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Unter Zivilisation wird hier die Zusammensetzung aus den Substituens „Gesittung“ mit dem Substituens „menning“ („Schulung“), und „Schliff“ mit den Substituens „siðfágun“ („gute Manieren“ / „Umgangsformen“, „Sittsamkeit“), „yfirborðsfágun“ („Manieren über dem Tisch“) und „vélmenning“ („vollständige Bildung“) verstanden.

Falschmeldung

Ónytjungur: „Was bringst du Neues von deiner Reise? Ich frage nur, da ich diesen Winter  jeden Tag hier ein seltsames Ereignis beobachte.“

Tilvera: „Und was soll deiner Ansicht nach seltsam sein?“

Ónytjungur: „Hast du keine Augen mehr im Kopf? Die Berge ringsum weinen jeden Tag schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid!“

Tilvera: „In der Tat. Seit die Wissenschaftler das Klima hier aufzeichnen, so ist zu hören, war es zu keiner Zeit hier um diese Zeit so warm. Stürme lassen das Mittagsland, das sich aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer selbst Abendland nennt, nun schon das zweite Jahr rechts liegen, und pusten die warme Luft im Winter lieber in den Norden. Und so ist es nun am Nordpol gerade mal so kalt wie in den Städten des Mittagslandes.“

Ónytjungur: „Du treibst üblen Schabernack mit mir.“

Tilvera: „Keineswegs. Es ist aber nichts, worüber du dir Sorgen machen solltest.“

Ónytjungur: „Soso. Glaube, mich daran erinnern zu können, dass ich dich dahingehend nicht um Rat gebeten hatte.“

Tilvera: „Nun, er ist auch kostenfrei. Ich bringe dir frohe Kunde. Ein Heiland ist uns geboren, er trat aus der Bedeutungslosigkeit hervor, von jubelndem Volk empor getragen in den Olymp. Nun sitzet er zu Rechten der Wissenschaftler, und lehrt sie. Es ist endlich das Ende des Zeitalters angebrochen, in welchem renomierte Forscher  ungerechtfertigterweise ihre Forschungsergebnisse aus langjähriger und akribischer Forschung als ermittelte Fakten ausgeben durften.“

Ónytjungur: „Forschung ist Betrug, deren Ergebnisse eine Lüge? Hirngespinste?“

Tilvera: „Nun, es verhält sich so, dass auch das geozentrische System damals besser mit jenem übereinstimmte, was  damals als gesunder Menschenverstand angesehen.“

Ónytjungur: „So ist also den Professoren ein Professor entwachsen, der nun Professor der Professoren?“

Tilvera: „Nicht ganz. Missgünstige Rivalen hatten zu seinem großen Leidwesen nichts unversucht gelassen,  um zu verhindern, dass er zeitlebens sein Genie durch Lehre und Studium erprobe. Und so war er verurteilt, sich mit dem Titel eines Bachelors abspeisen zu lassen, nicht einmal zu einem Masterstudiengang wurde er zugelassen.“

Ónytjungur: „Es kann der Klügste nicht studieren, was arge Missgunst ihm verweigert. Gibt es den Grad eines Bachelors in der Klimaforschung?“

Tilvera: „Nun, der Forschungsbereich, in dem er studierte, war mehr im Bereich Immobilienwirtschaft.“

Ónytjungur: „Dann dürfte er Kenntnisse erworben haben, wie die Häuser in Zukunft zu bauen sind, damit sie den starken Stürmen standhalten, mit denen hier auf Grund des Rückgangs des arktischen Eises gerechnet wird.“

Tilvera: „Nicht ganz. Bei seiner Forschungsarbeit ging es mehr um den Kauf und Verkauf von Immobilien.“

Ónytjungur: „Also darum, mit welcher Methode einer eine Immobilie am besten kauft, solange diese noch intakt ist, …“

Tilvera: „… und mit welcher Methode er sie am gewinnbringendsten verkauft, bevor sie zerstört ist. So ungefähr.“

Ónytjungur: „Und diese Person wurde nun in den Rang eines Professors der Professoren berufen?“

Tilvera: „Nicht ganz. Du kennst ja die Missgunst, die Genies Allerortens entgegenschlägt. Aber es bekümmert ihn nicht.“

Ónytjungur: „Darin zeigt sich wahre Größe.  So ist also über kurz oder lang damit zu rechnen, dass die Berge hier ringsum im Winter nicht mehr schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid weinen, und der Winter eines Tages wieder zurückkehrt, so wie ihn die Einheimischen bisher gewohnt waren.“

Tilvera: „Nun, es gibt Verdachtsmomente, die besagen, dass es durchaus ein anderes Ende nehmen könnte.“

Ónytjungur: „Inwiefern?“

Tilvera: „Das Genie schätzt Golfplätze und Luxus-Ressorts.“

Ónytjungur: „Und?“

Tilvera: „Es ist folglich durchaus denkbar, dass seine überwältigende Weisheit dazu führt, dass deine Enkelkinder eines Tages aus diesem Grund nicht mehr im Winter auf die Kanaren zu fliegen brauchen, sondern gleich hier bleiben können.“

Ónytjungur: „Was hat das eine mit dem anderen zu schaffen?“

Tilvera: „Ich erinnere dich daran, dass sein Forschungsbereich der Kauf und Verkauf von Immobilien ist. Ein Luxus-Ressort mit Golfplatz ist eine Immobilie. Hast du schon jemals Golf auf einer Schneedecke gespielt?“

Ónytjungur: „Du weißt, dass ich im Falle, mich überfiele die Langeweile, bereits vollständig damit ausgelastet bin, faustgroße Steine mit meinem rechten Fuß in den See dort drüben zu kicken. Wozu sollte ich mir dann anderes Spielzeug zulegen wollen?“

Tilvera: „Steht dein Stein, den du dein Zuhause nennst, nicht an einem malerischen Plätzchen Erde?“

Ónytjungur: „Schon seit der Landnahme. Unwissende erzählen, hier würden sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Dabei gibt es hier gar keine Hasen, sondern nur Füchse.“

Tilvera: „Dann kann ich dir einen Bericht aus Schottland empfehlen. Aber Vorsicht, es gibt Leute, die behaupten, es würde sich um eine Falschmeldung handeln. Bei jenem, was Deine Augen dort sehen, könnte es sich durchaus auch um eine Fata Morgana handeln. Also um ein Trugbild.“

Ónytjungur: „Ich soll meinen Augen nicht mehr trauen können?“

Tilvera: „Es wurde ex cathedra verkündet. Er ist die Wahrheit und das Licht. Jenseits davon ist seitdem nur noch Lügenpresse, und  der Feind des Volkes möglich.“

Ónytjungur: „Lass mich raten, wer das Volk ist, und wer nicht, weiß er auch.“

Tilvera: „Das lässt sich in solchen Fällen immer leicht feststellen. Wer seine Stiefel leckt, gehört zum Volk, und wer sich weigert, ist der Feind des Volkes.“

Ónytjungur: „Da ist es doch gut, dass wir beide Trolle sind.“

Tilvera: „Was soll daran gut sein?“

Ónytjungur: „Trolle tragen gar keine Stiefel. Und wenn sie etwas lecken, dann nur leckere Eiscreme.“

Wohlstandsphilister

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Du nennst dich Taugenichts, wirst auch so gerufen. Wie kommt es?“

Ónytjungur: „Da musst du jene fragen, die mich so nennen, und jenen, der mir diesen Namen gab.“

Tilvera: „Und aus welchem Grund nennst du dich selbst so?“

Ónytjungur: „Weil ich weiß, dass ich das Ziel immer noch nicht erreicht habe, das ich hätte erreichen können.“

Tilvera: „Und was ist dieses Ziel?“

Ónytjungur: „Das ist der zweite Grund. Ich kenne es nicht. Wozu fragst du?“

Tilvera: „Weil ich nicht verstehe, wozu sich Menschen nicht mit jenem beschäftigen, was geschrieben steht, Satz für Satz, Beschreibung nach Beschreibung, sondern sich  nur interessieren, wer geschrieben habe.“

Ónytjungur: „Du nennst dich Sein, wirst auch so gerufen. Wie kommt es?“

Tilvera: „Weil es die einzige Wahrheit ist, die ich kenne, und diese heißt ich bin. Jeder andere Name wäre …“

Ónytjungur: „… kein identifizierendes Merkmal?“

Tilvera: „Wie auch. Wäre ein Name ein identifizierendes Merkmal, so bräuchten die Menschen hier nicht das zweibeinige Lexikon der isländischen Musikgeschichte, Jóhannes, im 12 Tónar im Skólavörðustíg aufsuchen, und ihm die Personen Rúnar und Ragnar in allen Einzelheiten zu beschreiben, um diese nach dreißig Jahren unter der unüberschaubaren Anzahl der Rúnars und Ragnars  zu finden. Selbst Jóhannes kann sie nicht anhand derer Namen identifizieren, sondern erst über deren Musik, den Titeln ihrer Lieder, und ihrer Kompositionen.“

Ónytjungur: „So ist es. Und aus welchem Grund redest du nun über Namen, und nicht über Inhalte?“

Tilvera: „Ein Kerl, im Wahn, er sei ein investigativer Journalist, hat sich der Mühe unterzogen, dem Pseudonym einer Autorin nachzuspüren, um selbst endlich einmal berühmt zu werden.“

Ónytjungur: „Offensichtlich ist er zu sinnvoller Tätigkeit völlig untauglich, und hatte daher keine andere Wahl. Was kein Problem sein muss, denn es wird sich niemand dafür interessieren.“

Tilvera: „Dort kümmern sich die Leser mehr darum, wer da spricht, als darum, was einer spricht, und wie einer spricht.“

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Ónytjungur: „Da haben sich wohl Ignorant und Dummköpfe getroffen, und sich gegenseitig bestätigt. Was kein Wunder ist, denn eine deren Lieblingsbeschäftigungen war, so hatte ich bei meinen Reisen festzustellen, hinter einem Vorhang stehend andere Leute auszuspähen, um dann über das auf solche Art und Weise Erfahrene sich das Maul zerreißen zu können. Und sie finden dafür an allen Ecken und Enden bereitwilliges Gehör.““

Tilvera: „Sie sagen, sich selbst einen Namen zu geben, sei Ausdruck von Arroganz.“

Ónytjungur: „Sich selbst keinen Namen zu geben, obwohl ein Verlangen danach, ist Ausdruck unverständlicher Hilflosigkeit. Was spräche dagegen?“

Tilvera: „Die Mutmaßung anderer, da wolle einer nicht zu jenem stehen, was er schreibe, oder irgendein anderer Unfug, der solchen dann unterstellt werde.“

Ónytjungur: „Stünde ein solcher nicht zu jenem, was er schreibe, so schriebe er es doch auch nicht. Welche Vorstellungen treiben diese Leute um? Sie schließen doch damit nur unzulässig von sich auf andere, und haben nicht die geringste Ahnung, was einen dazu treibe, sich der qualvollen Mühe zu unterziehen, dem Zwang zu folgen, und Wort für Wort zu finden, Satz für Satz zu formen, und sich damit unweigerlich dem Gespött, oder der Ignoranz, oder der Lobhudelei anderer auszusetzen.“

Tilvera: „Sie sagen, die sicherste Methode, kein Interesse auf die eigene Person zu ziehen, sei gerade der Verzicht auf ein Pseudonym.“

Ónytjungur: „Die sicherste Methode, kein Interesse auf die eigene Person zu ziehen, so scheint mir, ist dort nur darüber erreichbar, etwas Brauchbares zu veröffentlichen.“

Tilvera: „Dichtung und Erzählkunst stehen dort nicht hoch im Kurs.“

Ónytjungur: „Dann stimmt folglich, was die Dichter von diesen zu erzählen wissen.“

Tilvera: „Als da wäre?“

Ónytjungur: „Dass diese nur an der Verbreitung und Veröffentlichung von Meinungen interessiert.“

Tilvera: „Und welche Worte fand der Dichter für eine exakte Beschreibung dessen, was da ist?“

Ónytjungur:

Unter all den Vögeln
auf dem Krümelacker der Worte
gackern und scharren nur sie

: ununterbrochen
statt das Tirilieren
& Fliegen zu lernen…

Tilvera: „Ein ungetrübter Blick. Hat er auch Gründe dafür genannt?“

Ónytjungur:

Konsumartikel Vergnügen
hurt mit der Bürgerlangeweile
Lude Reibach lacht sich eins
ins Fetischlein: gefressen wird,
was Konten schmiert – Gewohnheit
kühlt das letzte kleine Mütchen
unerwünschter Ausbruchsträume …

In stinkender Behaglichkeit
verfaulen Phantasie und Geist,
nur die Moral wird breit und feist
in der Grabesstille der Zufriedenheit.

Tilvera: „Und was unterscheidet diese signifikant von Dichtern?“

Ónytjungur: „Hast du nicht „Die Hände buhlen um meine Gunst“ gelesen?

Tilvera: „Erinnerst du dich noch an jenen Mann, damals nach Weihnacht, der mit zwei prallvoll gefüllten Plastiktaschen in das Restaurant am BSÍ kam, sich einen Kaffee holte, und wir beide vermutet hatten, er ruhe sich vom Rummel im Supermarkt aus? Die Plastiktaschen waren jedoch prall gefüllt mit den neuesten Büchern, welche die Bókaflóð vor die Augen der Menschen trieb. Der Mann nahm Buch für Buch aus den zwei großen Plastiktaschen heraus, öffnete jedes Buch an jener Stelle, die mit einem Lesezeichen markiert, warf einen kurzen Blick auf den noch nicht gehobenen Schatz eines Gedichts oder einer Erzählung, und legte dann das Buch, an dieser Seite geöffnet, vor sich auf den großen Tisch, und wiederholte diesen Vorgang solange, bis der ganze Tisch von aufgeschlagenen Büchern mit einer Tischdecke voller Überraschungen bedeckt. Und dann las er, Stunde um Stunde, vergaß dabei nicht, sich Kaffee bei Bedarf nachzuschenken, da es gute Sitte und alter Brauch, dass stets dann, wenn einer eine Tasse Kaffee bezahle, er nachschenken dürfe, so ihm dies zusagt, und dafür nicht nochmal bezahlen müsse. Mir ergeht es im Augenblick wie jenem Mann, vor mir liegen auch noch einige unentdeckte Schätze. Kannst du das Gedicht daher für mich rezitieren?“

Ónytjungur:

Fleißig zieht die Rechte
Tintenbahnen über’s Blatt:
hüpft unterwürfig dienstbereit,
meinen Gedanken Form zu geben;

derweil die Linke ruht
& katzenartig eingerollt
den Augenblick erschnurrt,
meinem Mund den Wein zu reichen.“

Tilvera: „Das ist es, warum die Bókaflóð hier alljährlich von allen sehnsüchtig erwartet wird. Sie schätzen die Kunst, Gedanken Formen geben zu können. Und dort?“

buchproduktion-statistics-island
(http://www.statice.is/)

Ónytjungur: „Der dort durch Mehrheit bestimmte Zustand einer Gesellschaft lässt sich an jenem Geisteszustand messen, der durch tägliche Einschaltquoten dokumentiert.“

Tilvera: „Sie schätzen dort solche Geschichten, in welchen heuchlerische Zyniker erbärmlichen Charakteren eingebildete Naivlinge präsentieren, da zum Einen ein ungeheurer Bedarf danach vorhanden, und zum Anderen sonst die Rechte der Aufklärung auf freie Meinungsäußerung, auf Pressefreiheit, und auf bedarfsgerechte Grundversorgung verletzt.“

Ónytjungur: „Dann haben sie nichts anderes verdient.“

Tilvera: „Was haben sie verdient?“

Ónytjungur

Die Gaffer bilden eine Gasse
unter dem Hochseil, um bei
meinem Aufschlag nicht von
herumspritzendem Hirn
bekleckert zu werden;
stehen aber nahe genug,
möglichst deutlich das

KLATSCH

zu hören – während ich,
konzentriert balancierend,
zufrieden errechne, dass ich
mit einigem Schwung bei
parabolischer Flugbahn
weit genug käme, um
wenigstens einige ihrer
frisch geputzten Schuhe
zu besudeln.

Tilvera: „In der Tat. Erst das Werk ist ein identifizierendes Merkmal. Wozu waren dann die Leute so erpicht auf den Namen der Autorin?“

Ónytjungur: „Um endlich einen unbeschrifteten Stempel zu haben, auf dem jeder nach Gusto seine eigene Beschriftung über die Autorin anbringen kann, die mit einer exakten Beschreibung nicht das Geringste zu tun hat. Wer in Schubladen denkt, hat keine Ahnung vom Schrank. Sie nennen es Intelligenz. „

Tilvera: „Und? Hat Jóhannes auf Grundlage deiner Beschreibung Rúnar und Ragnar gefunden?“

Ónytjungur: „Ich bin es gewohnt, nur das Wesentliche zu beschreiben, den Inhalt. Es war ihm daher ein Leichtes.“

 

Aufgeflogen

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Was ist zu halten von einem, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt?“

Tilvera: „Das lässt sich einfach beantworten, wo Verbrecher belauscht werden, da diese Verbrecher sind. Allerdings wird der Inhalt in solchen Fällen nicht einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, sondern einem Richter, und es ist auch ein Richter notwendig, der vorab prüft, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe, dass es sich dabei um Verbrechen handeln könne, die da besprochen. Es ist davon zu hören, dass es auch Leute gebe, die zwar dafür bezahlt werden, dies aber nur unter der Voraussetzung, dass sie eben nicht den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten, die keine Richter sind. Dann gibt es noch Leute, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie den Inhalt einer Öffentlichkeit zugänglich machen, es aber dennoch tun, da sonst Verbrechen im Verborgenen blieben, mit Duldung der Richter. In diesem Fall führt es dazu, dass die Öffentlichkeit ausgesprochen dankbar dafür ist. Was seinen Ausdruck darin findet, sich über die vor ihnen verborgen gehaltene Wirklichkeit empören zu können, oder darüber, dass sie nun nicht mehr verborgen, sondern ans Tageslicht gebracht. Da aber in solchen Fällen kaum einer an der Wirklichkeit interessiert, sondern nur daran, sich über etwas empören zu können, entsteht keinem Einzigen daraus ein Schaden, ausgenommen eben jener Person, die da ohne Entgelt arbeitete, um den getäuschten Artgenossen von der Wirklichkeit zu erzählen. Es erinnert mich an den Satz eines Schweizer Dichters: Alles Gute geschieht nur durch die Not, das heißt die Freiwilligkeit, nicht durch den Zwang, das heißt die Nötigung.“

Ónytjungur: „Was das Resultat für die unentgeltliche Arbeit erkläre. Es entstand darüber Zwang, da die Öffentlichkeit damit genötigt wurde, die Wirklichkeit zu kennen, was dazu führt, dass sie sich – vor die Wahl gestellt – doch lieber für die Fiktion entscheidet, war diese doch aus Freiwilligkeit heraus angenommen. Das ganze Unterfangen also nur vergeblich, nur dazu führt, dass jene Leute, die auf Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion hinweisen, mit allen Mitteln gejagt werden, um sie einsperren zu können. Hatte dieser Dichter, an dessen Satz du dich erinnerst, nicht auch notiert: Dieser hielt sich ans Einzelne und änderte das All. Jener predigte das Universale und änderte weder das All noch das Einzelne?“

Tilvera: „Nun, ihm war damals vermutlich der mittlerweile bereits 800 Jahre alt gewordene Satz noch unbekannt: Da ich dem aufrichtigen Rat und den Einzelheiten anhänge, lassen diese beiden mir unter den Menschen keinen Freund.“

Ónytjungur: „Lass mich raten. Es erging dem Dichter wie denjenigen, die nun Whistleblower geheißen.“

Tilvera: „Was die Vergeblichkeit anbelangt, hinsichtlich der breiten Masse, liegst du nicht falsch. Dessen Erkenntnisfähigkeit wurde ihm ebenso zum Verhängnis wie diejenige der Hinweisgeber. Allerdings hatte er wie diese keine andere Wahl. Er hatte sogar festgehalten, dass er gar keine andere Wahl habe: Man kann nicht etwas voll erkennen und nicht tun. Das Erkennen geht unmerklich in die Tat über.“

Ónytjungur: „Wobei anzumerken wäre, dass die Enthüller wissen, dass einer der gebräuchlichsten Irrtümer jene Annahme ist, dass über Erkenntnisse sammeln notgedrungen auch die Erkenntnisfähigkeit zunehme. Ganz im Gegensatz zu solchen, die gegen Entgelt Gespräche belauschen, die nicht für sie bestimmt waren, deren Inhalt sie aber nicht einer Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern nur gewissen Leuten.

Tilvera: „Wird doch mit dem Wort Erkenntnis benannt, was bloßes Kennen von Daten, unter dem Vorwand, darüber hinausgehende Einsicht und Verstehen erlangen zu wollen, was nicht der Fall ist.“

Ónytjungur: „Es daher in privatem Bereich, so in diesem keine Verbrechen besprochen, sowohl gute Gründe dafür gebe, dass ein Gespräch nur unter zwei   Gesprächspartnern erfolge, andere davon ausgeschlossen werden, als es auch gute Gründe für solche Gespräche gebe, von der eine Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen. Und es jedes Einzelnen zustehendes natürliches Recht ist, zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zugeordnet werde, und was nicht.“

Tilvera: „Nun, die Nicht-Enthüller vertreten den Standpunkt, dass es keinem konkreten Individuum zustünde darüber zu entscheiden, was dem einen und dem anderen zuzuordnen sei, und was nicht, da es zwingend notwendig, Menschen zu schützen. Wer nichts zu verbergen habe, brauche sich deswegen auch keine Sorgen zu machen.“

Ónytjungur: „Und wer von den Abgehörten etwas zu verbergen habe, auch nicht, denn die Verbrecher nutzen dann einfach andere Kommunikationskanäle.  Was sagt dir die Zahl 1984 ?“

Tilvera: „Dass der Verfasser des Textes ein hoffnungsloser Optimist war, bei der Betrachtung seiner Artgenossen.

Ónytjungur: „Wir haben nun zwar betrachtet, was von einem zu halten ist, der Gespräche anderer belauscht, die nicht für ihn bestimmt, diese niederschreibt, und dann auch noch einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Allerdings war dabei stets die Rede von wirklichen Geschehnissen, nicht aber von möglichen Geschehnissen, die es gar nicht gibt, die nur Fiktion, so wie wir beide.“

Tilvera: „Es hat sein Gutes, dass wir nur für Fiktion gehalten. Wir hatten dafür gute Gründe, wie du weißt. Es kann auch nichts Sinnvolles dabei herauskommen, wäre es anders. Es entstünde daraus auch für niemanden ein Nutzen, allerdings für uns beide ein erheblicher Schaden. Worauf willst du hinaus?“

Ónytjungur: „Wir werden abgehört.“

Tilvera: „Wie? Wo? Wann?

Ónytjungur: „Vielleicht gerade jetzt und hier.“

Tilvera: „Ich sehe niemand. Und zu welchem Zweck sollte das dienen?“

Ónytjungur: „Nun, die dahingehende Technik ist ja bereits sehr fortgeschritten, wie Du weißt. Es dürfte sich um einen Trottel handeln, dem nichts Besseres einfällt, als sein Leben damit zu vergeuden, sich hier herumzutreiben, unsere Gespräche abzuhören, die weder für ihn noch für andere bestimmt, und diese einer Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Tilvera: „Welcher Beweggrund wäre es, der ihn zu solchem Unfug treibe?“

Ónytjungur: „Es ist nur einer denkbar. Wie dir bekannt sein dürfte, wird diesem Land immer mehr Wohlwollen entgegengebracht.“

Tilvera: „Nun, wir beide wissen, dass dieses Wohlwollen kein Wohlwollen ist, sondern vielmehr nur verwendet wird, um sich mit Hilfe dieses wenig bekannten Landes selbst durchzubringen. Hauptsächlich durch Reisen, die solchen selbst berühmt machen sollen, aber das Land hier fast so unbekannt lassen wie zuvor. Es muss schon ein ausgemachter Volltrottel sein, der glaubt, er könne dies ausgerechnet dadurch erreichen, dass er Erfundenes bzw. Erdachtes veröffentliche, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.“

Ónytjungur: „So ist es. Ich sehe, du liest Texte isländischer Dichter, sonst hättest du Bergsson nicht gerade zitieren können. Und doch muss sich solch ein Schmarotzer hier herumtreiben, der mangels eigener Ideen uns abhört. Wogegen erst einmal nichts einzuwenden wäre, außer der Tatsache, dass unsere Gespräche eindeutig nur für uns beide bestimmt sind, nicht aber für andere. Zudem hätten wir nichts zu verbergen, außer der Antwort auf die Frage, ob wir Wirklichkeit oder Fiktion sind. Welcher Teufel hat ihn aber geritten, auf die Idee zu kommen, nicht für sich behalten zu wollen, was er sich durch Unverfrorenheit erschlichen? Dass dem so ist, konnte ich auf meiner letzten Reise feststellen. Ich fand unsere letzte Unterhaltung, Wort für Wort, in einem dieser Dinger, die sich die Menschen zulegten, um ihr eigenes immer mehr schwindendes Gedächtnis zu ersetzen, und nun glauben, darin wäre das gleiche aufzufinden, wie vordem in ihrem Gedächtnis noch möglich. Was nicht der Fall ist, wie wir beide wissen.“

Tilvera: „Fehlen doch dort all jene Informationen, die im Gedächtnis vorhanden, und Gedächtnis erst zu Gedächtnis machten. In diesen Dingern stehen jedoch nur noch Worte. Als wären Worte bereits Information.“

Ónytjungur: „Was sie nicht sind. Sie sind nur Konstrukt, noch nicht einmal Konzept. Dazu kommt, dass dort als Gegenwart ausgegeben, was Vergangenheit ist. Denn wer macht sich schon die Mühe, vorhandene Prozesse jedes Einzelnen angemessen abzubilden. Es sind demnach noch nicht einmal Worte, es sind nur Stempel.“

Tilvera: „Die mit Aussage verwechselt. Nun, sie glauben auch, dass sich Intelligenz messen lasse, obschon sie noch nicht mal über eine Definition verfügen, was sie da messen. In solchen Dingern sind die Worte unserer Unterhaltungen nun abgelegt?“

Ónytjungur: „Muss uns das tangieren? Der Dummkopf weiß noch nicht einmal, dass wir auch über eine eigene Sprache verfügen, die nur wir beide verstehen, er aber nie verstehen wird, da er sie zu keiner Zeit je erlernen wird, da unsere Diné bizaad, und nicht die seine. Er daher nur belauscht, wenn wir beide uns in seiner Sprache unterhalten, damit unsere Fähigkeit nicht einroste, um in Übung zu bleiben, da wir seine Sprache sonst verlieren würden.“

Tilvera: „Und dieser Einfallspinsel veröffentlicht daher nur unsere Sprachübungen, und nichts darüber hinaus. Lassen wir ihm also seine lächerliche Spielerei. Gut möglich, dass er sonst nichts mehr mit seinem Leben anzufangen wüsste, und wir wären dann auch noch dafür verantwortlich, wenn ihm auch das noch entzogen.“

Ónytjungur: „Nun, sollte er auch dieses Gespräch belauscht haben, so hoffe ich für ihn, dass ihm endlich bewusst werde, dass er nicht nur reine Sprachübungen aufzeichnet, und nichts darüber hinaus, sondern zudem auch noch solche, die keinen Flynn-Effekt enthalten, mangels vorhandener Grundlage. Wir beide würden auch keinen einzigen IQ-Test bestehen, mag er auch das aktuellste und empirisch am besten untersuchte Strukturmodell der Intelligenz sein.“

2.4 Compare words_ erfahren - verstehen
„skilja“ und „greina“

Tilvera: „Verwechseln diese Modelle doch greina mit skilja, also erkennen, wahrnehmen, unterscheiden mit verstehen. So wird nur Umfang gemessen, der auch noch von Interesse abhängig. Da dem so ist, entstünde auch keinem ein Schaden dadurch, sollte dieser Schwachkopf unsere Gespräche, die weder für ihn und sonst irgendeinen bestimmt, ohne die gebotene Zurückhaltung auch noch Beifall heischend herumposaunen. Betreiben wir doch bei unseren Sprachübungen nur Schabernack, da die Übungen sonst einfach zu strohtrocken wären.“

Ónytjungur: „Und will einem der Schabernack nicht schmecken, aus welchen Gründen auch immer, mag dieser Trost darin finden, dass unser beider IQ sich erheblich unterscheide von dem seinen.“

Tilvera: „Was meinst du, hat er uns gerade wieder belauscht?“

Aufgeflogen

Wunsch, Möwe zu werden

troll-imadeWEB-1Der Anblick einer Möwenkolonie an einer Steilwand, wo auf jeweils wenigen Quadratzentimeter in „einer Andeutung von Nest“ eine Gattung dicht an dicht ihre Jungen aufzog, öffnete der Nichtmöwe Ulrich Schacht den schonungslosen Blick auf die eigene Gattung, und sie notierte für ihre Novelle „Grimsey“:

Wesen, denen der Mensch im Zuge einer hyperthrophen Entwicklung alles abgesprochen hatte, was nicht auf eine rein biologische Funktionalität hinauslief, waren sichtbar in Sorge umeinander, riefen sich an, erkannten einander.“

Was die Nichtmöwe zwar zu dem 2.500 Jahre alten Satz „So ist der natürliche Instinkt aller Wesen, die Seele haben“ von Demokrit führte, nicht aber zur Einsicht in ihr eigenes Selbst, wie ihre Hetze gegen Menschen belegt, die um die Andeutung eines Nestes in seiner Kolonie betteln, da sie sonst ermordet oder versklavt werden würden.

Dieser Satz von Demokrit ist allein schon deshalb mit unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden, da einer Gattung überliefert, die zwar aus nachvollziehbaren Gründen heraus die Existenz einer Seele bei der Gattung Mensch in Abrede stellt, erstrecht bei Nichtmenschen, nicht aber die Vorstellung aufzugeben gewillt ist, es müsse sich bei Depressionen um seelische Störungen handeln, und den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch dadurch elegant umschifft, indem sie das Wort im 20. Jahrhundert durch das Wort Psyche ersetzte, um nicht entlarvt zu werden. Was als Nebeneffekt der Gattung den unschätzbaren Vorteil brachte, das Symptom, sobald aufgetreten, als Krankheit, als affektive Störung ausgeben und der Psychiatrie übergeben zu können. Auf die Frage, aus welchem Grund solches notwendig sei, wird von dieser Gattung auf die Vernunft verwiesen, also dem Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie, einer Deus ex machina, was die Frage bereits per-se in jenen Bereich verweist, der jenseits von Vernunft angesiedelt. Die Ahnung ist daher eine gefährliche, dass es sich bei jenem rapide anwachsenden Teil der Gattung, welcher Depressionen ausgesetzt, sich nur um einen solchen handeln könnte, der noch über Nous verfüge, also der menschlichen Fähigkeit, etwas geistig erfassen zu können, was naheläge, da dieses Symptom ja vorwiegend in wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften in solchem  Umfang auftritt. Was aber nicht naheliegend sein darf, selbst dann, wenn es sich als begründet herausstelle, da die waltende Gottheit Vernunft dies ja gar nicht erst ermögliche, womit die Ahnung bereits als tätige Unvernunft nachgewiesen.

Und so dürfte nicht verwunderlich sein, dass sich immer noch Menschen auf die Reise begeben. Womit nicht gemeint, dass sich da einer von Ort A nach Ort B begebe, denn es wären damit jene mit einbezogen, die nicht über solchem Tun, als letzten noch verbleibendem Weg, nach Antworten auf drängende Fragen suchen, zu denen Artgenossen nur vorgaben, dass sie über Antworten verfügten, und die daher unbeantwortet blieben. Außenstehenden erscheinen solche, die diesen letzten noch verbleibenden Weg beschreiten, um darüber nach Antworten auf drängende Fragen zu suchen, gerne als Treibende oder Getriebene. Eine Unterstellung, aus Ahnungslosigkeit geboren, fehlt dem Treibenden doch das Ziel, und dem Getriebenen die Freiheit. Jener, der sich von A nach B begibt, als letzten noch verbleibendem Weg, verfügt sowohl über ein Ziel, als auch über eine Freiheit, denn jeder Schritt, wohin er sich auch wendet, bringt ihm sein Ziel näher. Es bringt ihm nicht nur sein Ziel näher, es kann auch gut sein, dass darüber auch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit erhöht werde, was dazu führen kann, dass bald seine Antworten, fragte ihn einmal einer, für den Fragenden so unverständlich ausfallen werden, wie vordem die Antworten der anderen, die nicht genügten.

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Einöde

Gut möglich, dass ein auf solche Art und Weise Reisender auf Island auf die Einöde eines anderen Reisenden trifft, auf dessen alleinstehenden Wohnplatz für eine Nacht, irgendwo im Hochland, weitab von bekannten „Trekking-Touren“. Denn er ist nie dort zu finden, wo jeden Tag eine Hundertschaft jeden Morgen ihre Stoppuhren stellt, bevor sie mit Teleskop-Stöcken dem nächsten Etappenziel entgegen hastet, um später vor ehrfürchtigen Zuhörern berichten zu können, sie hätte die Etappe Hrafntinnusker – Álftavatn in nur 3 Stunden geschafft, und es wäre hart gewesen, aber auch schon sowas von hart. Dabei aber vergessen zu erwähnen, dass er somit Teil einer dieser täglichen Hundertschaft war, die – sorgsam erst um sich blickend – ihre Abfälle irgendwo in der Lava vergraben, oder selbst noch diese Mühe scheuen, und Plastikflaschen, Verpackungen, etc. einfach so fallen ließ, das Land ist ja weit und unberührt, und der Wind wird es schon forttragen, aus den Augen der Nachfolgenden entfernen.

Nein, dort war er nicht auffindbar, und es ist zu vermuten, dass er dort auch nie aufgefunden werden wird. Er wüsste längst, so seine Antwort, dass auch diese nur vorgeben, über Antworten zu verfügen, und er suche nicht, was dort nur zu finden sei: die Selbsttäuschung. Dazu hätte er seine eigene Selbsttäuschung schon zur Genüge ausgekostet, sich falsche Tatsachen vorgespiegelt.

Bei einer Pfeife und einer Tasse Pfefferminztee erzählte er dann, er hätte sich eines Tages einer Reisegesellschaft angeschlossen, da es in jener Zeit noch undenkbar war, durch die Sowjetunion auf solche Art und Weise zu reisen wie auf Island, dass einer also nur vorwärts ginge, da jeder Schritt, wohin er auch getan, einem das Ziel näherbringe. Er sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt, da es in jenem Land, von dem er herkomme, sich so verhalte, dass der Mensch von Arbeit nicht nur nicht satt werde, sondern sogar verhungern würde, er daher auf Erwerbsarbeit angewiesen sei. An seiner Wirkungsstätte, dem Max-Planck-Institut für Literatur der organischen und anorganischen Chemie eintreffend, um seine Arbeit an der Herstellung einer Literatur-Fakten-Datenbank fortzusetzen, sei ihm die ungewöhnliche Unruhe unter den Wissenschaftlern aufgefallen. Auf Nachfrage wäre ihm mitgeteilt worden, Messgeräte in Finnland hätten erhöhte Radioaktivität gemessen, und es werde angenommen, dass ein sogenannter Super-GAU sich ereignet haben müsse. Die Kolleginnen würden sich daher gerade Urlaub im Personalbüro genehmigen lassen, der diesen auch anstandslos gewährt werde, damit sie mit ihren Kindern nach Portugal fliegen können. Später sei dann in den Nachrichten bekanntgegeben worden, dass die Nuklearkatastrophe sich am 26. April im Kernkraftwerk Tschernobyl ereignet habe. Er hätte daraufhin die Wissenschaftler darüber informiert, dass er just in dieser Zeit mit einer Reisegesellschaft in einer Iljuschin der Fluggesellschaft Interflug über Tschernobyl geflogen sei, worauf diese ihm rieten, umgehend die nächste Apotheke aufzusuchen, um sich Jod-Tabletten zu beschaffen. Als er in der Apotheke nach Jod-Tabletten fragte, sei ihm mitgeteilt worden, dass diese ausverkauft waren. Die Apotheken im Umkreis hatten schließlich nicht damit rechnen können, dass an nur einem einzigen Tag alle Wissenschaftler des Forschungsinstituts Jod-Tabletten kaufen würden.

Auf die Frage hin, wie er dann zu der Ansicht käme, dass er sich falsche Tatsachen vorgespiegelt habe, setze er seine Geschichte fort. Die tiefe Sorge und Unruhe, die er bei den Wissenschaftlern feststellte, stand im krassen Gegensatz zu jenem, was in seinem Dorf stattfand. Zwar waren dort alle neugierig auf jede neue Nachricht, hielten jedoch die nicht enden wollenden und ständig wiederholten Beteuerungen, die ganze Angelegenheit sei weit weg passiert, und es bestehe kein Anlass zur Sorge,  für bare Münze. Er habe sich daher einer Gruppe angeschlossen, die aus eigener Tasche sich einen Geigerzähler kaufte, Messungen vornahm, und die Ergebnisse nebst ergänzender Erklärungen von Wissenschaftlern in einer eigenen Zeitung publizierte. Am ersten Jahrestag nach dem Unglück hätte er dann einen Nachruf verfasst, der sogar von einer Zeitung angenommen und veröffentlicht worden wäre. Denn er habe sich damals noch eine falsche Tatsache vorgespiegelt, in der Annahme, es wäre möglich, durch einen Text das Vergessen verhindern zu können. Und so habe er darüber jene Zeilen vergessen, von denen seine Gattung ausgehe, sie würden eine irreale Sicht skizzieren, und schloss seine Geschichte, indem er die Zeilen vor sich hin murmelte:

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“

Am nächsten Morgen war sein Zelt verschwunden. Nur ein gefaltetes Blatt Papier unter einem Stein blieb zurück, auf das er mit einem Bleistift „Unser Vergessen baut die Gitter“ geschrieben hatte. Als Begründung dafür, dass es besser für ihn war, sehr rechtzeitig aufzubrechen, denn er hatte, wie die Überschrift bewies, immer noch einen weiten Weg vor sich, um sein Ziel zu erreichen. In seinem Zweifel, ob Mutationen des Petkau-Effekts ihn ausgerechnet in eine Möwe verwandeln würden, seinen Wunsch, Möwe zu werden, erfüllend. Damit endlich einer Gattung anzugehören, die noch sichtbar in Sorge umeinander, und auch noch nicht die Fähigkeit verlor, sich einander zu erkennen.

 

Unser Vergessen baut die Gitter

Am 26. April jährt sich zum ersten Mal die Möglichkeit des sogenannten Unmöglichen. Während weiterhin Menschen nach dem Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“ genussvoll ihre Becquerels verzehren, und andere mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um den schleichenden Mord aufzuhalten, reiht sich Unfall an Unfall, schreiten die verantwortlichen Optimisten mit beschwichtigenden Gesten über die Gräber der Opfer. Auch statistische Tote sind Tote. Dass die Sowjetunion aus Staatsräson über Leichen geht, ist nicht neu, dass die Bundesregierung ebenso Leichen in Kauf nimmt, ist schockierend, und nicht minder Barbarei. Die Sorge und der Widerstand bewahrt den verantwortungsbewussten Bürger nicht von der Notwendigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen; auch er muss essen, was auf den Tisch kommt, und künstlich erzeugte radioaktive Strahlung macht um niemand einen Bogen. Ihm bleibt die Mühe, möglichen Etikettenschwindel zu erkennen, oder ihm ausgeliefert zu sein.

Es jährt sich zum ersten Mal, dass Kindern auf die Finger geschlagen wurde, weil sie den Rasen berührten. Es jährt sich zum ersten Mal, dass Sandkästen weggebaggert werden mussten, und Kinder vor verschlossenen Bädern standen. Es wurde notwendig, unsere Kinder vor den Auswirkungen unseres Willens zu schützen, sie einzusperren, ihnen Dinge zu verbieten, die uns als Kinder selbstverständlich waren. Die Korsetts werden enger, wir bauen uns unser eigenes Gefängnis, unser Vergessen baut die Gitter. Wer denkt schon leicht über Dinge nach, die man nicht schmeckt, die man nicht riecht, und die man nicht sieht. Keiner der Sinne unterstützt den Kampf gegen unsichtbaren Mord.

Man sagt uns, wir seien sicher – und zur gleichen Zeit werden in der Bundesrepublik Mitbürger kontaminiert – sprich: vergiftet. Man erlaubt sich sogar die Unverfrorenheit, zu posaunen, der Vergiftete sei „quietschvergnügt und quicklebendig“, weil ihm wahrscheinlich noch nicht die Haare ausgefallen, und verschweigt, dass man erst der noch lebendigen Leiche ansieht, dass sie nie wieder quicklebendig und quietschvergnügt sein wird. Das Gift hat Zeit und nutzt sie.

Die Sorge wird als Panikmache verlacht, die Verantwortung als Querulanz verteufelt. Man wird später sicher Entschuldigungen für das Verbrechen des Nichtstuns, des Schweigens und der Beschwichtigung finden.

Es ist völlig gleichgültig, ob aufgrund des radioaktiven Fallouts vor einem Jahr zwei oder zweitausend statistische Tote in der Bundesrepublik zu verzeichnen sind, denn bereits ein Toter ist einer zu viel. Beklagen wird die Toten niemand, denn sie wurden bewusst von uns als statistisches Schlachtvieh zum Altar der Menschenopfer zitiert. Sie sind berechnet, und Opfer der Berechnung. Sie sind wirtschaftlich vertretbar laut Strahlenschutzverordnung, also wirtschaftlich vertretbare statistische Morde. Die Klage eines Bürgers über die Ausbringung von mit 14000 Becquerel belastetem Klärschlamm, Monate nach Tschernobyl, auf die Felder bayerischer Bauern, wurde vom Umweltministerium mit der lapidaren Begründung abgeschmettert, die Strahlenschutzverordnung gelte nur für den „willentlichen Umgang“ mit radioaktiver Strahlung, und sei somit nicht zuständig.

Es bleibt nur ein Nachruf. Menschen werden vermutlich immer erst verstehen, wenn sie vor den Mahnmälern ihrer Vergangenheit stehen. Für untätiges Hoffen gibt es keine Entschuldigung, weder heute noch morgen. Es bleibt weiterhin jeder Tag ein möglicher Jahrestag irgendeines „Tschernobyl“.

  1. April 1987

Der Affe, der ein Pferd war

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Es lasst sich immer weniger verhindern, auf meinen Reisen einer Gattung zu begegnen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie im Verlauf der Evolution die Fähigkeit zur Bildverarbeitung derart massiv verlor, dass sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können.“

Tilvera: „Hat die Population der Maulwürfe derart zugenommen?“

Ónytjungur: „Der Gedanke ist nahe liegend, da deren Blindheit dazu führte, dass sie aggressiv auf Artgenossen reagieren. Allerdings hast du vergessen, dass diese sich nur unter der Erde aufhalten, ich daher ihnen gar nicht begegnen könne, es sei denn, ich würde reisen, indem ich Gänge …“

Tilvera: „Was du nicht tust, ich weiß.“

Ónytjungur: „Zudem verfügen diese über einen funktionierenden Geruchs- und Tastsinn, der sie in die Lage versetzt, Gattungen in hinreichendem Maße voneinander unterscheiden zu können, so dass sie jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden könnten, die ihnen als Nahrung dienen. Nein, die Rede ist von der Gattung der …“

Tilvera: „Demnach bliebe aber nur eine solche Spezies übrig, deren im Verlauf der Evolution verloren gegangene Fähigkeit zur Bildverarbeitung dazu führte, nicht jene Gattungen, denen sie als Nahrung dienen, rechtzeitig von jenen Gattungen unterscheiden zu können, die ihnen als Nahrung dienen.“

Ónytjungur: „Auch der Gedanke ist naheliegend. Allerdings hast du hier vergessen, dass es in diesem Fall diese Spezies gar nicht mehr geben könne, da sie deswegen schon längst ausgestorben wäre.“

Tilvera: „Dann kann es jene Gattung, von der du eingangs sprachst, nicht geben. Du willst mich zum Narren halten.“

Ónytjungur: „Keineswegs. Du weißt, was mit Bildverarbeitung bezeichnet wird?“

Tilvera: „Die Fähigkeit, eine gegenständliche Vorstellung darüber entwickeln zu können, was da ist.“

Ónytjungur: „So ist es. Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich darum, dass die Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen ermöglicht wird. Denn dieses war notwendig, da im anderen Falle jedes Lebewesen nach der Geburt gar nicht in der Lage gewesen wäre, auch nur irgendeine Nahrung als solche erkennen zu können, da erst die Wahrnehmung eines Gegenstands diese erst ermöglicht, auf welche Weise auch immer. Zum Beispiel einen Apfel als Apfel erkennen zu können, oder Wasser als Wasser, oder – beim Maulwurf – ein Insekt als Insekt. Denn falls nicht so, hätte das dazu geführt, dass noch nicht einmal die Grundvoraussetzung jemals existiert hätte, da dann ja auch Vater und Mutter gar nicht hätten sein können, sowie deren Eltern davor, und deren … soll ich fortfahren, denn das könnte nun etwas dauern?

Tilvera: „Schon gut, schon gut, ich kenne mich da aus.“

Ónytjungur: „Das rationale Begreifen, also jene Fähigkeit jedes Lebewesens, das jemals geboren wurde, kümmerte sich also vor jeder Geburt um die Herstellung einer eindeutigen Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, hier die Dekomposition dessen, was da ist, in seine Sinus- und Kosinus-Komponenten, dergestalt, dass das Ergebnis der Transformation genau so das Bild repräsentiert, dass es äquivalent ist zu dem, was da im Raum ist, was erst eine Bildanalyse ermögliche.“

Tilvera: „Nun, da ich davon ausgehe, dass ich einen Apfel als Apfel erkenne, oder Wasser als Wasser, oder ein Insekt als Insekt, und dies bisher zu dem gewünschten Erfolg führte, …“

Ónytjungur: „Schön und gut. Nun ist davon zu lesen, dass an allen Ecken und Enden auf der nördlichen Hälfte der Erdkugel Kameras installiert wurden.“

Tilvera: „Sie sind beim besten Willen nicht zu übersehen.“

Ónytjungur: „Verhält es sich nicht so, dass sich darüber auch Gattungen unterscheiden ließen?“

Tilvera: „Mehr als das.“

Ónytjungur: „Was wäre nun, wenn eine Kamera in einem Raum zum Beispiel nach Pferden Ausschau halte, diese aus dem Raum extrahiere, und dem Betrachter präsentiere, sich im Raum fünf Exemplare der Gattung Pferd aufhielten, das Gerät jedoch auf drei Pferde und zwei Affen erkenne?“

Tilvera: „Dann würde der Betrachter nur drei Pferde sehen statt der fünf. Die Kamera verfügt demnach nicht über die Fähigkeit zur Bildverarbeitung, da sie noch nicht mal mehr in der Lage ist, Gattungen voneinander unterscheiden zu können. In diesem Falle erkennt sie auf zwei verschiedene, wo nur eine vorhanden. Die Kamera ist zu nichts nütze, es sei denn, sie würde repariert werden.“

Ónytjungur: „Nun, die Systemanalyse ergab, dass die Handlungsvorschrift der Kamera so ausgearbeitet war, dass sie die Interpretation unzulässig auf ein ganz spezifisches Merkmal reduzierte, welches alle anderen vorhandenen Merkmale negierte, also aufhob, und sich danach ausrichtete.“

Tilvera: „Was dazu führte, dass aus einer Gattung zwei Gattungen wurden, also aus fünf Pferden drei Pferde und zwei Affen.“

Ónytjungur: „Der verantwortliche Entwickler rechtfertigte sich, dass dieses ganz spezifische Merkmal signifikant sei für die Gattung der Pferde, daher alle weiteren Merkmale entbehrlich waren, da anhand dieses Merkmals bereits durch „vorhanden/nicht vorhanden“ möglich war, all jene zu identifizieren, für die „nicht vorhanden“ festgestellt wurde, was die Handlungsvorschrift wesentlich vereinfacht hätte.

Tilvera: „Ein fataler Irrtum eines wahren Stümpers. Esel bleibt Esel, auch wenn er eine Melone frisst. Die Reduzierung auf jedes x-beliebige spezifische Merkmal negiert stets alle anderen vorhandenen Merkmale, hebt sie somit auf, so dass in all diesen Fällen, für welches Merkmal er sich auch immer entschieden hätte, dort zwingend auf unterschiedliche Gattungen geschlossen werden müsse, wo mindestens ein Exemplar dieses willkürlich gewählte Merkmal nicht aufweise.“

Ónytjungur: „Und wenn er als spezifisches Merkmal „vier Beine“ wählt, was alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe?“

Tilvera: „Dann hätte er Elefanten als Pferde interpretiert, wären dort einmal Elefanten vorbeigekommen.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass dieser unfähig ist, die Gattung Elefant von der Gattung Pferd zu unterscheiden?“

Tilvera: „Meiner Kenntnis nach nicht.“

Ónytjungur: „Ist dir bekannt, dass dem rationalen Begreifen schon jemals bei irgendeinem Lebewesen der Fehler unterlaufen wäre, in diesem eine Fähigkeit zum vorstellenden Begreifen herzustellen, die dazu führt, dass die Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal alle anderen vorhandenen Merkmale negiert, also aufhebt?“

Tilvera: „Auch dies ist mir nicht bekannt. Denn wie wir wissen, führt dies zwingend dazu, dass dann eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde, und dies unabhängig davon, welches Merkmal dazu herangezogen.“

Ónytjungur: „Demnach ist weder rationales noch vorstellendes Begreifen daran  beteiligt?“

Tilvera: „Weder, noch.“

Ónytjungur: „Und jede Reduzierung auf ein x-beliebiges Merkmal, das alle anderen vorhandenen Merkmale negiere, also aufhebe, führt zwingend dazu, dass eine Gattung als zwei Gattungen wahrgenommen werden würde?“

Tilvera: „Zweifellos, denn alle anderen Merkmale wären null und nichtig.“

Ónytjungur: „Auch wenn dieses ausgewählte Merkmale „Rasse“, Religion, oder die Mitgliedschaft in einem Automobilklub wäre?“

Tilvera: „Es änderte sich dadurch nichts. Was ist „Rasse“?

Ónytjungur: „Das, womit es jeweils besetzt wird, ganz nach Gusto. Einmal sind es Domherren, Kapläne und Kleriker, beziehungsweise solche, die dies nicht werden dürfen. Nachdem religiöse Gewissheiten zugunsten eines materialistischen-naturwissenschaftlichen Weltbildes in Frage gestellt werden, das Produkt großer Aufklärer in ihrem Bestreben, die Welt „logisch“ ordnen und klassifizieren zu müssen. Also irgendein x-beliebiger ideologischer Zusammenhang.“

NSDAPvsAfD
Die Wiedergeburt

Tilvera: „Wird darüber nicht Vorwand als Beweggrund ausgegeben?“

Ónytjungur: „Und wem nützte dieses Wissen? Sind doch die davon Befallenen der festen Überzeugung, dass dem nicht so sei.“

Tilvera: „Dann müsste es solchen doch wenigstens mal gesagt werden.“

Ónytjungur: „Du neigst zu Träumen. Denn das wäre denen bereits viel zu komplex. Zudem, zeigt nicht die Erfahrung, dass es Eigenschaft dieser Wesen ist, nur jenen Gockel zu hören, der am lautesten kräht? Und worauf kräht dieser bekanntlich?“

Tilvera: „Auf einem Misthaufen.“

Die wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es gibt in der Demokratie keine Ohnmacht. Die menschliche Macht kann von Menschen gebrochen werden, durch den Aufstand des Gewissens, durch die Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Will der Mensch nichts sagen, bedient er sich nichtssagender Begriffe. Und da kennzeichnendes Merkmal von Gesellschaften deren Vorliebe für Geschwätz ist …“

Tilvera: „Ich habe keine nichtssagenden Begriffe verwendet.“

Ónytjungur: „Interessant. Und was habe ich mir beim Gebrauch der Worte Demokratie, Gewissen und Zivilgesellschaft vorzustellen?“

Tilvera: „Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, Zivilgesellschaft ist die wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft, und das Gewissen wird als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die bestimmt, wie man urteilen solle.“

Ónytjungur: „Und du glaubst, deine Aussage wird besser, indem du weitere nichtssagende Begriffe hinzufügst? Und ist Gewissen nicht das Gefühl der inneren Ruhe oder Unruhe, das in das Bewusstsein tritt, wenn eine vorgehabte, begangene oder unterlassene Tat im Einklang oder Widerspruch zu einem moralischen Grundsatz steht, der für denjenigen verbindlich ist?“

Tilvera: „Ich hatte immer noch keine nichtssagenden Begriffe verwendet.“

Ónytjungur: „Interessant. Und was habe ich mir beim Gebrauch der Worte wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft und menschlichem Bewusstsein vorzustellen?“

Tilvera: „Natürlich die westliche Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Dir ist aufgefallen, dass du dich nun im Kreis bewegst?“

Tilvera: „Weil ich Synonyme verwende?“

Ónytjungur: „Keineswegs. Weil du Behauptung mit Wirklichkeit verwechselst.“

Tilvera: „Und was wäre deiner Ansicht nach dann Wirklichkeit?“

Ónytjungur: „Nun, Wirklichkeit wäre zum Beispiel der Satz von Albert Einstein, dass Wissenschaft ohne Religion lahm ist, und Religion ohne Wissenschaft blind.“

Tilvera: „Und was wäre deiner Ansicht nach dann Behauptung?“

Ónytjungur: „Dass es sich bei der westlichen Zivilgesellschaft um eine wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft handle.“

Tilvera: „Du erzählst mir, dass deine Intelligenz sich noch nicht derart umfangreich entwickelt habe, um den Zusammenhang zwischen der Aussage eines Wissenschaftlers und den Aussagen einer wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft herzustellen?“

Ónytjungur: „In der Tat. Denn eben jene wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft war und ist es, die nicht nur gegen den Willen dieses Wissenschaftlers nukleare Bomben herstellt, vorhält und einsetzt, sondern es darüber hinaus auch noch als völlig normal und legal ansieht, dass sie selbst und jeder andere Mensch auf der Welt von ein paar Scharlatanen jederzeit umgebracht werden dürfe, wann immer es jenen gefiele, und zwar in einem solchen Umfang und Ausmaß, dass diesem gegenüber die Grausamkeiten der Barbaren des Altertums nur jämmerliche Fingerübungen waren. Sofern ich mich recht erinnere, nennen sie es evolutionären Humanismus, an dem die Menschheit genese.“

Tilvera: „Was kein Schaden ist, denn wie ich eingangs schon sagte, gibt es in der Demokratie keine Ohnmacht, da die menschliche Macht von Menschen gebrochen werden könne, durch den Aufstand des Gewissens, durch die Zivilgesellschaft.“

Ónytjungur: „Ist es nicht so, dass der Mensch immer erst genau dann auf eine theoretisch bestehende Möglichkeit hinweist, nachdem er erfolgreich zum Ideologen degenerierte?“

Tilvera: „Du willst abstreiten, dass menschliche Macht von Menschen gebrochen wurde?“

Ónytjungur: „Wo denkst du hin. Aber zu verbreiten, das auslösende Motiv wäre jemals der Aufstand des Gewissens einer Zivilgesellschaft gewesen, dazu bedarf es erst der Fähigkeit, ein Ideologe sein zu können.“

Tilvera: „Und was ist deiner Ansicht nach ein Ideologe?“

Ónytjungur: „Im neutralen Sinne handelt es sich bei einem Ideologen um einen Dummkopf, der das durch eine Schießscharte Dargebotene für eine wichtige Weltanschauung hält.“

Tilvera: „Du vergisst den vorhandenen Intellekt.“

Ónytjungur: „Eben nicht. Denn Intellekt und Wir-Gefühl sind disjunkte Konzepte. Gemeinsam ist beiden, dass ihnen die Abwesenheit des jeweils anderen notwendig.“

Tilvera: „Demokratien werden erst durch Zusammenwirken von Wir-Gefühl und Intellekt möglich.“

HalbierterBaum
In wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften endet Arete spätestens bei einem überhängenden Ast

Ónytjungur: „Nun, das erklärte, aus welchem Grund es in der westlichen Zivilisation sogar nach mehr als zweitausend Jahren immer noch keine einzige Demokratie gibt.“

Tilvera: „Und um welche Gebilde handelte es sich dann deiner Ansicht nach?“

Ónytjungur: „Folge ich wieder dem Wissenschaftler, in diesem Falle dem Stagiriten, der den Begriff Demokratie einführte, dann ist mit dem Wort Demokratie die Herrschaft jener bezeichnet, die von Arete geleitet werden, also von Tapferkeit, Großzügigkeit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit. Es dürfte auch dir bekannt sein, dass die Grenzen von Tapferkeit, Großzügigkeit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit keineswegs Landesgrenzen und Grundstücksgrenzen sind, und wirst mir sicherlich hier nicht erzählen wollen, dass unter jenen Gebilden, die du als Demokratien bezeichnest, sich auch nur ein einziges Exemplar befinde, welches sich auf den vom Stagiriten aufgezählten identifizierenden Merkmalen gründe und danach handle.“

Tilvera: „Das nicht, aber was sollten diese Gebilde dann sonst sein?“

Ónytjungur: „Es verhält sich auch hier so wie bei dem Satz von Einstein, und jenem, was die sogenannte wissenschaftsbasierte Informationsgesellschaft in Folge daraus formte. Hier nun ist das Resultat jenes, dass diese Gebilde sich nur deshalb zu gerne als Demokratie ausgeben, um nicht bekennen zu müssen, dass es sich um reine Diktaturen handle. Der Unterschied dieser Gebilde zu einem solchen, das als Diktatur angesehen, zeigt sich einem einzig in der Anzahl der darin agierenden Diktatoren.

Möglicherweise handelt es sich dabei um eine spezielle Form einer anthropologischen Konstanten, die bei wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften auftritt, und die dazu führt, dass der mit Intelligenz ausgestattete Mensch genauso gerne negativ konnotierte Wörter durch positiv konnotierte ersetzt, wie er sich positiv konnotierter Wörter bemächtigt, um durch diese die Wirklichkeit fortgesetzter Schäbigkeit kaschieren zu können. In der erstgenannten Richtung dürfte es wohl unschädlich sein, denn keiner stellte sich bei dem Wort Entsorgungspark etwas anderes vor als eine Mülldeponie. Geschieht solches aber in umgekehrter Richtung, wird es jedoch gefährlich, denn als Ergebnis wäre darüber erzwungen, dass vergessen wird, was mit dem Wort Demokratie  bezeichnet.“

Tilvera: „Das würde bedeuten, dass einer Diktatur nur Demokratie zu nennen brauche, da dies dazu führe, dass keinem mehr möglich sei zu erkennen, was Demokratie ist.“

Ónytjungur: „Dem Diktator ist seine Diktatur stets eine Herrschaft des Volkes.“

Tilvera: „Du vergisst das Wir-Gefühl.“

Ónytjungur: „Du meinst jenes Gebaren, welches darauf ausgerichtet ist, die Leute dazu zu konditionieren, dass sie einen unterstützen? Führt dies am Ende nicht zur Entstehung von so etwas wie einer gesellschaftlichen Gruppe, die das Stammesverhalten verstärkt, aber das Wissen verdummt?“

Tilvera: „Es gibt Schlimmeres.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund heraus erinnert mich dieses  Argument an das Argument jenes Jungen, der darauf bestand, dass an ihm die Welt zu genesen habe, denn immerhin habe er den Klassenkameraden nur bestohlen, und ihn nicht auch noch verprügelt wie der andere?“

ukThe information society based on science

frLa société de l’information basée sur la science

Das Gehege

troll-imadeWEB-1Wollte einer den Zustand Europas beschreiben, es wäre jener eines formvollendeten Zuges, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen bei nicht funktionierender Klimaanlage. Und sollte es sich bei dem Zug um einen solchen handeln, dessen Fenster sich öffnen ließen, es fände sich sicherlich mindestens einer in jedem Waggon, der herbeieilte, bei 27 Grad Außentemperatur Hand an dieses legte, es nach oben schöbe, um nach vollzogener Tat seine Dialogbereitschaft und selbstlose Anteilnahme offenzulegen: „ES ZIEHT!“

Rifkin faselte in seinem Buch „Die empathische Zivilisation“ etwas von einem „empathischen Bewusstsein“, welches durch ein „Hineinversetzen“ die Welt retten werde. Er plädiere für einen Wandel hin zu einer überlebensfähigen Zivilisation, die auf einer neuen Energie-Weltordnung, auf einer gerechteren dezentralen Verteilung, und vor Allem auf die Entwicklung weltweiter Empathie und Solidarität sich gründe.

Richard Rorty verwies auf den Vorrang von Toleranz und Demokratie vor zeitloser Wahrheit, auf der Grundlage von Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität, und Mitgefühl.

Die westliche Zivilisation, der Inbegriff an Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität und Mitgefühl, hatte sich auf den Weg gemacht, darüber seine Hoffnung zu realisieren, das Leiden zu verringern, da mit der Fähigkeit ausgestattet, fremde Menschen als Leidensgenossen zu sehen, im Prozess, in dessen Verlauf wir allmählich andere Menschen als „einen von uns“ sehen statt als „jene“.

Sicher ist, dass – auf Grundlage dieser Einbildungskraft, Sensibilität, Solidarität und solchem Mitgefühls – nun schon seit Jahren die aufgedunsenen Leiber abertausender Kinder, Frauen und Männer das Mittelmeer füllen, und es sich weiter füllen wird mit solchen Kindern, Frauen und Männern, die lieber den Tod in Kauf nehmen als dieses Leben; ausgeliefert von geldgierigen Schleppern, ermordet von untertänigen Schergen, die von Autochthonen aus Prozessen heraus beauftragt, welche von diesen als demokratische anerkannt.

Den ungezählten Ertrunkenen und Verdursteten war unbekannt geblieben, dass das identifizierende Merkmal westlich zivilisierter Gesellschaften mit ihrer neuen Energie-Weltordnung nicht nur deren völlige Unkenntnis über sich selbst ist, sondern deren Unkenntnis mittlerweile soweit fortgeschritten war, dass ihnen sogar die Zusammenhänge zwischen Wetter und Kleidung abhandenkamen, und daher zum Beispiel in Deutschland die Moderatoren der gängigen Musiksendungen gezwungen sind, die rund um die Uhr dudelnde einheitliche Musikfarbe alle Viertelstunde zu unterbrechen, um im Tonfall depressiver Trauer den Autochthonen, die gerne in vollklimatisierten Autos unterwegs sind, die Neuigkeit mitzuteilen, dass das Tief „Erika“ zwar leider immer noch Dauerregen beschere, allerdings am Donnerstag nach diesen unzumutbaren Verhältnissen endlich wieder mit Temperaturen oberhalb von 27 Grad Celsius zu rechnen sei, und dann die Welt wieder im Lot wäre.

Fahrrad
Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung

Was die Frage erlaube, worin der Nutzen solcher  Nachrichten läge, die darüber informieren, was hinlänglich bekannt sein dürfte, würde einer auch nur einen einzigen Blick durch die Windschutzscheibe seines SUV wagen, und welcher Nutzen aus der Aussicht zu gewinnen wäre, in drei Tagen könnte eventuell das Thermometer endlich wieder jene Grenze durchbrechen, welche den Schülern zwar einstmals das ersehnte „hitzefrei“ bescherte, diese Praxis jedoch in den Schulen von den Pädagogen längst abgeschafft wurde, und in modernen Zeiten informieren heutzutage die Führungskräfte der global spielenden Unternehmen erst ab 37 Grad Celsius via e-mail ihre Mitarbeiter, mit dem aus den Staaten eingeführten vertraulichen „du“, dass nun die Krawatte nicht mehr zwingend erwartet werde.

Isländische Forscher hatten kürzlich notiert, dass sich in den letzten Jahrzehnten sowohl Temperatur als auch Salzgehalt des Golfstroms signifikant verändert habe, und so kursieren auf Island gegenwärtig gerne Witze, dass sich die Menschen nun die Sorgen sparen können, ihre Häuser würden im Meer versinken, da der Meeresspiegel durch abschmelzende Pole infolge intelligenter Leistungen nichtprimitiver Gesellschaften steigen werde. Denn bis es soweit sein wird, stünden ohnehin keine Häuser mehr, die im Meer versinken könnten, da zu diesem Zeitpunkt die Häuser schon längst von Stürmen unbekannten Ausmaßes hinweggefegt worden wären. Und wer schon einmal in einem der vierzig Stürme unterwegs war, die im letzten Winter den Aussagen zufolge erstmals seit der Landnahme Islands in dieser Häufigkeit und Intensität dort auftraten, weiß wovon die Rede ist. Allerdings wissen Isländer bereits seit Jahrhunderten, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte Kleidung.

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Post-Technologie

Es ist davon zu lesen, dass die Menschen einem Glauben oder System nach dem anderen folgen würden, und von allen glaubten sie, sie würden Antwort liefern, also das, was alle Probleme lösen werde. Im Westen zum Beispiel seien die Menschen zuerst der Religion gefolgt und verwarfen sie dann zugunsten der „Vernunft“; danach setzten sie all ihr Geld auf die Industrie und schließlich auf die Technologie. Und solange ihnen die Allheilmittel nicht ausgingen, würden sie von dieser Gewohnheit wohl nicht geheilt werden.

Niklas Luhmann notierte, „…dass die moderne Gesellschaft die durch sie betroffenen Individuen zu entgegengesetzten Einstellungen anreizt: Zu Empathie und zu Borniertheit … Dabei ist es nicht das Problem, dass das Individuum borniert denkt. Das sowieso. Was auffällt, ist die Kommunikation bornierter Meinungen in der Erwartung von Zustimmung – wenn nicht von allen, dann doch von Gleichgesinnten“.

Auf diese Weise entstand eine Kultur, welche der Ansicht ist, die Mutter von Albert Camus sei eine Analphabetin gewesen, da sie nur über einen “Wortschatz von 400 Wörtern” verfügte, und versetzte sich als „empathische Zivilisation“ in die Situation des Ertrinkenden im Mittelmeer, ist entsetzt, empört, betroffen, schockiert, und schüttelt den Kopf. Solange in der Hauptsache selbst nicht verhandelt. Mitleiden aus Hineinversetzen als Tranquilizer für vorhandene Blasiertheit. Ein Wortschatz von 400.000 Wörter macht offensichtlich nicht zwingend intelligenter, sondern nur eloquenter.

Selbst die Heringe und Makrelen des Atlantiks hatten genug von solcherart Selbsttäuschung, suchten vor den Auswirkungen solcher Klugheit und Güte Zuflucht in isländischen Gewässern: lieber gedunsen kieloben auf Wasserflächen in kaltem Wasser treibend und vom Gift der isländischen Aluminiumhütten willkommen geheißen, als in warmer Brühe verenden. In der Hoffnung, vorher von barmherzigen isländischen Fischern einer nützlicheren Bestimmung zugeführt zu werden. Und die isländische Band Jói á hakanum (weißer reaktionärer Hinterwäldler auf Sparflamme) spielt passend dazu ihren Þýskublús ( Deutschblues):

Bildung, Intelligenz und Zivilisation

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es ist deutlich, dass erst mit der Alphabetisierung die Zivilisation begann. Der Mensch hat Anspruch auf Bildung.“

Ónytjungur: „Welche Alphabetisierung meinst du? Die Lesefähigkeit oder die Verschriftlichung?“

Tilvera: „Setzt Verschriftlichung nicht Lesefähigkeit voraus?“

Ónytjungur: „Wenn ich mich recht entsinne, dann wurde die Alphabetisierung einst von christlichen Missionen vorangetrieben, um den Völkern die Bibel in ihrer eigenen Sprache bringen zu können. Auf diese Weise entstand zum Beispiel die Kyrillische Schrift. Um welches Buch geht es diesmal?“

Tilvera: „Es geht darum, dass der Mensch Anspruch auf Bildung hat.“

Ónytjungur: „Genügte für Bildung nicht bereits das Bild?“

Tilvera: „Um sich ein Bild machen zu können, bedarf es der Intelligenz.“

Ónytjungur: „Was meinst du mit Intelligenz?“

Tilvera: „Es gibt unterschiedliche Ausprägungen von Intelligenz.“

Ónytjungur: „Wer behauptet das?“

Tilvera: „Der Intelligenzquotient.“

Ónytjungur: „Du meinst den Rorschach-Test der Intelligenzforscher?“

Tilvera: „Das ist Wissenschaft. Erst mit der Alphabetisierung ist ein höherer Intelligenzquotient erreichbar.“

Ónytjungur: „Wenn nun Intelligenz messbar geworden ist, und Bildung erst durch Alphabetisierung möglich ist, dann hätte ich da ein paar Fragen, die mich schon längere Zeit beschäftigen, ohne dass ich darauf eine Antwort gefunden hätte.“

Tilvera: „Nur zu, ich höre.“

Ónytjungur: „Wäre ein Analphabet in der Lage, eine komplexe elektronische Maschine herzustellen?“

Tilvera: „Nein.“

Ónytjungur: „Wie sähe die Konstruktion eines Flugzeuges aus, das ein Analphabet konstruiert?“

Tilvera: „Vermutlich wie ein Federkleid, aber wir wissen, dass damit kein Mensch fliegen könnte.“

Ónytjungur: „Dann dürfte er vermutlich auch zu dumm sein, um zu verstehen, was er zu tun habe, um zwei Atomkerne miteinander zu verschmelzen.“

Tilvera: „Wo denkst du hin! Das könnte noch nicht einmal ich, und ich bin sehr belesen. Dazu sind nur solche in der Lage, die einen höheren Intelligenzquotienten haben als ich selbst.“

Ónytjungur: „Und wozu hast du dann lesen gelernt? Damit du lesen kannst, dass andere zwei Atomkerne miteinander verschmelzen können?“

Tilvera: „Zum Beispiel.“

Ónytjungur: „Und davon, dass es Flugkörper gibt, die nur eine halbe Stunde benötigen, um von einer Seite des Erdballs die gegenüberliegende Seite zu erreichen?“

Tilvera: „Das ist eine wichtige Information.“

Ónytjungur: „Wofür?“

Tilvera: „Damit ich weiß, wie viel Zeit mir verbleibt, um noch rechtzeitig Schutz zu suchen.“

Ónytjungur: „Wovor?“

Tilvera: „Vor einer explodierenden Atombombe.“

Ónytjungur: „Du willst mir erzählen, dass mit der Alphabetisierung die Zivilisation begann, und dass ein Mensch Anspruch auf Bildung habe, damit er zum Beispiel noch rechtzeitig Schutz suchen könne vor einer explodierenden Atombombe, welche Menschen auf Grundlage erfolgreicher Alphabetisierung und höherem Intelligenzquotienten als sein eigener erfunden, hergestellt, vorgehalten und eingesetzt haben?“

Tilvera: „Das habe ich so nicht gesagt.“

Ónytjungur: „Aber 70 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki läuft es darauf hinaus, oder etwa nicht?“

Tilvera: „Bis jetzt sind sowohl die 1.200 signifikanten Unfälle als auch die pro Woche auftretenden ein, zwei Computeralarme in den Vereinigten Staaten immer gut ausgegangen.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund erinnert mich das an jenen Dieb, der sich dazu entschloss, in der kommenden Nacht in das nächste Haus einzubrechen, mit der Begründung, die Einbrüche seien bisher immer gut ausgegangen, und er sei dabei noch nie erwischt worden?“

Tilvera: „Weil du ein Dummkopf bist.“

Ónytjungur: „Dann hat es doch was Gutes, ein Dummkopf bleiben zu dürfen. Habe ich dir eigentlich schon davon erzählt, dass die Mutter von Albert Camus nur über einen Wortschatz von 400 Wörtern verfügte?“

Tilvera: „Und was schließt du daraus?“

Ónytjungur: „Dass ein Wortschatz von 40.000 Wörtern nicht zwingend intelligenter mache, sondern nur eloquenter.“

Tilvera: „Du urteilst über Albert Camus?“

Ónytjungur: „Wo denkst du hin! Wenn ich mich richtig erinnere, sprachen wir von Intelligenzforschern, von Menschen, die auf Grundlage erfolgreicher Alphabetisierung und höherem Intelligenzquotienten als der deinige eine Atombombe erfanden, herstellten, vorhalten, und die Absicht haben, diese auch einzusetzen, vom Dieb, der sich dazu entschloss, in der Nacht in das nächste Haus einzubrechen, mit der Begründung, die Einbrüche seien bisher auch immer gut ausgegangen, denn er sei dabei noch nie erwischt worden, und von dir, der du auch noch nach 70 Jahren glaubst, dass mit der Alphabetisierung erst die Zivilisation begann, und daher der Mensch Anspruch auf Bildung habe.“

Tilvera: „Hat er etwa keinen Anspruch darauf?“

Ónytjungur: „Das ist nicht meine Sache. Denn ich kann nur für mich sprechen. Und ich habe mir darüber bereits erfahren was mir notwendig, habe entschieden, doch besser dumm zu bleiben, und lasse mir lieber erzählen; von Menschen, die mein Vertrauen sich verdienten. Gibt es doch keinen Plural zu Intellekt.“

In Gedenken jener Kinder, die im Namen von Zivilisation, Intelligenz und Bildung am 06. und 09. August 1945 verglühten, an den Folgen starben, oder heute noch darunter leiden.

 ukEducation, intelligence and civilisation

frÉducation, intelligence et civilisation