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Die Saga vom Tiere-Fjord

I. Königin Hortense nimmt Kurs auf Reykjavík

Da staunten die Reykjavíker nicht schlecht: La Reine Hortense und Le Cocyte tauchten am Horizont auf und gingen in der Bucht vor Anker. Isländer der Jetztzeit denken sofort an Kreuzfahrtschiffe, zu groß um im Hafen anlegen zu können, schwimmende Hochhäuser mit tausenden von Kreuzfahrern, die nach der Ausbootung Reykjavík, aber auch kleinere Hafenstädte wie Akureyri oder Ísafjörður heimsuchen.

Kreuzer vor Island: 1856 (La Reine Hortense) und 2016 (Azura) Bild: Bernhild Vögel

Doch in der Zeit, in der diese Saga handelt, gab es noch keinen Hafen in Reykjavík. Das Städtchen zählte kaum 1.500 Einwohner und sein einziges aus Stein erbautes Gebäude war die Domkirkja.

Vor 161 Jahren, Anfang Juli des Jahres 1856, liefen nacheinander zwei große Segler, randvoll beladen mit Kohle und Proviant, in den Faxafloi ein. Ihnen folgten zwei imposante Dampfschiffe, bei denen es sich trotz der blumigen Namen La Reine Hortense und Le Cocyte um französische Kriegsschiffe handelte. Sie wurden von der bereits zuvor angekommenen l’Arthémise mit 21 Kanonenschüssen begrüßt, die am Hausberg Esja widerhallten und bei einem älteren Einwohner Reykjavíks einen Hörsturz verursachten.

Doch was sich irgendwie auf den Beinen halten konnte, hatte sich in Schale geworfen, stand am Ufer und jubelte den ankommenden Fremden zu. Diese blickten mit wachsender Ernüchterung auf das, was die Hauptstadt Islands darstellen sollte. Neben dem Anwesen des dänischen Gouverneurs gab es nur eine Handvoll ansehnlicher Gebäude, ansonsten war die Stadt eine Ansammlung ärmlicher Fischerhütten, baumlos und ohne Gärten. „C’est triste, morne, désolé!

Reykjavík 1856 (aus: Chojecki, Voyage dans les mers du nord) und 2014

Das notierte Edmund Chojecki, ein in Frankreich lebender polnischer Journalist und Schriftsteller. Er hatte für sozialistische Zeitungen geschrieben, war aus Frankreich ausgewiesen worden, hatte am Krimkrieg teilgenommen, war aber nun Sekretär des Expeditionsleiters an Bord der Korvette La Reine Hortense und verfasste wissenschaftliche Notizen über die Expedition, die ein Jahr später unter dem Pseudonym Charles Edmond veröffentlicht wurden.

Ein Boot näherte sich der Korvette, und an Bord kletterten die städtischen Honoratioren, ‒ Gouverneur, Bürgermeister und Geistlicher ‒ um dem Expeditionsleiter ihre Aufwartung zu machen. Denn dieser war keine Geringerer als Prinz Napoléon, der Sohn von Jérôme Bonaparte, dem ehemaligen König von Westphalen. Der amtierende Kaiser Napoleon III. hatte seinen Cousin auf Eismeerexpedition geschickt, oder besser gesagt: abgeschoben, denn im gerade zu Ende gegangenen Krimkrieg hatte sich Prinz „Plon-Plon‟ nicht gerade als Vorbild für die Truppe erwiesen.

Doch das war den Reykjavíkern egal: Sie fühlten sich durch den Besuch hoch geehrt, zumal der Prinz sich alsbald an Land setzen ließ, um das offizielle Besichtigungsprogramm ‒ Dómkirkja, Kirchgarten, Lateinschule, Druckerei, Bankettsaal, Apotheke und gar ein Handelshaus ‒ zu absolvieren. Anschließend zog er sich mit Gouverneur Trampe zu nicht öffentlichen Gesprächen an den Elliðavatn zurück. Abends schmiss Trampe im Garten seiner Residenz ein Bankett vom Allerfeinsten. Die Sprache, in der sich die gebildeten Bürger Reykjavíks (und deren gab es  trotz der schlichten Behausungen doch verhältnismäßig viele) fließend mit ihren weltgewandten Gästen unterhalten konnten, war ‒ Latein.

Die Passagiere werden ersucht, nicht in die Fenster zu glotzen. Illustration von Pétur Guðmundsson (Quelle: www.bb.is)

Unermüdlich trieb der Sekretär des Prinzen unterdessen Studien über Land und Leute, glotzte in jedes Fenster wie heutzutage die Kreuzfahrer, ja, scheute sich nicht, die elendste Fischerhütte zu betreten, um sie wortreich beschreiben zu können. Damals gab es noch keine Benimm-Broschüren für Schiffsreisende, in denen sie in charmanten Comics darauf hingewiesen werden, die Intimsphäre der Eingeborenen zu achten. Im 19. Jahrhundert herrschte noch eine ungezwungene Zoo-Atmosphäre sowohl bei den Studienreisenden wie bei ihren Studienobjekten.

Und nahtlos geht es jetzt unter dem Stichwort Dýrafjörður ‒ Fjord der Tiere ‒ weiter, denn der Besuch des Prinzen beim trägen Geysir wird elegant mit Link übersprungen.

II. Abstecher in den Dýrafjörður

Sie werden sich sicherlich schon gefragt haben, liebe Leser, was denn die wahren Gründe waren, die den Prinzen nach Island getrieben hatten, denn Sie wissen, dass solche Staatsbesuche immer ein handfestes Ziel verfolgten ‒ Handel, Einflusssphären, Heiratsprojekte ‒ und verfolgen.

Der Prinz nahm Abschied von den begeisterten Reykjavíkern mit einer vielzitierten Rede: Er sagte, die Dänen seien immer Freude Frankreichs gewesen … und die Franzosen erinnerten sich noch, wie die Dänen sich bemüht hätten, 1813 loyal zu sein.‟

Die Dänen hatten ihre strikte Neutralität wegen der zweifachen Angriffe der Briten auf Kopenhagen nicht durchhalten können, und sich auf die Seite Napoleons geschlagen, was ihnen 1813 den Staatsbankrott und ein Jahr später den Verlust Norwegens einbrachte. Nun aber, im Zuge des Krimkrieges hatten sich Frankreich und Großbritannien wieder zusammengetan, was die Dänen sicherlich mit einiger Besorgnis erfüllte. Was lag näher, als etwas Schönwetter in den dänischen Kolonien zu machen?

Nicht ohne den Isländern zu versichern, er wünsche ihnen bestes Wohlergehen, dampfte der Prinz weiter zu den nächsten Forschungsobjekten, der unbewohnten Insel Jan Mayen und Grönland. Doch plötzlich drehte die La Reine Hortense ab, nahm Kurs auf die isländischen Westfjorde und ankerte im abgelegenen Dýrafjörður. Begehrliche Blicke richteten sich dort auf das Haukadalur (nicht zu verwechseln mit jenem Haukadalur, das den Geysir und andere Springquellen beherbergt). Nein, an diesem Haukadal im Dýrafjörður hatte schon der Norweger und spätere Saga-Held Gísli Sursson Gefallen gefunden und sich dort niedergelassen. Selbstverständlich beabsichtigte Prinz Napoléon nicht, von Frankreich nach Island zu emigrieren, jedoch hatte auch er ein Siedlungsprojekt in der Tasche. Und manchem Isländer ging angesichts dieses Überraschungsbesuches ein Lichtlein auf.

Die Dänen hatten den Isländern 1787 Handelsfreiheit gewährt, allerdings standen dem kleinen, von Hunger und Umweltkatastrophen geplagten Völkchen nicht viele Mittel zur Verfügung, diese Freiheit zu nutzen. In offenen Booten gingen sie dem Fischfang in den Fjorden und im Küstenbereich nach, während ausländische Fischfangflotten etwas weiter draußen die dicksten Fische an Bord zogen ‒ eine Situation also, wie sie in vielen Regionen dieser Erde weiterhin Praxis ist. Einfahrt in die Fjorde und Landung war den ausländischen Schiffen nur in Notfällen erlaubt, allerdings fehlten Mittel und Personal, dies zu kontrollieren, und sowohl Dänemark wie die wenigen dänischen Verwaltungsbeamten in Island hatten wenig Interesse, hier einzugreifen.

Frankreich schickte Fischer aus der bettelarmen Bretagne ins Eismeer; sie kamen meist auf kleinen Zweimastschonern. Ab und an kam ein Schiff der französischen Marine vorbei:

Der Kreuzer hatte jetzt gestoppt und war aus weitem Umkreis von der Plejade der Isländer umgeben. Von jedem ihrer Schiffe ward eine Nußschale von Boot herabgelassen, die langbärtige Männer in ziemlich wildem Aufzug an Bord brachten. Fast wie Kinder hatten sie alle um etwas zu bitten: um Verbandzeug für kleine Wunden, Flickzeug, Nahrungsmittel, Briefe.(aus Pierre Loti: Die Islandfischer, verfasst 1886)

Als Isländer bezeichnen sich in der Erzählung des Marineoffiziers und Schriftsteller Pierre Loti die bretonischen Fischer selbst. Und in der Tat war ihre Situation kaum besser. Sie waren der offenen See schutzlos ausgeliefert, während die isländischen Fischer in ihren Nussschalen bei Sturm nur allzu oft kenterten, bevor sie den Heimathafen erreichten.

Die bretonischen Fischer müssen große Augen gemacht haben,als sie La Reine Hortense in den Dýrafjörður einlaufen sahen. Prinz Napoléons ging in der kleinen Handelsniederlassung Þingeyri an Land. Der Prinz trat auch hier sehr liebenswürdig auf, verteilte verschiedene Geschenke und stach dann in See‟, berichteten die Zeitungen.

Nun war auch dem letzten Isländer klar, was der Prinz bezweckte, denn bereits im Jahre zuvor hatte der Kapitän des Kreuzers La Bayonnaise, der die französischen Fischerboote beaufsichtigte, das Alþingi, das isländische Parlament, im Auftrag verschiedener Kaufleute aus Dunkerque um Erlaubnis ersucht, eine Art Kolonie im Dýrafjörður zu errichten, um die Fänge gleich vor Ort verarbeiten zu können. Schuppen, Trockenplätze für den Kabeljau und Unterkünfte für die Arbeiter sollten dafür errichtet werden. Anfänglich war von 400-500 Männern die Rede, dann aber von einer vergrößerten Fischfangflotte (800-900 Schiffe mit 10.000 Mann Besatzung) und 1000 Arbeitern an Land es war der Plan, so empfanden es viele Isländer, den Dýrafjörður zur französischen Kolonie zu machen.

Und ein wenig erinnert der großzügige Auftritt des Prinzen an das Vorgehen gewisser Multikonzerne, die kommunalen Behörden ihre nicht gerade umweltfreundlichen Produktionsstätten für Aluminium, Silizium & Co. schmackhaft machten. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Isländer noch auf der Hut. Sie hatten zwar erreicht, dass ihr Alþingi wieder tagen konnte, doch ihre Unabhängigkeitsbestrebungen waren erst einmal gescheitert und Island blieb weiterhin dänische Kolonie. Und jetzt wollte Frankreich auch noch ein Stück des Landes kolonisieren das war zu viel. Bewohner und regionale Behörden im Bezirk Ísafjörður lehnten das Projekt in Bausch und Bogen ab, und in Þingeyri stellte man eine beachtliche Liste von Bedingungen auf, die u.a. Zölle, Gebühren für die Verarbeitung, Landnutzung und Rechtsstellung der französischen Arbeiter betrafen, auf die die Franzosen aber wohl niemals eingegangen wären. (Der Handelsplatz Þingeyri zahlte nach dem Zensus von 1855 gerade mal 14 Einwohner, von denen die Hälfte Kinder waren, während im Haukadalur auf drei Höfen immerhin 47 Menschen lebten.)

Während die Behörden in Dänemark keineswegs abgeneigt waren, den Franzosen die Lizenz zu erteilen, sammelte ein Ausschuss des Alþingi in jahrelanger Arbeit weitere Argumente, die gegen das Kolonialprojekt sprachen: Die Isländer würden gerade die ersten gedeckten Boote für den Kabeljau- und den Haifang einsetzen, konkurrenzfähig seien sie aber noch lange nicht. Auch befände sich das vorgesehene Land bei Þingeyri im Kirchenbesitz und es sei gänzlich ungewiss, auf welche Weise das Land verpachtet oder verkauft werden könne. So erfolgte schließlich der Ablehnungsbeschluss durch das Alþingi, den der dänische König zu Beginn der Fangsaison 1859 mit Brief und Siegel bestätigte.

Blick ins Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die französischen Fischer aber kamen bis ins frühe 20 Jahrhundert in die fischreichen Gewässer vor den isländischen Westfjorden. Nicht wenige Schoner kenterten, nicht wenige Männer verloren bei der harten und gefahrvollen Arbeit ihr Leben. Gegen eine Art Hafengebühr konnten die französischen Fischer schließlich doch in der Bucht Haukadalsbót ankern und mit den Einheimischen Waren tauschen ‒ sogar eine Mischsprache, das Haukadalsfranska, entstand. Die Toten durften an Land bestattet werden ‒ ein kleiner, sorgfältig restaurierter Friedhof am Rande des Haukadalurs zeugt noch heute davon. Ein Friedhof, wie ihn Pierre Loti beschrieb:

In einem Fjord an der Küste gibt’s aber auch einen kleinen Gottesacker, fuhr er fort. Dort begraben wir die Leute, die während des Fischfangs an Bord sterben. Es ist geweihte Erde, so gut wie hier bei uns, und man setzt den Toten ein Holzkreuz mit dem Namen auf ihr Grab. …

Der Friedhof der französischen Fischer im Haukadalur (Bild: Bernhild Vögel)

Die Holzkreuze verwitterten, Namen und Zahlen der Toten haben sich verloren.

Aux sombres héros de l’amer
Qui ont su traverser les océans du vide,
A la mémoire de nos frères
Dont les sanglots si longs faisaient couler l’acide

|: Always lost in the sea

Tout part toujours dans les flots
Au fond des nuits sereines
Ne vois-tu rien venir ?
Les naufragés et leurs peines
Qui jetaient l’encre ici
Et arrêtaient d’écrire …

|: Always lost in the sea

Ami, qu’on crève d’une absence
Ou qu’on crève un abcès
C’est le poison qui coule.
Certains nageaient
Sous les lignes de flottaison intime
A l’intérieur des foules.

|: Always lost in the sea

 

Aux sombres héros de l’amer, Komposition von Noir Désir, einer französischen Rockband, 1989.

Ystu endimörk

Die Chaoten von Ystuendimörk hatten einen Geigerzähler gekauft, und veröffentlichten die Becquerel-Werte von Waldfrüchten, Pilzen, etc. in der Zeitung der Chaoten.

Ihr Modell der angewandten  Demokratie baute auf dem Begriff Arete auf, ging demnach von der Voraussetzung aus, dass die Menschen  Tapferkeit,  Besonnenheit,  Freigebigkeit,  Gerechtigkeit,  Großzügigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben, da die Möglichkeit hierfür existiere,  und sie die dritte Stufe  des Wissens erreicht hätten, die sich aus den Teilen Wirklichkeit und Möglichkeit zusammensetze.

An Wochenenden schnitten die Chaoten alle eingegangenen Artikel und Leserbriefe in mühsamer Kleinarbeit mit der Schere in passende Stücke, reihten diese auf einem Bogen Papier der Größe einer Doppelseite der Zeitung nebeneinander, reicherten die Bleiwüste durch Bildmaterial an, fügten dann die Schnipsel auf die großen Bögen zu einem Layout,  … aufgeklebt, der nächste,  … und dies solange, bis auch die letzte Seite der Zeitung für den Druck fertiggestellt.

Hätte einer in der Redaktion darauf hingewiesen, dass ihm durch seine unentgeltliche Tätigkeit, die er aus freien Stücken wählte, ein Anspruch daraus entstünde, entweder par ordre du mufti, oder hilfsweise durch Mehrheitsentscheid von Gesinnungsgenossen, darüber entscheiden zu dürfen, welcher Text ihm genehm sei, und daher einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfe, und welcher Text ihm missfalle, der Artikel somit der Ablage „P“  zu übergeben wäre, die Gruppe hätte diesen konfirmiert, und unter Inanspruchnahme des Werbeslogans „Alles Müller oder was?“ forthin zu den Schwachsinnigen gezählt.

Derartige Attitüden waren den Chaoten in Ystuendimörk fremd, denn anderenfalls wären sie auch keine Chaoten. Und so einigten sich die Chaoten in Ystuendimörk darauf, dass allenfalls ein leichtes Schmunzeln beim Einkleben des Textes in den Layout-Bogen hinzunehmen wäre, wenn zum Beispiel der einzige bekennende Kommunist, der im Landkreis ungerührt von allen Anfechtungen weiterhin tapfer das Wort ergriff, zum x-ten Mal in einem Text sein stets gleichbleibendes Steckenpferd ritt. Alles Weitere wurde dem freien Wort übereignet. Das Plenum war die Zeitung, denn aus keinem anderen Grund unterzogen sie sich der Mühe.

Denn der Grund, aus dem die Chaoten von Ystuendimörk zusammenkamen, und völlig hirnrissig nichts Besseres mit sich anzustellen wussten, als Freizeit und eigene Geldmittel ausgerechnet darin zu investieren, Papierschnipsel auf Papierbögen zu kleben, war kein anderer als eben jener, dass bei den Meinungsmachern, die ihr Handwerk als Beruf ausführten, die Ablage „P“ bereits die Größe des  Zeitungsarchivs angenommen hatte. Was keineswegs daran lag, dass da Zensur ausgeübt, wie böse Zungen gerne behaupten, sondern einfach daran, dass die Menge an Nachrichten, die von größtem  öffentlichen Interesse waren, einen derartigen Umfang angenommen hatte, dass die einzige lokale Tageszeitung als tägliches Buch herauszugeben gewesen wäre, wolle sie zusätzlich zu den Berichten der Sportmannschaften, die auf regionalem Niveau entweder verloren oder gewannen, den Berichten aus dem regen Vereinsleben, und den Berichten über die Events der Lokalpolitiker, nun auch noch völlig überflüssige Becquerel-Werte von Waldfrüchten, Pilzen, etc. publizieren.

Wie bei Chaoten in Ystuendimörk nicht anders zu erwarten, erkannten sie noch nicht einmal, dass sie bereits dadurch die Merkmale einer Bürgerinititiative zeigten, da sie die Veröffentlichung von eingereichten Artikeln den Autoren gar nicht in Rechnung stellten, da dies von Autoren unter normalen Umständen ja zu bezahlen wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass die Sorge der Chaoten, die als Panikmache verlacht, sowie die Verantwortbarkeit ihres Handelns, die als Querulanz verteufelt, keineswegs unbegründet war, und dass die Maßnahmen der Erwachsenen in jener Zeit, Kindern auf die Finger zu schlagen, weil sie in Ermangelung anderer Spielmöglichkeiten auf kontaminierte  Rasen rannten, da die Bäder geschlossen waren, die Sandkästen keinen Sand mehr enthielten, nur hilflose Gestik war in einer Wirklichkeit, die  den unmittelbar davon Betroffenen vorenthalten.

Denn neben jenem fremden und  unsichtbaren Eindringling, der immerhin noch in Becquerel messbar, gab es noch einen weiteren unsichtbaren Eindringling, der allgemein unter dem Begriff „garbage in – garbage out“ und „trial and error“ sein Unwesen treibt: das hochintelligente Computer-Programm. Und da solche Programme derart hochintelligent sind, erfuhren sowohl die lokalen Chaoten wie die lokalen Nicht-Chaoten erst nach Jahrzehnten, dass sie ausgerechnet einem dieser Querulanten, die ja berüchtigt dafür sind, dass sie einfach unwillig, ihre Aufmerksamkeit  an der Garderobe der Konformisten abzugeben, noch dazu einem ausgewachsenem Kommunisten, und  dann auch noch ein Rotarmist, die Fortsetzung ihres Lebens verdanken. Sein Name:  Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, am 26. September 1983, kurz nach Mitternacht – in der Musikkneipe von Ystuendimörk, von allen Bewohnern nur die „Eule“ genannt, wurde gerade die Platte „Never going back again“ von Fleetwood Mac aufgelegt , da in jener Zeit dieser Song dort immer die Sperrstunde einläutete, damit die Nimmersatten sich schnell noch einen „Schnitt“ bestellen konnten -, waren die Bürger von Ystuendimörk nur noch einen Atemzug von einer alles verschlingenden Mitternachtssonne entfernt. Allerdings einer solchen Mitternachtssonne, die von Menschen erschaffen, diese daher niemanden in kalten Nächten wärmt, sondern nur jeden verglüht oder verstrahlt.

Wenn eine Information von essentieller Wichtigkeit für jeden Bürger ist, neigen staatstragende Würdenträger wissenschaftsbasierter Informationsgesellschaften gerne zu der Ansicht von Despoten, indem sie argumentieren, dass genau solche Informationen den gemeinen Staatsbürger überhaupt nichts anginge. Und so blieben die Bürger von Ystuendimörk jahrzehntelang unwissend, hatten nicht die leiseste Ahnung davon, dass sie mittlerweile sowohl bei 1.200 signifikanten Unfällen, als auch bei den  pro Woche auftretenden ein, zwei Computeralarmen, welche auch nur bei einer einzigen Nation gezählt, jedes Mal im letzten Augenblick gerade noch dem sicheren Tod von der Schippe gesprungen waren. Dass dem so ist, ergibt sich bereits aus dem Faktum, dass Radioaktivität  mittels Wind, Wasser und Wolken verreist,  daher weder Visa noch  Reisepässe benötigt, und ihr Landesgrenzen als purer Tand aus Menschenhand gilt.

Dass die Bürger von Ystuendimörk jahrzehntelang unwissend blieben, ist darauf zurückzuführen, dass es sicherlich schwierig wäre, den Delinquenten zu vermitteln, dass jede Person, ob nun Mann, Frau oder Kind,  per Anordnung pro forma, de jure, und de facto zum Tode verurteilt sei. Und da dem so ist, erübrigt sich auch jene Praxis, welche zum Tode verurteilten Kriminellen zuteilwird, die daraufhin  in ihrer Zelle auf ihre Hinrichtung warten, um dann, unmittelbar  nachdem sie bereits auf den Elektrischen Stuhl geschnallt, die Mitteilung zu erhalten, dass zwar ihr Gnadengesuch abgelehnt, die Hinrichtung jedoch verschoben worden wäre.

Es wäre auch sinnlos gewesen, hätten die Wissensträger die Bürger von Ystuendimörk bei jedem signifikanten Unfall oder Computeralarm davon in Kenntnis gesetzt. Es hätte ohnehin niemanden interessiert. Waren diese  doch durch Bildung und Aufklärung längst schon zu vernunftbegabten Wesen herangereift.

Und so geschah, was nicht mehr aufzuhalten war: Bildung und Aufklärung setzten diesem seltsamen Treiben der Chaoten in Ystuendimörk ein Ende. Hatten die Chaoten doch den Bogen überspannt, als sie darauf hinwiesen, dass die mittlerweile nicht mehr überschaubare Menge an billigen Konsumgütern, die im Überfluss die ungezählten Regale der Supermärkte und Warenhausketten füllen,  fast durchwegs  auf gnadenloser Ausbeutung der Bevölkerung anderer Kontinente beruhe. War doch nur über solche Handlungsweise das Überleben der eigenen Bevölkerung überhaupt erst zu gewährleisten, folglich gottgegeben, und keinesfalls gewollt.  Zudem habe man sich keineswegs lumpen lassen, und hätte im Gegenzug auch reichlich Güter in diese Länder geliefert, und dies nicht zu knapp. Und dafür, dass diese primitiven und archaischen Kulturen seit geraumer Zeit Glasperlen als Gegenleistung ablehnen, was nicht nur unverständlich sei, sondern auch noch gegen die guten Sitten verstoße, und nun nur noch Interesse an hochtechnisierter Kriegstechnik hätten, könne man schwerlich verantwortlich gemacht werden.

So war nicht verwunderlich, dass jene Bürger, welche die Zeitung von den Chaoten übernommen hatten, der Ansicht waren, dass mittlerweile der Punkt „Ad nauseam“ längst überschritten wäre. Wie stünde man sonst da vor den sinnbegabten Esoterikern und Sektenpriestern, die von Sorge um das autochthone Volk bereits gramgebeugt in die Naturkostläden strömten. Sahen diese  doch mit Seherblick bürgerkriegsähnliches Chaos ausbrechen, der illegale Schwarzmarkt für Waffen sei bereits leergefegt, und verantwortlich für diese Entwicklung seien die Vereinten Nationen, die auf Geheiß verborgener Strippenzieher nichts unversucht gelassen, und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatten, damit das autochthone Volk von Hunnenhorden überrannt werde. Und diesmal – und  so viel Zeit müsse schon sein, um darauf hinzuweisen – heiße der dafür verantwortlich zu machende Jude nicht Rothschild, sondern Georg  Soros, der sich zudem auch noch auf Kosten anderer bereichert habe.

Die Zeit der Chaoten und  Graswurzelbewegung in Ystuendimörk ist längst Vergangenheit. Es stellte sich heraus, dass in einer wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft weder genügend Platz noch Zeit für basisdemokratische und konsensorientierte Querulanten. Wo einst Wissen die Menschen in unangenehm drückende Schranken verwies, erkämpften sich die so Geschundenen endlich ihre Befreiung, indem sie an dessen Stelle die Meinung setzten.

Und so kehrte auch in Ystuendimörk nach all den Irrungen und Wirrungen endlich wieder Ruhe ein. Nur noch die Erinnerung daran lebte fort, in den Rührseligkeiten jener mit der Zeit alt gewordenen Männer und Frauen, denen die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung stets ein fremder Gedanke war, und daher als Chaoten galten.

Möge daher diesen die Erinnerung an jene Zeit, an der sie Anteil haben durften und Anteil hatten, über alle weiteren bösen Überraschungen beim Renteneintritt hinweghelfen. Mögen sie ihren Nachkommen davon erzählen, so jene Geschichten aus der Vergangenheit erzählt bekommen wollen. Und mögen die Erzähler dann ihre Erzählung mit dem Satz eines Affen beenden: „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im Übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.“

[ Anmerkung der Redaktion

Zur  Sorgfaltspflicht der Presse gehört, vor Verbreitung eines Artikels diesen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Wahrheit und Herkunft zu prüfen.

Wir bieten unseren Lesern hier die Möglichkeit, anhand eines konkreten Beispiels eine veröffentlichte Aussage und deren Wiedergabe hinsichtlich des Wahrheitsgehalts der Wiedergabe zu überprüfen, und uns das dabei gewonnene Urteil zuzusenden.]

Zurückzählen

(be)

Der Zustände sind es sechs
in ein und desselben:

das gesprochene Wort
der geschriebene Satz
das erlebte Tun

das unterlassene Wort
das fehlende Dokument
die erfahrene Unterlassung.

Der Ereignisse sind es fünf
dem ein und dasselbe ausgesetzt:

was nottut
was verhindert
was ermöglicht
was entbehrlich
was gefällt.

Der Gebilde sind es vier
in ein und desselben:

der Lebensgefährte
die Nachkommen
der Freund
das darüber hinaus.

Der Erfahrung sind es drei
in ein und desselben:

der Widerstand
die Akzeptanz
die Gleichgültigkeit.

Der Beziehungen sind es zwei
in ein und desselben:

zu sich selbst
zu einem Gegenüber.

Ohne Zahl die Eins
in ein und desselben:

keine Länge
keine Breite
keine Höhe

: das Selbst.

Jenseits dessen –
: das Reich der Märchen.

Mein Name sei Selfisch

Sich in einer vorgefertigten Umgebung zurechtzufinden ist doch so viel leichter als in einer, die auf eigenes Risiko erkundet werden muss. Dann hätte Selfisch sich ja auch einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. In einer Welt aber, die meist nichts als graue Alltäglichkeit ausstrahlt, und sich nur wenige Wochen im Jahr zur bunten Urlaubskulisse mausert, soll doch bitte nichts dem Zufall überlassen bleiben. Bei allen Selfischen werden daher Kreuzfahrten immer beliebter, denn sie garantieren eine nahezu märchenhafte Vollversorgung. Nach den meist vororganisierten Landgängen kehrt der Kreuzfahrer zufrieden auf sein schwimmendes Hochhaus zurück, das über alles verfügt, wofür der Reisende, wäre er zuhause geblieben, einige Wegstrecken zurücklegen müsste: Restaurants, Shoppingmall, Schwimmbad, Fitnesscenter, Friseur etc. Und kostenlos dazu das wohlige Titanic-Kribbeln.

(Bild: Bernhild Vögel)

Früher waren es überwiegend Rentner, die sich nach einem langen Arbeitsleben den Luxus der Rundumversorgung gönnen wollten, heute werden die Kreuzfahrer immer jünger – ganz sicher auch eine Folge der Verdichtung des Arbeitslebens. In den meisten Betrieben regiert Angst und gäbe es ein Thermometer für Betriebsklima, es würde anzeigen, dass die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken ist – das ist zwar bedauerlich, aber zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unbedingt notwendig und daher begrüßenswert.

In diesem kühlen Klima des Neoliberalismus benötigen Selfische Nestwärme und keine so genannte Freiheit, eine Freiheit, die zum selbständigen Denken und Handeln antreiben und damit nur weitere Verunsicherung schaffen würde. Was Selfische brauchen, sind Selbstverkündungsapparate und smarte Sichvergewisserungsmaschinen.

Und da werden wir sogleich als narzisstisch und als Generation Selfie beschimpft. Doch halt! War das früher, im vorigen Jahrhundert, anders? Haben etwa die heutigen Seniorinnen vor 60, 70 Jahren nicht stundenlang vor dem Spiegel gestanden? Haben sich die Opas nicht ehemals aufwendig um ihre Schmalzlocken á la Elvis gekümmert und ein wenig später kollektiv ihre langen Protestmähnen geschüttelt? Ein ordentliches Quäntchen Narzissmus und Orientierung an Vorbildern, um das Erwachsenwerden hinauszuzögern – das ist das Privileg der Jugend – ein keineswegs unproblematisches, sagen Kritikaster, denn gerade Jugendliche könnten, wie Geschichte und Gegenwart zeige, aufs schändlichste manipuliert werden. Da mag was dran sein, doch deswegen wachsen uns bestimmt keine grauen Haare! Und wenn, dann färben wir sie einfach und setzen rosarote Brillen auf.

Die Zeit der Jugend wird immer länger und länger, das ist eine tolle historische Entwicklung. Dennoch fordern neidzerfressene Zeitgenossen, Jugend solle irgendwann ein Ende haben und in eine gewisse Eigenständigkeit münden. Dies beinhalte, den Drang nach Selbstdarstellung zu drosseln und die Welt nicht nur als Kulisse oder Fototapete zu betrachten. Papperlapapp!

Ich gebe ja zu: Auch ich musste lachen, als ich das erste Mal jemanden (und es war fürwahr kein Jugendlicher) mit einem Selfie-Stick hantieren sah. Dies Gestänge erinnerte mich irgendwie an die Kopfschirme, die, einst als Regenschutz angepriesen, allenfalls einen Nischenplatz in der Faschings- und Partyecke gefunden haben, also dort, wo Peinlichkeiten geradezu erwünscht sind. Kaum jemand, dachte ich, wird diese Selfie-Stangen kaufen. Tja, falsch gedacht. Und ich, auch damals schon tief im Herzen ein eingefleischter Selfisch, gab mich bald willig dem Selfie-Tick hin.

Dass sich Mensch gerne fotografieren und abbilden lässt, ist nichts Neues, und das Herumzeigen von Fotoalben hat es auch schon vor Facebook gegeben. Doch was wurden im letzten Jahrtausend für Fotos geschossen? Schaut Euch dies mickrige Schwarz-Weiß (links) an, das eine unbekannte deutsche Kreuzfahrerin gegen Ende der Amtszeit von Queen Mary schoss: Da stehen zwei deutsche Winzlinge vor dem übermächtigen Round Tower des Windsor Castle. Wer sind die denn? Auch eine Lupe half dem Betrachter nicht weiter! Es geht auch anders – und besonders einfach seit der Erfindung des Sefie-Sticks (rechts): die Herunterdimensionierung der Kolosse, Kolosseen und Naturschauspiele. Damit immer das Ego im Mittelpunkt steht.

(Bild: Bernhild Vögel)

Unter dem Pflaster liegt der Sand, skandierten Anarchos in den 1970ern, so ein Quatsch, denn unter dem Pflaster verlaufen Rohre und Tunnelsysteme und im Pflaster eingelassen sind runde Gullys oder beschriftete Platten. Über Gedenksteine stolpern Selfische unbekümmert; Informationen treten sie mit Füßen; steinerne Einlassungen mit düsteren Botschaften übertreten sie leichtfüßig. Selfische konjugieren nur: Ich lebe, ich lebe, ich lebe.

Platten aber mit der Aufschrift Selfie-Point, wie auf dem Burgplatz in Braunschweig, betreten wir hocherfreut. Denn dieses so nützliche, aber dennoch viel bespottete Kopfstein-Marketing erspart dem Selfisch viel Zeit bei der Suche nach dem perfekten Klick.

(Bild: Bernhild Vögel)

Wie aber ist eigentlich der Hintergrund beschaffen, vor dem ich als Selfisch einen vorgefertigten Standpunkt einnehme? Am Beispiel Braunschweig lässt sich das eindeutig sagen: Der Schwerpunkt  liegt auf dem Nachgefertigten, zum Beispiel der Rekonstruktion einer Burg nach dem historistischen Geschmack des 19. Jahrhunderts. Der mittelalterliche Dom nur schräg angerissen, denn stirnseitig, wie es die Platte neben dem Sefie-Point vorgaukelt, ist er nicht ins Bild zu kriegen. Was Selfischen nichts ausmacht, denn ihr Bedarf an Uralterlichem wird schon von der Burg befriedigt.

Während der Fotograf sein Motiv im Sucher oder Display vor Augen hat, wenden Selfische sich ab, kehren der Sehenswürdigkeit den Rücken zu und blicken in Richtung des Sehensunwürdigen oder zumindest Unspektakulären. Es erfordert Übung, sich nur auf sich selbst, auf sein Spiegelbild im klitzekleinen Display – noch dazu in Stangenentfernung – zu konzentrieren und so zu tun, als sei man entzückt vom Anblick dessen, was sich in der Rücksicht befindet und was man nur  schemenhaft im Display wahrnehmen kann. Am besten, Selfisch grinst sich selbst an, dann kann nichts schief gehen.

Ich stehe auf dem Selfiepunkt, dass Rücksicht und Vorsicht identisch sind, denn hätte mein Hinterkopf Augen, würden sie dieselbe Kulisse sehen, die ich hinter meinem Konterfei auf dem Display erblicke. Spieglein Spieglein an der Hand, wer …

Mancherorts freilich ist Vorsicht geboten, denn hat sich Selfisch nicht fest auf einem Selfie-Point verankert, schwebt er in Gefahr, einen verhängnisvollen Rückschritt zu tun. Selfisch wünscht sich eine Million Selfie-Points in Island, wo es lebensbedrohlich werden kann, den falschen Standpunkt einzunehmen, zumal weil man dabei der Gefahr ja nicht ins Auge blicken kann.

[Um weitere tödliche Unfälle auf Ísland wegen Wahl eines ungeeigneten Selfiepoints zu verhindern, weist die Redaktion vorsorglich darauf hin, dass das Foto eventuell nicht mitgenommen werden kann. Die Herausgeber.]

Deutschstunde

Am 26. April 2017 wird der Online-Auftritt von ALGORITHMICS á Íslandi zwei Jahre alt. An Menschenalter gemessen dürfte das Magazin nun aus dem Krabbelalter heraus sein, den aufrechten Gang erlernt haben, und stünde – so den Psychologen Glauben geschenkt werden darf – am Beginn eines Übergangsabschnittes, der dem Vernehmen nach zwei Jahre in Anspruch nehme, und  allgemein noch als das Trotzalter bezeichnet wird. Auch dürfte das Magazin seit einem halben Jahr,  also ab jenem Zeitpunkt, an dem im Alter von eineinhalb Jahren die Sprachentwicklung einsetze, und damit  die erste Trotzphase und das erste Fragealter einläute, bereits auch mit geringem Wortschatz (siehe Vokabular „Schlagwort“ auf der rechten Seite) in der Lage sein, Fragen an Erwachsene zu stellen, die nur dann für positiv gehalten, so die Antwort „Ja“ lautet, oder negativ konnotiert, falls da ein „Nein“ zurückschalle. Wobei anzumerken wäre, dass Online-Magazine in diesem Punkt etwas vom Kleinkind abweichen, indem sie jenem entbehren, was allgemein als Gefühl bezeichnet wird, so dass nicht zu befürchten ist, dass Online-Magazine von Wut, Trauer, Enttäuschung oder Angst befallen werden könnten.

So ist naheliegend, dass es den Herausgebern als Eltern zur Unterstützung ihres Online-Magazins angelegen ist, dessen Wortschatzentwicklung tatkräftig zu fördern, damit es beim unaufhaltsamen Durchschreiten in Richtung zweites Fragealter mit ausreichend Material versorgt werde, um in diesem Abschnitt die richtigen Warum-Fragen stellen zu können.

Was böte sich da mehr an als ein Preisrätsel, welches sich mit Wörtern, Sätzen, Satzbau, Interpunktion und Grammatik einer Sprache beschäftige.  Nach eingehender Beratung fiel die Wahl auf die Sprache Deutsch, da diese Sprache die Muttersprache der Mehrzahl der Leser  ist, wie die Auswertung der Statistiken auswies.

Nun wäre jegliches Niveau, auf dem Sprache gepflegt werden kann, und auch gepflegt wird, nicht gerade hilfreich für eine Unterstützung des erst zweijährigen Kindes, so dass die Redaktion nach eingehender Erörterung sich dazu entschloss, hierfür einen repräsentativen Text eines elaborierten Lektors, Literaturkritikers und ausgewiesenen Muttersprachlers heranzuziehen. Auch sollte der Umfang des dabei herangezogenen Textes überschaubar bleiben, so dass hierfür nur ein Text in Frage kommen konnte, der nicht mehr als zwei DIN A4-Seiten umfasse.

Die Erleichterung war groß, als sich ein hierfür brauchbarer Text finden ließ, der alle an ihn gestellten Anforderungen erfüllte. Passenderweise behandelte der erfahrene Lektor und Buchkritiker in seinem durchaus wortgewandten Text die Notwendigkeit bzw. Entbehrlichkeit von Buchhandlungen, was auch für Ísland mit seinen 150 Buchhandlungen, welche Bücher für  ca. 332.000 potentielle Leser bereithalten, von Interesse sein dürfte.

Aus diesem Text hat die Redaktion folgende passenden Sätze ausgewählt, die für ein Preisrätsel geeignet schienen:

„Die Berichte über die z.T. problematischen Arbeitsverhältnisse bei gefallen mir gar nicht.“

„Natürlich, ich gestehe es, bin auch durch die problemlose Rückgabemöglichkeit verführbar.“

„Warum sollte der Gesetzgeber das nicht, ähnlich wie bei der Pfandflaschenregelung oder dem zunehmenden Verschwinden von Plastiktüten, vorschreiben, damit solche Transportexzesse für Mehrfachbestellungen eingedämmt werden? „

„Aber ist es nicht die gleiche Angst, mit der sich das Druckgewerbe auf die Digitalisierung einstellen musste oder früher die WeberInnen, als sie mit den neuen mechanischen Webstühlen konfrontiert wurden?“

„Kann ich in einer Buchhandlung noch vor einem möglichen Kauf in einem Buch lesen, zu mindestens das Inhaltsverzeichnis?“

„Aber wo sind sie kundenzugänglich, wo wird dem Kunden erklärt, wie er sie für seine Buchsuche und -kauf optimal nutzen kann?“

„Warum soll ich was dagegen haben, wenn Amazon mir Vorschläge macht, die auf meinem Interessenprofil basieren oder auf den Kaufverhalten von Kunden, die ähnlich wie ich gestrickt sind.“

„Ich kenne die Skepsis mancher Leute, ihre Daten in die Cloud zu stelle.“

Die Frage ist in den Raum gestellt, wie viele Fehler diese acht Sätze enthalten, welcher Art die Fehler sind (Rechtschreibfehler, Interpunktionsfehler, umständlicher Satzbau, etc.), und was zu ändern wäre, damit die Sätze bei einem Deutschlehrer der Hauptschule als fehlerfreier Aufsatz durchgingen.

Zuschriften werden sehr gerne über die nachfolgende Kommentar-Funktion entgegengenommen. Die Einreichungen werden von der Redaktion selbstverständlich nicht für eine Öffentlichkeit freigeschaltet. Auch auf Ísland verhält es sich so, dass hie und da der eine oder andere sich auch gerne mit fremden Federn schmücken möchte, so ihm hieraus ein Vorteil erwachse. Also: Keine Chance für Spicker.

Gríma (Bild: Bernhild Vögel)

Aus der Menge der richtigen Lösungen wird Gríma drei Einreichungen auswählen, welche als Preis für die Mühe wahlweise ein Exemplar von „Trolle auf Reisen“ oder der isländischen Ausgabe „Tröll á flakki“  zugestellt bekommen.

Bitte daher bei Einreichung der Lösung die Zustelladresse mit angeben. Das Auswahlverfahren ist so angelegt, dass die richtigen Einsendungen auf dem Boden verteilt werden, auf jeder Einreichung ein Leckerli für Gríma abgelegt wird, und jene drei Einreichungen, deren Leckerli Gríma als erstes schnappt, die Gewinner sein werden.

Einsendeschluss: 25. April 2017

PS: Sollte der eigene Text Fehler enthalten, so ist die Redaktion jederzeit für Hinweise dankbar. Der Fehler wird umgehend korrigiert.

Tunnelblick

Wer durch ein Tunnel schreitet, kennt nur den Weg vor sich. Nichts, was ablenken könnte.  Jeder Tunnel hat den Vorteil, über Anfang und Ende zu verfügen. Im anderen Falle wäre er eine Höhle.

Tunnel wie Höhle zeichnen sich dadurch aus, dass die eigene Stimme nicht im Irgendwo verhallt, sondern zurückgeworfen auf den Sprechenden. Selbst der Tunnel, der mit dem Wort Leben bezeichnet, verfügt über einen Anfang, und ein Ende. Dass der Tunnel durchschritten wurde, sagen jene Spuren, welche auf dem Weg mit der Zeit verwehen.  Die Spuren trennen Realität von Illusion:

„Da es keine Wege gibt, auf denen sich nichts erfahren ließe, wäre jede Vorschrift über Wege, die zu begehen seien, Ausprägung vorhandenen Unwissens. Gibt es doch nur nützliche und nutzlose Wege, und wer könne da wissen, da jeder Weg nur ein einziges Mal begangen wird, und  danach für niemandem mehr begehbar.

Hier ging kein Skeptiker. Denn er war unfähig, eine mögliche Erkenntnis von Wirklichkeit von vornherein auszuschließen.

Hier ging auch kein Pessimist. Denn in der Annahme, dass sich eine pessimistische Sicht auf die Zukunft bestätigen werde, ist der Pessimist stets optimistisch unterwegs.

Er sei nur ein Fragender, und dies aus gutem Grund. Er sei ein Antwortender, denn seine Frage sei seine Antwort.

Er habe gelernt, Ja zu sagen. Wie er gelernt habe, Nein zu sagen. Er habe gelernt, dass es sinnvoll sei, sich stets zu rechtfertigen, und Rechenschaft abzulegen. Ihm selbst gegenüber, nicht Anderen. Denn was ihm Pflicht, brauche nicht Pflicht anderer sein. Gebe es doch keinen Unterschied zwischen Rechtfertigung, und dem Versuch, einen anderen bekehren zu wollen.

Er habe gelernt, Fehler einzugestehen. Denn die Erfahrung habe ihm gezeigt, dass die Menge seiner Dummheiten die Menge seiner richtigen Entscheidungen bei Weitem übertraf.

Und komme da einer, und hielte ihm vor, er hätte an einem Tunnelblick gelitten, so wäre solchem zu antworten, dass als Gewinn hierfür den Augen nicht der Weg verloren ging.“

Was wäre, wenn …

Ob Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren, ist Gegenstand der Methode  „Efsaga“ („Was wäre wenn“)  an der Universität Reykjavík, Fakultät für Geschichte und Philosophie:

Die Menschen haben lange gefragt, was in der Geschichte der Menschheit passieren konnte, aber nicht geschah. Was, wenn in der Antike die Perser Griechenland besetzt hätten? Was, wenn der Süden im amerikanischen Bürgerkrieg gesiegt hätte? Was wäre, wenn Hitler im Ersten Weltkrieg gefallen wäre? Es kann sicherlich Spaß machen, Fragen dieser Art zu berücksichtigen, aber haben sie einen gewissen Wert in der Geschichte? Der Vortrag wird zu dem Schluss kommen, dass dies ohne zu zögern zu bejahen ist. Reflexionen darüber, was hätte geschehen können, helfen uns besser zu verstehen, warum es so war; was fast unvermeidlich war, und was reiner Zufall und Laune des Schicksals war.“

Ein Ergebnis aus der Frage „Was wäre, wenn“ hat 2012 die Redaktion der Zeitung Lemurinn präsentiert:

http://lemurinn.is/2012/08/20/hitler-a-thingvollum/

Übersetzung:  „Der Führer gab seiner Bewunderung für den Naturpark Ausdruck und sagte wörtlich: Es ist bemerkenswert, hier an diesem Ort zu stehen, wo die nordische Rasse ihre goldene Ära im Mittelalter hatte. Nun, da Island vom britischen Imperialismus und der jüdischen kapitalistischen Verschwörung befreit worden ist, wird die nordische Kultur in Thingvellir wieder aufstehen.“

Da dieser Besuch nicht stattfand, brauchte der Gröfaz die von den Isländern sicherlich gestellte Frage nicht beantworten, ob er eine Überdosis an Schwefelgasen abbekommen habe, denn eine Überdosis würde zu ernsten Gefäßschäden im Gehirn führen, und was denn das sein solle, die „nordische Rasse“, denn auf Ísland gebe es dergleichen nicht, habe es auch zu keiner Zeit gegeben, zudem wäre den Isländern die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung ein fremder Gedanke, und außerdem sei ihre Kultur zu keiner Zeit gestorben, so dass sie gar nicht auferstehen könne.

Einer der Forscher der Universität Reykjavík hat kürzlich eine andere Rolle übernommen:

http://gudnith.is/efni/um_mig_english

Ein Doktor der Philosophie kann durchaus auch ein sehr subtiler Staatspräsident sein. Erst kürzlich  änderte der isländische Staatspräsident kurzfristig seine Pläne hinsichtlich der Begrüßung syrischer Kriegsflüchtlinge,  und  empfing die Zuflucht suchenden Menschen plötzlich nicht wie ursprünglich geplant am Flughafen, sondern lud sie kurzerhand in seine Residenz ein, kurz nachdem eine weltbekannte Person in der USA ein Einreiseverbot unterschrieb :

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/01/30/icelandic_president_invites_syrian_refugees_to_his_/

Nun erzählte er bei einem Vortrag die etwas seltsame Geschichte, er würde Ananas auf Pizzas verbieten. Ein etwas sonderbarer Vorgang bei einem Doktor der Philosophie. Als Ahnungslose  sich daraufhin ereiferten, war das vermutlich angestrebte Ziel der lustigen Bemerkung erreicht, und eröffnete ihm die sicherlich willkommene Gelegenheit, ganz unverdächtig auf die Unterschiede zwischen isländischem und amerikanischem System hinzuweisen:

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/02/22/icelandic_president_releases_a_statement_on_pineapp/

Seine vorhersehbare Replik auf Facebook:

„Ich mag Ananas sehr, nur nicht auf der Pizza. Ich kann kein Verbot erlassen, das Leuten verbietet, Ananas auf Pizzas zu setzen. Ich mag keine solchen Kräfte haben. Präsidenten haben nicht die absolute Macht. Ich würde dieses Amt nicht bekleiden wollen, wenn ich ein Gesetz setzen könnte, das verbietet, was ich nicht mag. Ich würde nicht in einem solchen Land leben wollen. Ich empfehle Pizza mit Meeresfrüchten.“

Die amüsante Episode wird wohl als die „Ananas-auf-Pizza-Affäre“ in die isländische Geschichtsschreibung eingehen.

Bushaltestelle

(Bild: Bernhild Vögel)

 

Er gewähre allen Menschen, denen er begegne, einen Vorschuss an Freundlichkeit. Solcher Art, dass sein Tun oder sein  Unterlassen nicht irrtümlich als Ausdruck von Höflichkeit auszulegen sei. Denn er verabscheue Höflichkeit abgrundtief. Sie sei ihm die perfekteste Lüge, die sich als Rücksichtnahme auszugeben versteht.

Allerdings gewähre er den Vorschuss an Freundlichkeit nicht bedingungslos. Sähe er seine Freundlichkeit abgelehnt, oder gar missbraucht, und selbst er könne nicht sagen, nach welchem Maßstab er zu einer solchen Feststellung komme, ersetze er Freundlichkeit durch undurchdringbare Distanz. Bereits ein gemeinsamer Aufenthalt im gleichen Raum werde ihm dann unerträglich, mochte der Raum auch so groß sein, dass nur der Zufall den Weg des Anderen seinen Weg kreuzen könne. Er gäbe sogleich seine ursprüngliche Absicht auf, sobald er einer solchen Person gewahr werde, und verließe umgehend den Ort. Jeder andere Ort gelte ihm dann angenehmer, keine Anstrengung wäre ihm daraufhin anstrengend genug, und jegliches andere Angebot sei ihm willkommener, sei dies auch nur eine Bushaltestelle in einer eisigen Winternacht.

Das Leben sei nichts anderes als der nahtlose Übergang von der unvoreingenommenen Neugier zu begründeter Skepsis, oder in die Liebe, oder in jene Tranquilizer, die aus jedem darüber hinausgehendem wir resultieren, was unweigerlich dann der Fall sei, so dieses abgrenzende wie formalisierte wir weniger als die Gattung benenne. Diese Einstellung mache sowohl frei, wie auch einsam, und er könne beim besten Willen nicht sagen, welches von diesen zwei Ereignissen ihn mehr berühre. So sei seine Antwort gewesen, an einen wohlwollenden Belehrenden, der ihn einmal bei einer Tasse Kaffee zu einer anderen Verhaltensweise ermuntern habe wollen.

Liebe sei, so fuhr er fort, jener durch nichts heilbare Schmerz, der sich unvermittelt einstelle, wenn der andere den Raum verlasse, und der sofort verflöge, sobald der andere den Raum wieder betrete. Im Verlauf der Zeit werde dieser Schmerz dann stets durch ein wohltuendes wie begründetes Vertrauen ersetzt. Er habe sie kennenlernen dürfen, so seine Worte, und auch jenes in ausreichendem Maße, was irrtümlich für Liebe gehalten , da noch keine Möglichkeit eines Vergleichs durch Erleben vorhanden gewesen sei.

Seiner Erfahrung nach sei jedes denkbare wir, so es jenseits von Grenzen angenommen, die durch Zeitspanne einer Begegnung durchlebt, durch gemeinsame Eigenschaften gekennzeichnet, da dieses wir stets jemand erfunden habe, es auf einer schlichten vereinfachenden Formel beruhe, was dazu führe, dass darüber unvermeidbar ein Stammesverhalten verstärkt, und der Intellekt degeneriere.

Und so sei jenes wir, dem er angehöre, nichts weiteres als aneinander gereihte Perlen von Begegnungen, gemeinsam körperlich durchschrittene und geteilte Räume, und deren Dauer. Und jene Zeit, die davon getragen, auf eine weitere Perle hoffen zu können …

Und dann kam mein Bus.

Fragment

 

Und kraulten sie durch schwankende Körper
die kopfunter auf den Wellen schwappen
an den Badestränden sonniger Urlaubstage,

es fiele ihnen ein, am Abend ja nicht zu vergessen,
bei der Reiseleitung vorzusprechen.

Wegen schriftlicher Bestätigung.
Da erforderlich, um – in der Heimat angekommen –
Anspruch auf Reisepreisminderung anzumelden.

Wäre ja doch etwas übertrieben gewesen,
was da mit „All inclusive“ angeboten.