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Synonyme: Grundbedarf, Existenxminimum

Mit dem Begriff wird der Geldbedarf bezeichnet, um das physische Überleben eines Menschen zu sichern, welches den Naturgesetzen unterworfen ist, und wozu ausreichende Nahrung, Kleidung, medizinische Notfallversorgung und Schutz vor Witterung daher jedem notwendig. Der erforderliche Geldbedarf, um das eigene physische Leben überhaupt fortsetzen zu können, wird in der Landeswährung berechnet.

Es ist evident, dass der Notbedarf unabhängig davon besteht, ob ein Mensch einer Erwerbsarbeit nachgehen kann, oder nicht nachgehen kann, aus welchen Gründen auch immer. Um zu gewährleisten, dass ein Mensch nicht deswegen stirbt, weil ihm die erforderlichen Mittel fehlen, um das eigene physische Überleben fortzusetzen, ist seit alters her Konsens in Gemeinschaften von Menschen, dieses Naturrecht jedes Einzelnen nicht anzutasten, und ihm diese Mittel zu belassen, oder ihm diese zur Verfügung zu stellen, sollten sie in nicht ausreichendem Maße ihm zur Verfügung stehen.

Dieses von Generation an Generation weitergereichte Erbe des Menschseins führte in westlichen Gemeinschaften, da übereinstimmende Auffassung dieser Gemeinschaften zu Lohnarbeitsgesellschaften geführt hatten, so dass dort jeder Einzelne nur noch über Geld das eigene physische Überleben erzielen kann, zur Ermittlung des Notbedarfs mithilfe der Methode „Rechnen“, um den Notbedarf eines Menschen zu beziffern.

Dies führte – hier am Beispiel der Stadt München in Deutschland aufgezeigt – zu folgendem Ergebnis:

Ein Mensch, der keiner Erwerbsarbeit nachgehen kann, und daher auch nicht mehr sein physisches Überleben fortsetzen kann, wohnt in einem einfachen Zimmer in einer Mansarde, für die der Vermieter eine Miete von 440 € verlangt. Die Gemeinschaft ermittelt als Notbedarf daher 440 €, die sie dem Vermieter überweist, und legt die Summe für ausreichende Nahrung und Kleidung für einen Erwachsenen auf 404 € im Monat fest, was in Summe 844 € ergibt.

Zur gleichen Zeit und am selben Ort wird jedem Menschen ein jährlicher Freibetrag von 8.652 € bei der Steuererhebung eingeräumt, da der Notbedarf keiner Abgabe unterliegt. Dies ergibt nach Abzug der Beiträge zur Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung einen monatlichen Betrag von 571 € für das physische Überleben eines Menschen.

Da bereits ein einfachen Zimmer in einer Mansarde wenigstens 440 € kostet, muss es demnach in München für einen Menschen möglich sein, mit 131 € im Monat sein physisches Überleben herbeizuführen, also mit 4,36 € für jeden Tag. Vorausgesetzt, er ist gerade derjenige, der mit 440 € Miete im billigsten Zimmer wohnt.

Hilfestellung für Rechenaufgaben in deutschen Grundschulen (Fach: Mathematik), Stand 2017:

http://www.hartziv.org/hartz-iv-rechner.html

Miete: 600 €
Heizung: 150 €
3 Kinder
2.399 €
– 582 € Kindergeld
Hartz IV: 1.817 €

http://www.brutto-netto-rechner.info/gehalt/lohnsteuerrechner.php

Bei 1.817 € Brutto-Einkommen:
LSt: 0 €
RV: 169,89 €
AV: 27,26 €
KV: 152,63 €
PV: 23,17 €
Summe: 372,94 €
Netto: 1.444,06 €

Mindestlohn: 8,84 € * 8 *21 = 1.485,12 €
RV: 138,85 €
AV: 22,28 €
KV: 124,74 €
PV: 18,93 €
Summe: 304,80 €
Netto: 1.180,20 €

Im Zeitalter von Lohnstreifen und Barauszahlung wurde der Lohn noch von Menschen mit Rechenmaschine errechnet, der Lohnstreifen mit Kugelschreiber manuell ausgefüllt, das Arbeitsentgelt exakt am Ende des Monats bzw. wöchentlich oder zweiwöchentlich unverzüglich und pünktlich ausbezahlt, und niemals einen Tag später.

Aufgabe 1:

Da im Zeitalter der wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts, in welchem die Lohnabrechnungen vollautomatisch von Computern erstellt werden, die daraufhin auch die Zahlungen elektronisch ausführen, die Computer jedoch trotz aller Bemühungen der IT-Experten derart langsam geworden sind, dass sie die Lohnzahlungen oft erst am 12. Tag des Folgemonats auf dem Konto des Lohnempfängers gutschreiben, berechne den Betrag, den das Girokonto am Monatsende als Guthaben bei Fall 1 – 3 aufweisen muss, damit a) die laufende Zahlungen wie Miete, Strom, etc., die bereits am 1. Tag des Monats fällig gestellt, bezahlt werden können, und b) die Familie bis zum 12. Tag des Folgemonats ernährt werden kann, ohne dass hierfür ein teurer Kontokorrentkredit in Anspruch genommen werden muss.

Aufgabe 2:

Wie hoch muss das montliche Bruttogehalt sein, damit nach allen Abzügen (Lohnsteuer, Sozialversicherungen) der Nettolohn dem Existenzminimum entspricht?

Grundrechnen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Einmal angenommen, jeder Teilnehmer an der Herstellung von Gütern arbeitet nicht unentgeltlich, ist dann davon auszugehen, dass mit jedem weiteren Teilnehmer die Arbeitskosten zunehmen würden?“

Tilvera: „Nun, wer rechnen kann, der …“

Ónytjungur: „Nehmen wir nun noch an, dass jedes Unternehmen so kalkuliert, dass es einen Gewinn abwerfe, ist es dann nicht so, dass jedes zusätzlich hinzugenommene gewinnorientierte Unternehmen die eigenen Herstellungskosten um deren Gemeinkosten und Gewinn erhöhe?“

Tilvera: „Etwas anderes zu behaupten wäre …“

Ónytjungur: „Dann erkläre mir bitte, wie es sein kann, dass eine Dienstleistung, die ich kostenlos erhalten habe, teurer ist als dieselbe Dienstleistung, die mir ein gewinnorientiertes Unternehmen wegen seiner Gemeinkosten und dem einkalkulierten Gewinn in Rechnung stellt.“

Tilvera: „Es kann sich dabei nur um einen Trottel handeln, der wegen mangelhafter Kenntnisse in den Grundrechenarten solchen Unsinn annimmt.“

Ónytjungur: „Dann wäre es aber um die Kenntnisse im Grundrechnen gar arg bestellt in jenem Land, aus dem ich gerade komme. Dort wurden einst Arbeitssuchende von einem Dienstleister kostenfrei in eine neue Arbeitsstelle vermittelt, da diese ja durch Abtretung von ihrem Einkommen die Arbeitgeber des Dienstleisters sind. Nun musste ich feststellen, dass diese Dienstleistung von 6.671 gewinnorientierten Firmen angeboten wird, woraus diese jährlich einen Umsatz von 19,1 Milliarden Euro generieren, indem sie ihre 856.195 unterschiedlichen Waren verkaufen, die sie selbst unentgeltlich erhielten. Wenn ich richtig rechne, erhöhen sich dadurch nicht gegenüber der vorherigen Praxis die Arbeitskosten jährlich um die Gemeinkosten und den einkalkulierten Gewinnen dieser 6.671 neuen Dienstleister?“

Tilvera: „Nun, du hattest offensichtlich in Deinem Leben einmal einen Lehrer getroffen, der fähig war dir beizubringen, was die Menschen in der Regel bei der Berechnung wollen. Es dürfte dir dann aber auch bekannt sein, dass Regel nur aussagt, dass es auch Ausnahmen gibt. Es stellte sich somit  die Frage nach diesem Wollen, rechnen ist es ja schon mal nicht.“

Ónytjungur: „Was erklärte, wieso dort ein und derselbe Kopf allen Ernstes davon ausgeht, dass 571 weder größer noch kleiner ist als 844, sondern gleich, ohne dass ihm auch nur ein Einziger widerspricht.“

Tilvera: „Nun übertreibst du.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Sie sagen dort, dass sie auf den Notbedarf eines Menschen, also auf das, was ein Mensch notwendig braucht, um nach den Gesetzen der Natur überhaupt physisch überleben zu können, keine Abgaben erheben. Und sie sagen, dass sie für eben diesen Notbedarf sorgen, sollte einer nicht selbst dazu imstande sein.“

Tilvera: „Was Sinn generiert. Ist dies doch Grundvoraussetzung für eine Gemeinschaft, denn ohne dies wäre es ja keine. Zudem– wäre es nicht so, wie du berichtest –  stellte sich darüber hinaus auch noch die Frage, was denn dann den Anspruch rechtfertige, von jenem Erwerb nehmen zu dürfen, der über den Notbedarf hinausgeht, wenn im Gegenzug dafür noch nicht einmal für den Notbedarf gesorgt werde, sollte einmal einer seinen Notbedarf nicht selbst decken können, aus welchen Gründen auch immer. Handelt es sich dabei doch nur um die Deckung des Notbedarfs, und um nichts darüber hinaus.“

Ónytjungur: „So ist es. Wie ist es dann aber möglich, dass ein und derselbe Kopf im gleichen Augenblick in Summe wenigstens die Zahl 844 einem solchen, der seinen Notbedarf nicht selbst decken kann, zugestehen muss, da von den Fakten einfach erzwungen, denn mit weniger wäre dieser außerstande, sich wenigstens notdürftig zu ernähren und in einem kleinen Zimmer Schutz zu finden, und jenem, der für seinen Notbedarf und darüber hinaus noch selbst sorgen kann, am gleichen Ort in Summe maximal nur die Zahl 571 zur Deckung des Notbedarfs zugesteht?“

Tilvera: „Weil sich Leute bei Theorien auch nicht von Fakten beirren lassen?“

Ónytjungur: „Was erklärte, dass dort der Notbedarf auch noch in 150 verschiedene Leistungen zerlegt wurde, die dann von 40 Arten von Behörden erteilt werden.“

Tilvera: „Lass mich raten: die verschiedenen Leistungen sind über ein komplexes Prüfungs- und Rechnungswerk immer wieder zusammenzuführen, und dann so zu verrechnen, dass am Ende immer nur die gleiche Zahl herauskommt, und zwar unabhängig davon, aus welcher Anzahl an verschiedener Leistungen und Arten von Behörden sich die Zahlungen speisen.“

Ónytjungur: „Es wartet dort jeder vierte Hilfebedürftige nur auf vorrangige Leistungen, statt sie rechtzeitig zu erhalten.“

Tilvera: „Dann wäre dort aber nicht nur Armut verhindert, sondern auch noch produziert.“

Ónytjungur: „Es erwies sich als ein großer Fehler, die Fähigkeit zum Rechnen aufzugeben, und diese  den  Computer zu überlassen.“

Tilvera: „Computer können aber schneller rechnen.“

Ónytjungur: „Dann ist aber ausgesprochen seltsam, dass dort Lohn- und Gehaltszahlungen seitdem immer erst frühestens am 12. des Folgemonats erfolgen. Als ich als Zwölfjähriger in den Schulferien jeden Samstag den Wochenlohn der Bauarbeiter noch selbst ausrechnete, das Ergebnis Bruttolohn, Steuer, Sozialbeiträge, Nettolohn, etc. mit Kugelschreiber auf einen Lohnstreifen notierte, während der Chef das Bargeld von der Bank holte, waren alle Lohnabrechnungen jeden Samstag  rechtzeitig bis Mittag fertig, damit die Sekretärin die Beträge und Lohnstreifen auf die Lohntüten verteilen konnte, bevor die ersten Bauarbeiter sich vor dem Büro zur Warteschlange versammelten. Kannst du dir in etwa ausmalen, was geschehen wäre, wenn diesen Bauarbeitern auch nur einmal vom Bauunternehmer mitgeteilt worden wäre, dass die Löhne erst am 12. des Folgemonats auf das Konto überwiesen werden würden, da ich solange brauche, um die Lohnabrechnung zu erstellen? Und vergiss nicht, diese Bauarbeiter wären sogar noch in der Lage gewesen, auf Rücklagen zurückzugreifen, um die Wartezeit zu überbrücken.“

Anm. d. Red.: Die Auflösung des Zahlenrätsels finden Sie unter Schlagwort „Notbedarf“, oder hier

frCalcul de base

Die Bäckersfrau

troll-imadeWEB-1Die Männer, unter die sich auch ein paar Frauen gesellten, philosophierten auf der Bank wie jeden Morgen, während die Leute vom Ostbahnhof kommend zu ihren Bussen eilten, um noch rechtzeitig den Arbeitsplatz oder die Schulbank zu erreichen. Der Arbeitsplatz jener Männer und Frauen auf der Bank vor dem Ostbahnhof war diese Bank. Sie benötigten daher keine Busse. Was gut war, denn so sparten sie sich die Kosten, die zu entrichten sind, wenn einer ein Verkehrsmittel benutzt, das in diesem Land als ein öffentliches bezeichnet wird.

In diesem Land ist es nicht so, dass ein Passagier mitreisen kann, nur weil er dem Busfahrer verspricht, am Ziel würde eine Frau auf ihn warten, welche ihm den Fahrpreis ausbezahle, wissend, dass da keine Frau sein wird. So reiste der keineswegs blinde Passagier in alle Landesecken des Landes, besichtigte Heimaey auf den Vestmannayjar, und war ganz verblüfft, dass ihm der Zutritt verweigert wurde, als er sich anschickte, endlich auch einmal mit einem Flugzeug seine Ziele sich zu erfahren. Die Aussicht, dass am Ziel eine Frau auf ihn warte, welche den Fahrpreis entrichten werde, reichte nicht aus.

Tryggvi staunte, als ich ihm auf die Frage, was ich davon hielte, zur Antwort gab, dass es keinen Unterschied mache, ob da ein Bus mit zehn statt mit elf leeren Sitzplätzen durch das Land gefahren werde. Was mich wiederum erstaunte, denn so kannte ich Tryggvi noch nicht. Erst als er mich darüber aufklärte, dass es sich dabei um einen neunjährigen Jungen gehandelt habe, verstand ich ihn besser. Dass der von den Busfahrern akzeptierte Schwarzfahrer erst neun Jahre alt war, konnte sich mir nicht erschließen, denn Neunjährige sagen gewöhnlich Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, aber niemals Kona, also „Frau“. Isländische Neunjährige sagen demnach nicht Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, sie sagen „Frau“. Und gelegentlich sind sie in diesem Alter bereits Landshornaflakkari, also Landeseckenlandstreicher.

Das Land, wo die alkoholkranken Männer und Frauen vor dem Ostbahnhof auf einer Bank zum Lebensunterhalt der Bedürftigen beitragen, ist ein anderes Land. In diesem Land sagen Neunjährige Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, wenn sie die Monatskarte in ihrer Panik vergessen hatten, oder einfach nur die Wahrheit. Was ihnen aber auch nicht hülfe, darüber dennoch das Klassenzimmer zu erreichen, um die gefürchtete Schulaufgabe zu schreiben, die für die letzte Chance auf eine noch mögliche Versetzung in die nächste Klasse sorgen solle. Nein, es wird nicht helfen. Dass der Junge wegen der entscheidenden Schulaufgabe so durch den Wind war, dass er in der Eile auf seine Monatskarte vergessen hatte, und auch ein gerader Kerl war, der den Busfahrer fragte, ob er heute ohne Monatskarte mitreisen darf, statt das Risiko einzugehen, als Schwarzfahrer gebrandmarkt zu werden: es wird ihm nicht helfen. Es wird ihm auch nicht helfen, dass der Busfahrer keine 50 Zentimeter von der Bushaltestelle entfernt darauf wartet, dass die Ampel von Rot auf Gelb, und dann auf Grün wechsle; die Tür bleibt für ihn geschlossen. Sein flehentliches Klopfen an der Glasscheibe wird gehört, sein Flehen bleibt unerhört. Auch Busfahrer haben Anspruch darauf, Obrigkeit sein zu dürfen. Wie jeder in diesem Land.

Da ist es gut, dass es nicht weit vom Ostbahnhof entfernt eine „Feine Backstube“ gibt, die von einer Bäckersfrau betrieben wird. Die Kunden kaufen dort gerne ein, denn die Inhaberin backt selbst, und bietet ihre Backwaren wie „russischen Zupfkuchen“ oder „Apfelstrudel“ auf türkische Art neben den üblichen Industriebackwaren wie Mohnschnecke, etc. an. Für die Arbeiter gibt es Soljanka, hausgemacht, zu Preisen, die Arbeiter auch bezahlen können. An der Glasfront der Backstube bot die Inhaberin weithin sichtbar Sätze feil. So notierte ich zum Beispiel den Satz, bereits im Bus sitzend:

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.

Am nächsten Morgen fragte ich die Inhaberin, die bereits fließend Deutsch spricht, wer denn der Autor dieses Satzes sei. Sie sah mich staunend an, und teilte mir mit, dass es sich dabei um einen Satz von Goethe handle. Sie schriebe immer einen Satz über das Wochenende an diese Glasfront, und würde ihn am Montag beim Fensterputzen wieder entfernen. Gestern sei sie allerdings nicht rechtzeitig zum Fensterputzen gekommen.

Its-your-road_05.12.13
Autor fehlt

Daraufhin schrieb sie immer den Verfasser unter den Satz, denn sie erkannte, dass in diesem Land Wert auf das wer gelegt wird, und nicht auf das was. Und so reihte sich Satz an Satz:

 Sei Du selbst die Veränderung Die Du Dir wünschst für die Welt

Woche für Woche, immer wieder ein anderer Satz. Und stets stand der Verfasser der Sätze unter dem Satz. Bis eines Tages ein Satz ohne Verfasser die Glasscheibe zierte:

Ohne die Liebe
ist jedes Opfer Last
jede Musik nur Geräusch
und jeder Tanz macht müde.

Vier Tage wartete sie auf meine Nachfrage, dann hielt sie es nicht mehr aus. Während sie den russischen Zupfkuchen in die Tüte packte, fragte sie, so ganz nebenbei, ob mich bei diesem Satz der Name dieses Verfassers nicht interessiere. Dass der Name unter dem Satz diesmal fehlte, war also Absicht. Was sie nicht wusste war, dass sie den falschen Satz für ihren Plan gewählt hatte, und so wurde ihr Plan mit einem Satz durchkreuzt: „Doch, aber ich kenne längst seinen Namen.“

Seitdem steht kein Name mehr unter dem Satz. Sagt doch der Philosoph Daniel-Pascal Zorn völlig richtig:

Wer an Philosophen glaubt, hat nichts von ihnen gelernt.

Wittgenstein
Ohne Autor

Und da jede Gabe eine entsprechende Gegengabe erlaubt, gab ich der Bäckersfrau einen Satz zurück, den sie sich notierte, und der dann die gesamte Woche die Glasfront belegte. Ohne Nennung des Namens. Denn was wäre schon von einem was zu halten, welches erst durch das wer zu einem was wird. Ein was, das sein Überleben nicht aus sich selbst erhält, sondern erst durch ein wer, … wozu sollte es überleben.

Die Pointe: Die Feine Backstube befindet sich ausgerechnet gegenüber einer Schule. Die Kinder kaufen dort gerne ein, oder lesen die Sätze an der Glasscheibe, wenn sie auf der gegenüber liegenden Bushaltestelle auf den Bus warten, der sie zu den Hausaufgaben fährt. Es gibt kein Fach Philosophie in den Schulen dieses Landes. So kommt die Philosophie zur Schule, möchte aber nicht in diese hinein. Es genügt ihr, draußen vor der Tür zu sein, auf der Straße sozusagen.

Am Ostbahnhof in München suchen gerne Bedürftige die Nähe der mildtätigen Männer und Frauen, deren Arbeitsplatz die Bank ist. Stets ziehen die Bedürftigen kleine Rollwägen hinter sich her, und stochern in dem Abfallkorb neben der Sitzbank, ob dieser nicht eventuell noch Schätze enthalte, die auf eine Bergung warten, in Form leerer Bierflaschen, die man an ausgewählten Automaten gegen ein paar Groschen tauschen kann. Seitdem die Regierung ein Sozialprogramm verfügte, und dieses Programm mit dem Namen eines Personalchefs eines großen Konzerns versah, da dieser den Tatbestand der Untreue und Begünstigung erfülle, seitdem sammeln die Bedürftigen leere Pfandflaschen aus Abfalleimern. Und sie werden immer fündig, weswegen sie auch immer gerne wiederkommen, zu den Alkoholkranken. Die mildtätigen Männer und Frauen auf der Sitzbank bekommen hiervon nichts mit. Sie haben Gewichtigeres zu tun. Sie müssen philosophieren.

Und der Neunjährige mit seinen Frauen? Ich weiß nur, dass er nunmehr schon auf die Vierzig zugehen muss, so er noch lebt, und er auch heute noch über seine Reisen nachlesen kann. Im Zeitungsarchiv in Reykjavik. Überschrift: Landshornaflakkari.

Wie sagte doch der Fischer Stefán Hörður Grímsson so schön in seinem Gedicht Orsök:

„Es sollte jedem Menschen gestattet sein zu behaupten er kenne sich selber so absurd dies auch erscheinen mag aber zu sagen er kenne einen anderen Menschen ist entweder Unhöflichkeit oder Höflichkeit wie allen gesitteten Menschen bekannt ist die ihr Essen in guter Absicht verzehren.“

Er war ein Fischer, der ein Dichter ist.

ukThe baker

frLa boulangère