DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

Ljósmynd : (C) Delphine & Thibault

DAMALS, ALS ICH MICH SCHÄMTE

da schämte ich mich für alles / was ich tat
oder nicht tat / oder auch nur gedachte
zu tun oder nicht zu tun /
vor allem aber schämte ich mich meines Vaters /
der im Dorf den Dreck der anderen von den Straßen kehrte /
der kleingeblümten Schürze meiner Mutter /
die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug /
und ihres Kopftuchs / mal auf den Schultern meist um den Kopf /
ich schämte mich der wollenen Hose mit Gummizug /
die mir wie ein Lappen lose auf den Knöcheln hing /
während anderen längst Jeans eng über die Hintern spannten /
ja ich schämte mich der Armut meiner Eltern /
die ich empfand und aus der ich / noch Kind
und noch für Jahre später /
auch für mich kein Entkommen sah

ich bin ihr entkommen /
doch erst auf dem Weg hinaus / das erinnere ich /
als Töchter und Söhne von Lehrern und Pfarrern
von Ärzten und Bankern / ja selbst
von den Eigentümern der Fabriken /
die ein ganzes Dorf beherrschten /
der Welt die Herrschaft des Proletariats erkämpfen wollten /
schämte ich mich meiner Scham

wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können?
die unverbrüchliche Liebe meiner Mutter
zu mir ihrem Kind zu ihrem Mann?
den ehrlichen Stolz meines Vaters /
der sich mit nichts und niemandem gemein machte /
doch in die grauverwitterten Baracken ging
und mit den Polacken sprach / die von allen gemieden waren /
den Geflüchteten damals wie heute vor Krieg geflohen /
nur dass wir selbst es waren / die mit diesem Krieg
die Welt ein weiteres Mal zerrissen hatten?

wie nur hatte ich träumen können /
dass er mir die Füße abhacken wollte /
während ich versuchte ihm auf dem Fahrrad zu entkommen?

er der Vater /
der mir die hässlichen Warzen abkauft /
die den Rücken meiner rechten Hand entstellen

er der Vater /
der mir die Angelrute wiederbringt /
die mir der Polizist des Dorfes abgenommen hat

er der Vater /
der mein erstes Gedicht
in die Redaktion der Dorfzeitung trägt
und sagt / es sei von seinem Sohn

er der Vater /
der eine Holzleiter vor sich her
über das knirschende krachende Eis des Sees schiebt
und das eingebrochene Kind aus dem Bruchloch rettet

er der Vater /
der mir am aufgeschlitzten Leib eines Kaninchens
das Geheimnis der Fortpflanzung erklärt

er der Vater /
der den Dreck der anderen kennt /
weil er ihn wegmacht als Straßenkehrer /
und weiß / dass es gute und schlechte Menschen gibt
in den Häusern den Villen und in den Baracken
des Dorfes / der Welt

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