Das Exponat ist unwiederbringlich verzehrt

bv1 Weil es zu wenig Wald zum Müllverstecken gibt, verrotten in Island ausgediente Landmaschinen, Autos und sonstiges Gerümpel meist irgendwo hinterm Haus.

Manchmal sind museumswürdige Stücke darunter, ein alter Rafha-Herd zum Beispiel mit seinen schönen, einst rot glühenden Heizspiralen. Sicherlich gibt es Leute, die solche Dinge bewahren wie die Mitarbeiter des Technikmuseums von Seyðisfjörður. Viele Isländer aber haben zu alten Dingen keinen rechten Bezug und stehen der Frage der Wiederverwertung von „wertlos“ Gewordenem skeptisch gegenüber.

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Ásgeir Jón Emilsson (Geiri): Stühle aus Aludosen

Dennoch setzt sich Recycling in Island immer mehr durch und etliche Gemeinden betreiben das Sortieren und Wiederaufbereiten des Haushaltsmülls mit großem Ernst. Dabei hatte Ásgeir Jón Emilsson (1931-1999), genannt Geiri, Fischer und Künstler in Seyðisfjörður, schon Jahrzehnte zuvor sein eigenes Recycling-System. Er bastelte aus leeren Zigarettenschachteln Bilderrahmen, und Aludosen verwandelten sich unter seinen Werkzeugen in filigrane Stühle.

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Geiris Haus in Seyðisfjörður

Ob Geiri der behördlichen Anordnung zur Mülltrennung gefolgt wäre, ist fraglich. Denn Beamte und Polizisten, die für ihn zu einem anderen Sonnensystem gehörten, respektierte der eigenwillige Künstler nicht. Geiri hatte es nicht leicht in seinem Leben. Das jüngste von zwölf Geschwistern war von Geburt an auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub. Charismatisch und ernst sei er gewesen und immer habe er auf der Seite der Benachteiligten gestanden, heißt es im Katalog, den das Kunstzentrum Skaftfell anlässlich der Ausstellung seiner Werke herausgegeben hatte. Das Geirahús, das bunt bemalte Haus des autodidaktischen Künstlers, kann jederzeit bei einem Gang durch Seyðisfjörður entdeckt werden.

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Smámunasafn Sverris Hermannssonar

Im Gegensatz zu Geiri konnte Sverrir Hermannsson (1928-2008) aus Akureyri keinen Gebrauchsgegenstand zerstören. Der gelernte Zimmermann hing an jedem Nagel und jedem Hammer, der durch seine Hände ging. Mag er rostig und krumm gewesen sein – den Nagel, den Sverrir beispielsweise bei der Renovierung des Nonni-Hauses aus dem Holz gezogen hat, den konnte er nicht wegwerfen. Und Sverrir hatte an der Restaurierung vieler historischer Gebäude mitgewirkt.

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Smámunasafn Sverris Hermannssonar

Als sein Haus in Akureyri von all den gesammelten Gegenständen überzuquellen drohte, hat Sverrir seiner Leidenschaft die Form einer öffentlichen Sammlung gegeben. Im Smámunasafn Sverris Hermannssonar, dem „Museum der kleinen Dinge“ im südlichen Eyjafjord, war seine Sammelleidenschaft mit großem Gespür für Ästhetik dokumentiert. Mögen sich all die Schlüssel, Türklinken oder Bohrer ähneln – ihre Anordnung unterliegt einem eigenwilligen Ordnungsprinzip, sorgsam durchdacht und liebevoll kommentiert.

Die Leute denken, ich muss verrückt sein … Ich habe keinen Bleistift mehr weggeworfen, seit ich 1946 mit der Lehre begann … Ich gelte als exzentrisch – wie komisch.“ Die heitere Gelassenheit, mit der Sverrir seine Marotte präsentiert hat, geht allmählich auf uns Betrachter über, die wir anfangs nur das Skurrile, den Sammelzwang oder die erdrückende Fülle wahrgenommen haben. Freudig bestaunen wir einen alten Federhalter, den Mäuse in ihr Nest verschleppt, ein wenig benagt, letztendlich aber doch intakt gelassen haben.

Was tun mit der leeren Aluminiumdose, was mit dem Rafha-Herd, den die Technik angeblich überholt hat, und was mit den Fischereiutensilien aus dem vorigen Jahrhundert? Museen und Kunstzentren allein können das isländische Recyclingproblem auf die Dauer nicht lösen. Auch die Besucher müssen ihren Beitrag leisten.

In Grenivík, hoch oben im Eyjafjord, liegt ein kleines Fischereimuseum, eine Holzhütte, in der die Langleinen mit Ködern bestückt wurden und der gefangene Fisch eingesalzen wurde. Werkzeuge, Leinen, Arbeitskleidung und Fässer sind ausgestellt, Trockenfische baumeln an grünen Bändern von der Decke. Aus Anlass eines Feiertages wird am Eingang Trockenfisch mit Butter gereicht. Es sind die faserigen Streifen, die es überall abgepackt zu kaufen gibt.

Da ertönen vor der Hütte dumpfe Schläge. Ein paar Isländer üben sich im Zertrümmern eines großen Fisches. Das Zerkleinern und Zermürben der spröden Trockenmasse kostet einiges an Muskelkraft. Der Hammer löst sich gar vom Stiel und verfehlt knapp einen der Zuschauer. Schließlich aber gibt der Fisch nach, zerfällt, zerfasert und wird verteilt.

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Exponatreste vor dem Útgerdarminjasafnid

Während ich noch kaue, entdecke ich neben dem Stein, der als Amboss diente, ein grünes Band. Mir kommt ein Verdacht, der in der Hütte seine Bestätigung findet: Nicht nur der Hammer, auch der Fisch war ein Museumsstück. Ich schlucke – das Exponat ist unwiederbringlich verzehrt. Ich blicke in die Runde der Mitesser und denke so für mich: Nehmen die Isländer das Recycling nicht vielleicht doch ein wenig zu ernst?

ukThe exhibited object has been irreversibly consumed

frL’objet exposé est consommé sans retour

Die Bäckersfrau

troll-imadeWEB-1Die Männer, unter die sich auch ein paar Frauen gesellten, philosophierten auf der Bank wie jeden Morgen, während die Leute vom Ostbahnhof kommend zu ihren Bussen eilten, um noch rechtzeitig den Arbeitsplatz oder die Schulbank zu erreichen. Der Arbeitsplatz jener Männer und Frauen auf der Bank vor dem Ostbahnhof war diese Bank. Sie benötigten daher keine Busse. Was gut war, denn so sparten sie sich die Kosten, die zu entrichten sind, wenn einer ein Verkehrsmittel benutzt, das in diesem Land als ein öffentliches bezeichnet wird.

In diesem Land ist es nicht so, dass ein Passagier mitreisen kann, nur weil er dem Busfahrer verspricht, am Ziel würde eine Frau auf ihn warten, welche den Fahrpreis entrichten werde, wissend, dass da keine Frau sein wird. Auf diese Art und Weise reiste in einem anderen Land einst der keineswegs blinde Passagier in alle Landesecken des Landes, besichtigte Heimaey auf den Vestmannayjar, und war ganz verblüfft, dass ihm der Zutritt verweigert wurde, als er sich anschickte, endlich auch einmal mit einem Flugzeug seine Ziele sich zu erfahren. Die Aussicht, dass am Ziel eine Frau auf ihn warte, welche den Fahrpreis entrichten werde, reichte nicht aus.

Tryggvi staunte, als ich ihm auf die Frage, was ich davon hielte, zur Antwort gab, dass es keinen Unterschied mache, ob da ein Bus mit zehn statt mit elf leeren Sitzplätzen durch das Land gefahren werde. Was mich wiederum erstaunte, denn so kannte ich Tryggvi noch nicht. Erst als er mich darüber aufklärte, dass es sich dabei um einen neunjährigen Jungen gehandelt habe, verstand ich ihn besser. Dass der von den Busfahrern akzeptierte Schwarzfahrer erst neun Jahre alt war, konnte sich mir nicht erschließen, denn Neunjährige sagen gewöhnlich Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, aber niemals Kona, also „Frau“. Isländische Neunjährige sagen demnach nicht Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, sie sagen „Frau“. Und gelegentlich sind sie in diesem Alter bereits Landshornaflakkari, also Landeseckenlandstreicher.

Das Land, wo die alkoholkranken Männer und Frauen vor dem Ostbahnhof auf einer Bank zum Lebensunterhalt der Bedürftigen beitragen, ist ein anderes Land. In diesem Land sagen Neunjährige Mama, Tante, Oma, Schwester oder dergleichen, wenn sie die Monatskarte in ihrer Panik vergessen hatten, oder einfach nur die Wahrheit. Was ihnen aber auch nicht hülfe, darüber dennoch das Klassenzimmer zu erreichen, um die gefürchtete Schulaufgabe zu schreiben, die für die letzte Chance auf eine noch mögliche Versetzung in die nächste Klasse sorgen solle. Nein, es wird nicht helfen. Dass der Junge wegen der entscheidenden Schulaufgabe so durch den Wind war, dass er in der Eile auf seine Monatskarte vergessen hatte, und auch ein gerader Kerl war, der den Busfahrer fragte, ob er heute ohne Monatskarte mitreisen darf, statt das Risiko einzugehen, als Schwarzfahrer gebrandmarkt zu werden: es wird ihm nicht helfen. Es wird ihm auch nicht helfen, dass der Busfahrer keine 50 Zentimeter von der Bushaltestelle entfernt darauf wartet, dass die Ampel von Rot auf Gelb, und dann auf Grün wechsle; die Tür bleibt für ihn geschlossen. Sein flehentliches Klopfen an der Glasscheibe wird gehört, sein Flehen bleibt unerhört. Auch Busfahrer haben Anspruch darauf, Obrigkeit sein zu dürfen. Wie jeder in diesem Land.

Da ist es gut, dass es nicht weit vom Ostbahnhof entfernt eine „Feine Backstube“ gibt, die von einer Bäckersfrau betrieben wird. Die Kunden kaufen dort gerne ein, denn die Inhaberin backt selbst, und bietet ihre Backwaren wie „russischen Zupfkuchen“ oder „Apfelstrudel“ auf türkische Art neben den üblichen Industriebackwaren wie Mohnschnecke, etc. an. Für die Arbeiter gibt es Soljanka, hausgemacht, zu Preisen, die Arbeiter auch bezahlen können. An der Glasfront der Backstube bot die Inhaberin weithin sichtbar Sätze feil. So notierte ich zum Beispiel den Satz, bereits im Bus sitzend:

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.

Am nächsten Morgen fragte ich die Inhaberin, die bereits fließend Deutsch spricht, wer denn der Autor dieses Satzes sei. Sie sah mich staunend an, und teilte mir mit, dass es sich dabei um einen Satz von Goethe handle. Sie schriebe immer einen Satz über das Wochenende an diese Glasfront, und würde ihn am Montag beim Fensterputzen wieder entfernen. Gestern sei sie allerdings nicht rechtzeitig zum Fensterputzen gekommen.

Its-your-road_05.12.13
Autor fehlt

Daraufhin schrieb sie immer den Verfasser unter den Satz, denn sie erkannte, dass in diesem Land Wert auf das wer gelegt wird, und nicht auf das was. Und so reihte sich Satz an Satz:

 Sei Du selbst die Veränderung Die Du Dir wünschst für die Welt

Woche für Woche, immer wieder ein anderer Satz. Und stets stand der Verfasser der Sätze unter dem Satz. Bis eines Tages ein Satz ohne Verfasser die Glasscheibe zierte:

Ohne die Liebe
ist jedes Opfer Last
jede Musik nur Geräusch
und jeder Tanz macht müde.

Vier Tage wartete sie auf meine Nachfrage, dann hielt sie es nicht mehr aus. Während sie den russischen Zupfkuchen in die Tüte packte, fragte sie, so ganz nebenbei, ob mich bei diesem Satz der Name dieses Verfassers nicht interessiere. Dass der Name unter dem Satz diesmal fehlte, war also Absicht. Was sie nicht wusste war, dass sie den falschen Satz für ihren Plan gewählt hatte, und so wurde ihr Plan mit einem Satz durchkreuzt: „Doch, aber ich kenne längst seinen Namen.“

Seitdem steht kein Name mehr unter dem Satz. Sagt doch der Philosoph Daniel-Pascal Zorn völlig richtig:

Wer an Philosophen glaubt, hat nichts von ihnen gelernt.

Wittgenstein
Ohne Autor

Und da jede Gabe eine entsprechende Gegengabe erlaubt, gab ich der Bäckersfrau einen Satz zurück, den sie sich notierte, und der dann die gesamte Woche die Glasfront belegte. Ohne Nennung des Namens. Denn was wäre schon von einem was zu halten, welches erst durch das wer zu einem was wird. Ein was, das sein Überleben nicht aus sich selbst erhält, sondern erst durch ein wer, … wozu sollte es überleben.

Die Pointe: Die Feine Backstube befindet sich ausgerechnet gegenüber einer Schule. Die Kinder kaufen dort gerne ein, oder lesen die Sätze an der Glasscheibe, wenn sie auf der gegenüber liegenden Bushaltestelle auf den Bus warten, der sie zu den Hausaufgaben fährt. Es gibt kein Fach Philosophie in den Schulen dieses Landes. So kommt die Philosophie zur Schule, möchte aber nicht in diese hinein. Es genügt ihr, draußen vor der Tür zu sein, auf der Straße sozusagen.

Am Ostbahnhof in München suchen gerne Bedürftige die Nähe der mildtätigen Männer und Frauen, deren Arbeitsplatz die Bank ist. Stets ziehen die Bedürftigen kleine Rollwägen hinter sich her, und stochern in dem Abfallkorb neben der Sitzbank, ob dieser nicht eventuell noch Schätze enthalte, die auf eine Bergung warten, in Form leerer Bierflaschen, die man an ausgewählten Automaten gegen ein paar Groschen tauschen kann. Seitdem die Regierung ein Sozialprogramm verfügte, und dieses Programm mit dem Namen eines Personalchefs eines großen Konzerns versah, da dieser den Tatbestand der Untreue und Begünstigung erfülle, seitdem sammeln die Bedürftigen leere Pfandflaschen aus Abfalleimern. Und sie werden immer fündig, weswegen sie auch immer gerne wiederkommen, zu den Alkoholkranken. Die mildtätigen Männer und Frauen auf der Sitzbank bekommen hiervon nichts mit. Sie haben Gewichtigeres zu tun. Sie müssen philosophieren.

Und der Neunjährige mit seinen Frauen? Ich weiß nur, dass er nunmehr schon auf die Vierzig zugehen muss, so er noch lebt, und er auch heute noch über seine Reisen nachlesen kann. Im Zeitungsarchiv in Reykjavik. Überschrift: Landshornaflakkari.

Wie sagte doch der Fischer Stefán Hörður Grímsson so schön in seinem Gedicht Orsök:

“Es sollte jedem Menschen gestattet sein zu behaupten er kenne sich selber so absurd dies auch erscheinen mag aber zu sagen er kenne einen anderen Menschen ist entweder Unhöflichkeit oder Höflichkeit wie allen gesitteten Menschen bekannt ist die ihr Essen in guter Absicht verzehren.”

Er war ein Fischer, der ein Dichter ist.

ukThe baker

frLa boulangère

Bildung, Intelligenz und Zivilisation

troll-imadeWEB-1Tilvera: „Es ist deutlich, dass erst mit der Alphabetisierung die Zivilisation begann. Der Mensch hat Anspruch auf Bildung.“

Ónytjungur: „Welche Alphabetisierung meinst du? Die Lesefähigkeit oder die Verschriftlichung?“

Tilvera: „Setzt Verschriftlichung nicht Lesefähigkeit voraus?“

Ónytjungur: „Wenn ich mich recht entsinne, dann wurde die Alphabetisierung einst von christlichen Missionen vorangetrieben, um den Völkern die Bibel in ihrer eigenen Sprache bringen zu können. Auf diese Weise entstand zum Beispiel die Kyrillische Schrift. Um welches Buch geht es diesmal?“

Tilvera: „Es geht darum, dass der Mensch Anspruch auf Bildung hat.“

Ónytjungur: „Genügte für Bildung nicht bereits das Bild?“

Tilvera: „Um sich ein Bild machen zu können, bedarf es der Intelligenz.“

Ónytjungur: „Was meinst du mit Intelligenz?“

Tilvera: „Es gibt unterschiedliche Ausprägungen von Intelligenz.“

Ónytjungur: „Wer behauptet das?“

Tilvera: „Der Intelligenzquotient.“

Ónytjungur: „Du meinst den Rorschach-Test der Intelligenzforscher?“

Tilvera: „Das ist Wissenschaft. Erst mit der Alphabetisierung ist ein höherer Intelligenzquotient erreichbar.“

Ónytjungur: „Wenn nun Intelligenz messbar geworden ist, und Bildung erst durch Alphabetisierung möglich ist, dann hätte ich da ein paar Fragen, die mich schon längere Zeit beschäftigen, ohne dass ich darauf eine Antwort gefunden hätte.“

Tilvera: „Nur zu, ich höre.“

Ónytjungur: „Wäre ein Analphabet in der Lage, eine komplexe elektronische Maschine herzustellen?“

Tilvera: „Nein.“

Ónytjungur: „Wie sähe die Konstruktion eines Flugzeuges aus, das ein Analphabet konstruiert?“

Tilvera: „Vermutlich wie ein Federkleid, aber wir wissen, dass damit kein Mensch fliegen könnte.“

Ónytjungur: „Dann dürfte er vermutlich auch zu dumm sein, um zu verstehen, was er zu tun habe, um zwei Atomkerne miteinander zu verschmelzen.“

Tilvera: „Wo denkst du hin! Das könnte noch nicht einmal ich, und ich bin sehr belesen. Dazu sind nur solche in der Lage, die einen höheren Intelligenzquotienten haben als ich selbst.“

Ónytjungur: „Und wozu hast du dann lesen gelernt? Damit du lesen kannst, dass andere zwei Atomkerne miteinander verschmelzen können?“

Tilvera: „Zum Beispiel.“

Ónytjungur: „Und davon, dass es Flugkörper gibt, die nur eine halbe Stunde benötigen, um von einer Seite des Erdballs die gegenüberliegende Seite zu erreichen?“

Tilvera: „Das ist eine wichtige Information.“

Ónytjungur: „Wofür?“

Tilvera: „Damit ich weiß, wie viel Zeit mir verbleibt, um noch rechtzeitig Schutz zu suchen.“

Ónytjungur: „Wovor?“

Tilvera: „Vor einer explodierenden Atombombe.“

Ónytjungur: „Du willst mir erzählen, dass mit der Alphabetisierung die Zivilisation begann, und dass ein Mensch Anspruch auf Bildung habe, damit er zum Beispiel noch rechtzeitig Schutz suchen könne vor einer explodierenden Atombombe, welche Menschen auf Grundlage erfolgreicher Alphabetisierung und höherem Intelligenzquotienten als sein eigener erfunden, hergestellt, vorgehalten und eingesetzt haben?“

Tilvera: „Das habe ich so nicht gesagt.“

Ónytjungur: „Aber 70 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki läuft es darauf hinaus, oder etwa nicht?“

Tilvera: „Bis jetzt sind sowohl die 1.200 signifikanten Unfälle als auch die pro Woche auftretenden ein, zwei Computeralarme in den Vereinigten Staaten immer gut ausgegangen.“

Ónytjungur: „Und aus welchem Grund erinnert mich das an jenen Dieb, der sich dazu entschloss, in der kommenden Nacht in das nächste Haus einzubrechen, mit der Begründung, die Einbrüche seien bisher immer gut ausgegangen, und er sei dabei noch nie erwischt worden?“

Tilvera: „Weil du ein Dummkopf bist.“

Ónytjungur: „Dann hat es doch was Gutes, ein Dummkopf bleiben zu dürfen. Habe ich dir eigentlich schon davon erzählt, dass die Mutter von Albert Camus nur über einen Wortschatz von 400 Wörtern verfügte?“

Tilvera: „Und was schließt du daraus?“

Ónytjungur: „Dass ein Wortschatz von 40.000 Wörtern nicht zwingend intelligenter mache, sondern nur eloquenter.“

Tilvera: „Du urteilst über Albert Camus?“

Ónytjungur: „Wo denkst du hin! Wenn ich mich richtig erinnere, sprachen wir von Intelligenzforschern, von Menschen, die auf Grundlage erfolgreicher Alphabetisierung und höherem Intelligenzquotienten als der deinige eine Atombombe erfanden, herstellten, vorhalten, und die Absicht haben, diese auch einzusetzen, vom Dieb, der sich dazu entschloss, in der Nacht in das nächste Haus einzubrechen, mit der Begründung, die Einbrüche seien bisher auch immer gut ausgegangen, denn er sei dabei noch nie erwischt worden, und von dir, der du auch noch nach 70 Jahren glaubst, dass mit der Alphabetisierung erst die Zivilisation begann, und daher der Mensch Anspruch auf Bildung habe.“

Tilvera: „Hat er etwa keinen Anspruch darauf?“

Ónytjungur: „Das ist nicht meine Sache. Denn ich kann nur für mich sprechen. Und ich habe mir darüber bereits erfahren was mir notwendig, habe entschieden, doch besser dumm zu bleiben, und lasse mir lieber erzählen; von Menschen, die mein Vertrauen sich verdienten. Gibt es doch keinen Plural zu Intellekt.“

In Gedenken jener Kinder, die im Namen von Zivilisation, Intelligenz und Bildung am 06. und 09. August 1945 verglühten, an den Folgen starben, oder heute noch darunter leiden.

 ukEducation, intelligence and civilisation

frÉducation, intelligence et civilisation

Der Rest ist Geschichte

Der Techno schlägt regelmäßige, gleichgerichtete Schneisen in die träge Mittagshitze. Unter einem roten Baldachin lümmeln sich wie jeden Mittag stoische Urlauber in die gepolsterten Gartenstühle der Bar, Blicke konsumieren fremde Gesichter, Körper, wie billige Werbefilme, welche einer neugierig und gelangweilt inmitten eines Kinofilmes an sich vorbeigleiten lässt. Auf der Küstenstraße schieben gemütlich blendende, schwere, weiß gestrichene Tieflader ihre weiß gestrichenen Panzerfahrzeuge durch die vom Meer zurückbrandenden, braun gebrannten Körper; triefende Badehosen und Badeanzüge, das nahe kühle Bier vor Augen, nehmen nicht einmal Notiz und spähen über die Straße hinweg nach eventuell noch freien Stühlen unter der riesigen, schwarzen Lautsprecherbox. Eine weiß gestrichene tonlose Armeeeinheit durchschneidet im Konvoi lautlos den pulsierenden Techno, verlässt die Stadt in Richtung Süden. Sie lassen keine UNO-Einheiten mehr in das Landesinnere, teilt der Artikel vor Ónytjungur auf der dritten Seite mit. Sie werden heute ihren Abend wieder in ihren Tiefladern verbringen und warten.

Ónytjungur hat das Gefühl, als hätte eine Axt seinen Kopf in zwei Hälften gespalten, starrte auf die Menschen, sein Bier, die Menschen, seine Hand, das Bier, die Gesichter, die Körper, und fühlte, wie Gedanken verzweifelt sich bemühen, die klaffenden Hälften wieder zusammenzunähen, zu verbinden.

Dort oben liegt das Tal mit seiner Leichenstille, mit den schwarz geräucherten Mauerresten, den verkohlten, verstümmelten Balken, die Bewohner sind noch zu riechen, der Schweiß ihrer Arbeit, die Würze ihrer Mittagstische, aber sie waren nicht mehr da. Haus an Haus eine stumme Ruinenlandschaft, als hätte todbringende glühende Lava das Tal durchjagt und alles mitgerissen, verbrannt, eingedrückt, was sich ihr in den Weg stellte. Aber da waren noch die grüngelben Wiesen, die dichten Sträucher, die wildwuchernde Verwahrlosung in den Vorgärten der stummen Ruinen; ausgebrannte Ruinen, so frisch, als wäre erst eine Nacht verstrichen, die alles veränderte. Leichenstille. Brandgeruch. Bauernhäuser ohne Dächer, Haus um Haus, und an der nächsten Biegung die nächste Ruine. Ein Tal, das den Tod brachte. Und immer wieder dieses Erschrecken, wenn sich durch die Bäume eine Hausecke zeigt, intakt, näher ran, doch wieder ausgebrannt, ohne Dach, manche Hauswand von Gewehrsalven graviert, andere wieder ohne Kampfspuren, einfach niedergebrannt, Haus um Haus, und wieder Haus um Haus, dazwischen ein Bauer, welcher vor seinem gardinenbehängten Fenster, vor seinem unbeschädigten Bauernhof liebevoll Gemüse aus dem Vorgarten zieht. Ein Kroate.

BildKrajina2Wo ist Dein Nachbar, Kroate, möchte Ónytjungur hinüberrufen, und hingehen, doch er geht nicht, er fragt nicht. Denn dieses Haus ist unbeschädigt, geradezu friedlich inmitten der zahlreichen Ruinen, und es stand bereits zu dem Zeitpunkt, als Bauernhäuser niedergebrannt wurden, die Familien zusammengeschossen und ‚HOS’ an die verbliebenen Mauerreste gesprüht, so wie man Todesurteile unterschreibt, und stolz noch seinen Titel neben die Unterschrift setzt. Er war Zeitzeuge, so nennen ihn die Historiker. Dieser Bauer, der in seinem Vorgarten Gemüse zieht. Es war sein Nachbar. Und entweder hat er sich in sein Haus verkrochen, es geht uns nichts an, wird er wohl gesagt haben, aber viel wahrscheinlicher ist, dass er auch vor dem Haus des Nachbarn stand, als es brannte, dass seine Hand vielleicht auch eine Fackel trug. Die gleiche Hand, die nun sorgsam das Kraut von der Erde des Vorgartens befreit. Denn das Gemüse ist kroatisch. Der Nachbar aber war Tschetnik. Man sagt nicht Serbe, man sagt Tschetnik, wenn man von Serben spricht, man nimmt den Namen aus der Vergangenheit, den Namen, den sich eine serbische Schlachtergruppe gab, um Menschen schlachten zu können. Nun ist der Nachbar Tschetnik und nicht Serbe. Das macht vieles leichter.

Der Tankwart grinst breit, als Ónytjungur sich auf dem Weg nach Plitvice erkundigt. Die Straßenschilder, die in der Vergangenheit den Weg nach Plitvice zeigten, waren verschwunden, so als gäbe es Plitvice nicht mehr. Der Tankwart in Josipdol grinste erfahren, streckte die Hand aus, als würde sie eine Pistole halten, und krümmte hintereinander mehrfach den Zeigefinger. “Tschetniki”, sagte er grinsend, so als wären sie nur noch heute dort.

Kabelstränge ziehen die Straße nach Josipdol entlang, Nachrichtenverbindungen für die Kroatische Armee, die in Cafes und Bars herumlungert, entspannt lachend, es sind die Augen von Siegern; entspannt, lachend in ihren Gefechtsständen entlang der Straße, die sie hinter Bauerhöfen und Bars versteckt halten. Ausländer sollen sich nicht außerhalb von Ortschaften aufhalten, nicht anhalten, nur in geschlossenen Ortschaften aussteigen, gebietet ein riesiges Schild am Straßenrand. Doch es gibt keine Ausländer mehr. Sie drücken sich vorbei in das touristische Vakuum, den Uferstraßen entlang, zu den nun freigewordenen Bootsstegen, Bootsliegeplätzen.

Er wird wohl dabei gewesen sein, dachte Ónytjungur und betrachtete den Bauern, wie er bedächtig Staude zu Staude neben das Gemüsebeet schichtet. Er wird wohl dabei gewesen sein, und sich nicht hinter seinen Gardinen versteckt haben, denn sie sind alle eine verschworene Gemeinschaft, sie winken sich zu, sie rufen sich zu. Sie lächeln und diskutieren auf den Straßen der nahen Stadt Otocac, eine Siegergemeinde, man ist sie los, diese Tschetniki, und wo sie einmal waren, ziert eine schwarz geräucherte Ruine die adrette Einfamilienhaus-Siedlung, ein Stück Schutt inmitten blühender Vorgärten. Sie kennen sich, sie reden miteinander. Nicht so steril und vereinzelt wie im deutschen Europa stolzieren sie eiligst und geschäftig zu ihren Errungenschaften, hier gehen die Uhren ungleich langsamer, und man spricht über Straßen hinweg von Balkon zu Balkon, man kennt sich, sogar mit Namen, die Gesichter haben noch Namen, um wie viel mehr erst draußen auf den Bauernhöfen, im Tal. Und über das zahlreiche Kennen hinaus spürt man, sieht man, das darüber hinausgehende, verbindende, das alle verbindet: da ist ein Kroate, ein Katholik, er gehört zur Familie. Nun mehr denn je, denn man wurde gemeinsam serbenrein, keine orthodoxen Christen mehr als Nachbar vorhanden. Die kroatischen Fahnen befestigen Haus neben Haus, überall Militär, Uniformen, Straßenkontrollen. Zwischen Militärfahrzeugen und grünen Tarnhemden Privatfahrzeuge ohne Nummernschilder, zwei, drei Männer in schwarzen, kurzärmeligen Unterhemden auf Feindfahrt, Fahrzeuge ohne Namen, Männer ohne Namen. Aber man ist zum ersten Mal unter sich, Soldat, Zivilist und Schwarzunterhemd. Man ist unter sich, ein Umstand, der nie in der Vergangenheit der letzten Jahrzehnte Gewicht besaß, denn man machte Geschäfte miteinander. Ob Serbe, ob Kroate, ob Katholik oder orthodoxer Christ, war gleichgültig, man traf sich bei Kaffee zu einem Schwätzchen. Nun sind die serbischen Geschäfte leer, vernagelt, es gibt keine Serben mehr, nicht hier, hier nicht mehr. Nun gibt es Autos ohne Nummernschilder und Schwarzunterhemden.

Ónytjungur beobachtet das Profil der kroatischen Soldatin inmitten der Urlauber. Das Gesicht im Schatten hinter einer schwarzen, stumpfen Sonnenbrille, scharf geschnitten, das grobschlächtige Tarnhemd, die Kampfhose, der breite Gürtel an der schlanken Taille, die Dose Bier, dieses zarte silberne Kruzifix, am Ohrläppchen aufgehängt, wie eine Leiche, die an einem Baum baumelt. Die Urlauber schicken Blicke durch die versammelte Freizeitstimmung, sie nicht, starrt gegen einen Betonpfeiler. Ein Denkmal ohne Bewegung, bis der Chef pfeift, seine Truppe sammelt. Eine halbe Stunde, und sie hatte niemanden gesehen aus dieser illustren Runde, immer nur diesen Betonpfeiler unterhalb der Lautsprecherbox. Diese Soldatin ist ein Kämpfer, prüft Ónytjungur, sie besitzt die Fähigkeit nichts sehen zu brauchen, außer dieser Betonfläche, und ihr Gesicht ist entspannt. Sie bauchte nicht einmal ihre Kameraden, am anderen Ende, über ihre Bierdosen hinweg nach Bikinis spähend, feixend bis zum Pfiff. Aufstehen, sammeln, weitermachen, Figuren innerhalb einer Absicht. Am Ende eine weitere Nation, gesäubert, gereinigt. Ein gesäubertes Mitglied der Völkergemeinschaft, ein gesäuberter Partner für Geschäfte. Morgen werden mit den ausgebrannten Häusern die letzten verräterischen Spuren aufgekehrt. Es wird niemals gewesen sein, es ist ja jetzt schon nicht mehr. Die Zeitung meldet bereits ganzseitig von sauberen Küsten, so sauber wie schon lange nicht mehr, denn sie wurden für kurze Zeit nicht mehr benutzt. Neuigkeiten aus Kroatien von Belang. Ónytjungur treibt durch die zerschossene Stadt. Zuerst stirbt der Mensch, dann die Wahrheit, der Rest ist Geschichte.

BildKrajina1Ein Wohnhaus, Stockwerk um Stockwerk, Balkon über Balkon, der letzte, im fünften Stock, dieser Balkon ist zerstört, schwarze Rauchschleier ziehen sich vom verkohlten Fensterrahmen die Mauer hinauf, zahlreiche Einschüsse markieren die Wohnung hinter dem Balkon im fünften Stock, Krieg auf zehn Quadratmeter Hauswand, der Rest ist unberührt. Da wurden Menschen herausgeschossen, herausgeräuchert, in Brand geschossen, die darunter liegenden Wohnungen durften Wohnungen bleiben, die oben war Feindesland, nunmehr wieder bewohnt, Wäsche hängt über der zerschossenen Balkonumfriedung, nunmehr kroatische Wäsche. Hat der Vormieter sich verbarrikadiert, vielleicht sogar zurückgeschossen, so dass man genau diese Wohnzelle, diese eine unter zwanzig, die unter dem Dach, isolierte, aussparte und unter konzentriertes Feuer nahm? Was mag wohl in den Sinnen dieses Mannes, oder war es eine Frau, eine Familie, was mag wohl in deren Sinnen vorgegangen sein, dass sie ihr Wohnzimmer zur Festung erklärten, wie weit konnten sie sehen, bis zum nächsten Schuss, zur nächsten Minute, eine kleine Wohnung im fünften Stock eines Mietshauses, umgeben von Feinden, die gestern noch Nachbarn waren und nun Waffen trugen. Warum kam er oder die Familie nicht herunter? Was hat ihn oder diese bewogen, ihre kleine, gemütliche Wohnung mit den Bildern der Verwandten auf den Kommoden zu einer Kriegsstellung, zu einem Gefechtsstand zu erklären, darüber, darunter, nebenan, innen und außen lauter Feinde, Gewehrsalven zerplatzen an der Wohnzimmerwand, das Zimmer wird in Brand geschossen. Warlords aller Länder erklären Städte zu Festungen, stets, irgendwo, zu jeder Zeit, aber ein Wohnzimmer im fünften Stock? Oder wollte man gar nicht, dass er herunterkommt, hätte ihm unten, vor dem Haus das gleiche geblüht wie in seinem Wohnzimmer, das unter Beschuss liegt?

Nebenan klopfen sich Männer zur Begrüßung auf die Schulter, bestellen Kaffee, ein Bier, sitzen, erzählen, die Zeit geht träge und beschaulich, friedfertig und familiär zieht sich der Tagesablauf gegen den kühlen Abend hin, ein Mann schiebt eine mannshohe kroatische Fahne durch das offene Schiebedach seines Kleinwagens und fährt irgendwohin, wo diese Fahne nunmehr gebraucht wird. Alte Greise sitzen auf Parkbänken vor der zertrümmerten Häuserfront am Marktplatz. Diese Stadt ist serbenrein, und Panzersperren vor den Toren der Stadt markieren das Ende der Straße nach Plitvice. Hinter der Panzersperre liegen inmitten von intakten Bauernhäusern die nächsten Ruinen, die Fortsetzung des Tals ist kroatenrein. Das Tal zeigt sich in seiner Gesamtheit identisch, es ist ein Bild, eine Realität, gleicher können Teile, die durch Panzersperren getrennt sind, nicht sein. Nur der Kopf, die Geburtsstätte von Vorstellungen weiß, dass diesseits Kroaten und keine Serben, jenseits orthodoxe Christen und keine Katholiken, nunmehr serbenrein, kroatenrein, in die andere Hälfte des Tales schielen. Ein Mann mit blauem Barett steht neben seinem weißen Jeep, wie ein Grenzpfahl, markiert die Waffenstillstandslinie, ein Nagel im Fleisch der Köpfe. Vor ihm, in der Stadt, zieht sich die kroatische Armee zusammen, Fahrzeug um Fahrzeug passiert den Posten vor dem Hauptquartier, an einer Kontrollstelle kontrolliert Militärpolizei Marschbefehle, die kroatische Armee füllt ihre Bereitstellungsräume vor Plitvice.

Der Mann lacht aus dem offenen Verdeck seines Münchner-BMW’s. Es ist doch nur Waffenstillstand, lacht er, jeden Moment kann es wieder losgehen, mein Haus steht gleich vor der Panzersperre, ich bin mal wieder Zuhause. Er hat ein schönes Häuschen, der Vorgarten ist gepflegt, daneben eine verräucherte Ruine, ein ehemaliges Häuschen, ein ehemaliger Nachbar, eine einsame Ruine inmitten blühender, gepflegter Vorgärten. Wo ist dein Nachbar, Kroate, möchte Ónytjungur ihn anschreien. Aber der Mann lacht aus seinem offenen Verdeck, und der BMW ist so akribisch deutsch poliert.

Ónytjungur brüllt laut durch den Technosound in das fragende Gesicht der gut durchgestylten Kellnerin: “Haben Sie Cevapcici?” Das junge Mädchen schüttelt gelangweilt den Kopf. Dann lächelt sie wie eine Mutter, welcher das naive Kind wieder eine dieser zahlreichen unsinnigen Fragen gestellt hat, und berät erheitert: “Ist serbisch!”

Unter einem roten Baldachin lümmeln sich wie jeden Mittag stoische Urlauber in die gepolsterten Gartenstühle der Bar, Blicke konsumieren fremde Gesichter und Körper wie billige Werbefilme, welche man neugierig und gelangweilt inmitten eines Kinofilmes an sich vorbeigleiten lässt. Der Techno paukt die Gehirne in jene Gleichgültigkeit, aus welcher Nationen erst erblühen. Bis die erste Kugel neben dir einschlägt. Doch dann ist es zu spät. Die CD aber wird überleben, irgendwo, in einem Archiv, für spätere Generationen, als digitaler Zeitzeuge einer Epoche. Denn Wahrheit verändert sich bereits nach dem ersten Bier.

22. August 1994, Björn Eriksson

(eine Erinnerung, anlässlich des 20. Jahrestags der „Operation Sturm“)

ukHistory will take care of the rest

frLe reste appartient à l’Histoire

 

Am Ende von Milliarden Jahren

troll-imadeWEB-1Tilvera: “Ein Dummkopf hat behauptet, seit Milliarden Jahren würde jedes Neugeborene, wo immer und wann immer es auch geboren wurde, über die Fähigkeit verfügen, jede Sprache der Menschen in kürzester Zeit verstehen zu können, ohne jegliche Anleitung von Lehrern oder pädagogisch ausgefeilter Übungsaufgaben.“

Ónytjungur: “Wenn ich nicht irre, so sind menschlicher Logik zufolge nur zwei Möglichkeiten bei Betrachtungen über das Universum vorhanden.“

Tilvera: “Und die wären?“

Ónytjungur: “In der Art, dass es entweder nur das Universum gibt, oder dass es etwas außerhalb des Universums gibt, also etwas, was im Universum nicht enthalten.“

Tilvera: “Mengenlehre. Und?“

Ónytjungur: “Im ersten Fall kann dem Universum nichts entnommen oder hinzugefügt werden, im zweiten Fall bestünde diese Möglichkeit.“

Tilvera: “Und weiter?“

Ónytjungur: “Davon ausgehend, dass der erste Fall zutrifft, muss in diesem Fall zwingend bereits alles im Universum enthalten sein, und zwar über die gesamte Dauer des Universums.“

Tilvera: “Was meinst du mit alles?“

Ónytjungur: “Das Gesamte.“

Tilvera: “Auch den Mensch?“

Ónytjungur: “Die Fähigkeit, diesen aus Vorhandenem zu entwickeln, also das Potential.“

 Tilvera: “Blühender Blödsinn.“

Ónytjungur: “Nun, ich nehme dich zum Beispiel. Du stehst im Augenblick am Ende einer Kette als deren letztes Glied, da du noch kein Kind gezeugt hast. Wenn ich richtig informiert bin, bist du das Ergebnis einer Vereinigung zweier Menschen unterschiedlichen Geschlechts, und ich wage die Vermutung, dass diese beiden Menschen ebenfalls das Ergebnis zweier Menschen unterschiedlichen Geschlechts waren, welche wiederum … soll ich fortfahren? Ich frage nur, denn das könnte dann etwas dauern.“

Tilvera: “Aber der Mensch war nicht immer Mensch, sondern davor Affe, und davor … soll ich fortfahren? Ich frage nur, denn das könnte dann etwas dauern.“

Ónytjungur: “So ist es. Wurde dadurch jene Kette, die ich beschrieb, unterbrochen? Oder verhält es sich so, dass für die ungebrochene Kette nur Abschnitte gewählt, und diesen jeweils ein Bezeichner zugeordnet wurde?“

Tilvera: “Nun, im Zoo kann beobachtet werden, dass auch die Affen …“

Ónytjungur: “Und wie verhält es bei den Reptilien? Ich frage nur für den Fall, sollte ein Abschnitt …“

Tilvera: “Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass ein allgemeiner Grundsatz existiere, dass ein Lebewesen auf der Vereinigung eines vorher lebenden Lebewesens beruhe, auf welche Art und Weise diese Vereinigung auch immer stattfinden mag.“

Ónytjungur: “Auch für Bakterien?“

Tilvera: “Dort durch asexuelle Zellteilung.“

Ónytjungur: “Was aber ebenfalls eine vorher lebende Bakterie voraussetze.“

Tilvera: „Es hat den Anschein. Bakterien können sogar untereinander, auch über Artgrenzen hinweg, Gene austauschen und sogar in ihrer Umgebung vorkommende, auch fossile DNS-Fragmente in ihre eigene DNS einbauen.“

Ónytjungur: “Wir können demnach von einer ununterbrochenen Kette ausgehen, deren Ende du im Augenblick bist?“

Tilvera: „Und vor den Bakterien?“

Ónytjungur: “Ist es nicht so, dass sich Elektronen, Neutronen und Protonen zu Molekülen zusammenfinden, welche die Form, und deren spezifische Zusammensetzung die Fähigkeiten bestimmen?“

Tilvera: „Dann ist alles auf Materie zurückzuführen.“

Ónytjungur: “Ich bin kein Materialist.“

Tilvera: „Dann gibt es nur Bewusstseinsinhalte.“

Ónytjungur: “Ich bin auch kein Idealist.“

Tilvera: „Dann sind also das Physische und das Psychische zwei strikt voneinander getrennte, eigenständig existierende Seinsbereiche.“

Ónytjungur: “Und ein Dualist bin ich schon gar nicht.“

 Tilvera: „Was bist du dann?“

Ónytjungur: “Woher soll ich das wissen. Ich sprach nur vom Potential, also der Fähigkeit zur Entwicklung, von einer ungebrochenen Kette, an deren Ende nun du vor mir stehst, und dass dem Universum nichts hinzugefügt werden könne. Frag jene Leute, die sagen, ich sei damit ein Solipsist.“

 Tilvera: „Ein metaphysischer, ein ethischer, oder ein methodologischer?“

Ónytjungur: “Das werden dir jene beantworten, die mich in diese Schublade einsortieren.“

Tilvera: „Nun, deine Anschauung ist ja ganz drollig, aber hast du auch einen Begriff dafür?“

Ónytjungur: “Es gibt keinen.“

 Tilvera: „Dir ist schon bekannt, dass Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe blind sind.“

Ónytjungur: “Nicht nur bekannt. Schon vor 900 Jahren beklagte sich einer darüber, dass es nun ein Wort gebe, für das es keine Wirklichkeit gibt, und es früher eine Wirklichkeit war, für die es kein Wort gab.“

Tilvera: „Was willst du mir damit sagen?“

Ónytjungur: “Dass es für diese meine Anschauung keinen Begriff gibt. Es dürfte dir aber nicht leicht fallen, mir nachzuweisen, dass meine Gedanken ohne Inhalt waren.“

ukAt the end of several billion years

frAu bout de plusieurs milliards d’années

Verständnislos

Troll_Illu_1Ein Suchender fragte einst einen alten Mann, was diesem spontan zu Verstand, Vernunft, Wahrnehmung, Brauchbarkeit, Wirklichkeit, Illusion, Glauben, Bildung und Logik einfalle.

Unbenannt-17Der alte Mann lehnte sich wieder zurück an den Baumstamm und murmelte: „Es kann den Menschen tausendmal am Tag eingetrichtert werden, dass sie keineswegs auf einem stillen, ruhigen Fleckchen sitzen, sondern tatsächlich im Augenblick mit unglaublich hoher, schwindelerregender Geschwindigkeit auf eine Sonne zurasen, du kannst es sie vorlesen lassen, auswendig lernen lassen, sie sogar davon überzeugen, dass dem so sei, es wird nichts daran ändern, dass sie tagtäglich felsenfest davon überzeugt bleiben, dass an diesem stillen, ruhigen Fleckchen gerade in aller Beschaulichkeit die Sonne aufgeht.

Soviel zu Verstand, Vernunft, Wahrnehmung, Brauchbarkeit, Wirklichkeit, Illusion, Glauben, Bildung und Logik.“

ukIncomprehensible

frIncompréhensif

isSkilningslaus

Rede laut und deutlich!

troll-imadeWEB-1Rede laut und deutlich?

Seit Milliarden Jahren verfügt jedes Neugeborene, wo immer und wann immer es auch geboren wurde, über die Fähigkeit, jede Sprache der Menschen in kürzester Zeit verstehen zu können, ohne jegliche Anleitung von Lehrern oder pädagogisch ausgefeilter Übungsaufgaben.

Alle jemals Geborenen, wo immer und wann immer sie auch geboren wurden, benötigten unmittelbar nach ihrer Geburt nur 15 Minuten, in denen ihnen Sätze einer Sprache vorgesprochen werden, die sie vorher noch nie hörten, vorgetragen in korrekter Grammatik jener unbekannten Sprache, und bereits nach 15 Minuten erkennt jedes Neugeborene, wo immer und wann immer es auch geboren wurde, jeden nachfolgenden Satz, der in nicht korrekter Grammatik jener unbekannten Sprache formuliert wurde.

Ich nenne diese Fähigkeit wirkmächtiges Begreifen, das zwingend notwendig, denn ohne dieses könne kein vorstellendes Begreifen erzeugt werden, und ohne vorstellendes Begreifen ist der Mensch völlig unfähig, zum Beispiel einen Apfel als Apfel zu erkennen, und würde daher an Hunger sterben.

Ich bitte daher, vertraulich zu behandeln, dass ich eine solche Person bin, welcher mit der Zeit diese Fähigkeit verloren ging, denn ich schäme mich zuzugeben, dass ich nun dümmer bin als ich es zur Zeit meiner Geburt war.

Entwicklung_des_Gehirns
Grundlage vorstellenden Begreifens [entnommen aus “Die Entwicklung des Gehirns und seine Risiken”, Frau. Dr. Kipp, Universität Saarland, 2006]

Die Bedeutung eines Satzes ist dessen Gebrauch. Was voraussetzte, dass das darin Bezeichnete beschrieben sei, also jener Referenzgegenstand, auf den mit dem Bezeichner, dem Wort, Bezug genommen, was zwingend erfordere, dass eine bestimmte Vorstellung damit verbunden werde, und gebe es unterschiedliche Vorstellungen zu dem Referenzgegenstand, so wäre ein Bezeichner geschaffen, dem das darüber Bezeichnete fehle, was die Frage aufwerfe, zu welchem Zweck dann der Bezeichner geschaffen.

ukSpeak loud and clear

frParlez haut et fort

isTala hátt og snjállt