Aufgeflogen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Was ist zu halten von einem, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt?“

Tilvera: „Das lässt sich einfach beantworten, wo Verbrecher belauscht werden, da diese Verbrecher sind. Allerdings wird der Inhalt in solchen Fällen nicht einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, sondern einem Richter, und es ist auch ein Richter notwendig, der vorab prüft, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe, dass es sich dabei um Verbrechen handeln könne, die da besprochen. Es ist davon zu hören, dass es auch Leute gebe, die zwar dafür bezahlt werden, dies aber nur unter der Voraussetzung, dass sie eben nicht den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten, die keine Richter sind. Dann gibt es noch Leute, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, es aber dennoch tun, da sonst Verbrechen im Verborgenen blieben, mit Duldung der Richter. In diesem Fall führt es dazu, dass die Öffentlichkeit ausgesprochen dankbar dafür ist. Was seinen Ausdruck darin findet, sich über die vor ihnen verborgen gehaltene Wirklichkeit empören zu können, oder darüber, dass sie nun nicht mehr verborgen, sondern ans Tageslicht gebracht. Da aber in solchen Fällen kaum einer an der Wirklichkeit interessiert, sondern nur daran, sich über etwas empören zu können, entsteht keinem Einzigen daraus ein Schaden, ausgenommen eben jener Person, die da ohne Entgelt arbeitete, um den getäuschten Artgenossen von der Wirklichkeit zu erzählen. Es erinnert mich an den Satz eines Schweizer Dichters: Alles Gute geschieht nur durch die Not, das heißt die Freiwilligkeit, nicht durch den Zwang, das heißt die Nötigung.“

Ónytjungur: „Was das Resultat für die unentgeltliche Arbeit erkläre. Es entstand darüber Zwang, da die Öffentlichkeit damit genötigt wurde, die Wirklichkeit zu kennen, was dazu führt, dass sie sich – vor die Wahl gestellt – doch lieber für die Fiktion entscheidet, war diese doch aus Freiwilligkeit heraus angenommen. Das ganze Unterfangen also nur vergeblich, nur dazu führt, dass jene Leute, die auf Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion hinweisen, mit allen Mitteln gejagt werden, um sie einsperren zu können. Hatte dieser Dichter, an dessen Satz du dich erinnerst, nicht auch notiert: Dieser hielt sich ans Einzelne und änderte das All. Jener predigte das Universale und änderte weder das All noch das Einzelne?“

Tilvera: „Nun, ihm war damals vermutlich der mittlerweile bereits 800 Jahre alt gewordene Satz noch unbekannt: Da ich dem aufrichtigen Rat und den Einzelheiten anhänge, lassen diese beiden mir unter den Menschen keinen Freund.“

Ónytjungur: „Lass mich raten. Es erging dem Dichter wie denjenigen, die nun Whistleblower geheißen.“

Tilvera: „Was die Vergeblichkeit anbelangt, hinsichtlich der breiten Masse, liegst du nicht falsch. Dessen Erkenntnisfähigkeit wurde ihm ebenso zum Verhängnis wie diejenige der Hinweisgeber. Allerdings hatte er wie diese keine andere Wahl. Er hatte sogar festgehalten, dass er gar keine andere Wahl habe: Man kann nicht etwas voll erkennen und nicht tun. Das Erkennen geht unmerklich in die Tat über.“

Ónytjungur: „Wobei anzumerken wäre, dass die Enthüller wissen, dass einer der gebräuchlichsten Irrtümer jene Annahme ist, dass über Erkenntnisse sammeln notgedrungen auch die Erkenntnisfähigkeit zunehme. Ganz im Gegensatz zu solchen, die gegen Entgelt Gespräche belauschen, die nicht für sie bestimmt waren, deren Inhalt sie aber nicht einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten.

Tilvera: „Wird doch mit dem Wort Erkenntnis benannt, was bloßes Kennen von Daten, unter dem Vorwand, darüber hinausgehende Einsicht und Verstehen erlangen zu wollen, was nicht der Fall ist.“

Ónytjungur: „Es daher in privatem Bereich, so in diesem keine Verbrechen besprochen, sowohl gute Gründe dafür gebe, dass ein Gespräch nur unter zwei   Gesprächspartnern erfolge, andere davon ausgeschlossen werden, als es auch gute Gründe für solche Gespräche gebe, von der eine Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen. Und es jedes Einzelnen zustehendes natürliches Recht ist, zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zugeordnet werde, und was nicht.“

Tilvera: „Nun, die Nicht-Enthüller vertreten den Standpunkt, dass es keinem konkreten Individuum zustünde darüber zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zuzuordnen sei, und was nicht, da es zwingend notwendig, Menschen zu schützen. Wer nichts zu verbergen habe, brauche sich deswegen auch keine Sorgen zu machen.“

Ónytjungur: „Und wer von den Abgehörten etwas zu verbergen habe, auch nicht, denn die Verbrecher nutzen dann einfach andere Kommunikationskanäle.  Was sagt dir die Zahl 1984 ?“

Tilvera: „Dass der Verfasser des Textes ein hoffnungsloser Optimist war, bei der Betrachtung seiner Artgenossen.

Ónytjungur: „Wir haben nun zwar betrachtet, was von einem zu halten ist, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Allerdings war dabei stets die Rede von wirklichen Geschehnissen, nicht aber von möglichen Geschehnissen, die es gar nicht gibt, die nur Fiktion, so wie wir beide.“

Tilvera: „Es hat sein Gutes, dass wir nur für Fiktion gehalten. Wir hatten dafür gute Gründe, wie du weißt. Es kann auch nichts Sinnvolles dabei herauskommen, wäre es anders. Es entstünde daraus auch für niemanden ein Nutzen, allerdings für uns beide ein erheblicher Schaden. Worauf willst du hinaus?“

Ónytjungur: „Wir werden abgehört.“

Tilvera: „Wie? Wo? Wann?

Ónytjungur: „Vielleicht gerade jetzt und hier.“

Tilvera: „Ich sehe niemand. Und zu welchem Zweck sollte das dienen?“

Ónytjungur: „Nun, die dahingehende Technik ist ja bereits sehr fortgeschritten, wie Du weißt. Es dürfte sich um einen Trottel handeln, dem nichts Besseres einfällt, als sein Leben damit zu vergeuden, sich hier herumzutreiben, unsere Gespräche abzuhören, die weder für ihn noch für andere bestimmt, und diese einer Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Tilvera: „Welcher Beweggrund wäre es, der ihn zu solchem Unfug treibe?“

Ónytjungur: „Es ist nur einer denkbar. Wie dir bekannt sein dürfte, wird diesem Land immer mehr Wohlwollen entgegengebracht.“

Tilvera: „Nun, wir beide wissen, dass dieses Wohlwollen kein Wohlwollen ist, sondern vielmehr nur verwendet wird, um sich mit Hilfe dieses wenig bekannten Landes selbst durchzubringen. Hauptsächlich durch Reisen, die solchen selbst berühmt machen sollen, aber das Land hier fast so unbekannt lassen wie zuvor. Es muss schon ein ausgemachter Volltrottel sein, der glaubt, er könne dies ausgerechnet dadurch erreichen, dass er Erfundenes bzw. Erdachtes veröffentliche, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.“

Ónytjungur: „So ist es. Ich sehe, du liest Texte isländischer Dichter, sonst hättest du Bergsson nicht gerade zitieren können. Und doch muss sich solch ein Schmarotzer hier herumtreiben, der mangels eigener Ideen uns abhört. Wogegen erst einmal nichts einzuwenden wäre, außer der Tatsache, dass unsere Gespräche eindeutig nur für uns beide bestimmt sind, nicht aber für andere. Zudem hätten wir nichts zu verbergen, außer der Antwort auf die Frage, ob wir Wirklichkeit oder Fiktion sind. Welcher Teufel hat ihn aber geritten, auf die Idee zu kommen, nicht für sich behalten zu wollen, was er sich durch Unverfrorenheit erschlichen? Dass dem so ist, konnte ich auf meiner letzten Reise feststellen. Ich fand unsere letzte Unterhaltung, Wort für Wort, in einem dieser Dinger, die sich die Menschen zulegten, um ihr eigenes immer mehr schwindendes Gedächtnis zu ersetzen, und nun glauben, darin wäre das gleiche aufzufinden, wie vordem in ihrem Gedächtnis noch möglich. Was nicht der Fall ist, wie wir beide wissen.“

Tilvera: „Fehlen doch dort all jene Informationen, die im Gedächtnis vorhanden, und Gedächtnis erst zu Gedächtnis machten. In diesen Dingern stehen jedoch nur noch Worte. Als wären Worte bereits Information.“

Ónytjungur: „Was sie nicht sind. Sie sind nur Konstrukt, noch nicht einmal Konzept. Dazu kommt, dass dort als Gegenwart ausgegeben, was Vergangenheit ist. Denn wer macht sich schon die Mühe, vorhandene Prozesse jedes Einzelnen angemessen abzubilden. Es sind demnach noch nicht einmal Worte, es sind nur Stempel.“

Tilvera: „Die mit Aussage verwechselt. Nun, sie glauben auch, dass sich Intelligenz messen lasse, obschon sie noch nicht mal über eine Definition verfügen, was sie da messen. In solchen Dingern sind die Worte unserer Unterhaltungen nun abgelegt?“

Ónytjungur: „Muss uns das tangieren? Der Dummkopf weiß noch nicht einmal, dass wir auch über eine eigene Sprache verfügen, die nur wir beide verstehen, er aber nie verstehen wird, da er sie zu keiner Zeit je erlernen wird, da unsere Diné bizaad, und nicht die seine. Er daher nur belauscht, wenn wir beide uns in seiner Sprache unterhalten, damit unsere Fähigkeit nicht einroste, um in Übung zu bleiben, da wir seine Sprache sonst verlieren würden.“

Tilvera: „Und dieser Einfallspinsel veröffentlicht daher nur unsere Sprachübungen, und nichts darüber hinaus. Lassen wir ihm also seine lächerliche Spielerei. Gut möglich, dass er sonst nichts mehr mit seinem Leben anzufangen wüsste, und wir wären dann auch noch dafür verantwortlich, wenn ihm auch das noch entzogen.“

Ónytjungur: „Nun, sollte er auch dieses Gespräch belauscht haben, so hoffe ich für ihn, dass ihm endlich bewusst werde, dass er nicht nur reine Sprachübungen aufzeichnet, und nichts darüber hinaus, sondern zudem auch noch solche, die keinen Flynn-Effekt enthalten, mangels vorhandener Grundlage. Wir beide würden auch keinen einzigen IQ-Test bestehen, mag er auch das aktuellste und empirisch am besten untersuchte Strukturmodell der Intelligenz sein.“

2.4 Compare words_ erfahren - verstehen
„skilja“ und „greina“

Tilvera: „Verwechseln diese Modelle doch greina mit skilja, also erkennen, wahrnehmen, unterscheiden mit verstehen. So wird nur Umfang gemessen, der auch noch von Interesse abhängig. Da dem so ist, entstünde auch keinem ein Schaden dadurch, sollte dieser Schwachkopf unsere Gespräche, die weder für ihn und sonst irgendeinen bestimmt, ohne die gebotene Zurückhaltung auch noch Beifall heischend herumposaunen. Betreiben wir doch bei unseren Sprachübungen nur Schabernack, da die Übungen sonst einfach zu strohtrocken wären.“

Ónytjungur: „Und will einem der Schabernack nicht schmecken, aus welchen Gründen auch immer, mag dieser Trost darin finden, dass unser beider IQ sich erheblich unterscheide von dem seinen.“

Tilvera: „Was meinst du, hat er uns gerade wieder belauscht?“

Aufgeflogen

Mor(t)alität der Modalität

troll-imadeWEB-1Ónityungur: „Sind wir beide uns darin einig, dass es rationales und vorstellendes Begreifen geben kann, und die Beziehung zwischen beiden solcher Art ist, dass das eine Voraussetzung für das andere?“

Tilvera: „Wenn du die Fähigkeit meinst, im Vorgriff Anordnung von Synapsen dergestalt herzustellen, das diese jedes konkretes Individuum in die Lage versetzen, jede Sprache der Welt sich aneignen zu können, also jede dahingehende Abrichtung durch andere aufzunehmen, zu welchem Zweck die auch immer stattfinden mag, …“

Ónityungur: „Wäre es dann nicht sinnvoll, Modalitäten als Gegenstand einer Betrachtung zu erwägen? Sind diese doch mit Vorstellungen verbunden.“

Tilvera: „Welcher Art? Die Art und Weise, wie etwas ist, geschieht, oder gedacht wird? Oder Art und Weise an sich, Möglichkeit, Bedingung, Ausführungsart? Die der Sprachwissenschaft? Die der Philosophie?“

Ónityungur: „Da ich weder Sprachwissenschaftler noch Philosoph, wie wäre es, wenn wir beide nur einfach darüber redeten?“

Tilvera: „Auf einen Versuch ankommen lassen? Die Stille durch Geschnatter unterbrechend?“

Ónityungur: „Betrachte es als Abwechslung.“

Tilvera: „Die Angelegenheit ist schnell abgehandelt. Mir sind nur sechs Wörter bekannt: dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen. Drei von diesen beziehen sich auf notwendig, drei auf möglich.“

Modalität-Grammatikalisierung
Modalität

Ónityungur: „Finden diese nicht bei realistischen und nicht-realistischen Hintergründen Anwendung?“

Tilvera: „So ist es. Zusätzlich zu ihren unterschiedlichen Funktionen, die sie in einer Sprache einnehmen, erfahren sie ihre Bedeutung auch abhängig von den Umständen.“

Ónityungur: „Lass uns von Umständen reden, anhand des Wortes wollen, im Sinne von krefjast, also fordern, und im Sinne von útheimta, also im Sinne von wie es sein Amt will.“

Tilvera: „Korrespondiert dieses Wort nicht mit dem Wort dürfen, im Sinne von erlaubt seingestattet, zugelassen?“

Ónityungur: „Das ist abhängig von dem Ort, an dem du dich aufhältst.“

Tilvera: „Gut, lass uns über das Wort wollen reden, da es demnach von den Umständen abhängig.“

Ónityungur: „Es würde schon genügen, über einen nicht-realistischen Hintergrund zu reden.“

Tilvera: „Und welchen?“

 Ónityungur: „Zum Beispiel dem deontischen Hintergrund.“

Tilvera: „Demnach darüber, was das Gesetz befiehlt. Also jener Bereich der Logik, in dem es um normative Begriffe wie Verpflichtung, Erlaubnis geht, in dem notwendig, was geboten, und möglich, was erlaubt. Mit Bezug auf ein System von juristischen Gesetzen, sozialen Regeln, moralischen Normen, individuellen Überzeugungen. Was hat es mit diesem Hintergrund auf sich?“

Modalverben-intro-extra
Trolle, (c) Zen&Senf

Ónityungur: „Nun, zum Beispiel weist in dem einen Land das Strafgesetzbuch 273 Paragraphen auf 57 Seiten, in einem anderen Land hingegen 300 Seiten auf, und diese scheinen immer noch nicht zu genügen.“

Tilvera: „Demnach ist in einem Land etwas unter Strafandrohung verboten, was im anderen Land erlaubt.“

Ónityungur: „Keineswegs. Dann wäre es ja plausibel. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sich die fraglichen Länder eben nicht.“

Tilvera: „Dann gibt es in dem einen Land Straftaten, die in dem anderen Land noch nicht begangen, demnach kein Anlass gegeben.“

Ónityungur: „Auch das nicht. Die Spitzbuben sind in dem einen Land ebenso einfallsreich wie in dem anderen.“

Tilvera: „Dann wurde sicherlich das eine Strafgesetzbuch mit größeren Buchstaben aufgesetzt als das andere.“

Ónityungur: „Das Gegenteil ist der Fall. Der Text ist dort dermaßen klein gedruckt, dass eine Lupe erforderlich.“

Tilvera: „Du meinst, es wird das Gleiche ausgesagt, die einen benötigten dafür 57 Seiten mit lesbaren Buchstaben, die anderen 300 Seiten, bei denen einer zum Lesen eine Lupe benötigt, und das Ergebnis ist das Gleiche? Was steht denn dann in solchem Text“

Ónityungur: „Habe ich nichts wichtigeres zu tun als 300 Seiten auswendig zu lernen, da in diesen aufgelistet, was unter Strafandrohung verboten? Und dabei so umständlich formuliert, dass zu 300 Seiten klein Gedrucktem aufgeblasen, was bereits über 57 Seiten lesbar? Ich habe noch nicht einmal die Anzahl der Paragraphen gezählt.“

Tilvera: „Nun, es wird sich vermutlich so verhalten, dass die 300 Seiten in der Bevölkerung pro Kopf zu weniger Straftaten führten, denn die 57 Seiten.“

Ónityungur: „Wieder daneben. Das Gegenteil ist der Fall.“

Tilvera: „Dann bin ich mit meinem Latein am Ende.“

Ónityungur: „In dem einen Land wurde auf dem Alþing das Recht des Einzelnen definiert, da alle Bestrebungen, Veränderungen ohne Zustimmung derer durchzusetzen, die sich an die Gesetze hielten, als Verachtung des Gesetzes aufgefasst, die Leute sich daher vorher über neue Gesetze absprachen, anstatt sie mit Gewalt durchzusetzen, im anderen Land gibt es Leute, die sich als Gesetzgeber auffassen.“

Tilvera: „Was dazu führte, dass in dem einen Land kein Gesetz ohne vorangegangenem Rechtsstreit und Rechtsentscheid möglich, da für selbstverständliches Recht gehalten, dass keiner durch neue Gesetze gebunden werde, es sei denn, er hätte diesen selbst zugestimmt, und in dem anderen Land das Individuum, zur Obrigkeit mutierend, sich wie eine Glucke über alle Küken stülpt?“

Ónityungur: „Ein lächerliches Unterfangen. Wie lächerlich, zeigt ein Antidiskriminierungsgesetz, welches Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern und beseitigen soll, und zur  Verwirklichung dieses Ziels die durch solches Gesetz geschützten Personen Rechtsansprüche erhalten.“

Tilvera: „Wird dadurch nicht Unehrlichkeit gefördert, sogar legalisiert? Führt solches nicht dazu, dass die Leute noch weniger ehrlich sind, zum Grassieren der Lüge, so dass keiner mehr weiß, woran er ist, zum Verlust jeglicher Orientierung? Verhindert es doch nur, dass einer nicht mehr schreibe oder sage, er wolle keinen Neger, oder er will keinen alten Sack, und nun zu solchen Sätzen greife: Leider konnten wir Ihre Bewerbung nicht in die engere Wahl ziehen, wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, dessen Profil noch genauer den Anforderungen der ausgeschriebenen Position entspricht. Was ist dadurch gewonnen?“

Ónityungur: „Sie nennen es Kultur.“

Tilvera: „Es scheint mir, dass die Leute dort auch noch betriebsames, unreflektiertes oder zielloses Handeln ohne Konzept schätzen, um den Anschein von Untätigkeit zu vermeiden oder zu vertuschen.“

Ónityungur: „Am liebsten hören sie auf jenen Gockel, der am lautesten kräht. Was beiträgt zur Sterblichkeit des ins Einzelne gehenden. Was auffällt, ist, dass in dem einen Land die Sprache einem natürlichen Sprachtod anheim fiel, im anderen aber nicht.“

Tilvera: „Diese sich nicht mehr adäquat in ihrer Sprache ausdrücken können, und die in einer Sprache speziell immanenten Konzepte von Bezeichnungen und Sicht auf die Welt dabei untergingen?“

Ónityungur: „Falls ja, dann unumkehrbar. Kann aber auch gut sein, dass in der Masse dort darauf gepfiffen wird, was Dichter so zu sagen wissen.“

Tilvera: „Du meinst, sie haben das Wissen verloren, dass das Wort dürfen auch im Sinne von imstande sein, wagen, sich trauen und Mut haben zu verstehen ist, das Wort können auch im Sinne von kennen und wissen gebraucht, und nicht nur im Sinne von leisten, erzielen und erreichen?

Modalitäten_Deutsch-Isländisch
Modalverben

Ónityungur: „Und das Wort mögen nicht nur auf etwas Lust haben bedeutet, sondern auch etwas fühlen, sich um etwas kümmern, womit bei Letzterem aber keineswegs krefjast und útheimta gemeint.

Tilvera: „Was ermöglicht, dass mit dem Wort dürfen nicht nur beanspruchen und benötigen aufgefasst, sondern auch brauchen und müssen.“

Ónityungur: „So dass für das Wort müssen nur noch werden, bleiben, sich vollziehen, geschehen, passieren, bekommen und empfangen übrig bliebe.“

Tilvera: „Was eine anders geartete Abrichtung zur Folge hätte.“

Ónityungur: „Zum Beispiel eine solche, die jedem konkreten Individuum zugesteht, ob ihm ein Handschlag wichtiger als ein freundliches Wort.

Tilvera: „Wurde der nicht irgendwo zur Pflicht erhoben?“

Ónityungur: „Es wird dort Rolle mit Autorität verwechselt, sie nennen es Kultur.

Tilvera: „Sage keiner, es gebe keine humanistische Evolution.“

Ónityungur: „Wie kommst du darauf?“

Tilvera: „Nun, ist es nicht so, dass dort nun nur noch 4.500 € Strafe zu zahlen sind, und nicht mehr ein Apfel vom Kopf seines Sohnes abzuschießen wäre?“

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Trolle, (c) Zen&Senf

 

Anmerkung der Redaktion:

Mortalität der Modalität = Sterblichkeit der näheren Umstände = Sterblichkeit des ins Einzelne gehenden

Isländische Sommer-Präliminarien

bv1Die große Frage, die sich in Island alle dutzend Monate stellt: Wann hört der Winter auf, und wenn, was dann? Für den Frühling ist bekanntlich in nördlichen Breiten keine Zeit, doch der Sommer, der eigentlich unmittelbar auf den Winter folgen sollte, ziert sich meist und muss aufwendig angelockt werden.

Zuallererst wird den Wettergöttern ein Wellblechdach geopfert, um sie gnädiger zu stimmen. Der mindestens 48 Stunden exponiert dargebotene weiße Eimer ist eine spezielle Gabe an Njördr, den allgegenwärtigen Gott der Winde.

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Wenn diese Opfergaben nicht ausreichen, ist der Abfall an der Reihe, für manchen Isländer eine schmerzhafte Trennung, die er mit der Beschwörungsformel „Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur“ abzuwenden sucht.

Da das Mülltonnen-Reisewetter dennoch naht, kommt der Wasserzauber, vatnsgaldur genannt, zur Anwendung. Es ist ein doppelter Gegenzauber. Eine Wasserwelle, verfertigt von der angesehensten Friseurmeisterin der Stadt soll den Südwind besänftigen.

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Der Wassertanz Kneippivaki, ausgeführt von den mutigsten Kindern der Hágrunnskóli, möge den Nordwind abhalten.

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Traurigerweise hat nie eine Evaluierung dieser Vorsorgemaßnahme stattgefunden. Da sich die Qualitätsmanagerin Sofía Vindsdóttir seit fünf Jahren im Mutterschaftsurlaub befindet, ist bis heute unklar, ob die Intervention auch tatsächlich die gewünschten Ergebnisse bzw. Wirkungen produzieren konnte.

Kurz vor Sommerausbruch holt die Ortsfeuerwehr in selbstlosem Einsatz die letzten Vorjahresflechten (das für den Export bestimmte „isländische Moos“) von den halbwegs schneefreien Berghängen.

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Um den Winter gänzlich zu vertreiben, wird nun dem ausgefeimtesten der 13 Jólasveinar („Weihnachtskerle“) noch einmal die Präsidentschaft über das Traumeisland angetragen und sofort wieder entzogen. Dieses auf den ersten Blick sinnlos erscheinende Ritual schafft die willkommene Gelegenheit, etwa hundertmal takk fyrir veturinn zu sagen, also allen und jedem für den Winter mitsamt Schneewehen, Frostbeulen und Glatteis zu danken.

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Die Isländer waren noch nie in der Lage Gebrauchsanleitungen zu studieren, da sie lieber Gebrauchslyrik lesen. So ist es ihnen nie gelungen, Rentiere zu zähmen und invasive Pflanzen nach Vorschrift in Vasen zu halten. Und nun sind es gerade solche Grünlinge, die noch vor Verschwinden des Winters ihr keckes Haupt erheben. Mancherorts ist man daher dazu übergegangen, in der Græn vika  (der entscheidenden Woche, um den Sommer zu ködern) die Rasenflächen zu shampoonieren, um das Wachstum der aus den Vasen geratenen Kräuter zu stoppen.

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Weitere Maßnahmen werden kurzfristig geplant.

Anm.:

Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur: Möge dieses feine Reisewetter für Mülltonnen niemals kommen!

Kneippvaki: abgeleitet von Vikivaki, einem Ringtanz aus Wikingerzeiten

Takk fyrir veturinn: Danke für den Winter

Græn vika: Grüne Woche

Oumi Khadischa

troll-imadeWEB-1Oumi Khadischa war es immer eine Lust, in Pariser Geschäften den für sie passenden Schal auszusuchen; modisch genug hatte er zu sein, um ihre Weltoffenheit preiszugeben, jedoch in Farben gehalten, die ihrer tiefen Verbundenheit mit der Natur nicht widersprachen. In seiner Aufmachung und Ornamentik war dabei auf den Status ihres Stammes genauso zu achten, wie auf die Stellung, die sie innehatte. Seit sie den Titel Hascha sich erwarb, bevorzugte sie als Zeichen ihrer Würde nur noch jenen weißen Schal, der nur einer Hascha zustand.

Eines Tages, sie wollte nach ein paar Jahren wieder Europa besuchen, bat sie darum, ihr die für Besuche in Deutschland erforderliche Bürgschaftserklärung zuzusenden, da sie noch einmal reisen möchte, um die neuen Enkelkinder zu sehen, bevor sie sterbe.

Im Zuge von 9/11 hatte jedoch das deutsche Auswärtige Amt mit der tunesischen Regierung vereinbart, dass Tunesier, die ein Touristenvisa bei der deutschen Botschaft in Tunis beantragen, nun persönlich in der dortigen Visa-Abteilung zu erscheinen hätten, ungeachtet des Alters der Person, und selbst ihre Papiere vorzulegen haben. Weibliche Besucher dürften dabei im Gegensatz zu früherer Praxis die deutsche Botschaft nur noch ohne Kopfbedeckung betreten.

So machte sich Oumi Khadischa, schon von ihrer schweren Krankheit gezeichnet, notgedrungen selbst auf den Weg nach Tunis, um sich in die Schlange der Antragsteller einzureihen, die bereits lange vor Sonnenaufgang vor dem Eingang der deutschen Visa-Abteilung ausharrten, um innerhalb der Öffnungszeiten noch ihren Antrag einreichen zu können, und nicht nach vergeblichem stundenlangen Warten vor dann verschlossenen Türen unverrichteter Dinge wieder heimkehren zu müssen.  

Als sie nach mehreren Stunden endlich an dem vor dem Eingang wachhabenden Polizeibeamten stand, forderte dieser sie weisungsgemäß auf, ihren Schal abzulegen, da das Betreten der Visa-Abteilung nur ohne Kopfbedeckung erlaubt sei. Oumi Khadischa fragte ihn, ob er denn wisse, mit wem er da spreche, und ob man ihm als Kind nicht den Respekt beigebracht hätte, den man alten Frauen schuldig sei. Das brachte den jungen Polizeibeamten in arge Verlegenheit, war er doch nur ein junger Bursche, sie hingegen eine alte Frau, noch dazu eine Hascha, welcher er damit bereits aus zwei Gründen Respekt entgegenzubringen hatte; auch erregte der Disput bereits die Aufmerksamkeit der umstehenden Neugierigen.

In seiner Not erklärte er Oumi Khadischa, dass er seinen Job verlieren würde, sollte er sie mit dem Schal in die deutsche Botschaft lassen. Da nahm sie plötzlich den Schal ab, drückte diesen dem jungen Burschen in die Hand, und trug ihm auf, ihren Schal solange in Sicherheitsverwahrung zu nehmen, auf ihn sorgfältigst aufzupassen, und ihn ja nicht aus den Händen zu geben, bis sie aus der deutschen Botschaft zurückgekehrt sei.

Und ließ den jungen Mann mit hochrotem Kopf zurück, auf das Peinlichste vor allen Umstehenden bloßgestellt; ein stattlicher junger Kerl in Uniform, der Öffentlichkeit preisgegeben, ausgerechnet mit einem Damenschal in seiner Hand, noch dazu mit einem Schal einer Hascha, als respektabler Polizist, als Respektsperson, nun von allen Wartenden grinsend begafft.

Als Oumi Khadischa aus der Visa-Abteilung zurückkehrte, nahm sie ihren Schal wieder an sich, und fragte den Polizisten, ob er nicht genug Anstand hätte, da er sich bei ihr nicht bedanke; um dann dem Beamten, der nur verblüfft und fragend in seiner offensichtlichen Betretenheit die alte Frau anstarrte, zu erklären, dass sie ihm immerhin gerade seinen Arbeitsplatz gerettet habe.

Sagte es, und verschwand in der wartenden Menge; durch die breite Gasse, die ihr die Wartenden respektvoll anboten.

Am Schwarzen Raucher

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Ist die Annahme Unsinn, dass sich Lebendes von Lebendem ernähre?“

Tilvera: „Es stellte sich die Frage, was Lebendes sei, und was nicht.“

Ónytjungur: „Sagen wir, die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren.“

Tilvera: „Demnach Bakterien, Archaeen, Pilze, Pflanzen, Tiere und Menschen. Womit wir bei anorganischer und organischer Chemie angelangt …““

Ónytjungur: „… und im weiteren Verlauf bei Individuen, denen allen gemein ist, dass sie voneinander unterscheidbaren Wesen angehören, zu jedem Wesen mehr als ein Individuum existiert, allesamt das Vermögen aufweisen, sich reproduzieren zu können, wobei mit Reproduktion das Wesen gemeint, und nicht das Individuum.“

Tilvera: „Falls du unter Wesen nichts anderes als Gattung verstehst. Wobei anzumerken wäre, dass das konkrete Individuum etwas ist, und sein Wesen etwas anderes.“

Ónytjungur: „Wir beide sitzen im Augenblick vor dem Geburtskanal alles Lebendigen.“

Tilvera: „Da ist nur das Meer, und nichts weiter.“

Unbenannt-28
Weißer Raucher

Ónytjungur: „Du vergisst, dass du hier am Rand einer tektonischen Platte sitzt, vor dir der Mittelatlantische Rücken liegt, und dort unten Schwarze Raucher zugange sind.“

Tilvera: „Demnach beim Verursacher einer Wirklichkeit dergestalt, in welcher das konkrete Individuum etwas ist, und sein Wesen etwas anderes.“

Ónytjungur: Es also sinnvoll wäre zu sagen, dass zwei Absichten vorliegen müssten, und dass in beiden Absichten entweder zwei verschiedene Vermögen erfasst sind, wobei jede der beiden für sich zu erfassen wäre, oder aber mit einem einzigen Vermögen, dann jedoch in zwei verschiedenen Zuständen.

Tilvera: „Nun wirst du kryptisch. Was ist Absicht? Was hat dies alles mit der Fähigkeit der Menschen zu tun, ihre Gedanken auf etwas richten zu können?“

Ónytjungur: „Ich kann mich nicht erinnern, von Menschen gesprochen zu haben. Dein Problem ist, dass du bei dem Wort Absicht annimmst, über den Bezeichner wäre die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, seine Gedanken auf etwas richten zu können, und daraus schließt, es müsse sich demnach um Vorhaben, Vorsatz, Plan oder Beweggrund handeln.“

Tilvera: „Nun, das Wort Absicht benennt, dass nach etwas gestrebt werde, das Gerichtetsein auf etwas, demnach Vorhaben, Vorsatz, Plan oder Beweggrund.“

Ónytjungur: „Du übersiehst, dass es genauere Wörter als intendere geben könnte.“

Tilvera: „Als da wären?“

Ónytjungur: „Wie wäre es mit tilgangur, im Sinne von Zweck? Denn wenn ich Absicht sage, meine ich keineswegs ásetningur im Sinne von Beschluss, Vorsatz und Vorhaben, auch nicht áform im Sinne von Plan, Beweggrund und Motiv.“

Tilvera: „Nun wirst du aber pingelig.

Ónytjungur: „Wie du willst. Es kann aber durchaus sein, dass es triftige Gründe dafür gebe, diese sechs Wörter nicht in einen Topf werfen zu wollen, und dann solange umzurühren, bis daraus ein Brei entstehe, der dann als intendere aufgetischt. Wie dem auch sei, ich meine Absicht ausschließlich im Sinne von Zweck, und nicht darüber hinaus. Und wenn ich Zweck sage, dann nicht im Sinne von finis, da dies ja wieder der Beweggrund für eine zielgerichtete Tätigkeit. Mehr im Sinne von markmið, also vom Gebrauch oder Verwendungszweck her betrachtet, und nicht von augnamið her, was eine Zielvorgabe bezeichne.“

Tilvera: „Nun gut, einigen wir uns darauf, dass immer dann, wenn du Absicht sagst, du nur Zweck im Sinne von Gebrauch und Verwendungszweck meinst, und nichts darüber hinausgehendes. Und weiter?“

Ónytjungur: „Bekanntlich lassen sich ja Prozesse in zwei Richtungen betrachten. Die eine verfolgt die Richtung vom Beschluss her bis zum Erreichen des beabsichtigten Ziels, thematisiert daher diese Form der Bewegung, die andere verfolgt die Richtung vom Ergebnis ausgehend zurück zu dessen Ausgangspunkt. Die Frage ist, zu welchen Erkenntnissen kommen beide, und im Falle, diese wären nicht identisch, widersprächen sich vielleicht sogar, welche wäre dann die richtige, und welche die falsche?“

Tilvera: „Und von welchem Ergebnis sprichst du?“

Ónytjungur: „Von dem, das sich uns beiden zeigt, dem Gebrauch und Verwendungszweck. Ist es nicht so, dass es die unterschiedlichsten Wesen gibt?“

Tilvera: „Begnügte ich mich damit, Form mit Inhalt gleichzusetzen, beginge ich dann nicht den logischen Fehler, von Ähnlichkeit auf Gleichheit zu schließen, diese irrtümlich anzunehmen, und bei vorhandenen Abweichungen diese einzufordern?“

Ónytjungur: „Und verhält es sich nicht so, dass sich reproduzierende Wesen von reproduzierenden Wesen ernähren, und ohne reproduzierende Wesen, die als Ernährung dienen würden, es das reproduzierende Wesen, das sich durch diese ernähre, gar nicht geben könnte, niemals gegeben hätte?

Tilvera: „Die Produzenten einmal davon ausgenommen. Es war davon zu lesen, dass Wasser allein auf Dauer nicht genüge.“

Ónytjungur: „Einmal davon ausgehend, das Biotop dort unten im Meer, am Schwarzen Raucher, ist der Ursprung des Lebenden, es gebe uns nicht, und auch sonst nichts Lebendes. Nur dieses Biotop dort unten im Meer am Schwarzen Raucher. Wovon wäre dann auszugehen, damit jenes, was nun ist, auf jenes zurückgeführt werden kann, was dort beginnt?“

Tilvera: „Dass sich irgendwann einmal die Bakterien wohl sich nicht mehr damit begnügt haben, organische Verbindungen aus anorganischen Stoffen aufzubauen, dazu nicht mehr die Oxidation von Schwefelwasserstoff nutzen wollten oder konnten, sich zu voneinander unterscheidbaren Wesen entwickelt haben müssen, in der Art, dass vom Produzenten ausgehend das eine Wesen das andere über Nahrungsnetze ernähre?“

Ónytjungur: „Dazu müssten sie sich aber erst soweit zueinander unterschieden haben, dass das eine Wesen das andere ernähren könne, und dies genau auf eine solche Art und Weise, dass dabei keine Lücken auftreten, denn eine Lücke …“

Tilvera: „… hätte dazu geführt, dass ein Wesen keine Nahrung gefunden hätte, oder ein Wesen nicht als Nahrung für irgendein Wesen tauglich war.“

Ónytjungur: „Im ersten Fall hätten die Voraussetzungen gefehlt, dass dieses Wesen überhaupt entstehe, im zweiten Fall wäre es nur ein Schmarotzer. Alle anderen wären aber einer negativen Rückkoppelung unterworfen. Denn es wird von einer Regel erzählt, der zufolge ein Überangebot an Nahrung zu einer größeren Population führe.“

Tilvera: „Was wiederum einen größeren Bedarf an verfügbarer Nahrung nach sich ziehe. Dies setze sich dann solange fort, bis mit der Zeit immer weniger Nahrung zur Verfügung stehe, da von immer mehr verzehrt, worüber ein Punkt erreicht werde, wo die Dauer, noch Nahrung zu finden, größer ist als die Dauer, die einer ohne Nahrung überlebe.“

Ónytjungur: „Was die Entwicklung der Nahrungssuchenden umkehre, da deren Zahl nun nicht mehr steige, sondern sich reduziere.“

Tilvera: „Was der Nahrung wiederum die Gelegenheit gebe, sich so weit zu erholen, dass deren Population wieder zunehme. Denn es ist davon auszugehen, dass der letzte Nahrungssuchende verendet bevor er die letzte noch vorhandene Nahrung findet.“

Ónytjungur: „Womit zwar nur das Ergebnis beschrieben, das aus diesem Biotop dort unten im Verlauf der Zeit entstehen wird, gesetzt den Fall, es gebe weder dich noch mich, noch sonst irgendetwas Lebendes. Womit aber auch die Absicht beschrieben, im Sinne von markmið, dem Gebrauch und Verwendungszweck, denn das Ende ist bereits in den Anfang gesteckt. Nicht aber geklärt wäre, ob in beiden Verwendungszwecken, da das konkrete Individuum ja etwas ist und sein Wesen etwas anderes, die beiden Verwendungszwecke mit zwei verschiedenen Vermögen zu erfassen sind, wobei jede der beiden für sich zu erfassen wäre, oder aber mit einem einzigen Vermögen, dann jedoch in zwei verschiedenen Zuständen.“

Tilvera: Was aber nur für dich gilt, da du mit dem Intellekt das Wesen und die Form der Sache erfasst, und mit dem Sinn das Individuum jenes Wesens. Zu diesem Unfug neigt bekanntlich nicht jedes Ende der Nahrungskette.“

Ónytjungur: „Nun, dafür ist mir wenigstens aufgefallen, dass das konkrete Individuum etwas ist und sein Wesen etwas anderes. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass jenes Ende der Nahrungskette, von dem du vermutlich sprachst, wenigstens in einem Punkt einer Meinung ist, da alle dessen Exemplare ausnahmslos davon ausgehen, die Krönung der Schöpfung zu sein, und dies unabhängig davon, ob sie von einer vorhandenen  Letztbegründung ausgehen oder eine solche in Abrede stellen?“

Tilvera: „Nicht nur das. Es ist mir zudem aufgefallen, dass alle Exemplare dieses Endes der Nahrungskette in diesem Punkt sich einig sind, obschon die einen davon ausgehen, dass dieses Ergebnis durch Zufall entstanden sei, und die anderen vom Vorhandensein einer Determinierung. So gegensätzlich ihre Ansichten auch sein mögen, in dem einen Punkt sind sich seltsamerweise alle Exemplare ausnahmslos einig. Da ist es gut, dass wir beide erfreulicherweise nur Trolle geworden sind, die zu nichts taugen.“

Ónytjungur: „Du vergisst ein altes Lied. Dort wird gesagt

Haltur riður hrossi,
hjörd rekur handarvanur,
daufur vegur og dugir,
blindur et betri
en brenndur sé,
nýtur manngi nás.“ 1)

Tilvera: „Kenne ich. Es überliefert Wissen, erzählt davon, dass der Hinkende reiten könne, der Handlose hüten, und der Taube noch zum Kampf tauge.“

Ónytjungur: „Und dass blind sein besser sei als verbrannt werden, denn der Tote tauge zu nichts.“

1) entnommen aus „Hávamál og Völuspá“, Gísli Sigurðsson, SVART Á HVÍTU, Reykjavik 1986, S. 27

Landshornaflakkari

troll-imadeWEB-1Der kleine Besucher am Ufer des kleinen Baches hatte sich entschieden: der ist gut beraten, der Halluzinationen von Wirklichem zu unterscheiden vermag. Es wird daher nur ein Trugbild bleiben, denn immerhin hatte jener Baum dort sogar den Blitzschlag überlebt, benötigte danach nur noch den verbliebenen Rest an seiner Rinde, um jedes Jahr die grünen Blätter seiner verkohlten Äste mit Nötigem zu versorgen.

Im Alter von zwölf Jahren, als ihn Jahre später seine Eltern bei ihrer Reise auf den Kontinent mitnahmen, was ihn zur deutsch-tschechischen Grenze führte, die damals noch der Eiserne Vorhang genannt, stand er an diesem Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete mit seinen Augen verständnislos immer wieder all diese Dinge ab, welche die Menschen offensichtlich für notwendig hielten. Denn in einem solchen Alter hat man noch davon auszugehen, dass Erwachsene nur jenes tun, was auch unbedingt und zwingend notwendig sei. Ist doch alles, was in diesem Alter von Erwachsenen erfahrbar, Ausdruck vorhandener Notwendigkeiten, welche als solche die Welt des Möglichen, die noch die Welt eines Zwölfjährigen ausmache, in ihre Schranken verwies.

Konnte sich daher noch an die kleine Erzählung von Sjón und Halldór Baldursson  in „Sagan af húfunni fínu“ erinnern:

Ein Junge saß auf einem Stein.
Sie lebten auf dem Land, der Junge und der Stein.
Eine kleine Familie aus der Stadt ging vorbei, Vater und Mutter mit ihrem Sohn im Teenager-Alter.
Sie standen vor dem Jungen auf dem Stein und starren ihn an.
Der Junge war nicht einverstanden, dass man ihn anstarrte, hatte man ihm doch gesagt, dass Anstarren unhöflich sei, und so blickte er auf seine Beine.
„Ich durfte nie auf einem Stein sitzen“, sagte der Vater.
„Steine verschmutzen die Hosen der Menschen, und daher ist es nicht gut, auf ihnen zu sitzen,“ sagte die Mutter.
„Er wird doppelt erleichtert auf dem Stein sitzen“, sagte der Sohn, der ein gebildeter Teenager war.

Er blickte fragend zu dem Jungen auf dem Stein.
„Nicht wahr?“

So stand dieser Schüler vor dieser breiten kahlen Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, vor den hohen Gitterzäunen, die den Zutritt zu einem breiten Streifen verhindern sollten, wobei nicht ersichtlich war, welchem Zweck dieses dienen sollte. War doch auf diesem breiten Streifen nichts Schützenswertes vorhanden, kein Strauch, kein Baum, und auch keine Wiese, die in deutschen Städten Rasen genannt, und der so schützenswert war, dass in den Städten vor jedem Hausausgang ein Schild am Rand dieser Rasenflächen angebracht werden musste, auf dem zu lesen war: „Betreten des Rasens verboten. Eltern haften für ihre Kinder“.

Die Sicht auf Dinge, die sich einem zeigen, verändert sich im Laufe der Jahre. So entpuppt sich zum Beispiel ein reißender Fluss von damals, in welchen einer einst unter Ansammlung aller Kräfte große Steine geworfen hatte, um auf diesen das andere Ufer erreichen zu können, im erwachsenen Alter als kleiner, schmaler Bach, der nur einen Meter breit, dessen Wasser friedlich vor sich hin murmelt, und dessen Wasserstand nicht einmal bis zu den Knöcheln reiche.

Der zwölfjährige Junge stand am Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete daher mit seinen Augen verständnislos immer wieder diese hohen Drahtzäune ab. Diese breite kahle Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, und fragte sich, wie wohl einem Tier dort draußen im Wald zumute sein dürfte, welches unvermittelt plötzlich diesen Zaun entdeckt, der ihm den Weg verwehrt, zu jenen Futterplätzen dort drüben, die in der Vergangenheit immer aufgesucht werden konnten. Wobei unwichtig war, ob das Tier nun auf dieser Seite, oder auf jener Seite vor dem Zaun stand, da sich nur in ein und derselben Situation befindend.

Erst später, im Erwachsenenalter, fand der Junge von damals endlich die Antwort auf die Frage, wozu die Erwachsenen Notwendigkeiten aufstellen, welche als solche die Welt des Möglichen in ihre Schranken weisen. Die Antwort fand sich in einem Satz, den der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt seinem Romulus in den Mund legte: der Staat bediene sich des Wortes Vaterland immer dann, wenn er auf Massenmord aus ist.

So wurde der Junge zu jenem, was auf Island ein Landshornaflakkari genannt. Ein Landeseckenlandstreicher, von dem sich die Isländer erzählen, er ginge in der eigenen Spucke.

Ein Pendler zwischen den Kulturen, ein Reisender, der einst in jedem isländischen Haus auch ein höchst willkommener Gast war, um mit ihm Gesinnung auszutauschen. Denn der Unterschied zwischen Reisen und Verreisen besteht darin, dass das eine synonym zu erfahren, und das andere synonym zu Zeitvertreib, was nicht dasselbe ist. Beides bietet Erholung, das eine vom Irrtum, und vom anderen werden sicher Andere zu erzählen wissen. Sind doch nicht alle Sichten auf Dinge, die sich einem im Verlauf des Lebens zeigten, auch solche, die sich im Lauf der Jahre auch veränderten.

Und so kennt der Besucher von damals bis heute nicht die Antwort auf die Frage, welcher Nationalität er denn angehöre.

Unbenannt-20War er es doch, der damals diese Steine in diesen reißenden Fluss warf, da auf der gegenüberliegenden Seite sich sein Zuhause befand: ein riesiger Baum, den einmal ein Blitz getroffen hatte. Der Baumstamm war hohl, seine Innenseite schwarz und verkohlt, und unten war auf einer Seite ein breiter Spalt, ein Einlass, so dass es möglich war, in diesen Baumstamm hineinzugehen. Blickte der Fünfjährige dann, im Baumstamm stehend, nach oben, so sah er all die schwarzen Äste der Baumkrone, die wieder ein grünes Blätterkleid trugen. Dieser Baum war sein bester Freund, und auf die lächerliche Frage, welcher Nationalität er denn sei, würde er – der Wahrheit die Ehre gebend – antworten: dieselbe wie dieser Baum.

Übersetzung: B. Pangerl

isLandshornaflakkari

 

Drehtanz

Stille entfloh mit dem Wind gegen Norden,
Blumen bedeckten mit Erdreich ihr Herz,
Menschen ergötzten sich gähnend am Morden,
und Seelen verschmorten in sengendem Schmerz.

Liebe erstickte im dröhnenden Lachen,
Wärme verkroch sich fröstelnd ins Laub,
Augen, die mahnend sonst Frieden bewachen,
bedeckten verzweifelt sich selber mit Staub.

Männer erdrückten selbst Kinder zum Schweigen,
Frauen ergaben sich lärmendem Spiel,
Völker ertranken in wirbelndem Reigen,
und Worte verdorrten, – sie galten nicht viel.

Wunsch, Möwe zu werden

troll-imadeWEB-1Der Anblick einer Möwenkolonie an einer Steilwand, wo auf jeweils wenigen Quadratzentimeter in „einer Andeutung von Nest“ eine Gattung dicht an dicht ihre Jungen aufzog, öffnete der Nichtmöwe Ulrich Schacht den schonungslosen Blick auf die eigene Gattung, und sie notierte für ihre Novelle „Grimsey“:

Wesen, denen der Mensch im Zuge einer hyperthrophen Entwicklung alles abgesprochen hatte, was nicht auf eine rein biologische Funktionalität hinauslief, waren sichtbar in Sorge umeinander, riefen sich an, erkannten einander.“

Was die Nichtmöwe zwar zu dem 2.500 Jahre alten Satz „So ist der natürliche Instinkt aller Wesen, die Seele haben“ von Demokrit führte, nicht aber zur Einsicht in ihr eigenes Selbst, wie ihre Hetze gegen Menschen belegt, die um die Andeutung eines Nestes in seiner Kolonie betteln, da sie sonst ermordet oder versklavt werden würden.

Dieser Satz von Demokrit ist allein schon deshalb mit unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden, da einer Gattung überliefert, die zwar aus nachvollziehbaren Gründen heraus die Existenz einer Seele bei der Gattung Mensch in Abrede stellt, erstrecht bei Nichtmenschen, nicht aber die Vorstellung aufzugeben gewillt ist, es müsse sich bei Depressionen um seelische Störungen handeln, und den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch dadurch elegant umschifft, indem sie das Wort im 20. Jahrhundert durch das Wort Psyche ersetzte, um nicht entlarvt zu werden. Was als Nebeneffekt der Gattung den unschätzbaren Vorteil brachte, das Symptom, sobald aufgetreten, als Krankheit, als affektive Störung ausgeben und der Psychiatrie übergeben zu können. Auf die Frage, aus welchem Grund solches notwendig sei, wird von dieser Gattung auf die Vernunft verwiesen, also dem Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie, einer Deus ex machina, was die Frage bereits per-se in jenen Bereich verweist, der jenseits von Vernunft angesiedelt. Die Ahnung ist daher eine gefährliche, dass es sich bei jenem rapide anwachsenden Teil der Gattung, welcher Depressionen ausgesetzt, sich nur um einen solchen handeln könnte, der noch über Nous verfüge, also der menschlichen Fähigkeit, etwas geistig erfassen zu können, was naheläge, da dieses Symptom ja vorwiegend in wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften in solchem  Umfang auftritt. Was aber nicht naheliegend sein darf, selbst dann, wenn es sich als begründet herausstelle, da die waltende Gottheit Vernunft dies ja gar nicht erst ermögliche, womit die Ahnung bereits als tätige Unvernunft nachgewiesen.

Und so dürfte nicht verwunderlich sein, dass sich immer noch Menschen auf die Reise begeben. Womit nicht gemeint, dass sich da einer von Ort A nach Ort B begebe, denn es wären damit jene mit einbezogen, die nicht über solchem Tun, als letzten noch verbleibendem Weg, nach Antworten auf drängende Fragen suchen, zu denen Artgenossen nur vorgaben, dass sie über Antworten verfügten, und die daher unbeantwortet blieben. Außenstehenden erscheinen solche, die diesen letzten noch verbleibenden Weg beschreiten, um darüber nach Antworten auf drängende Fragen zu suchen, gerne als Treibende oder Getriebene. Eine Unterstellung, aus Ahnungslosigkeit geboren, fehlt dem Treibenden doch das Ziel, und dem Getriebenen die Freiheit. Jener, der sich von A nach B begibt, als letzten noch verbleibendem Weg, verfügt sowohl über ein Ziel, als auch über eine Freiheit, denn jeder Schritt, wohin er sich auch wendet, bringt ihm sein Ziel näher. Es bringt ihm nicht nur sein Ziel näher, es kann auch gut sein, dass darüber auch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit erhöht werde, was dazu führen kann, dass bald seine Antworten, fragte ihn einmal einer, für den Fragenden so unverständlich ausfallen werden, wie vordem die Antworten der anderen, die nicht genügten.

Unbenannt-25-R
Einöde

Gut möglich, dass ein auf solche Art und Weise Reisender auf Island auf die Einöde eines anderen Reisenden trifft, auf dessen alleinstehenden Wohnplatz für eine Nacht, irgendwo im Hochland, weitab von bekannten „Trekking-Touren“. Denn er ist nie dort zu finden, wo jeden Tag eine Hundertschaft jeden Morgen ihre Stoppuhren stellt, bevor sie mit Teleskop-Stöcken dem nächsten Etappenziel entgegen hastet, um später vor ehrfürchtigen Zuhörern berichten zu können, sie hätte die Etappe Hrafntinnusker – Álftavatn in nur 3 Stunden geschafft, und es wäre hart gewesen, aber auch schon sowas von hart. Dabei aber vergessen zu erwähnen, dass er somit Teil einer dieser täglichen Hundertschaft war, die – sorgsam erst um sich blickend – ihre Abfälle irgendwo in der Lava vergraben, oder selbst noch diese Mühe scheuen, und Plastikflaschen, Verpackungen, etc. einfach so fallen ließ, das Land ist ja weit und unberührt, und der Wind wird es schon forttragen, aus den Augen der Nachfolgenden entfernen.

Nein, dort war er nicht auffindbar, und es ist zu vermuten, dass er dort auch nie aufgefunden werden wird. Er wüsste längst, so seine Antwort, dass auch diese nur vorgeben, über Antworten zu verfügen, und er suche nicht, was dort nur zu finden sei: die Selbsttäuschung. Dazu hätte er seine eigene Selbsttäuschung schon zur Genüge ausgekostet, sich falsche Tatsachen vorgespiegelt.

Bei einer Pfeife und einer Tasse Pfefferminztee erzählte er dann, er hätte sich eines Tages einer Reisegesellschaft angeschlossen, da es in jener Zeit noch undenkbar war, durch die Sowjetunion auf solche Art und Weise zu reisen wie auf Island, dass einer also nur vorwärts ginge, da jeder Schritt, wohin er auch getan, einem das Ziel näherbringe. Er sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt, da es in jenem Land, von dem er herkomme, sich so verhalte, dass der Mensch von Arbeit nicht nur nicht satt werde, sondern sogar verhungern würde, er daher auf Erwerbsarbeit angewiesen sei. An seiner Wirkungsstätte, dem Max-Planck-Institut für Literatur der organischen und anorganischen Chemie eintreffend, um seine Arbeit an der Herstellung einer Literatur-Fakten-Datenbank fortzusetzen, sei ihm die ungewöhnliche Unruhe unter den Wissenschaftlern aufgefallen. Auf Nachfrage wäre ihm mitgeteilt worden, Messgeräte in Finnland hätten erhöhte Radioaktivität gemessen, und es werde angenommen, dass ein sogenannter Super-GAU sich ereignet haben müsse. Die Kolleginnen würden sich daher gerade Urlaub im Personalbüro genehmigen lassen, der diesen auch anstandslos gewährt werde, damit sie mit ihren Kindern nach Portugal fliegen können. Später sei dann in den Nachrichten bekanntgegeben worden, dass die Nuklearkatastrophe sich am 26. April im Kernkraftwerk Tschernobyl ereignet habe. Er hätte daraufhin die Wissenschaftler darüber informiert, dass er just in dieser Zeit mit einer Reisegesellschaft in einer Iljuschin der Fluggesellschaft Interflug über Tschernobyl geflogen sei, worauf diese ihm rieten, umgehend die nächste Apotheke aufzusuchen, um sich Jod-Tabletten zu beschaffen. Als er in der Apotheke nach Jod-Tabletten fragte, sei ihm mitgeteilt worden, dass diese ausverkauft waren. Die Apotheken im Umkreis hatten schließlich nicht damit rechnen können, dass an nur einem einzigen Tag alle Wissenschaftler des Forschungsinstituts Jod-Tabletten kaufen würden.

Auf die Frage hin, wie er dann zu der Ansicht käme, dass er sich falsche Tatsachen vorgespiegelt habe, setze er seine Geschichte fort. Die tiefe Sorge und Unruhe, die er bei den Wissenschaftlern feststellte, stand im krassen Gegensatz zu jenem, was in seinem Dorf stattfand. Zwar waren dort alle neugierig auf jede neue Nachricht, hielten jedoch die nicht enden wollenden und ständig wiederholten Beteuerungen, die ganze Angelegenheit sei weit weg passiert, und es bestehe kein Anlass zur Sorge,  für bare Münze. Er habe sich daher einer Gruppe angeschlossen, die aus eigener Tasche sich einen Geigerzähler kaufte, Messungen vornahm, und die Ergebnisse nebst ergänzender Erklärungen von Wissenschaftlern in einer eigenen Zeitung publizierte. Am ersten Jahrestag nach dem Unglück hätte er dann einen Nachruf verfasst, der sogar von einer Zeitung angenommen und veröffentlicht worden wäre. Denn er habe sich damals noch eine falsche Tatsache vorgespiegelt, in der Annahme, es wäre möglich, durch einen Text das Vergessen verhindern zu können. Und so habe er darüber jene Zeilen vergessen, von denen seine Gattung ausgehe, sie würden eine irreale Sicht skizzieren, und schloss seine Geschichte, indem er die Zeilen vor sich hin murmelte:

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“

Am nächsten Morgen war sein Zelt verschwunden. Nur ein gefaltetes Blatt Papier unter einem Stein blieb zurück, auf das er mit einem Bleistift „Unser Vergessen baut die Gitter“ geschrieben hatte. Als Begründung dafür, dass es besser für ihn war, sehr rechtzeitig aufzubrechen, denn er hatte, wie die Überschrift bewies, immer noch einen weiten Weg vor sich, um sein Ziel zu erreichen. In seinem Zweifel, ob Mutationen des Petkau-Effekts ihn ausgerechnet in eine Möwe verwandeln würden, seinen Wunsch, Möwe zu werden, erfüllend. Damit endlich einer Gattung anzugehören, die noch sichtbar in Sorge umeinander, und auch noch nicht die Fähigkeit verlor, sich einander zu erkennen.

 

Unser Vergessen baut die Gitter

Am 26. April jährt sich zum ersten Mal die Möglichkeit des sogenannten Unmöglichen. Während weiterhin Menschen nach dem Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“ genussvoll ihre Becquerels verzehren, und andere mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um den schleichenden Mord aufzuhalten, reiht sich Unfall an Unfall, schreiten die verantwortlichen Optimisten mit beschwichtigenden Gesten über die Gräber der Opfer. Auch statistische Tote sind Tote. Dass die Sowjetunion aus Staatsräson über Leichen geht, ist nicht neu, dass die Bundesregierung ebenso Leichen in Kauf nimmt, ist schockierend, und nicht minder Barbarei. Die Sorge und der Widerstand bewahrt den verantwortungsbewussten Bürger nicht von der Notwendigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen; auch er muss essen, was auf den Tisch kommt, und künstlich erzeugte radioaktive Strahlung macht um niemand einen Bogen. Ihm bleibt die Mühe, möglichen Etikettenschwindel zu erkennen, oder ihm ausgeliefert zu sein.

Es jährt sich zum ersten Mal, dass Kindern auf die Finger geschlagen wurde, weil sie den Rasen berührten. Es jährt sich zum ersten Mal, dass Sandkästen weggebaggert werden mussten, und Kinder vor verschlossenen Bädern standen. Es wurde notwendig, unsere Kinder vor den Auswirkungen unseres Willens zu schützen, sie einzusperren, ihnen Dinge zu verbieten, die uns als Kinder selbstverständlich waren. Die Korsetts werden enger, wir bauen uns unser eigenes Gefängnis, unser Vergessen baut die Gitter. Wer denkt schon leicht über Dinge nach, die man nicht schmeckt, die man nicht riecht, und die man nicht sieht. Keiner der Sinne unterstützt den Kampf gegen unsichtbaren Mord.

Man sagt uns, wir seien sicher – und zur gleichen Zeit werden in der Bundesrepublik Mitbürger kontaminiert – sprich: vergiftet. Man erlaubt sich sogar die Unverfrorenheit, zu posaunen, der Vergiftete sei „quietschvergnügt und quicklebendig“, weil ihm wahrscheinlich noch nicht die Haare ausgefallen, und verschweigt, dass man erst der noch lebendigen Leiche ansieht, dass sie nie wieder quicklebendig und quietschvergnügt sein wird. Das Gift hat Zeit und nutzt sie.

Die Sorge wird als Panikmache verlacht, die Verantwortung als Querulanz verteufelt. Man wird später sicher Entschuldigungen für das Verbrechen des Nichtstuns, des Schweigens und der Beschwichtigung finden.

Es ist völlig gleichgültig, ob aufgrund des radioaktiven Fallouts vor einem Jahr zwei oder zweitausend statistische Tote in der Bundesrepublik zu verzeichnen sind, denn bereits ein Toter ist einer zu viel. Beklagen wird die Toten niemand, denn sie wurden bewusst von uns als statistisches Schlachtvieh zum Altar der Menschenopfer zitiert. Sie sind berechnet, und Opfer der Berechnung. Sie sind wirtschaftlich vertretbar laut Strahlenschutzverordnung, also wirtschaftlich vertretbare statistische Morde. Die Klage eines Bürgers über die Ausbringung von mit 14000 Becquerel belastetem Klärschlamm, Monate nach Tschernobyl, auf die Felder bayerischer Bauern, wurde vom Umweltministerium mit der lapidaren Begründung abgeschmettert, die Strahlenschutzverordnung gelte nur für den „willentlichen Umgang“ mit radioaktiver Strahlung, und sei somit nicht zuständig.

Es bleibt nur ein Nachruf. Menschen werden vermutlich immer erst verstehen, wenn sie vor den Mahnmälern ihrer Vergangenheit stehen. Für untätiges Hoffen gibt es keine Entschuldigung, weder heute noch morgen. Es bleibt weiterhin jeder Tag ein möglicher Jahrestag irgendeines „Tschernobyl“.

  1. April 1987

Der Affe, der ein Pferd war

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Es lasst sich immer weniger verhindern, auf meinen Reisen einer Gattung zu begegnen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie im Verlauf der Evolution die Fähigkeit zur Bildverarbeitung derart massiv verlor, dass sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können.“

Tilvera: „Hat die Population der Maulwürfe derart zugenommen?“

Ónytjungur: „Der Gedanke ist nahe liegend, da deren Blindheit dazu führte, dass sie aggressiv auf Artgenossen reagieren. Allerdings hast du vergessen, dass diese sich nur unter der Erde aufhalten, ich daher ihnen gar nicht begegnen könne, es sei denn, ich würde reisen, indem ich Gänge …“

Tilvera: „Was du nicht tust, ich weiß.“

Ónytjungur: „Zudem verfügen diese über einen funktionierenden Geruchs- und Tastsinn, der sie in die Lage versetzt, Gattungen in hinreichendem Maße voneinander unterscheiden zu können, so dass sie jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden könnten, die ihnen als Nahrung dienen. Nein, die Rede ist von der Gattung der …“

Tilvera: „Demnach bliebe aber nur eine solche Spezies übrig, deren im Verlauf der Evolution verloren gegangene Fähigkeit zur Bildverarbeitung dazu führte, nicht jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden zu können, die ihnen als Nahrung dienen.“

Ónytjungur: „Auch der Gedanke ist naheliegend. Allerdings hast du hier vergessen, dass es in diesem Fall diese Spezies gar nicht mehr geben könne, da sie deswegen schon längst ausgestorben wäre.“

Tilvera: „Dann kann es jene Gattung, von der du eingangs sprachst, nicht geben. Du willst mich zum Narren halten.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Du weißt, was mit Bildverarbeitung bezeichnet wird?“

Tilvera: „Die Fähigkeit, eine gegenständliche Vorstellung darüber entwickeln zu können, was da ist.“

Ónytjungur: „So ist es. Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich darum, dass die Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen ermöglicht wird. Denn dieses war notwendig, da im anderen Falle jedes Lebewesen nach der Geburt gar nicht in der Lage gewesen wäre, auch nur irgendeine Nahrung als solche erkennen zu können, da erst die Wahrnehmung eines Gegenstands diese erst ermöglicht, auf welche Weise auch immer. Zum Beispiel einen Apfel als Apfel erkennen zu können, oder Wasser als Wasser, oder – beim Maulwurf – ein Insekt als Insekt. Denn falls nicht so, hätte das dazu geführt, dass noch nicht einmal die Grundvoraussetzung jemals existiert hätte, da dann ja auch Vater und Mutter gar nicht hätten sein können, sowie deren Eltern davor, und deren … soll ich fortfahren, denn das könnte nun etwas dauern?

Tilvera: „Schon gut, schon gut, ich kenne mich da aus.“

Ónytjungur: „Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich also vor jeder Geburt um die Herstellung einer eindeutigen Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, hier die Dekomposition dessen, was da ist, in seine Sinus- und Kosinus-Komponenten, dergestalt, dass das Ergebnis der Transformation genau so das Bild repräsentiert, dass es äquivalent ist zu dem, was da im Raum ist, was erst eine Bildanalyse ermögliche.“

Tilvera: „Nun, da ich davon ausgehe, dass ich einen Apfel als Apfel erkenne, oder Wasser als Wasser, oder ein Insekt als Insekt, und dies bisher zu dem gewünschten Erfolg führte, …“

Ónytjungur: „Schön und gut. Nun ist davon zu lesen, dass an allen Ecken und Enden auf der nördlichen Hälfte der Erdkugel Kameras installiert wurden.“

Tilvera: „Sie sind beim besten Willen nicht zu übersehen.“

Ónytjungur: „Verhält es sich nicht so, dass sich darüber auch Gattungen unterscheiden ließen?“

Tilvera: „Mehr als das.“

Ónytjungur: „Was wäre nun, wenn eine Kamera in einem Raum zum Beispiel nach Pferden Ausschau halte, diese aus dem Raum extrahiere, und dem Betrachter präsentiere, sich im Raum fünf Exemplare der Gattung Pferd aufhielten, das Gerät jedoch auf drei Pferde und zwei Affen erkenne?“

Tilvera: „Dann würde der Betrachter nur drei Pferde sehen statt der fünf. Die Kamera verfügt demnach nicht über die Fähigkeit zur Bildverarbeitung, da sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können. In diesem Falle erkennt sie auf zwei verschiedene, wo nur eine vorhanden. Die Kamera ist zu nichts nütze, es sei denn, sie würde repariert werden.“

Ónytjungur: „Nun, die Systemanalyse ergab, dass die Handlungsvorschrift der Kamera so ausgearbeitet war, dass sie die Interpretation unzulässig auf ein ganz spezifisches Merkmal reduzierte, welches alle anderen vorhandenen Merkmale negierte, also aufhob, und sich danach ausrichtete.“

Tilvera: „Was dazu führte, dass aus einer Gattung zwei Gattungen wurden, also aus fünf Pferden drei Pferde und zwei Affen.“

Ónytjungur: „Der verantwortliche Entwickler rechtfertigte sich, dass dieses ganz spezifische Merkmal signifikant sei für die Gattung der Pferde, daher alle weiteren Merkmale entbehrlich waren, da anhand dieses Merkmals bereits durch „vorhanden/nicht vorhanden“ möglich war, all jene zu identifizieren, für die „nicht vorhanden“ festgestellt wurde, was die Handlungsvorschrift wesentlich vereinfacht hätte.

Tilvera: „Ein fataler Irrtum eines wahren Stümpers. Esel bleibt Esel, auch wenn er eine Melone frisst. Die Reduzierung auf jedes x-beliebige spezifische Merkmal negiert stets alle anderen vorhandenen Merkmale, hebt sie somit auf, so dass in all diesen Fällen, für welches Merkmal er sich auch immer entschieden hätte, dort zwingend auf unterschiedliche Gattungen geschlossen werden müsse, wo mindestens ein Exemplar dieses willkürlich gewählte Merkmal nicht aufweise.“

Ónytjungur: „Und wenn er als spezifisches Merkmal „vier Beine“ wählt, was alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe?“

Tilvera: „Dann hätte er Elefanten als Pferde interpretiert, wären dort einmal Elefanten vorbeigekommen.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass dieser unfähig ist, die Gattung Elefant von der Gattung Pferd zu unterscheiden?“

Tilvera: „Meiner Kenntnis nach nicht.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass die Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal alle anderen vorhandenen Merkmale negiert, also aufhebt?“

Tilvera: „Auch dies ist mir nicht bekannt. Denn wie wir wissen, führt dies zwingend dazu, dass dann eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde, und dies unabhängig davon, welches Merkmal dazu herangezogen.“

Ónytjungur: „Demnach ist weder rationales noch vorstellendes Begreifen daran  beteiligt?“

Tilvera: „Weder, noch.“

Ónytjungur: „Und jede Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal, das alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe, führt zwingend dazu, dass eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde?“

Tilvera: „Zweifellos, denn alle anderen Merkmale wären null und nichtig.“

Ónytjungur: „Auch wenn dieses ausgewählte Merkmale „Rasse“, Religion, oder die Mitgliedschaft in einem Automobilklub wäre?“

Tilvera: „Es änderte sich dadurch nichts. Was ist „Rasse“?

Ónytjungur: „Das, womit es jeweils besetzt wird, ganz nach Gusto. Einmal sind es Domherren, Kapläne und Kleriker, beziehungsweise solche, die dies nicht werden dürfen. Nachdem religiöse Gewissheiten zugunsten eines materialistischen-naturwissenschaftlichen Weltbildes in Frage gestellt werden, das Produkt großer Aufklärer in ihrem Bestreben, die Welt „logisch“ ordnen und klassifizieren zu müssen. Also irgendein x-beliebiger ideologischer Zusammenhang.“

NSDAPvsAfD
Die Wiedergeburt

Tilvera: „Wird darüber nicht Vorwand als Beweggrund ausgegeben?“

Ónytjungur: „Und wem nützte dieses Wissen? Sind doch die davon Befallenen der festen Überzeugung, dass dem nicht so sei.“

Tilvera: „Dann müsste es solchen doch wenigstens mal gesagt werden.“

Ónytjungur: „Du neigst zu Träumen. Denn das wäre denen bereits viel zu komplex. Zudem, zeigt nicht die Erfahrung, dass es Eigenschaft dieser Wesen ist, nur jenen Gockel zu hören, der am lautesten kräht? Und worauf kräht dieser bekanntlich?“

Tilvera: „Auf einem Misthaufen.“

Grundrechnen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Einmal angenommen, jeder Teilnehmer an der Herstellung von Gütern arbeitet nicht unentgeltlich, ist dann davon auszugehen, dass mit jedem weiteren Teilnehmer die Arbeitskosten zunehmen würden?“

Tilvera: „Nun, wer rechnen kann, der …“

Ónytjungur: „Nehmen wir nun noch an, dass jedes Unternehmen so kalkuliert, dass es einen Gewinn abwerfe, ist es dann nicht so, dass jedes zusätzlich hinzugenommene gewinnorientierte Unternehmen die eigenen Herstellungskosten um deren Gemeinkosten und Gewinn erhöhe?“

Tilvera: „Etwas anderes zu behaupten wäre …“

Ónytjungur: „Dann erkläre mir bitte, wie es sein kann, dass eine Dienstleistung, die ich kostenlos erhalten habe, teurer ist als dieselbe Dienstleistung, die mir ein gewinnorientiertes Unternehmen wegen seiner Gemeinkosten und dem einkalkulierten Gewinn in Rechnung stellt.“

Tilvera: „Es kann sich dabei nur um einen Trottel handeln, der wegen mangelhafter Kenntnisse in den Grundrechenarten solchen Unsinn annimmt.“

Ónytjungur: „Dann wäre es aber um die Kenntnisse im Grundrechnen gar arg bestellt in jenem Land, aus dem ich gerade komme. Dort wurden einst Arbeitssuchende von einem Dienstleister kostenfrei in eine neue Arbeitsstelle vermittelt, da diese ja durch Abtretung von ihrem Einkommen die Arbeitgeber des Dienstleisters sind. Nun musste ich feststellen, dass diese Dienstleistung von 6.671 gewinnorientierten Firmen angeboten wird, woraus diese jährlich einen Umsatz von 19,1 Milliarden Euro generieren, indem sie ihre 856.195 unterschiedlichen Waren verkaufen, die sie selbst unentgeltlich erhielten. Wenn ich richtig rechne, erhöhen sich dadurch nicht gegenüber der vorherigen Praxis die Arbeitskosten jährlich um die Gemeinkosten und den einkalkulierten Gewinnen dieser 6.671 neuen Dienstleister?“

Tilvera: „Nun, du hattest offensichtlich in Deinem Leben einmal einen Lehrer getroffen, der fähig war dir beizubringen, was die Menschen in der Regel bei der Berechnung wollen. Es dürfte dir dann aber auch bekannt sein, dass Regel nur aussagt, dass es auch Ausnahmen gibt. Es stellte sich somit  die Frage nach diesem Wollen, rechnen ist es ja schon mal nicht.“

Ónytjungur: „Was erklärte, wieso dort ein und derselbe Kopf allen Ernstes davon ausgeht, dass 571 weder größer noch kleiner ist als 844, sondern gleich, ohne dass ihm auch nur ein Einziger widerspricht.“

Tilvera: „Nun übertreibst du.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Sie sagen dort, dass sie auf den Notbedarf eines Menschen, also auf das, was ein Mensch notwendig braucht, um nach den Gesetzen der Natur überhaupt physisch überleben zu können, keine Abgaben erheben. Und sie sagen, dass sie für eben diesen Notbedarf sorgen, sollte einer nicht selbst dazu imstande sein.“

Tilvera: „Was Sinn generiert. Ist dies doch Grundvoraussetzung für eine Gemeinschaft, denn ohne dies wäre es ja keine. Zudem– wäre es nicht so, wie du berichtest –  stellte sich darüber hinaus auch noch die Frage, was denn dann den Anspruch rechtfertige, von jenem Erwerb nehmen zu dürfen, der über den Notbedarf hinausgeht, wenn im Gegenzug dafür noch nicht einmal für den Notbedarf gesorgt werde, sollte einmal einer seinen Notbedarf nicht selbst decken können, aus welchen Gründen auch immer. Handelt es sich dabei doch nur um die Deckung des Notbedarfs, und um nichts darüber hinaus.“

Ónytjungur: „So ist es. Wie ist es dann aber möglich, dass ein und derselbe Kopf im gleichen Augenblick in Summe wenigstens die Zahl 844 einem solchen, der seinen Notbedarf nicht selbst decken kann, zugestehen muss, da von den Fakten einfach erzwungen, denn mit weniger wäre dieser außerstande, sich wenigstens notdürftig zu ernähren und in einem kleinen Zimmer Schutz zu finden, und jenem, der für seinen Notbedarf und darüber hinaus noch selbst sorgen kann, am gleichen Ort in Summe maximal nur die Zahl 571 zur Deckung des Notbedarfs zugesteht?“

Tilvera: „Weil sich Leute bei Theorien auch nicht von Fakten beirren lassen?“

Ónytjungur: „Was erklärte, dass dort der Notbedarf auch noch in 150 verschiedene Leistungen zerlegt wurde, die dann von 40 Arten von Behörden erteilt werden.“

Tilvera: „Lass mich raten: die verschiedenen Leistungen sind über ein komplexes Prüfungs- und Rechnungswerk immer wieder zusammenzuführen, und dann so zu verrechnen, dass am Ende immer nur die gleiche Zahl herauskommt, und zwar unabhängig davon, aus welcher Anzahl an verschiedener Leistungen und Arten von Behörden sich die Zahlungen speisen.“

Ónytjungur: „Es wartet dort jeder vierte Hilfebedürftige nur auf vorrangige Leistungen, statt sie rechtzeitig zu erhalten.“

Tilvera: „Dann wäre dort aber nicht nur Armut verhindert, sondern auch noch produziert.“

Ónytjungur: „Es erwies sich als ein großer Fehler, die Fähigkeit zum Rechnen aufzugeben, und diese  den  Computer zu überlassen.“

Tilvera: „Computer können aber schneller rechnen.“

Ónytjungur: „Dann ist aber ausgesprochen seltsam, dass dort Lohn- und Gehaltszahlungen seitdem immer erst frühestens am 12. des Folgemonats erfolgen. Als ich als Zwölfjähriger in den Schulferien jeden Samstag den Wochenlohn der Bauarbeiter noch selbst ausrechnete, das Ergebnis Bruttolohn, Steuer, Sozialbeiträge, Nettolohn, etc. mit Kugelschreiber auf einen Lohnstreifen notierte, während der Chef das Bargeld von der Bank holte, waren alle Lohnabrechnungen jeden Samstag  rechtzeitig bis Mittag fertig, damit die Sekretärin die Beträge und Lohnstreifen auf die Lohntüten verteilen konnte, bevor die ersten Bauarbeiter sich vor dem Büro zur Warteschlange versammelten. Kannst du dir in etwa ausmalen, was geschehen wäre, wenn diesen Bauarbeitern auch nur einmal vom Bauunternehmer mitgeteilt worden wäre, dass die Löhne erst am 12. des Folgemonats auf das Konto überwiesen werden würden, da ich solange brauche, um die Lohnabrechnung zu erstellen? Und vergiss nicht, diese Bauarbeiter wären sogar noch in der Lage gewesen, auf Rücklagen zurückzugreifen, um die Wartezeit zu überbrücken.“

Anm. d. Red.: Die Auflösung des Zahlenrätsels finden Sie unter Schlagwort „Notbedarf“, oder hier

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