Fünfmal wird der Mensch geboren

Die erste Geburt
: am Beginn der Schöpfung –
denn nichts ward
je hinzugefügt.

Die zweite Geburt
: Zugang zu Vollkommenheit –
denn ohne ihn
bleibt materielle Welt verschlossen.

Die dritte Geburt
: Tor zum Labyrinth dualistischer Welt –
denn nur durch Kenntnis der Teile
erschließt sich ein Ganzes.

Die vierte Geburt
: Vervollständigung unseres Selbst –
denn erst das Gemeinsame
erklärt die Teile.

Die fünfte Geburt
: öffnet den Raum aus dem wir kamen –
denn nichts kann ihm
je entnommen werden.

Das Wort „Staat“ (πολις) hat mehrere Bedeutungen

Die Trolle Stjórnvald und Húskarl verfolgten an Sylvester auf ihrem Stein liegend  mit großer Freude den Tanz der Elfen am Firmament.

Húskarl  : „Ich las davon, dass das Zusammengesetzte bis zu dem Einfachen hin getrennt werden müsse, was sozusagen  die kleinsten Teile des Ganzen sind, daher auch bei dem Staate untersucht werden müsse, woraus er bestehe und würde dann an seinen Bestandteilen besser ersehen, wie die Staaten sich voneinander unterscheiden und ob es angehe, über jede der genannten Gemeinschaften etwas wissenschaftlich festzustellen.“

Stjórnvald : „Ich sehe, auch dieses Jahr hat die Bókaflóð bei dir ihre Spuren hinterlassen.“

Húskarl  : „Ist dir auf deinen Reisen nicht aufgefallen, dass es zahlreiche Gemeinsamkeiten bei den Nationen da draußen in der Welt gebe und dies unabhängig davon, ob sich diese Demokratien, Königtümer, oder Diktaturen nennen und auch völlig unabhängig davon, ob sie von sich behaupten, sie wären atheistisch, säkular oder religiös?“

Stjórnvald :  „Hattest du nicht auch den Satz entdeckt, dass die Tyrannen schlechte Leute lieben würden, denn wenn man ihnen schmeichle, freue es sie, denn der Tyrann strebe nach dreierlei, einmal nach einer kleinmütigen Gesinnung bei seinen Untertanen, dann dass niemand dem Anderen traue, denn die Tyrannis könne ja nicht eher gestürzt werden, als bis einige einander vertrauten?“

Húskarl  : „Hatte ich  gelesen. Deshalb verfolge die Tyrannis auch die rechtlichen Leute, weil diese ihrer Herrschaft Schaden brächten. Ich las auch, dass das Gleiche und Gerechte immer nur von den Schwächeren verlangt werde, während Gewalthaber sich nicht darum kümmerten.“

Stjórnvald :  „Nun, dann hast du sicherlich auch gelesen, dass der Staat zu den zusammengesetzten Dingen gehöre und daher aus vielen Teilen bestehe. Daher wäre zunächst die Untersuchung auf die Bürger zu richten, denn der Staat ist ja eine Menge von Bürgern.“

Húskarl : „Dann dürfte die Einteilung aber nicht mehr stimmen.“

Stjórnvald :  „Welche Einteilung?“

Húskarl : „Unterschied er nicht nach Königtum, der Aristokratie, dem Freistaat und der drei Ausartungen derselben, also der Tyrannis als Ausartung des Königtums, der Oligarchie als Ausartung der Aristokratie und der Demokratie als Ausartung des Freistaates?

Stjórnvald :  „Nun, aus diesem Grund wurde auch 500 Jahre später diese Einteilung um die Ochlokratie ergänzt.“

Húskarl : „Allerdings hatte er es bereits vorausgesehen. Führte er nicht aus, dass die meisten die despotische Herrschaft für die stattliche hielten und was sie für sich selbst nicht für gut und zuträglich hielten, dessen schämten sie sich nicht gegen Andere zu üben? Bei sich zu Hause mögen sie vielleicht nach einer gerechten Herrschaft streben, Anderen gegenüber kümmere sie das Gerechte nicht. Daher hatte die Einrichtung des Scherbengerichts gegen anerkannte Überlegenheiten eine staatliche Berechtigung.“

Ljósmynd:  Forseti Íslands

Stjórnvald :  „Dann sind wir hier ja bestens aufgehoben. Der Staatspräsident steht im Supermarkt wie jeder andere vor der Kasse in der Warteschlange, fährt morgens seine Tochter mit dem Fahrrad zur Schule, kann bei einer Fußball-Europameisterschaft dankend die VIP-Lounge ablehnen, sich zur Fankurve seiner Staatsbürger  gesellen und in der Menge wie ein Fisch im Fischschwarm schwimmen.“

Húskarl : „Vergiss nicht, dass es nicht in allen Ländern die Bücherflut gibt. Ich hörte davon, dass hier die Schüler einer Schule jede Woche ein anderes Buch zu lesen haben, welches dann anschließend im Unterricht gemeinsam erörtert werde. Ein Direktor einer Schule eines anderen Landes, welcher mit dieser Schule in den Westfjorden über ein Schüleraustauschprogramm verbunden war, führte beredte Klage, dass er schon froh wäre, wenn er in seiner Schule wenigstens zwei Bücher im Jahr besprechen könne. Ist es nicht die Sprache, welche das Nützliche und Schädliche sowie das Gerechte und Ungerechte offenbare?“

Stjórnvald :  „Der Unterschied liegt wohl darin, dass hier vom Staatsvolk auch die Dichter mehr geachtet werden als Politiker oder sonstige prominente Personen.“

Húskarl : „Verhält es sich dann nicht so, dass es nicht die Menge der Bürger ist, welche die Größe eines Staates bestimme, sondern von welcher Beschaffenheit diese seien?“

Stjórnvald :  „So ist zu lesen. Zudem beurteilen in anderen Staaten die Menschen die Größe eines Staates nach der Zahl seiner Einwohner, statt auf die Kraft zu sehen,  ist doch ein großer Staat nicht dasselbe wie ein volkreicher Staat. Das Übrige wäre dann Sache der Erziehung, denn der Mensch lerne teils durch Gewöhnung, teils durch Hören.“

Húskarl : „So ist es. Daher wurde seit der Landnahme hier großer Wert darauf gelegt, dass die Sprache nicht verwässert werde durch Lehnwörter oder Worthülsen, welche vorgeben etwas zu sein, was sie bei näherer Betrachtung dessen Inhalts gar nicht sind.“

Stjórnvald :  „Was dazu führte, dass mit den Leuten hier nicht gut Kirschen essen ist. Die Bankster, welche damals den Staatsbankrott herbeiführten, waren vernünftig genug, schleunigst das Land zu verlassen und nicht mehr zurückzukehren. Erinnerst du dich noch an jene Toilette, bei der die Pissoirs mit den Konterfeis dieser Bankster ausgekleidet wurden, damit jeder  diese sofort erkennen könne, sobald sie es wagen sollten, isländisches Territorium zu betreten?“

Ljósmynd: Iceland Monitor / Golli

Húskarl : „Oder dieser ohrenbetörende rhythmische Lärm, der von Austurvöllur bis hinauf zur  Hallgrímmskirkja zu hören war und dies nur aus dem Grund heraus, weil ein Politiker vor der Wahl versprach, dass er das  Staatsvolk befragen werde, ob die Verhandlungen mit der EU eingestellt werden sollen oder nicht …“

Stjórnvald :  „… und dann das Staatsvolk nach der Wahl nicht befragte, sondern einfach die Verhandlungen eigenmächtig einstellte, mit der Begründung, dass das Ergebnis der Befragung  ja ohnehin eindeutig gewesen wäre, da die Mehrheit der Ísländer bereits vor der Wahl gegen den Beitritt zur EU  gewesen war, wie die Meinungsumfragen belegt hätten …“

Húskarl : „… was ja auch bereits vor der Wahl bekannt gewesen, so dass sich den Wählern die Frage aufdrängte, wieso er dann dennoch eine Volksbefragung vor der Wahl versprochen habe, wissend, dass er dieses Versprechen nach der Wahl nicht einhalten werde.“

Stjórnvald :  „Nun, mit den Panamapapieren hatte er den Bogen ja dann endgültig überspannt. Vermutlich ist ihm völlig entgangen, dass die Vorfahren damals das Land besiedelten, weil sie sich nicht einem König unterwerfen wollten.“

Húskarl : „Womit zwar wieder einmal bestätigt, dass jene welche sich im Übermaß von Glücksgütern befinden, weder den Willen noch das Verständnis für Gehorchen hätten, ihnen dieser Mangel bereits von Hause aus und von Kindheit ab anhänge und sich wegen des Luxus nicht einmal in der Schule sich an das Gehorchen gewöhnen mussten …”

Stjórnvald :  „ … wohingegen die weitere Aussage nicht zutraf, dass jene, welche an all diesen Gütern großen Mangel litten, zu unterwürfig werden würden.“

Húskarl : „Es ist an der Zeit : Gleðilegt nýtt ár, Stjórnvald! Wäre dies nicht ein Grund,  den Tanz der Elfen mit einem Lied zu begleiten?“

Stjórnvald :  „Gleðilegt nýtt ár, Húskarl!“

Die Trolle Stjórnvald  und Húskarl standen auf und sangen Hand in Hand den Elfen ein Lied:

(64) Ríki sitt skyli ráðsnotra hver
í hofi hafa.
Þá hann það finnur
er með fræknum kemur
að engi er einna hvatastur. 1)

1) „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986

(64) Der Befugnis
in Maßen führt durch,
wer guten Rat hütet.
Der wird einen finden
der tapferer kommt;
keiner ist allein lebendig.

Made in GERMANY

Kennari : „So spät noch des Wegs? Wozu die Eile?“

Tölvufræðingur : „Es gilt eine ganze Generation zu retten.“

Kennari: „Drunten im Dorf?“

Tölvufræðingur : „Keineswegs, da ist alles so wie es sein könnte. Nein, ein Kontinent im Süden bedarf  raschester Entwicklungshilfe.  Du weißt ja, primitive Gemeinschaften mit evolutionär bedingter Rückständigkeit und nun der Virus, die Epidemie …“

Kennari: „Darf ich dich schonend daran erinnern, dass du kein Virologe bist.“

Tölvufræðingur : “Ich will dort keineswegs den Virologen mimen, wo denkst du hin. Schuster bleib bei deinen Leisten! Zudem hätten sie dort ohnehin schon ausreichend Spezialisten.  Nein, es geht mir um die Schüler, welche – wie du weißt – die einzige Zukunft jeder Generation sind.“

 Kennari: „Sind die Lehrer alle erkrankt?

Tölvufræðingur : „Auch das nicht. Hast du schon einmal in deinem Leben in einem Büro gearbeitet? Nun stelle dir vor, du bewirbst dich um eine Anstellung in einem Betrieb. Der Personalchef teilt dir mit, dass du 16 Wochen lang in einem Büro allein eingesperrt wirst und dein Abteilungsleiter dir innerhalb dieser 16 Wochen 137 entweder sehr umfangreiche oder sehr armselig ausgearbeitete Dokumente zu 11 verschiedenen Themenbereichen zur Verfügung stellen wird, an manchen Tagen  zu 4 , 5 oder 6 Themenbereichen gleichzeitig. Du kannst den Abteilungsleiter in diesen 16 Wochen nicht anrufen, um Rückfragen zu stellen und hast die vorgegebenen Termine einzuhalten. Insgesamt wirst du einen Stapel von mehr als 500 Seiten in Empfang nehmen. Wirst du diese Anstellung annehmen?“

Kennari : „Bin ich Jesus, wächst mir Gras aus der Tasche, trag ich einen Strohhut?  Neige ich zu Verzweiflungstaten?“

Tölvufræðingur : „Und wieso ordneten dies dann ausgerechnet Pä-dagogen par orde du mufti  an?“

Kennari: „Vielleicht sind sie Querdenker?“

Tölvufræðingur : „Dieses Nomen ging den Weg alles Irdischen, ohne dass hierfür Ersatz bereitgestellt. Einst wurden unter ‘Querdenker’ kreative Menschen verstanden, welche nicht von ‘Betriebsblindheit’  betroffen. Längst Geschichte, vorbei. Nun haben dort Tölpel, Dumpfbacken und Schreihälse in großer Zahl sich dieses Begriffs eigenmächtig bemächtigt und damit diesen bis dahin zu recht positiv konnotierten Begriff ein für allemal zu Grabe gegrölt. Ich sprach von Pädagogen.“

Kennari : „Von wem ist nun die Rede? Von Lehrern, von Pädagogen?  Gibt es denn da einen Unterschied?“

Tölvufræðingur : „Warst du nie Schüler? Verhält es sich nicht so, dass du dich bei manchen deiner Lehrer auch noch nach Jahrzehnten an deren Namen erinnerst, und bei anderen deiner Lehrer dir deren Namen partout nicht mehr einfallen will?“

Kennari : „Nun, es heißt ja nicht umsonst, es habe sich einer einen Namen gemacht. Wozu sich dann  an jenen der anderen noch erinnern?“

Tölvufræðingur : „Nun, dann dürftest du auch nachvollziehen können, aus welchem Grund heraus mit dem Wort ‘Pädagoge’ ursprünglich jener Sklave bezeichnet wurde, der den Schüler nur zu seinem Lehrer begleitete.“

Kennari : „In der Tat, der Unterschied zu einem Lehrer ist mehr als signifikant. Ich fasse zusammen:  Du willst folglich dort nicht den Virologen mimen, auch nicht den Pädagogen geben, verabscheust auch diese neue Art von Spezies, welche sich selbst in einem Anfall von Größenwahn als  ‘Querdenker’ bezeichnen und dummerweise diese anmaßende Selbstzuweisung dort auch noch akzeptiert wird. Willst du dort den Lehrer mimen?“

Tölvufræðingur : „Wo denkst du hin. Ich bin zum Lehrer denkbar ungeeignet. Nimm zum Beispiel das Unterrichtsfach Geschichte. Da werden den Kindern auf Anordnung von Pädagogen die Jahreszahlen von irgendwelchen Schlachtfesten eingetrichtert, Namen von Vollpfosten, welchen Denkmäler errichtet wurden, weil sie Erbstreitigkeiten mit der buckligen Verwandtschaft in der Regel mit solchen Schlachtorgien beantworteten,  nicht zu sprechen von so genannten Entdeckern, welche nichts Besseres mit ihrer Entdeckung anzustellen wussten, als die Entdeckten auszurauben, ihnen das Land zu stehlen und sie massenweise zu versklaven oder zu ermorden. Da halte ich es lieber mit meiner damaligen Geschichtslehrerin, die uns sagte, dass aus diesem Brimborium Geschichte nie zu verstehen sei und es daher vorzog, Briefe von Betroffenen aus jener Zeit mit uns durchzuarbeiten, damit wir verstehen lernen, mit welchen Ängsten, Sorgen und Problemen die Menschen damals zu kämpfen hatten.“

Kennari : „Nun gut, also auch zum Lehrer untauglich. Was willst du dann dort? Den Kindern Geschichten erzählen?“

Tölvufræðingur : „Da weder Querdenker, Virologe, Lehrer,  noch  Pädagoge, bleiben mir nur Verzweiflungstaten. Ich bringe nur Nasenspray zu den Kindern.“

Kennari : „Nasenspray? Haben die Kinder dort Schnupfen?“

Tölvufræðingur : „Nein, wobei ich dies nicht mit Gewissheit sagen kann. Denn einerseits werden sie dort gezwungen, bei offenen Fenstern und Türen im Klassenzimmer zu frieren, andererseits dazu gezwungen, jeden Schultag über eine Fahrzeit von mitunter mehr als einer halben Stunde am Morgen in so genannten Schulbussen dicht an dicht gedrängt sich zur Schule zu begeben und am Ende des Unterrichts dieselbe Prozedur in umgekehrter Fahrrichtung durchzustehen. Nein, ich bringe nur ein Nasenspray.  Du erinnerst dich doch noch daran, dass die Fischhäute vom Kabeljau von der Fischverarbeitung nicht als Abfall behandelt wurden, sondern einem örtlichen Pharmaunternehmen übergeben, welches daraus seit Jahren schon ein Wundpflaster für schwerste Wunden herstellte und damit die Krankenhäuser der Welt belieferte.“

Kennari : „Ich weiß, während die einen einem weiß machen wollen,  sie könnten sogar aus Exkrementen Brot machen, ist es den Leuten in den Westfjorden tatsächlich gelungen, aus Abfall  Wundpflaster herzustellen und haben damit schon manchem Patienten in den Nationen der Welt das Leben gerettet. Und jetzt kümmern sie sich um die Nasen von Kindern?“

Tölvufræðingur : „Es war davon zu hören, dass sie nun ein Nasenspray entwickelt hätten, welches 99,97 % der COVID-19-Viren abtöte, indem es die Membran des Virus zerstöre. Es soll dieses Nasenspray hier dem Vernehmen nach seit Oktober in allen Apotheken geben, auch namhafte Wissenschaftler seien interessiert. Ich habe mir daher meinen Rucksack damit vollgestopft und möchte ihn den Kindern bringen.“

Kennari : „Nun, dann hätte Guðbergur Bergsson ja doch recht gehabt.“

Tölvufræðingur : „Womit?“

Kennari : „Schrieb er nicht in seinem Essay ‚Island ist ein kleines Land, weitab von anderen Völkern‘ in Bezug auf die Größe von Nationen davon, dass es wie so oft sei, dass die Winzigkeit und nicht die Größe den Menschen vor dem Abgrund rette?“

Tölvufræðingur : „Nun, vermutlich haben dort nicht alle im Band 143 von ‚die horen‘ aus dem Jahre 1986 die Übersetzung von Jürgen von Heymann gelesen.“

Kennari : „Na, dann : Góða ferð!“

Schlaflos

Lljósmynd:  © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Schlaflos

Nachts & das Hirn
voll Ungeduld auf
IRGENDWAS
den aufgedunsenen Mond
durch leere Altstadtgassen
kicken – nur das Herz
klopft Beifall / losgelöst
vom Rhythmus schriller
Tagesängste.

Die aufgeschlagenen Wunden
mit lästerlichen Phantasien kühlen
& in der Glut im Kopf nach
rohen Diamanten wühlen –

wie mit wachen Kindersinnen:
aus jedem Schatten
einen Traum gewinnen …

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

Seifenblase

(c) Zen&Senf

Die Trolle Viturmaður und Barn saßen östlich von Sveinstindur auf einem Stein, und warfen kleine Kieselsteine in den Langisjór.

Barn: „Ich muss dir erzählen, was ich heute gesehen habe, unten in Kirkjubæjarklaustur. Ein Kind vermischte in einem Glas Seife mit Wasser, nahm einen Strohhalm und pustete in die entstandene Seifenlauge.“

Viturmaður: „Es entstanden Seifenblasen.“

Barn: „Jede Seifenblase grenzte sich von der anderen durch eine dünne Haut aus Wasser ab. Es gab unterschiedlich große und kleine Seifenblasen. Auch waren alle nicht gleich rund, aber irgendwie schon ähnlich. Gelegentlich löste sich die trennende dünne Haut zwischen zwei Seifenblasen auf, und es entstand eine einzige, größere Seifenblase. Auch entstanden aus Seifenblasen wieder neue Seifenblasen.“

Viturmaður: „Kenne ich.“

Barn: „Schon nach kurzer Zeit erkannten die Seifenblasen, und die eine oder andere Seifenblase begann über wichtige Dinge nachzudenken, ihre Gedanken und Erkenntnisse anderen mitzuteilen. Das Glas füllte sich mit abertausenden Informationen, was zum Beispiel zu tun wäre, damit die aus Wasser bestehende dünne Haut einer Seifenblase schöner werden würde, wie man verhindern könnte, dass man vor der Zeit platzt, oder dass aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, oder dass aus einer Seifenblase mehrere Seifenblasen entstehen. Andere Seifenblasen zerbrachen sich den Kopf darüber, ob es gut oder schlecht sei, wenn aus zwei Seifenblasen eine Seifenblase wird, bzw. dass aus einer Seifenblase weitere Seifenblasen entstehen. Andere, ebenso vernunftbegabte Seifenblasen beschäftigten sich mit dem Problem, dass sie ihrer Ansicht nach nicht genug Platz hätten, vereinigten sich mit anderen Seifenblasen, stemmten sich mit vereinten Kräften gegen jene Seifenblasen, die ihnen den Platz streitig zu machen schienen, machte jemand nicht mit, oder sah es danach aus, als würde er nicht mitziehen, so zerdrückten sie ihn und teilten seine dünne Haut unter sich auf.

Viturmaður: „Das ist üblich.“

Barn: „Intelligente Seifenblasen kamen überein, dass man eine Grundlage benötige, um zu verstehen, was hier vor sich gehe. Sie teilten das Wahrnehmbare in Einheiten, bestimmten ein Davor und Danach, sie entwickelten Systeme und Logiken, die vergleichende Aussagen erlaubten.“

Viturmaður: „Sehr klug.“

Barn: „Manche Seifenblasen waren gelähmt vor Angst, da sie befürchteten, sie würden nicht groß werden wie die anderen, große Seifenblasen hatten wiederum Angst, sie würden kleiner werden, und versuchten, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Hier und dort war eine Seifenblase traurig über ihre Situation, manche zerstörte sich deswegen sogar selber. Andere Seifenblasen waren der Ansicht, sie kämen zu kurz, sie bekämen nicht, was ihnen zustehen würde, beklagten sich lauthals darüber, schmollten, oder strampelten sich ab, damit andere Seifenblasen diesen Zustand endlich korrigieren.“

(c) Zen&Senf

Viturmaður: „Verständlich.“

Barn: „Die intelligentesten Seifenblasen beobachteten nun das Geschehen anhand dieser Systeme und Logiken, entwickelten diese weiter, analysierten als Seifenblase die dünnen Häute der Seifenblasen, den Innenraum der Seifenblasen, leiteten Formeln und Erklärungsmuster ab, für das Innenleben der Seifenblasen, für den Raum, der die Seifenblasen enthielt, für das Geschehen, das beobachtet werden konnte, bestimmten Zeit, da sie sahen, dass es einen Beginn und ein Ende für eine Seifenblase gab, es Seifenblasen vor ihnen gab, die es nun nicht mehr gibt, und Seifenblasen aus dem Nichts entstehen, da es diese im Augenblick noch nicht gibt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach noch geben wird.“

Viturmaður: „Vernünftig.“

Barn: „Andere Seifenblasen wiederum kümmerten sich nicht mehr um all dieses, sie vertrieben sich daher die Zeit damit, sich mit anderen Seifenblasen über die Farbe von dieser oder jener Seifenblase lustig zu machen, da sie ihnen als ‚schräg‘ galt, und einer anderen Seifenblase nachzulaufen, deren Farbe als ‚geil‘ angesehen wurde.“

Viturmaður: „Nachvollziehbar.“

Barn: „Plötzlich war Stille. Und alle Seifenblasen fielen in sich zusammen. Vereinigten sich zu einer grauen, schmierigen Brühe, dicht an dicht, zu einer homogenen Masse, ohne trennende dünne Haut, ohne schillernde Farben, bewegungslos vereint, schwappten sie im Glas – als träge Seifenlauge. Dem Kind, das mit leuchtenden Augen diesem lustigen, farbenfrohen, bewegten, lebendigen Treiben zugesehen hatte, war die Puste ausgegangen.“

Viturmaður: „Habe ich auch schon mal beobachtet.“

Barn: „Nur eine winzige Seifenblase klebte noch verzweifelt am Glas, blickte – schon das nahe Ende spürend – dem Strohhalm entlang zum Mund des Kindes, das gerade dabei war, seine Lungen wieder mit Luft aufzufüllen.“

Viturmaður: „Hast du Seife, Wasser und ein Glas hier? Ich möchte spielen.“

Viturmaður und Barn pusteten in ihr Glas und summten dabei:

Heilkundig weise,
der den Lebensweg
des Menschen gut erkennt.
Weil weiser Menschen Herz
kaum zu entzücken sei,
wenn es allwissend wird.

(Hávamál, Vers 55)

isSápukúla

Bedenke das Ende

(c) Zen&Senf

Nicht unweit von Hvanngil tanzten drei Trolle, Durgur, Bófi und Barefli um einen Stein und spielten ihr Lieblingsspiel, das Spiel der Wesen.
Um den Stein tanzend, sangen Durgur, Bófi und Barefli ihren Refrain im Chor:

„Oh wie gut,
dass wir nicht sind,
stets würden wir
das Streichholz ziehn
das kürzer wär.“

Barefli: „Welche Klage führst du?“

Durgur: „Jeder kann bezeugen, ich war stets redlich. Ich bin nun in das Alter gekommen, meine materiellen Angelegenheiten abschließend zu regeln, und deswegen stehe ich hier. Dieses Wesen sagt mir, dass mir aus meinem Tod eine Schuld in Geld entsteht. Ich müsse Miete für meine tote Hülle bezahlen. Er ist ein Leichenfledderer, und ich beschuldige ihn daher des Diebstahls.“

Bófi: „Uns entstehen Kosten durch seinen Tod. Sein Körper braucht einen Platz, der Friedhof muss gepflegt werden, wir als Gemeinde verlieren wertvollsten Baugrund, er nimmt anderen auch noch den Platz weg. Ich handle nur nach Gesetz. Wenn jemand Müll auf die Mülldeponie wirft, muss er auch dafür zahlen. Er ist nur ein Sláni, weiter nichts.“

Barefli: „Wie können Sie, Durgur, wegen so einer Bagatelle uns hier die Zeit stehlen. Ich verstehe auch nicht. Der Beklagte handelt doch nur nach Recht und Gesetz. Er ist ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Sie verklagen damit nicht ihn, sondern das Gesetz. Ich muss daher die Klage abweisen, da der vorliegende Fall nicht bei der beklagten Partei liegt.“

Durgur: „Er ist Vollstrecker. Mein Tod ist ein mir zustehendes grundlegendes Recht, und hat als solches auch zu gelten. Wie kann es sein, dass aus der Tatsache, dass ich mein Naturrecht für mich in Anspruch nehme, mir daraus nicht unerhebliche Schulden erstehen.“

Barefli: „Nun, ich bin auch Vollstrecker des Worts, und ein Leibeigener des Gesetzes von Rechts wegen. Außerdem müssen Sie die Schulden ja nicht begleichen. Ihre Angehörigen werden Ihre Schuld begleichen.“

Durgur: „Durch mein Naturrecht, zu sterben, bezahle ich den gerechten Preis meiner Geburt. Die Schuld ist also getilgt. Meine Schulden an den Staat dafür, dass ich hier überleben durfte, sind auch allesamt bezahlt, wie auch alles, was ich anderen noch schuldig war. Und Sie wissen, dass meine Geldschulden, die durch meinen Tod erst durch Gesetz entstehen, nicht aber von Rechts wegen, also aus der Tatsache heraus, gestorben zu sein, solcherart Geldschulden von meinen Angehörigen abverlangt werden, in schamlosester Ausnutzung derer Pietät. Obschon nicht deren Schuld, denn erst deren Schuld durch Gesetz, und da jenen Bezahlung von Schulden Pflicht, somit auch keine Befreiung möglich, diese die Schulden begleichen, die nicht die ihren sind.“

Barefli: „So ist es. Allerdings leidet Ihre Klage an einem weiteren Mangel. Unser Recht verlangt, dass erst die beanstandete Tat begangen worden, also vollzogen sein muss, bevor man dagegen Klage erheben darf. Das ist ein unumstößlicher Rechtsgrundsatz. Das ist aber, wie Sie an sich selbst sehen, in Ihrem Fall nicht gegeben. Das heißt, es liegt auch kein Klagegegenstand vor. Ich muss daher nach Recht und Gesetz Ihre Klage abweisen.“

Durgur: „Ich kann demnach vor Ihnen Klage erst dann einreichen, wenn ich tot bin?“

Barefli: „So ist es. Laut Recht und Gesetz ist das dann aber auch nicht möglich, da dann zwar der Klagegegenstand vorläge, aber kein Kläger mehr vorhanden, und da laut Recht und Gesetz postum keiner Klage einreichen darf, würde auch diese Klage, dann mangels Kläger, abgewiesen. Ein Staatsanwalt könnte dann an Ihrer Stelle Klage erheben, aber dafür benötigte er erst einmal ein Gesetz. Sie müssen sich folglich an den Gesetzgeber wenden.“

Durgur: „Aber bis eine ausreichende Anzahl an Gesetzgebern in das Parlament gewählt wird, die davon überzeugt sind, dass Tote keine Miete für die Tatsache ihres Todes zu bezahlen haben, vergehen Jahrzehnte. Wenn man auch noch bedenkt, dass das Parlament der Gemeinde selbst die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, die der Angestellte dieses Parlaments, jener Beklagte hier, eintreibt, und wenn man bedenkt, dass Sie selbst, ehrenwerter Richter, in diesem Parlament eine Führungsrolle innehaben, und daher auch Interesse daran haben, dass das Parlament die durch einen Tod fällige Miete eines Toten einstreicht, werde ich bis dahin längst gestorben und vermodert sein.“

Barefli: „So leid mir das auch tut, da haben Sie halt Pech gehabt. Das gehört zum allgemeinen Lebensrisiko. Wir alle haben uns an Recht und Gesetz zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir davon abweichen würden. Sie können Ihre Klage ja dort Ihrem Richter vortragen.
Bitte, erheben Sie sich. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Klage wird abgewiesen … die Kosten des Verfahrens trägt der Kläger.“

Durgur: „Die Wesen sagen ‚Recht und Ordnung‘, handeln nach ‚Ordnung statt Recht‘ …“

Barefli: „… so wurde Ordnung zu Unrecht, Naturrecht …“

Bófi: „… zu Menschenrecht, Demokratie …“

Durgur, Bófi und Barefli: „ … zur Diktatur der Masse, und Leben zu Spiel mit zu kurzen Stäbchen.“

“Satt und gewaschen
reite  der Mensch zur Versammlung,
wähnt sich unbekleidet.
Schuhe und Hose
tadelt keinen Mensch,
auch nicht ein Pferd
wenngleich er kein gutes hat.”

(Hávamál, Vers 61)

isLítið á enda

Ohne Mikroskop

(c) Zen&Senf

 

 

Tvö: „Sie sagen, er schuf die Wesen nach seinem Ebenbild.“

Der Troll Eitt lehnte sich im Meer der Ruhe zurück in den Staub, betrachtete diesen blauen Planeten, über dem Horizont im All schwebend, die geschwungenen weißen Fahnen, die ihn bedecken, und sinnierte: „Man wird wohl ein geeignetes Mikroskop benötigen, wollte man nachsehen, wie sich dieses Ebenbild darstelle.“

Tvö: „Dem Absoluten ist das Relative dienlich, der Hybris das angemessene Maß.“

isÁn smásjár

Seit ich meine Hände zählte

Lljósmynd: © Kári Þór Jóhannsson, Fiskbúð Sjávarfangs

Seit ich meine Hände zählte,

die Beine, die Ohren, die Augen,
den Mund, und einsehen musste,
es werden nicht mehr,
lerne ich Sätze auswendig,
Gedichte, Romane,
denn dem Feuer, das
uns vertreiben wird, wenn
über unseren Köpfen
das Dach einstürzt,
widersteht nur das Paradies
in unseren Köpfen.

(Wolfgang Schiffer)

Síðan ég taldi á mér hendurnar

fæturna, eyrun, augun,
muninn, og skildist að
þeim fjölgar ekki lenur
læri ég setningar utanað
kvæði sögur
því gegn eldinum
sem hrekur okkur burt
þegar þakið brotnar
yfir höfði okkar
stendur aðeins aldingarðurinn
í höfði okkar.

Übersetzung:  Franz Gíslason (1935 – 2006)