Einföldun – Vom Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise

Tjáningarfrelsi: “Wohin des Weges?”

Ónytjungur: “Zu einem fernen Stamm, um Spielsachen unter dessen Kindern zu verschenken.”

Tjáningarfrelsi: “Hampelmänner?”

Ónytjungur: “Bei Zusammenbau und anschließender Nutzung wird nachvollziehbar, aus welchem Grund der Fisch stets vom Kopf her zu stinken beginnt, also bei jener antreibenden Kraft, welche die Richtung des Körpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Dies sind keine Fische.”

Ónytjungur: “So ist es. Aber in Demokratien ist das Staatsvolk die antreibende Kraft, also der Kopf, welcher die Richtung des Staatskörpers vorgibt.”

Tjáningarfrelsi: “Und?”

Ónytjungur: “Es demnach so unsinnig wie erfolglos wäre, behaupte einer später, er wäre für den Gestank nicht verantwortlich.”

Tjáningarfrelsi: “Früh übe sich, wer ein Meister werden will. Und weswegen wähltest du zu diesem Zweck Gestalten aus der Vergangenheit?”

Ónytjungur: “Sie sind bestens bekannt und daher geeignet, die Kinder des fernen Stammes an die signifikanten Merkmale eines Nazis zu erinnern. Ziehen sie dann an der Schnur, wird deutlich, wer diese aus der anonymen Masse emporhebt.”

Tjáningarfrelsi: “Und was sind Deiner Auffassung nach die signifikanten Merkmale eines Nazis, damit ich beurteilen kann, ob Du zu Generalisierung befähigt, oder dich nur der Simplifizierung schuldig gemacht?”

Ónytjungur: “Signifikantes Merkmal von Nazis ist deren Eigenschaft, innerhalb eines Nationalstaates einen via Willens- und Absichtserklärung definierten imaginären Stamm zu fördern, zu billigen, oder hinzunehmen, zum Zwecke, die vorhandene Gleichheit aller Staatsbürger aufzuheben, da den nicht zum Stamm  gehörenden Staatsbürgern die Rechte des Stammes nicht zustünden, so dass Maßnahmen zu deren Entfernung aus dem entstehenden Stammesgebiet zu ergreifen oder wenigstens hinzunehmen sind, weil für jedermann nachvollziehbar, dass diese Maßnahmen erst die Grundlage erzeuge, und damit erzwungen notwendig sei, um die bestehende Nation erfolgreich auf den definierten Stamm  reduzieren zu können, da nur ein Stamm einen nationalen Sozialstaat bilde.”

Tjáningarfrelsi: “Ich lese, dass zum Zwecke einer angemessenen Abbildung bzw. Abgrenzung dafür eigens neue Eigenschaftswörter erzeugt wurden : rechtslastig, rechts, rechtsextrem, rechtsradikal, rechts …”

Ónytjungur: “Diese Methode ist ebenso intelligent wie die Erzeugung neuer Eigenschaftswörter der Form obenextrem, obenradikal, untenextrem, untenradikal, hintenextrem, hintenradikal, vorneextrem, vorneradikal, … “

Tjáningarfrelsi:  “Es soll Nebel zerstreuen, studiere einer die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung?”

Ónytjungur: “Selbstzuweisungen wie germanisch, identitär, biodeutsch, autochthon, etc. heben per-se die Gleichheit der Staatsbürger auf, und kreieren einen solchen Stamm.  Wo diese signifikanten Merkmale vorliegen, ist bereits die Zuweisung ‘rechts’ ebenso irreführend wie verharmlosend.”

Tjáningarfrelsi:  “Verhält es sich nicht so, dass unbestimmte, verschwommene Wortinhalte es jedem Redner ermöglichen, einen Begriff unterschiedlich zu gebrauchen?”

Ónytjungur: “Ein übergeordneter Gattungsbegriff unterscheidet sich stets signifikant von einer Vereinfachung.”

Tjáningarfrelsi: “Handelt es sich bei den Wörtern rechts und links nicht um Umstandswörter des Ortes, und verhält es sich nicht so, dass diese Wörter einen Bezugspunkt erfordern, und dieser Bezugspunkt – so er sich nicht jenseits des Universums befinde – erzwungenermaßen irgendein Punkt im Raum sein müsse? Hinzu kommt, dass diese Umstandswörter des Ortes im Sprachgebrauch nicht einheitlich angewendet werden, denn die Mitteilung, die Zuckerdose liege links vom Kühlschrank, erfüllt stets den damit beabsichtigten Zweck, wird doch die Zuckerdose daraufhin gefunden, hingegen der Hinweis, dass der linke Sitznachbar ein Taschendieb sei, nur dazu führe, dass der Angesprochene sich vergeblich nach rechts absichere, es sei denn, der Hinweisgeber habe mit dem Umstandswort des Ortes den Blickwinkel des Angesprochenen verwendet, und nicht den eigenen.”

Ónytjungur: “Die Zuweisungen rechts und links erfuhren bekanntlich innerhalb der vergangenen  200 Jahre einen Bedeutungswandel. Am Ausgangspunkt als Etikettierung der Eigenschaft monarchistisch (rechts) und dessen Gegensatz republikanisch (links), dann im Zuge der Industrialisierung via Bedeutungswandel auf die Eigenschaft arbeitgeberorientiert (rechts) und dessen Gegensatz arbeitnehmerorientiert (links) angewandt, findet diese Etikettierung bei jenem fernen Stamm nun Verwendung für die Eigenschaft nationalsozialistisch (rechts) und dessen Gegensatz nicht nationalsozialistisch, womit jede Person, welche nicht nationalsozialistisch ist, nur ‘links’ sein kann.”

Tjáningarfrelsi: “Führt dies nicht dazu, dass jeder, welcher sich dem Konzept der Nazis widersetzt, sich über Nacht plötzlich – ei verbibbsch – damit konfrontiert sieht, ‘links’ zu sein?”

Ónytjungur: “Dieser ‘Bedeutungswandel, welcher – da abrupt erfolgt und weder auf Bedeutungsverengung noch Bedeutungserweiterung beruhend – gar kein Bedeutungswandel sein kann, ermöglicht  letztlich  auch das Phänomen, dass das ein und dasselbe Konzept einmal als Riesenkänguruh bezeichnet werden kann, und im gleichen Atemzug – davon völlig unberührt – als Springmaus.”

Tjáningarfrelsi: “Das Konzept eines Riesenkänguruhs unterscheidet sich bekanntlich vom Konzept einer Springmaus.”

Ónytjungur: “Für diesen Vergleich wurde erst gar nicht das gemeinsame Konzept herangezogen, um nicht bestätigen zu müssen, dass es sich dabei um ein und dasselbe Konzept handle.”

Tjáningarfrelsi: “Sie behaupten, nachdem ein und dasselbe Konzept zwar einmal angewendet wurde, wäre darüber noch lange nicht ausgesagt, dass das Konzept nicht zu etwas anderem führe.”

Ónytjungur: “Wurde das Ende nicht bereits in den Anfang gesteckt?”

Tjáningarfrelsi: “Dann dürfte es sich bei jenem fernen Stamm um einen solchen handeln, der vom kollektiven Bedürfnis nach beschönigender Ausdrucksweise befallen. Handelt es sich doch bei derartigem Gebrauch weder um eine Spezialisierung, also einer Bedeutungsverengung, noch um eine Bedeutungserweiterung, demnach auch nicht um eine Generalisierung.”

Ónytjungur: “Könnte auch daran liegen, dass bei jenem Stamm an den Schulen die Schüler nicht jede Woche zuhause ein anderes Buch zu lesen haben, und anschließend im Unterricht über das Gelesene  Argumente austauschen müssen, wie an der Schule dort unten im Ort, da darüber die Fähigkeit hervorgerufen,  greina (charakterisieren, abgrenzen), alhæfa (verallgemeinern) und einfalda (vereinfachen) richtig zuordnen zu können.”

Tjáningarfrelsi: “Und durch das Verb falda auch noch dazu befähigt werden, die Symptome ‘herumdrucksen’ und ‘nicht recht mit der Sprache herauswollen’ erkennen zu können.”

Ónytjungur: ” Ist dir bei dem Verb einfalda  etwas aufgefallen?”

Tjáningarfrelsi: “Es wurde bei dem fernen Stamm durch das Verb vereinfachen eingedeutscht.”

Ónytjungur: “Und?”

Tjáningarfrelsi: “Erinnerte vermutlich doch zu sehr an die Eigenschaft einfältig. Singst du mit mir noch ein Lied zum Abschied?”

Ónytjungur und Tjáningarfrelsi fassten sich bei der Hand, und tanzten einen Reigen :

(49) “Voðir mínar
gaf eg velli að
tveim trémönnum.
Rekkar það þóttust
er þeir rift höfðu:
Neis er nökkvinn halur.” 1)

(49) “Mein Tuch
gab ich auf dem Feld
zwei Männern aus Holz.
Helden wähnen
ihre Kleider zu sein :
nackt sind sie schüchtern.”

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

(Über)setzung

Sjóminjasafnið Ósvör

 

(30) Að augabragði
skala maður annan hafa,
þótt til kynnis komi.
Margur þá fróður þykist
ef hann freginn er at
og nái hann þurrfjallur þruma. ¹)

(30) Sich lustig machen
über die Hütte eines anderen Menschen
obgleich er zu Freunden kommt:
Wähnt sich sehr belesen
: sofern er nicht befragt wird
und ohne Störung sitzen kann.

¹) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

Am Meer

Ljósmynd: Wolfgang Schiffer

 

Am Meer

Hier sitzen:
Sand und Gischt und Muschelwerk
die Sonne blutet aus
der Wind schreit Möwen an
wenn sie ihm allzu dreist den Weg verstellen
es ist, als knatterts im Gefieder oder
täuscht mich das verletzte Ohr
das ich noch mit mir trage
das beleidigte Auge
das in der Weite immer noch
der Menschen Schatten sieht
obwohl die Möwen sich nun niederlassen
und aus dem Sand, in dem ich sitze
dem Muschelwerk, umspült von Gischt
der Menschen letzte Spuren picken.

Við sjóinn

Að sitja hér:
sandur og særok og skeljaskraut
sólinni blæðir út
vindurinn gargar á mávana
þegar þeir hefta för hans framhleypnir um of
það er eins og snarki í fiðrinu eða
blekkir mig sært eyrað
sem ég burðast enn með
móðgað augað
sem enn greinir í fjarska
skugga mannanna
þótt mávarnir stjist nú niður
og kroppi síðustu mannasporin
úr sandinum þar sem ég sit
skeljunum, umleiknum sædrifi.

Übersetzung: Ingibjörg Haraldsdóttir (1942 – 2016)

Sich seiner selbst bewusst sein

Ferðalangur: „Wir haben nun ausgiebig genug über diese Wesen uns erfahren, so dass sich die Frage aufdrängt, was denn nun diese Wesen an sich seien, also diese signifikant von anderen Gattungen unterscheide.“

Hugsuður: „Nun, da wäre vielleicht jenes zu nennen, was allgemein als humanes Sozialverhalten verstanden wird“.

Ferðalangur: „Wie steht es dann aber mit jener Elefantenkuh, die sich neben ihre gebärende Artgenossin postiert, um diese in ihrer Wehrlosigkeit gegen etwaige Angriffe von Raubtieren zu verteidigen, da diese selbst hierzu nicht in der Lage?“

Hugsuður: „Schon gut. Da wäre vielleicht jenes zu nennen, was allgemein als Mitleiden verstanden wird“.

Ferðalangur: „Und als was wäre dann die Reaktion jener Pflanze zu bezeichnen, an welcher sich signifikante Reaktionen feststellen ließen, als Resonanz auf die Tatsache, dass ihrer benachbarten Pflanze eine Injektion mit Gift verabreicht wurde, an dessen Wirkung diese gerade verendet?“

Hugsuður: „Zum Teufel mit der Wissenschaft. Bliebe also jenes zu nennen, was allgemein als Seele verstanden wird.“

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Ferðalangur: „Und als was wäre dann jenes zu bezeichnen, was einen Pinguin dazu veranlasst, einen nur noch in Teilen vorhandenen verwesten Artgenossen gegen einen Aasfresser zu beschützen, damit dieser ihn nicht weiterhin verspeisen könne, und sich dafür sogar dessen Attacken aussetzt, und nicht davon ablässt?“

Hugsuður: „Meinetwegen. Dann bleibt halt nur noch jenes, was allgemein als Verstand angenommen wird.“

Ferðalangur: „Du meinst jene Fähigkeit, welche die Wesen signifikant von anderen Gattungen unterscheidet?“

Hugsuður: „Ja.“

Ferðalangur: „Da hast Du recht. Die Wesen sind tatsächlich die einzige Gattung, der es ein Herzensbedürfnis ist, seine eigene Gattung über das Betätigen von ein paar Schaltknöpfen auslöschen zu dürfen.“

Hugsuður: „Nun, die Vernunft wird es sein, die sie von diesem Schritt bewahren wird.“

Ferðalangur: „Du meinst jenes, was sie diese Fähigkeit erst entwickeln ließ?“

Hugsuður: „Dann ist es halt die Anhaftung von jenem, was als Bewusstsein bezeichnet wird.“

Ferðalangur: „Ach wirklich?“

isVera með fullri meðvitund

Eine Reise nach Syrien

Das gegen innere Widerstände mitgenom­mene Mobiltelefon habe ich – was gewiss kein Zufall ist – schon im ersten Hotel vergessen. Der Verlust hat nicht sehr ge­schmerzt, habe ich doch ein recht kritisches Verhältnis zu dieser „Errungenschaft“ der mo­der­nen Kommunikationstech­nik: Ich finde, so ein Handy rundet die „emotionalen Ecken“ ab, Abschied und Wiedersehen zum Beispiel werden gar nicht mehr richtig durchlebt, durch­litten und genossen, wenn die kommunikative Nabelschnur niemals unterbrochen ist.  Und wie kann man sagen: „Ich bin dann mal weg …“, wenn ständige Erreichbarkeit besteht?

Einen Fotoapparat habe ich von Anfang an gar nicht mitgenommen: Noch nie hatte ich auf einer derartigen Reise eine Kame­ra dabei, denn ich habe früh bemerkt, dass sie dazu ver­führt, die Welt ständig als Fotomotiv zu sehen und auf „Sehenswürdigkeiten“ zu reduzieren. Mir aber kam es darauf an, das frem­de Land in seiner ganzen Buntheit und Vielfalt  bewusst und ohne Ablenkung in mich aufzu­nehmen. (die besuchten „Sehenswürdigkeiten“  sind schließ­lich auf Postkar­ten erhältlich …) Nur so ist es möglich, an jedem Ort, den ich auf­ge­sucht habe, tatsächlich gewesen zu sein. Und das Erlebte mache ich nicht durch Fotos, son­dern durch Schreiben erinnerbar.

Wer allein eine Reise in ein fremdes Land unternimmt, tritt auch eine Reise zu sich selbst an. Unmittelbar und ungefiltert treffen Bilder, Geräusche, Gerüche und Gefühle auf die eigene Seele. Auf diese Weise spiegelt die fremde Umgebung  das Ich mit seinen moralischen und kulturellen Wertvorstellungen, bisherigen Erfahrungen, seinen (Vor-)urteilen, Vorlieben und Abneigungen und eröffnet so eine neue Sicht auf die eigene Existenz und auf die umgebende Welt: Die Begegnung mit einer frem­den Welt wird zur Selbstbegegnung. Liegt doch das Eigene meist im toten Winkel der Wahr­nehmung.

Der allein Reisende ist weitgehend Herr über Zeit und Raum – welch beglückendes Erlebnis, wo unser Leben heutzutage doch bis ins Detail strukturiert ist von Uhren, Fahrplänen, Am­peln, Fußgängerüberwegen, Vereinba­run­­gen, Verabredungen, Terminen … und nur der Rei­sende selbst bestimmt die Richtung, in die er sich bewegt, die Neugier weist ihm den Weg, er kann sich treiben lassen von Lust- und Unlust­gefühlen. Und es spielt keine Rolle, ob er müde gewor­den ist, oder über die Energie für weitere Stunden des Umherwan­derns ver­fügt – kann er doch rasten, wann immer und so lange er will!

Nach eineinhalb Stunden kündigt sich die türkisch-syrische Grenze durch kilometerlange Lastwa­genkolonnen an. Das Verhältnis der beiden Länder hat sich in letzter Zeit wesentlich verbes­sert, der Handel ist nun rege und dementsprechend geht es an der Grenze mit ihren Forma­litäten zu. Unser Fahrer wuselt listig rechts und links an den Kolonnen vorbei, schimpft, und wird beschimpft,  und schon stehen wir vor dem Abfertigungsgebäude an der Grenze. Alle müssen aussteigen, zur Passkontrolle. Unser Fahrer geht durch den Bus und sammelt alle türkischen Pässe ein. Ich sage: „Ich bin Deutscher, nicht Türke“. Er zwinkert mir zu: „Jetzt bist du auch mal Türke“, nimmt meinen Pass und verschwindet im Laufschritt in der Abferti­gungshalle. Ich, etwas besorgt, hinterher. Aber schon ist er in irgendwelchen Büros ver­schwun­den mit seinen türkischen Pässen. Während die anderen ausländischen Mitreisenden die Einreiseformulare ausfüllen, kann ich mich in Ruhe umschauen. Das Gebäude ist ziem­lich neu und sehr gepflegt, es herrscht eine ruhige Atmosphäre; natürlich blickt das Konterfei des – wie ich finde – „chaplinesk“ drein schauende Präsidenten, der von nun an allgegen­wärtig sein wird in diesem Land, gleich mehrfach von der Wand. Und dann fällt mein Blick auf ein großes Schild: „Verehrte Einreisende“, heißt es da, „sollte sich einer unserer Beam­ten nicht korrekt verhalten oder in irgendeiner Weise Anlass zu Beschwerde geben, so wen­den Sie sich bitte an den zuständigen Aufsichtsbeamten oder rufen Sie die Telefonnum­mer … an.“  Da fällt mir ein, was mir bei der Einreise am Flughafen in Baltimore (USA) vor einigen Jahren als erstes auffiel: Ein Schild, das in rüdem Ton darauf verwies, dass es ein strafbewehrtes Vergehen sei,  bei der Passkontrolle eine Diskussion zu führen („to argue with an immigration officer“). Welch ein Kontrast zwischen dem Land, das angeblich ein Hort der Finsternis sein soll einerseits, und dem gelobten Land der Freien und Gleichen andererseits  …

Allepo

Am Ende der Gasse eine nun lebhafte Straße. Hier kommen viele Taxis an und vor allem auch  große Touristenbusse. Ich setze mich auf eine Mauer an der Moschee und betrachte das Treiben. Gerade quellen etwa 40 Touristen aus Deutschland aus einem der Busse; kaum setzen sie den Fuß auf die Straße, reißen die meisten von ihnen die Kamera vors Auge und „schießen“ wie wild um sich. Manche fahren mit ihrem Camcorder einen  ra­schen 360-Grad-Schwenk um die eigene Achse. Die Reiseführerin weist auf drei renovierte Holz­häuser hin (wie ich sie bereits in großer Zahl auf meiner Wanderung heute früh gesehen habe), und schon richten sich alle Kameras auf diese drei Gebäude. Es scheint aber nie­mand richtig hin zu schauen, vielmehr gilt die ganze Aufmerksamkeit  der Entdeckung weite­rer Fotomotive. Ich stelle mir vor, dass viele der hier Anwesenden möglicher Weise erst auf dem Sofa daheim, wenn sie die Fotos betrachten, zum ersten Mal all das Schöne zur Kennt­nis nehmen, das sie hier vor Ort offenbar nicht richtig in sich aufnehmen (können).  Die Rei­se­führerin erzählt dann offenbar noch vieles mehr, aber es hören nur ein halbes Dutzend wirk­lich zu, die anderen haben sich abgewendet, fotografieren, gucken sich am Straßenrand angebotene Souvenirs an, trinken aus mitgebrachten Wasserflaschen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Und reden viel. Ich frage mich, warum diese Leute überhaupt eine doch sicherlich nicht billige „Bildungsreise“ gebucht haben. Als ich der Gruppe nachschaue, wie sie sich nun, hinter dem Fähnlein der Reiseführerin versammelt, den Hügel zur Zitadelle hinauf schleppt (die Zufahrt von hier aus ist für Busse gesperrt), denke ich daran, wie gut ich’s doch habe … ich nämlich kann es mir erlauben, hier zu sitzen und zu staunen solange ich mag, um an die­sem ersten Tag erst einmal die Stadt als Ganzes mit allen Sinnen in mich auf zu nehmen; Zi­ta­delle und Moschee und all die anderen Sehenswürdigkeiten können warten, sie sind ja schon viele hundert Jahre und auch morgen noch da …

Es ist – nach vielen unguten Erfahrungen in anderen Ländern –  unglaublich, wie unbehelligt ich mich als Tourist in diesem Land bewegen kann: Keinerlei lästige oder aufdringliche „An­mache“, niemand zupft am Ärmel, niemand will einem irgendwelche „echt antike“ Schätze verhökern, einen Teppich verkaufen, die Schwester anbieten, illegal Geld wechseln oder ein­fach nur „guide“ sein! Welch ein Gegensatz zu Ländern wie Ägypten oder Marokko! Wende ich mich aber Auskunft suchend an einen Passanten, so überschlägt sich der vor lauter Hilfs­bereitschaft! Die Verständigung ist zwar in aller Regel schwierig, nur die Wenigsten können Englisch oder Französisch, im Lesen eines Lageplans sind die Syrer auch nicht gerade Welt­meister – aber sie sind herzlich und freundlich und immer sind sie bemüht, dem Fragenden eine Antwort zu geben (die sich bisweilen später als falsch heraus stellt, vermutlich, weil es in den Augen eines Syrers immer noch besser ist, eine unzutreffende Auskunft zu geben, als gar keine.) Als ich in einer überfüllten Bank Geld wechseln möchte und mich hilflos um­schaue, komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der einmal ein paar Jahre in Dortmund gearbeitet hat und noch recht gut deutsch spricht. Er nimmt sich viel Zeit für mich, lotst mich an langen Warteschlangen vorbei, redet mit dem Schalterbeamten, lässt sich nicht abwim­meln, und ich bekomme meine syrischen Pfund. Herzlich verabschiedet er sich von mir, wie von einem alten Freund. Abends, als ich am Sahat Hatab, dem kleinen Platz in der Nähe mei­nes Hotels einen „sun­downer“ genieße, kommt plötzlich dieser Mann aus der Bank vorbei, an der Hand seine zwei kleinen Töchter, etwa im Alter von 8-10 Jahren.  Eine von ihnen ist behindert. Der Mann zeigt sich ehrlich erfreut, mich wieder zu sehen. Ich bin es auch. Die beiden Mädchen geben wohlerzogen die Hand, wir wechseln ein paar Worte, dann muss er weiter, seine Frau wartet. Mit einer Umarmung verabschiedet sich der Mann, wie es üblich ist in diesem Land.  An die­se Begegnung muss ich oft denken: Wie schnell kann sich manchmal ein herzlicher Kontakt zwischen Menschen ergeben, die sich völlig fremd waren!  Und es fällt mir das Zitat aus dem „Kleinen Prinzen“ ein, „Man sieht nur gut mit dem Herzen“.

—-

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Früh werde ich geweckt – nein, nicht vom Ruf des Muez­zin, sondern vom Glockengeläut der im 19. Jahrhundert gebauten katholischen Kirche hinter dem Hotel! Tja, in Syrien ist möglich, was im Deutschland von Herrn Sarazzin undenkbar ist. Man stelle sich nur einmal vor, einen Steinwurf von Münchens Marienplatz entfernt riefe am Morgen der Muezzin zum Gebet! Beschämt muss ich mir eingestehen, dass für den größten Teil meiner deutschen Mitbürger eine solche Vorstellung wohl unerträglich ist.

Es ist wohl die „Ganzheit“ menschlichen Lebens, das Neben- und Miteinander von Produktion, Handel, Wohnen, geselliger Zerstreuung, Erholung und religiöser Hingabe. Wohnung, Werkstadt, Geschäft, Teestube, Moschee und Hamam – alles ist in Reichweite, kaum getrennt. Ein Nebeneinander auch der Generationen: Greise, die an der Türschwelle sitzen und Horden spielender Kinder in den Gassen. All das, was wir der Mo­derne geopfert haben, suchen wir nun sehnsüchtig wieder zu finden in fernen Ländern. Wohnen wir doch in „Schlafstädten“, arbeiten in Industriezonen oder Bürohäusern, kaufen in Einkaufszentren, entspannen uns im Vergnügungsviertel, erholen uns im „Wellness-Centre“, besuchen unsere Alten im Altenheim und verbannen unsere Kinder auf Spielplätze, Kirchen brauchen wir schon lange nicht mehr … Alles ist getrennt, funktional, effizient, raum-,  geld-, zeitsparend organisiert. Das menschliche Dasein, es ist in Segmente zerfallen und es wird immer schwerer, die Einzelteile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen.

An diesem letzten Abend in Aleppo sitze ich noch einmal in der Nähe meines Hotels vor dem „Café Sissi“ am Sahat Hatab-Platz, der mich mit seinem Flair ein wenig an Montmartre oder auch Alt-Schwabing erinnert. Hier wird mir bewusst, dass Aleppo auch heute noch eine Schnitt­stelle ist zwischen Tradition und Moderne, zwischen Okzident und Orient, zwischen verschiedenen Kulturen. Fast so wie ich Beirut erlebt habe vor dem Krieg von 1975. Um mich herum sitzen ganz unterschiedliche Menschen: Das syrische Paar mittleren Alters, mit dem ich mich französisch unterhalten kann, er trinkt (in aller Öffentlichkeit!) ein Bier, sie tele­foniert mit ihrem Mobiltelefon. Dann sind da zwei junge Frauen, beide tragen Kopftuch – und rauchen, sich lebhaft unterhaltend, Wasserpfeife (auch das in aller Öffentlichkeit)!  Und dann ist da eine westlich gekleidete, offenbar gut betuchte Dame, die – einen Hund (!!!) an der Lei­ne – mit einem Begleiter am Nebentisch Platz nimmt. Das ist etwas Unerhörtes, denn für ei­nen Muslim ist der Hund, neben dem Schwein, ein unreines Tier, dessen Nähe der Mensch meidet. Der Hund und seine Herrin erregen denn auch große Aufmerksamkeit, die Buben, die in der Mitte des Platzes Fußball gespielt haben, unterbrechen ihr Spiel und stehen bald belustigt tuschelnd, und gleichzeitig ungläubig staunend in einiger Entfernung um den Tisch, an dem sich Hund und Mensch niedergelassen haben. Auch die Passanten, die vorbei kom­men, werfen verstohlene Blicke auf den Hund, der es sich unter dem Stuhl seiner Herrin ge­mütlich gemacht hat. Da fällt mir das Kapitel „Ich, der Hund“ in Orhan Pamuks Roman „Rot ist mein Name“ ein, das die Existenz der Gattung Hund aus der Sicht eines Hundes in Istan­bul mit umwerfender Komik beschrieben hat. Und es fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich seit meiner Abreise aus Deutschland vor 14 Tagen nicht einen einzigen Hund zu Gesicht be­kommen habe, bis heute Abend.

Wenn ich die drei Tage, die ich nun in Aleppo verbracht habe, Revue passieren lasse, so bin ich einiger Massen verwirrt. Was ich sah, entspricht so gar nicht dem Klischee vom „bösen Islam“, vom „Ort der Finsternis“, „der Achse des Bösen“, die Syrien doch sein soll – wenn man Psy­cho­pathen  wie Ronald Reagan, George W. Bush, Herrn Sarrazin, etc. glauben will. Nun könnte man mir entgegnen: Syrien und vor allem Aleppo ist ja nicht „typisch“! Aber warum soll immer nur „typisch“ sein, was dem Vorurteil entspricht? Könnte man nicht auch argumentieren, dass Aleppo „typisch“ ist für die kulturelle und religiöse Toleranz, die eben auch anzutreffen ist in den Ländern des Nahen Ostens?

Etwa vier Monate, nachdem ich aus dem mir so liebenswert erscheinenden Land zurückgekehrt war, kamen erschreckende Bilder aus Syrien: Bilder von Panzern und Soldaten in den Städten, Frauen und Kinder auf der Flucht, blutüberströmte Demonstranten und brennende Geschäfte … Wie mag es nun den vielen netten Menschen ergehen, die ich auf meiner Reise kennen gelernt hatte? Sind sie alle noch unversehrt?

Menningararfur

Der Bürgermeister der Gemeinde trat an das Rednerpult, begrüßte die Gäste der Konferenz, und bedankte sich dafür, dass so viele der Einladung gefolgt waren. War doch die Einladung allgemein an alle Mitglieder der Gemeinde gerichtet, und nicht nur an  vorher bestimmte Personen.

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Nur die Sitzordnung war vorherbestimmt, denn jeder der großen runden Tische im Konferenzraum der Stadtverwaltung war vor Beginn der Konferenz mit einem Aufsteller versehen worden, der in englischer Sprache die Gäste darauf hinwies, welche Sprache an diesem Tisch gesprochen werde: “Philippinisch”, “Thailändisch”, “Polnisch”, “Englisch”, “Französisch”, “Deutsch”, “Isländisch”, etc. An jedem dieser Tische saß ein Muttersprachler, der – da bereits langjähriges Mitglied der Gemeinde – auch die Landessprache fließend beherrschte, damit ein jeder allen anderen gleichgestellt sei, und nicht durch Sprachbarrieren an der Teilnahme behindert.

Der Bürgermeister der Gemeinde stellte am Beginn seiner Rede zur Begrüßung der Teilnehmer seine Stadt vor. An Einwohnern zähle sie 2.560 Mitbürger, wobei zu erwähnen wäre, dass 30 % der Mitbürger nicht in diesem Land aufgewachsen seien, sondern in 29 anderen Nationen der Welt. Die Konferenz habe das Ziel, von diesen zu erfahren, mit welchen Schwierigkeiten und Hindernissen sie konfrontiert seien, und durch welche Maßnahmen die Gemeinde dem abhelfen könne. Aus diesem Grund werde jedem Teilnehmer eine umfangreiche Liste an Fragen vorgelegt, mit der Möglichkeit, dass ein jeder seine persönliche Antwort als Betroffener abgeben könne. Zu diesem Zweck sei jedem Teilnehmer ein Notizzettel-Block zur Verfügung gestellt worden, damit jeder seine Antwort in seiner Muttersprache darauf niederschreiben könne. An jedem Tisch sitze eine Person, die nicht nur dessen Muttersprache spreche, sondern auch die Landessprache. Diese Person werde die Antwort jedes Teilnehmers am Tisch zu jeder einzelnen Frage sammeln, und am Ende jede einzelne Antwort vortragen, so dass alle Teilnehmer alle Antworten erfahren. Da damit zu rechnen sei, dass die Konferenz deswegen mehrere Stunden in Anspruch nehmen werde, habe man für das leibliche Wohl vorgesorgt, und es sei ein Buffet vor dem Konferenzraum für alle Teilnehmer bereitgestellt.

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Unweit des Konferenzraums, in dem Gebäude, in welchem die Universität der Gemeinde untergebracht, befindet sich eine weitere Lehranstalt, die mit der Bezeichnung “Schule für lebenslanges Lernen” wohl am besten beschrieben. Im Rahmen deren Angebots werden didaktisch und methodisch durchdachte Sprachkurse in zweckdienlicher Form bereitgestellt, die aufeinander aufbauen, von professionellen Pädagogen durchgeführt, mit dem Ziel, die Schüler in die Lage zu versetzen, in der Landessprache kommunizieren zu können. Und so ist es keineswegs ungewöhnlich, in einem Klassenzimmer elf Schüler vorzufinden, die aus drei Kontinenten kommend, und sechs verschiedene Muttersprachen sprechend, von einem Mitschüler zum anderen gehen, mit diesem einen freien Dialog zu einer bestimmten Situation in der Landessprache führen, die Lehrerin bei den sich durchwechelnden Zweiergruppen dabei mithört, und bei Bedarf bei einem Schüler dessen praktizierte Aussprache, Wörter und Grammatik korrigiert.

Für die Schüler der Sprachkurse ist von Vorteil, dass in der Gemeinde auch das Büro der Gewerkschaft aufzufinden ist. Verhält es sich doch so, dass jeder Lohnempfänger des Landes per Gesetz automatisch Gewerkschaftsmitglied ist, daher die Unternehmen bei der Lohnabrechnung neben der Steuer auch den Gewerkschaftsbeitrag abführen, der auf 1 % des Bruttolohns festgesetzt. Was dazu führt, dass die Gewerkschaft dem Teilnehmer der Sprachkurse 75 % der Kursgebühren erstattet.

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Es ist verständlich, dass ein Außenstehender, dem Kultur bis dahin noch fremd, sich mit der Frage konfrontiert sieht, was denn das Bewirkende sei, die zu solcherart Bewirktem führe. Dabei wäre die Antwort naheliegend, und vom isländischen Staatspräsident Guðni Th. Jóhannesson bereits mit einem einzigen Satz beantwortet: “Wir können die Regierung auswechseln, aber wir können nicht die Wähler auswechseln.”

Innenansicht und Außenmeinung

Die Trolle Bókstafareikningur und Reiknirit lagen Nächtens auf ihrem Stein südlich des Drangajökull und träumen bei rotem, grünem und gelbem Tanz der Elfen.

Reiknirit: „Ein konkretes Individuum verlor sein Meditationszentrum. Dessen Meditationszentrum war ein Fabrikschlot vor dem Fenster. Es hatte sich vor dem Fenster eine Schar von Buddhisten in der Fabrik niedergelassen, Männer waren auf das Dach geklettert, und hatten dem Schornstein hölzerne Reifen umgelegt, stiegen auf diesen hinauf und warfen den Schornstein Stück um Stück in dessen Schlund. Dann feierten die Buddhisten das Richtfest ihres Meditationszentrums. Der Schornstein fehle nun dem konkreten Individuum in jenen Stunden, in welchen das Selbstvertrauen schwindet, wenn die Zweifel kommen, und die Stimmung so trüb ist wie die schmutzigblaue Abdeckplane auf dem Dach der Fabrik.“

(be)

Bókstafareikningur: „Zentren sind immer nur Zentren relativ zu Irgendetwas. Wenn ich zum Beispiel den Ausdruck im Uhrzeigersinn gebrauche, beziehe ich mich auf ein Zentrum, und ich verstehe selbstverständlich darunter jenes, was vom Standpunkt der Uhr aus gesehen deren Sinn beschreibt, und nicht den Standort jener, welche auf die Uhr blicken. Denn gesetzt den Fall, die Uhr nehme sich selbst wahr, während sie auf die Menschen blicke, sieht diese ihre Zeiger gegen den …“

Reiknirit: „ … was nur feststellbar, stellte einer sich vor, er sei diese Uhr. Was aber hat das mit dem zu tun, was ich mir erfahren hatte, und dir gerade zu erzählen begann?“

Bókstafareikningur: „Da damit bereits das Feststellbare über Innenansicht und Außenmeinung hinreichend beschrieben. Ich erinnere dich an den Satz: Fehlen Dir die Füße zum Reisen, so reise nach innen.“

Reiknirit: „Verstehe. Gesetzt den Fall, es wäre möglich, nach innen zu reisen, und nach außen zu reisen, …”

Bókstafareikningur: „… so könne dies sich nur so verhalten, als würde der Reisende dabei in einem gewöhnlichen Spiegel leben, damit er sehe, was sich da zeige, so er der spiegelnden Seite zugewandt.“

Reiknirit: „Was Sinn mache, denn blickte er auf dessen Rückseite, so sähe er ja nichts, da diese blind. Richte nun einer – auf solche Art und Weise reisend – den Blick nach innen in sich selbst, so sähe er sich selbst. Was aber nach sich zöge, dass er außen nichts mehr wahrnehmen könne, da zugleich die blinde Seite des Spiegels in Richtung nach außen gerichtet, welche ja außerstande, etwas wahrnehmen zu können.“

Bókstafareikningur: „Nehme er nun bei dem Blick nach innen etwa außen etwas wahr, wozu auch ein Gedanke bzw. eine bildhafte Vorstellung zählte, …“

Reiknirit: „… erzählte dieses Ereignis demnach, dass er tatsächlich den Spiegel gewendet habe, und damit logischerweise gar nicht mehr nach innen sähe. Nehmen wir nun an, es gelänge ihm, den Spiegel nach innen gerichtet zu halten, was sähe dann ein Außenstehender?“

Bókstafareikningur: „Aller Logik nach nur die blinde Seite des Spiegels, also – nichts. Nehmen wir nun noch an, der Reisende würde den Spiegel wenden, also nach außen richten. Verhält es sich dann nicht so, dass der Reisende sähe, was sich ihm dort darböte, so er zu Aufmerksamkeit fähig?“

Reiknirit: „Dann sähe er aber innen nichts mehr, da in Folge nun die blinde Seite des Spiegels in Richtung nach innen gerichtet, welche ja nichts wahrnehmen könne.“

Bókstafareikningur: „Was sähe aber in diesem Falle dann der Außenstehende, der in die nun dargebotene spiegelnde Seite blicke?“

Reiknirit: „Wer bereits einmal in einen Spiegel gesehen hat, kann diese Frage beantworten. Nur die Wesen glauben, sie seien mit einem Januskopf ausgestattet worden. Was sie zwar abstreiten, aber so agieren, als besäßen sie einen.“

Bókstafareikningur: „Womit auch die Uhr, und jener, der auf diese blicke, hinreichend beschrieben. Und weil dem so ist, ist eine Feststellung nachvollziehbar, dass sich Innenansicht und Außenmeinung keineswegs deckten.“

Reiknirit: „Bliebe noch der Frage nachzugehen, ob jene Innenansicht, welche über solcherart Spiegelei wahrnehmbar, mit jener Innenansicht sich decken könne oder sogar müsse, welche aus Nachdenken, also dem sogenannten Rationalisieren resultiere, welches nicht mit rationalem Begreifen identisch.“

Bókstafareikningur: „Was eine interessante Frage schon allein aus dem Grund, da auf Grundlage der Annahme, die gewonnene Innenansicht des Inhabers, und die gewonnene Ansicht eines Außenstehenden über den Inhalt des Inhabers könnten deckungsgleich sein, sich nicht nur ein neuer Berufsstand entwickelte, sondern gleich eine neue Wissenschaft: die Psychologie.“

Reiknirit: „Und so verlässt seitdem der hiervon Infizierte gelangweilt die Theatervorstellung vor der Zeit, sich der Frage widmend, ob die Tatsache, dass er im Gegensatz zu dem restlichen Publikum sich von der dargebotenen Aufführung gelangweilt fühle, nur aus dem Grund hervorgegangen sein könne, weil da noch ein unentdecktes Problem in ihm wäre, was sich ihm darüber kund tue …“

Bókstafareikningur: „… vielleicht ein verdeckt schlummernder Konflikt mit der Mutter, dem Vater, den Geschwistern, unerfüllte inzestuöse Wünsche, oder was auch immer. Und der nun endlich nach langer Zeit danach dränge, durch einen Psychologen ans Tageslicht gebracht zu werden.“

Reiknirit: „Dies erklärte, dass in den Vereinigten Staaten – so ist zu hören – gebildete Menschen neben einem Eigenheim, einem Auto, einer Mikrowelle, und einem Eisschrank auch einen Psychologen als notwendiges Accessoire für ein vollständiges Portefeuille erkannt haben.“

Bókstafareikningur: „Ergibt sich doch darüber neben dem Geltungsnutzen auch ein Grundnutzen, in Form von kurzweiligem Gesprächsstoff in angenehmer Runde unter Gleichgesinnten. Nach dem Besuch des Sofas.“

Reiknirit: „Und für den Fall, der Psychologe sollte etwas von dem Gegenstand begriffen haben, mit dem er umgeht, gibt es auch eine Lösung: man wechselt ihn aus.“

Bókstafareikningur: „Was zu dem Satz führe: Die Person? Wie soll ich sie beschreiben. Ich beschriebe sie in der Form eines Fragezeichens, mit der Gewissheit, dass vor diesem ein Satz stehe, und dem Wissen, dass dieser Satz von Niemandem gelesen werden könne, außer von derjenigen Person selbst.“

Reiknirit: „Aber deine Erklärung hat einen Haken. Denn diese ist nur eine aristotelische Spiegelei, die schon längst widerlegt ist“.

Bókstafareikningur: „So, meinst du? Hast du schon einmal einen Versuch unternommen, deine Gehirnströme auf 0,4 Hz herunterzufahren?“

Reiknirit: „Wozu sollte das gut sein?“

Bókstafareikningur: „Damit du den Satz verstehen kannst: Welcher Sehnsucht folgst du, die Wüste zu durchwandern? Wie oft bist du zu heiligen Stätten gepilgert, bist dem Rufe der Gurus gefolgt oder hast magische Steine an deiner Haut gerieben? Doch wann bist du jemals in deinen eigenen Tempel eingetreten?

Reiknirit: „Und wozu sollte das nun wieder gut sein?“

Bókstafareikningur: „Weil sich nur dort vielleicht ein Meditationszentrum auffinden ließe? Und damit du endlich Einsteins Relativitätstheorie verstehst, und diese nicht weiterhin nur ohne Sinn und Verstand auswendig herunterbetest?“

Reiknirit: „Aber was bitteschön wäre da nun relativ?“

Bókstafareikningur: „Nun, es könnte gut sein, dass du dabei aus Versehen in den Mikrokosmos eintauchst, aber im Makrokosmos landest, und den Weg zurück nicht mehr findest.“

Reiknirit: „Blühender Blödsinn.“

Bókstafareikningur: „So, meinst du? Wie verhält sich denn der Durchmesser eines Atoms zu seiner Atomhülle?“

Reiknirit: „Das Verhältnis des Durchmessers eines Atomkerns zu dem Durchmesser seiner Atomhülle, in der sich die Elektronen bewegen, welche die chemischen und physikalischen Eigenschaften des Atoms bestimmen, bewegt sich im Verhältnis von ca. 1 : 10.000 bis 1 : 100.000.”

Bókstafareikningur: „Und besäße der Atomkern den Durchmesser der Sonne, kreiste dessen äußerstes Elektron ca. 13.927.000.000 km entfernt davon. Gemessen daran klebt die Erde mit ihren 149.500.000 km geradezu an der Sonne. Betrachte einer das Verhältnis der vorkommenden Massen in einer Atomhülle mit dem eines Sonnensystems, so ließe sich feststellen, dass sich im Atomkern mehr als 99,9 % der Masse und Energie des gesamten Atoms konzentrierten, was mit dem Verhältnis der Massen in unserem Sonnensystem in etwa konform wäre, in welchem die Masse der Sonne 700fach größer sei als die Masse all ihrer Planeten.“

Reiknirit: „Nehmen wir beide also einmal an, jemand wäre in der Lage, seine Gehirnströme auf 0,4 Hz herunterzufahren, und reise dabei versehentlich in seinen eigenen Mikrokosmos, und es gelänge ihm, sich dort über einen gewissen Zeitraum aufzuhalten, er demnach nicht in der Lage wäre, sich jenseits dieses Mikrokosmos auf der Ebene der dort vorhandenen Wahrnehmungsfähigkeit zu bedienen, um deren Zweck zu erfüllen, …”

Bókstafareikningur: „… würde dies gemäß der Naturgesetze zufolge unweigerlich dazu führen, dass dessen neuronale Vorgänge ihre Funktionsfähigkeit verlören, da ihnen dadurch jegliche Voraussetzung hierfür hinreichend genug entzogen, welche diese zur Aufrechterhaltung ihrer Funktionstüchtigkeit benötigten.“

Reiknirit: „Während dem im Mikrokosmos Schwebenden …“

Bókstafareikningur: „… die fernen Atome des eigenen Körpers erschienen wie ferne Planeten, und er sich die bange Frage stellte, wie es denn nun anzustellen sei, …”

Reiknirit: „… dass er endlich diesen taumelnden Zustand in diesem leeren Weltall auch wieder verlassen könne, um endlich wieder auf seinem Sofa zu landen …“

Bókstafareikningur: „… er auf solchem Weg folglich von einem Bezugssystem zu jenem Bezugssystem zurückkehre, von welchem er seine Reise unternommen.“

Reiknirit: „Wird nicht mit dem Begriff Wirklichkeit all das beschrieben, was der Fall ist?“

Bókstafareikningur: „So ist zu hören. Und als Gegenbegriffe zur Wirklichkeit werden Schein und Phantasie gehandelt.“

Reiknirit: „Nach Needham stellt sich in der Objektwahrnehmung bei Säuglingen die Unterscheidung von Objekten auf der Grundlage von Formunterschieden erst nach ca. 4 ½ Monaten ein, die Nutzung von Farbunterschieden sogar erst nach 5 bis 9 Monaten. Die Bildung und Selektion der Synapsen erfolgt ebenfalls erst postnatal, ungefähr ab dem achten Tag nach der Geburt, um nach ca. 30 Tagen mit ca. 13.000 Synapsen pro Neuron den Kulminationspunkt zu erreichen. Erst nachdem nach 30 Tagen der Kulminationspunkt bei der Bildung von Synapsen erreicht wurde, beginnt die lange Fixation von Objekten.“

(be)

Bókstafareikningur: „Und diese Fixation von Objekten führt zu jenem Bezugs– oder Referenzpunkt, ohne dem eine Tomate …“

Reiknirit: „.. sich vielleicht nur als ein Universum darböte, aus Atomen und Atomhüllen, was alles andere als geeignet wäre, …“

Bókstafareikningur: „… um erkennen zu können, dass einer in diese auch hineinbeißen könne, um seinen Hunger zu stillen.“

Reiknirit: „“Womit vorstellendes Begreifen ausreichend beschrieben.”

Bókstafareikningur: “Wie auch das rationale Begreifen. Rökfræði führt zu Samræmi.“ 1)

Die Trolle Bókstafareikningur und Reiknirit kletterten von ihrem Stein südlich des Drangajökull, und tanzten ausgelassen einen Reigen um ihren Stein, da er sich ihnen als Stein darbot, was nur Schein und Phantasie, und nicht als eine riesige Ansammlung von Atomen und Atomhüllen, also dessen Wirklichkeit, die ja Gegenbegriff zu Schein und Phantasie:

„Lítilla sanda
lítilla sæva
lítil eru geð guma.
Því að allir menn
urðu-t jafnspakir:
Hálf er öld hvar.“
2)

 

1) Samræmi (isl.) = Harmonie, Korrespondenz (isl.) = Widerspruchsfreiheit / Konsistenz (dt., gr.)
Rökfræði (isl.) = Argument und Studie (isl.) = Logik (dt., gr.)

2) Aus „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986, Übersetzung:

 (53) “Unbedeutende Buchten
kleine Meere
bedeutungslos der Dichter Sinn.
Da alle Menschen
nicht gleich weise waren,
ist Dasein unvollständig überall.“

“Ohne die grundlegenden Dinge”

Bevor unsere weißen Brüder kamen, um zivilisierte Menschen aus uns zu machen, hatten wir keine Gefängnisse.

Aus diesem Grund hatten wir auch keine Verbrecher.

Ohne ein Gefängnis kann es keine Verbrecher geben.

Wir hatten weder Schlösser noch Schlüssel, und deshalb gab es bei uns keine Diebe.

Wenn jemand so arm war, daß er kein Pferd besaß, kein Zelt oder keine Decke, so bekam er all dies geschenkt.

Wir waren viel zu unzivilisiert, um großen Wert auf persönlichen Besitz zu legen.

Wir strebten Besitz nur an, um ihn weitergeben zu können.

Wir kannten kein Geld, und daher wurde der Wert eines Menschen nicht nach seinem Reichtum gemessen.

Wir hatten keine schriftlich niedergelegten Gesetze, keine Rechtsanwälte und keine Politiker, daher konnten wir einander nicht betrügen.

Es stand wirklich schlecht um uns, bevor die Weißen kamen, und ich kann es mir nicht erklären, wie wir ohne die grundlegenden Dinge auskommen konnten, die – wie man sagt – für eine zivilisierte Gesellschaft so notwendig sind.”

Lame Deer, Tahca Ushte, Lakota