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Die Saga vom Tiere-Fjord

I. Königin Hortense nimmt Kurs auf Reykjavík

Da staunten die Reykjavíker nicht schlecht: La Reine Hortense und Le Cocyte tauchten am Horizont auf und gingen in der Bucht vor Anker. Isländer der Jetztzeit denken sofort an Kreuzfahrtschiffe, zu groß um im Hafen anlegen zu können, schwimmende Hochhäuser mit tausenden von Kreuzfahrern, die nach der Ausbootung Reykjavík, aber auch kleinere Hafenstädte wie Akureyri oder Ísafjörður heimsuchen.

Kreuzer vor Island: 1856 (La Reine Hortense) und 2016 (Azura) Bild: Bernhild Vögel

Doch in der Zeit, in der diese Saga handelt, gab es noch keinen Hafen in Reykjavík. Das Städtchen zählte kaum 1.500 Einwohner und sein einziges aus Stein erbautes Gebäude war die Domkirkja.

Vor 161 Jahren, Anfang Juli des Jahres 1856, liefen nacheinander zwei große Segler, randvoll beladen mit Kohle und Proviant, in den Faxafloi ein. Ihnen folgten zwei imposante Dampfschiffe, bei denen es sich trotz der blumigen Namen La Reine Hortense und Le Cocyte um französische Kriegsschiffe handelte. Sie wurden von der bereits zuvor angekommenen l’Arthémise mit 21 Kanonenschüssen begrüßt, die am Hausberg Esja widerhallten und bei einem älteren Einwohner Reykjavíks einen Hörsturz verursachten.

Doch was sich irgendwie auf den Beinen halten konnte, hatte sich in Schale geworfen, stand am Ufer und jubelte den ankommenden Fremden zu. Diese blickten mit wachsender Ernüchterung auf das, was die Hauptstadt Islands darstellen sollte. Neben dem Anwesen des dänischen Gouverneurs gab es nur eine Handvoll ansehnlicher Gebäude, ansonsten war die Stadt eine Ansammlung ärmlicher Fischerhütten, baumlos und ohne Gärten. „C’est triste, morne, désolé!

Reykjavík 1856 (aus: Chojecki, Voyage dans les mers du nord) und 2014

Das notierte Edmund Chojecki, ein in Frankreich lebender polnischer Journalist und Schriftsteller. Er hatte für sozialistische Zeitungen geschrieben, war aus Frankreich ausgewiesen worden, hatte am Krimkrieg teilgenommen, war aber nun Sekretär des Expeditionsleiters an Bord der Korvette La Reine Hortense und verfasste wissenschaftliche Notizen über die Expedition, die ein Jahr später unter dem Pseudonym Charles Edmond veröffentlicht wurden.

Ein Boot näherte sich der Korvette, und an Bord kletterten die städtischen Honoratioren, ‒ Gouverneur, Bürgermeister und Geistlicher ‒ um dem Expeditionsleiter ihre Aufwartung zu machen. Denn dieser war keine Geringerer als Prinz Napoléon, der Sohn von Jérôme Bonaparte, dem ehemaligen König von Westphalen. Der amtierende Kaiser Napoleon III. hatte seinen Cousin auf Eismeerexpedition geschickt, oder besser gesagt: abgeschoben, denn im gerade zu Ende gegangenen Krimkrieg hatte sich Prinz „Plon-Plon‟ nicht gerade als Vorbild für die Truppe erwiesen.

Doch das war den Reykjavíkern egal: Sie fühlten sich durch den Besuch hoch geehrt, zumal der Prinz sich alsbald an Land setzen ließ, um das offizielle Besichtigungsprogramm ‒ Dómkirkja, Kirchgarten, Lateinschule, Druckerei, Bankettsaal, Apotheke und gar ein Handelshaus ‒ zu absolvieren. Anschließend zog er sich mit Gouverneur Trampe zu nicht öffentlichen Gesprächen an den Elliðavatn zurück. Abends schmiss Trampe im Garten seiner Residenz ein Bankett vom Allerfeinsten. Die Sprache, in der sich die gebildeten Bürger Reykjavíks (und deren gab es  trotz der schlichten Behausungen doch verhältnismäßig viele) fließend mit ihren weltgewandten Gästen unterhalten konnten, war ‒ Latein.

Die Passagiere werden ersucht, nicht in die Fenster zu glotzen. Illustration von Pétur Guðmundsson (Quelle: www.bb.is)

Unermüdlich trieb der Sekretär des Prinzen unterdessen Studien über Land und Leute, glotzte in jedes Fenster wie heutzutage die Kreuzfahrer, ja, scheute sich nicht, die elendste Fischerhütte zu betreten, um sie wortreich beschreiben zu können. Damals gab es noch keine Benimm-Broschüren für Schiffsreisende, in denen sie in charmanten Comics darauf hingewiesen werden, die Intimsphäre der Eingeborenen zu achten. Im 19. Jahrhundert herrschte noch eine ungezwungene Zoo-Atmosphäre sowohl bei den Studienreisenden wie bei ihren Studienobjekten.

Und nahtlos geht es jetzt unter dem Stichwort Dýrafjörður ‒ Fjord der Tiere ‒ weiter, denn der Besuch des Prinzen beim trägen Geysir wird elegant mit Link übersprungen.

II. Abstecher in den Dýrafjörður

Sie werden sich sicherlich schon gefragt haben, liebe Leser, was denn die wahren Gründe waren, die den Prinzen nach Island getrieben hatten, denn Sie wissen, dass solche Staatsbesuche immer ein handfestes Ziel verfolgten ‒ Handel, Einflusssphären, Heiratsprojekte ‒ und verfolgen.

Der Prinz nahm Abschied von den begeisterten Reykjavíkern mit einer vielzitierten Rede: Er sagte, die Dänen seien immer Freude Frankreichs gewesen … und die Franzosen erinnerten sich noch, wie die Dänen sich bemüht hätten, 1813 loyal zu sein.‟

Die Dänen hatten ihre strikte Neutralität wegen der zweifachen Angriffe der Briten auf Kopenhagen nicht durchhalten können, und sich auf die Seite Napoleons geschlagen, was ihnen 1813 den Staatsbankrott und ein Jahr später den Verlust Norwegens einbrachte. Nun aber, im Zuge des Krimkrieges hatten sich Frankreich und Großbritannien wieder zusammengetan, was die Dänen sicherlich mit einiger Besorgnis erfüllte. Was lag näher, als etwas Schönwetter in den dänischen Kolonien zu machen?

Nicht ohne den Isländern zu versichern, er wünsche ihnen bestes Wohlergehen, dampfte der Prinz weiter zu den nächsten Forschungsobjekten, der unbewohnten Insel Jan Mayen und Grönland. Doch plötzlich drehte die La Reine Hortense ab, nahm Kurs auf die isländischen Westfjorde und ankerte im abgelegenen Dýrafjörður. Begehrliche Blicke richteten sich dort auf das Haukadalur (nicht zu verwechseln mit jenem Haukadalur, das den Geysir und andere Springquellen beherbergt). Nein, an diesem Haukadal im Dýrafjörður hatte schon der Norweger und spätere Saga-Held Gísli Sursson Gefallen gefunden und sich dort niedergelassen. Selbstverständlich beabsichtigte Prinz Napoléon nicht, von Frankreich nach Island zu emigrieren, jedoch hatte auch er ein Siedlungsprojekt in der Tasche. Und manchem Isländer ging angesichts dieses Überraschungsbesuches ein Lichtlein auf.

Die Dänen hatten den Isländern 1787 Handelsfreiheit gewährt, allerdings standen dem kleinen, von Hunger und Umweltkatastrophen geplagten Völkchen nicht viele Mittel zur Verfügung, diese Freiheit zu nutzen. In offenen Booten gingen sie dem Fischfang in den Fjorden und im Küstenbereich nach, während ausländische Fischfangflotten etwas weiter draußen die dicksten Fische an Bord zogen ‒ eine Situation also, wie sie in vielen Regionen dieser Erde weiterhin Praxis ist. Einfahrt in die Fjorde und Landung war den ausländischen Schiffen nur in Notfällen erlaubt, allerdings fehlten Mittel und Personal, dies zu kontrollieren, und sowohl Dänemark wie die wenigen dänischen Verwaltungsbeamten in Island hatten wenig Interesse, hier einzugreifen.

Frankreich schickte Fischer aus der bettelarmen Bretagne ins Eismeer; sie kamen meist auf kleinen Zweimastschonern. Ab und an kam ein Schiff der französischen Marine vorbei:

Der Kreuzer hatte jetzt gestoppt und war aus weitem Umkreis von der Plejade der Isländer umgeben. Von jedem ihrer Schiffe ward eine Nußschale von Boot herabgelassen, die langbärtige Männer in ziemlich wildem Aufzug an Bord brachten. Fast wie Kinder hatten sie alle um etwas zu bitten: um Verbandzeug für kleine Wunden, Flickzeug, Nahrungsmittel, Briefe.(aus Pierre Loti: Die Islandfischer, verfasst 1886)

Als Isländer bezeichnen sich in der Erzählung des Marineoffiziers und Schriftsteller Pierre Loti die bretonischen Fischer selbst. Und in der Tat war ihre Situation kaum besser. Sie waren der offenen See schutzlos ausgeliefert, während die isländischen Fischer in ihren Nussschalen bei Sturm nur allzu oft kenterten, bevor sie den Heimathafen erreichten.

Die bretonischen Fischer müssen große Augen gemacht haben,als sie La Reine Hortense in den Dýrafjörður einlaufen sahen. Prinz Napoléons ging in der kleinen Handelsniederlassung Þingeyri an Land. Der Prinz trat auch hier sehr liebenswürdig auf, verteilte verschiedene Geschenke und stach dann in See‟, berichteten die Zeitungen.

Nun war auch dem letzten Isländer klar, was der Prinz bezweckte, denn bereits im Jahre zuvor hatte der Kapitän des Kreuzers La Bayonnaise, der die französischen Fischerboote beaufsichtigte, das Alþingi, das isländische Parlament, im Auftrag verschiedener Kaufleute aus Dunkerque um Erlaubnis ersucht, eine Art Kolonie im Dýrafjörður zu errichten, um die Fänge gleich vor Ort verarbeiten zu können. Schuppen, Trockenplätze für den Kabeljau und Unterkünfte für die Arbeiter sollten dafür errichtet werden. Anfänglich war von 400-500 Männern die Rede, dann aber von einer vergrößerten Fischfangflotte (800-900 Schiffe mit 10.000 Mann Besatzung) und 1000 Arbeitern an Land es war der Plan, so empfanden es viele Isländer, den Dýrafjörður zur französischen Kolonie zu machen.

Und ein wenig erinnert der großzügige Auftritt des Prinzen an das Vorgehen gewisser Multikonzerne, die kommunalen Behörden ihre nicht gerade umweltfreundlichen Produktionsstätten für Aluminium, Silizium & Co. schmackhaft machten. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Isländer noch auf der Hut. Sie hatten zwar erreicht, dass ihr Alþingi wieder tagen konnte, doch ihre Unabhängigkeitsbestrebungen waren erst einmal gescheitert und Island blieb weiterhin dänische Kolonie. Und jetzt wollte Frankreich auch noch ein Stück des Landes kolonisieren das war zu viel. Bewohner und regionale Behörden im Bezirk Ísafjörður lehnten das Projekt in Bausch und Bogen ab, und in Þingeyri stellte man eine beachtliche Liste von Bedingungen auf, die u.a. Zölle, Gebühren für die Verarbeitung, Landnutzung und Rechtsstellung der französischen Arbeiter betrafen, auf die die Franzosen aber wohl niemals eingegangen wären. (Der Handelsplatz Þingeyri zahlte nach dem Zensus von 1855 gerade mal 14 Einwohner, von denen die Hälfte Kinder waren, während im Haukadalur auf drei Höfen immerhin 47 Menschen lebten.)

Während die Behörden in Dänemark keineswegs abgeneigt waren, den Franzosen die Lizenz zu erteilen, sammelte ein Ausschuss des Alþingi in jahrelanger Arbeit weitere Argumente, die gegen das Kolonialprojekt sprachen: Die Isländer würden gerade die ersten gedeckten Boote für den Kabeljau- und den Haifang einsetzen, konkurrenzfähig seien sie aber noch lange nicht. Auch befände sich das vorgesehene Land bei Þingeyri im Kirchenbesitz und es sei gänzlich ungewiss, auf welche Weise das Land verpachtet oder verkauft werden könne. So erfolgte schließlich der Ablehnungsbeschluss durch das Alþingi, den der dänische König zu Beginn der Fangsaison 1859 mit Brief und Siegel bestätigte.

Blick ins Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die französischen Fischer aber kamen bis ins frühe 20 Jahrhundert in die fischreichen Gewässer vor den isländischen Westfjorden. Nicht wenige Schoner kenterten, nicht wenige Männer verloren bei der harten und gefahrvollen Arbeit ihr Leben. Gegen eine Art Hafengebühr konnten die französischen Fischer schließlich doch in der Bucht Haukadalsbót ankern und mit den Einheimischen Waren tauschen ‒ sogar eine Mischsprache, das Haukadalsfranska, entstand. Die Toten durften an Land bestattet werden ‒ ein kleiner, sorgfältig restaurierter Friedhof am Rande des Haukadalurs zeugt noch heute davon. Ein Friedhof, wie ihn Pierre Loti beschrieb:

In einem Fjord an der Küste gibt’s aber auch einen kleinen Gottesacker, fuhr er fort. Dort begraben wir die Leute, die während des Fischfangs an Bord sterben. Es ist geweihte Erde, so gut wie hier bei uns, und man setzt den Toten ein Holzkreuz mit dem Namen auf ihr Grab. …

Der Friedhof der französischen Fischer im Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die Holzkreuze verwitterten, Namen und Zahlen der Toten haben sich verloren.

Aux sombres héros de l’amer
Qui ont su traverser les océans du vide,
A la mémoire de nos frères
Dont les sanglots si longs faisaient couler l’acide

|: Always lost in the sea

Tout part toujours dans les flots
Au fond des nuits sereines
Ne vois-tu rien venir ?
Les naufragés et leurs peines
Qui jetaient l’encre ici
Et arrêtaient d’écrire …

|: Always lost in the sea

Ami, qu’on crève d’une absence
Ou qu’on crève un abcès
C’est le poison qui coule.
Certains nageaient
Sous les lignes de flottaison intime
A l’intérieur des foules.

|: Always lost in the sea

 

Aux sombres héros de l’amer, Komposition von Noir Désir, einer französischen Rockband, 1989.

Lichtbrief an Skuggi

bv1„Mehr Licht!“ soll angeblich Goethe gefordert haben, kurz bevor das Leben aus ihm wich. Stürbe er in heutigen Zeiten, so wäre ihm gut und gerne die gegenteilige Äußerung zuzuschreiben: „Weniger Licht, bitte!“

Du kennst die Schattenseiten am besten, lieber Skuggi*, und benötigst kein Lamento über Lichtverschmutzung und das paradoxe Phänomen, dass menschengemachtes Licht den Sternenhimmel nachhaltig verdunkelt.

Am 28. September 2016 jährte sich zum zehnten Male die Nacht, in der in Reykjavík alle Lichter ausgingen. Der Schriftsteller Andri Snær Magnason hatte die Aktion Lights Off Stars On ins Leben gerufen, denn, so seine Botschaft, Perfect Black reveals Perfect Nature. Und in der Tat, die Stadtbewohner staunten über die Pracht des wiedergewonnenen Sternenhimmels und manch einer erschrak beim Anblick der vom Sternenlicht unterstrichenen Schwärze des Universums.

Die Sterne senden in einer klaren Nacht immerhin so viel Licht aus, dass jeder Mensch, der nicht nachtblind ist, sich ohne Hilfsmittel orientieren kann. Aber nur dem Mond gelingt es, Lichteffekte wie Schattenwurf oder den selten beobachteten Mondbogen zu erzeugen. Wenn du aber ein einfaches Mondlicht-Experiment machen willst, dann gehe in einer Vollmondnacht einen unbeleuchteten Weg so entlang, dass du den noch ziemlich tiefstehenden Mond im Rücken hast. Er wird dir einen wunderbaren Schatten schenken, der dir voraus schreitet. Und du weißt ja: Der Schatten eines Körpers, der von einer Lichtquelle erzeugt wird, ist exakt berechenbar. Aber nun nimm einen Fotoapparat zu Hand und knipse deinen Schatten. Mit Blitzlicht erhältst du ein klares Foto des Weges und seiner näheren Umgebung – nur, was fehlt, ist dein Schatten. Also: Mit mehr Licht lässt sich ein Schatten unsichtbar machen. Was auch bedeuten kann: Zuviel Licht nimmt jedem Wesen seinen Schatten, und ohne Schatten bist du nur ein armer Schlemihl.

Licht ist keine Mangelware in den Städten, von Reykjavík bis Berlin, von Hammerfest bis Kapstadt. Ungeachtet dessen erfreut sich Leuchtkunst im öffentlichen Raum zur Erhöhung des Lichtaufkommens wachsender Beliebtheit. Dass Polarkreisanrainer in den langen Wintern, in denen die Sonne allenfalls kurze Gastspiele im Südosten veranstaltet, allerlei Lichtexzesse begehen, ist sonnenklar und verständlich. Jedoch würde es in Island niemandem einfallen, in den Sommermonaten einen so genannten Lichtparcours auszurichten. Denn dies besorgt die natürliche Solarquelle, auch Sonne genannt, die sich im Nordwesten unterhalb des Horizonts an den Norden heranschleicht, um kurz danach wieder aufzutauchen und die Nacht zum Tage zu machen, und dies ausdauernder, als manch schlafbedürftigem Erdenwesen zuträglich ist. Eines gar seufzte, als sich um Mittsommer die sonnigen Tage gar nicht mehr zu neigen schienen: „Nur einen einzigen stark bewölkten, regnerischen Tag, bitte!“ An wen diese Bitte gerichtet war, ist nicht bekannt.

In der norddeutschen Stadt Braunschweig ist kürzlich ein mehrmonatiger Lichtparcours zu Ende gegangen. Sich an dieser sommerlichen Erleuchtung zu beteiligen, war sicherlich eine besondere Herausforderung an isländische Künstler. Elín Hansdóttir hat sie angenommen. Auf ihrer Internetseite stellt sie ihr künstlerisches Konzept vor:

innen„Elín Hansdóttir ist eine isländische Künstlerin in Berlin. Ihre standortspezifischen Installationen richten sich durch Manipulation von architektonischen Formen, akustischen Elementen und optisches Spiel auf des Betrachters Erfahrung von Baulandschaften  Sie schafft in sich geschlossene Welten, die unter ihren eigenen Regeln zu agieren scheinen, indem sie einen harmlosen Raum in einen verwandelt, der sich über Erwartungen hinwegsetzt und nur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu existieren scheint.“ (Original auf Englisch)

Auf dem Grünstreifen, der die Fahrspuren entlang des Braunschweiger Bruchtorwalls teilt, stand den Sommer über Elíns CAST, ein aus Holz errichtetes zweiteiliges Objekt. Während es sich zur bebauten Wallseite geschlossen präsentierte, fehlte den Wänden zur Parkseite hin jedes zweite Brett, so dass lichtdurchlässige Zwischenräume entstanden.

nacht2Alle Installationen des diesjährigen Braunschweiger Lichtparcours sollten auch bei Tage ansehnlich sein, doch CAST war das einzige, das bei Dunkelheit ohne eigene Lichtquelle auskam. Das unbeleuchtete Lichtobjekt reflektierte das vorhandene Licht, am Tage das Sonnenlicht und nachts Scheinwerfer, Straßenlaterne und Mondlicht.

War CAST eine Gussform, in die sich eigene Vorstellungen einbringen und herausschälen lassen?

Auf der Informationsseite des Parcours steht das Wort „kompassförmig“ – eine Vorstellung, die sich möglicherweise bei der Draufsicht auf das Modell bildete, der aber die Richtung fehlte. Denn ob die Magnetnadel eher gen Ost oder West zeigte, ließe sich nicht erkennen.

nacht1Vom östlich gelegenen Lessingplatz kommend, hättest du möglicherweise den Eindruck gehabt, auf den Bug eines Bootes zuzugehen, eines schmalen Schiffes, das in der offenen Mitte zum Einstieg einlädt. Das aber auch mittschiffs auseinandergebrochen sein könnte: Ein zu volles Bootes, das mitten im gleichgültigen Strom der Vorbeieilenden kentert.

Von der Parkseite betrachtet glich CAST eher einem Bollwerk, jedoch verlockte die Lücke in der Palisade zur Erkundung. Und beim Verweilen in einem der beiden Räume hättest du dich abwechselnd geborgen oder vergittert vorkommen können, oder als Späher (ich sehe was, was mich nicht sieht).

Den Formwandlungen entsprechend veränderten sich ständig Licht und Schatten in und um CAST. Und so wäre dies unspektakulärste Lichtparcours-Objekt vielleicht für dich das Interessante gewesen mit seinen Übergängen von Hell zu Dunkel, mit seinen Kontrasten und Schattenfarben, die sich, beeinflusst durch äußere Faktoren wie Tageszeit und Lichtverhältnisse, ständig veränderten und nachts in Bewegung gerieten. Noch Tage nach seinem Abbau, ist ein Abdruck der Form geblieben, umspielt von Licht und Schatten.

* Skuggi, das isländische Wort für Schatten, es ist auch ein Vorname, der allerdings aus der Mode gekommen ist.

Ein Kind in der Gesellschaft

troll-imadeWEB-1Der Mann in  dem abgenutzten Mantel öffnete seine Aktentasche, zog ein paar Blätter Papier heraus, und ging von Tisch zu Tisch, um die Blätter den wenigen Gästen anzubieten.

Vermutlich ein Versicherungsvertreter auf Kundenfang, der auch noch die allerletzte Möglichkeit auszuschöpfen suchte. Denn das Cafe Hresso war vor 30 Jahren in der Hochsaison nur spärlich besucht, Touristen gab es noch nicht, und die meisten erwachsenen Isländer waren damals während der Ferienzeit in alle Winde verstreut auf Reisen, was den Jugendlichen Gelegenheit gab, sich ausreichendes Taschengeld mit einem Ferienjob zu verschaffen. So waren die Gäste im Cafe Hresso in jener Zeit meist Schreiberlinge, die stundenlag neben ihrer blechernen Kaffeekanne seitenweise leere Blätter mit Texten füllten. In jener Zeit war Alkohol nur in den staatlichen Spirituosenläden zu haben, daher wurde der Kaffee noch in einer großen Kanne serviert, die einen halben Liter fasste, und welche die Schreiberlinge dann für die nächsten vier Stunden vor der Dehydrierung bewahrte. Es war damals auch nicht ratsam, zu viele Kannen mit dem starken Gebräu zu konsumieren, und wer schon jemals den Albtraum eines Koffeinrausches überlebt hat, weiß wovon die Rede ist.

Ragnar unterhielt sich angeregt mit dem Mann. Der Mann war kein Versicherungsvertreter, sondern ein Dichter, der seine neuesten Gedichte verkaufte. Auf die Frage, ob die Gedichte zu schlecht wären, denn er hätte ihm keines der Blätter abgekauft, erwiderte Ragnar, dass er die Gedichte bereits besitze, und schloss mit dem Satz: „Er ist ein Kind in der Gesellschaft“.

Bereits Halldor Laxness stellte philosophische Betrachtungen über das Wort Gesellschaft an. In seinem Buch „Auf der Hauswiese“ ging er der Frage nach, was mit Gesellschaft wohl bezeichnet werde:

„Gesellschaft existierte nicht einmal, als ich aufwuchs. Wir wollen hoffen, dass es sie heute gibt, damit man sie verbessern kann, obwohl ihre Anschrift unbekannt ist und es nicht möglich ist, sie vor Gericht zu belangen. Neulich fragte ich einen intelligenten Bekannten, ob er wisse, was die Gesellschaft für ein Verein sei: das Volk, die Regierung, das Parlament, oder vielleicht die Summe von all dem? Jener Freund legte seine Stirn in Falten und antwortete am Ende: Ist es nicht am ehesten die Polizei, die man so bezeichnen kann?

Heute wissen die Nachgeborenen, dass die Gesellschaft zwar existiert, sie allerdings nicht verbessert werden kann. Denn es gilt der Satz von Albert Einstein: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Und Niklas Luhmann fügte dem hinzu:

„… Was so sehr über den Geisteszustand der Mitglieder einer Gesellschaft täuscht, ist die Übereinstimmung in ihren Auffassungen und Ideen. Man nimmt naiv an, die Tatsache, dass die Mehrzahl der Menschen ihre Ideen oder Gefühle teilt, bedeute schon die Richtigkeit derselben. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Übereinstimmung als solche ist keine Bürgschaft für Vernunft oder für geistige Gesundheit…“

Gesellschaft wird durch solche beschreibbar, welche in ihr derart erfolgreich tätig sind, dass sie Aufmerksamkeit genießen. Und was die Aufmerksamkeit betrifft, so lässt sich diese an jenem Geisteszustand messen, der durch tägliche Einschaltquoten dokumentiert. Mit der Zeit wurde einfach vergessen, dass sich Gemeinschaften einst deswegen bildeten, um ausreichend Nahrung zu finden, der Bedrohung durch andere Spezies zu begegnen, und um voneinander zu lernen. Als ihnen diese Beweggründe abhandenkamen, verwandelten sich diese gesunden Gewebe in jene Krebsgeschwüre, die heute mit dem Wort Gesellschaft umschrieben werden. So wäre zum Beispiel bei einem Vergleich des Verhältnisses der Summe an getöteten Menschen, die im Namen des Guten ihr Leben verloren, und im Namen des Bösen, mehr Sorge angebracht; wegen jener, die nicht als Verbrecher angesehen.

Bjarni_Bernharður
Der Dichter und Maler Bjarni Bernharður [Bild: Kristinn Ingvarsson]

Die blechernen Kaffeekannen von einst sind mitsamt den Schreiberlingen längst verschwunden. Das Cafe Hresso ist nun gut gefüllt mit Jugendlichen und Touristen, die Coca Cola bevorzugen, oder eine gelbe Flüssigkeit, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Bier aufweist.

Den Mann gibt es aber immer noch. Allerdingst steht er nun draußen vor der Tür, an der Wand, neben seinem „Stand“ in der Austurstræti. Der Dichter und Maler Bjarni Bernharður verkauft immer noch seine Gedichte im Selbstverlag (Egóútgáfan), nunmehr als gebundene Gedichtbände feilgeboten, mit ISBN und Barcode ausgestattet.

Kuss der Fledermaus

Ich verharrte
in einer dunklen Höhle
meiner Kindheit

als die Fledermaus
mich küsste

Dieser warme Kuss
bestimmte mein Geschick
den Weg kalter Nächte
zu gehen

an der Grenze
zwischen Licht und Dunkelheit.    1)

 

Bjarni-3
[Bild: ruv.is]

Neben dem neuesten Gedichtband „Koss Leðurblökunnar“  für 2.000 kr.,  der mit eigenen Gemälden illustriert ist, bietet Bjarni Bernharður für die Touristen seine Gedichte  sogar in Englisch an.
Was kann schon eindringlicher belegen, dass Bjarni Bernharður mit seinen nunmehr 65 Lebensjahren ein hoffnungsloser Optimist geblieben ist.

1) Gedicht „Koss leðurblökunnar“  aus dem Gedichtband „„Koss Leðurblökunnar“, ISBN 978-9935-9153-6-8

Übersetzung: B. Pangerl

ukA child of society

frUn enfant dans la societé

Bielefeld gibt es gar nicht?

troll-imadeWEB-1Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!“ sei der Satz gewesen, der sich ihm eingeprägt habe, als er sich anschickte, die deutsche Sprache zu erlernen. Böse Zungen behaupten, er hätte sich damit bereits das Wesentliche gemerkt, was deutsche Schulen ausmache wie auszeichne. Dass dem so nicht ist, sei am Beispiel einer Stadt wie Bielefeld nachgewiesen. Es könnte aber auch eine andere deutsche Stadt sein, zum Beispiel Bonn, oder jede andere Stadt, so diese nur ca. 320.000 Einwohner zählte. Nehmen wir also eine von diesen Städten, nehmen wir Bielefeld, als Stellvertreter für all solche deutschen Städte, welche die Eigenschaft besitzt, dass in ihr ca. 320.000 Einwohner einen Wohnsitz haben.

Die Stadt der Dichter und Leser

EymundssonEs gibt in Bielefeld 129 Verlage, die 2010 insgesamt 1.505 Bücher publiziertem, davon allein 350 Bücher im Bereich Literatur/Dichtung, aus Übersetzungen von Literatur und Dichtung anderer Ländern weitere 286 Bücher, und im Bereich Philosophie 16 Bücher von Philosophen der Stadt, sowie weitere 15 Bücher aus Übersetzungen von Werken ausländischer Philosophen.

Diese Werke der Bielefelder Autoren und Übersetzer werden von Druckereien gedruckt, von Buchbindern gebunden, und dann werden die 1.505 Auflagen an die 26 Bielefelder Buchhandlungen ausgeliefert, damit die Bielefelder mit Lesestoff versorgt werden, auf welchen diese schon sehnsüchtig warten, um in langen Winternächten ihrer Leidenschaft nachgehen zu können: In einem Buch zu lesen. Und da ein Buch in Bielefeld nur dann Buch ist, wenn Werk von Dichter sich vereint mit Werk von Buchgestaltern, Werk von Druckern, Werk von Buchbindern, und Kenntnis von Buchhändlern, wird verständlich, dass die Bielefelder unter der Tätigkeit „lesen“ etwas anderes verstehen als ein Scannen von Zeilen und das Konsumieren von Texten. Sie daher Jahr für Jahr auf die neue Bücherflut warten, und sich überraschen lassen, von all dem Neuen, bisher noch nicht Dagewesenen, um sich darin zu versenken.

Da dies in Bielefeld so ist, entstand dort eine Gemeinschaft all jener, die mit der Herstellung von Büchern zu tun haben: Der Bielefelder Schriftstellerverband, der eine Autorengewerkschaft ist, und dessen Aufgabe darin besteht, die Freiheit der Literatur zu schützen. Dieser Verband kümmert sich um Regelwerke mit Herausgebern, Theatern, Medien, Institutionen und anderen Einrichtungen, die die Werke herausgeben oder verwenden wollen.

Und so leben in Bielefeld 70 Autoren allein von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, die Stadt zahlt Provisionen an einen speziell dafür eingerichteten Fond für die Benutzung von Büchern in öffentlichen Bibliotheken, und für die Verwendung von Texten als Lehrmaterial in den Schulen der Stadt.

Der Stellenwert von Dichtkunst und Literatur ist in Bielefeld so hoch, dass die Molkerei der Stadt einen Dichter-Wettbewerb unter den Schülern der Stadt auslobte, und dann die Gedichte der Kinder auf den Tetra Paks publizierte. So konnten die Bielefelder Familien morgens beim Frühstück ihren Tag mit dem Lesen eines Gedichts anreichern, mit Gedichten von Schülern, wie zum Beispiel diesem:

„Damals
war ich so glücklich
ihn zu peinigen
und keiner
wagte mich anzuklagen.

Jetzt
sah ich ihn heute,
er ist berühmt.
Ich beneide ihn;
was bin ich?
Nichts!“

„Willkommen in der Stadt“

Es kann daher auch nicht überraschen, dass sich der Bürgermeister der Stadt schriftlich an die Besucher der Stadt wendet, an die Touristen, indem er darauf hinweist, dass die Wahrscheinlichkeit nicht groß ist, dass diese in der Stadt sind, da der größte Teil der Menschheit anderswo sei, und dies wissenschaftlich erwiesen ist:

Ist es ein Zufall, wo man geboren wird? Ist es Gegenstand eines allgemeinen Gesetzes? Habe ich in irgendeiner Form existiert, bevor ich geboren wurde? Hatte ich etwas damit zu tun, wo ich geboren wurde? Warum haben Eva Braun und Adolf Hitler keine Kinder geboren? Haben sie es nicht versucht? Kann es sein, dass kein Kind sie als Eltern wollte? Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube nicht, dass Gott Würfel spielt, vor allem nicht, wenn Menschenleben betroffen sind. Diese Gedanken führen einen unweigerlich dazu, Schrödingers Katze zu betrachten. Sie ist wahrscheinlich eine der berühmtesten Katzen der Welt (vielleicht nach Ninja Cat). Noch weiß niemand, wie sie genannt wurde? Wie wurde Schrödingers Katze genannt? Abrakadabra? Ich erinnere mich nicht. Nennen wir sie Phoenix. Das ist eine gebräuchliche Bezeichnung für Katzen. Phoenix war von der Art, dass sie sowohl existierte und auch nicht. Deshalb existierte sie immer, und selbst wenn Schrödinger seine Katze in einer eher geschmacklosen Weise getötet hätte, ist sie immer noch in Schrödinger’s Haus am Leben, während Schrödinger selbst seit längerer Zeit tot ist:

Δx Δp ≥ h/2

Bedeutet dies, dass ich immer existierte, oder dass ich nie existierte und daher auch jetzt nicht existiere? Das kann nicht sein! Es würde bedeuten, dass all unsere Existenz irreal war und nur in unserer eigenen Phantasie existierte. Wenn ich nicht existiere, dann du auch nicht. Ich hatte eine harte Zeit, das zu glauben. Die Fakten sprechen für sich. Wenn ich nicht wirklich bin, dann, wie könnte ich dann nach Finnland fliegen, mir eine Postkarte mit einem Bild von der finnischen Präsidentin Tarja Halonen zusenden, wieder nach Hause fliegen und den Briefträger begrüßen, der mir die Karte bringt? Ich weiß nicht.“

„Der Vater ein Alkoholiker, und die Mutter war immer müde“

Man kann die Nation mit einer Familie vergleichen, mit einem Alkoholiker als Vater, der seit vielen Jahren betrunken ist …Er hatte große Ideen, vor allem, wenn er einige hatte. Er hatte einen Mund und scheute sich nicht, den Leuten zu sagen, wohin sie gehen sollten … ‚Ich höre keinerlei Bullshit zu!‘ war sein Motto, und seine Familie vertraute ihm. Zum Teil, weil die Familie ihn liebte, trotz seiner Trinkerei und seiner Fehler, aber auch zum Teil, weil die Leute einfach Angst hatten, sich gegen ihn zu stellen. Und so begann die Familie sich zu fragen, ob er eine Art von Genie sei und kein psychisch kranker Alkoholiker, sondern brillant, der fähig ist, Dinge zu sehen, für die die durchschnittlichen Verlierer nicht klug genug waren, sie zu sehen … Am Ende konnte er nichts mehr tun als den geistigen, körperlichen und finanziellen Ruin zu gestehen. Und so ging er in Behandlung. Und die Familie blieb verblüfft, verwirrt und wütend zurück“.

So die Rede des Bürgermeisters zur zweiten Diskussion zum Jahresbudget der Stadt, und die Staatsbürger der Nation lobten die Rede, indem sie die Ausführungen als „erschreckend genau“ bezeichneten. Aber der Bürgermeister warnte vor dieser Wut, da sie Energie „verbrenne“ und zu Erschöpfung führe, denn Gram und Hoffnungslosigkeit führe zu Inaktivität. Ärger sei menschlich und manchmal notwendig, aber wenn zugelassen werde, dass er sich anhäuft, werde dies zu einem tödlichen Gift, das den Geist krankmache. So der Bürgermeister, der in seiner Ansprache zur Ankündigung des vorgeschlagenen Stadthaushalts bereits ankündigte:

Wir teilen keine vorgegebene, gemeinsame Ideologie. Wir sind weder rechts noch links. Wir sind beides. Wir wissen nicht einmal, dass es darauf ankommt Wie oft kann der Kuchen geschnitten werden? Wer bekommt ein kleines Stück? Und wer braucht ein wirklich großes Stück? Was ist ein Luxus, und was ist wichtig? … Ist es besser, die Kinder an Stelle der Älteren zu berauben?

Der ehrenhafteste Politiker des Landes

gnarr_coverSpätestens an diesem Punkt wäre hier klarzustellen, dass es sich bei diesem Bericht keineswegs um eine Stadt handelt, sondern um eine ganze Nation, deren Anzahl an Staatsbürger nicht größer ist als eben die Einwohnerzahl einer Stadt wie zum Beispiel Bielefeld. Und die Rede ist von einem Bürgermeister einer Stadt, der den Namen Jón Gnarr angenommen hatte, und dessen Amtszeit als Bürgermeister der Stadt Reykjavik bereits endete, in welcher er 8.000 Angestellten der Stadt vorstand. Die Amtszeit endete nicht, weil er nicht mehr gewählt worden wäre. Keineswegs. Bereits nach einem Jahr Amtszeit bescheinigte ihm die Nation, der ehrenwerteste Politiker des Landes zu sein. Laut Nachricht der Tageszeitung Morgunblaðið vom 11.03.2011 erreichte Jón Gnarr nach einem Jahr Amtszeit im Vergleich mit anderen politischen Persönlichkeiten Islands den Spitzenplatz in Ehrlichkeit (28,8 %), Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft (23,7 %), Ausstattung mit Persönlichkeit (29,5 %), und bildete in Entschlossenheit (5,0 %), Machtstellung (5,6 %), Standhaftigkeit gegenüber seinen Überzeugungen (17,9 %) und Funktionstüchtigkeit bei Druck (3,5 %) das Schlusslicht, galt damit als die ehrenhafteste und ehrenwerteste Person Islands.

Eine Bewertung, die geeignet ist für Irritationen: Sind es nicht eben die Eigenschaften „Entschlossenheit“, „Machtstellung“, „Standhaftigkeit gegenüber seinen Überzeugungen“ und „Funktionstüchtigkeit bei Druck“, welche Politiker auszeichne und diese erst zu solchen mache, und seien diese nun – was diesbezüglich Jacke wie Hose – in einer Diktatur oder Demokratie unterwegs, ob dort nun säkular oder auch nicht? Und ist damit gesagt, dass Politiker nur dann Politiker sind, wenn diese ehrlich sind, mit der Gemeinschaft zusammenarbeiten, und mit Persönlichkeit ausgestattet sind?

Und so endet die Rede Jón Gnarr’s zur Diskussion über das Jahresbudget der Stadt:

Miss Reykjavík hat eine Zukunft vor sich. Sie hat vielleicht einen Alkoholiker als Vater gehabt und ihre Mutter war immer müde. Doch sie lässt es dabei nicht bewenden. Sie verzeiht alles, duldet alles, und streckt sich zum Licht. Reykjavík hat das Potenzial, die sauberste und schönste, friedvollste und lebenslustigste Stadt der Welt zu sein, weltbekannt für Sympathie, Kultur, Natur und Frieden; ein Diamant, für uns zu polieren und zu glänzen„.

Der „Komiker“

Was ist ein „Komiker“? Lassen wir Jón Gnarr selbst zu Wort kommen:

Vor einem Jahr saß ich auf der Insel Puerto Rico. Ich hatte gerade einen Kinofilm fertiggestellt, zu dem ich das Drehbuch schrieb und den ich zusammen mit ein paar meiner Freunde produziert hatte. Ich war arbeitslos und frage mich, was mein nächstes Projekt sein soll.

Ich war zuvor bei einer Werbeagentur beschäftigt, wurde aber im Gefolge der Rezession und Depression entlassen. Ich verfolgte die Situation in Island über die Nachrichten-Websites. Es wurde zur Gewohnheit nach dem Zusammenbruch. Vor dem Zusammenbruch hatte ich wenig Interesse an Politik, und ich ging sogar einige Längen, um zu vermeiden, dem Treiben in dieser Ecke der Gesellschaft folgen zu müssen.
Ich tat dies, bis alles mit einem Krach zusammenbrach und unser Premierminister im Fernsehen auftrat, um Gott zu bitten, uns zu segnen. Ich fühlte mich wie mit einem nassen Lappen geohrfeigt. Was war geschehen? Ich begann im Anschluss daran die Nachrichten aufmerksam zu verfolgen. Wo ich ging, drehte sich der Diskurs überall um dieses Thema; auf Parties, bei Geschäften und bei Treffen mit Freunden auf der Straße.
In einem Augenblick wurde ich ein Nachrichten-Süchtling. Und je mehr ich den Nachrichten folgte, umso wütender wurde ich. Ich war wütend auf die kapitalistischen Bankster. Ich war auf das System wütend, das versagte. Aber ich hob meinen heftigsten Zorn für die Politiker auf. Jeder einzelne von ihnen ist ein unfähiger, eigennütziger Idiot, dachte ich.
Ich war wütend auf mich, und böse auf die Menschen, die diese Politiker gewählt hatten. Ich wollte etwas tun. Ein paar Mal ging ich hinunter zur Austurvöllur, um mich an den Protesten zu beteiligen. Ich konnte mich zur uneingeschränkten Teilnahme nicht entschließen. Ich wollte nicht Müll in das Alþing werfen oder mit der Polizei ringen. Ich wollte meine Wut nicht durch die Eröffnung eines Blogs entlüften.

Ich bekam von all dem Ärger Angst, von der Wut in mir und die mich umgebende Wut. Ich war besorgt, dass sie sich verstärkt und wächst und am Ende etwas Schreckliches passieren würde. Ich fühlte den Schmerz aller. Ich fühlte mit den Menschen, die in ihrem Protest Zeichen schwangen und auf Töpfe schlugen. Aber ich fühlte auch mit den ängstlichen Politikern, die in übereilter Flucht zu ihren Autos liefen oder mit Angst in ihren Augen vor den Kameras standen. Ich fühlte mit den Polizeibeamten, die die wütenden Massen vor dem Gesicht hatten. Mein Vater lag damals auf seinem Sterbebett im Landeskrankenhaus. Er war seit über vierzig Jahren ein Polizist Reykjavík’s. Er wurde in all den Jahren nicht in einen höheren Rang befördert, weil er Kommunist war. Ich fand es traurig, dass er starb und es ihm entgangen ist, dass die Links-Grünen in das Alþing kamen. Das hätte ihn sehr glücklich gemacht.
Ich liebe diese Stadt und ich liebe dieses Land. Ich liebe die Menschen, die es bewohnen
.“

Was die Frage aufwerfe, welcher Sinn darin liege, die Größe einer Nation an der Anzahl Staatsbürger zu bemessen.

Die Frankfurter Rundschau titelte: „Ein Clown macht Ernst“, und Henryk M. Broder berichtete live aus Reykjavik „Reykjavik erwartet den Staats-Streich“.

Der „Clown“ Jón hat das Rathaus von Reykjavik an seinen Nachfolger übergeben, der „Staatsstreich“ ist zu Ende. Jedoch: War er ein Clown? War es ein Staatsstreich?

Übersetzung: B. Pangerl

ukDoes Bielefeld exist?

frBielefeld n’existe pas ?

Resonanzkörper

troll-imadeWEB-1Sie sind zurückgekehrt. Unüberhörbar. Die Topfdeckel.

Der Friseurmeister brachte den Kopf in jeder Beziehung auf Façon: „Politiker sind wie Tauben“. Ein prüfender Blick von hinten in den Spiegel auf die Mimik des Delinquenten verriet ihm, dass der Satz seine Wirkung nicht verfehlt hatte, und so antwortet er in die Stummheit des fragenden Blicks hinein: „Sind sie unten, fressen sie dir aus der Hand, sind sie oben, wirst du von ihnen beschissen.“

Demo_12Der Mann kannte sich offensichtlich mit Tauben aus. Vor dem Alþingi, dem isländischen Parlament trommelte Topfdeckel, Pfannenwender, und was ein Mensch noch so gewöhnlich in seinen Taschen mitnimmt, wenn sein Weg zum Parlament führt. Trommelten und hämmerten gegen alles, was dazu geeignet, Volkes Stimme auch durch geschlossene Fenster eines Parlaments dringen zu lassen. Denn worin läge schon Sinn, sich der Mühe zu unterziehen, auf freier Fläche Stunde um Stunde, von Sturm und Regen ungeschützt herumzustehen, wenn die Botschaft nicht durch verschlossene Fenster hindurch so deutlich zu vernehmen ist, dass keine normale Unterhaltung dahinter mehr möglich, es sei denn, man schreie sich gegenseitig an.

Die Idee, aus Erfahrung zu lernen, und das bis 2008 für Jedermann ungehindert zugängliche wie völlig ungeschützte Parlament nun vor dem Volk in Sicherheit bringen zu müssen, erwies sich als eine höchst dümmliche. Damals stürmte das Volk das Parlament, eine Art „Prager Fenstersturz“ ohne Fenstersturz, und Halldór Guðmundsson berichtete in seinem Buch „Wir sind alle Isländer“ davon, dass einer gesagt haben solle, die Parlamentarier hätten nur dem Umstand ihr Leben zu verdanken, da vorher der einzige verfügbare Baum abgefackelt worden sei, und so kein Baum mehr zur Verfügung stand, um die Parlamentarier daran aufzuknüpfen.

Nun, wer Isländer näher kennt, weiß, dass dies nicht einmal dann geschehen wäre, wenn das Parlament ein ganzer Wald umgeben hätte. Nicht ein Einziger der aufgebrachten Menschen hätte dies auch nur gedanklich in Erwägung gezogen. Isländer schätzen dann Humor, wenn er die Eigenschaft „smart isländisch“ erfüllt. So ist auch jene Handlung als „smart isländisch“ einzustufen, den einzigen Baum vor dem Parlament abzufackeln, die riesige Tanne, den Weihnachtsbaum, der wie jedes Jahr den Isländern von Norwegen gespendet wird, und die Hauptstadt immer rechtzeitig vor Advent auf einem Schiff erreicht. Diese majestätische Tanne ging in jenem Jahr in Flammen auf. Isländer schätzen keine Tünche über Wirklichkeiten. Ade, Friede, Freude, Eierkuchen. Es ging schließlich um nicht weniger als um das nackte Überleben.

Den Damen und Herren Parlamentarier steckte offensichtlich noch die Erinnerung daran in den Knochen, und so umgab nun eine „Bannmeile“ das Parlament des Inselstaates, nach Festlandssitte. Eine Art „Eiserner Vorhang“ zwischen Volk und Volksvertreter nach mehr als 1000 Jahren, die seit der ersten Besiedelung Islands über die Insel hinweg gezogen sind.

Nicht dass sich seitdem etwas verändert hätte, und das Volk gewalttätiger geworden wäre über die Jahrhunderte. Keineswegs. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Aber eine Bannmeile ist einfacher als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es denn dazu kommen konnte, dass Volksvertreter vor dem zu schützen sind, was sie nur vertreten, ohne es zu sein, und sich in Folge furchtsam oder wenigstens ignorant nur noch darin von Ludwig XVI unterscheiden, dass deren Vertretung nur eine vorübergehende, und nicht vererbbar.

Demo_3Die „Bannmeile“ erwies sich deshalb als dümmliche Idee, weil zur Abgrenzung ausgerechnet Metallwände aufgestellt wurden. Eine willkommene Einladung an alle, die draußen vor der Tür zu bleiben hatten. Und so trommelten wenigstens hundert Stiefel stundenlang gegen die Spundwände, nicht wild durcheinander, sondern im Takt, was einen Impulslärm verursachte, der bis hinauf zur Hallgrims-Kirche zu hören war. Zwischen den Häuserzeilen pulste der Rhythmus als würden unsichtbare Trommeln die Krieger der Prärie zusammenrufen; das Parlament als Wagenburg umzingelt, und kein John Wayne in Sicht, der heroisch die Schar der Guten aus der Hand der grausamen Wilden rettet.

Einige der stoischen Botschafter erwiesen sich bei der Überbringung der Botschaft als „smart isländisch“: Sie kehrten dem Parlament den Rücken, wandten sich dem Volk zu, dabei nicht vergessend, nach hinten kräftig auszuschlagen; wie ein Islandpferd, dem ein unerfahrener Pferdeknecht derart zu nahe gekommen ist, dass es schmerzte.

Was die Frage erlaubt, worum es denn da eigentlich ging, bei dieser Auseinandersetzung.

Es ging um die Beitrittsverhandlungen mit der EU. Wer aber nun glaubt, es handle sich bei der wütenden Bevölkerung um Befürworter einer Mitgliedschaft Islands in der EU oder um Gegner einer solchen, sieht sich abermals getäuscht. Es ging einzig und allein um die Einlösung eines Wahlversprechens.

Die in das Amt gewählte Regierung hatte bei der Wahl versprochen, die Frage, ob die Verhandlungen mit der EU fortgesetzt werden sollen oder nicht, dem Volk vorzulegen und dieses entscheiden zu lassen. Kaum im Amt, stellte die Regierung die Verhandlungen mit der EU ein, da ohnehin die Mehrheit der Isländer gegen einen Beitritt zur EU stimmen würde, wie die Statistik vorrechnete. So logisch die Entscheidung der Regierung auch war, so groß auch der Unterschied zwischen der Regierung und der Sichtweise der Isländer: Es geht gar nicht darum, ob die Mehrheit einen Beitritt zur EU ablehne oder nicht, es geht darum, ob ein Politiker ein Wahlversprechen abgeben kann, und hinzunehmen ist, dass er dieses Versprechen nicht einlöse, so unsinnig dies auch sein mag. Und hier zeigt sich die Größe eines Volkes: ein Wort ist wie ein unterzeichneter Vertrag. Ob nun die Erfüllung des Vertrages dümmlich ist oder nicht, ist das Problem dessen, der da den Mund zu voll genommen hatte. Hätte er geschwiegen, er wäre ein Weiser geblieben, und unbehelligt. Mag sein, dass Pragmatismus anders aussieht, aber das ist eine Frage, was denn nun pragmatisch sei oder nicht. Dass ein Wahlversprechen gegeben, aber nicht eingehalten, gehört bei Isländern nicht zum Pragmatismus. Pragmatisch kann nur sein, wo entweder Versprechen eingehalten werden, oder gar nicht abgegeben. Und damit diese Botschaft auch deutlich rüberkommt, dafür gibt es Topfdeckel und eiserne Pfannenwender in der Küche.

Nun, die Parlamentarier waren ganz Ohr, und haben die Lektion schnell gelernt. Am nächsten Tag waren die Metallwände wieder verschwunden, und durch ein Lärm verhinderndes gelbes Plastikband ersetzt.

Was auch nichts nützte. Denn es gab ausreichend Metall und damit geeignete Resonanzkörper genug vor dem Parlament: Laternenpfähle, Verkehrsschilder, Parksperren, etc. Und so verrichteten die Pfannenwender und Topfdeckel weiterhin ihr zermürbendes Tagwerk, denn die Natur draußen lehrt jeden Isländer von Kindesbeinen an: steter Tropfen höhlt selbst den härtesten Basalt.

Und da es den Anschein hat, als würden sich die Parlamentarier nicht heraus trauen aus dem Gebäude, da draußen Volk vor der Tür steht, sind die draußen vor der Tür Harrenden ihrer Fürsorgepflicht nachgekommen, und haben Verpflegung mitgebracht für ihre Volksvertreter. Nicht dass ihnen noch vorgeworfen werden könne, sie wären schuld daran, dass bei den Parlamentariern Hungerödeme festgestellt werden. Nur böse Zungen behaupten, die Bananen wären ein Hinweis darauf, dass sich die Parlamentarier mit ihrem Verhalten, Wahlversprechen abzugeben, und diese dann nicht einzuhalten, die Republik auf das Niveau einer Bananenrepublik gebracht hätten.

Nun ist der Vorgang, Tag für Tag stundenlang vor einem Parlament nur aus dem Grund auszuharren, weil ein Wahlversprechen nicht eingehalten wurde, nicht unbedingt auf andere Länder übertragbar. Würde dies dort doch zum Zusammenbruch der Nation führen. Da dann notwendig wäre, 365 Tage zu trommeln. Pro Jahr. Vor deren Parlamenten, auf Gemeinde-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene. Und so gehört in diesen Ländern der Bruch von Wahlversprechen zur wohlgelittenen Sitte. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.  Der Mensch nimmt übel, und fällt beim nächsten Mal wieder darauf herein. Ein Schelm, der dabei denkt, der Apfel falle nicht weit vom Stamm.

In einer Demokratie bestimmt das Gescherr den Herrn, und der Fisch ist es, der über den Kopf entscheidet. Daraus ergibt wenig Sinn, sich über Herr und Kopf zu mokieren. Es wäre demnach mehr über den Fisch und das Gescherr nachzudenken, als über den Kopf und den Herrn. Krümmt sich doch mancherorts rechtzeitig, was ein guter Staatsbürger werden will.

EU-gurk-Flagge-B2So entstehen Gebilde, in denen das Grundrecht der Gurke auf vorgeschriebene Krümmung Vorrang hat vor individuellem Menschenrecht, leckere Gurken verkaufen zu dürfen. Und bald auch der Anspruch, dass in Europa nicht schlecht sein kann, was anderenorts für gut befunden. Und sollte dagegen zuwidergehandelt werden, so wird der Staat in die Pflicht genommen: Die explosiven Schriftsätze der Anwaltskanzleien sind schon aufgesetzt, und harren in Schubladen darauf, zwischen den Parlamentariern hochzugehen. In Form von Forderungen, mit 9 Stellen vor dem Komma. Volk hin, Volk her. Dann sind es nicht Topfdeckel, die den Parlamentariern durch Mark und Bein gehen. Das Zauberwort heißt dann: „Hier ist Boston Legal! Mein Mandant hat einen Stein in seinem Schuh. Schadensersatzklage gefällig?“

Demo_9War da nicht ein Topfdeckel, gleich unter der Küchenspüle? Kann es sein, dass zu spät bemerkt wird, dass das Menschenrecht „Alle Menschen sind gleich“ auch für Zwecke eingesetzt wird, für die es gar nicht geschaffen wurde? Zum Beispiel für solche, die mit dem Wort „freier Markt“ kaschieren, dass es tatsächlich um Kontostände auf Bankkonten geht, und keineswegs um „Rechte“? Außer jenem, deren Kontosalden zu erhöhen bis zum Abwinken? Waren da nicht die Reisbauern in Indien, die Dorf runter, Dorf rauf, in den Bankrott getrieben wurden, sich verschulden mussten wegen etwas, was bis dahin kein nennenswerter Kostenfaktor: wegen Saatgut? Und – ist es nicht so, dass in einer Demokratie es der Fisch ist, der über den Kopf bestimmt, und nicht der Kopf über den Fisch? Bannmeile hin, Bannmeile her?

Zu den Fischen! … da ist ja der Topfdeckel … dann mal Butter bei die Fische.

ukResonant bodies

frCorps de résonance