{"id":1774,"date":"2017-10-07T11:27:16","date_gmt":"2017-10-07T09:27:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/?p=1774"},"modified":"2017-10-07T13:09:42","modified_gmt":"2017-10-07T11:09:42","slug":"eine-reise-nach-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/","title":{"rendered":"Eine Reise nach Syrien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/foto-wef\/\" rel=\"attachment wp-att-1775\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1775\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/foto-wef\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?fit=1010%2C1621&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1010,1621\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Foto WEF\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?fit=474%2C761&amp;ssl=1\" class=\"alignleft wp-image-1775\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?resize=80%2C128\" alt=\"\" width=\"80\" height=\"128\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?w=1010&amp;ssl=1 1010w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?resize=768%2C1233&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?resize=638%2C1024&amp;ssl=1 638w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Foto-WEF.jpg?w=948&amp;ssl=1 948w\" sizes=\"auto, (max-width: 80px) 100vw, 80px\" \/><\/a>Das gegen innere Widerst\u00e4nde mitgenom\u00admene Mobiltelefon habe ich \u2013 was gewiss kein Zufall ist &#8211; schon im ersten Hotel vergessen. Der Verlust hat nicht sehr ge\u00adschmerzt, habe ich doch ein recht kritisches Verh\u00e4ltnis zu dieser \u201eErrungenschaft\u201c der mo\u00adder\u00adnen Kommunikationstech\u00adnik: Ich finde, so ein Handy rundet die \u201eemotionalen Ecken\u201c ab, Abschied und Wiedersehen zum Beispiel werden gar nicht mehr richtig durchlebt, durch\u00adlitten und genossen, wenn die kommunikative Nabelschnur niemals unterbrochen ist.\u00a0 Und wie kann man sagen: \u201eIch bin dann mal weg \u2026\u201c, wenn st\u00e4ndige Erreichbarkeit besteht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Fotoapparat habe ich von Anfang an gar nicht mitgenommen: Noch nie hatte ich auf einer derartigen Reise eine Kame\u00adra dabei, denn ich habe fr\u00fch bemerkt, dass sie dazu ver\u00adf\u00fchrt, die Welt st\u00e4ndig als Fotomotiv zu sehen und auf \u201eSehensw\u00fcrdigkeiten\u201c zu reduzieren. Mir aber kam es darauf an, das frem\u00adde Land in seiner ganzen Buntheit und Vielfalt\u00a0 bewusst und ohne Ablenkung in mich aufzu\u00adnehmen. (die besuchten \u201eSehensw\u00fcrdigkeiten\u201c \u00a0sind schlie\u00df\u00adlich auf Postkar\u00adten erh\u00e4ltlich \u2026) Nur so ist es m\u00f6glich, an jedem Ort, den ich auf\u00adge\u00adsucht habe, tats\u00e4chlich gewesen zu sein. Und das Erlebte mache ich nicht durch Fotos, son\u00addern durch Schreiben erinnerbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer allein eine Reise in ein fremdes Land unternimmt, tritt auch eine Reise zu sich selbst an. Unmittelbar und ungefiltert treffen Bilder, Ger\u00e4usche, Ger\u00fcche und Gef\u00fchle auf die eigene Seele. Auf diese Weise spiegelt die fremde Umgebung\u00a0 das Ich mit seinen moralischen und kulturellen Wertvorstellungen, bisherigen Erfahrungen, seinen (Vor-)urteilen, Vorlieben und Abneigungen und er\u00f6ffnet so eine neue Sicht auf die eigene Existenz und auf die umgebende Welt: Die Begegnung mit einer frem\u00adden Welt wird zur Selbstbegegnung. Liegt doch das Eigene meist im toten Winkel der Wahr\u00adnehmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der allein Reisende ist weitgehend Herr \u00fcber Zeit und Raum \u2013 welch begl\u00fcckendes Erlebnis, wo unser Leben heutzutage doch bis ins Detail strukturiert ist von Uhren, Fahrpl\u00e4nen, Am\u00adpeln, Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberwegen, Vereinba\u00adrun\u00ad\u00adgen, Verabredungen, Terminen \u2026 und nur der Rei\u00adsende selbst bestimmt die Richtung, in die er sich bewegt, die Neugier weist ihm den Weg, er kann sich treiben lassen von Lust- und Unlust\u00adgef\u00fchlen. Und es spielt keine Rolle, ob er m\u00fcde gewor\u00adden ist, oder \u00fcber die Energie f\u00fcr weitere Stunden des Umherwan\u00adderns ver\u00adf\u00fcgt &#8211; kann er doch rasten, wann immer und so lange er will!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach eineinhalb Stunden k\u00fcndigt sich die t\u00fcrkisch-syrische Grenze durch kilometerlange Lastwa\u00adgenkolonnen an. Das Verh\u00e4ltnis der beiden L\u00e4nder hat sich in letzter Zeit wesentlich verbes\u00adsert, der Handel ist nun rege und dementsprechend geht es an der Grenze mit ihren Forma\u00adlit\u00e4ten zu. Unser Fahrer wuselt listig rechts und links an den Kolonnen vorbei, schimpft, und wird beschimpft,\u00a0 und schon stehen wir vor dem Abfertigungsgeb\u00e4ude an der Grenze. Alle m\u00fcssen aussteigen, zur Passkontrolle. Unser Fahrer geht durch den Bus und sammelt alle t\u00fcrkischen P\u00e4sse ein. Ich sage: \u201e<em>Ich bin Deutscher, nicht T\u00fcrke<\/em>\u201c. Er zwinkert mir zu: \u201e<em>Jetzt bist du auch mal T\u00fcrke<\/em>\u201c, nimmt meinen Pass und verschwindet im Laufschritt in der Abferti\u00adgungshalle. Ich, etwas besorgt, hinterher. Aber schon ist er in irgendwelchen B\u00fcros ver\u00adschwun\u00adden mit seinen t\u00fcrkischen P\u00e4ssen. W\u00e4hrend die anderen ausl\u00e4ndischen Mitreisenden die Einreiseformulare ausf\u00fcllen, kann ich mich in Ruhe umschauen. Das Geb\u00e4ude ist ziem\u00adlich neu und sehr gepflegt, es herrscht eine ruhige Atmosph\u00e4re; nat\u00fcrlich blickt das Konterfei des \u2013 wie ich finde \u2013 \u201echaplinesk\u201c drein schauende Pr\u00e4sidenten, der von nun an allgegen\u00adw\u00e4rtig sein wird in diesem Land, gleich mehrfach von der Wand. Und dann f\u00e4llt mein Blick auf ein gro\u00dfes Schild: \u201e<em>Verehrte Einreisende<\/em>\u201c, hei\u00dft es da, <em>\u201esollte sich einer unserer Beam\u00adten nicht korrekt verhalten oder in irgendeiner Weise Anlass zu Beschwerde geben, so wen\u00adden Sie sich bitte an den zust\u00e4ndigen Aufsichtsbeamten oder rufen Sie die Telefonnum\u00admer \u2026 an<\/em>.\u201c\u00a0 Da f\u00e4llt mir ein, was mir bei der Einreise am Flughafen in Baltimore (USA) vor einigen Jahren als erstes auffiel: Ein Schild, das in r\u00fcdem Ton darauf verwies, dass es ein strafbewehrtes Vergehen sei,\u00a0 bei der Passkontrolle eine Diskussion zu f\u00fchren (\u201e<em>to argue with an immigration officer<\/em>\u201c). Welch ein Kontrast zwischen dem Land, das angeblich ein Hort der Finsternis sein soll einerseits, und dem gelobten Land der Freien und Gleichen andererseits\u00a0 &#8230;<\/p>\n<p><strong>Allepo<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1779\" aria-describedby=\"caption-attachment-1779\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/aleppo-zitadelle\/\" rel=\"attachment wp-att-1779\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1779\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/aleppo-zitadelle\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?fit=1856%2C1288&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1856,1288\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;MP270 series&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1459343652&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"Aleppo Zitadelle\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?fit=474%2C329&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-1779 size-large\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle-1024x711.jpg?resize=474%2C329\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?resize=1024%2C711&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?resize=300%2C208&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?resize=768%2C533&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?w=1856&amp;ssl=1 1856w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?w=948&amp;ssl=1 948w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Aleppo-Zitadelle.jpg?w=1422&amp;ssl=1 1422w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1779\" class=\"wp-caption-text\">&#8211;<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Gasse eine nun lebhafte Stra\u00dfe. Hier kommen viele Taxis an und vor allem auch\u00a0 gro\u00dfe Touristenbusse. Ich setze mich auf eine Mauer an der Moschee und betrachte das Treiben. Gerade quellen etwa 40 Touristen aus Deutschland aus einem der Busse; kaum setzen sie den Fu\u00df auf die Stra\u00dfe, rei\u00dfen die meisten von ihnen die Kamera vors Auge und \u201eschie\u00dfen\u201c wie wild um sich. Manche fahren mit ihrem Camcorder einen\u00a0 ra\u00adschen 360-Grad-Schwenk um die eigene Achse. Die Reisef\u00fchrerin weist auf drei renovierte Holz\u00adh\u00e4user hin (wie ich sie bereits in gro\u00dfer Zahl auf meiner Wanderung heute fr\u00fch gesehen habe), und schon richten sich alle Kameras auf diese drei Geb\u00e4ude. Es scheint aber nie\u00admand richtig hin zu schauen, vielmehr gilt die ganze Aufmerksamkeit\u00a0 der Entdeckung weite\u00adrer Fotomotive. Ich stelle mir vor, dass viele der hier Anwesenden m\u00f6glicher Weise erst auf dem Sofa daheim, wenn sie die Fotos betrachten, zum ersten Mal all das Sch\u00f6ne zur Kennt\u00adnis nehmen, das sie hier vor Ort offenbar nicht richtig in sich aufnehmen (k\u00f6nnen).\u00a0 Die Rei\u00adse\u00adf\u00fchrerin erz\u00e4hlt dann offenbar noch vieles mehr, aber es h\u00f6ren nur ein halbes Dutzend wirk\u00adlich zu, die anderen haben sich abgewendet, fotografieren, gucken sich am Stra\u00dfenrand angebotene Souvenirs an, trinken aus mitgebrachten Wasserflaschen und wischen sich den Schwei\u00df von der Stirn. Und reden viel. Ich frage mich, warum diese Leute \u00fcberhaupt eine doch sicherlich nicht billige \u201eBildungsreise\u201c gebucht haben. Als ich der Gruppe nachschaue, wie sie sich nun, hinter dem F\u00e4hnlein der Reisef\u00fchrerin versammelt, den H\u00fcgel zur Zitadelle hinauf schleppt (die Zufahrt von hier aus ist f\u00fcr Busse gesperrt), denke ich daran, wie gut ich\u2019s doch habe \u2026 ich n\u00e4mlich kann es mir erlauben, hier zu sitzen und zu staunen solange ich mag, um an die\u00adsem ersten Tag erst einmal die Stadt als Ganzes mit allen Sinnen in mich auf zu nehmen; Zi\u00adta\u00addelle und Moschee und all die anderen Sehensw\u00fcrdigkeiten k\u00f6nnen warten, sie sind ja schon viele hundert Jahre und auch morgen noch da \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist \u2013 nach vielen unguten Erfahrungen in anderen L\u00e4ndern &#8211;\u00a0 unglaublich, wie unbehelligt ich mich als Tourist in diesem Land bewegen kann: Keinerlei l\u00e4stige oder aufdringliche \u201eAn\u00admache\u201c, niemand zupft am \u00c4rmel, niemand will einem irgendwelche \u201eecht antike\u201c Sch\u00e4tze verh\u00f6kern, einen Teppich verkaufen, die Schwester anbieten, illegal Geld wechseln oder ein\u00adfach nur \u201eguide\u201c sein! Welch ein Gegensatz zu L\u00e4ndern wie \u00c4gypten oder Marokko! Wende ich mich aber Auskunft suchend an einen Passanten, so \u00fcberschl\u00e4gt sich der vor lauter Hilfs\u00adbereitschaft! Die Verst\u00e4ndigung ist zwar in aller Regel schwierig, nur die Wenigsten k\u00f6nnen Englisch oder Franz\u00f6sisch, im Lesen eines Lageplans sind die Syrer auch nicht gerade Welt\u00admeister \u2013 aber sie sind herzlich und freundlich und immer sind sie bem\u00fcht, dem Fragenden eine Antwort zu geben (die sich bisweilen sp\u00e4ter als falsch heraus stellt, vermutlich, weil es in den Augen eines Syrers immer noch besser ist, eine unzutreffende Auskunft zu geben, als gar keine.) Als ich in einer \u00fcberf\u00fcllten Bank Geld wechseln m\u00f6chte und mich hilflos um\u00adschaue, komme ich mit einem Mann ins Gespr\u00e4ch, der einmal ein paar Jahre in Dortmund gearbeitet hat und noch recht gut deutsch spricht. Er nimmt sich viel Zeit f\u00fcr mich, lotst mich an langen Warteschlangen vorbei, redet mit dem Schalterbeamten, l\u00e4sst sich nicht abwim\u00admeln, und ich bekomme meine syrischen Pfund. Herzlich verabschiedet er sich von mir, wie von einem alten Freund. Abends, als ich am Sahat Hatab, dem kleinen Platz in der N\u00e4he mei\u00adnes Hotels einen \u201esun\u00addowner\u201c genie\u00dfe, kommt pl\u00f6tzlich dieser Mann aus der Bank vorbei, an der Hand seine zwei kleinen T\u00f6chter, etwa im Alter von 8-10 Jahren.\u00a0 Eine von ihnen ist behindert. Der Mann zeigt sich ehrlich erfreut, mich wieder zu sehen. Ich bin es auch. Die beiden M\u00e4dchen geben wohlerzogen die Hand, wir wechseln ein paar Worte, dann muss er weiter, seine Frau wartet. Mit einer Umarmung verabschiedet sich der Mann, wie es \u00fcblich ist in diesem Land.\u00a0 An die\u00adse Begegnung muss ich oft denken: Wie schnell kann sich manchmal ein herzlicher Kontakt zwischen Menschen ergeben, die sich v\u00f6llig fremd waren!\u00a0 Und es f\u00e4llt mir das Zitat aus dem \u201eKleinen Prinzen\u201c ein, \u201eMan sieht nur gut mit dem Herzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der n\u00e4chste Tag ist ein Sonntag. Fr\u00fch werde ich geweckt \u2013 nein, nicht vom Ruf des Muez\u00adzin, sondern vom Glockengel\u00e4ut der im 19. Jahrhundert gebauten katholischen Kirche hinter dem Hotel! Tja, in Syrien ist m\u00f6glich, was im Deutschland von Herrn Sarazzin undenkbar ist. Man stelle sich nur einmal vor, einen Steinwurf von M\u00fcnchens Marienplatz entfernt riefe am Morgen der Muezzin zum Gebet! Besch\u00e4mt muss ich mir eingestehen, dass f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil meiner deutschen Mitb\u00fcrger eine solche Vorstellung wohl unertr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wohl die \u201eGanzheit\u201c menschlichen Lebens, das Neben- und Miteinander von Produktion, Handel, Wohnen, geselliger Zerstreuung, Erholung und religi\u00f6ser Hingabe. Wohnung, Werkstadt, Gesch\u00e4ft, Teestube, Moschee und Hamam \u2013 alles ist in Reichweite, kaum getrennt. Ein Nebeneinander auch der Generationen: Greise, die an der T\u00fcrschwelle sitzen und Horden spielender Kinder in den Gassen. All das, was wir der Mo\u00adderne geopfert haben, suchen wir nun sehns\u00fcchtig wieder zu finden in fernen L\u00e4ndern. Wohnen wir doch in \u201eSchlafst\u00e4dten\u201c, arbeiten in Industriezonen oder B\u00fcroh\u00e4usern, kaufen in Einkaufszentren, entspannen uns im Vergn\u00fcgungsviertel, erholen uns im \u201eWellness-Centre\u201c, besuchen unsere Alten im Altenheim und verbannen unsere Kinder auf Spielpl\u00e4tze, Kirchen brauchen wir schon lange nicht mehr \u2026 Alles ist getrennt, funktional, effizient, raum-,\u00a0 geld-, zeitsparend organisiert. Das menschliche Dasein, es ist in Segmente zerfallen und es wird immer schwerer, die Einzelteile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzuf\u00fcgen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1778\" aria-describedby=\"caption-attachment-1778\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/ialepo-suq\/\" rel=\"attachment wp-att-1778\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1778\" data-permalink=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/ialepo-suq\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?fit=1190%2C1766&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1190,1766\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;MP270 series&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1459343510&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"IAlepo suq\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?fit=474%2C703&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-1778 size-large\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq-690x1024.jpg?resize=474%2C703\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"703\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?resize=690%2C1024&amp;ssl=1 690w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?resize=202%2C300&amp;ssl=1 202w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?resize=768%2C1140&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?w=1190&amp;ssl=1 1190w, https:\/\/i0.wp.com\/www.algorithmics.is\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IAlepo-suq.jpg?w=948&amp;ssl=1 948w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1778\" class=\"wp-caption-text\">&#8211;<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem letzten Abend in Aleppo sitze ich noch einmal in der N\u00e4he meines Hotels vor dem \u201eCaf\u00e9 Sissi\u201c am Sahat Hatab-Platz, der mich mit seinem Flair ein wenig an Montmartre oder auch Alt-Schwabing erinnert. Hier wird mir bewusst, dass Aleppo auch heute noch eine Schnitt\u00adstelle ist zwischen Tradition und Moderne, zwischen Okzident und Orient, zwischen verschiedenen Kulturen. Fast so wie ich Beirut erlebt habe vor dem Krieg von 1975. Um mich herum sitzen ganz unterschiedliche Menschen: Das syrische Paar mittleren Alters, mit dem ich mich franz\u00f6sisch unterhalten kann, er trinkt (in aller \u00d6ffentlichkeit!) ein Bier, sie tele\u00adfoniert mit ihrem Mobiltelefon. Dann sind da zwei junge Frauen, beide tragen Kopftuch \u2013 und rauchen, sich lebhaft unterhaltend, Wasserpfeife (auch das in aller \u00d6ffentlichkeit)!\u00a0 Und dann ist da eine westlich gekleidete, offenbar gut betuchte Dame, die &#8211; einen Hund (!!!) an der Lei\u00adne &#8211; mit einem Begleiter am Nebentisch Platz nimmt. Das ist etwas Unerh\u00f6rtes, denn f\u00fcr ei\u00adnen Muslim ist der Hund, neben dem Schwein, ein unreines Tier, dessen N\u00e4he der Mensch meidet. Der Hund und seine Herrin erregen denn auch gro\u00dfe Aufmerksamkeit, die Buben, die in der Mitte des Platzes Fu\u00dfball gespielt haben, unterbrechen ihr Spiel und stehen bald belustigt tuschelnd, und gleichzeitig ungl\u00e4ubig staunend in einiger Entfernung um den Tisch, an dem sich Hund und Mensch niedergelassen haben. Auch die Passanten, die vorbei kom\u00admen, werfen verstohlene Blicke auf den Hund, der es sich unter dem Stuhl seiner Herrin ge\u00adm\u00fctlich gemacht hat. Da f\u00e4llt mir das Kapitel \u201e<em>Ich, der Hund<\/em>\u201c in Orhan Pamuks Roman \u201e<em>Rot ist mein Name<\/em>\u201c ein, das die Existenz der Gattung Hund aus der Sicht eines Hundes in Istan\u00adbul mit umwerfender Komik beschrieben hat. Und es f\u00e4llt mir zum ersten Mal auf, dass ich seit meiner Abreise aus Deutschland vor 14 Tagen nicht einen einzigen Hund zu Gesicht be\u00adkommen habe, bis heute Abend.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich die drei Tage, die ich nun in Aleppo verbracht habe, Revue passieren lasse, so bin ich einiger Massen verwirrt. Was ich sah, entspricht so gar nicht dem Klischee vom \u201eb\u00f6sen Islam\u201c, vom \u201eOrt der Finsternis\u201c, \u201eder Achse des B\u00f6sen\u201c, die Syrien doch\u00a0sein soll \u2013 wenn man Psy\u00adcho\u00adpathen\u00a0 wie Ronald Reagan, George W. Bush, Herrn Sarrazin, etc. glauben will. Nun k\u00f6nnte man mir entgegnen: Syrien und vor allem Aleppo ist ja nicht \u201etypisch\u201c! Aber warum soll immer nur \u201etypisch\u201c sein, was dem Vorurteil entspricht? K\u00f6nnte man nicht auch argumentieren, dass Aleppo \u201etypisch\u201c ist f\u00fcr die kulturelle und religi\u00f6se Toleranz, die eben auch anzutreffen ist in den L\u00e4ndern des Nahen Ostens?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa vier Monate, nachdem ich aus dem mir so liebenswert erscheinenden Land zur\u00fcckgekehrt war, kamen erschreckende Bilder aus Syrien: Bilder von Panzern und Soldaten in den St\u00e4dten, Frauen und Kinder auf der Flucht, blut\u00fcberstr\u00f6mte Demonstranten und brennende Gesch\u00e4fte \u2026 Wie mag es nun den vielen netten Menschen ergehen, die ich auf meiner Reise kennen gelernt hatte? Sind sie alle noch unversehrt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gegen innere Widerst\u00e4nde mitgenom\u00admene Mobiltelefon habe ich \u2013 was gewiss kein Zufall ist &#8211; schon im ersten Hotel vergessen. Der Verlust hat nicht sehr ge\u00adschmerzt, habe ich doch ein recht kritisches Verh\u00e4ltnis zu dieser \u201eErrungenschaft\u201c der mo\u00adder\u00adnen Kommunikationstech\u00adnik: Ich finde, so ein Handy rundet die \u201eemotionalen Ecken\u201c ab, Abschied und Wiedersehen zum Beispiel werden &hellip; <a href=\"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/10\/07\/eine-reise-nach-syrien\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Eine Reise nach Syrien<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[103],"tags":[85,514,93],"class_list":["post-1774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unterwegs","tag-geschichte","tag-wolfgang-fischer","tag-zivilisation"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6uOIU-sC","jetpack-related-posts":[{"id":1688,"url":"https:\/\/www.algorithmics.is\/wordpress\/de\/2017\/07\/15\/des-gnoms-genom\/","url_meta":{"origin":1774,"position":0},"title":"Des Gnoms Genom","author":"Bj\u00f6rn Eriksson","date":"15. 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