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Hreystimannafélag Islands

Es ist davon zu lesen, dass nun in Europa sogar ein selbstfahrendes Auto getestet wird, welches auch über keine Pedale und kein Lenkrad mehr verfügt. Wäre es nicht an der Zeit, ein wenig daran zu erinnern, wozu einst die Gattung Mensch mit Gehirn, Hände und Beine ausgestattet wurde? Wer wäre hierzu als Beispiel nicht besser geeignet als Ragnar Ómarsson, Jón Rúnar Arason und Sveinbjörn Gröndal, die Kerntruppe der Vereins Hreystimannafélag Islands.

Unvergessen die erste Begegnung am Nordrand des Vatnajökull Anfang der 80-er Jahre. Dichter Nebel verbarg den Geröllhang vor dem Zelt, als sich drei Silhouetten aus dem Nebel schälten. Drei junge Isländer schoben ihre Fahrräder den steilen Geröllhang herab, dessen Steine so groß waren wie Wassermelonen. Sie schnatterten, lachten, waren guter Dinge. Sie grüßten kurz in meine Richtung: „Hey. Hey hey“, und verschwanden wieder im Nebel, in Richtung Ódáðahraun. Die zu Hunderten mäandernden kleinen Rinnsale des Flusses Jökulsá á Fjöllum waren nun schon den zweiten Tag in Folge ausgetrocknet, und die Trinkflasche daher den zweiten Tag leer. Es können also  nur Auswirkungen von Fieberschüben sein. Woher sollten auch sonst am Nordrand des Vatnajökull, des größten Gletscher Islands, plappernde und lachende Stimmen mehrerer Menschen kommen, am Rande der unwegsamen Ódáðahraun, des Missetäterlavafelds. Nun beginnen also die Halluzinationen, als Folge von Durst und Fieber.

Es roch nach deftigem Stew. Wie in Dreiteufelsnamen kann es möglich sein, dass an der Askja der intensive Geruch eines frisch zubereiteten Stews aus einem Zelt wehen kann? Die Offroad-Bewegung war noch nicht erfunden, und es fand sich auch sonst kein Auto weit und breit an der Askja. Die plappernden und lachenden Stimmen aus dem Zelt kamen mir bekannt vor, und die drei Räder vor dem Zelt legten den Schluss nahe, dass es sich bei den jungen Isländern um meine Halluzination handeln müsse, welche ich drei Tage vorher am Nordrand des Vatnajökull hatte. Drei gewöhnliche Fahrräder, wie man sie aus europäischen Fußgängerzonen kennt, keine Mountainbikes, keine Gangschaltung, nichts dergleichen. Drei alte, einfache Fahrräder, mitten in der Ódáðahraun. So begann die Bekanntschaft mit Ragnar, Jón Rúnar und Sveinbjörn, der Kerngruppe des Hreystimannafélag Islands.

In Island gab es die Möglichkeit, am BSI-Terminal in Reykjavik Pakete aufzugeben, welche dann von den Allradbussen den Hütten im isländischen Hochland zugestellt werden. Auf diese Art und Weise war es möglich, sich mitten in der Ódáðahraun aus frischem Gemüse und frischen Kartoffeln ein vegetarisches Irish Stew zuzubereiten, ohne die Materialien tagelang durch die Einöde schleppen zu müssen. Ich lud die Hreystimenn ein, in ein paar Tagen mit mir meinen Namenstag zu feiern, welchen ich in der Bar des Hotels Reynihlíð in Reykjahlíð am Mývatn begehen wollte.  

Um 3:00 Uhr am Nachmittag standen Ragnar, Rúnar und Sveinbjörn am Ufer des Mývatn vor dem Zelt und luden zu einer Bootsfahrt ein, da sie eine Überraschung hätten, anlässlich meines Namenstages. So gingen wir also zu einem Bootsanlegesteg, an dem ein kleines Ruderboot vertäut war. Der Wind war rauh, und die Hreystimenn mussten sich mächtig gegen die Wellen in die Riemen legen. Mein Angebot, auch einmal zu rudern, wurde mit Hinweis auf meinen Namenstag ausgeschlagen. Dann holten sie die Ruder ein, gruppierten sich um die mittlere Bank des Bootes, und luden mich ein, mich zu ihnen zu setzen. Sveinbjörn zog einen Stapel bunter Holzstäbchen aus seiner Jacke und wir spielten ausgiebig Mikado auf dem schwankenden Brett, mitten auf dem Mývatn. An Abend, in der Bar des Hotels Reynihlíð, zu jener Zeit, als in den Bars der Kaffee noch in Blechkannen ausgeschenkt wurde, welche einen halben Liter fassen konnten, und noch kein Alkohol verkauft werden durfte, war die Bar proppenvoll mit Isländern, denn auch der Tourismus steckte noch in seinen Anfängen. Es war zu jener Zeit, als Isländer, welche zufällig aufeinandertrafen, ihre Zeit damit vertrieben, isländische Lieder in mehrstimmigem Chor zu singen, und zwar in einer derartigen Qualität, welche den Regensburger Domspatzen durchaus zur Ehre gereicht hätte, und dies ohne hierfür erst proben zu müssen. So lernte ich alle bekannten isländischen Lieder kennen, an einem einzigen Abend. 

1988 wunderte sich die Kerntruppe in einer Reportage über Neuankömmlinge, welche ihre Fahrräder sogar über Kontinente transportierten, um einen Sommerurlaub inmitten der wunderschönen und unberührten isländischen Natur zu genießen, sich aber fälschlicherweise die Ringstraße als Ziel ausgesucht hatten. Sie konnten damals ja noch nicht ahnen, dass sich eines Tages Touristenströme auch über das Hochland ergießen werden.

Wer damals, Anfang der 80-er Jahre die Wanderung von Landmannalaugar nach Þórsmörk durchführte, war vier Tage lang noch mutterseelenallein. Die Betroffenheit wollte nicht nachlassen, als keine 30 Jahre später beobachtet werden musste, wie eine Karawane nach der anderen in der Blocklava verschwand, busweise auf dem Trail nach Þórsmörk, jeder mit kleinem Miniaturrucksack verziert, während ein Rüstbus mit mobiler Küche sich anschickte, über die Tracks das nötige Equipment zur nächsten Hütte zu steuern. Der Vorraum der Hütten, dazu gedacht, dass man das nasse Equipment ablegen kann, bevor man in die Stube tritt, war nun in Emstrur von bis unter die Decke gestapelten Samsonite-Koffern blockiert. So wurde möglich, dass eine Touristin nach ihrer Ankunft ihrem Koffer sogar ein Beauty Case und eine seltsame Rolle entnehmen konnte, zu einer Holzwand gegenüber stapfte und die Rolle an einen Nagel hängte, diese entrollte, welche sich als ein zusammengerollter Spiegel entpuppte.

Es gab angenehmere Begegnungen auf dem Laugavegur, zum Beispiel Anfang der 80er Jahre dieser fantastische Schweizer namens Bruno, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte, sich am Rupnabrekkukvisl über einen Blumenstrauß am anderen Ufer wunderte, zur Überquerung des Flusses seinen Rucksack mit einem langen Seil an sich band, den Rucksack vor einer Biegung des Flusses hinter einen hervorstehenden Felsblock warf, hinterher sprang und sich von der Strömung auf das gegenüber liegende Ufer treiben ließ. Es handelte sich am gegenüberliegenden Ufer tatsächlich um einen Blumenstrauß, vermutlich abgelegt für jene Japaner, welche damals mit einem Lada den Fluss durchquerten und dabei verunglückten.

In den folgenden Jahren organisierten Ragnar und Sveinbjörn einen ausgemusterten US-Army-Dodge aus den Militärbeständen in Belgien, und strichen ihn mit greller roter und gelber Farbe an. Vielleicht erinnert sich noch der Eine oder Andere an dieses auch für isländische Verhältnisse Aufsehen erregende Vehikel. Die Frage, ob man als friedvolle Menschen ausgerechnet ein Militärfahrzeug kaufen solle, wurde damals von den Mitgliedern ausführlich diskutiert. Erst als jemand das Argument vortrug, dass im Falle, alle Friedliebenden würden alle Militärfahrzeuge aufkaufen, es auch keine Kriege mehr geben könne, war die Entscheidung gefallen. Der US-Army-Dodge wurde in Belgien gekauft, und nach Island überführt.

Mynd: Magnús Skarphéðinsson

Ab dieser Zeit fuhren Ragnar und Sveinbjörn in ihrem Dodge zu ihren Aktionen. Ragnar enterte eines Tages einen Walfänger, kletterte in den Aussichtskorb, schloss sich mit eisernen Ketten an diesen, und warf den Schlüssel ins Meer. Es war sehr kalt und ein Sturm zog auf, so dass die Seeleute zu der Erkenntnis kamen, dass es zu gefährlich sein dürfte, zu dem Aussichtskorb hinaufzuklettern, um mit einem Bolzenschneider die Kette zu durchtrennen, und diesen Störenfried mit Gewalt von Bord zu schaffen. Es daher angeraten sei, solcherlei Aktionen besser auf den nächsten Tag zu verschieben. So geschah es und Ragnar biss in dem Sturm die Zähne zusammen bis zum nächsten Tag.     

Im Gefolge der Hreystimenn eröffneten sich einem immer aufs Neue Perspektiven, welche durchaus geeignet waren, Maßstäbe zu setzen. Unvergessen die Party in der Dachwohnung eines alten Hauses in Reykjavik, bei welcher zu vegetarischer Lasagne und einem riesigen Bottich Bowle, der alle verfügbaren Früchte und Alkoholika Islands enthielt, den ganzen Abend und die Nacht hindurch immer wieder die gleiche Langspielplatte aufgelegt wurde, die einzig die Rufe von Walen von sich gab, und man es auch nicht versäumte, dieselbe Langspielplatte auch immer wieder umzudrehen, um nochmals der anderen Plattenseite lauschen zu können. Bis irgendwann ein Partygast in den Raum stürmte mit dem Hinweis, dass eine Aurora borealis draußen zu sehen wäre. So kletterten alle Partygäste durch das Dachfenster der Toilette, legten sich nebeneinander auf das schräge Dach, und verfolgten auf diesem Kino den Tanz der Elfen, den jene an diesem Tag in gelben Kleidern aufführten.