{"id":846,"date":"2016-04-25T11:56:24","date_gmt":"2016-04-25T09:56:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/?p=846"},"modified":"2022-04-24T07:32:33","modified_gmt":"2022-04-24T05:32:33","slug":"wunsch-moewe-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2016\/04\/25\/wunsch-moewe-zu-werden\/","title":{"rendered":"Wunsch, M\u00f6we zu werden"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"474\" height=\"323\" data-attachment-id=\"2576\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2016\/04\/25\/wunsch-moewe-zu-werden\/einoede\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?fit=1024%2C698&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1024,698\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Einoede\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?fit=474%2C323&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?resize=474%2C323&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-2576\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?w=1024&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?resize=300%2C204&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?resize=768%2C524&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Einoede.jpg?w=948&amp;ssl=1 948w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption>Ein\u00f6de<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Anblick einer M\u00f6wenkolonie an einer Steilwand, wo auf jeweils wenigen Quadratzentimeter in \u201e<em>einer Andeutung von Nest<\/em>\u201c eine Gattung dicht an dicht ihre Jungen aufzog, \u00f6ffnete der Nichtm\u00f6we Ulrich Schacht den schonungslosen Blick auf die eigene Gattung, und sie notierte f\u00fcr ihre&nbsp;Novelle \u201eGrimsey\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wesen, denen der Mensch im Zuge einer hyperthrophen Entwicklung alles abgesprochen hatte, was nicht auf eine rein biologische Funktionalit\u00e4t hinauslief, waren sichtbar in Sorge umeinander, riefen sich an, erkannten einander<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Nichtm\u00f6we\u00a0zwar zu dem 2.500 Jahre alten Satz \u201e<em>So ist der nat\u00fcrliche Instinkt aller Wesen, die Seele haben<\/em>\u201c von Demokrit f\u00fchrte, nicht aber zur Einsicht in ihr\u00a0eigenes Selbst, wie seine Hetze gegen Menschen belegt, die um die Andeutung eines Nestes in seiner Kolonie betteln, da sie sonst ermordet oder versklavt werden w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Satz von Demokrit ist allein schon deshalb mit un\u00fcberwindbaren Schwierigkeiten verbunden, da einer Gattung \u00fcberliefert, die zwar aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden heraus die Existenz einer <em>Seele<\/em> bei der Gattung Mensch in Abrede stellt, erst recht bei Nichtmenschen, nicht aber die Vorstellung aufzugeben gewillt ist, es m\u00fcsse sich bei <em>Depressionen<\/em> um <em>seelische St\u00f6rungen<\/em> handeln, und den <em>Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch<\/em> dadurch elegant umschifft, indem sie das Wort im 20. Jahrhundert durch das Wort <em>Psyche<\/em> ersetzte, um nicht entlarvt zu werden. Was der Gattung als Nebeneffekt den unsch\u00e4tzbaren Vorteil brachte, das Symptom &#8211; sobald aufgetreten &#8211; als <em>Krankheit<\/em>, als <em>affektive St\u00f6rung<\/em> ausgeben und der Psychiatrie \u00fcbergeben zu k\u00f6nnen. Auf die Frage, aus welchem Grund solches notwendig sei, wird von dieser Gattung auf die <em>Vernunft<\/em> verwiesen, also dem Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer B\u00fchnenmaschinerie, einer <em>Deus ex machina<\/em>, was die Frage bereits per-se in jenen Bereich verweist, der jenseits von <em>Vernunft<\/em> angesiedelt. Die Ahnung ist daher eine gef\u00e4hrliche, dass es sich bei jenem rapide anwachsenden Teil der Gattung, welcher Depressionen ausgesetzt, sich nur um einen solchen handeln k\u00f6nnte, der noch \u00fcber <em>Nous<\/em> verf\u00fcge, also der menschlichen F\u00e4higkeit, etwas geistig erfassen zu k\u00f6nnen; was nahel\u00e4ge, da dieses Symptom ja vorwiegend in wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften in solchem \u00a0Umfang auftritt. Was aber nicht naheliegend sein darf, selbst dann nicht, wenn es sich als begr\u00fcndet herausstelle, da die waltende Gottheit <em>Vernunft<\/em> dies ja gar nicht erst erm\u00f6gliche, womit die Ahnung bereits als t\u00e4tige Unvernunft nachgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so d\u00fcrfte nicht verwunderlich sein, dass sich immer noch Menschen auf die Reise begeben. Womit nicht gemeint, dass sich da einer von Ort A nach Ort B begebe, denn es w\u00e4ren damit jene mit einbezogen, die nicht \u00fcber solchem Tun &#8211; als letzten noch verbleibendem Weg &#8211; nach Antworten auf dr\u00e4ngende Fragen suchen, zu denen Artgenossen nur vorgaben, dass sie \u00fcber Antworten verf\u00fcgten, und die daher unbeantwortet blieben. Au\u00dfenstehenden erscheinen solche, die diesen letzten noch verbleibenden Weg beschreiten, um dar\u00fcber nach Antworten auf dr\u00e4ngende Fragen zu suchen, gerne als <em>Treibende<\/em> oder <em>Getriebene<\/em>. Eine Unterstellung, aus Ahnungslosigkeit geboren, fehlt dem <em>Treibenden <\/em>doch das <em>Ziel<\/em>, und dem <em>Getriebenen <\/em>die <em>Freiheit<\/em>. Jener, der sich von A nach B begibt, als letzten noch verbleibendem Weg, verf\u00fcgt sowohl \u00fcber ein Ziel, als auch \u00fcber eine Freiheit, denn jeder Schritt, wohin er sich auch wendet, bringt ihm sein Ziel n\u00e4her. Es bringt ihm nicht nur sein Ziel n\u00e4her, es kann auch gut sein, dass dar\u00fcber auch die F\u00e4higkeit zur <em>Aufmerksamkeit<\/em> erh\u00f6ht werde, was dazu f\u00fchren kann, dass bald seine Antworten, fragte ihn einmal einer, f\u00fcr den Fragenden so unverst\u00e4ndlich ausfallen k\u00f6nnten, wie vordem die Antworten der anderen, die nicht gen\u00fcgten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut m\u00f6glich, dass ein auf solche Art und Weise Reisender auf Island auf die Ein\u00f6de eines anderen Reisenden trifft, auf dessen alleinstehenden Wohnplatz f\u00fcr eine Nacht, irgendwo im Hochland, weitab von bekannten \u201eTrekking-Touren\u201c. Denn er ist nie dort zu finden, wo jeden Tag eine Hundertschaft jeden Morgen ihre Stoppuhren stellt, bevor sie mit Teleskop-St\u00f6cken dem n\u00e4chsten Etappenziel entgegen hastet, um sp\u00e4ter vor ehrf\u00fcrchtigen Zuh\u00f6rern berichten zu k\u00f6nnen, sie h\u00e4tte die Etappe Hrafntinnusker \u2013 \u00c1lftavatn in nur 3 Stunden geschafft, und es w\u00e4re hart gewesen, aber auch schon sowas von hart. Dabei aber vergessen zu erw\u00e4hnen, dass er somit Teil einer dieser t\u00e4glichen Hundertschaft war, die \u2013 sorgsam erst um sich blickend \u2013 ihre Abf\u00e4lle irgendwo in der Lava vergraben, oder selbst noch diese M\u00fche scheuen, und Plastikflaschen, Verpackungen, etc. einfach so fallen lie\u00df, das Land ist ja weit und unber\u00fchrt, und der Wind wird es schon forttragen, aus den Augen der Nachfolgenden entfernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, dort war er nicht auffindbar, und es ist zu vermuten, dass er dort auch nie aufgefunden werden wird. Er w\u00fcsste l\u00e4ngst, so seine Antwort, dass auch diese nur vorgeben, \u00fcber Antworten zu verf\u00fcgen, und er suche nicht, was dort nur zu finden sei: die Selbstt\u00e4uschung. Dazu h\u00e4tte er seine eigene Selbstt\u00e4uschung schon zur Gen\u00fcge ausgekostet, sich falsche Tatsachen vorgespiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer Pfeife und einer Tasse Pfefferminztee erz\u00e4hlte er dann, er h\u00e4tte sich eines Tages einer Reisegesellschaft angeschlossen, da es in jener Zeit noch undenkbar war, durch die Sowjetunion auf solche Art und Weise zu reisen wie auf Island, dass einer also nur vorw\u00e4rts ginge, da jeder Schritt, wohin er auch getan, einem das Ziel n\u00e4herbringe. Er sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zur\u00fcckgekehrt, da es in jenem Land, von dem er herkomme, sich so verhalte, dass der Mensch von Arbeit nicht nur nicht satt werde, sondern sogar verhungern w\u00fcrde, er daher auf Erwerbsarbeit angewiesen sei. An seiner Wirkungsst\u00e4tte, dem Max-Planck-Institut f\u00fcr Literatur der organischen und anorganischen Chemie eintreffend, um seine Arbeit an der Herstellung einer Literatur-Fakten-Datenbank fortzusetzen, sei ihm die ungew\u00f6hnliche Unruhe unter den Wissenschaftlern aufgefallen. Auf Nachfrage w\u00e4re ihm mitgeteilt worden, Messger\u00e4te in Finnland h\u00e4tten erh\u00f6hte Radioaktivit\u00e4t gemessen, und es werde angenommen, dass ein sogenannter Super-GAU sich ereignet haben m\u00fcsse. Die Kolleginnen w\u00fcrden sich daher gerade Urlaub im Personalb\u00fcro genehmigen lassen, der diesen auch anstandslos gew\u00e4hrt werde, damit sie mit ihren Kindern nach Portugal fliegen k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter sei dann in den Nachrichten bekanntgegeben worden, dass die Nuklearkatastrophe sich am 26. April im Kernkraftwerk Tschernobyl ereignet habe. Er h\u00e4tte daraufhin die Wissenschaftler dar\u00fcber informiert, dass er just in dieser Zeit mit einer Reisegesellschaft in einer Iljuschin der Fluggesellschaft Interflug \u00fcber Tschernobyl geflogen sei, worauf diese ihm rieten, umgehend die n\u00e4chste Apotheke aufzusuchen, um sich Jod-Tabletten zu beschaffen. Als er in der Apotheke nach Jod-Tabletten fragte, sei ihm mitgeteilt worden, dass diese ausverkauft seien. Die Apotheken im Umkreis hatten schlie\u00dflich nicht damit rechnen k\u00f6nnen, dass an nur einem einzigen Tag alle Wissenschaftler des Forschungsinstituts Jod-Tabletten kaufen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage hin, wie er dann zu der Ansicht k\u00e4me, dass er sich falsche Tatsachen vorgespiegelt habe, setze er seine Geschichte fort. Die tiefe Sorge und Unruhe, die er bei den Wissenschaftlern feststellte, stand im krassen Gegensatz zu jenem, was in seinem Dorf stattfand. Zwar waren dort alle neugierig auf jede neue Nachricht, hielten jedoch die nicht enden wollenden und st\u00e4ndig wiederholten Beteuerungen, die ganze Angelegenheit sei weit weg passiert, und es bestehe kein Anlass zur Sorge,&nbsp; f\u00fcr bare M\u00fcnze. Er habe sich daher einer Gruppe angeschlossen, die aus eigener Tasche sich einen Geigerz\u00e4hler kaufte, Messungen vornahm, und die Ergebnisse nebst erg\u00e4nzender Erkl\u00e4rungen von Wissenschaftlern in einer eigenen Zeitung publizierte. Am ersten Jahrestag nach dem Ungl\u00fcck h\u00e4tte er dann einen Nachruf verfasst, der sogar von einer Zeitung angenommen und ver\u00f6ffentlicht worden w\u00e4re. Denn er habe sich damals noch eine falsche Tatsache vorgespiegelt, in der Annahme, es w\u00e4re m\u00f6glich, durch einen Text das Vergessen verhindern zu k\u00f6nnen. Und so habe er dar\u00fcber jene Zeilen vergessen, von denen seine Gattung ausgehe, sie w\u00fcrden eine irreale Sicht skizzieren, und schloss seine Geschichte, indem er die Zeilen vor sich hin murmelte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wenn man doch ein Indianer w\u00e4re, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte \u00fcber dem zitternden Boden, bis man die<\/em><em>&nbsp;<\/em><em>Sporen lie\u00df, denn es gab keine Sporen, bis man die Z\u00fcgel wegwarf, denn es gab keine Z\u00fcgel, und kaum das Land vor sich als glatt gem\u00e4hte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen war sein Zelt verschwunden. Nur ein gefaltetes Blatt Papier unter einem Stein blieb zur\u00fcck, auf das er mit einem Bleistift \u201eUnser Vergessen baut die Gitter\u201c geschrieben hatte. Als Begr\u00fcndung daf\u00fcr, dass es besser f\u00fcr ihn war, sehr rechtzeitig aufzubrechen, denn er h\u00e4tte, wie die \u00dcberschrift bewies, immer noch einen weiten Weg vor sich, um sein Ziel zu erreichen. In seinem Zweifel, ob Mutationen des <a href=\"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/tag\/petkau-effekt\/\">Petkau-Effekts<\/a> ihn ausgerechnet in eine M\u00f6we verwandeln w\u00fcrde, seinen Wunsch erf\u00fcllend, M\u00f6we zu werden,. damit endlich einer Gattung anzugeh\u00f6ren, die noch sichtbar in Sorge umeinander, und auch noch nicht die F\u00e4higkeit verlor, sich einander zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong><em>Unser Vergessen baut die Gitter<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Am 26. April j\u00e4hrt sich zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit des sogenannten Unm\u00f6glichen. W\u00e4hrend weiterhin Menschen nach dem Prinzip \u201eaus den Augen, aus dem Sinn\u201c genussvoll ihre Becquerels verzehren, und andere mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um den schleichenden Mord aufzuhalten, reiht sich Unfall an Unfall, schreiten die verantwortlichen Optimisten mit beschwichtigenden Gesten \u00fcber die Gr\u00e4ber der Opfer. Auch statistische Tote sind Tote. Dass die Sowjetunion aus Staatsr\u00e4son \u00fcber Leichen geht, ist nicht neu, dass die Bundesregierung ebenso Leichen in Kauf nimmt, ist schockierend, und nicht minder Barbarei. Die Sorge und der Widerstand bewahrt den verantwortungsbewussten B\u00fcrger nicht von der Notwendigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen; auch er muss essen, was auf den Tisch kommt, und k\u00fcnstlich erzeugte radioaktive Strahlung macht um niemand einen Bogen. Ihm bleibt die M\u00fche, m\u00f6glichen Etikettenschwindel zu erkennen, oder ihm ausgeliefert zu sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es j\u00e4hrt sich zum ersten Mal, dass Kindern auf die Finger geschlagen wurde, weil sie den Rasen ber\u00fchrten. Es j\u00e4hrt sich zum ersten Mal, dass Sandk\u00e4sten weggebaggert werden mussten, und Kinder vor verschlossenen B\u00e4dern standen. Es wurde notwendig, unsere Kinder vor den Auswirkungen unseres Willens zu sch\u00fctzen, sie einzusperren, ihnen Dinge zu verbieten, die uns als Kinder selbstverst\u00e4ndlich waren. Die Korsetts werden enger, wir bauen uns unser eigenes Gef\u00e4ngnis, unser Vergessen baut die Gitter. Wer denkt schon leicht \u00fcber Dinge nach, die man nicht schmeckt, die man nicht riecht, und die man nicht sieht. Keiner der Sinne unterst\u00fctzt den Kampf gegen unsichtbaren Mord.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man sagt uns, wir seien sicher \u2013 und zur gleichen Zeit werden in der Bundesrepublik Mitb\u00fcrger kontaminiert \u2013 sprich: vergiftet. Man erlaubt sich sogar die Unverfrorenheit, zu posaunen, der Vergiftete sei \u201equietschvergn\u00fcgt und quicklebendig\u201c, weil ihm wahrscheinlich noch nicht die Haare ausgefallen, und verschweigt, dass man erst der noch lebendigen Leiche ansieht, dass sie nie wieder quicklebendig und quietschvergn\u00fcgt sein wird. Das Gift hat Zeit und nutzt sie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Sorge wird als Panikmache verlacht, die Verantwortung als Querulanz verteufelt. Man wird sp\u00e4ter sicher Entschuldigungen f\u00fcr das Verbrechen des Nichtstuns, des Schweigens und der Beschwichtigung finden. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, ob aufgrund des radioaktiven Fallouts vor einem Jahr zwei oder zweitausend statistische Tote in der Bundesrepublik zu verzeichnen sind, denn bereits ein Toter ist einer zu viel. Beklagen wird die Toten niemand, denn sie wurden bewusst von uns als statistisches Schlachtvieh zum Altar der Menschenopfer zitiert. Sie sind berechnet, und Opfer der Berechnung. Sie sind wirtschaftlich vertretbar laut Strahlenschutzverordnung, also wirtschaftlich vertretbare statistische Morde. Die Klage eines B\u00fcrgers \u00fcber die Ausbringung von mit 14000 Becquerel belastetem Kl\u00e4rschlamm, Monate nach Tschernobyl, auf die Felder bayerischer Bauern, wurde vom Umweltministerium mit der lapidaren Begr\u00fcndung abgeschmettert, die Strahlenschutzverordnung gelte nur f\u00fcr den \u201ewillentlichen Umgang\u201c mit radioaktiver Strahlung, und sei somit nicht zust\u00e4ndig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es bleibt nur ein Nachruf. Menschen werden vermutlich immer erst verstehen, wenn sie vor den Mahnm\u00e4lern ihrer Vergangenheit stehen. F\u00fcr unt\u00e4tiges Hoffen gibt es keine Entschuldigung, weder heute noch morgen. Es bleibt weiterhin jeder Tag ein m\u00f6glicher Jahrestag irgendeines \u201eTschernobyl\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" start=\"26\"><li style=\"text-align: justify;\"><em> April 1987<\/em><\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anblick einer M\u00f6wenkolonie an einer Steilwand, wo auf jeweils wenigen Quadratzentimeter in \u201eeiner Andeutung von Nest\u201c eine Gattung dicht an dicht ihre Jungen aufzog, \u00f6ffnete der Nichtm\u00f6we Ulrich Schacht den schonungslosen Blick auf die eigene Gattung, und sie notierte f\u00fcr ihre&nbsp;Novelle \u201eGrimsey\u201c: \u201eWesen, denen der Mensch im Zuge einer hyperthrophen Entwicklung alles abgesprochen hatte, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2016\/04\/25\/wunsch-moewe-zu-werden\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Wunsch, M\u00f6we zu werden<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[103],"tags":[159,374,187,85,127,380,378,372,368,370,161,93],"class_list":["post-846","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unterwegs","tag-bewusstsein","tag-depression","tag-evolution","tag-geschichte","tag-gesellschaft","tag-grimsey","tag-petkau-effekt","tag-seele","tag-ulrich-schacht","tag-vernunft","tag-informationsgesellschaft","tag-zivilisation"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6uOIU-dE","jetpack-related-posts":[{"id":2296,"url":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2021\/12\/21\/die-krux-mit-der-grammatik\/","url_meta":{"origin":846,"position":0},"title":"Die Krux mit der Grammatik","author":"Bj\u00f6rn Eriksson","date":"21. 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Hvernig l\u00ed\u00f0ur \u00fe\u00e9r \u00ed dag?\u201c Tr\u00faleysingi: \u201eDie wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft hat sich weiterentwickelt zum Transhumanismus.\u201c Sameind: \u201eGen\u00fcgte ihnen nicht, was sie bereits an grobem\u2026","rel":"","context":"In &quot;Snjall&quot;","block_context":{"text":"Snjall","link":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/category\/snjall\/"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=350%2C200&ssl=1","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=350%2C200&ssl=1 1x, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=525%2C300&ssl=1 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=700%2C400&ssl=1 2x, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=1050%2C600&ssl=1 3x, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Troll-Dialoge.jpg?resize=1400%2C800&ssl=1 4x"},"classes":[]},{"id":1084,"url":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2016\/09\/11\/idiotologisch\/","url_meta":{"origin":846,"position":2},"title":"Idiotologisch","author":"Bj\u00f6rn Eriksson","date":"11. 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