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Die Saga vom Tiere-Fjord

I. Königin Hortense nimmt Kurs auf Reykjavík

Da staunten die Reykjavíker nicht schlecht: La Reine Hortense und Le Cocyte tauchten am Horizont auf und gingen in der Bucht vor Anker. Isländer der Jetztzeit denken sofort an Kreuzfahrtschiffe, zu groß um im Hafen anlegen zu können, schwimmende Hochhäuser mit tausenden von Kreuzfahrern, die nach der Ausbootung Reykjavík, aber auch kleinere Hafenstädte wie Akureyri oder Ísafjörður heimsuchen.

Kreuzer vor Island: 1856 (La Reine Hortense) und 2016 (Azura) Bild: Bernhild Vögel

Doch in der Zeit, in der diese Saga handelt, gab es noch keinen Hafen in Reykjavík. Das Städtchen zählte kaum 1.500 Einwohner und sein einziges aus Stein erbautes Gebäude war die Domkirkja.

Vor 161 Jahren, Anfang Juli des Jahres 1856, liefen nacheinander zwei große Segler, randvoll beladen mit Kohle und Proviant, in den Faxafloi ein. Ihnen folgten zwei imposante Dampfschiffe, bei denen es sich trotz der blumigen Namen La Reine Hortense und Le Cocyte um französische Kriegsschiffe handelte. Sie wurden von der bereits zuvor angekommenen l’Arthémise mit 21 Kanonenschüssen begrüßt, die am Hausberg Esja widerhallten und bei einem älteren Einwohner Reykjavíks einen Hörsturz verursachten.

Doch was sich irgendwie auf den Beinen halten konnte, hatte sich in Schale geworfen, stand am Ufer und jubelte den ankommenden Fremden zu. Diese blickten mit wachsender Ernüchterung auf das, was die Hauptstadt Islands darstellen sollte. Neben dem Anwesen des dänischen Gouverneurs gab es nur eine Handvoll ansehnlicher Gebäude, ansonsten war die Stadt eine Ansammlung ärmlicher Fischerhütten, baumlos und ohne Gärten. „C’est triste, morne, désolé!

Reykjavík 1856 (aus: Chojecki, Voyage dans les mers du nord) und 2014

Das notierte Edmund Chojecki, ein in Frankreich lebender polnischer Journalist und Schriftsteller. Er hatte für sozialistische Zeitungen geschrieben, war aus Frankreich ausgewiesen worden, hatte am Krimkrieg teilgenommen, war aber nun Sekretär des Expeditionsleiters an Bord der Korvette La Reine Hortense und verfasste wissenschaftliche Notizen über die Expedition, die ein Jahr später unter dem Pseudonym Charles Edmond veröffentlicht wurden.

Ein Boot näherte sich der Korvette, und an Bord kletterten die städtischen Honoratioren, ‒ Gouverneur, Bürgermeister und Geistlicher ‒ um dem Expeditionsleiter ihre Aufwartung zu machen. Denn dieser war keine Geringerer als Prinz Napoléon, der Sohn von Jérôme Bonaparte, dem ehemaligen König von Westphalen. Der amtierende Kaiser Napoleon III. hatte seinen Cousin auf Eismeerexpedition geschickt, oder besser gesagt: abgeschoben, denn im gerade zu Ende gegangenen Krimkrieg hatte sich Prinz „Plon-Plon‟ nicht gerade als Vorbild für die Truppe erwiesen.

Doch das war den Reykjavíkern egal: Sie fühlten sich durch den Besuch hoch geehrt, zumal der Prinz sich alsbald an Land setzen ließ, um das offizielle Besichtigungsprogramm ‒ Dómkirkja, Kirchgarten, Lateinschule, Druckerei, Bankettsaal, Apotheke und gar ein Handelshaus ‒ zu absolvieren. Anschließend zog er sich mit Gouverneur Trampe zu nicht öffentlichen Gesprächen an den Elliðavatn zurück. Abends schmiss Trampe im Garten seiner Residenz ein Bankett vom Allerfeinsten. Die Sprache, in der sich die gebildeten Bürger Reykjavíks (und deren gab es  trotz der schlichten Behausungen doch verhältnismäßig viele) fließend mit ihren weltgewandten Gästen unterhalten konnten, war ‒ Latein.

Die Passagiere werden ersucht, nicht in die Fenster zu glotzen. Illustration von Pétur Guðmundsson (Quelle: www.bb.is)

Unermüdlich trieb der Sekretär des Prinzen unterdessen Studien über Land und Leute, glotzte in jedes Fenster wie heutzutage die Kreuzfahrer, ja, scheute sich nicht, die elendste Fischerhütte zu betreten, um sie wortreich beschreiben zu können. Damals gab es noch keine Benimm-Broschüren für Schiffsreisende, in denen sie in charmanten Comics darauf hingewiesen werden, die Intimsphäre der Eingeborenen zu achten. Im 19. Jahrhundert herrschte noch eine ungezwungene Zoo-Atmosphäre sowohl bei den Studienreisenden wie bei ihren Studienobjekten.

Und nahtlos geht es jetzt unter dem Stichwort Dýrafjörður ‒ Fjord der Tiere ‒ weiter, denn der Besuch des Prinzen beim trägen Geysir wird elegant mit Link übersprungen.

II. Abstecher in den Dýrafjörður

Sie werden sich sicherlich schon gefragt haben, liebe Leser, was denn die wahren Gründe waren, die den Prinzen nach Island getrieben hatten, denn Sie wissen, dass solche Staatsbesuche immer ein handfestes Ziel verfolgten ‒ Handel, Einflusssphären, Heiratsprojekte ‒ und verfolgen.

Der Prinz nahm Abschied von den begeisterten Reykjavíkern mit einer vielzitierten Rede: Er sagte, die Dänen seien immer Freude Frankreichs gewesen … und die Franzosen erinnerten sich noch, wie die Dänen sich bemüht hätten, 1813 loyal zu sein.‟

Die Dänen hatten ihre strikte Neutralität wegen der zweifachen Angriffe der Briten auf Kopenhagen nicht durchhalten können, und sich auf die Seite Napoleons geschlagen, was ihnen 1813 den Staatsbankrott und ein Jahr später den Verlust Norwegens einbrachte. Nun aber, im Zuge des Krimkrieges hatten sich Frankreich und Großbritannien wieder zusammengetan, was die Dänen sicherlich mit einiger Besorgnis erfüllte. Was lag näher, als etwas Schönwetter in den dänischen Kolonien zu machen?

Nicht ohne den Isländern zu versichern, er wünsche ihnen bestes Wohlergehen, dampfte der Prinz weiter zu den nächsten Forschungsobjekten, der unbewohnten Insel Jan Mayen und Grönland. Doch plötzlich drehte die La Reine Hortense ab, nahm Kurs auf die isländischen Westfjorde und ankerte im abgelegenen Dýrafjörður. Begehrliche Blicke richteten sich dort auf das Haukadalur (nicht zu verwechseln mit jenem Haukadalur, das den Geysir und andere Springquellen beherbergt). Nein, an diesem Haukadal im Dýrafjörður hatte schon der Norweger und spätere Saga-Held Gísli Sursson Gefallen gefunden und sich dort niedergelassen. Selbstverständlich beabsichtigte Prinz Napoléon nicht, von Frankreich nach Island zu emigrieren, jedoch hatte auch er ein Siedlungsprojekt in der Tasche. Und manchem Isländer ging angesichts dieses Überraschungsbesuches ein Lichtlein auf.

Die Dänen hatten den Isländern 1787 Handelsfreiheit gewährt, allerdings standen dem kleinen, von Hunger und Umweltkatastrophen geplagten Völkchen nicht viele Mittel zur Verfügung, diese Freiheit zu nutzen. In offenen Booten gingen sie dem Fischfang in den Fjorden und im Küstenbereich nach, während ausländische Fischfangflotten etwas weiter draußen die dicksten Fische an Bord zogen ‒ eine Situation also, wie sie in vielen Regionen dieser Erde weiterhin Praxis ist. Einfahrt in die Fjorde und Landung war den ausländischen Schiffen nur in Notfällen erlaubt, allerdings fehlten Mittel und Personal, dies zu kontrollieren, und sowohl Dänemark wie die wenigen dänischen Verwaltungsbeamten in Island hatten wenig Interesse, hier einzugreifen.

Frankreich schickte Fischer aus der bettelarmen Bretagne ins Eismeer; sie kamen meist auf kleinen Zweimastschonern. Ab und an kam ein Schiff der französischen Marine vorbei:

Der Kreuzer hatte jetzt gestoppt und war aus weitem Umkreis von der Plejade der Isländer umgeben. Von jedem ihrer Schiffe ward eine Nußschale von Boot herabgelassen, die langbärtige Männer in ziemlich wildem Aufzug an Bord brachten. Fast wie Kinder hatten sie alle um etwas zu bitten: um Verbandzeug für kleine Wunden, Flickzeug, Nahrungsmittel, Briefe.(aus Pierre Loti: Die Islandfischer, verfasst 1886)

Als Isländer bezeichnen sich in der Erzählung des Marineoffiziers und Schriftsteller Pierre Loti die bretonischen Fischer selbst. Und in der Tat war ihre Situation kaum besser. Sie waren der offenen See schutzlos ausgeliefert, während die isländischen Fischer in ihren Nussschalen bei Sturm nur allzu oft kenterten, bevor sie den Heimathafen erreichten.

Die bretonischen Fischer müssen große Augen gemacht haben,als sie La Reine Hortense in den Dýrafjörður einlaufen sahen. Prinz Napoléons ging in der kleinen Handelsniederlassung Þingeyri an Land. Der Prinz trat auch hier sehr liebenswürdig auf, verteilte verschiedene Geschenke und stach dann in See‟, berichteten die Zeitungen.

Nun war auch dem letzten Isländer klar, was der Prinz bezweckte, denn bereits im Jahre zuvor hatte der Kapitän des Kreuzers La Bayonnaise, der die französischen Fischerboote beaufsichtigte, das Alþingi, das isländische Parlament, im Auftrag verschiedener Kaufleute aus Dunkerque um Erlaubnis ersucht, eine Art Kolonie im Dýrafjörður zu errichten, um die Fänge gleich vor Ort verarbeiten zu können. Schuppen, Trockenplätze für den Kabeljau und Unterkünfte für die Arbeiter sollten dafür errichtet werden. Anfänglich war von 400-500 Männern die Rede, dann aber von einer vergrößerten Fischfangflotte (800-900 Schiffe mit 10.000 Mann Besatzung) und 1000 Arbeitern an Land es war der Plan, so empfanden es viele Isländer, den Dýrafjörður zur französischen Kolonie zu machen.

Und ein wenig erinnert der großzügige Auftritt des Prinzen an das Vorgehen gewisser Multikonzerne, die kommunalen Behörden ihre nicht gerade umweltfreundlichen Produktionsstätten für Aluminium, Silizium & Co. schmackhaft machten. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Isländer noch auf der Hut. Sie hatten zwar erreicht, dass ihr Alþingi wieder tagen konnte, doch ihre Unabhängigkeitsbestrebungen waren erst einmal gescheitert und Island blieb weiterhin dänische Kolonie. Und jetzt wollte Frankreich auch noch ein Stück des Landes kolonisieren das war zu viel. Bewohner und regionale Behörden im Bezirk Ísafjörður lehnten das Projekt in Bausch und Bogen ab, und in Þingeyri stellte man eine beachtliche Liste von Bedingungen auf, die u.a. Zölle, Gebühren für die Verarbeitung, Landnutzung und Rechtsstellung der französischen Arbeiter betrafen, auf die die Franzosen aber wohl niemals eingegangen wären. (Der Handelsplatz Þingeyri zahlte nach dem Zensus von 1855 gerade mal 14 Einwohner, von denen die Hälfte Kinder waren, während im Haukadalur auf drei Höfen immerhin 47 Menschen lebten.)

Während die Behörden in Dänemark keineswegs abgeneigt waren, den Franzosen die Lizenz zu erteilen, sammelte ein Ausschuss des Alþingi in jahrelanger Arbeit weitere Argumente, die gegen das Kolonialprojekt sprachen: Die Isländer würden gerade die ersten gedeckten Boote für den Kabeljau- und den Haifang einsetzen, konkurrenzfähig seien sie aber noch lange nicht. Auch befände sich das vorgesehene Land bei Þingeyri im Kirchenbesitz und es sei gänzlich ungewiss, auf welche Weise das Land verpachtet oder verkauft werden könne. So erfolgte schließlich der Ablehnungsbeschluss durch das Alþingi, den der dänische König zu Beginn der Fangsaison 1859 mit Brief und Siegel bestätigte.

Blick ins Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die französischen Fischer aber kamen bis ins frühe 20 Jahrhundert in die fischreichen Gewässer vor den isländischen Westfjorden. Nicht wenige Schoner kenterten, nicht wenige Männer verloren bei der harten und gefahrvollen Arbeit ihr Leben. Gegen eine Art Hafengebühr konnten die französischen Fischer schließlich doch in der Bucht Haukadalsbót ankern und mit den Einheimischen Waren tauschen ‒ sogar eine Mischsprache, das Haukadalsfranska, entstand. Die Toten durften an Land bestattet werden ‒ ein kleiner, sorgfältig restaurierter Friedhof am Rande des Haukadalurs zeugt noch heute davon. Ein Friedhof, wie ihn Pierre Loti beschrieb:

In einem Fjord an der Küste gibt’s aber auch einen kleinen Gottesacker, fuhr er fort. Dort begraben wir die Leute, die während des Fischfangs an Bord sterben. Es ist geweihte Erde, so gut wie hier bei uns, und man setzt den Toten ein Holzkreuz mit dem Namen auf ihr Grab. …

Der Friedhof der französischen Fischer im Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die Holzkreuze verwitterten, Namen und Zahlen der Toten haben sich verloren.

Aux sombres héros de l’amer
Qui ont su traverser les océans du vide,
A la mémoire de nos frères
Dont les sanglots si longs faisaient couler l’acide

|: Always lost in the sea

Tout part toujours dans les flots
Au fond des nuits sereines
Ne vois-tu rien venir ?
Les naufragés et leurs peines
Qui jetaient l’encre ici
Et arrêtaient d’écrire …

|: Always lost in the sea

Ami, qu’on crève d’une absence
Ou qu’on crève un abcès
C’est le poison qui coule.
Certains nageaient
Sous les lignes de flottaison intime
A l’intérieur des foules.

|: Always lost in the sea

 

Aux sombres héros de l’amer, Komposition von Noir Désir, einer französischen Rockband, 1989.

Viðeyjarklaustur, 17ter November anno 1534

Heilige Geschwister!

Der Grund, weswegen ich Euch diesen Brief schreibe, ist: Ich habe in sechs Nächten äußerst merkwürdige Träume geträumt. Diese Träume haben mich sehr verfolgt und sie waren ebenso klar wie realistisch. Allen diesen Träumen ist eigen, dass sie Seine Heiligkeit den Papst betreffen, jedoch niemals denselben. Ihr Benehmen war auch nicht gerade dem päpstlichen Stuhl angemessen. Ich fordere Euch daher auf, diesen Brief niemandem zu zeigen, denn das könnte als Gotteslästerung ausgelegt werden. Da Ihr in Florenz die göttlichen Wissenschaften erlernt, möchte ich Euch diese Träume offenbaren und fragen, ob sie begründet sind. Ich bin ein wahrträumender Mann. Hier also meine Traumabläufe:

(C) Ragnar Ómarsson

Erster Traum

Mir war, als schwebte ich in eine so prächtige Kapelle, wie ich noch keine andere gesehen hatte. Neben mir ging ein prunkvoll gekleideter Mann, der einem Prinzen glich. Ich selbst war außerordentlich schön in Purpur und Pelz gekleidet, so als habe ich mein Leben lang nichts anderes getragen. Ich wusste, dass der Mann, der mich begleitete, mein Bruder war. In einiger Entfernung sah ich einen Mann und kannte ihn auch. Es war Seine Heiligkeit, Papst St. Sixtus IV. Mir schien, er zahle einigen Leuten Geld und zwar eine ordentliche Summe. Über ihm stand eine Skulptur, die Judas darstellte, wie er im Garten Getsemani Christus küsste. Die Männer, die das Geld genommen hatten, wurden unser gewahr und kamen auf uns zu. Sie alle trugen Waffen und aufgenähte Zeichen an ihrer Brustkleidung. Ich erkannte das Zeichen der Familie Pazzi aus Florenz. Plötzlich schien die Segnung im Gange zu sein und Seine Heiligkeit der Papst diente vor dem Altar. Die Männer griffen uns nun an, aber der Papst legte seinen Segen über sie. Es gelang mir, mich zu verteidigen und mich hinter den Altar zurückzuziehen, aber mein Bruder war vor den Füßen Seiner Heiligkeit erschlagen worden, so dass das Blut über dessen Füße lief. In meiner Wut verfluchte ich die Familie Pazzi, aber da drehte sich Seine Heiligkeit der Papst zu mir um und rief böse: „Lorenzo de‘ Medici, du bist exkommuniziert wegen Gotteslästerung im Hause des Herrn.“

Und da erwachte ich.

Zweiter Traum

Mir war, als wäre ich ein Apfel im Maul eines gebratenen Schweines, das auf einem langen Tisch in einem großen protzigen Saale stand. In der Mitte der Tafel saß Seine Heiligkeit, Papst Innozenz VIII., und zu seiner rechten Hand der Herr Kardinal Borgia, Kanzler über die Kurie. Es schien mir, als schöpfe dieser Gold und Silber aus einer perlenbesetzten Schale, aber dann schien es mir Kot und Galle zu sein. Dies goss er über Seine Heiligkeit, und zwar dergestalt, dass wenn Seine Heiligkeit zu ihm hinblickte, es Gold und Silber war, aber wenn der Papst wegsah, es Kot und Galle war. Zur Linken Seiner Heiligkeit saß ein junger Mann und das war Franceschetto, sein illegitimer Sohn. Der war sehr dick und aß ständig von der überquellenden Tafel, wobei er junge Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen, verführte. Ab und zu wandte er sich zu seinem Vater, der ihn segnete, aber der Sohn kotzte ihm in den Schoß. Währenddessen schienen sie in ein ausführliches Gespräch vertieft. Anfangs erkannte ich nicht, was da ablief, doch plötzlich konnte ich hören und just da wandte Seine Heiligkeit, der Papst, sich zum Herrn Borgia und sprach: „Die Hochzeit unseres Sohnes war dem Heiligen Stuhl teuer erkauft, so dass nun alle Kassen leer sind. Weißt du, mein lieber Borgia, denn nicht einen Rat, der unseren Kassen zur Rettung gereichten könnte?“ Da sprach Borgia: „Ich habe die Angelegenheit untersucht und will sie Eurer Hoheit vorlegen, auf dass die Kardinalsämter im Vatikan vermehrt und dem Meistbietenden käuflich seien. Außerdem sollen Tötungen von Sündern in Eurem Reich gestrichen und stattdessen schwere Geldstrafen genommen werden, denn unser Herr lechzt nicht nach dem Tod des Sünders, sondern vielmehr, dass dieser für Sünd und Leben löhne.“ Da sprach Seine Heiligkeit: „Dank Gottes Milde und Gnade steht Ihr in meinen Diensten“, und gab ihm seinen Segen. Aber im selben Augenblick reckte sein Sohn sich zu mir hin und das Letzte, an das ich mich erinnere, war sein grässlicher Schlund, nachdem er mich in einem Stück verschlungen hatte.

Und da erwachte ich.

Dritter Traum

Mir war, als befände ich mich auf dem Platz gegenüber der St. Peter-Kirche und da waren viele Leute. Anscheinend herrschte großer Jubel unter den Menschen. Ich ging zu einem Mann, der so viel aus einem Kelch schlürfte, dass es an seine Kutte herabfloss. Ich fragte ihn, was Gegenstand des Festes sei. Er antwortete: „Nun ist eine Woche vergangen, seit Herr Borgia zum Papst gewählt wurde und er den Namen Alexander VI. angenommen hat. In dieser Woche hat er den Einwohnern von Rom viele Feste ausgerichtet und nirgendwo ist gespart worden und es mangelte nie an Essen und Wein. Heute ist der letzte Festtag und Seine Heiligkeit hat eine sensationelle Show versprochen, die flixibub haxeme jodlibomm werden wird.“ Da begann die Menge zu brüllen und zu schreien und ich hörte nicht mehr, was der Mann sagte. Ich sah, wie Seine Heiligkeit mitten auf dem Platz stand, prunkvoll bekleidet, mit einer roten Stola über der Schulter. Gefolgsleute waren bei ihm und einige trugen Schwerter, aber andere Lanzen, und sie ritten auf großen weißen Pferden. Nun wurde ein Stier in Stricken herbeigeführt, ein massiger und bösartiger. Die Knappen Seiner Heiligkeit schlugen einen Schutzwall aus Schilden um ihn, aber der Stier wurde losgebunden. Er suchte die ganze Menschenmenge rundherum auf dem Platz ab und fällte sie. Die Ritter verfolgten ihn und versuchten ihn in den Griff zu bekommen. Manchmal sah es so aus, als schafften sie es, aber an anderen Stellen wurden sie getroffen. Es gab viele Todesopfer. Das ging so eine Weile, aber dann begann der Stier außer Atem zu geraten. So geschah es, dass der Stier sich verwundet niederlegte und Seine Heiligkeit mit einem Schwert in der Hand aus der Schilderburg hervortrat und dem Stier den Kopf abschlug.

Und da erwachte ich.

Vierter Traum

(C) Ragnar Ómarsson

Es schien mir, ich stünde in einem großen dunklen Saal, in dem sich 18 Türen befanden. Unter dem Arm trug ich einen Korb, in dem zwei Goldäpfel lagen. Ich war gekleidet wie ein Kardinal, in rotem Seidentalar und mit rotem Hut auf dem Kopf. Ich ging zu einer Tür, öffnete sie und schritt einen langen breiten Gang entlang. Der Gang war erleuchtet von glitzernden Sternen und an den Wänden waren Abbildungen des Garten Edens. Am Ende des Ganges kam ich zu einem großen goldenen Tor, das im Schein der Sterne funkelte. Das Tor öffnete sich und ich trat ein.  Mir war, als stiege ich ins Himmelreich empor. Vor mir stand ein riesengroßer Baldachin, behangen mit weißem Seidentuch. Ich kam näher und sah da einen Mann mit hässlichen Gesichtszügen von Wölkchen umhüllt im Federbett liegen. Das war Seine Heiligkeit, der Papst Alexander VI. Ich verbeugte mich vor ihm und küsste seinen Ring und gab ihm die zwei Goldäpfel. Er nahm sie entgegen und riss sie an sich und grinste abscheulich. Ich fragte: „Eure hochehrwürdige Eminenz, warum habt Ihr so große Augen und woher habt Ihr solche behaarten Hände und Klauen? Und wie bekamt Ihr so große Ohren und solch ein grässliches Wolfsgesicht?“ – „Das kann ich Euch gutem Rotkäppchen sagen, das zählt nicht als Laster unter uns Päpsten, daher haben wir Gottes Wohlwollen und Segen“, sagte der Papst und lachte abscheulich. Da sagte ich: „Lasst uns fliehen, wir sind in Wolfshänden.“

Und da erwachte ich.

Fünfter, sechster und letzter Traum

Ich meinte mich in einem Lustgarten in Bologna zu befinden. In diesem Traum hatte ich keinen Körper, aber doch Sehvermögen und Gehör. Zwei Nächte träumte ich diesen Traum. Vor mir stand die riesengroße Bronzestatue eines Mannes im Seidenkittel mit Kreuzzeichen auf der Brust, der hielt ein Königszeichen in der linken Hand, aber ein Schwert in der Rechten. Auf dem Sockel stand eingraviert: „Papst Julius II. – Stifter und Schutzpatron des Kirchenstaates“. Plötzlich erhob die Statue ihre Stimme und sprach:

Ihr geweihten Soldaten.
Dem Schwert Gottes Geweihte.
Tag der Bestrafungen,
strafende Hände Gottes reiten zum Schlag.
Schärft die Schneiden und
zögert nicht.
Franzosenkopf fliegt weg.
Franzosenkopf fliegt weg.
Ich will das.
Bad im Franzosenblut.
Fuori i barbari!
Fuori i barbari!

Eine Weile lang herrschte Stille, die unterbrochen wurde von Bodenerschütterungen. Vor dem Fuß der Statue erhob sich aus der Erde eine zweite Statue aus Marmor. Das war Laokoon, befreit aus der Gefangenschaft der Schlangen, und er rief:

Entweder
verstecken sich Griechen in diesem Pferd
oder es ist Kriegslist,
Spionage und Erfindung.
Um unsere Stadt zu zerstören.
Heimtücke ist in ihm verborgen.
Traut diesen Trojanern nicht.
Glaubt diesem Pferd nicht,
was immer es auch sei.
Ich fürchte Griechen,
die Geschenke bringen.“

Sah ich da, wie zwei spuckende Schlangen aus der Erde flitzten, auf Laokoon zustürzten, sich um ihn schlangen und ihn unter die Erde zogen. Viel Knallen und Gedröhn war da im Gange, so dass die Statue von Julius vom Sockel fiel. Die Luft füllte sich mit Pulverrauch, und durch den Qualm hindurch bemerkte ich eine große Schar französischer Soldaten, die in den Garten eindrangen. Sie machten ein großes Feuer, nahmen die Statue und schmolzen sie. Sie gossen aus der Bronze Kanonen und Wurfgeschosse und feuerten sie auf die Stadt ab.

Und da erwachte ich.

(C) Ragnar Ómarsson

 

 

Übersetzung: Bernhild Vögel

isViðeyjarklaustur 17ándi Novimbris anno 1534

Mein Name sei Selfisch

Sich in einer vorgefertigten Umgebung zurechtzufinden ist doch so viel leichter als in einer, die auf eigenes Risiko erkundet werden muss. Dann hätte Selfisch sich ja auch einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. In einer Welt aber, die meist nichts als graue Alltäglichkeit ausstrahlt, und sich nur wenige Wochen im Jahr zur bunten Urlaubskulisse mausert, soll doch bitte nichts dem Zufall überlassen bleiben. Bei allen Selfischen werden daher Kreuzfahrten immer beliebter, denn sie garantieren eine nahezu märchenhafte Vollversorgung. Nach den meist vororganisierten Landgängen kehrt der Kreuzfahrer zufrieden auf sein schwimmendes Hochhaus zurück, das über alles verfügt, wofür der Reisende, wäre er zuhause geblieben, einige Wegstrecken zurücklegen müsste: Restaurants, Shoppingmall, Schwimmbad, Fitnesscenter, Friseur etc. Und kostenlos dazu das wohlige Titanic-Kribbeln.

(Bild: Bernhild Vögel)

Früher waren es überwiegend Rentner, die sich nach einem langen Arbeitsleben den Luxus der Rundumversorgung gönnen wollten, heute werden die Kreuzfahrer immer jünger – ganz sicher auch eine Folge der Verdichtung des Arbeitslebens. In den meisten Betrieben regiert Angst und gäbe es ein Thermometer für Betriebsklima, es würde anzeigen, dass die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken ist – das ist zwar bedauerlich, aber zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unbedingt notwendig und daher begrüßenswert.

In diesem kühlen Klima des Neoliberalismus benötigen Selfische Nestwärme und keine so genannte Freiheit, eine Freiheit, die zum selbständigen Denken und Handeln antreiben und damit nur weitere Verunsicherung schaffen würde. Was Selfische brauchen, sind Selbstverkündungsapparate und smarte Sichvergewisserungsmaschinen.

Und da werden wir sogleich als narzisstisch und als Generation Selfie beschimpft. Doch halt! War das früher, im vorigen Jahrhundert, anders? Haben etwa die heutigen Seniorinnen vor 60, 70 Jahren nicht stundenlang vor dem Spiegel gestanden? Haben sich die Opas nicht ehemals aufwendig um ihre Schmalzlocken á la Elvis gekümmert und ein wenig später kollektiv ihre langen Protestmähnen geschüttelt? Ein ordentliches Quäntchen Narzissmus und Orientierung an Vorbildern, um das Erwachsenwerden hinauszuzögern – das ist das Privileg der Jugend – ein keineswegs unproblematisches, sagen Kritikaster, denn gerade Jugendliche könnten, wie Geschichte und Gegenwart zeige, aufs schändlichste manipuliert werden. Da mag was dran sein, doch deswegen wachsen uns bestimmt keine grauen Haare! Und wenn, dann färben wir sie einfach und setzen rosarote Brillen auf.

Die Zeit der Jugend wird immer länger und länger, das ist eine tolle historische Entwicklung. Dennoch fordern neidzerfressene Zeitgenossen, Jugend solle irgendwann ein Ende haben und in eine gewisse Eigenständigkeit münden. Dies beinhalte, den Drang nach Selbstdarstellung zu drosseln und die Welt nicht nur als Kulisse oder Fototapete zu betrachten. Papperlapapp!

Ich gebe ja zu: Auch ich musste lachen, als ich das erste Mal jemanden (und es war fürwahr kein Jugendlicher) mit einem Selfie-Stick hantieren sah. Dies Gestänge erinnerte mich irgendwie an die Kopfschirme, die, einst als Regenschutz angepriesen, allenfalls einen Nischenplatz in der Faschings- und Partyecke gefunden haben, also dort, wo Peinlichkeiten geradezu erwünscht sind. Kaum jemand, dachte ich, wird diese Selfie-Stangen kaufen. Tja, falsch gedacht. Und ich, auch damals schon tief im Herzen ein eingefleischter Selfisch, gab mich bald willig dem Selfie-Tick hin.

Dass sich Mensch gerne fotografieren und abbilden lässt, ist nichts Neues, und das Herumzeigen von Fotoalben hat es auch schon vor Facebook gegeben. Doch was wurden im letzten Jahrtausend für Fotos geschossen? Schaut Euch dies mickrige Schwarz-Weiß (links) an, das eine unbekannte deutsche Kreuzfahrerin gegen Ende der Amtszeit von Queen Mary schoss: Da stehen zwei deutsche Winzlinge vor dem übermächtigen Round Tower des Windsor Castle. Wer sind die denn? Auch eine Lupe half dem Betrachter nicht weiter! Es geht auch anders – und besonders einfach seit der Erfindung des Sefie-Sticks (rechts): die Herunterdimensionierung der Kolosse, Kolosseen und Naturschauspiele. Damit immer das Ego im Mittelpunkt steht.

(Bild: Bernhild Vögel)

Unter dem Pflaster liegt der Sand, skandierten Anarchos in den 1970ern, so ein Quatsch, denn unter dem Pflaster verlaufen Rohre und Tunnelsysteme und im Pflaster eingelassen sind runde Gullys oder beschriftete Platten. Über Gedenksteine stolpern Selfische unbekümmert; Informationen treten sie mit Füßen; steinerne Einlassungen mit düsteren Botschaften übertreten sie leichtfüßig. Selfische konjugieren nur: Ich lebe, ich lebe, ich lebe.

Platten aber mit der Aufschrift Selfie-Point, wie auf dem Burgplatz in Braunschweig, betreten wir hocherfreut. Denn dieses so nützliche, aber dennoch viel bespottete Kopfstein-Marketing erspart dem Selfisch viel Zeit bei der Suche nach dem perfekten Klick.

(Bild: Bernhild Vögel)

Wie aber ist eigentlich der Hintergrund beschaffen, vor dem ich als Selfisch einen vorgefertigten Standpunkt einnehme? Am Beispiel Braunschweig lässt sich das eindeutig sagen: Der Schwerpunkt  liegt auf dem Nachgefertigten, zum Beispiel der Rekonstruktion einer Burg nach dem historistischen Geschmack des 19. Jahrhunderts. Der mittelalterliche Dom nur schräg angerissen, denn stirnseitig, wie es die Platte neben dem Sefie-Point vorgaukelt, ist er nicht ins Bild zu kriegen. Was Selfischen nichts ausmacht, denn ihr Bedarf an Uralterlichem wird schon von der Burg befriedigt.

Während der Fotograf sein Motiv im Sucher oder Display vor Augen hat, wenden Selfische sich ab, kehren der Sehenswürdigkeit den Rücken zu und blicken in Richtung des Sehensunwürdigen oder zumindest Unspektakulären. Es erfordert Übung, sich nur auf sich selbst, auf sein Spiegelbild im klitzekleinen Display – noch dazu in Stangenentfernung – zu konzentrieren und so zu tun, als sei man entzückt vom Anblick dessen, was sich in der Rücksicht befindet und was man nur  schemenhaft im Display wahrnehmen kann. Am besten, Selfisch grinst sich selbst an, dann kann nichts schief gehen.

Ich stehe auf dem Selfiepunkt, dass Rücksicht und Vorsicht identisch sind, denn hätte mein Hinterkopf Augen, würden sie dieselbe Kulisse sehen, die ich hinter meinem Konterfei auf dem Display erblicke. Spieglein Spieglein an der Hand, wer …

Mancherorts freilich ist Vorsicht geboten, denn hat sich Selfisch nicht fest auf einem Selfie-Point verankert, schwebt er in Gefahr, einen verhängnisvollen Rückschritt zu tun. Selfisch wünscht sich eine Million Selfie-Points in Island, wo es lebensbedrohlich werden kann, den falschen Standpunkt einzunehmen, zumal weil man dabei der Gefahr ja nicht ins Auge blicken kann.

[Um weitere tödliche Unfälle auf Ísland wegen Wahl eines ungeeigneten Selfiepoints zu verhindern, weist die Redaktion vorsorglich darauf hin, dass das Foto eventuell nicht mitgenommen werden kann. Die Herausgeber.]

Lichtbrief an Skuggi

bv1„Mehr Licht!“ soll angeblich Goethe gefordert haben, kurz bevor das Leben aus ihm wich. Stürbe er in heutigen Zeiten, so wäre ihm gut und gerne die gegenteilige Äußerung zuzuschreiben: „Weniger Licht, bitte!“

Du kennst die Schattenseiten am besten, lieber Skuggi*, und benötigst kein Lamento über Lichtverschmutzung und das paradoxe Phänomen, dass menschengemachtes Licht den Sternenhimmel nachhaltig verdunkelt.

Am 28. September 2016 jährte sich zum zehnten Male die Nacht, in der in Reykjavík alle Lichter ausgingen. Der Schriftsteller Andri Snær Magnason hatte die Aktion Lights Off Stars On ins Leben gerufen, denn, so seine Botschaft, Perfect Black reveals Perfect Nature. Und in der Tat, die Stadtbewohner staunten über die Pracht des wiedergewonnenen Sternenhimmels und manch einer erschrak beim Anblick der vom Sternenlicht unterstrichenen Schwärze des Universums.

Die Sterne senden in einer klaren Nacht immerhin so viel Licht aus, dass jeder Mensch, der nicht nachtblind ist, sich ohne Hilfsmittel orientieren kann. Aber nur dem Mond gelingt es, Lichteffekte wie Schattenwurf oder den selten beobachteten Mondbogen zu erzeugen. Wenn du aber ein einfaches Mondlicht-Experiment machen willst, dann gehe in einer Vollmondnacht einen unbeleuchteten Weg so entlang, dass du den noch ziemlich tiefstehenden Mond im Rücken hast. Er wird dir einen wunderbaren Schatten schenken, der dir voraus schreitet. Und du weißt ja: Der Schatten eines Körpers, der von einer Lichtquelle erzeugt wird, ist exakt berechenbar. Aber nun nimm einen Fotoapparat zu Hand und knipse deinen Schatten. Mit Blitzlicht erhältst du ein klares Foto des Weges und seiner näheren Umgebung – nur, was fehlt, ist dein Schatten. Also: Mit mehr Licht lässt sich ein Schatten unsichtbar machen. Was auch bedeuten kann: Zuviel Licht nimmt jedem Wesen seinen Schatten, und ohne Schatten bist du nur ein armer Schlemihl.

Licht ist keine Mangelware in den Städten, von Reykjavík bis Berlin, von Hammerfest bis Kapstadt. Ungeachtet dessen erfreut sich Leuchtkunst im öffentlichen Raum zur Erhöhung des Lichtaufkommens wachsender Beliebtheit. Dass Polarkreisanrainer in den langen Wintern, in denen die Sonne allenfalls kurze Gastspiele im Südosten veranstaltet, allerlei Lichtexzesse begehen, ist sonnenklar und verständlich. Jedoch würde es in Island niemandem einfallen, in den Sommermonaten einen so genannten Lichtparcours auszurichten. Denn dies besorgt die natürliche Solarquelle, auch Sonne genannt, die sich im Nordwesten unterhalb des Horizonts an den Norden heranschleicht, um kurz danach wieder aufzutauchen und die Nacht zum Tage zu machen, und dies ausdauernder, als manch schlafbedürftigem Erdenwesen zuträglich ist. Eines gar seufzte, als sich um Mittsommer die sonnigen Tage gar nicht mehr zu neigen schienen: „Nur einen einzigen stark bewölkten, regnerischen Tag, bitte!“ An wen diese Bitte gerichtet war, ist nicht bekannt.

In der norddeutschen Stadt Braunschweig ist kürzlich ein mehrmonatiger Lichtparcours zu Ende gegangen. Sich an dieser sommerlichen Erleuchtung zu beteiligen, war sicherlich eine besondere Herausforderung an isländische Künstler. Elín Hansdóttir hat sie angenommen. Auf ihrer Internetseite stellt sie ihr künstlerisches Konzept vor:

innen„Elín Hansdóttir ist eine isländische Künstlerin in Berlin. Ihre standortspezifischen Installationen richten sich durch Manipulation von architektonischen Formen, akustischen Elementen und optisches Spiel auf des Betrachters Erfahrung von Baulandschaften  Sie schafft in sich geschlossene Welten, die unter ihren eigenen Regeln zu agieren scheinen, indem sie einen harmlosen Raum in einen verwandelt, der sich über Erwartungen hinwegsetzt und nur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu existieren scheint.“ (Original auf Englisch)

Auf dem Grünstreifen, der die Fahrspuren entlang des Braunschweiger Bruchtorwalls teilt, stand den Sommer über Elíns CAST, ein aus Holz errichtetes zweiteiliges Objekt. Während es sich zur bebauten Wallseite geschlossen präsentierte, fehlte den Wänden zur Parkseite hin jedes zweite Brett, so dass lichtdurchlässige Zwischenräume entstanden.

nacht2Alle Installationen des diesjährigen Braunschweiger Lichtparcours sollten auch bei Tage ansehnlich sein, doch CAST war das einzige, das bei Dunkelheit ohne eigene Lichtquelle auskam. Das unbeleuchtete Lichtobjekt reflektierte das vorhandene Licht, am Tage das Sonnenlicht und nachts Scheinwerfer, Straßenlaterne und Mondlicht.

War CAST eine Gussform, in die sich eigene Vorstellungen einbringen und herausschälen lassen?

Auf der Informationsseite des Parcours steht das Wort „kompassförmig“ – eine Vorstellung, die sich möglicherweise bei der Draufsicht auf das Modell bildete, der aber die Richtung fehlte. Denn ob die Magnetnadel eher gen Ost oder West zeigte, ließe sich nicht erkennen.

nacht1Vom östlich gelegenen Lessingplatz kommend, hättest du möglicherweise den Eindruck gehabt, auf den Bug eines Bootes zuzugehen, eines schmalen Schiffes, das in der offenen Mitte zum Einstieg einlädt. Das aber auch mittschiffs auseinandergebrochen sein könnte: Ein zu volles Bootes, das mitten im gleichgültigen Strom der Vorbeieilenden kentert.

Von der Parkseite betrachtet glich CAST eher einem Bollwerk, jedoch verlockte die Lücke in der Palisade zur Erkundung. Und beim Verweilen in einem der beiden Räume hättest du dich abwechselnd geborgen oder vergittert vorkommen können, oder als Späher (ich sehe was, was mich nicht sieht).

Den Formwandlungen entsprechend veränderten sich ständig Licht und Schatten in und um CAST. Und so wäre dies unspektakulärste Lichtparcours-Objekt vielleicht für dich das Interessante gewesen mit seinen Übergängen von Hell zu Dunkel, mit seinen Kontrasten und Schattenfarben, die sich, beeinflusst durch äußere Faktoren wie Tageszeit und Lichtverhältnisse, ständig veränderten und nachts in Bewegung gerieten. Noch Tage nach seinem Abbau, ist ein Abdruck der Form geblieben, umspielt von Licht und Schatten.

* Skuggi, das isländische Wort für Schatten, es ist auch ein Vorname, der allerdings aus der Mode gekommen ist.

Ziergeschwätz, Ziergewächs, Schafe und Dichter

bv1Als der isländische Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson noch ein – wie heißt es so schön – „unbeschriebenes Blatt“ war, arbeitete er in der Fischindustrie, um das Geld für den Druck seines ersten Buches zusammenzubringen. Als er schließlich den Arbeitskollegen stolz den selbstverlegten Gedichtband zeigte – kurze Gedichte, jedes auf seiner eigenen Seite – sprach einer aus, was alle dachten: „Platzverschwendung!“.

Wenn Worte Fische wären, wenn sich ihr Wert danach bemäße, wie viele sich im Netz befinden, wenn es dabei um lang und breit ginge, und wie leicht sie sich zerlegen ließen, trockene Worte, gesalzene, aalglatte und solche, die nur zur Zierde eingefangen werden …

01skrudurDas isländische Wort skrúðmælgi bedeutet „Zier-Geschwätz“. Skrúð (Pracht, Zier, Ornament) findet sich auch im Wort skrúðgarður, Ziergarten. Vor über 100 Jahren schuf der Schulvorsteher von Núpi im Dýrafjörður mit seinen Schülern eine Gartenanlage, die noch heute besteht. Skrúður, wie er sie nannte, war ursprünglich mehr ein Nutzgarten als ein Ziergarten. Hier findet sich heute unter anderem auch ein Kraut, das in den 1920er Jahren als Zierpflanze nach Island kam. Mit seinen feinen weißen Blütendolden und dem üppigen Blattwerk bietet skogarkerfill, der Wiesenkerbel, einen angenehmen Anblick, hat sich aber inzwischen als wahre Landplage erwiesen, denn er verbreitet sich explosionsartig und laugt die Böden aus.

03Kann man den aus den Ziergärten ausgebrochenen Kerbel mit Ziergeschwätz bekämpfen? Jein.

Die Gemeindeverwaltung Ísafjarðarbær kündigte kürzlich ein Experiment zur „ökologischer und nachhaltiger Vernichtung von Kerbel“ an unter Hinweis, dies sei die Formulierung in skrúðmælgi.

Nun ist blumiges Geschwätz allerorts nötig, wenn es gilt, Projektfördermittel zu ergattern oder/und einem Vorhaben einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen. Jedoch in einer schönen Form der Selbstironie folgte der ziergeschwätzigen Formulierung sogleich die mannamál-Fassung. Mannamál heißt menschliche Sprache und hat als Gegensatz zu skrúðmælgi die BedeutungKlartext“ oder, was hier besser passt: „in unverblümter Sprache“. In dieser entblättert sich das Projekt als vielblättrige Aufgabe für zwei Mutterschafe und ihrer vier Sprösslinge.

Ein paar Worte zum historischen Kontext: Einst bevölkerten unzählige Schafe auch kleine und größere isländische Orte, sicherlich oft zum Verdruss der Bewohner, die Wert auf Zier- und Nutzgärten legten. Schafe sind Feinschmecker und lieben die kulinarische Abwechslung, sie haben sicherlich dafür gesorgt, dass sich Zierpflanzen nicht zu sehr verbreiteten. Jedoch scheint das Wissen, ob Schafe besonders gerne Kerbel fressen und wenn, wie viel, seit Reduzierung der Schafbestände und Einführung der vor jedem Ortseingang in die Straße eingelassenen Tiersperren (Viehgatter bzw. rimlahlið genannt) verlorengegangen zu sein.

06Nun sind die hornlose dunkelwollige Svarta-Hrönn und die hellhaarige gehörnte Ljúfa auf Probe bei der Gemeinde angestellt, um im Dorf Suðureyri, das besonderen Wert auf seine nachhaltig betriebene Fischerei legt, den Kerbel abzuarbeiten und dabei ihre vier Lämmlein anzulernen. Zu diesem Zwecke wurde ein kerbelreiches Areal zwischen zwei Häusern am Ende der Hauptstraße mit doppeltem Elektrozaun umrahmt und ein Informationsschild aufgestellt. Die Mutterschafe machten sich anfänglich entzückt an die Arbeit, während die Lämmlein den herben Kerbelgeschmack sozusagen mit der Muttermilch aufsogen.

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Das abzufressende Areal umfasst auch das Denkmal für den Dichter Magnús Hj. Magnússon, der hier in einer Kate am Abhang über dem Ort seine letzten Lebensjahre verbracht und der Nachwelt unter anderem 4.000 Tagebuchseiten aus fast einem Vierteljahrhundert hinterlassen hat. Er hatte das Häuschen, das er zwei Jahre vor seinem frühen Tod erwarb, Þröm (Ecke, Kante) getauft und daher nannte man ihn Skáldið á Þröm, den Dichter an der Kante.

Die Kindheit des 1873 geborenen Magnús war durch Krankheit und grausame Behandlung geprägt. Er bezog viele Jahre lang Armenunterstützung, verfasste Auftrags-Liebesgedichte, gereimte und ungereimte Nachrufe und Eingaben, arbeitete als Tagelöhner in der Fischverarbeitung und als Wanderlehrer. Die Verführung einer 14-jährigen Schülerin brachte ihn 1911 für ein Jahr ins Gefängnis nach Reykjavík. Vier der sechs Kinder, die er zusammen mit seiner Lebensgefährtin hatte, starben früh.

Die über 23 Jahre geführten täglichen Tagebucheinträge, die immer mit einer kurzen Wetterbeschreibung beginnen, zeigen, wie eng vertraut der Außenseiter als Liebesbote, Nachrufer und Geschichtentransporteur mit den Geschicken seiner Mitmenschen war. Neben Einblicken in das Leben, Denken und Dichten von Magnús bieten die Tagebücher daher auch mannigfache sozialgeschichtliche Informationen.

Magnús schreibt in einem 1914 verfassten Lebensrückblick, vom neunten Lebensjahr bis 1896 habe er das Gefühl gehabt, überall offenbare sich ihm das Antlitz Gottes. „Mir war, als höre ich die ganze Natur einstimmen in den Klang der Offenbarung des Göttlichen und ich sei auch inmitten dieser Stimmenflut. Mir schien mein Ich so klein in diesem himmlischen Glanz.“

Aus diesen knappen Zeilen macht Halldór Laxness eine blumige, wenn nicht gar eine etwas ziergeschwätzige Erweckungsszene, die sich allerdings mit der Aussage, dass sich das Göttliche nicht über Worte offenbart, selbst wieder zurücknimmt:

„Niemand auf dem Hof ahnte, dass der Junge in direkter Verbindung zu Gott stand, und niemand auf dem Hof hätte es verstanden. Alle auf dem Hof hörten weiter das Wort Gottes aus einem Buch. Nur er wusste, dass diese Menschen Gott nie verstehen würden, selbst wenn sie tausend Jahre lang sein Wort hörten, und Gott würde vermutlich kaum darauf verfallen, sie an sein Herz zu nehmen.“

Magnús, dem Ziergeschwätzigkeit wohl ebenso fremd war wie laxnessche Ironie, hat die Passage über den Klang der Offenbarung des Göttlichen in seinen Lebenslauf eingefügt, um die Entstehung seines Vierzeilers zu erklären, der da lautet:

„Þegar sálar augum á
alheims lít ég búa.
Ó, hvað lítill er ég þá
í öllum þessum grúa.“

(Wenn ich mit den Augen der Seele auf des Weltalls Bewohner sehe, oh, wie winzig bin ich da in diesem ganzen Schwarm)

Der Klang der Offenbarung des Göttlichen hat nach Laxness, der den ersten Teil seiner Weltlicht-Tetralogie danach benannt hat, auch den Künstler Ragnar Kjartansson und den Komponisten Kjartan Sveinsson zu einer gleichnamigen Produktion inspiriert, die 2014 an der Volksbühne Berlin Premiere hatte. Wer heute Laxness‘ Weltlicht liest, ahnt nicht, dass der „Ljósvikingur“ tatsächlich existierte. Laxness hat nicht verheimlicht, Magnús zum Vorbild für die Romanfigur Ólafur Kárason genommen zu haben, was für seine Zeitgenossen ja auch offensichtlich war. Doch in welchem Umfang er aus dessen Aufzeichnungen schöpfte, lassen erst die von Sigurður Gylfi Magnússon 1998 unter dem Titel Kraftbirtingarhljómur Guðdómins (Klang der Offenbarung des Göttlichen) veröffentlichten Tagebuchauszüge von Magnús Hj. Magnússon erkennen.

In den Westfjorden entstand 2012 ein Theaterstück über Magnús, und sicherlich ist auch sein Todestag, der sich am 30. Dezember 2016 zum einhundertsten Male jährt, ein Anlass, dort seinem Werk wieder zu begegnen.

05Erst einmal aber sind die verwitterten Stufen hinauf zum Magnús-Denkmal für Menschen gesperrt. Da Schafe gern menschliche Bauten und Straßen nutzen, erkundeten Svarta-Hrönn, Ljúfa und ihre Sprösslinge das steinreiche Monument sofort; inzwischen dient ihnen das Fundament als Terrasse, Aussichtsplattform und Schattenspender.

Doch den Kerbel, so schien es, hatten sie wohl gründlich satt. Bei näherem Hinsehen stellte eine botanisch versierte Person fest, dass die Schafe den herben Wiesenkerbel (skógarkerfill) tatsächlich ganz abgefressen haben, die ähnlich aussehende Süßdolde (spánarkerfill) aber nicht anrühren. Dieses, auch Spanierkerbel genannte Kräutergartengewächs, das nach Anis duftende Blütendolden und üppigeres Blattwerk hat, breitet sich zusammen mit dem Wiesenkerbel in Suðureyri und anderen Orten der Westfjorde ungehindert aus.

Von Süßdolden und anderem süßen Zierzeug lassen sich Ljúfa und Svarta-Hrönn offensichtlich nicht beeindrucken, sind sie es doch gewohnt, ihre Lämmer hinauf in die Berge zu führen, wo die Vegetation karg, aber herbwürzig ist. Magnús, hat bei seinen vielen Gängen von Fjord zu Fjord (damals führten nur Pfade über die Bergpässe) auch botanische Studien betrieben und 43 verschiedene Kräuter gezählt.

Der mit 43 Jahren verstorbene Skáldið á Þröm hätte sich kaum darum geschert, welches Schaf  heutzutage am Hang herumklettert, wenn nur kein Schurke (illmenni) die Blume des Glücks ausrottet (upprætir hamingjublóms). Doch wo wächst sie?

„Wer sie entdeckt“, schreibt Halldór Laxness in der oft zitierten Passage über die schönste Blume, die an einem verborgenen Ort lebt, „für den gibt es keine andere Blume mehr. Den ganzen Tag denkt man an sie. Wenn man schläft, träumt man von ihr. Man stirbt mit ihrem Namen auf den Lippen.“ (Weltlicht IV, Kap. 22).

02Den Dichterpfaden, die ins blumige Reich der Metaphern führen, folgen Ljúfa und Svarta-Hrönn nicht. Sie träumen allenfalls davon, befreit von Elektrozäunen, Ziergeschwätz und -gewächs 43 namenlose Bergkräuter zu verkosten, die schönsten auf den Lippen zergehen zu lassen und genüsslich wiederzukäuen.

Isländische Sommer-Präliminarien

bv1Die große Frage, die sich in Island alle dutzend Monate stellt: Wann hört der Winter auf, und wenn, was dann? Für den Frühling ist bekanntlich in nördlichen Breiten keine Zeit, doch der Sommer, der eigentlich unmittelbar auf den Winter folgen sollte, ziert sich meist und muss aufwendig angelockt werden.

Zuallererst wird den Wettergöttern ein Wellblechdach geopfert, um sie gnädiger zu stimmen. Der mindestens 48 Stunden exponiert dargebotene weiße Eimer ist eine spezielle Gabe an Njördr, den allgegenwärtigen Gott der Winde.

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Wenn diese Opfergaben nicht ausreichen, ist der Abfall an der Reihe, für manchen Isländer eine schmerzhafte Trennung, die er mit der Beschwörungsformel „Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur“ abzuwenden sucht.

Da das Mülltonnen-Reisewetter dennoch naht, kommt der Wasserzauber, vatnsgaldur genannt, zur Anwendung. Es ist ein doppelter Gegenzauber. Eine Wasserwelle, verfertigt von der angesehensten Friseurmeisterin der Stadt soll den Südwind besänftigen.

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Der Wassertanz Kneippivaki, ausgeführt von den mutigsten Kindern der Hágrunnskóli, möge den Nordwind abhalten.

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Traurigerweise hat nie eine Evaluierung dieser Vorsorgemaßnahme stattgefunden. Da sich die Qualitätsmanagerin Sofía Vindsdóttir seit fünf Jahren im Mutterschaftsurlaub befindet, ist bis heute unklar, ob die Intervention auch tatsächlich die gewünschten Ergebnisse bzw. Wirkungen produzieren konnte.

Kurz vor Sommerausbruch holt die Ortsfeuerwehr in selbstlosem Einsatz die letzten Vorjahresflechten (das für den Export bestimmte „isländische Moos“) von den halbwegs schneefreien Berghängen.

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Um den Winter gänzlich zu vertreiben, wird nun dem ausgefeimtesten der 13 Jólasveinar („Weihnachtskerle“) noch einmal die Präsidentschaft über das Traumeisland angetragen und sofort wieder entzogen. Dieses auf den ersten Blick sinnlos erscheinende Ritual schafft die willkommene Gelegenheit, etwa hundertmal takk fyrir veturinn zu sagen, also allen und jedem für den Winter mitsamt Schneewehen, Frostbeulen und Glatteis zu danken.

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Die Isländer waren noch nie in der Lage Gebrauchsanleitungen zu studieren, da sie lieber Gebrauchslyrik lesen. So ist es ihnen nie gelungen, Rentiere zu zähmen und invasive Pflanzen nach Vorschrift in Vasen zu halten. Und nun sind es gerade solche Grünlinge, die noch vor Verschwinden des Winters ihr keckes Haupt erheben. Mancherorts ist man daher dazu übergegangen, in der Græn vika  (der entscheidenden Woche, um den Sommer zu ködern) die Rasenflächen zu shampoonieren, um das Wachstum der aus den Vasen geratenen Kräuter zu stoppen.

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Weitere Maßnahmen werden kurzfristig geplant.

Anm.:

Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur: Möge dieses feine Reisewetter für Mülltonnen niemals kommen!

Kneippvaki: abgeleitet von Vikivaki, einem Ringtanz aus Wikingerzeiten

Takk fyrir veturinn: Danke für den Winter

Græn vika: Grüne Woche

Das Exponat ist unwiederbringlich verzehrt

bv1 Weil es zu wenig Wald zum Müllverstecken gibt, verrotten in Island ausgediente Landmaschinen, Autos und sonstiges Gerümpel meist irgendwo hinterm Haus.

Manchmal sind museumswürdige Stücke darunter, ein alter Rafha-Herd zum Beispiel mit seinen schönen, einst rot glühenden Heizspiralen. Sicherlich gibt es Leute, die solche Dinge bewahren wie die Mitarbeiter des Technikmuseums von Seyðisfjörður. Viele Isländer aber haben zu alten Dingen keinen rechten Bezug und stehen der Frage der Wiederverwertung von „wertlos“ Gewordenem skeptisch gegenüber.

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Ásgeir Jón Emilsson (Geiri): Stühle aus Aludosen

Dennoch setzt sich Recycling in Island immer mehr durch und etliche Gemeinden betreiben das Sortieren und Wiederaufbereiten des Haushaltsmülls mit großem Ernst. Dabei hatte Ásgeir Jón Emilsson (1931-1999), genannt Geiri, Fischer und Künstler in Seyðisfjörður, schon Jahrzehnte zuvor sein eigenes Recycling-System. Er bastelte aus leeren Zigarettenschachteln Bilderrahmen, und Aludosen verwandelten sich unter seinen Werkzeugen in filigrane Stühle.

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Geiris Haus in Seyðisfjörður

Ob Geiri der behördlichen Anordnung zur Mülltrennung gefolgt wäre, ist fraglich. Denn Beamte und Polizisten, die für ihn zu einem anderen Sonnensystem gehörten, respektierte der eigenwillige Künstler nicht. Geiri hatte es nicht leicht in seinem Leben. Das jüngste von zwölf Geschwistern war von Geburt an auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub. Charismatisch und ernst sei er gewesen und immer habe er auf der Seite der Benachteiligten gestanden, heißt es im Katalog, den das Kunstzentrum Skaftfell anlässlich der Ausstellung seiner Werke herausgegeben hatte. Das Geirahús, das bunt bemalte Haus des autodidaktischen Künstlers, kann jederzeit bei einem Gang durch Seyðisfjörður entdeckt werden.

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Smámunasafn Sverris Hermannssonar

Im Gegensatz zu Geiri konnte Sverrir Hermannsson (1928-2008) aus Akureyri keinen Gebrauchsgegenstand zerstören. Der gelernte Zimmermann hing an jedem Nagel und jedem Hammer, der durch seine Hände ging. Mag er rostig und krumm gewesen sein – den Nagel, den Sverrir beispielsweise bei der Renovierung des Nonni-Hauses aus dem Holz gezogen hat, den konnte er nicht wegwerfen. Und Sverrir hatte an der Restaurierung vieler historischer Gebäude mitgewirkt.

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Smámunasafn Sverris Hermannssonar

Als sein Haus in Akureyri von all den gesammelten Gegenständen überzuquellen drohte, hat Sverrir seiner Leidenschaft die Form einer öffentlichen Sammlung gegeben. Im Smámunasafn Sverris Hermannssonar, dem „Museum der kleinen Dinge“ im südlichen Eyjafjord, war seine Sammelleidenschaft mit großem Gespür für Ästhetik dokumentiert. Mögen sich all die Schlüssel, Türklinken oder Bohrer ähneln – ihre Anordnung unterliegt einem eigenwilligen Ordnungsprinzip, sorgsam durchdacht und liebevoll kommentiert.

Die Leute denken, ich muss verrückt sein … Ich habe keinen Bleistift mehr weggeworfen, seit ich 1946 mit der Lehre begann … Ich gelte als exzentrisch – wie komisch.“ Die heitere Gelassenheit, mit der Sverrir seine Marotte präsentiert hat, geht allmählich auf uns Betrachter über, die wir anfangs nur das Skurrile, den Sammelzwang oder die erdrückende Fülle wahrgenommen haben. Freudig bestaunen wir einen alten Federhalter, den Mäuse in ihr Nest verschleppt, ein wenig benagt, letztendlich aber doch intakt gelassen haben.

Was tun mit der leeren Aluminiumdose, was mit dem Rafha-Herd, den die Technik angeblich überholt hat, und was mit den Fischereiutensilien aus dem vorigen Jahrhundert? Museen und Kunstzentren allein können das isländische Recyclingproblem auf die Dauer nicht lösen. Auch die Besucher müssen ihren Beitrag leisten.

In Grenivík, hoch oben im Eyjafjord, liegt ein kleines Fischereimuseum, eine Holzhütte, in der die Langleinen mit Ködern bestückt wurden und der gefangene Fisch eingesalzen wurde. Werkzeuge, Leinen, Arbeitskleidung und Fässer sind ausgestellt, Trockenfische baumeln an grünen Bändern von der Decke. Aus Anlass eines Feiertages wird am Eingang Trockenfisch mit Butter gereicht. Es sind die faserigen Streifen, die es überall abgepackt zu kaufen gibt.

Da ertönen vor der Hütte dumpfe Schläge. Ein paar Isländer üben sich im Zertrümmern eines großen Fisches. Das Zerkleinern und Zermürben der spröden Trockenmasse kostet einiges an Muskelkraft. Der Hammer löst sich gar vom Stiel und verfehlt knapp einen der Zuschauer. Schließlich aber gibt der Fisch nach, zerfällt, zerfasert und wird verteilt.

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Exponatreste vor dem Útgerdarminjasafnid

Während ich noch kaue, entdecke ich neben dem Stein, der als Amboss diente, ein grünes Band. Mir kommt ein Verdacht, der in der Hütte seine Bestätigung findet: Nicht nur der Hammer, auch der Fisch war ein Museumsstück. Ich schlucke – das Exponat ist unwiederbringlich verzehrt. Ich blicke in die Runde der Mitesser und denke so für mich: Nehmen die Isländer das Recycling nicht vielleicht doch ein wenig zu ernst?

ukThe exhibited object has been irreversibly consumed

frL’objet exposé est consommé sans retour