{"id":2250,"date":"2021-10-16T10:45:13","date_gmt":"2021-10-16T08:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/?p=2250"},"modified":"2021-10-19T06:47:02","modified_gmt":"2021-10-19T04:47:02","slug":"das-radfahrerprinzip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2021\/10\/16\/das-radfahrerprinzip\/","title":{"rendered":"Das Radfahrerprinzip"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"2253\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2021\/10\/16\/das-radfahrerprinzip\/sensus-communis-bis-722-nach-christus\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?fit=303%2C500&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"303,500\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Sensus-communis-bis-722-nach-Christus\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?fit=303%2C500&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?resize=189%2C312&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-2253\" width=\"189\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?w=303&amp;ssl=1 303w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-bis-722-nach-Christus.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><figcaption>Erkenntnisbezogenes Verm\u00f6gen bis 722 n. Chr., Cartoon von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/de.toonpool.com\/artists\/zenundsenf_7523\" target=\"_blank\">zenundsenf<\/a> \u00a9<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201c<em>Jede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen, wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbesch\u00e4ftigung f\u00fcr alle mehr geben kann und dass die Lohnarbeit nicht l\u00e4nger&nbsp;der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die haupts\u00e4chlichste T\u00e4tigkeit eines jeden bleiben kann.\u201d (<\/em><a href=\"https:\/\/oxnzeam.de\/2009\/06\/23\/andre-gorz-zeigt-auswege-aus-dem-kapitalismus\/\">Andr\u00e9 Gorz<\/a>, Sozialphilosoph)<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenwart wie Vergangenheit belegen un\u00fcbersehbar, dass die Analyse von Andr\u00e9 Gorz gr\u00fcndlich und solide ist. Mit dem einst von der EZB in Umlauf gebrachten Begriff <em>Helikopter-Geld<\/em> steht endg\u00fcltig der Kaiser f\u00fcr jeden sichtbar ohne Kleider da, die Extrapolation von Andr\u00e9 Gorz wird best\u00e4tigt: \u201c<em>Eines Tages muss sich der Kapitalismus seine Kunden kaufen, indem er Zahlungsmittel umsonst verteilt<\/em>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde \u00f6ffentlich, dass nicht der sogenannte Arbeitgeber es ist, der f\u00fcr Erwerbsarbeit sorgt, sondern der Verbraucher, denn der Verbraucher schafft Erwerbsarbeit, der sogenannte Arbeitgeber nur dann, wenn sie sich nicht vermeiden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu w\u00e4re aber die Aussch\u00fcttung von Helikopter-Geld gar nicht erforderlich, es gen\u00fcgte schon, wenn die Gesellschaften damit aufh\u00f6rten, auch noch Steuern auf das Existenzminimum zu erheben, also auf jenen Notbedarf, um physisch \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Von einer Gesellschaft, die sich einverstanden zeigt, dass selbst auf den Mangel Steuern erhoben werden, ist jedoch weder zu erwarten, dass sie exakte und pr\u00e4zise Analysen davon abhalten k\u00f6nne, weiterhin eloquenter Unlogik von Rosst\u00e4uschern nachzulaufen, noch dass sie jemals das einst f\u00fcr alle g\u00fcltige nat\u00fcrliche Recht auf Nahrung und Unterkunft wieder in Kraft setzen werde. Sie d\u00fcrfte darauf beharren, das Problem sei mit der Schaffung von Arbeitsanreizen l\u00f6sbar, obschon vom Arbeitsanreiz kein armutsbek\u00e4mpfender Effekt zu erwarten ist, wenn es nicht ausreichend Arbeitspl\u00e4tze gibt. Arbeitsanreiz produziert keine Arbeitspl\u00e4tze, Verbrauch hingegen schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweizer stimmten am 5. Juni 2016 dar\u00fcber ab, ob sie ein sogenanntes <em>bedingungsloses Grundeinkommen<\/em> einf\u00fchren wollen oder nicht. Bei diesem Terminus handelt es sich um nichts Geringeres als um sehr alten Wein, um das nat\u00fcrliche Recht auf Nahrung und Unterkunft, das einst jedem Einzelnen von der Gemeinschaft gew\u00e4hrt wurde, da es noch als grober Unfug galt, dieses nat\u00fcrliche Recht etwa zur Disposition stellen zu wollen. In jener Zeit wurde gejagt, gesammelt, das Feld bestellt, und die Fr\u00fcchte dieser Arbeit \u2013 da dies selbstverst\u00e4ndlich war \u2013 mit jenen geteilt, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht jagen, sammeln, oder das Feld bestellen konnten. Aber in jenen Zeiten hatten die so Werkt\u00e4tigen auch nur das N\u00f6tig-ste, und nicht dar\u00fcber hinaus. Nur wer schmeckt kennt den Geschmack. Jenseits dessen ist nur Gefasel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das Verdienst von Kurt Tucholsky, bereits im Jahr 1919 auf eine <em>entartete Spezies der gens humana<\/em> hingewiesen zu haben, die in Folge als das deutsche Ph\u00e4nomen <em>Radfahrerprinzip<\/em> das verf\u00fcgbare Vokabular um ein Wort erweiterte, welches das typische,\u00a0opportunistische\u00a0Verhalten des\u00a0autorit\u00e4ren Charakters bezeichnet. Carl Zuckmayer legte 1931 dann das Prinzip seinem Hauptmann von K\u00f6penick in den Mund: \u201c<em>Das ist ein Radfahrer. Nach unten tritt er, nach oben buckelt er<\/em>\u201c. Es wird verst\u00e4ndlich, aus welchem Grund einer, der endlich selbst oben angekommen ist das nach-oben-Buckeln der anderen einfordert, und unf\u00e4hig bleibt, nicht nach unten zu treten.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist nicht verwunderlich, dass in Deutschland ein Ministrant mit Jo-Jo-Effekt, ein Einzelhandelskaufmann, der sich gerne mit den Statussymbolen Bierflasche und Zigarre umgab, und ein Straft\u00e4ter, dessen Straftaten zu jenem Zeitpunkt noch unentdeckt waren, sich fragten, ob der deutsche Arbeitslose weiterhin in einer H\u00e4ngematte auf Mali liegen darf, und dort faulenzend vom Geld des arbeitenden Volkes lebt. Denn dass dem so sein m\u00fcsse, hatte schlie\u00dflich kein geringerer als ein Messdiener behauptet, nach seinem Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist einer unten, ist es ausgesprochen schwierig, ja sogar unm\u00f6glich, nach unten zu treten. Es sei denn, es werde ein noch zu bestimmendes Unten aus dem Unten herausgenommen, was dazu f\u00fchrt, dass jene, die unten sind, wieder etwas unter sich haben, wonach sie treten k\u00f6nnen. Dass dies gelingt, daf\u00fcr sorgen entsprechende Substantivierungen wie <em>Juden, Zigeuner, Arbeitslose, Asylanten<\/em>, etc., und sollten diese W\u00f6rter noch nicht genug Reizwirkung entwickeln, kann noch einer draufgesattelt werden, wie z. B. <em>Wucherer, Wirtschaftsfl\u00fcchtling, Sozialschmarotzer<\/em>, etc. Im&nbsp;\u00dcbergang vom Einzelschicksal zur amorphen Menge befreit sich der Mensch zwingend von m\u00f6glichem Wissen, entledigt sich erleichtert wahrnehmbarer Qual, phantasiert sich der Ungerechte erfolgreich in die Rolle des&nbsp; Gerechten. Denn je umfassender die Ahnungslosigkeit, umso umfangreicher der Beifall.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"2255\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2021\/10\/16\/das-radfahrerprinzip\/sensus-communis-ab-722-nach-christus\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?fit=320%2C500&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"320,500\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Sensus-communis-ab-722-nach-Christus\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?fit=320%2C500&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?resize=226%2C354&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-2255\" width=\"226\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?w=320&amp;ssl=1 320w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Sensus-communis-ab-722-nach-Christus.jpg?resize=192%2C300&amp;ssl=1 192w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/a><figcaption> Erkenntnisbezogenes Verm\u00f6gen ab 722 n. Chr.,  Cartoon von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/de.toonpool.com\/artists\/zenundsenf_7523\" target=\"_blank\">zenundsenf<\/a> \u00a9 <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Gesellschaften, die von sogenannten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften <em>primitive Gesellschaften <\/em>genannt werden, kamen zu keiner Zeit auf die abstruse Idee, negatives Unrecht gegen\u00fcber einer Vielzahl als Ultima-ratio auszugeben, um dar\u00fcber ein positives Unrecht gegen\u00fcber einem geringen Bodensatz zu minimieren. Es fehlten dort die notwendigen Zuchtmeister der Zivilisation, der Apostel Paulus und Adolf Hitler, die da lehrten: \u201c<em>Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das bis dahin praktizierte nat\u00fcrliche Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft wurde seitdem davon abh\u00e4ngig gemacht, ob jener arbeite oder nicht. Selbstverst\u00e4ndlich betrachteten beide Zuchtmeister ihre eigene T\u00e4tigkeit als Arbeit. Der eine sah seine eigene Arbeitsleistung darin, zahllose Briefe zu schreiben und zu reden, der andere darin, Millionen von Menschen in den Tod zu schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun verhielt es sich bei dem bis dahin praktiziertem nat\u00fcrlichen Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft so, dass die Menschen damals noch \u00fcber das Wissen verf\u00fcgten, dass es Arbeit geben kann oder nicht, und dass dar\u00fcber hinaus es auch einleuchtende Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben k\u00f6nne, dass einer keiner Arbeit nachgehen kann, obschon Arbeit vorhanden w\u00e4re. So dass sie gar nicht auf die Idee kommen konnten, dass jener, der nicht arbeite, auch nicht essen solle.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland ist das deutsche Bundesfinanzamt bem\u00fcht, in seinem Museumsf\u00fchrer die 5.000 j\u00e4hrige Geschichte der Steuern aufzuzeigen: \u201c<em>Mit dem Zehnt fing es an<\/em>\u201d. Was das Bundesfinanzamt in Deutschland dabei verschweigt, ist nicht nur die Tatsache, dass dies gar nicht zutrifft, sondern auch, dass heute sogar bei den Geringverdienern es bei der H\u00e4lfte des Erworbenen immer noch nicht aufh\u00f6rt, da zu den Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen und direkten Steuern auch noch zahllose indirekte Steuern und Geb\u00fchren hinzukommen. Zudem handelte es sich bei der ca. 2.500 Jahre alten Idee des Zehnt der Israeliten um eine Abgabe, die das nat\u00fcrliche Recht jedes Einzelnen auf Nahrung und Unterkunft f\u00fcr Ausl\u00e4nder, Witwen, Waise, etc. sicherstellen solle, es war auch Konsens, dass dieser nur hierf\u00fcr verwendet werde, wobei die Leviten nur ein Zehntel dieses Zehntel davon behalten durften, demnach 1 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>In Folge \u00fcbernahm der Klerus des Christentums die Idee des Zehnt, und widmete ihn 722 nach Chr. um: \u201c<em>Aus den Eink\u00fcnften der Kirche und den Opfergaben der Gl\u00e4ubigen soll er vier Teile machen: Einen davon soll er f\u00fcr sich behalten, den zweiten unter den Geistlichen verteilen, entsprechend ihrem Eifer in der Erf\u00fcllung ihrer Pflichten, den dritten Teil soll er an die Armen und Fremden geben, den vierten soll er aber f\u00fcr den Kirchenbau zur\u00fccklegen<\/em>.\u201d Ab da behielten die europ\u00e4ischen Leviten Dreiviertel des Zehntel, demnach blieben f\u00fcr den urspr\u00fcnglich angedachten Zweck nur noch 2,5 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die \u201cBill of Rights\u201d erm\u00f6glichten, dass sich die Gemeinschaft auch nicht mehr um die Schwerkranken zu k\u00fcmmern brauche. Was dazu f\u00fchrte, dass heute in den Vereinigten Staaten etliche \u00c4rzte und Krankenpersonal in Eigeninitiative jeden Sonntag sich in ihrer Freizeit in Krankenh\u00e4usern treffen, um jene unentgeltlich durch Behandlung und Operationen zu retten, die sich keine Krankenversicherung leisten k\u00f6nnen. Da diesen Menschen mit deren Eigeninitiative aber keine Einnahmen daraus entstehen, kann es sich bei dieser T\u00e4tigkeit &#8211;  folgt einer der neuen Definition von Arbeit, dass nur Erwerbsarbeit Arbeit sei \u2013 nicht um Arbeit handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Satz von Paulus und Hitler, dass wer nicht arbeite auch nicht essen solle, f\u00fchrte notgedrungen zur Bed\u00fcrftigkeitspr\u00fcfung, wobei Arbeit nur dann als Arbeit zu gelten habe, falls diese Erwerbsarbeit. Nach dieser Definition ist folglich die T\u00e4tigkeit, Millionen Menschen in den Tod zu schicken, eine Arbeit, w\u00e4hrend Menschen durch Behandlung und Operationen vor dem Tod zu retten, keine Arbeit sei. Denn f\u00fcr die eine T\u00e4tigkeit wurde Entgelt gezahlt, f\u00fcr die andere nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun w\u00e4re sicherlich nichts gegen eine Bed\u00fcrftigkeitspr\u00fcfung einzuwenden, k\u00f6nnte \u00fcber diese verhindert werden, dass sich einer auf Bali in die H\u00e4ngematte lege anstatt zu arbeiten. Wobei zu fragen w\u00e4re, aus welcher Quelle denn die Behauptung sich speise, ein bedingungsloses Grundeinkommen werde dazu f\u00fchren, dass sich einer auf Bali in die H\u00e4ngematte lege anstatt zu arbeiten. Haben doch eine Reihe von Feldstudien zwischen 1969 und 1982 dies nicht best\u00e4tigt. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert, dass bei unbedingtem Grundeinkommen unter existenzsichernden Bedingungen allein erziehende M\u00fctter ihre Arbeitszeit zwischen 12 und 28 Prozent verringerten, w\u00e4hrend die meisten M\u00e4nner einfach wie vordem weiterarbeiteten. Daf\u00fcr sank die Scheidungsrate signifikant, und auch die Schulergebnisse von Kindern der Versuchsgruppe \u00e4nderten sich: \u201c<em>Verbesserungen der Resultate in Lese-Tests waren f\u00fcr Sch\u00fcler vom vierten bis zum sechsten Schuljahr statistisch bedeutsam. Die Lesef\u00e4higkeit dieser j\u00fcngeren Kinder stieg also merkbar. F\u00fcr \u00e4ltere Sch\u00fcler vom siebten bis zum zehnten Schuljahr wurden hingegen keine positiven Effekte gemessen. Je l\u00e4nger eine Familie schon der Experimentiergruppe angeh\u00f6rte, desto gr\u00f6\u00dfer waren auch die zu erwartenden Fortschritte ihrer Kinder in der Schule. Bei Sch\u00fclern aus den \u00e4rmsten teilnehmenden Familien (mit der gr\u00f6\u00dften Transfersumme) wurden die st\u00e4rksten Verbesserungen registriert. Sie profitierten somit am meisten von der h\u00f6heren Einkommensgarantie. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche aus armen Familien unter einem solchen Programm die obligatorische Schulpflicht (10 Jahre) erf\u00fcllen, ist um 20% \u2013 90% gr\u00f6\u00dfer als die Chance f\u00fcr ihre Altersgenossen aus der Kontrollgruppe.\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Vergleich aus Mehrausgaben, da ein minimaler Teil daraufhin seine Arbeitszeit verringerte, mit den Einsparungen, die aus geringerer Scheidungsrate und bessere Schulergebnisse der Kinder resultiert, unterblieb aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden. Es bestand die Gefahr, dass nachgewiesen worden w\u00e4re, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Allgemeinheit billiger kommen w\u00fcrde als die Fortsetzung der bisherigen Praxis. Sind doch bei genauer Analyse 32,3 % der Sozialhilfeempf\u00e4nger Kinder unter 15 Jahre, 37 % Jugendliche unter 18 Jahre alt, 8,4 % Alleinerziehende, die auch beim Empfang von Sozialhilfe nicht arbeiten m\u00fcssen, solange sie ein Kind unter drei Jahren oder zwei Kinder unter 7 Jahren betreuen, 9,7 % \u00fcber 60 Jahre alt und 4,7 % wegen Krankheit, Behinderung und Arbeitsunf\u00e4higkeit Empf\u00e4nger von Sozialhilfe. Das w\u00e4ren dann 92 %, die dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verf\u00fcgung stehen k\u00f6nnen, und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob diese ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielten, oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun w\u00e4re die Modernisierung des Menschseins, die ein Wanderprediger und ein Verbrecher mit dem Satz erm\u00f6glichten, dass der nicht essen solle der nicht arbeite, nur auf deren Anh\u00e4nger beschr\u00e4nkt, h\u00e4tte da vor 200 Jahren nicht auch noch einer, der sich selbst als Philosoph auffasste, sich lieber in diversen Pubs herumgetrieben und sich an seinem Pint festgehalten, statt die Vorlesungen zu besuchen. Was zu vermuten ist, angesichts des als \u201cfalsche Dichotomie\u201d l\u00e4ngst bekannten Fehlschlusses, den die Lenker der Nationen dann in Folge f\u00fcr ihre Zwecke f\u00fcr einen brauchbaren hielten: \u201c<em>Was ist bedeutsamer: das allgemeine, gesellschaftliche&nbsp;Gl\u00fcck&nbsp;oder das pers\u00f6nliche, individuelle Gl\u00fcck<\/em>?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Satz ist dann par elegance, wenn ihm gelingt, erfolgreich ein Entweder-oder als die einzigen zwei m\u00f6glichen Alternativen durchzusetzen, wo ein Entweder-oder gar nicht existiert, und dies keinem auff\u00e4llt. Ist ein Bestandteil des Satzes dann auch noch das Ergebnis einer falschen \u00dcbersetzung, ohne dass dies einem auff\u00e4llt, ist der Schwachsinn vorprogrammiert. H\u00e4tte der Philosoph ein wenig mehr seine Nase in die philosophischen Texte statt in das Bierglas gesteckt, h\u00e4tte er entdeckt, dass die mit dem Wort <em>Eudaimonia <\/em>verbundene Vorstellung nichts mit der Vorstellung gemein hat, die mit dem Wort<em> Gl\u00fcck <\/em>assoziiert wird. So ist ihm auch noch dieser Satz entgangen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>Was aber die Eudaimonia sei, dar\u00fcber streiten sie, und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen. Jene (die Leute) n\u00e4mlich verstehen darunter etwas Sichtbares und Greifbares, wie Lust, Reichtum oder Ehre; und der eine dies, der andere jenes, oftmals auch ein und derselbe Verschiedenes: wenn er krank ist, so meint er die Gesundheit, wenn er arm ist, den Reichtum<\/em>.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Womit Adam Smith das Urteil \u00fcber sich selbst sprach: Ich bin <em>Leute<\/em>. Und wurde der Initiator der Ideologien <em>Kapitalismus<\/em> und <em>Kommunismus<\/em>. Nun streiten sich die Gelehrten, ob Pest oder Cholera zum allgemeinen, gesellschaftlichen&nbsp;Gl\u00fcck&nbsp;und pers\u00f6nlichen, individuellen Gl\u00fcck f\u00fchre.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Begriffen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung wird das Ph\u00e4nomen behandelt, dass diese nicht identisch sind, also wie einer sich selbst sieht, und wie andere diesen sehen. Die Psychologen besch\u00e4ftigen sich aus der Perspektive der Fremdwahrnehmung daher mit der Illusion der Selbstwahrnehmung. Vielleicht wird eines Tages auch die Illusion der Fremdwahrnehmung Gegenstand einer Betrachtung, also wie einer in seiner Selbstwahrnehmung die anderen sieht, und was die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind. Gut m\u00f6glich, dass dabei entdeckt wird, dass der Argwohn, bei fehlendem Zwang w\u00fcrden sich andere in eine H\u00e4ngematte legen, und dort faulenzend vom Geld des arbeitenden Volkes leben, daher r\u00fchrt, dass der so Argw\u00f6hnende selbst es ist, der es tun w\u00fcrde, von sich selbst irrt\u00fcmlich auf andere schlie\u00dfend.&nbsp; Denn die Leute verstehen unter Gl\u00fcck etwas Sichtbares und Greifbares: sind sie krank, ist es die Gesundheit, sind sie arm , ist es der Reichtum, wenn sie arbeiten, ist es die Freizeit, sind sie arbeitslos, ist es die Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>So bleibt nur der Wunsch, dass all jene, die davon ausgehen, bei einem bedingungslosen Grundeinkommen legten sich die Leute in die H\u00e4ngematte, was zu steigenden Kosten f\u00fcr die Allgemeinheit f\u00fchrt, da ein Ministrant, ein Einzelhandelskaufmann, ein Straft\u00e4ter und ein Messdiener dies behaupteten, jener eindeutigen Handlungsvorschrift zur L\u00f6sung eines Problems&nbsp;\u00fcbergeben werden, die immer dann hilft, wenn der Geist zu schwurbeln beginnt: Das Schmecken. Nur wer schmeckt kennt den Geschmack. Jenseits dessen ist nur Gefasel. Der einzige Schaden w\u00e4re, dass sich dann die Radfahrer ein anderes Opfer suchen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cJede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen, wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbesch\u00e4ftigung f\u00fcr alle mehr geben kann und dass die Lohnarbeit nicht l\u00e4nger&nbsp;der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die haupts\u00e4chlichste T\u00e4tigkeit eines jeden bleiben kann.\u201d (Andr\u00e9 Gorz, Sozialphilosoph) Gegenwart wie Vergangenheit belegen un\u00fcbersehbar, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2021\/10\/16\/das-radfahrerprinzip\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Das Radfahrerprinzip<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[103],"tags":[566,362],"class_list":["post-2250","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unterwegs","tag-negatives-unrecht","tag-notbedarf"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6uOIU-Ai","jetpack-related-posts":[{"id":1299,"url":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2016\/10\/23\/das-bier-dilemma\/","url_meta":{"origin":2250,"position":0},"title":"Das Bier-Dilemma","author":"Bj\u00f6rn Eriksson","date":"23. 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