und ‘nicht recht mit der Sprache herauswollen’ erkennen zu können.”

Ónytjungur: ” Ist dir bei dem Verb einfalda  etwas aufgefallen?”

Tjáningarfrelsi: “Es wurde bei dem fernen Stamm durch das Verb vereinfachen eingedeutscht.”

Ónytjungur: “Und?”

Tjáningarfrelsi: “Erinnerte vermutlich doch zu sehr an die Eigenschaft einfältig. Singst du mit mir noch ein Lied zum Abschied?”

Ónytjungur und Tjáningarfrelsi fassten sich bei der Hand, und tanzten einen Reigen :

(49) “Voðir mínar
gaf eg velli að
tveim trémönnum.
Rekkar það þóttust
er þeir rift höfðu:
Neis er nökkvinn halur.” 1)

(49) “Mein Tuch
gab ich auf dem Feld
zwei Männern aus Holz.
Helden wähnen
ihre Kleider zu sein :
nackt sind sie schüchtern.”

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

(Über)setzung

Sjóminjasafnið Ósvör

 

(30) Að augabragði
skala maður annan hafa,
þótt til kynnis komi.
Margur þá fróður þykist
ef hann freginn er at
og nái hann þurrfjallur þruma. ¹)

(30) Sich lustig machen
über die Hütte eines anderen Menschen
obgleich er zu Freunden kommt:
Wähnt sich sehr belesen
: sofern er nicht befragt wird
und ohne Störung sitzen kann.

¹) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986