{"id":2629,"date":"2022-06-10T19:15:27","date_gmt":"2022-06-10T17:15:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/?p=2629"},"modified":"2022-06-13T06:30:26","modified_gmt":"2022-06-13T04:30:26","slug":"eigentlich-wollte-er-nur-seine-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2022\/06\/10\/eigentlich-wollte-er-nur-seine-ruhe\/","title":{"rendered":"Eigentlich wollte er nur seine Ruhe finden"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"474\" height=\"201\" data-attachment-id=\"2640\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2022\/06\/10\/eigentlich-wollte-er-nur-seine-ruhe\/fish-swimming-in-the-ocean\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?fit=894%2C380&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"894,380\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Fish-swimming-in-the-ocean\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?fit=474%2C201&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?resize=474%2C201&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-2640\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?w=894&amp;ssl=1 894w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?resize=300%2C128&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Fish-swimming-in-the-ocean.png?resize=768%2C326&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption>Source unknown<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Er habe eine Einladung zu einem Klassentreffen &nbsp;erhalten, da seit seinem Schulabschluss 50 Jahre vergangen sind. Das bemerkenswerteste an dieser Einladung war die Rechercheleistung der Organisatoren, welche die N\u00e4hnadeln (Klassenkameraden) nach 50 Jahren noch im Heuhaufen fanden, da in alle Winde verstreut.<\/p>\n\n\n\n<p>Gottseidank h\u00e4tte seine Altersdemenz noch so lange gewartet, dass er sich noch an einen Klassenkameraden dieses Namens erinnern konnte, der damals auch an dem angegebenen Wohnort &nbsp;wohnhaft war. Was dazu f\u00fchrte, bei der Anfrage auf LinkedIn den Button \u201eIgnorieren\u201c nicht zu dr\u00fccken; eine Ma\u00dfnahme, welche er &nbsp;dort grunds\u00e4tzlich bei allen Vernetzungsw\u00fcnschen ergriff, sollte der Anfragende keiner seiner ehemaligen Studenten sein. Massel g\u2019habt.<\/p>\n\n\n\n<p>So ein Klassentreffen nach einem halben Jahrhundert eigne sich vorz\u00fcglich daf\u00fcr, das bisherige Leben zu reflektieren und den Werdegang kritisch zu hinterfragen, so begann er zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich h\u00e4tte ihm pers\u00f6nlich der Hauptschulabschluss gen\u00fcgt. Er hatte keinerlei Ambitionen damals, eine h\u00f6here Schule zu besuchen, eher den Wunsch, das Martyrium namens \u201eSchule\u201c bald verlassen zu d\u00fcrfen. W\u00e4re da nicht die Forderung seines Vaters gewesen, bei der Eisenbahn in die Lehre zu gehen, da dieser selbst dort arbeitete. Es w\u00e4re eine Perspektive gewesen, denn Jungs in seinem Alter wollten damals meistens Lokf\u00fchrer werden, denn dort h\u00e4tte \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte, h\u00e4tte, Fahrradkette. Dummerweise w\u00e4re er noch lernf\u00e4hig gewesen, h\u00e4tte auch sein Erinnerungsverm\u00f6gen noch nicht eingeb\u00fc\u00dft und konnte sich somit noch gut daran erinnern, dass alle L\u00f6hne, welche er seit seinem 12. Lebensjahr in den Sommerferien durch Ferienarbeit im B\u00fcro oder auf den Baustellen im Hochbau und Kanalbau verdiente, von seinem Vater vollst\u00e4ndig einkassiert wurden, er noch nicht einmal ein \u201eTaschengeld\u201c hieraus erhalten habe. Au\u00dferdem w\u00e4re da noch Theo gewesen, sein Klassenkamerad, der auf die h\u00f6here Schule wechselte. Schule ohne Theo? Nicht sein Ding.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Hilfe seiner Mutter habe er sich bei seinem Vater durchgesetzt und die Hauptschule verlassen. Der Beweggrund w\u00e4re demnach keineswegs seine Wissbegier gewesen, sondern die Flucht vor der drohenden Zukunft, auch noch eine geringf\u00fcgige Ausbildungsverg\u00fctung als \u201eLehrling\u201c bei seinem Vater abliefern zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sei in ihm der Entschluss gereift, anschlie\u00dfend das so genannte Polytechnikum zu durchlaufen und Bauingenieur zu werden. Der primitive Beweggrund: Er zeichnete sehr gerne. Bedauerlicherweise war jedoch diese Idee mit nicht l\u00f6sbaren Problemen behaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er kein Taschengeld erhielt, das jugendliche Alter jedoch bekanntlich mit pers\u00f6nlichen W\u00fcnschen geradezu gespickt ist, welche nur via Geld erh\u00e4ltlich, habe er neben dem Schulbesuch diverse Jobs angenommen; Balljunge auf dem Tennisplatz, Obstpfl\u00fccker im Akkord auf der Obstplantage, Tellerw\u00e4scher im Restaurant, Bauarbeiter, Regale f\u00fcllen bei Metro, etc. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gab es da nicht eine M\u00f6glichkeit, 1.000 DM im Monat zu verdienen bei freier Kost und Logie, den F\u00fchrerschein g\u00e4be es auch noch kostenlos obendrauf? Richtig, die Bundeswehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Also habe er sich als so genannter \u201eZeitsoldat\u201c verpflichtet. Dort g\u00e4be es nach Ablauf der Zeit sogar noch ein nicht zu verachtendes \u00dcbergangsgeld obendrauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts wie rinn, sei daher sein Entschluss gewesen. Die Ern\u00fcchterung habe auch nicht lange auf sich warten lassen. Es m\u00fcsse einer schon ein gro\u00dfer Patridiot sein, um nicht zu erkennen, dass da Herdentiere abgerichtet werden, welche am Nasenring einer aufgeblasenen Kaste ihrem Untergang entgegengef\u00fchrt werden sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da w\u00e4re zum Einen der Chef gewesen, der sich bei Kriegsspielen lieber bei der Brigade herumtrieb, da er Major werden wollte, statt sich darum zu k\u00fcmmern, dass sein Sp\u00e4htrupp in der Nacht aus dem \u201eFeindesland\u201c zur\u00fcckkehren k\u00f6nne und bei der Durchquerung des Minenfelds an der &#8222;Frontlinie&#8220; nicht von den eigenen Kameraden zusammengeschossen werde, da El Cheffe es mal wieder vers\u00e4umt hatte, die eigene Truppe zu informieren, dass ein Sp\u00e4htrupp an dieser Stelle um diese Uhrzeit zur\u00fcckkomme . Die Unteroffiziere seien daher \u00fcbereingekommen, dass im \u201eErnstfall\u201c El Cheffe der erste Gefallene sein werde, allerdings nicht von der Kugel des Feindes getroffen. Der Spie\u00df, also die Mutter der Kompanie, h\u00e4tte sich zudem laufend an drastischen Strafma\u00dfnahmen erg\u00f6tzt, weil das Bett wieder einmal nicht mikrometergenau gefaltet war, und gefiel sich t\u00e4glich beim Morgenappel in der Rolle des Kom\u00f6dianten: \u201e<em>Mit mir k\u00f6nnt ihr reden, wie mit einem Bl\u00f6den<\/em>\u201c. Sollte einer auf die abstruse Idee kommen, dieses Angebot ernst zu nehmen, kam stets dieselbe Antwort: \u201e<em>Halt den Mund, du Eichh\u00f6rnchen<\/em>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wen wundere es, dass bei solchen Ereignissen sich der Wunsch nach ausgiebigen Reisen einstelle? Gab es da nicht eine M\u00f6glichkeit, vorzeitig vor jenen Typen zu fl\u00fcchten, welche die Ansicht vertraten, ein Krieg werde dadurch gewonnen, indem der Soldat den kleinen Finger beim milit\u00e4rischen Gru\u00df anlege? Es h\u00e4tte eine M\u00f6glichkeit gegeben: Ein Job beim Milit\u00e4rattach\u00e9 in einer Botschaft. Nichts wie hin, habe er gedacht, denn das Botschaftspersonal musste alle vier Jahre ausgetauscht werden und wurde danach stets in einem anderen Land eingesetzt. Gibt es eine billiger M\u00f6glichkeit, die Welt kennenzulernen?<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich nicht. Es sei denn, einer w\u00fcrde erst gar nicht in das fremde Land geschickt, da er zwar die besten Noten beim Erlernen der Fremdsprache am Bundessprachenamt erzielte, allerdings in der Fremde kein Auto reparieren k\u00f6nne wie der Kollege, der beim Sprachunterricht mit Pauken und Trompeten durchfiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte allerdings zu Beginn seiner Verpflichtung Experten gegeben, welche den derart Getriebenen ein Talent zur \u201eSystemanalyse\u201c bescheinigten. Kein Mensch konnte erkl\u00e4ren, was damit gemeint ist, allerdings sei seiner Auffassung nach die Natur unbestreitbar ein System, dessen Analyse durchaus interessant sein k\u00f6nne. Also, nichts wie weg, habe er daher beschlossen, so schnell wie m\u00f6glich und rein ins Studium. Gab es doch das Gebiet der vergleichenden Verhaltensforschung, in welchem auch ausgedehnte Reisen in diverse Kulturen jenseits von Urlauben m\u00f6glich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte jedoch in dem Land die Regulierung gegeben, dass  ein Studium der Zoologie auf dem zweiten Bildungsweg nicht m\u00f6glich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>War nicht davon zu lesen, dass das Schwarmverhalten der Buntbarsche mit Hilfe von Computerprogrammen analysiert wurde, die Analyse zu dem Ergebnis kam, man brauche nur das Gehirn eines Buntbarsches operativ entfernen, schon w\u00e4re er als F\u00fchrer des Schwarms anerkannt? Ei verbibbsch. Es sei auch davon zu h\u00f6ren gewesen, dass gerade ein neues Studienfach namens \u201eInformatik\u201c angeboten werde, obschon niemand erkl\u00e4ren konnte, was es denn mit dem Begriff \u201eInformatik\u201c auf sich habe. Vermutlich irgendetwas mit Computer. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bekanntlich lebe der Mensch nicht nur von Brot allein, und da ein Informatikstudent neben dem Studium damals mehr im Monat verdienen konnte als ein Professor der Informatik an der Hochschule, war es es um den Gefl\u00fcchteten geschehen, da seine Sucht nach ausreichendem Einkommen gr\u00f6\u00dfer gewesen sei als seine Sehnsucht nach vergleichender Verhaltensforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da in so genannten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften allzu gerne Rolle mit Kompetenz verwechselt wird, er weder Kompetenzen noch eine bedeutende Rolle vorweisen kann, sei er zeitlebens ein \u00d3nytjungur geblieben, der bei genauer Betrachtung nur seine Ruhe finden wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut m\u00f6glich, dass seine Erfahrungen ihm wenigstens die Sinne dahingehend gesch\u00e4rft haben k\u00f6nnte, endlich die konsequente Haltung und Geradlinigkeit eines Theo zu erreichen. Als damals Theo auf der Stra\u00dfe ein Aushilfslehrer, der sich im Unterricht nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, mit seiner Gattin entgegenkam und stolz und freudig erregt ein Gespr\u00e4ch mit seinen Sch\u00fclern beginnen wollte, h\u00e4tte Theo abwehrend seine Hand ausgestreckt, gesagt, dass er privat nichts mit ihn zu tun haben wolle und w\u00e4re daraufhin schnurstracks seines Wegs weitergezogen. Ehrlich w\u00e4hrt am L\u00e4ngsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit der Werdegang eines \u00d3nytjungur seines Erachtens vermutlich hinreichend beschrieben w\u00e4re. Sollte ein Mensch mit einem solchen Lebenslauf \u00f6ffentlich hausieren gehen? Besser nicht. Hat dieser beschriebene Mensch sein Leben dazu gen\u00fctzt, \u201eKarriere\u201c zu machen? \u201eKarriere\u201c s\u00e4he anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau genommen sei er st\u00e4ndig auf der Flucht gewesen, um sein \u201eSelbst\u201c zu besch\u00fctzen; und w\u00fcsste nach 65 Jahren immer noch nicht, was denn dieses sein \u201eSelbst\u201c eigentlich sei. Es sei halt dumm gelaufen. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er habe eine Einladung zu einem Klassentreffen &nbsp;erhalten, da seit seinem Schulabschluss 50 Jahre vergangen sind. Das bemerkenswerteste an dieser Einladung war die Rechercheleistung der Organisatoren, welche die N\u00e4hnadeln (Klassenkameraden) nach 50 Jahren noch im Heuhaufen fanden, da in alle Winde verstreut. 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