Schlagwort-Archive: Möglichkeit

Gleðilegt sumar!

Tilvera: „Was ist jenes, worauf einer mit dem Wort wir verweist?“

Ónytjungur: „Irgendetwas, zu dem sich einer zugehörig sieht,  was entweder notwendigerweise durch dessen Existenz bereits an sich gegeben, oder über eine simplifizierende Formel leicht zugänglich, was in der Regel dazu führt, dass sonstiges Vorhandene auf eine überschaubare Formel reduziert.“

Tilvera: „Was verstehst du unter Formel?“

Ónytjungur: „Die Umwandlung eines Zusammenhangs in eine Beschreibung. Wenn ich zum Beispiel meine Familie sage, dann beschreibe ich mit der Formel Familie jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich sowohl meiner Frau als auch meinen Kindern zugehörig bin.“

Tilvera: „Gut, dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise bei all jenen Lebewesen, deren Eigenschaft es ist, sich fortpflanzen zu können. Übst du nicht auch einen Beruf aus, und erfüllst in diesem eine bestimmte Rolle?“

Ónytjungur: „So ist es. Wenn ich zum Beispiel mein Team sage, dann beschreibe ich mit der Formel Team jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich jenen Kollegen zugehöre, die an der Erreichung eines bestimmten Ziels arbeiten.“

Tilvera : „Dabei zeige sich der Zusammenhang im gemeinsamen Ziel, nicht jedoch in Beruf und Rolle. Und gehörst du nicht einer Gattung an?“

Ónytjungur: „Auch das. Ich gehöre wie du der Gattung an, die Tröll genannt werden. Wenn ich zum Beispiel die Formel Tröll sage, dann beschreibe ich mit der Formel Tröll jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich kein Schaf, kein Pferd, und auch keine andere Gattung bin, die sich signifikant von einem Tröll unterscheidet.“

Tilvera : „Gut, auch dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise durch die Tatsache, ein Lebewesen zu sein. So zählte ich jetzt schon drei wir bei dir, dabei stehe ich erst am Anfang meiner Möglichkeiten. Wie viele glaubst du, könnte ich noch finden?“

Ónytjungur: „Du weißt, dass du bei mir am Ende deiner Möglichkeiten angelangt. Du musst dich also an andere richten, wenn du weiterfragen möchtest.“

Tilvera : „Nun, du magst mir genügen. Wäre doch mit jeder weiteren Zugehörigkeit zu Irgendetwas nichts gewonnen, sondern nur verloren.“

Ónytjungur: „Du sprichst in Rätseln.“

Tilvera : „Keineswegs. Es dürfte selbst dir als Taugenichts einleuchten, dass umso komplexer die Formel, desto  geringer die Lust, diese verstehen zu wollen, da eine solche einerseits nicht eingängig,  und andererseits  sie keinen Beitrag leiste, um jenes fortzusetzen, was einfache Formel ermöglichten. Gegenüber einer komplexen Formel hat eine einfache Formel auch noch einerseits den Vorteil, dass sie leicht nachzusprechen wäre, was andererseits dazu führe, über diese  ein so genanntes Zusammengehörigkeitsgefühl generieren zu können …“

Ónytjungur: „… in der Form, dass darüber die einen hinzugezählt, somit die anderen ausgeschlossen, denn das eine ist nicht möglich ohne das andere …“

Tilvera : „… wie du ja bereits an drei Zusammenhängen aufzeigtest. Es dürfte auf der Hand liegen, dass umso mehr Zusammenhängen einer sich zugehörig fühle, desto größer sowohl  Möglichkeit wie Wahrscheinlichkeit , dass die Zugehörigkeit zu einem Zusammenhang in Konflikt gerate  mit der Zugehörigkeit zu einem anderen Zusammenhang.“

Ónytjungur: „Mit welcher Begründung?“

Sommeranfang, 20.04.2017, 23:36 Uhr

Tilvera : „Mit jener, dass Zusammenhänge, welche nicht notwendigerweise bereits durch die Tatsache gegeben, ein konkretes Individuum zu sein, solche sind, die stets durch eine simplifizierende Formel aufgestellt, welche die anderen vorhandenen künstlich geschaffenen Zusammenhänge nicht berücksichtigten, die aber nichtsdestoweniger dennoch vorhanden sind, und in aller Regel – je nach Ausprägung mehr oder weniger von solchen – sich in einem konkreten Individuum verknüpfen.“

Ónytjungur: „Du willst mir erzählen, dass simplifizierende Formeln in einem konkreten Individuum zwangsläufig Unheil  hervorrufen?“

Tilvera : „Das hängt von der Art der simplifizierenden Formel ab, und dem konkreten Individuum.“

Ónytjungur: „Es gibt nur eine Art simplifizierender Formeln. Ihr Merkmal ist, dass sie simplifizieren.“

Tilvera : „Das hängt davon ab, ob du mit simplifizierend eine übermäßige Vereinfachung oder eine zutreffende Vereinfachung meinst.“

Ónytjungur: „Und was wäre deiner Ansicht nach eine zutreffende Vereinfachung?

Tilvera : „Gesetzt den Fall, es gebe Lehre, deren Anwendung, und ein Resultat aus Anwendung …“

Ónytjungur: „Es gibt tausende Lehren, zahllose  Anwendung davon, und die Resultate …“

Tilvera : „Gemach, gemach. Gehen wir beide zuerst ganz allgemein einmal davon aus, eine Lehre stellte allgemeine und informatorische Behauptungen auf. Diese würden nun im Detail von einem konkreten Individuum auf einen besonderen Fall angewendet, der vom Allgemeinen insofern abweiche, dass dieser eben ein Detail sei, ist es dann nicht so, dass dieses konkrete Individuum dabei unweigerlich eine persönliche Erfahrung mache, was dazu führe, dass er diese Erfahrung als Lehre kodifiziere, und mit jedem solchen Ereignis den Kreislauf erneut beginne?“

Ónytjungur: „Wäre dem nicht so, wozu dann Lehre, Anwendung und Resultat?“

Tilvera : „Gut. Wie kann es dann aber dazu kommen, dass es Zusammenhänge gibt, welche Lehren dennoch aufrecht erhalten, obschon die konkrete persönliche Erfahrung eines Individuums dieser eklatant wiederspreche, dennoch solche Zusammenhänge ungerührt weiterhin behaupten, sie würden  individuelle Erfahrung repräsentieren?“

Ónytjungur: „Möglicherweise aufgrund des gleichen Musters, anhand dessen Individuen davon ausgehen, es gebe Frühling, Sommer, Herbst und Winter, dies sei überall so, und falls nicht, dann habe es eben so zu sein?“

Tilvera : „So ungefähr.“

Ónytjungur: „Nun, es gibt hier seit jeher nur Winter und Sommer, wie du weißt. Die Vorgabe, es habe aber so zu sein, dass es auch Frühling und Herbst gebe, wäre hier nur als grober Unfug eingestuft, da das Wetter ja bis heute noch nicht einmal dazu zu bewegen war, sich wenigstens an die Vorgaben Winter und Sommer zu halten.“

Tilvera : „Gut, dass du mich daran erinnerst. Heute ist ja gesetzlicher Feiertag, da der Sommeranfang gebührend begrüßt werde. Gleðilegt sumar, Ónytjungur!“

Ónytjungur: “ Gleðilegt sumar,  Tilvera“.

Begriffsstutzig

troll-imadeWEB-1Tilvera: Es wird gesagt, Begriffe beruhten auf Übereinkunft, und ihre Bedeutung ergebe sich aus ihrem Gebrauch.“

Ónytjungur: „Du willst mir also erzählen, dass im Falle, Diebe kommen darin überein, das Fahrrad sei kein Diebesgut, sondern nur eine Ausleihung auf unbestimmte Zeit, dann …

Tilvera:Bist du heute von Begriffsstutzigkeit geplagt?

Ónytjungur: „Falls ja, dann mag das vielleicht daran liegen, dass mich die festgestellten Veränderungen im Gebrauch der Begriffe stutzig gemacht haben. Denn ich finde keine Übereinkunft mehr, keine einzige.“

Tilvera: „Als da wären? Ich meine die Veränderungen im Gebrauch der Begriffe.

Ónytjungur: „Wo soll ich anfangen, angesichts der großen Zahl an Veränderungen? Ich frage nur, denn das könnte dann etwas dauern.“

Tilvera: „Dann nimm das Unveränderte, also jene Begriffe, die auf Übereinkunft beruhen. Das müsste bei der großen Zahl an Veränderungen, und jener Begriffe, zu denen keine Übereinkunft besteht, ja kürzer werden.“  

Ónytjungur: „Als da wären?

Tilvera: „Wie wäre es zum Beispiel mit den Begriffen Absicht und Zweck. Nur um ein Beispiel zu nennen.

Ónytjungur: „Bist du heute von Begriffsstutzigkeit geplagt?

Tilvera: „Keineswegs. Bei beiden Begriffen herrscht Übereinkunft, sowohl was die Begriffe bedeuten, als auch deren Gebrauch.“

Ónytjungur: „Soso. Ich hörte aber davon, dass nun Absicht für Zweck ausgegeben, und wo Zweck vorhanden, dieser entweder auf Absicht oder auf Zufall beruhe.

Tilvera: „Es kann nicht anders sein.“

Ónytjungur: „Wie verhält es sich dann bei einem Neutron eines Uran-235-Atomkerns, und einer Person, die das Neutron aus dem Atomkern herausschießt? Das Neutron eines Uran-235-Atomkerns erfüllt nur einen bestimmten Zweck, es wäre sonst nicht an dieser Stelle, und wie wir wissen, das auch noch sehr erfolgreich, die Person hingegen verfolgt eine bestimmte Absicht. Beruht die Anwesenheit dieses Neutron nun auf Zufall, oder auf Notwendigkeit?“

Tilvera: „Wäre es nicht dort, wo es sich aufhältdann wäre schon längst geschehen, was geschehen wird, wenn die Absicht der Person in die Tat umgesetzt. Dann wäre aber auch nicht möglich, dass wir beide hier nun sitzen,  und du könntest auch nicht deine Begriffsstutzigkeit offenbaren.“

Ónytjungur: „Es ist auch davon zu lesen, die Gestalt der menschlichen Hand, die Anzahl ihrer Finger und deren Maße seien entweder aus Zufall oder aus Notwendigkeit so, wie sie sind.“

Tilvera: „Du schweifst ab. Es geht um Absicht und Zweck.“

Ónytjungur: „So ist es. Die Aussage über die menschliche Hand ist mittlerweile auch bereits 800 Jahre alt. Verhält es sich deiner Ansicht nach so, dass die Aufgabe der menschlichen Hand das Ergreifen ist, auch das Erfassen verschiedener Gegenstände, oder für die Angemessenheit, Werkzeuge zu halten?

Tilvera: „Deine Flucht in Trivialitäten macht deine Abschweifung nicht besser.“

Ónytjungur: „Das mag sein. Die Frage wäre doch, ob alles, was die menschliche Hand kann, was ja vom Wortsinne her Möglichkeit voraussetze – und ich hoffe, wir beide können wenigstens diesbezüglich auf eine Übereinkunft zurückgreifen -, auf deren Gestalt, der Anzahl ihrer Einzelteile und deren Maße beruhe – und ich hoffe, wir beide können auch hier auf eine Übereinkunft zurückgreifen -, …

Tilvera: „In beiden Fällen genehmigt.“

Ónytjungur: „ … und ob dies nun alles auf Zufall zurückzuführen wäre, oder auf Notwendigkeit.“

Tilvera: „Was hat das mit den Begriffen Absicht und Zweck zu tun? Willst du deine Abschweifung nicht langsam einstellen?

Ónytjungur: „Immer der Reihe nach. Vergiss nicht, wir beide bewegen uns im Augenblick auf der Ebene der Sprache, sind demnach dem Vokabular, der Grammatik, der Syntax und der Semantik dieser Sprache unterworfen. Da ist notwendig, diese einzuhalten, es sei denn, einer wolle nicht verstanden werden. Dann stellte sich jedoch die Frage, wozu er dann die Stille durch Geräusche störe, oder das Sichtbare durch Geschreibsel.

Tilvera: „Und?

Ónytjungur: „Wenn es also so ist, dass die menschliche Hand so ist wie beschrieben, und damit die Aufgabe erfülle, Dinge zu ergreifen, verschiedene Gegenstände zu erfassen, oder angemessen Werkzeuge zu halten, ist es dann nicht so, dass sie ihren Zweck erfülle, und dies nur darauf zurückzuführen ist, dass sie so ist, wie sie ist?

Tilvera: „Wäre sie anders, zum Beispiel so, dass es die Daumen nicht gäbe, sie erfüllte nicht …

Ónytjungur: „Willst du mir  gerade erzählen, dass zur Erfüllung der beschriebenen Aufgaben die menschliche Hand notwendig sei so wie sie ist?

Tilvera: „Sie wäre sonst für die Erfüllung der beschriebenen Aufgaben nicht so brauchbar, also für solche Zwecke.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund kommt dann einer auf die Idee, es beruhe nur auf Zufall, dass die Hand so ist wie sie ist? Denn beruhe sie auf Zufall, dann würde es keinen Unterschied machen, ob den Menschen die Hand eigentümlich ist oder etwa Hufe oder irgendwelche anderen Körperteile, die den verschiedenen Tieren eigentümlich sind. Denn der Zufall benötigt keinen Grund, und benötige er einen, so wäre er nicht Zufall. Ist es nun die Aufgabe, also der Zweck, welche die menschliche Hand so formte wie sie ist, oder der Zufall? Denn der Zufall hätte auch zu einem Huf führen können.

Tilvera: „Die Form könnte auf Versuch und Irrtum beruhen.“

Ónytjungur: „Ein Huf wäre aber kein Irrtum, wie die Pferde belegen. Kein Zweifel möglich, es schätzt der Mensch die Logik; so sie nicht mit einer Idee kollidiere. Womit du auch noch unweigerlich bei der Absicht angekommen.“

Tilvera: „Ich bin nur bei Versuch und Irrtum angekommen.“

Ónytjungur: „Setzt Versuch nicht Absicht voraus? Beschreibt der Begriff Versuch doch, dass da etwas sei, was nicht so hingenommen, und daher zu probieren sei, wie probiert werde, einen anderen Zustand herzustellen, statt sich damit abzufinden. Setzt probieren nicht Absicht voraus? Ist doch etwas, was nicht so hingenommen werde, und daher ein anderer Zustand herbeigeführt werden solle, ein Beweggrund. Oder herrscht auch bei dem Begriff Beweggrund mittlerweile keine Übereinkunft mehr, und dessen Bedeutung ergebe sich nur nun aus seinem Gebrauch?“   

Tilvera: „Dann sage, es sei ein Motiv.“

Ónytjungur: „Wie auch immer. Vom logischen Standpunkt aus betrachtet würde es stets darauf hinauslaufen, dass der Zufall eine Absicht verfolgen müsse, also einen Beweggrund habe, du kannst es auch gerne Motiv nennen. Dumm nur, dass probieren dann nicht auf Zufall beruhe, da Beweggrund vorhanden, daher Zufall sich nur für einen solchen ausgebe.“

Tilvera: „Du sprichst in Rätseln.“

Ónytjungur: „Beweggrund ist eine Schranke, und ich hoffe, dass dazu wenigstens noch eine Übereinkunft existiere. Wenn alles Zufall ist, dann kann es auch keine Notwendigkeit geben, schließt doch das eine das andere aus. Da bei Notwendigkeit noch Möglichkeiten existierten, die nicht Notwendigkeit, da Notwendigkeit ja genau nur eine der Möglichkeiten, so wie auch Unmöglichkeiten existierten, so sind es die Unmöglichkeiten, die den Möglichkeiten – damit auch der Notwendigkeit – Schranken setzen, denn sonst ergäben alle drei Begriffe keinen Sinn. Dem Zufall hingegen können keine Schranken gesetzt sein, denn gäbe es da auch nur eine einzige, so wäre Zufall auch nicht mehr Zufall.“

Tilvera: „Na, dann bleibt mir wenigstens erspart, Zufall zu sein. Denn mir sind eine Fülle von Schranken gesetzt.“

Ónytjungur: „Nun verhält es sich aber auch noch so, dass Absicht eine Entscheidung voraussetze, und Entscheidung vorhandene Alternativen, denn wo keine Alternative, ist auch nichts zu entscheiden, und wo keine Entscheidung möglich, ist auch keine Absicht möglich. Wird probiert, so müssen zwar Alternativen gegeben sein, also mindestens zwei, allerdings ist bei probieren keine Entscheidung erforderlich, welche der Alternativen jetzt versucht, welche nicht, und welche später. Dabei wird aber übersehen, dass davor eine Entscheidung erfolgt sein muss, denn …

Tilvera: „… dies ergibt sich daraus, dass da etwas war, was nicht so hingenommen, und daher probiert wurde, einen anderen Zustand herzustellen, statt sich damit abzufinden, was einen Beweggrund konstituiere, ich weiß. Du weißt, was ein Korinthenkacker ist?

Ónytjungur: „Wer sagt, dass ich rechthaben möchte? Das genaue Gegenteil ist der Fall, ich bin nur ein Opfer meiner eigenen Begriffsstutzigkeit.“

Tilvera: „ Na, dann.

Ónytjungur: „Absicht setzt zudem vorhandenes Interesse voraus. Es sei denn, es wäre möglich, dass eine Absicht hinsichtlich etwas verfolgt werde, an dem gar kein Interesse bestehe. Das wäre aber meines Erachtens ein sehr merkwürdiges Gebaren. Führte es doch dazu, dass Zufall auch noch ein Interesse habe. Schon erstaunlich, welche Eigenschaften Zufall aufweist. Wenn also Absicht eine Entscheidung voraussetze, Entscheidung wiederum alternative Angebote voraussetze, so ist zu sagen, dass Zweck im Gegensatz hierzu weder alternative Angebote noch Entscheidung erfordere. Er ist einfach erfüllt, oder eben nicht. Können wir beide dahingehend zu einer Übereinkunft kommen?

Tilvera: „Meinetwegen. Falls sie dazu geeignet, die Angelegenheit zu verkürzen. Bist du nun mit deinen persönlichen Erkenntnissen über Wirklichkeit und Wahrheit fertig?

Ónytjungur: „Es gibt solche, die aussagen, Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit sei nicht möglich, und solche, die aussagen, sie verfügten über Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit. Beide Aussagen sind von gleicher Qualität. Denn die einen können es nicht wissen, und die anderen sich nur irren.“

Landshornaflakkari

troll-imadeWEB-1Der kleine Besucher am Ufer des kleinen Baches hatte sich entschieden: der ist gut beraten, der Halluzinationen von Wirklichem zu unterscheiden vermag. Es wird daher nur ein Trugbild bleiben, denn immerhin hatte jener Baum dort sogar den Blitzschlag überlebt, benötigte danach nur noch den verbliebenen Rest an seiner Rinde, um jedes Jahr die grünen Blätter seiner verkohlten Äste mit Nötigem zu versorgen.

Im Alter von zwölf Jahren, als ihn Jahre später seine Eltern bei ihrer Reise auf den Kontinent mitnahmen, was ihn zur deutsch-tschechischen Grenze führte, die damals noch der Eiserne Vorhang genannt, stand er an diesem Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete mit seinen Augen verständnislos immer wieder all diese Dinge ab, welche die Menschen offensichtlich für notwendig hielten. Denn in einem solchen Alter hat man noch davon auszugehen, dass Erwachsene nur jenes tun, was auch unbedingt und zwingend notwendig sei. Ist doch alles, was in diesem Alter von Erwachsenen erfahrbar, Ausdruck vorhandener Notwendigkeiten, welche als solche die Welt des Möglichen, die noch die Welt eines Zwölfjährigen ausmache, in ihre Schranken verwies.

Konnte sich daher noch an die kleine Erzählung von Sjón und Halldór Baldursson  in „Sagan af húfunni fínu“ erinnern:

Ein Junge saß auf einem Stein.
Sie lebten auf dem Land, der Junge und der Stein.
Eine kleine Familie aus der Stadt ging vorbei, Vater und Mutter mit ihrem Sohn im Teenager-Alter.
Sie standen vor dem Jungen auf dem Stein und starren ihn an.
Der Junge war nicht einverstanden, dass man ihn anstarrte, hatte man ihm doch gesagt, dass Anstarren unhöflich sei, und so blickte er auf seine Beine.
„Ich durfte nie auf einem Stein sitzen“, sagte der Vater.
„Steine verschmutzen die Hosen der Menschen, und daher ist es nicht gut, auf ihnen zu sitzen,“ sagte die Mutter.
„Er wird doppelt erleichtert auf dem Stein sitzen“, sagte der Sohn, der ein gebildeter Teenager war.

Er blickte fragend zu dem Jungen auf dem Stein.
„Nicht wahr?“

So stand dieser Schüler vor dieser breiten kahlen Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, vor den hohen Gitterzäunen, die den Zutritt zu einem breiten Streifen verhindern sollten, wobei nicht ersichtlich war, welchem Zweck dieses dienen sollte. War doch auf diesem breiten Streifen nichts Schützenswertes vorhanden, kein Strauch, kein Baum, und auch keine Wiese, die in deutschen Städten Rasen genannt, und der so schützenswert war, dass in den Städten vor jedem Hausausgang ein Schild am Rand dieser Rasenflächen angebracht werden musste, auf dem zu lesen war: „Betreten des Rasens verboten. Eltern haften für ihre Kinder“.

Die Sicht auf Dinge, die sich einem zeigen, verändert sich im Laufe der Jahre. So entpuppt sich zum Beispiel ein reißender Fluss von damals, in welchen einer einst unter Ansammlung aller Kräfte große Steine geworfen hatte, um auf diesen das andere Ufer erreichen zu können, im erwachsenen Alter als kleiner, schmaler Bach, der nur einen Meter breit, dessen Wasser friedlich vor sich hin murmelt, und dessen Wasserstand nicht einmal bis zu den Knöcheln reiche.

Der zwölfjährige Junge stand am Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete daher mit seinen Augen verständnislos immer wieder diese hohen Drahtzäune ab. Diese breite kahle Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, und fragte sich, wie wohl einem Tier dort draußen im Wald zumute sein dürfte, welches unvermittelt plötzlich diesen Zaun entdeckt, der ihm den Weg verwehrt, zu jenen Futterplätzen dort drüben, die in der Vergangenheit immer aufgesucht werden konnten. Wobei unwichtig war, ob das Tier nun auf dieser Seite, oder auf jener Seite vor dem Zaun stand, da sich nur in ein und derselben Situation befindend.

Erst später, im Erwachsenenalter, fand der Junge von damals endlich die Antwort auf die Frage, wozu die Erwachsenen Notwendigkeiten aufstellen, welche als solche die Welt des Möglichen in ihre Schranken weisen. Die Antwort fand sich in einem Satz, den der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt seinem Romulus in den Mund legte: der Staat bediene sich des Wortes Vaterland immer dann, wenn er auf Massenmord aus ist.

So wurde der Junge zu jenem, was auf Island ein Landshornaflakkari genannt. Ein Landeseckenlandstreicher, von dem sich die Isländer erzählen, er ginge in der eigenen Spucke.

Ein Pendler zwischen den Kulturen, ein Reisender, der einst in jedem isländischen Haus auch ein höchst willkommener Gast war, um mit ihm Gesinnung auszutauschen. Denn der Unterschied zwischen Reisen und Verreisen besteht darin, dass das eine synonym zu erfahren, und das andere synonym zu Zeitvertreib, was nicht dasselbe ist. Beides bietet Erholung, das eine vom Irrtum, und vom anderen werden sicher Andere zu erzählen wissen. Sind doch nicht alle Sichten auf Dinge, die sich einem im Verlauf des Lebens zeigten, auch solche, die sich im Lauf der Jahre auch veränderten.

Und so kennt der Besucher von damals bis heute nicht die Antwort auf die Frage, welcher Nationalität er denn angehöre.

Unbenannt-20War er es doch, der damals diese Steine in diesen reißenden Fluss warf, da auf der gegenüberliegenden Seite sich sein Zuhause befand: ein riesiger Baum, den einmal ein Blitz getroffen hatte. Der Baumstamm war hohl, seine Innenseite schwarz und verkohlt, und unten war auf einer Seite ein breiter Spalt, ein Einlass, so dass es möglich war, in diesen Baumstamm hineinzugehen. Blickte der Fünfjährige dann, im Baumstamm stehend, nach oben, so sah er all die schwarzen Äste der Baumkrone, die wieder ein grünes Blätterkleid trugen. Dieser Baum war sein bester Freund, und auf die lächerliche Frage, welcher Nationalität er denn sei, würde er – der Wahrheit die Ehre gebend – antworten: dieselbe wie dieser Baum.

Übersetzung: B. Pangerl

isLandshornaflakkari