Die Irrtümer des Ónytjungur

Ljósmynd: Delphine & Thibault

Lesandi: „Nun hatten wir uns ja bereits emsig das Maul zerrissen über jene Wesen, so dass es vielleicht an der Zeit wäre, sich einmal über Unseresgleichen auszutauschen. Wo steckt eigentlich Ónytjungur?“

Sögumaður: „Er leckt immer noch seine Wunden.“

Lesandi: „Ég kem alveg af fjöllum. Was hat sich zugetragen?

Sögumaður: „Wie du sicher weißt, war er ein Wechselbalg.“

Lesandi: „Und wenn schon, nun ist er ja wieder zurück und haust unter Seinesgleichen.

Sögumaður: „Dann weißt du sicherlich auch, dass dort seine Großmutter mütterlicherseits eine eifernde Klerikerin mit unerbittlichem Bekehrungsdrang war, deren Ehemann ein eingefleischter Sozi und eifrig fremdgehender Womanizer, sein Großvater väterlicherseits einer der „alten Kameraden“, per Du mit  dem Führer und fanatischer Nazi und dessen Ehefrau eine schlichte Bäuerin, welche die russischen Zwangsarbeiter stets heimlich mit Lebensmitteln versorgte.“

Lesandi: „Das konnte ja nicht gutgehen mit ihm. Da ist es gut, dass er wieder zu seinem Stein zurückgekehrt ist.“

Sögumaður: „Zudem wuchs er dort mit der Gewissheit auf, mit einem widerwärtigen Makel geboren worden zu sein. Nicht genug, dass er wie jedes Kind am Anfang mit leuchtenden Augen in die Schule eilte, um dann nach einiger Zeit mit stumpfem Blick wieder herauszukommen, hielten es die Pädagogen dort auch noch  für dringend erforderlich,  ab dem ersten Schultag seinen linken Arm hinten auf den Rücken zu binden, damit er den Griffel endlich in die rechte Hand nehme.“

Lesandi: „Verhält es sich nicht so, dass nur in arabischen Ländern die linke Hand als die unreine gilt?“

Sögumaður: „Dennoch durften Linkshänder in deren Schulen mit der linken Hand schreiben. Waren dann die Hausaufgaben gemacht, belehrte ihn seine Großmutter mütterlicherseits tagein, tagaus dahingehend, dass er in der Finsternis lebe, ein Satan sei, was sie schließlich wissen müsse als  Braut Jesu.“

Lesandi: „Hat jener sie dann geheiratet?“

Sögumaður: „Er ließ sich sehr viel Zeit dabei, sie wurde steinalt.“

Lesandi: „Geriet sie dabei nicht mit dem Großvater väterlicherseits aneinander?“

Sögumaður: „Der war zu jener Zeit bereits längst jämmerlich an einer Leberzirrhose krepiert, just in dem Augenblick, als Bomber sein Dorf in Schutt und Asche legten, da sie nicht mit Bomben zurückfliegen wollten und dabei nicht nur seine Anhängerschaft allein so nebenbei um ein Viertel reduzierten.“

Lesandi: „Hatte wohl zu viel gesoffen mit den Herrenmenschen.“

Sögumaður: „Dabei war der Name seines Großvaters väterlicherseits nachweislich keltisch, dessen schwarze Haare belegten eindeutig, dass sich einer seiner Vorfahren dummerweise mit einer dort so genannten ‘Mischehe’ besudelt hatte, vermutlich Römer oder Römerin, was ihn allerdings keineswegs daran hinderte, sich als „Germane“ zu wähnen und Adolf Hitler gleich von Anbeginn an die Pfote zu küssen.“

Lesandi: „Und deswegen leckt sich Ónytjungur nun die Wunden?“

Sögumaður: „Keineswegs. Er hält sich nur an die Regeln. Er hatte bereits davon gelesen, dass über Verstorbene nicht schlecht geredet werden dürfe, es sei ihnen der gebührende Respekt zu erweisen, zudem könnten diese sich auch nicht mehr wehren.“

Lesandi: „Was gute Sitte und Gebrauch. Ist doch keiner nur gut oder böse und es gibt auch nicht nur die Farben weiß und schwarz, wie du sicherlich weißt.“

Sögumaður: „So ist es. Er stellte nur bei einer seiner letzten Reisen fest, dass nun sowohl die Anhänger der Braut Jesu als auch die Anhänger des Germanen zu deren Gräbern pilgern, um ihren Vorbildern zu huldigen.“

Lesandi: „Und?“

Sögumaður: „Ihm fiel eine Erzählung ein, welche über einen klugen Mann berichtete. Seine Anhänger strömten in Scharen zu seiner Wohnstätte und beteten ihn an. Was dem Mann nicht geheuer war, da nur auf einem Missverständnis beruhend, die Leute jedoch seine diesbezüglichen Argumente strikt ablehnten und diese irrtümlich als Ausdruck seiner  Bescheidenheit hinstellten. So dass er befürchten musste, dass ihm die Leute nach seinem Ableben auch noch ein Grabmal über seine sterblichen Überreste errichten werden, um ihm weiter huldigen zu können. Er zog also seinen besten Freund ins Vertrauen, und bat ihn, nach seinem Tod seine sterblichen Überreste heimlich an einem stillen Ort zu bestatten und in sein Grab stattdessen den Kadaver eines Esels zu legen.“

Lesandi: „Lass mich raten, so geschah es auch. Die Anhänger errichteten über dem Esel ein Grabmal, pilgerten in Scharen zum Grabmal …“

Sögumaður: „… und spürten dann, so wird erzählt, wie die Spiritualität des Leichnams sie durchströmte. Und nun wäre Ónytjungur …“

Lesandi: „… gerne an die Grabstätte der Braut Jesu und des Germanen gereist, hätte Nächtens in aller Stille die sterblichen Überreste an einem ruhigen Ort bestattet, und an deren Stelle den Kadaver eines Esels in die Grabstätte gelegt. Wo liegt sein Problem?“

Sögumaður: „Dummerweise las er auch davon, dass es in manchen Ländern guter Brauch ist, die Totenruhe der Verstorbenen selbst dann nicht zu beenden, sollte die Miete für die letzte Ruhestätte nicht bezahlt worden sein.“

Lesandi: „Nun, manche Länder haben sogar Kultur und kamen daher gar nicht auf die Idee, Miete für die letzte Ruhestätte zu verlangen.“

Sögumaður: „Er würde, wolle er seine Absicht umsetzen, unweigerlich die Totenruhe der beiden stören.“

Lesandi: „Und nun leckt er die Wunden seiner Synapsen. Ich verstehe. Hättest du Lust, mit mir ein Lied zu singen, laut genug, so dass es auch Ónytjungur hören kann?“

Die Trolle Sögumaður und Lesandi fassten sich bei der Hand und sangen ein Lied:

(73) Tveir eru eins herjar,
tunga er höfuðs bani.
Er mér í héðin hvern
handar væni. 1)

(73) Zweie überwältigen einen,
die Zunge ist der Tod des Kopfes.
Erwarte Feindschaft
unter jedem Fell.

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986 

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