Landshornaflakkari

troll-imadeWEB-1Der kleine Besucher am Ufer des kleinen Baches hatte sich entschieden: der ist gut beraten, der Halluzinationen von Wirklichem zu unterscheiden vermag. Es wird daher nur ein Trugbild bleiben, denn immerhin hatte jener Baum dort sogar den Blitzschlag überlebt, benötigte danach nur noch den verbliebenen Rest an seiner Rinde, um jedes Jahr die grünen Blätter seiner verkohlten Äste mit Nötigem zu versorgen.

Im Alter von zwölf Jahren, als ihn Jahre später seine Eltern bei ihrer Reise auf den Kontinent mitnahmen, was ihn zur deutsch-tschechischen Grenze führte, die damals noch der Eiserne Vorhang genannt, stand er an diesem Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete mit seinen Augen verständnislos immer wieder all diese Dinge ab, welche die Menschen offensichtlich für notwendig hielten. Denn in einem solchen Alter hat man noch davon auszugehen, dass Erwachsene nur jenes tun, was auch unbedingt und zwingend notwendig sei. Ist doch alles, was in diesem Alter von Erwachsenen erfahrbar, Ausdruck vorhandener Notwendigkeiten, welche als solche die Welt des Möglichen, die noch die Welt eines Zwölfjährigen ausmache, in ihre Schranken verwies.

Konnte sich daher noch an die kleine Erzählung von Sjón und Halldór Baldursson  in „Sagan af húfunni fínu“ erinnern:

Ein Junge saß auf einem Stein.
Sie lebten auf dem Land, der Junge und der Stein.
Eine kleine Familie aus der Stadt ging vorbei, Vater und Mutter mit ihrem Sohn im Teenager-Alter.
Sie standen vor dem Jungen auf dem Stein und starren ihn an.
Der Junge war nicht einverstanden, dass man ihn anstarrte, hatte man ihm doch gesagt, dass Anstarren unhöflich sei, und so blickte er auf seine Beine.
„Ich durfte nie auf einem Stein sitzen“, sagte der Vater.
„Steine verschmutzen die Hosen der Menschen, und daher ist es nicht gut, auf ihnen zu sitzen,“ sagte die Mutter.
„Er wird doppelt erleichtert auf dem Stein sitzen“, sagte der Sohn, der ein gebildeter Teenager war.

Er blickte fragend zu dem Jungen auf dem Stein.
„Nicht wahr?“

So stand dieser Schüler vor dieser breiten kahlen Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, vor den hohen Gitterzäunen, die den Zutritt zu einem breiten Streifen verhindern sollten, wobei nicht ersichtlich war, welchem Zweck dieses dienen sollte. War doch auf diesem breiten Streifen nichts Schützenswertes vorhanden, kein Strauch, kein Baum, und auch keine Wiese, die in deutschen Städten Rasen genannt, und der so schützenswert war, dass in den Städten vor jedem Hausausgang ein Schild am Rand dieser Rasenflächen angebracht werden musste, auf dem zu lesen war: „Betreten des Rasens verboten. Eltern haften für ihre Kinder“.

Die Sicht auf Dinge, die sich einem zeigen, verändert sich im Laufe der Jahre. So entpuppt sich zum Beispiel ein reißender Fluss von damals, in welchen einer einst unter Ansammlung aller Kräfte große Steine geworfen hatte, um auf diesen das andere Ufer erreichen zu können, im erwachsenen Alter als kleiner, schmaler Bach, der nur einen Meter breit, dessen Wasser friedlich vor sich hin murmelt, und dessen Wasserstand nicht einmal bis zu den Knöcheln reiche.

Der zwölfjährige Junge stand am Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete daher mit seinen Augen verständnislos immer wieder diese hohen Drahtzäune ab. Diese breite kahle Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, und fragte sich, wie wohl einem Tier dort draußen im Wald zumute sein dürfte, welches unvermittelt plötzlich diesen Zaun entdeckt, der ihm den Weg verwehrt, zu jenen Futterplätzen dort drüben, die in der Vergangenheit immer aufgesucht werden konnten. Wobei unwichtig war, ob das Tier nun auf dieser Seite, oder auf jener Seite vor dem Zaun stand, da sich nur in ein und derselben Situation befindend.

Erst später, im Erwachsenenalter, fand der Junge von damals endlich die Antwort auf die Frage, wozu die Erwachsenen Notwendigkeiten aufstellen, welche als solche die Welt des Möglichen in ihre Schranken weisen. Die Antwort fand sich in einem Satz, den der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt seinem Romulus in den Mund legte: der Staat bediene sich des Wortes Vaterland immer dann, wenn er auf Massenmord aus ist.

So wurde der Junge zu jenem, was auf Island ein Landshornaflakkari genannt. Ein Landeseckenlandstreicher, von dem sich die Isländer erzählen, er ginge in der eigenen Spucke.

Ein Pendler zwischen den Kulturen, ein Reisender, der einst in jedem isländischen Haus auch ein höchst willkommener Gast war, um mit ihm Gesinnung auszutauschen. Denn der Unterschied zwischen Reisen und Verreisen besteht darin, dass das eine synonym zu erfahren, und das andere synonym zu Zeitvertreib, was nicht dasselbe ist. Beides bietet Erholung, das eine vom Irrtum, und vom anderen werden sicher Andere zu erzählen wissen. Sind doch nicht alle Sichten auf Dinge, die sich einem im Verlauf des Lebens zeigten, auch solche, die sich im Lauf der Jahre auch veränderten.

Und so kennt der Besucher von damals bis heute nicht die Antwort auf die Frage, welcher Nationalität er denn angehöre.

Unbenannt-20War er es doch, der damals diese Steine in diesen reißenden Fluss warf, da auf der gegenüberliegenden Seite sich sein Zuhause befand: ein riesiger Baum, den einmal ein Blitz getroffen hatte. Der Baumstamm war hohl, seine Innenseite schwarz und verkohlt, und unten war auf einer Seite ein breiter Spalt, ein Einlass, so dass es möglich war, in diesen Baumstamm hineinzugehen. Blickte der Fünfjährige dann, im Baumstamm stehend, nach oben, so sah er all die schwarzen Äste der Baumkrone, die wieder ein grünes Blätterkleid trugen. Dieser Baum war sein bester Freund, und auf die lächerliche Frage, welcher Nationalität er denn sei, würde er – der Wahrheit die Ehre gebend – antworten: dieselbe wie dieser Baum.

Übersetzung: B. Pangerl

isLandshornaflakkari

 

Drehtanz

Stille entfloh mit dem Wind gegen Norden,
Blumen bedeckten mit Erdreich ihr Herz,
Menschen ergötzten sich gähnend am Morden,
und Seelen verschmorten in sengendem Schmerz.

Liebe erstickte im dröhnenden Lachen,
Wärme verkroch sich fröstelnd ins Laub,
Augen, die mahnend sonst Frieden bewachen,
bedeckten verzweifelt sich selber mit Staub.

Männer erdrückten selbst Kinder zum Schweigen,
Frauen ergaben sich lärmendem Spiel,
Völker ertranken in wirbelndem Reigen,
und Worte verdorrten, – sie galten nicht viel.

Wunsch, Möwe zu werden

troll-imadeWEB-1Der Anblick einer Möwenkolonie an einer Steilwand, wo auf jeweils wenigen Quadratzentimeter in „einer Andeutung von Nest“ eine Gattung dicht an dicht ihre Jungen aufzog, öffnete der Nichtmöwe Ulrich Schacht den schonungslosen Blick auf die eigene Gattung, und sie notierte für ihre Novelle „Grimsey“:

Wesen, denen der Mensch im Zuge einer hyperthrophen Entwicklung alles abgesprochen hatte, was nicht auf eine rein biologische Funktionalität hinauslief, waren sichtbar in Sorge umeinander, riefen sich an, erkannten einander.“

Was die Nichtmöwe zwar zu dem 2.500 Jahre alten Satz „So ist der natürliche Instinkt aller Wesen, die Seele haben“ von Demokrit führte, nicht aber zur Einsicht in ihr eigenes Selbst, wie ihre Hetze gegen Menschen belegt, die um die Andeutung eines Nestes in seiner Kolonie betteln, da sie sonst ermordet oder versklavt werden würden.

Dieser Satz von Demokrit ist allein schon deshalb mit unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden, da einer Gattung überliefert, die zwar aus nachvollziehbaren Gründen heraus die Existenz einer Seele bei der Gattung Mensch in Abrede stellt, erstrecht bei Nichtmenschen, nicht aber die Vorstellung aufzugeben gewillt ist, es müsse sich bei Depressionen um seelische Störungen handeln, und den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch dadurch elegant umschifft, indem sie das Wort im 20. Jahrhundert durch das Wort Psyche ersetzte, um nicht entlarvt zu werden. Was als Nebeneffekt der Gattung den unschätzbaren Vorteil brachte, das Symptom, sobald aufgetreten, als Krankheit, als affektive Störung ausgeben und der Psychiatrie übergeben zu können. Auf die Frage, aus welchem Grund solches notwendig sei, wird von dieser Gattung auf die Vernunft verwiesen, also dem Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie, einer Deus ex machina, was die Frage bereits per-se in jenen Bereich verweist, der jenseits von Vernunft angesiedelt. Die Ahnung ist daher eine gefährliche, dass es sich bei jenem rapide anwachsenden Teil der Gattung, welcher Depressionen ausgesetzt, sich nur um einen solchen handeln könnte, der noch über Nous verfüge, also der menschlichen Fähigkeit, etwas geistig erfassen zu können, was naheläge, da dieses Symptom ja vorwiegend in wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften in solchem  Umfang auftritt. Was aber nicht naheliegend sein darf, selbst dann, wenn es sich als begründet herausstelle, da die waltende Gottheit Vernunft dies ja gar nicht erst ermögliche, womit die Ahnung bereits als tätige Unvernunft nachgewiesen.

Und so dürfte nicht verwunderlich sein, dass sich immer noch Menschen auf die Reise begeben. Womit nicht gemeint, dass sich da einer von Ort A nach Ort B begebe, denn es wären damit jene mit einbezogen, die nicht über solchem Tun, als letzten noch verbleibendem Weg, nach Antworten auf drängende Fragen suchen, zu denen Artgenossen nur vorgaben, dass sie über Antworten verfügten, und die daher unbeantwortet blieben. Außenstehenden erscheinen solche, die diesen letzten noch verbleibenden Weg beschreiten, um darüber nach Antworten auf drängende Fragen zu suchen, gerne als Treibende oder Getriebene. Eine Unterstellung, aus Ahnungslosigkeit geboren, fehlt dem Treibenden doch das Ziel, und dem Getriebenen die Freiheit. Jener, der sich von A nach B begibt, als letzten noch verbleibendem Weg, verfügt sowohl über ein Ziel, als auch über eine Freiheit, denn jeder Schritt, wohin er sich auch wendet, bringt ihm sein Ziel näher. Es bringt ihm nicht nur sein Ziel näher, es kann auch gut sein, dass darüber auch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit erhöht werde, was dazu führen kann, dass bald seine Antworten, fragte ihn einmal einer, für den Fragenden so unverständlich ausfallen werden, wie vordem die Antworten der anderen, die nicht genügten.

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Einöde

Gut möglich, dass ein auf solche Art und Weise Reisender auf Island auf die Einöde eines anderen Reisenden trifft, auf dessen alleinstehenden Wohnplatz für eine Nacht, irgendwo im Hochland, weitab von bekannten „Trekking-Touren“. Denn er ist nie dort zu finden, wo jeden Tag eine Hundertschaft jeden Morgen ihre Stoppuhren stellt, bevor sie mit Teleskop-Stöcken dem nächsten Etappenziel entgegen hastet, um später vor ehrfürchtigen Zuhörern berichten zu können, sie hätte die Etappe Hrafntinnusker – Álftavatn in nur 3 Stunden geschafft, und es wäre hart gewesen, aber auch schon sowas von hart. Dabei aber vergessen zu erwähnen, dass er somit Teil einer dieser täglichen Hundertschaft war, die – sorgsam erst um sich blickend – ihre Abfälle irgendwo in der Lava vergraben, oder selbst noch diese Mühe scheuen, und Plastikflaschen, Verpackungen, etc. einfach so fallen ließ, das Land ist ja weit und unberührt, und der Wind wird es schon forttragen, aus den Augen der Nachfolgenden entfernen.

Nein, dort war er nicht auffindbar, und es ist zu vermuten, dass er dort auch nie aufgefunden werden wird. Er wüsste längst, so seine Antwort, dass auch diese nur vorgeben, über Antworten zu verfügen, und er suche nicht, was dort nur zu finden sei: die Selbsttäuschung. Dazu hätte er seine eigene Selbsttäuschung schon zur Genüge ausgekostet, sich falsche Tatsachen vorgespiegelt.

Bei einer Pfeife und einer Tasse Pfefferminztee erzählte er dann, er hätte sich eines Tages einer Reisegesellschaft angeschlossen, da es in jener Zeit noch undenkbar war, durch die Sowjetunion auf solche Art und Weise zu reisen wie auf Island, dass einer also nur vorwärts ginge, da jeder Schritt, wohin er auch getan, einem das Ziel näherbringe. Er sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt, da es in jenem Land, von dem er herkomme, sich so verhalte, dass der Mensch von Arbeit nicht nur nicht satt werde, sondern sogar verhungern würde, er daher auf Erwerbsarbeit angewiesen sei. An seiner Wirkungsstätte, dem Max-Planck-Institut für Literatur der organischen und anorganischen Chemie eintreffend, um seine Arbeit an der Herstellung einer Literatur-Fakten-Datenbank fortzusetzen, sei ihm die ungewöhnliche Unruhe unter den Wissenschaftlern aufgefallen. Auf Nachfrage wäre ihm mitgeteilt worden, Messgeräte in Finnland hätten erhöhte Radioaktivität gemessen, und es werde angenommen, dass ein sogenannter Super-GAU sich ereignet haben müsse. Die Kolleginnen würden sich daher gerade Urlaub im Personalbüro genehmigen lassen, der diesen auch anstandslos gewährt werde, damit sie mit ihren Kindern nach Portugal fliegen können. Später sei dann in den Nachrichten bekanntgegeben worden, dass die Nuklearkatastrophe sich am 26. April im Kernkraftwerk Tschernobyl ereignet habe. Er hätte daraufhin die Wissenschaftler darüber informiert, dass er just in dieser Zeit mit einer Reisegesellschaft in einer Iljuschin der Fluggesellschaft Interflug über Tschernobyl geflogen sei, worauf diese ihm rieten, umgehend die nächste Apotheke aufzusuchen, um sich Jod-Tabletten zu beschaffen. Als er in der Apotheke nach Jod-Tabletten fragte, sei ihm mitgeteilt worden, dass diese ausverkauft waren. Die Apotheken im Umkreis hatten schließlich nicht damit rechnen können, dass an nur einem einzigen Tag alle Wissenschaftler des Forschungsinstituts Jod-Tabletten kaufen würden.

Auf die Frage hin, wie er dann zu der Ansicht käme, dass er sich falsche Tatsachen vorgespiegelt habe, setze er seine Geschichte fort. Die tiefe Sorge und Unruhe, die er bei den Wissenschaftlern feststellte, stand im krassen Gegensatz zu jenem, was in seinem Dorf stattfand. Zwar waren dort alle neugierig auf jede neue Nachricht, hielten jedoch die nicht enden wollenden und ständig wiederholten Beteuerungen, die ganze Angelegenheit sei weit weg passiert, und es bestehe kein Anlass zur Sorge,  für bare Münze. Er habe sich daher einer Gruppe angeschlossen, die aus eigener Tasche sich einen Geigerzähler kaufte, Messungen vornahm, und die Ergebnisse nebst ergänzender Erklärungen von Wissenschaftlern in einer eigenen Zeitung publizierte. Am ersten Jahrestag nach dem Unglück hätte er dann einen Nachruf verfasst, der sogar von einer Zeitung angenommen und veröffentlicht worden wäre. Denn er habe sich damals noch eine falsche Tatsache vorgespiegelt, in der Annahme, es wäre möglich, durch einen Text das Vergessen verhindern zu können. Und so habe er darüber jene Zeilen vergessen, von denen seine Gattung ausgehe, sie würden eine irreale Sicht skizzieren, und schloss seine Geschichte, indem er die Zeilen vor sich hin murmelte:

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“

Am nächsten Morgen war sein Zelt verschwunden. Nur ein gefaltetes Blatt Papier unter einem Stein blieb zurück, auf das er mit einem Bleistift „Unser Vergessen baut die Gitter“ geschrieben hatte. Als Begründung dafür, dass es besser für ihn war, sehr rechtzeitig aufzubrechen, denn er hatte, wie die Überschrift bewies, immer noch einen weiten Weg vor sich, um sein Ziel zu erreichen. In seinem Zweifel, ob Mutationen des Petkau-Effekts ihn ausgerechnet in eine Möwe verwandeln würden, seinen Wunsch, Möwe zu werden, erfüllend. Damit endlich einer Gattung anzugehören, die noch sichtbar in Sorge umeinander, und auch noch nicht die Fähigkeit verlor, sich einander zu erkennen.

 

Unser Vergessen baut die Gitter

Am 26. April jährt sich zum ersten Mal die Möglichkeit des sogenannten Unmöglichen. Während weiterhin Menschen nach dem Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“ genussvoll ihre Becquerels verzehren, und andere mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um den schleichenden Mord aufzuhalten, reiht sich Unfall an Unfall, schreiten die verantwortlichen Optimisten mit beschwichtigenden Gesten über die Gräber der Opfer. Auch statistische Tote sind Tote. Dass die Sowjetunion aus Staatsräson über Leichen geht, ist nicht neu, dass die Bundesregierung ebenso Leichen in Kauf nimmt, ist schockierend, und nicht minder Barbarei. Die Sorge und der Widerstand bewahrt den verantwortungsbewussten Bürger nicht von der Notwendigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen; auch er muss essen, was auf den Tisch kommt, und künstlich erzeugte radioaktive Strahlung macht um niemand einen Bogen. Ihm bleibt die Mühe, möglichen Etikettenschwindel zu erkennen, oder ihm ausgeliefert zu sein.

Es jährt sich zum ersten Mal, dass Kindern auf die Finger geschlagen wurde, weil sie den Rasen berührten. Es jährt sich zum ersten Mal, dass Sandkästen weggebaggert werden mussten, und Kinder vor verschlossenen Bädern standen. Es wurde notwendig, unsere Kinder vor den Auswirkungen unseres Willens zu schützen, sie einzusperren, ihnen Dinge zu verbieten, die uns als Kinder selbstverständlich waren. Die Korsetts werden enger, wir bauen uns unser eigenes Gefängnis, unser Vergessen baut die Gitter. Wer denkt schon leicht über Dinge nach, die man nicht schmeckt, die man nicht riecht, und die man nicht sieht. Keiner der Sinne unterstützt den Kampf gegen unsichtbaren Mord.

Man sagt uns, wir seien sicher – und zur gleichen Zeit werden in der Bundesrepublik Mitbürger kontaminiert – sprich: vergiftet. Man erlaubt sich sogar die Unverfrorenheit, zu posaunen, der Vergiftete sei „quietschvergnügt und quicklebendig“, weil ihm wahrscheinlich noch nicht die Haare ausgefallen, und verschweigt, dass man erst der noch lebendigen Leiche ansieht, dass sie nie wieder quicklebendig und quietschvergnügt sein wird. Das Gift hat Zeit und nutzt sie.

Die Sorge wird als Panikmache verlacht, die Verantwortung als Querulanz verteufelt. Man wird später sicher Entschuldigungen für das Verbrechen des Nichtstuns, des Schweigens und der Beschwichtigung finden.

Es ist völlig gleichgültig, ob aufgrund des radioaktiven Fallouts vor einem Jahr zwei oder zweitausend statistische Tote in der Bundesrepublik zu verzeichnen sind, denn bereits ein Toter ist einer zu viel. Beklagen wird die Toten niemand, denn sie wurden bewusst von uns als statistisches Schlachtvieh zum Altar der Menschenopfer zitiert. Sie sind berechnet, und Opfer der Berechnung. Sie sind wirtschaftlich vertretbar laut Strahlenschutzverordnung, also wirtschaftlich vertretbare statistische Morde. Die Klage eines Bürgers über die Ausbringung von mit 14000 Becquerel belastetem Klärschlamm, Monate nach Tschernobyl, auf die Felder bayerischer Bauern, wurde vom Umweltministerium mit der lapidaren Begründung abgeschmettert, die Strahlenschutzverordnung gelte nur für den „willentlichen Umgang“ mit radioaktiver Strahlung, und sei somit nicht zuständig.

Es bleibt nur ein Nachruf. Menschen werden vermutlich immer erst verstehen, wenn sie vor den Mahnmälern ihrer Vergangenheit stehen. Für untätiges Hoffen gibt es keine Entschuldigung, weder heute noch morgen. Es bleibt weiterhin jeder Tag ein möglicher Jahrestag irgendeines „Tschernobyl“.

  1. April 1987

Der Affe, der ein Pferd war

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Es lasst sich immer weniger verhindern, auf meinen Reisen einer Gattung zu begegnen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie im Verlauf der Evolution die Fähigkeit zur Bildverarbeitung derart massiv verlor, dass sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können.“

Tilvera: „Hat die Population der Maulwürfe derart zugenommen?“

Ónytjungur: „Der Gedanke ist nahe liegend, da deren Blindheit dazu führte, dass sie aggressiv auf Artgenossen reagieren. Allerdings hast du vergessen, dass diese sich nur unter der Erde aufhalten, ich daher ihnen gar nicht begegnen könne, es sei denn, ich würde reisen, indem ich Gänge …“

Tilvera: „Was du nicht tust, ich weiß.“

Ónytjungur: „Zudem verfügen diese über einen funktionierenden Geruchs- und Tastsinn, der sie in die Lage versetzt, Gattungen in hinreichendem Maße voneinander unterscheiden zu können, so dass sie jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden könnten, die ihnen als Nahrung dienen. Nein, die Rede ist von der Gattung der …“

Tilvera: „Demnach bliebe aber nur eine solche Spezies übrig, deren im Verlauf der Evolution verloren gegangene Fähigkeit zur Bildverarbeitung dazu führte, nicht jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden zu können, die ihnen als Nahrung dienen.“

Ónytjungur: „Auch der Gedanke ist naheliegend. Allerdings hast du hier vergessen, dass es in diesem Fall diese Spezies gar nicht mehr geben könne, da sie deswegen schon längst ausgestorben wäre.“

Tilvera: „Dann kann es jene Gattung, von der du eingangs sprachst, nicht geben. Du willst mich zum Narren halten.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Du weißt, was mit Bildverarbeitung bezeichnet wird?“

Tilvera: „Die Fähigkeit, eine gegenständliche Vorstellung darüber entwickeln zu können, was da ist.“

Ónytjungur: „So ist es. Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich darum, dass die Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen ermöglicht wird. Denn dieses war notwendig, da im anderen Falle jedes Lebewesen nach der Geburt gar nicht in der Lage gewesen wäre, auch nur irgendeine Nahrung als solche erkennen zu können, da erst die Wahrnehmung eines Gegenstands diese erst ermöglicht, auf welche Weise auch immer. Zum Beispiel einen Apfel als Apfel erkennen zu können, oder Wasser als Wasser, oder – beim Maulwurf – ein Insekt als Insekt. Denn falls nicht so, hätte das dazu geführt, dass noch nicht einmal die Grundvoraussetzung jemals existiert hätte, da dann ja auch Vater und Mutter gar nicht hätten sein können, sowie deren Eltern davor, und deren … soll ich fortfahren, denn das könnte nun etwas dauern?

Tilvera: „Schon gut, schon gut, ich kenne mich da aus.“

Ónytjungur: „Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich also vor jeder Geburt um die Herstellung einer eindeutigen Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, hier die Dekomposition dessen, was da ist, in seine Sinus- und Kosinus-Komponenten, dergestalt, dass das Ergebnis der Transformation genau so das Bild repräsentiert, dass es äquivalent ist zu dem, was da im Raum ist, was erst eine Bildanalyse ermögliche.“

Tilvera: „Nun, da ich davon ausgehe, dass ich einen Apfel als Apfel erkenne, oder Wasser als Wasser, oder ein Insekt als Insekt, und dies bisher zu dem gewünschten Erfolg führte, …“

Ónytjungur: „Schön und gut. Nun ist davon zu lesen, dass an allen Ecken und Enden auf der nördlichen Hälfte der Erdkugel Kameras installiert wurden.“

Tilvera: „Sie sind beim besten Willen nicht zu übersehen.“

Ónytjungur: „Verhält es sich nicht so, dass sich darüber auch Gattungen unterscheiden ließen?“

Tilvera: „Mehr als das.“

Ónytjungur: „Was wäre nun, wenn eine Kamera in einem Raum zum Beispiel nach Pferden Ausschau halte, diese aus dem Raum extrahiere, und dem Betrachter präsentiere, sich im Raum fünf Exemplare der Gattung Pferd aufhielten, das Gerät jedoch auf drei Pferde und zwei Affen erkenne?“

Tilvera: „Dann würde der Betrachter nur drei Pferde sehen statt der fünf. Die Kamera verfügt demnach nicht über die Fähigkeit zur Bildverarbeitung, da sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können. In diesem Falle erkennt sie auf zwei verschiedene, wo nur eine vorhanden. Die Kamera ist zu nichts nütze, es sei denn, sie würde repariert werden.“

Ónytjungur: „Nun, die Systemanalyse ergab, dass die Handlungsvorschrift der Kamera so ausgearbeitet war, dass sie die Interpretation unzulässig auf ein ganz spezifisches Merkmal reduzierte, welches alle anderen vorhandenen Merkmale negierte, also aufhob, und sich danach ausrichtete.“

Tilvera: „Was dazu führte, dass aus einer Gattung zwei Gattungen wurden, also aus fünf Pferden drei Pferde und zwei Affen.“

Ónytjungur: „Der verantwortliche Entwickler rechtfertigte sich, dass dieses ganz spezifische Merkmal signifikant sei für die Gattung der Pferde, daher alle weiteren Merkmale entbehrlich waren, da anhand dieses Merkmals bereits durch „vorhanden/nicht vorhanden“ möglich war, all jene zu identifizieren, für die „nicht vorhanden“ festgestellt wurde, was die Handlungsvorschrift wesentlich vereinfacht hätte.

Tilvera: „Ein fataler Irrtum eines wahren Stümpers. Esel bleibt Esel, auch wenn er eine Melone frisst. Die Reduzierung auf jedes x-beliebige spezifische Merkmal negiert stets alle anderen vorhandenen Merkmale, hebt sie somit auf, so dass in all diesen Fällen, für welches Merkmal er sich auch immer entschieden hätte, dort zwingend auf unterschiedliche Gattungen geschlossen werden müsse, wo mindestens ein Exemplar dieses willkürlich gewählte Merkmal nicht aufweise.“

Ónytjungur: „Und wenn er als spezifisches Merkmal „vier Beine“ wählt, was alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe?“

Tilvera: „Dann hätte er Elefanten als Pferde interpretiert, wären dort einmal Elefanten vorbeigekommen.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass dieser unfähig ist, die Gattung Elefant von der Gattung Pferd zu unterscheiden?“

Tilvera: „Meiner Kenntnis nach nicht.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass die Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal alle anderen vorhandenen Merkmale negiert, also aufhebt?“

Tilvera: „Auch dies ist mir nicht bekannt. Denn wie wir wissen, führt dies zwingend dazu, dass dann eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde, und dies unabhängig davon, welches Merkmal dazu herangezogen.“

Ónytjungur: „Demnach ist weder rationales noch vorstellendes Begreifen daran  beteiligt?“

Tilvera: „Weder, noch.“

Ónytjungur: „Und jede Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal, das alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe, führt zwingend dazu, dass eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde?“

Tilvera: „Zweifellos, denn alle anderen Merkmale wären null und nichtig.“

Ónytjungur: „Auch wenn dieses ausgewählte Merkmale „Rasse“, Religion, oder die Mitgliedschaft in einem Automobilklub wäre?“

Tilvera: „Es änderte sich dadurch nichts. Was ist „Rasse“?

Ónytjungur: „Das, womit es jeweils besetzt wird, ganz nach Gusto. Einmal sind es Domherren, Kapläne und Kleriker, beziehungsweise solche, die dies nicht werden dürfen. Nachdem religiöse Gewissheiten zugunsten eines materialistischen-naturwissenschaftlichen Weltbildes in Frage gestellt werden, das Produkt großer Aufklärer in ihrem Bestreben, die Welt „logisch“ ordnen und klassifizieren zu müssen. Also irgendein x-beliebiger ideologischer Zusammenhang.“

NSDAPvsAfD
Die Wiedergeburt

Tilvera: „Wird darüber nicht Vorwand als Beweggrund ausgegeben?“

Ónytjungur: „Und wem nützte dieses Wissen? Sind doch die davon Befallenen der festen Überzeugung, dass dem nicht so sei.“

Tilvera: „Dann müsste es solchen doch wenigstens mal gesagt werden.“

Ónytjungur: „Du neigst zu Träumen. Denn das wäre denen bereits viel zu komplex. Zudem, zeigt nicht die Erfahrung, dass es Eigenschaft dieser Wesen ist, nur jenen Gockel zu hören, der am lautesten kräht? Und worauf kräht dieser bekanntlich?“

Tilvera: „Auf einem Misthaufen.“

Grundrechnen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Einmal angenommen, jeder Teilnehmer an der Herstellung von Gütern arbeitet nicht unentgeltlich, ist dann davon auszugehen, dass mit jedem weiteren Teilnehmer die Arbeitskosten zunehmen würden?“

Tilvera: „Nun, wer rechnen kann, der …“

Ónytjungur: „Nehmen wir nun noch an, dass jedes Unternehmen so kalkuliert, dass es einen Gewinn abwerfe, ist es dann nicht so, dass jedes zusätzlich hinzugenommene gewinnorientierte Unternehmen die eigenen Herstellungskosten um deren Gemeinkosten und Gewinn erhöhe?“

Tilvera: „Etwas anderes zu behaupten wäre …“

Ónytjungur: „Dann erkläre mir bitte, wie es sein kann, dass eine Dienstleistung, die ich kostenlos erhalten habe, teurer ist als dieselbe Dienstleistung, die mir ein gewinnorientiertes Unternehmen wegen seiner Gemeinkosten und dem einkalkulierten Gewinn in Rechnung stellt.“

Tilvera: „Es kann sich dabei nur um einen Trottel handeln, der wegen mangelhafter Kenntnisse in den Grundrechenarten solchen Unsinn annimmt.“

Ónytjungur: „Dann wäre es aber um die Kenntnisse im Grundrechnen gar arg bestellt in jenem Land, aus dem ich gerade komme. Dort wurden einst Arbeitssuchende von einem Dienstleister kostenfrei in eine neue Arbeitsstelle vermittelt, da diese ja durch Abtretung von ihrem Einkommen die Arbeitgeber des Dienstleisters sind. Nun musste ich feststellen, dass diese Dienstleistung von 6.671 gewinnorientierten Firmen angeboten wird, woraus diese jährlich einen Umsatz von 19,1 Milliarden Euro generieren, indem sie ihre 856.195 unterschiedlichen Waren verkaufen, die sie selbst unentgeltlich erhielten. Wenn ich richtig rechne, erhöhen sich dadurch nicht gegenüber der vorherigen Praxis die Arbeitskosten jährlich um die Gemeinkosten und den einkalkulierten Gewinnen dieser 6.671 neuen Dienstleister?“

Tilvera: „Nun, du hattest offensichtlich in Deinem Leben einmal einen Lehrer getroffen, der fähig war dir beizubringen, was die Menschen in der Regel bei der Berechnung wollen. Es dürfte dir dann aber auch bekannt sein, dass Regel nur aussagt, dass es auch Ausnahmen gibt. Es stellte sich somit  die Frage nach diesem Wollen, rechnen ist es ja schon mal nicht.“

Ónytjungur: „Was erklärte, wieso dort ein und derselbe Kopf allen Ernstes davon ausgeht, dass 571 weder größer noch kleiner ist als 844, sondern gleich, ohne dass ihm auch nur ein Einziger widerspricht.“

Tilvera: „Nun übertreibst du.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Sie sagen dort, dass sie auf den Notbedarf eines Menschen, also auf das, was ein Mensch notwendig braucht, um nach den Gesetzen der Natur überhaupt physisch überleben zu können, keine Abgaben erheben. Und sie sagen, dass sie für eben diesen Notbedarf sorgen, sollte einer nicht selbst dazu imstande sein.“

Tilvera: „Was Sinn generiert. Ist dies doch Grundvoraussetzung für eine Gemeinschaft, denn ohne dies wäre es ja keine. Zudem– wäre es nicht so, wie du berichtest –  stellte sich darüber hinaus auch noch die Frage, was denn dann den Anspruch rechtfertige, von jenem Erwerb nehmen zu dürfen, der über den Notbedarf hinausgeht, wenn im Gegenzug dafür noch nicht einmal für den Notbedarf gesorgt werde, sollte einmal einer seinen Notbedarf nicht selbst decken können, aus welchen Gründen auch immer. Handelt es sich dabei doch nur um die Deckung des Notbedarfs, und um nichts darüber hinaus.“

Ónytjungur: „So ist es. Wie ist es dann aber möglich, dass ein und derselbe Kopf im gleichen Augenblick in Summe wenigstens die Zahl 844 einem solchen, der seinen Notbedarf nicht selbst decken kann, zugestehen muss, da von den Fakten einfach erzwungen, denn mit weniger wäre dieser außerstande, sich wenigstens notdürftig zu ernähren und in einem kleinen Zimmer Schutz zu finden, und jenem, der für seinen Notbedarf und darüber hinaus noch selbst sorgen kann, am gleichen Ort in Summe maximal nur die Zahl 571 zur Deckung des Notbedarfs zugesteht?“

Tilvera: „Weil sich Leute bei Theorien auch nicht von Fakten beirren lassen?“

Ónytjungur: „Was erklärte, dass dort der Notbedarf auch noch in 150 verschiedene Leistungen zerlegt wurde, die dann von 40 Arten von Behörden erteilt werden.“

Tilvera: „Lass mich raten: die verschiedenen Leistungen sind über ein komplexes Prüfungs- und Rechnungswerk immer wieder zusammenzuführen, und dann so zu verrechnen, dass am Ende immer nur die gleiche Zahl herauskommt, und zwar unabhängig davon, aus welcher Anzahl an verschiedener Leistungen und Arten von Behörden sich die Zahlungen speisen.“

Ónytjungur: „Es wartet dort jeder vierte Hilfebedürftige nur auf vorrangige Leistungen, statt sie rechtzeitig zu erhalten.“

Tilvera: „Dann wäre dort aber nicht nur Armut verhindert, sondern auch noch produziert.“

Ónytjungur: „Es erwies sich als ein großer Fehler, die Fähigkeit zum Rechnen aufzugeben, und diese  den  Computer zu überlassen.“

Tilvera: „Computer können aber schneller rechnen.“

Ónytjungur: „Dann ist aber ausgesprochen seltsam, dass dort Lohn- und Gehaltszahlungen seitdem immer erst frühestens am 12. des Folgemonats erfolgen. Als ich als Zwölfjähriger in den Schulferien jeden Samstag den Wochenlohn der Bauarbeiter noch selbst ausrechnete, das Ergebnis Bruttolohn, Steuer, Sozialbeiträge, Nettolohn, etc. mit Kugelschreiber auf einen Lohnstreifen notierte, während der Chef das Bargeld von der Bank holte, waren alle Lohnabrechnungen jeden Samstag  rechtzeitig bis Mittag fertig, damit die Sekretärin die Beträge und Lohnstreifen auf die Lohntüten verteilen konnte, bevor die ersten Bauarbeiter sich vor dem Büro zur Warteschlange versammelten. Kannst du dir in etwa ausmalen, was geschehen wäre, wenn diesen Bauarbeitern auch nur einmal vom Bauunternehmer mitgeteilt worden wäre, dass die Löhne erst am 12. des Folgemonats auf das Konto überwiesen werden würden, da ich solange brauche, um die Lohnabrechnung zu erstellen? Und vergiss nicht, diese Bauarbeiter wären sogar noch in der Lage gewesen, auf Rücklagen zurückzugreifen, um die Wartezeit zu überbrücken.“

Anm. d. Red.: Die Auflösung des Zahlenrätsels finden Sie unter Schlagwort „Notbedarf“, oder hier

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Im Äther unterwegs

troll-imadeWEB-1Kein Isländer käme auf die absurde Idee, die Ausrichtung eines Musikfestivals für den Kern der Einwohner zu halten, als die Quintessenz, als mergur und kjarni, was den Kern bezeichne. Für Isländer kann Musik nur upploft sein, über der Luft, sprich: Äther. Auf Englisch: Airwaves.

Isländer sind vermutlich immun gegen den groben Unfug der Erbsenzählerei und wohlfeilen Substantivierung. Ein Unfug, der sich zum Beispiel darin zeigt, dass irgendeiner das bereits im Gebrauch befindliche Wort für eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft substantiviert, andere diesem diverse Adjektive zuweisen, und damit sämtliche Voraussetzungen erfüllen, um auf Jahrhunderte hinaus mit Pro- und Contra-Argumenten mehrere Bibliotheken füllen zu können. So wird aus einer Situation, in der einer lauthals lachte, das „Lachen“. Dass jener in dieser Situation lachte, weil er den Satz „„Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ las, ist irrelevant. Ist es doch das „Lachen“, was ihn dazu veranlasse, und nicht der konkrete Fall. Denn gäbe es „das Lachen“ nicht, … den Bibliotheken mag die Fortsetzung des Satzes erspart bleiben. Sie sind schon voll genug. Zudem lachen Isländer öfters als jene, die dazu erst in einen Keller müssen. Und schreiben lieber Erzählungen und Gedichte.

Entgegengesetzt verhält es sich bei solchen Ereignissen, wo einer ein Wort schöpft, um über dieses eine übergeordnete Klasse bezeichnen zu können, die er durch seine Analyse entdeckte, für welche aber noch kein geeignetes Wort geprägt war, was in moderner Zeit eine Generalisierung genannt, die das Gemeinsame abstrahiert, und dem dadurch Entstandenem einen Bezeichner gibt, damit auf ihn Bezug genommen werden könne. Wer in seinem Leben schon einmal einen Fiat, einen Mercedes, einen Ford und einen VW gesehen hat, wird bestätigen, dass diese konkret sind und irgendwann einmal zu Rost zerbröselten, also ihre Zeit hatten, und dürfte bestätigen, dass das Wort Auto deswegen nicht zerbröselte. Keiner käme auf die Idee, dem Auto Sein zumessen zu müssen wie den vier Exemplaren, die zu Rost zerbröselten. Und gäbe es kein einziges der Exemplare, das Wort Auto hätte seinen Zweck verloren.

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Location: Modehaus (Dikta)

Die Geburtsstunde des Bezeichners Äther liegt nun schon 2.300 Jahre zurück. Neben sonstigem Unfug sah sich das Mittelalter gemüßigt, das Wort durch das Wort Quintessenz zu ersetzen, was das fünfte Seiende bezeichne, maß diesem – so das Selbstverständnis der Gebrauchenden – die Bedeutung „das Wesentliche“, „das Wichtigste“ zu, womit auch der Hauptgedanke einer Argumentation gemeint.

Nun wäre anzumerken, dass der Schöpfer des Bezeichners damals einfach vier bereits vorhandene Bezeichner, die vier Dinge bezeichneten, aufgriff, diese analysierte, und feststellte, dass diese vier Dinge zwei Grundeigenschaften zugeordnet werden könne, wobei eine als Temperatur bekannt sei, die andere als Feuchtigkeitsgrad, und entwickelte darüber einen neuen Begriff, der alle vier Bezeichner umfasse, will sagen: deren Eigenschaften allesamt erbe: der Äther. Da er nicht blind war wie seine Vorgänger, die blind behaupteten, das einzige Unvergängliche seien die vier Elemente, und auch auf Einstein nicht warten konnte, sah er sich gezwungen, selbst zu verkünden, dass die vier Elemente keineswegs unveränderlich seien, sondern sich ineinander umwandeln könnten, die Summe aus den Vieren jedoch unveränderlich und zeitlos sei. Dieser Vorgang bei einer Analyse wird Generalisierung genannt, der sich von Pauschalisierung dadurch unterscheidet, dass der Oberbegriff alle Eigenschaften der ihm zugeordneten Begriffe erbt, was bei Pauschalisierung nicht der Fall ist. Der Oberbegriff ist jedoch über die Summe der durch Generalisierung geerbten Eigenschaften keineswegs beschrieben, sondern nur, dass der Oberbegriff auch über deren Eigenschaften verfüge, zu jenen, über die er sonst noch verfüge, die jedoch nicht Eigenschaften der zugeordneten Begriffe sind.

Ein jeder dürfte die Aussage dieses damals lebenden Grüblers über die vier Elemente bestätigen können. So er kein Erbsenzähler ist. Erbsenzähler sehen vier Erbsen, was sie dazu bringt, eine fünfte Erbse zu sehen, was sie –folgerichtig – dann Quintessenz nennen. Was denen logisch erscheint, denn wozu wurden sonst die Modalverben erfunden, die es in jener Zeit und an jenem Ort, als das Wort Äther einer Beschreibung zugeführt, in der Grammatik noch gar nicht gegeben hatte. Das Eigentliche, Wesenhafte, das Ergebnis eines solchen Vorgangs, das Wort Äther durch Quintessenz zu ersetzen? Aus Vier mach Fünf.

Was erzwungen. Denn im Gegensatz zu dem Schöpfer der Zuweisung  Äther gingen die Philosophen des Mittelalters davon aus, dass das Universum Anfang und Ende habe, die Seele nur Anfang und kein Ende, und es einen Plural zu dem Wort „Intellekt“ geben müsse. Nach dem Mittelalter spalteten sich die „Intellektuellen“ dann in Atheisten, die der Seele ein Ende zuwiesen, und Klerikern, die dies nicht taten. Alle anderen Punkte blieben zwischen den Kontrahenten weiterhin unstrittig, auch wenn deren Erzählungen in Folge etwas unterschiedlich ausfielen: was den Anfang des Universums betraf, war es bei den einen ein Gott, bei den anderen ein Urknall.

Isländer sind nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie gerne Befehle entgegennehmen. Wittgenstein schien es geahnt zu haben, als er den Satz niederschrieb: „Befehle werden manchmal nicht befolgt. Wie aber würde es aussehen, wenn Befehle nie befolgt würden? Der Begriff Befehl hätte seinen Zweck verloren.“ Und so kam, was kommen musste: Die Isländer nannten ihr Musikfestival nicht etwa Quintessenz, sondern Äther.

Schon das Konstrukt des Äthers, so nennen die Isländer ihr Musikfestival, das seit 1999 jedes Jahr veranstaltet wird, zeigt deutlich, dass Isländer zwar die Fünf oft und gerne gerade sein lassen, aber keineswegs davon ausgehen, dass es ein fünftes Seiendes gebe. Für Isländer gibt es Feuer, Wasser, Luft und Erde, und die Probleme und Lösungen, die einem aus diesen Vieren erwachsen, sind ihnen schon ausreichend genug. Sie wissen, wo das Land den Menschen formt, zeigt es ihm auch die Grenzen auf, will er das Land formen. Allerdings gebe es da noch den unwandelbaren und zeitlosen Äther, innerhalb dessen die vier Elemente sich ineinander umwandeln, und der die Eigenschaften der vier Elemente erbe. Was da geerbt, könne jedoch nur dann sich annähernd vorgestellt werden, wenn alle Ergebnisse die Möglichkeit hätten, sich als Ergebnis auch zu präsentieren, da de facto vorhanden. Was vermutlich dazu führte, dass jede Formation aus Musikern, so sie einmal auf den Airwaves aufgetreten, nie wieder bei den Airwaves auftreten darf, und für jeden Gig einer Band in den zahllosen Pubs und sonstigen Lokationen nur 20 Minuten gewährt werden. Was Sinn mache, denn im anderen Fall wäre nur ein Teilsegment sichtbar, und wer wolle entscheiden, welches sichtbar werden dürfe und welches nicht? Das fünfte Seiende? Dies wäre zwar möglich, allerdings wäre dann nur jenes als Seiendes im Äther vorhanden, was irgendwelchen Vorstellungen irgendwelcher Personen genügte, und nicht jenes, was da ist.

Allerdings wird es mit den 20 Minuten nicht so genau genommen. Da kann es schon sein, dass eine Band wie Bubbi of Dimma oder andere Bands länger als 20 Minuten spielen. Was kein Problem ist, denn Isländer sind keine Polizisten. Oder dass das Konzert, das traditionell am dritten Oktoberwochenende veranstaltet werde, erst in der ersten Novemberwoche stattfindet. Für Isländer ist Zeit nicht jenes, was die Uhr sagt, sondern jenes, wofür sie diese verwenden.

Der reinste Albtraum. Für solche, die sich rühmen, dass sie genau wüssten, was gute Musik von schlechter Musik unterscheide, und dies die Motivation wäre, die sie dazu triebe, Konzerte veranstalten zu müssen. Nicht jedoch für Musiker und solche, die an Musik und Rhythmus interessiert. Führten die Musiker doch ein Selbstgespräch in jenem Augenblick, in dem sie erstmals Töne und Rhythmen zu einem Musikstück aneinanderreihten, jene Stimmungen in Musik überführend, welche die spezifischen Wandlungen der vier Elemente in ihnen weckten, und sollten sie dies in einer Gruppe tun, dann entstand daraus nichts anderes als die Summe der Selbstgespräche der daran Beteiligten, über die eine Einigung herbeigeführt.

Gibt es doch zwei Sichtweisen bei jeder Wertzumessung. Diejenige, welche das Bewirkte, und jene, die das Bewirkende sieht. Isländern ist der Unterschied geläufig. Kennen sie doch die Sätze, die Halldor Laxness vor 60 Jahren den tausenden Isländern im Hafen von Reykjavik zurief, die zum Kai gekommen waren, um ihn, der gerade den Literaturnobelpreis erhalten hatte, willkommen zu heißen: “Einmal mehr will ich ein kleines Zitat benutzen, welches ich zuvor schon benutzt habe, über einen Poeten, der seiner Liebsten ein Gedicht schickte, eine ganze Gedichtserie. Als sie ihm dafür dankte, sagte er die folgenden Worte in Versform: ‚Danke mir nicht für die Gedichte, denn du warst es, die du sie mir vorher gegeben hattest.’”

Und ist da einer, der bezweifelt, dass die Musikstücke zeitlos und unveränderlich sind, er mag ein Gerät entwickeln, und es in 100 Jahren 10,5 Millionen Kilometer entfernt von Reykjavik aufstellen. Ein Gerät, das intelligent genug konstruiert ist, um die Schallwellen soweit verstärken zu können, dass sein Ohr vernehmen kann, was an dieser Stelle in diesem Augenblick durch den Äther schwirrt. Und es gibt keinen, der dies verhindern könne, mit der Behauptung, es handle sich da um gute oder schlechte Musik. Er darf es dann selbst entscheiden. Wer nicht so lange warten mag, möge sich auf Island gleich auf einem der zahlreichen Festivals sein eigenes Urteil bilden. Ist es doch so: was dem einen nur Geräusch, ist dem anderen Musik. Und damit Musik den Äther nicht nur zu Beginn des Winters bereichere, darum kümmern sich alljährlich zahlreiche weitere Musikfestivals.

Ins Gerede geraten

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Sag mir, Kommunikationsfreund, zähltest du all jene Sätze zusammen, die du in deinem Leben jemals gehört hattest, wie viele davon wären solche, auf die du bis zu jenem Augenblick vergeblich hofftest, und wie viele waren solche nicht?“

Tilvera: „Nun, es waren wenige von der ersten Sorte, und die zweite Sorte zu zählen wäre etwas zu viel verlangt.“

Ónytjungur: „Was vermutest du, ergeht es nur dir so, oder auch allen anderen?“

Tilvera: „Ein Mensch kann nur über sich selbst reden, bei anderen ist er auf Vermutungen angewiesen. Ich vermute, dass es jedem Menschen so ergehe.“

Ónytjungur: „Erkläre mir dann, wozu die Menschen dann so viel reden.“

Tilvera: „In all diesen Kontexten ist entscheidend, was von wem gesagt werde.“

Ónytjungur: „Ist es nicht so, dass sich besser vor Leuten zu hüten wäre, die einem Fragen stellten, zu denen sie sich bereits eine Meinung gebildet haben, die sie demnach bloß bestätigt haben möchten? Oder mittels derer sie einem unbewusst Ablehnung entlocken wollen, um damit ihre eigene Überzeugung zu stützen?“

Tilvera: „Der Mensch ist des Menschen Lust, so wird erzählt.“

Ónytjungur: „Auch wenn die Verbindung mit solchen Menschen fruchtlos?“

Tilvera: „Nun, der eine sucht Bestätigung, ein anderer Anerkennung, ein weiterer erstrebt Nützlichkeit …“

Ónytjungur: „Und wenn keine Bestätigung angestrebt, Anerkennung nicht nachgefragt, da ohnehin nur von falscher Seite gezollt, und wenn auf Nutzen nur noch erkannt, sofern dieser entweder unentgeltlich erhältlich oder billig, oder in Form einer eingeforderten Bestätigung oder Abweisung, die zu gewähren wäre? Ist es dann nicht so, dass sich einem dann solches Sein zeige, welches übrig bliebe? Welcher Art wäre dann ein solches?“

Tilvera: „Da bin ich überfragt, denn mir ist solches Sein unbekannt. Zudem ist deine Frage rein theoretischer Natur.“

Ónytjungur: „Zeige mir einen Menschen, der der Worte voll ist, und ich zeige dir einen Träumer. Zeige mir einen Menschen, der stumm bleibt, und ich zeige dir einen Krüppel, der bereits mehr gehört als ihm zuträglich.“

Tilvera: „Was sein Gutes hat. Denn so möglich es auch sein mag, einen Satz herausarbeiten zu können, der geeignet wäre, die eine oder andere vorhandene Grausamkeit abzustellen, so sicher ist es auch, dass der Verfasser von Glück reden könne, wenn der Satz überhört oder abgelehnt werde. Bleibt ihm dieses Glück versagt, geriete der Satz nur in solche Hände, die ihn erfolgreich für niedrige Beweggründe zu nutzen wissen, ihn hierfür missbrauchen, ihn zur Befriedigung eigener Bedürfnisse zweckentfremden, unter dem Vorwand, ihn erfüllen zu wollen. Solche Sätze erleiden entweder das eine oder das andere Schicksal.“

Ónytjungur: „Was erklärte, dass die Anzahl jener, die sich bei ihrem Vorhaben auf eine hinlänglich bekannte Person berufen, immer erst dann exponentiell anschwillt, wenn die betreffende Person sich zu diesem Gebaren nicht mehr äußern könne.”

Tilvera: „Es macht Sinn, zu lesen, was jene einst selbst aussagten, so dieses überhaupt möglich.“

Ónytjungur: „In aller Regel führt dies dazu, dass dabei festgestellt werde, dass sich nur deshalb gerne auf jene Person berufen wird, damit verschleiert, dass deren einstiger Wille konterkariert werden solle. Ist da nicht in einem Selbstgespräch mehr Nutzen auffindbar?“

Tilvera: „Gibt es unverfängliche Formen des Selbstgespräches?“

Ónytjungur: „War ein Gedicht oder eine Erzählung jemals etwas anderes als das Resultat eines ausgiebigen Selbstgesprächs? Es entstehen dabei zum Beispiel solche Sätze: Während ich von einem langen Gedicht geschrieben werde. Ist es nicht so, dass so mancher Mensch von einem langen Gedicht geschrieben werde, allerdings noch keiner auf die Idee kam, es ihm mitzuteilen?“

Tilvera: „Ich bin kein Dichter. Was Voraussetzung wäre, um deine Frage beantworten zu können. Außerdem gibt es sicherlich auch noch andere sinnvolle Beweggründe, um nicht ins Selbstgespräch fallen zu müssen.“

Ónytjungur: „Als da wären?“

Tilvera: „Nun, es könnte zum Beispiel sein, dass das Gewissen einen hierzu dränge, der innere Gerichtshof. Erzwungen von der Pflicht des Menschen gegen sich selbst, als dem angeborenen Richter über sich selbst.“

Ónytjungur: „Du überrascht mich. Du bist der Ansicht, dem Menschen sei ein Richter über sich selbst angeboren, der ihn zu einer Pflicht gegen sich selbst zwinge?“

Tilvera: „Um dies zu verstehen, müsstest du erst verstehen, was Philosophie ist.“

Ónytjungur: „Nun, du sagtest, dass du kein Dichter bist, und es ist Aufrichtigkeit mit Aufrichtigkeit zu vergelten. Ich muss dir daher eingestehen, dass ich weder Dichter noch Philosoph bin.“

Tilvera: „Ist dir kein Richter über dich selbst angeboren, der dich zu einer Pflicht gegen dich selbst zwinge?“

Ónytjungur: „Woher sollte ich das wissen? Verhält es sich nicht so, dass „Natur“ durch das Wort „Gewissen“ ersetzt wurde, es demnach kein Naturrecht gebe, nicht natürliches und unnatürliches Sein, sondern nur gewissenhaftes und gewissenloses?“

Tilvera: „Dem Naturrecht waren Grenzen aufzuzeigen.“

Ónytjungur: „Nun, das erklärte, dass bei all vorhandener neu entstandener Gewissenhaftigkeit der Gewissenloseste der erfolgreichste ist.“

Tilvera: „Es wird behauptet, im modernen Gewissensbegriff sei die Individualität und Nichtübereinstimmung normativer Entwürfe institutionalisiert worden, dabei wären jene Mechanismen außen vor geblieben, die für soziale Anpassung sorgten.“

Ónytjungur: „Und was ist soziale Anpassung?“

Tilvera: „Unter sozialer Anpassung wird die Einordnung des Individuums in die Rollenstrukturen und das Normengefüge der Gesellschaft und gesellschaftlicher Gruppen verstanden.“

Ónytjungur: „Und was habe ich mir unter Rollenstrukturen und Normengefüge der Gesellschaft vorzustellen?“

Tilvera: „Zum Beispiel, dass du dich heute dem technikzentrierten Leitbild unterwerfen …“

Ónytjungur: „Und was wird durch ein technikzentriertes Leitbild ermöglicht?“

Tilvera: „Engineering.“

Ónytjungur: „Und was ist Engineering?“

Tilvera: „Die Anwendung von Ingenieurslogik.“

Ónytjungur: „Wurde beim ersten bemannten Flug ins All von den Amerikanern nicht ein Stift entwickelt, der auch in der Schwerelosigkeit nicht auslaufen konnte? Die Entwicklung soll sage und schreibe eine Million Dollar verschlungen haben.“

Tilvera:Intelligenz ist nun mal nicht billig.“

Ónytjungur: „Und war nicht davon zu lesen, dass andere das Problem mit einem Bleistift lösten? Wie viel kostet ein Bleistift?“

Die wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es gibt in der Demokratie keine Ohnmacht. Die menschliche Macht kann von Menschen gebrochen werden, durch den Aufstand des Gewissens, durch die Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Will der Mensch nichts sagen, bedient er sich nichtssagender Begriffe. Und da kennzeichnendes Merkmal von Gesellschaften deren Vorliebe für Geschwätz ist …“

Tilvera: „Ich habe keine nichtssagenden Begriffe verwendet.“

Ónytjungur: „Interessant. Und was habe ich mir beim Gebrauch der Worte Demokratie, Gewissen und Zivilgesellschaft vorzustellen?“

Tilvera: „Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, Zivilgesellschaft ist die wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft, und das Gewissen wird als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die bestimmt, wie man urteilen solle.“

Ónytjungur: „Und du glaubst, deine Aussage wird besser, indem du weitere nichtssagende Begriffe hinzufügst? Und ist Gewissen nicht das Gefühl der inneren Ruhe oder Unruhe, das in das Bewusstsein tritt, wenn eine vorgehabte, begangene oder unterlassene Tat im Einklang oder Widerspruch zu einem moralischen Grundsatz steht, der für denjenigen verbindlich ist?“

Tilvera: „Ich hatte immer noch keine nichtssagenden Begriffe verwendet.“

Ónytjungur: „Interessant. Und was habe ich mir beim Gebrauch der Worte wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft und menschlichem Bewusstsein vorzustellen?“

Tilvera: „Natürlich die westliche Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Dir ist aufgefallen, dass du dich nun im Kreis bewegst?“

Tilvera: „Weil ich Synonyme verwende?“

Ónytjungur: „Keineswegs. Weil du Behauptung mit Wirklichkeit verwechselst.“

Tilvera: „Und was wäre deiner Ansicht nach dann Wirklichkeit?“

Ónytjungur: „Nun, Wirklichkeit wäre zum Beispiel der Satz von Albert Einstein, dass Wissenschaft ohne Religion lahm ist, und Religion ohne Wissenschaft blind.“

Tilvera: „Und was wäre deiner Ansicht nach dann Behauptung?“

Ónytjungur: „Dass es sich bei der westlichen Zivilgesellschaft um eine wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft handle.“

Tilvera: „Du erzählst mir, dass deine Intelligenz sich noch nicht derart umfangreich entwickelt habe, um den Zusammenhang zwischen der Aussage eines Wissenschaftlers und den Aussagen einer wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft herzustellen?“

Ónytjungur: „In der Tat. Denn eben jene wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft war und ist es, die nicht nur gegen den Willen dieses Wissenschaftlers nukleare Bomben herstellt, vorhält und einsetzt, sondern es darüber hinaus auch noch als völlig normal und legal ansieht, dass sie selbst und jeder andere Mensch auf der Welt von ein paar Scharlatanen jederzeit umgebracht werden dürfe, wann immer es jenen gefiele, und zwar in einem solchen Umfang und Ausmaß, dass diesem gegenüber die Grausamkeiten der Barbaren des Altertums nur jämmerliche Fingerübungen waren. Sofern ich mich recht erinnere, nennen sie es evolutionären Humanismus, an dem die Menschheit genese.“

Tilvera: „Was kein Schaden ist, denn wie ich eingangs schon sagte, gibt es in der Demokratie keine Ohnmacht, da die menschliche Macht von Menschen gebrochen werden könne, durch den Aufstand des Gewissens, durch die Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Ist es nicht so, dass der Mensch immer erst genau dann auf eine theoretisch bestehende Möglichkeit hinweist, nachdem er erfolgreich zum Ideologen degenerierte?“

Tilvera: „Du willst abstreiten, dass menschliche Macht von Menschen gebrochen wurde?“

Ónytjungur: „Wo denkst du hin. Aber zu verbreiten, das auslösende Motiv wäre jemals der Aufstand des Gewissens einer Zivilgesellschaft gewesen, dazu bedarf es erst der Fähigkeit, ein Ideologe sein zu können.“

Tilvera: „Und was ist deiner Ansicht nach ein Ideologe?“

Ónytjungur: „Im neutralen Sinne handelt es sich bei einem Ideologen um einen Dummkopf, der das durch eine Schießscharte Dargebotene für eine wichtige Weltanschauung hält.“

Tilvera: „Du vergisst den vorhandenen Intellekt.“

Ónytjungur: „Eben nicht. Denn Intellekt und Wir-Gefühl sind disjunkte Konzepte. Gemeinsam ist beiden, dass ihnen die Abwesenheit des jeweils anderen notwendig.“

Tilvera: „Demokratien werden erst durch Zusammenwirken von Wir-Gefühl und Intellekt möglich.“

HalbierterBaum
In wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften endet Arete spätestens bei einem überhängenden Ast

Ónytjungur: „Nun, das erklärte, aus welchem Grund es in der westlichen Zivilisation sogar nach mehr als zweitausend Jahren immer noch keine einzige Demokratie gibt.“

Tilvera: „Und um welche Gebilde handelte es sich dann deiner Ansicht nach?“

Ónytjungur: „Folge ich wieder dem Wissenschaftler, in diesem Falle dem Stagiriten, der den Begriff Demokratie einführte, dann ist mit dem Wort Demokratie die Herrschaft jener bezeichnet, die von Arete geleitet werden, also von Tapferkeit, Großzügigkeit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit. Es dürfte auch dir bekannt sein, dass die Grenzen von Tapferkeit, Großzügigkeit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit keineswegs Landesgrenzen und Grundstücksgrenzen sind, und wirst mir sicherlich hier nicht erzählen wollen, dass unter jenen Gebilden, die du als Demokratien bezeichnest, sich auch nur ein einziges Exemplar befinde, welches sich auf den vom Stagiriten aufgezählten identifizierenden Merkmalen gründe und danach handle.“

Tilvera: „Das nicht, aber was sollten diese Gebilde dann sonst sein?“

Ónytjungur: „Es verhält sich auch hier so wie bei dem Satz von Einstein, und jenem, was die sogenannte wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft in Folge daraus formte. Hier nun ist das Resultat jenes, dass diese Gebilde sich nur deshalb zu gerne als Demokratie ausgeben, um nicht bekennen zu müssen, dass es sich um reine Diktaturen handle. Der Unterschied dieser Gebilde zu einem solchen, das als Diktatur angesehen, zeigt sich einem einzig in der Anzahl der darin agierenden Diktatoren.

Möglicherweise handelt es sich dabei um eine spezielle Form einer anthropologischen Konstanten, die bei wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften auftritt, und die dazu führt, dass der mit Intelligenz ausgestattete Mensch genauso gerne negativ konnotierte Wörter durch positiv konnotierte ersetzt, wie er sich positiv konnotierter Wörter bemächtigt, um durch diese die Wirklichkeit fortgesetzter Schäbigkeit kaschieren zu können. In der erstgenannten Richtung dürfte es wohl unschädlich sein, denn keiner stellte sich bei dem Wort Entsorgungspark etwas anderes vor als eine Mülldeponie. Geschieht solches aber in umgekehrter Richtung, wird es jedoch gefährlich, denn als Ergebnis wäre darüber erzwungen, dass vergessen wird, was mit dem Wort Demokratie  bezeichnet.“

Tilvera: „Das würde bedeuten, dass einer Diktatur nur Demokratie zu nennen brauche, da dies dazu führe, dass keinem mehr möglich sei zu erkennen, was Demokratie ist.“

Ónytjungur: „Dem Diktator ist seine Diktatur stets eine Herrschaft des Volkes.“

Tilvera: „Du vergisst das Wir-Gefühl.“

Ónytjungur: „Du meinst jenes Gebaren, welches darauf ausgerichtet ist, die Leute dazu zu konditionieren, dass sie einen unterstützen? Führt dies am Ende nicht zur Entstehung von so etwas wie einer gesellschaftlichen Gruppe, die das Stammesverhalten verstärkt, aber das Wissen verdummt?“

Tilvera: „Es gibt Schlimmeres.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund heraus erinnert mich dieses  Argument an das Argument jenes Jungen, der darauf bestand, dass an ihm die Welt zu genesen habe, denn immerhin habe er den Klassenkameraden nur bestohlen, und ihn nicht auch noch verprügelt wie der andere?“

ukThe information society based on science

frLa société de l’information basée sur la science

Das Gehege

troll-imadeWEB-1Wollte einer den Zustand Europas beschreiben, es wäre jener eines formvollendeten Zuges, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen bei nicht funktionierender Klimaanlage. Und sollte es sich bei dem Zug um einen solchen handeln, dessen Fenster sich öffnen ließen, es fände sich sicherlich mindestens einer in jedem Waggon, der herbeieilte, bei 27 Grad Außentemperatur Hand an dieses legte, es nach oben schöbe, um nach vollzogener Tat seine Dialogbereitschaft und selbstlose Anteilnahme offenzulegen: „ES ZIEHT!“

Rifkin faselte in seinem Buch „Die empathische Zivilisation“ etwas von einem „empathischen Bewusstsein“, welches durch ein „Hineinversetzen“ die Welt retten werde. Er plädiere für einen Wandel hin zu einer überlebensfähigen Zivilisation, die auf einer neuen Energie-Weltordnung, auf einer gerechteren dezentralen Verteilung, und vor Allem auf die Entwicklung weltweiter Empathie und Solidarität sich gründe.

Richard Rorty verwies auf den Vorrang von Toleranz und Demokratie vor zeitloser Wahrheit, auf der Grundlage von Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität, und Mitgefühl.

Die westliche Zivilisation, der Inbegriff an Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität und Mitgefühl, hatte sich auf den Weg gemacht, darüber seine Hoffnung zu realisieren, das Leiden zu verringern, da mit der Fähigkeit ausgestattet, fremde Menschen als Leidensgenossen zu sehen, im Prozess, in dessen Verlauf wir allmählich andere Menschen als „einen von uns“ sehen statt als „jene“.

Sicher ist, dass – auf Grundlage dieser Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität und solchem Mitgefühls – nun schon seit Jahren die aufgedunsenen Leiber abertausender Kinder, Frauen und Männer das Mittelmeer füllen, und es sich weiter füllen wird mit solchen Kindern, Frauen und Männern, die lieber den Tod in Kauf nehmen als dieses Leben; ausgeliefert von geldgierigen Schleppern, ermordet von untertänigen Schergen, die von Autochthonen aus Prozessen heraus beauftragt, welche von diesen als demokratische anerkannt.

Den ungezählten Ertrunkenen und Verdursteten war unbekannt geblieben, dass das identifizierende Merkmal westlich zivilisierter Gesellschaften mit ihrer neuen Energie-Weltordnung nicht nur deren völlige Unkenntnis über sich selbst ist, sondern deren Unkenntnis mittlerweile soweit fortgeschritten war, dass ihnen sogar die Zusammenhänge zwischen Wetter und Kleidung abhandenkamen, und daher zum Beispiel in Deutschland die Moderatoren der gängigen Musiksendungen gezwungen sind, die rund um die Uhr dudelnde einheitliche Musikfarbe alle Viertelstunde zu unterbrechen, um im Tonfall depressiver Trauer den Autochthonen, die gerne in vollklimatisierten Autos unterwegs sind, die Neuigkeit mitzuteilen, dass das Tief „Erika“ zwar leider immer noch Dauerregen beschere, allerdings am Donnerstag nach diesen unzumutbaren Verhältnissen endlich wieder mit Temperaturen oberhalb von 27 Grad Celsius zu rechnen sei, und dann die Welt wieder im Lot wäre.

Fahrrad
Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung

Was die Frage erlaube, worin der Nutzen solcher  Nachrichten läge, die darüber informieren, was hinlänglich bekannt sein dürfte, würde einer auch nur einen einzigen Blick durch die Windschutzscheibe seines SUV wagen, und welcher Nutzen aus der Aussicht zu gewinnen wäre, in drei Tagen könnte eventuell das Thermometer endlich wieder jene Grenze durchbrechen, welche den Schülern zwar einstmals das ersehnte „hitzefrei“ bescherte, diese Praxis jedoch in den Schulen von den Pädagogen längst abgeschafft wurde, und in modernen Zeiten informieren heutzutage die Führungskräfte der global spielenden Unternehmen erst ab 37 Grad Celsius via e-mail ihre Mitarbeiter, mit dem aus den Staaten eingeführten vertraulichen „du“, dass nun die Krawatte nicht mehr zwingend erwartet werde.

Isländische Forscher hatten kürzlich notiert, dass sich in den letzten Jahrzehnten sowohl Temperatur als auch Salzgehalt des Golfstroms signifikant verändert habe, und so kursieren auf Island gegenwärtig gerne Witze, dass sich die Menschen nun die Sorgen sparen können, ihre Häuser würden im Meer versinken, da der Meeresspiegel durch abschmelzende Pole infolge intelligenter Leistungen nichtprimitiver Gesellschaften steigen werde. Denn bis es soweit sein wird, stünden ohnehin keine Häuser mehr, die im Meer versinken könnten, da zu diesem Zeitpunkt die Häuser schon längst von Stürmen unbekannten Ausmaßes hinweggefegt worden wären. Und wer schon einmal in einem der vierzig Stürme unterwegs war, die im letzten Winter den Aussagen zufolge erstmals seit der Landnahme Islands in dieser Häufigkeit und Intensität dort auftraten, weiß wovon die Rede ist. Allerdings wissen Isländer bereits seit Jahrhunderten, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte Kleidung.

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Post-Technologie

Es ist davon zu lesen, dass die Menschen einem Glauben oder System nach dem anderen folgen würden, und von allen glaubten sie, sie würden Antwort liefern, also das, was alle Probleme lösen werde. Im Westen zum Beispiel seien die Menschen zuerst der Religion gefolgt und verwarfen sie dann zugunsten der „Vernunft“; danach setzten sie all ihr Geld auf die Industrie und schließlich auf die Technologie. Und solange ihnen die Allheilmittel nicht ausgingen, würden sie von dieser Gewohnheit wohl nicht geheilt werden.

Niklas Luhmann notierte, „…dass die moderne Gesellschaft die durch sie betroffenen Individuen zu entgegengesetzten Einstellungen anreizt: Zu Empathie und zu Borniertheit … Dabei ist es nicht das Problem, dass das Individuum borniert denkt. Das sowieso. Was auffällt, ist die Kommunikation bornierter Meinungen in der Erwartung von Zustimmung – wenn nicht von allen, dann doch von Gleichgesinnten“.

Auf diese Weise entstand eine Kultur, welche der Ansicht ist, die Mutter von Albert Camus sei eine Analphabetin gewesen, da sie nur über einen “Wortschatz von 400 Wörtern” verfügte, und versetzte sich als „empathische Zivilisation“ in die Situation des Ertrinkenden im Mittelmeer, ist entsetzt, empört, betroffen, schockiert, und schüttelt den Kopf. Solange in der Hauptsache selbst nicht verhandelt. Mitleiden aus Hineinversetzen als Tranquilizer für vorhandene Blasiertheit. Ein Wortschatz von 400.000 Wörter macht offensichtlich nicht zwingend intelligenter, sondern nur eloquenter.

Selbst die Heringe und Makrelen des Atlantiks hatten genug von solcherart Selbsttäuschung, suchten vor den Auswirkungen solcher Klugheit und Güte Zuflucht in isländischen Gewässern: lieber gedunsen kieloben auf Wasserflächen in kaltem Wasser treibend und vom Gift der isländischen Aluminiumhütten willkommen geheißen, als in warmer Brühe verenden. In der Hoffnung, vorher von barmherzigen isländischen Fischern einer nützlicheren Bestimmung zugeführt zu werden. Und die isländische Band Jói á hakanum (weißer reaktionärer Hinterwäldler auf Sparflamme) spielt passend dazu ihren Þýskublús ( Deutschblues):

Ein Kind in der Gesellschaft

troll-imadeWEB-1Der Mann in  dem abgenutzten Mantel öffnete seine Aktentasche, zog ein paar Blätter Papier heraus, und ging von Tisch zu Tisch, um die Blätter den wenigen Gästen anzubieten.

Vermutlich ein Versicherungsvertreter auf Kundenfang, der auch noch die allerletzte Möglichkeit auszuschöpfen suchte. Denn das Cafe Hresso war vor 30 Jahren in der Hochsaison nur spärlich besucht, Touristen gab es noch nicht, und die meisten erwachsenen Isländer waren damals während der Ferienzeit in alle Winde verstreut auf Reisen, was den Jugendlichen Gelegenheit gab, sich ausreichendes Taschengeld mit einem Ferienjob zu verschaffen. So waren die Gäste im Cafe Hresso in jener Zeit meist Schreiberlinge, die stundenlag neben ihrer blechernen Kaffeekanne seitenweise leere Blätter mit Texten füllten. In jener Zeit war Alkohol nur in den staatlichen Spirituosenläden zu haben, daher wurde der Kaffee noch in einer großen Kanne serviert, die einen halben Liter fasste, und welche die Schreiberlinge dann für die nächsten vier Stunden vor der Dehydrierung bewahrte. Es war damals auch nicht ratsam, zu viele Kannen mit dem starken Gebräu zu konsumieren, und wer schon jemals den Albtraum eines Koffeinrausches überlebt hat, weiß wovon die Rede ist.

Ragnar unterhielt sich angeregt mit dem Mann. Der Mann war kein Versicherungsvertreter, sondern ein Dichter, der seine neuesten Gedichte verkaufte. Auf die Frage, ob die Gedichte zu schlecht wären, denn er hätte ihm keines der Blätter abgekauft, erwiderte Ragnar, dass er die Gedichte bereits besitze, und schloss mit dem Satz: „Er ist ein Kind in der Gesellschaft“.

Bereits Halldor Laxness stellte philosophische Betrachtungen über das Wort Gesellschaft an. In seinem Buch „Auf der Hauswiese“ ging er der Frage nach, was mit Gesellschaft wohl bezeichnet werde:

„Gesellschaft existierte nicht einmal, als ich aufwuchs. Wir wollen hoffen, dass es sie heute gibt, damit man sie verbessern kann, obwohl ihre Anschrift unbekannt ist und es nicht möglich ist, sie vor Gericht zu belangen. Neulich fragte ich einen intelligenten Bekannten, ob er wisse, was die Gesellschaft für ein Verein sei: das Volk, die Regierung, das Parlament, oder vielleicht die Summe von all dem? Jener Freund legte seine Stirn in Falten und antwortete am Ende: Ist es nicht am ehesten die Polizei, die man so bezeichnen kann?

Heute wissen die Nachgeborenen, dass die Gesellschaft zwar existiert, sie allerdings nicht verbessert werden kann. Denn es gilt der Satz von Albert Einstein: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Und Niklas Luhmann fügte dem hinzu:

„… Was so sehr über den Geisteszustand der Mitglieder einer Gesellschaft täuscht, ist die Übereinstimmung in ihren Auffassungen und Ideen. Man nimmt naiv an, die Tatsache, dass die Mehrzahl der Menschen ihre Ideen oder Gefühle teilt, bedeute schon die Richtigkeit derselben. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Übereinstimmung als solche ist keine Bürgschaft für Vernunft oder für geistige Gesundheit…“

Gesellschaft wird durch solche beschreibbar, welche in ihr derart erfolgreich tätig sind, dass sie Aufmerksamkeit genießen. Und was die Aufmerksamkeit betrifft, so lässt sich diese an jenem Geisteszustand messen, der durch tägliche Einschaltquoten dokumentiert. Mit der Zeit wurde einfach vergessen, dass sich Gemeinschaften einst deswegen bildeten, um ausreichend Nahrung zu finden, der Bedrohung durch andere Spezies zu begegnen, und um voneinander zu lernen. Als ihnen diese Beweggründe abhandenkamen, verwandelten sich diese gesunden Gewebe in jene Krebsgeschwüre, die heute mit dem Wort Gesellschaft umschrieben werden. So wäre zum Beispiel bei einem Vergleich des Verhältnisses der Summe an getöteten Menschen, die im Namen des Guten ihr Leben verloren, und im Namen des Bösen, mehr Sorge angebracht; wegen jener, die nicht als Verbrecher angesehen.

Bjarni_Bernharður
Der Dichter und Maler Bjarni Bernharður [Bild: Kristinn Ingvarsson]

Die blechernen Kaffeekannen von einst sind mitsamt den Schreiberlingen längst verschwunden. Das Cafe Hresso ist nun gut gefüllt mit Jugendlichen und Touristen, die Coca Cola bevorzugen, oder eine gelbe Flüssigkeit, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Bier aufweist.

Den Mann gibt es aber immer noch. Allerdingst steht er nun draußen vor der Tür, an der Wand, neben seinem „Stand“ in der Austurstræti. Der Dichter und Maler Bjarni Bernharður verkauft immer noch seine Gedichte im Selbstverlag (Egóútgáfan), nunmehr als gebundene Gedichtbände feilgeboten, mit ISBN und Barcode ausgestattet.

Kuss der Fledermaus

Ich verharrte
in einer dunklen Höhle
meiner Kindheit

als die Fledermaus
mich küsste

Dieser warme Kuss
bestimmte mein Geschick
den Weg kalter Nächte
zu gehen

an der Grenze
zwischen Licht und Dunkelheit.    1)

 

Bjarni-3
[Bild: ruv.is]

Neben dem neuesten Gedichtband „Koss Leðurblökunnar“  für 2.000 kr.,  der mit eigenen Gemälden illustriert ist, bietet Bjarni Bernharður für die Touristen seine Gedichte  sogar in Englisch an.
Was kann schon eindringlicher belegen, dass Bjarni Bernharður mit seinen nunmehr 65 Lebensjahren ein hoffnungsloser Optimist geblieben ist.

1) Gedicht „Koss leðurblökunnar“  aus dem Gedichtband „„Koss Leðurblökunnar“, ISBN 978-9935-9153-6-8

Übersetzung: B. Pangerl

ukA child of society

frUn enfant dans la societé