Der Ball und die Verantwortung

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es ist davon zu lesen, der Ausgang der Abstimmung einer Nation hinsichtlich der Frage, ob sie in der EU bleiben soll oder nicht, zeige einen wesentlichen Unterschied zwischen plebiszitärer Demokratie und repräsentativer Demokratie.“

Ónytjungur: „Inwiefern?“

Tilvera: „Nun, er ist Philosoph, er weiß daher, wovon er redet. Er wirft das Argument in den Ring, dass Erstere zwar direkter erscheinen mag, denn es geschehe, was das Staatsvolk sage, tatsächlich würden in ihr aber die Verantwortlichkeiten verloren gehen. Dem gegenüber weise aber eine Wahl in einer repräsentativen Demokratie klar Verantwortung zu.“

Ónytjungur: „Es ist immer gut, Schein von Tatsachen unterscheiden zu können.“

Tilvera: „Demnach muss das, was das Staatsvolk sage, Schein sein, denn tatsächlich – folge ich der Behauptung – wolle es etwas ganz anderes sagen.“

Ónytjungur: „Und was es tatsächlich sagen wolle, wissen nur jene, die nicht so sagen.“

Tilvera: „Und wozu lassen diese dann das Staatsvolk überhaupt was sagen?“

Ónytjungur: „Vielleicht ist es die Großzügigkeit des Repräsentanten, die dem Staatsvolk das Recht auf freie Meinungsäußerung gewährt.“

Tilvera: „Wenn es nun so ist, dass das, was das Staatsvolk sage, nur Schein ist, und nur die Repräsentanten wissen, was das Staatsvolk tatsächlich sage, repräsentierten diese dann nicht nur den Schein?“

Ónytjungur: „Das hängt davon ab, was du mit dem Fremdwort repräsentieren meinst. Meinst du damit vertreten, dann repräsentieren sie nicht, mit der Begründung, dass dies notwendig sei, um zu repräsentieren, meinst du aber typisch sein für etwas, dann kannst du von repräsentieren sprechen, wäre dann aber von diesem etwas abhängig. Könntest du es dieses etwas eventuell etwas typisieren?“

Tilvera: „Das ist eine schwierige Aufgabe.“

Ónytjungur: „Interessant ist auch die Einzahl Verantwortung, auf Mehrzahl angewendet. Wie habe ich mir das vorzustellen? Ist damit nicht die Mehrzahl für nichts mehr verantwortlich, was ja für alle gelten müsse, da jeder von ihnen ja Element der Mehrzahl Verantwortlichkeiten, und keiner von diesen ja Repräsentant, an den Verantwortung abgegeben? Und wer ist dieser Repräsentant?“

Tilvera: „Da verhält es sich vermutlich so, wie es sich bei Gesellschaft verhält. Du erinnerst dich noch an die Worte des Dichters Halldór Laxness, die er in seinen Kindheitserinnerungen Í túninu heima festhielt?“

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Foto: ALGORITHMICS á Íslandi

Ónytjungur: „Sogar wörtlich: Die Gesellschaft existierte nicht einmal, als ich aufwuchs. Wir wollen hoffen, dass es sie heute gibt, damit man sie verbessern kann, obwohl ihre Anschrift unbekannt ist und es nicht möglich ist, sie vor Gericht zu belangen. Neulich fragte ich einen intelligenten Bekannten, ob er wisse, was die Gesellschaft für ein Verein sei: das Volk, die Regierung, das Alþing, oder vielleicht die Summe von all dem?“

Tilvera: „Nun, dem Philosophen zufolge kann das Staatsvolk schon mal nicht Repräsentant sein, bliebe noch die Regierung und das Parlament, denn wenn das Staatsvolk spreche, könne es in keinem interessanten Sinn von Verantwortung verantwortlich gemacht werden, so der Philosoph.“

Ónytjungur: „Lass mich raten: was ein interessanter Sinn ist, und was nicht, hat der Philosoph nicht angegeben.“

Tilvera: „Er sieht sich als Philosoph. Er ist auch einer.“

Ónytjungur: „Da ist es doch gut, dass du kein Philosoph bist, und auch noch gewillt bist, sorgfältig zu untersuchen, bevor du redest. Sage mir, wie war das damals, im Jahr 2009, als die Verantwortlichkeiten sprachen, den einzigen Baum vor dem Parlament verbrannten, der zur Verfügung stand, in welchem uninteressanten Sinn von Verantwortung können die Verantwortlichkeiten verantwortlich gemacht werden, denn in einem interessanten Sinn von Verantwortung können sie ja nicht verantwortlich gemacht werden?“

Tilvera: „Dazu müsste ich wissen, was in diesem Zusammenhang interessant wäre, und was uninteressant.“

Ónytjungur: „Wie war das damals, als die Repräsentanten in ihrer Not der Erpressung von Wucherern, die auch nur repräsentierten, zustimmen mussten, und die Verantwortlichkeiten den Repräsentanten die Möglichkeit zur Ratifizierung der Erpressung entzogen, in welchem uninteressanten Sinn von Verantwortung können da die Verantwortlichkeiten verantwortlich gemacht werden, denn in einem interessanten Sinn von Verantwortung können sie ja nicht verantwortlich gemacht werden?“

Tilvera: „Auch dazu müsste ich erst wissen, was in diesem Zusammenhang interessant wäre, und was uninteressant.“

Ónytjungur: „Und wie war das, als die Verantwortlichkeiten in diesem Jahr sich solange vor dem Alþingi versammelten, bis der Repräsentant endlich sich bequemte, seinen Schreibtisch zu räumen, in welchem uninteressanten Sinn von Verantwortung können hier die Verantwortlichkeiten verantwortlich gemacht werden, denn in einem interessanten Sinn von Verantwortung können sie ja nicht …“

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Foto: Bernhild Vögel

Tilvera: „Du kannst so viele Ereignisse aufzählen, wie du willst, es wird stets auf das Gleiche hinauslaufen, nämlich dass ich dir mitteile, dazu erst wissen zu müssen, was in diesem Zusammenhang interessant wäre, und was uninteressant.“

Ónytjungur: „Nimm all diese Ereignisse, und es gäbe noch mehr von diesen, ist es dann so, dass jenes, was darüber vermieden beziehungsweise herbeigeführt, denn  beide bedingen bekanntlich einander, jenes ist, was eine Entscheidung darüber zulasse, ob Verantwortlichkeiten durch Verantwortung  sinnvoll ersetzbar, oder nicht?

Tilvera: „Nun, das Argument kam aus einer großen Fußball-Nation, und dort gelten andere Regeln.“

Ónytjungur: „Und welche Regeln?“

Tilvera: „Nimm zwei Mengen, die sich uneins sind, in welches Tor der Ball soll, und sich deswegen bemühen – gegen die Widerstände der jeweils anderen Menge – den Ball in deren Tor zu bugsieren, und nicht in das eigene.“

Ónytjungur: „Und?“

Tilvera: „Einmal angenommen, der einen Menge wird die Rolle des Staatsvolkes zugewiesen, und der anderen Menge die Rolle der Repräsentanten, also Verantwortlichkeiten gegen Verantwortung, beziehungsweise Verantwortungslosigkeit gegen Verantwortung, da die eine Menge ja in keinem interessanten Sinn von Verantwortung verantwortlich gemacht werden könne, …“

Ónytjungur: „… dann erklärte diese Anordnung, dass es damals dort nur die Repräsentanten waren, da diese schließlich die Verantwortung trugen, also die Nazis, und keineswegs das Staatsvolk, denn in einem interessanten Sinn von Verantwortung könne dieses ja nicht verantwortlich gemacht werden.“

Tilvera: „Was schließt du daraus?“

Ónytjungur: „Dass der Ball die Rolle der Verantwortung übernommen hat? Das wäre eine feine Sache, denn am Ende hat sie keiner. Der Ball verweilt auch nicht im Tor, in welchem er auch immer gelandet sein mag, sondern wird immer wieder herausgeholt, und die ganze Prozedur beginnt erneut.“

Tilvera: „Und letztlich bleibt es auch nicht bei dem einen Spiel. Womit ich bei repräsentieren im Sinne von typisch sein für etwas angekommen, und ob ich dieses etwas, was noch undeutlich, typisieren könne oder nicht.“

Ónytjungur: „Und, kannst du?“

Tilvera: „Was auffällt, ist, dass die einen Leute mit der Pauschalisierung repräsentieren operieren, die anderen nicht. Die anderen Leute arbeiten nicht gerne mit Pauschalisierungen, die keine Generalisierungen sind, sind es daher gewohnt zu differenzieren, da sie lieber präzise sein wollen. Sie finden daher keine Verwendung für das Verb repräsentieren. Sie verwenden an dessen Stelle drei voneinander unterscheidbare Ausdrücke, als da sind vera í staðinn fyrir (im Sinne von: Ersatz für), oder hafa umboð fyrir (im Sinne von: jemanden in einer bestimmten Funktion anerkennen und zulassen), oder koma fram í nafni (im Sinne von: im Namen von). Es ist sozusagen typisch für jene. Habe ich damit den Ausdruck typisch sein für etwas für dich genügend typisiert?

Ónytjungur: „Mir genügt es. Setzt doch das Verb vertreten im Sinne von Ersatz für … voraus, dass im Namen von … gehandelt, und mit der Präposition von jeder Einzelne ohne jede Ausnahme genannt, und keineswegs eine Teilmenge. Denn wäre zugelassen, dass nur eine Teilmenge repräsentiert zu werden brauche, und diese bestimmte Funktion im Namen aller anzuerkennen und zuzulassen wäre, dann …“

Tilvera: „… wäre die Wahl damals am 5. März 1933 von allen dort hinzunehmen gewesen, da ja sonst tatsächlich – wie der Philosoph feststellt – die Verantwortlichkeiten verloren gegangen wären, wogegen eine Wahl in einer repräsentativen Demokratie – wie damals geschehen – dem gegenüber klar Verantwortung zuweise.“

Ónytjungur: „Moment … in einer plebiszitären Demokratie hingegen wäre an diesem Tag dem geiferndem Geschwätz eines großen Teils der Leute, die behaupteten, von einer arischen Großmutter abzustammen, die es in Wirklichkeit nie gab und auch nicht geben konnte, mit 56,1 % der Stimmen noch eine klare Absage erteilt worden, was ja – so einer rechnen kann – unweigerlich geschehen wäre, hätte es eine plebiszitäre Demokratie gegeben, …“

Tilvera: „… und müssten bei einer plebiszitären Demokratie dort nun die Rattenfänger, die behaupten, von einer biodeutschen Urgroßmutter abzustammen, die es auch in Wirklichkeit nie gab und auch nicht geben konnte, erst 50,01 % Wählerstimmen hinter sich scharen …“

Ónytjungur: „… und nicht nur eine Schar, die kleiner ist als 50 %, wie bei einer repräsentativen Demokratie, was ja viel leichter erreichbarEs wäre ein Lehrstück in Demokratie, denn es zeigte, was die plebiszitäre Demokratie leiste, die repräsentative Demokratie hingegen verfehle. Kann der Philosoph nicht rechnen?

Tilvera: „Der Philosoph wünscht sich  aber– ungeachtet dessen – die Zuweisung von Verantwortung für Entscheidungen, und die sieht er nur in repräsentativer Demokratie gegeben, nicht jedoch in einer plebiszitären Demokratie.“

Ónytjungur: „Interessant. Er hat wohl auch noch vergessen, dass der Wille zur Macht bekanntlich die Sinne vernebelt, auch ein Gedicht scheint er vergessen zu haben.

Tilvera: „Die Angelegenheit wird damals wie heute vom gleichen System getragen.

Ónytjungur: „Du meinst die repräsentative Demokratie?“

Tilvera: „Ich meine das System Ideologie: In aller Regel auf dem einen Auge blind, und auf dem anderen Ohr taub. Der Wille zur Macht führt zur Redseligkeit, und der kleine Kompromiss wird als weise Tat ausgegeben. Ich habe keine Ahnung, welcher Gewinn sich davon versprochen wird.

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Foto: Bernhild Vögel

Ónytjungur: „In der Tat. Es ist schon bemerkenswert, dass diese Gattung sich selbst Intelligenz zuschreibt, da sie im Gegensatz zu allen anderen Gattungen über die Fähigkeit verfügt, einen Rasenmäher zu erfinden und herzustellen, damit keine Blüten ihren Blick auf ein Heer abgesägter  Grashalme trübe.“

Tilvera: „Mir scheint, mein Freund, du bist für jegliche Kultur untauglich.“

Ónytjungur: „Dann hast du begriffen, warum ich hier diesen Stein in der Einöde bevorzuge.“

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