Archiv der Kategorie: Unterwegs

Mein Name sei Selfisch

Sich in einer vorgefertigten Umgebung zurechtzufinden ist doch so viel leichter als in einer, die auf eigenes Risiko erkundet werden muss. Dann hätte Selfisch sich ja auch einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. In einer Welt aber, die meist nichts als graue Alltäglichkeit ausstrahlt, und sich nur wenige Wochen im Jahr zur bunten Urlaubskulisse mausert, soll doch bitte nichts dem Zufall überlassen bleiben. Bei allen Selfischen werden daher Kreuzfahrten immer beliebter, denn sie garantieren eine nahezu märchenhafte Vollversorgung. Nach den meist vororganisierten Landgängen kehrt der Kreuzfahrer zufrieden auf sein schwimmendes Hochhaus zurück, das über alles verfügt, wofür der Reisende, wäre er zuhause geblieben, einige Wegstrecken zurücklegen müsste: Restaurants, Shoppingmall, Schwimmbad, Fitnesscenter, Friseur etc. Und kostenlos dazu das wohlige Titanic-Kribbeln.

(Bild: Bernhild Vögel)

Früher waren es überwiegend Rentner, die sich nach einem langen Arbeitsleben den Luxus der Rundumversorgung gönnen wollten, heute werden die Kreuzfahrer immer jünger – ganz sicher auch eine Folge der Verdichtung des Arbeitslebens. In den meisten Betrieben regiert Angst und gäbe es ein Thermometer für Betriebsklima, es würde anzeigen, dass die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken ist – das ist zwar bedauerlich, aber zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unbedingt notwendig und daher begrüßenswert.

In diesem kühlen Klima des Neoliberalismus benötigen Selfische Nestwärme und keine so genannte Freiheit, eine Freiheit, die zum selbständigen Denken und Handeln antreiben und damit nur weitere Verunsicherung schaffen würde. Was Selfische brauchen, sind Selbstverkündungsapparate und smarte Sichvergewisserungsmaschinen.

Und da werden wir sogleich als narzisstisch und als Generation Selfie beschimpft. Doch halt! War das früher, im vorigen Jahrhundert, anders? Haben etwa die heutigen Seniorinnen vor 60, 70 Jahren nicht stundenlang vor dem Spiegel gestanden? Haben sich die Opas nicht ehemals aufwendig um ihre Schmalzlocken á la Elvis gekümmert und ein wenig später kollektiv ihre langen Protestmähnen geschüttelt? Ein ordentliches Quäntchen Narzissmus und Orientierung an Vorbildern, um das Erwachsenwerden hinauszuzögern – das ist das Privileg der Jugend – ein keineswegs unproblematisches, sagen Kritikaster, denn gerade Jugendliche könnten, wie Geschichte und Gegenwart zeige, aufs schändlichste manipuliert werden. Da mag was dran sein, doch deswegen wachsen uns bestimmt keine grauen Haare! Und wenn, dann färben wir sie einfach und setzen rosarote Brillen auf.

Die Zeit der Jugend wird immer länger und länger, das ist eine tolle historische Entwicklung. Dennoch fordern neidzerfressene Zeitgenossen, Jugend solle irgendwann ein Ende haben und in eine gewisse Eigenständigkeit münden. Dies beinhalte, den Drang nach Selbstdarstellung zu drosseln und die Welt nicht nur als Kulisse oder Fototapete zu betrachten. Papperlapapp!

Ich gebe ja zu: Auch ich musste lachen, als ich das erste Mal jemanden (und es war fürwahr kein Jugendlicher) mit einem Selfie-Stick hantieren sah. Dies Gestänge erinnerte mich irgendwie an die Kopfschirme, die, einst als Regenschutz angepriesen, allenfalls einen Nischenplatz in der Faschings- und Partyecke gefunden haben, also dort, wo Peinlichkeiten geradezu erwünscht sind. Kaum jemand, dachte ich, wird diese Selfie-Stangen kaufen. Tja, falsch gedacht. Und ich, auch damals schon tief im Herzen ein eingefleischter Selfisch, gab mich bald willig dem Selfie-Tick hin.

Dass sich Mensch gerne fotografieren und abbilden lässt, ist nichts Neues, und das Herumzeigen von Fotoalben hat es auch schon vor Facebook gegeben. Doch was wurden im letzten Jahrtausend für Fotos geschossen? Schaut Euch dies mickrige Schwarz-Weiß (links) an, das eine unbekannte deutsche Kreuzfahrerin gegen Ende der Amtszeit von Queen Mary schoss: Da stehen zwei deutsche Winzlinge vor dem übermächtigen Round Tower des Windsor Castle. Wer sind die denn? Auch eine Lupe half dem Betrachter nicht weiter! Es geht auch anders – und besonders einfach seit der Erfindung des Sefie-Sticks (rechts): die Herunterdimensionierung der Kolosse, Kolosseen und Naturschauspiele. Damit immer das Ego im Mittelpunkt steht.

(Bild: Bernhild Vögel)

Unter dem Pflaster liegt der Sand, skandierten Anarchos in den 1970ern, so ein Quatsch, denn unter dem Pflaster verlaufen Rohre und Tunnelsysteme und im Pflaster eingelassen sind runde Gullys oder beschriftete Platten. Über Gedenksteine stolpern Selfische unbekümmert; Informationen treten sie mit Füßen; steinerne Einlassungen mit düsteren Botschaften übertreten sie leichtfüßig. Selfische konjugieren nur: Ich lebe, ich lebe, ich lebe.

Platten aber mit der Aufschrift Selfie-Point, wie auf dem Burgplatz in Braunschweig, betreten wir hocherfreut. Denn dieses so nützliche, aber dennoch viel bespottete Kopfstein-Marketing erspart dem Selfisch viel Zeit bei der Suche nach dem perfekten Klick.

(Bild: Bernhild Vögel)

Wie aber ist eigentlich der Hintergrund beschaffen, vor dem ich als Selfisch einen vorgefertigten Standpunkt einnehme? Am Beispiel Braunschweig lässt sich das eindeutig sagen: Der Schwerpunkt  liegt auf dem Nachgefertigten, zum Beispiel der Rekonstruktion einer Burg nach dem historistischen Geschmack des 19. Jahrhunderts. Der mittelalterliche Dom nur schräg angerissen, denn stirnseitig, wie es die Platte neben dem Sefie-Point vorgaukelt, ist er nicht ins Bild zu kriegen. Was Selfischen nichts ausmacht, denn ihr Bedarf an Uralterlichem wird schon von der Burg befriedigt.

Während der Fotograf sein Motiv im Sucher oder Display vor Augen hat, wenden Selfische sich ab, kehren der Sehenswürdigkeit den Rücken zu und blicken in Richtung des Sehensunwürdigen oder zumindest Unspektakulären. Es erfordert Übung, sich nur auf sich selbst, auf sein Spiegelbild im klitzekleinen Display – noch dazu in Stangenentfernung – zu konzentrieren und so zu tun, als sei man entzückt vom Anblick dessen, was sich in der Rücksicht befindet und was man nur  schemenhaft im Display wahrnehmen kann. Am besten, Selfisch grinst sich selbst an, dann kann nichts schief gehen.

Ich stehe auf dem Selfiepunkt, dass Rücksicht und Vorsicht identisch sind, denn hätte mein Hinterkopf Augen, würden sie dieselbe Kulisse sehen, die ich hinter meinem Konterfei auf dem Display erblicke. Spieglein Spieglein an der Hand, wer …

Mancherorts freilich ist Vorsicht geboten, denn hat sich Selfisch nicht fest auf einem Selfie-Point verankert, schwebt er in Gefahr, einen verhängnisvollen Rückschritt zu tun. Selfisch wünscht sich eine Million Selfie-Points in Island, wo es lebensbedrohlich werden kann, den falschen Standpunkt einzunehmen, zumal weil man dabei der Gefahr ja nicht ins Auge blicken kann.

[Um weitere tödliche Unfälle auf Ísland wegen Wahl eines ungeeigneten Selfiepoints zu verhindern, weist die Redaktion vorsorglich darauf hin, dass das Foto eventuell nicht mitgenommen werden kann. Die Herausgeber.]

Deutschstunde

Am 26. April 2017 wird der Online-Auftritt von ALGORITHMICS á Íslandi zwei Jahre alt. An Menschenalter gemessen dürfte das Magazin nun aus dem Krabbelalter heraus sein, den aufrechten Gang erlernt haben, und stünde – so den Psychologen Glauben geschenkt werden darf – am Beginn eines Übergangsabschnittes, der dem Vernehmen nach zwei Jahre in Anspruch nehme, und  allgemein noch als das Trotzalter bezeichnet wird. Auch dürfte das Magazin seit einem halben Jahr,  also ab jenem Zeitpunkt, an dem im Alter von eineinhalb Jahren die Sprachentwicklung einsetze, und damit  die erste Trotzphase und das erste Fragealter einläute, bereits auch mit geringem Wortschatz (siehe Vokabular „Schlagwort“ auf der rechten Seite) in der Lage sein, Fragen an Erwachsene zu stellen, die nur dann für positiv gehalten, so die Antwort „Ja“ lautet, oder negativ konnotiert, falls da ein „Nein“ zurückschalle. Wobei anzumerken wäre, dass Online-Magazine in diesem Punkt etwas vom Kleinkind abweichen, indem sie jenem entbehren, was allgemein als Gefühl bezeichnet wird, so dass nicht zu befürchten ist, dass Online-Magazine von Wut, Trauer, Enttäuschung oder Angst befallen werden könnten.

So ist naheliegend, dass es den Herausgebern als Eltern zur Unterstützung ihres Online-Magazins angelegen ist, dessen Wortschatzentwicklung tatkräftig zu fördern, damit es beim unaufhaltsamen Durchschreiten in Richtung zweites Fragealter mit ausreichend Material versorgt werde, um in diesem Abschnitt die richtigen Warum-Fragen stellen zu können.

Was böte sich da mehr an als ein Preisrätsel, welches sich mit Wörtern, Sätzen, Satzbau, Interpunktion und Grammatik einer Sprache beschäftige.  Nach eingehender Beratung fiel die Wahl auf die Sprache Deutsch, da diese Sprache die Muttersprache der Mehrzahl der Leser  ist, wie die Auswertung der Statistiken auswies.

Nun wäre jegliches Niveau, auf dem Sprache gepflegt werden kann, und auch gepflegt wird, nicht gerade hilfreich für eine Unterstützung des erst zweijährigen Kindes, so dass die Redaktion nach eingehender Erörterung sich dazu entschloss, hierfür einen repräsentativen Text eines elaborierten Lektors, Literaturkritikers und ausgewiesenen Muttersprachlers heranzuziehen. Auch sollte der Umfang des dabei herangezogenen Textes überschaubar bleiben, so dass hierfür nur ein Text in Frage kommen konnte, der nicht mehr als zwei DIN A4-Seiten umfasse.

Die Erleichterung war groß, als sich ein hierfür brauchbarer Text finden ließ, der alle an ihn gestellten Anforderungen erfüllte. Passenderweise behandelte der erfahrene Lektor und Buchkritiker in seinem durchaus wortgewandten Text die Notwendigkeit bzw. Entbehrlichkeit von Buchhandlungen, was auch für Ísland mit seinen 150 Buchhandlungen, welche Bücher für  ca. 332.000 potentielle Leser bereithalten, von Interesse sein dürfte.

Aus diesem Text hat die Redaktion folgende passenden Sätze ausgewählt, die für ein Preisrätsel geeignet schienen:

„Die Berichte über die z.T. problematischen Arbeitsverhältnisse bei gefallen mir gar nicht.“

„Natürlich, ich gestehe es, bin auch durch die problemlose Rückgabemöglichkeit verführbar.“

„Warum sollte der Gesetzgeber das nicht, ähnlich wie bei der Pfandflaschenregelung oder dem zunehmenden Verschwinden von Plastiktüten, vorschreiben, damit solche Transportexzesse für Mehrfachbestellungen eingedämmt werden? „

„Aber ist es nicht die gleiche Angst, mit der sich das Druckgewerbe auf die Digitalisierung einstellen musste oder früher die WeberInnen, als sie mit den neuen mechanischen Webstühlen konfrontiert wurden?“

„Kann ich in einer Buchhandlung noch vor einem möglichen Kauf in einem Buch lesen, zu mindestens das Inhaltsverzeichnis?“

„Aber wo sind sie kundenzugänglich, wo wird dem Kunden erklärt, wie er sie für seine Buchsuche und -kauf optimal nutzen kann?“

„Warum soll ich was dagegen haben, wenn Amazon mir Vorschläge macht, die auf meinem Interessenprofil basieren oder auf den Kaufverhalten von Kunden, die ähnlich wie ich gestrickt sind.“

„Ich kenne die Skepsis mancher Leute, ihre Daten in die Cloud zu stelle.“

Die Frage ist in den Raum gestellt, wie viele Fehler diese acht Sätze enthalten, welcher Art die Fehler sind (Rechtschreibfehler, Interpunktionsfehler, umständlicher Satzbau, etc.), und was zu ändern wäre, damit die Sätze bei einem Deutschlehrer der Hauptschule als fehlerfreier Aufsatz durchgingen.

Zuschriften werden sehr gerne über die nachfolgende Kommentar-Funktion entgegengenommen. Die Einreichungen werden von der Redaktion selbstverständlich nicht für eine Öffentlichkeit freigeschaltet. Auch auf Ísland verhält es sich so, dass hie und da der eine oder andere sich auch gerne mit fremden Federn schmücken möchte, so ihm hieraus ein Vorteil erwachse. Also: Keine Chance für Spicker.

Gríma (Bild: Bernhild Vögel)

Aus der Menge der richtigen Lösungen wird Gríma drei Einreichungen auswählen, welche als Preis für die Mühe wahlweise ein Exemplar von „Trolle auf Reisen“ oder der isländischen Ausgabe „Tröll á flakki“  zugestellt bekommen.

Bitte daher bei Einreichung der Lösung die Zustelladresse mit angeben. Das Auswahlverfahren ist so angelegt, dass die richtigen Einsendungen auf dem Boden verteilt werden, auf jeder Einreichung ein Leckerli für Gríma abgelegt wird, und jene drei Einreichungen, deren Leckerli Gríma als erstes schnappt, die Gewinner sein werden.

Einsendeschluss: 25. April 2017

PS: Sollte der eigene Text Fehler enthalten, so ist die Redaktion jederzeit für Hinweise dankbar. Der Fehler wird umgehend korrigiert.

Tunnelblick

Wer durch ein Tunnel schreitet, kennt nur den Weg vor sich. Nichts, was ablenken könnte.  Jeder Tunnel hat den Vorteil, über Anfang und Ende zu verfügen. Im anderen Falle wäre er eine Höhle.

Tunnel wie Höhle zeichnen sich dadurch aus, dass die eigene Stimme nicht im Irgendwo verhallt, sondern zurückgeworfen auf den Sprechenden. Selbst der Tunnel, der mit dem Wort Leben bezeichnet, verfügt über einen Anfang, und ein Ende. Dass der Tunnel durchschritten wurde, sagen jene Spuren, welche auf dem Weg mit der Zeit verwehen.  Die Spuren trennen Realität von Illusion:

„Da es keine Wege gibt, auf denen sich nichts erfahren ließe, wäre jede Vorschrift über Wege, die zu begehen seien, Ausprägung vorhandenen Unwissens. Gibt es doch nur nützliche und nutzlose Wege, und wer könne da wissen, da jeder Weg nur ein einziges Mal begangen wird, und  danach für niemandem mehr begehbar.

Hier ging kein Skeptiker. Denn er war unfähig, eine mögliche Erkenntnis von Wirklichkeit von vornherein auszuschließen.

Hier ging auch kein Pessimist. Denn in der Annahme, dass sich eine pessimistische Sicht auf die Zukunft bestätigen werde, ist der Pessimist stets optimistisch unterwegs.

Er sei nur ein Fragender, und dies aus gutem Grund. Er sei ein Antwortender, denn seine Frage sei seine Antwort.

Er habe gelernt, Ja zu sagen. Wie er gelernt habe, Nein zu sagen. Er habe gelernt, dass es sinnvoll sei, sich stets zu rechtfertigen, und Rechenschaft abzulegen. Ihm selbst gegenüber, nicht Anderen. Denn was ihm Pflicht, brauche nicht Pflicht anderer sein. Gebe es doch keinen Unterschied zwischen Rechtfertigung, und dem Versuch, einen anderen bekehren zu wollen.

Er habe gelernt, Fehler einzugestehen. Denn die Erfahrung habe ihm gezeigt, dass die Menge seiner Dummheiten die Menge seiner richtigen Entscheidungen bei Weitem übertraf.

Und komme da einer, und hielte ihm vor, er hätte an einem Tunnelblick gelitten, so wäre solchem zu antworten, dass als Gewinn hierfür den Augen nicht der Weg verloren ging.“

Was wäre, wenn …

Ob Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren, ist Gegenstand der Methode  „Efsaga“ („Was wäre wenn“)  an der Universität Reykjavík, Fakultät für Geschichte und Philosophie:

Die Menschen haben lange gefragt, was in der Geschichte der Menschheit passieren konnte, aber nicht geschah. Was, wenn in der Antike die Perser Griechenland besetzt hätten? Was, wenn der Süden im amerikanischen Bürgerkrieg gesiegt hätte? Was wäre, wenn Hitler im Ersten Weltkrieg gefallen wäre? Es kann sicherlich Spaß machen, Fragen dieser Art zu berücksichtigen, aber haben sie einen gewissen Wert in der Geschichte? Der Vortrag wird zu dem Schluss kommen, dass dies ohne zu zögern zu bejahen ist. Reflexionen darüber, was hätte geschehen können, helfen uns besser zu verstehen, warum es so war; was fast unvermeidlich war, und was reiner Zufall und Laune des Schicksals war.“

Ein Ergebnis aus der Frage „Was wäre, wenn“ hat 2012 die Redaktion der Zeitung Lemurinn präsentiert:

http://lemurinn.is/2012/08/20/hitler-a-thingvollum/

Übersetzung:  „Der Führer gab seiner Bewunderung für den Naturpark Ausdruck und sagte wörtlich: Es ist bemerkenswert, hier an diesem Ort zu stehen, wo die nordische Rasse ihre goldene Ära im Mittelalter hatte. Nun, da Island vom britischen Imperialismus und der jüdischen kapitalistischen Verschwörung befreit worden ist, wird die nordische Kultur in Thingvellir wieder aufstehen.“

Da dieser Besuch nicht stattfand, brauchte der Gröfaz die von den Isländern sicherlich gestellte Frage nicht beantworten, ob er eine Überdosis an Schwefelgasen abbekommen habe, denn eine Überdosis würde zu ernsten Gefäßschäden im Gehirn führen, und was denn das sein solle, die „nordische Rasse“, denn auf Ísland gebe es dergleichen nicht, habe es auch zu keiner Zeit gegeben, zudem wäre den Isländern die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung ein fremder Gedanke, und außerdem sei ihre Kultur zu keiner Zeit gestorben, so dass sie gar nicht auferstehen könne.

Einer der Forscher der Universität Reykjavík hat kürzlich eine andere Rolle übernommen:

http://gudnith.is/efni/um_mig_english

Ein Doktor der Philosophie kann durchaus auch ein sehr subtiler Staatspräsident sein. Erst kürzlich  änderte der isländische Staatspräsident kurzfristig seine Pläne hinsichtlich der Begrüßung syrischer Kriegsflüchtlinge,  und  empfing die Zuflucht suchenden Menschen plötzlich nicht wie ursprünglich geplant am Flughafen, sondern lud sie kurzerhand in seine Residenz ein, kurz nachdem eine weltbekannte Person in der USA ein Einreiseverbot unterschrieb :

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/01/30/icelandic_president_invites_syrian_refugees_to_his_/

Nun erzählte er bei einem Vortrag die etwas seltsame Geschichte, er würde Ananas auf Pizzas verbieten. Ein etwas sonderbarer Vorgang bei einem Doktor der Philosophie. Als Ahnungslose  sich daraufhin ereiferten, war das vermutlich angestrebte Ziel der lustigen Bemerkung erreicht, und eröffnete ihm die sicherlich willkommene Gelegenheit, ganz unverdächtig auf die Unterschiede zwischen isländischem und amerikanischem System hinzuweisen:

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/02/22/icelandic_president_releases_a_statement_on_pineapp/

Seine vorhersehbare Replik auf Facebook:

„Ich mag Ananas sehr, nur nicht auf der Pizza. Ich kann kein Verbot erlassen, das Leuten verbietet, Ananas auf Pizzas zu setzen. Ich mag keine solchen Kräfte haben. Präsidenten haben nicht die absolute Macht. Ich würde dieses Amt nicht bekleiden wollen, wenn ich ein Gesetz setzen könnte, das verbietet, was ich nicht mag. Ich würde nicht in einem solchen Land leben wollen. Ich empfehle Pizza mit Meeresfrüchten.“

Die amüsante Episode wird wohl als die „Ananas-auf-Pizza-Affäre“ in die isländische Geschichtsschreibung eingehen.

Bushaltestelle

(Bild: Bernhild Vögel)

 

Er gewähre allen Menschen, denen er begegne, einen Vorschuss an Freundlichkeit. Solcher Art, dass sein Tun oder sein  Unterlassen nicht irrtümlich als Ausdruck von Höflichkeit auszulegen sei. Denn er verabscheue Höflichkeit abgrundtief. Sie sei ihm die perfekteste Lüge, die sich als Rücksichtnahme auszugeben versteht.

Allerdings gewähre er den Vorschuss an Freundlichkeit nicht bedingungslos. Sähe er seine Freundlichkeit abgelehnt, oder gar missbraucht, und selbst er könne nicht sagen, nach welchem Maßstab er zu einer solchen Feststellung komme, ersetze er Freundlichkeit durch undurchdringbare Distanz. Bereits ein gemeinsamer Aufenthalt im gleichen Raum werde ihm dann unerträglich, mochte der Raum auch so groß sein, dass nur der Zufall den Weg des Anderen seinen Weg kreuzen könne. Er gäbe sogleich seine ursprüngliche Absicht auf, sobald er einer solchen Person gewahr werde, und verließe umgehend den Ort. Jeder andere Ort gelte ihm dann angenehmer, keine Anstrengung wäre ihm daraufhin anstrengend genug, und jegliches andere Angebot sei ihm willkommener, sei dies auch nur eine Bushaltestelle in einer eisigen Winternacht.

Das Leben sei nichts anderes als der nahtlose Übergang von der unvoreingenommenen Neugier zu begründeter Skepsis, oder in die Liebe, oder in jene Tranquilizer, die aus jedem darüber hinausgehendem wir resultieren, was unweigerlich dann der Fall sei, so dieses abgrenzende wie formalisierte wir weniger als die Gattung benenne. Diese Einstellung mache sowohl frei, wie auch einsam, und er könne beim besten Willen nicht sagen, welches von diesen zwei Ereignissen ihn mehr berühre. So sei seine Antwort gewesen, an einen wohlwollenden Belehrenden, der ihn einmal bei einer Tasse Kaffee zu einer anderen Verhaltensweise ermuntern habe wollen.

Liebe sei, so fuhr er fort, jener durch nichts heilbare Schmerz, der sich unvermittelt einstelle, wenn der andere den Raum verlasse, und der sofort verflöge, sobald der andere den Raum wieder betrete. Im Verlauf der Zeit werde dieser Schmerz dann stets durch ein wohltuendes wie begründetes Vertrauen ersetzt. Er habe sie kennenlernen dürfen, so seine Worte, und auch jenes in ausreichendem Maße, was irrtümlich für Liebe gehalten , da noch keine Möglichkeit eines Vergleichs durch Erleben vorhanden gewesen sei.

Seiner Erfahrung nach sei jedes denkbare wir, so es jenseits von Grenzen angenommen, die durch Zeitspanne einer Begegnung durchlebt, durch gemeinsame Eigenschaften gekennzeichnet, da dieses wir stets jemand erfunden habe, es auf einer schlichten vereinfachenden Formel beruhe, was dazu führe, dass darüber unvermeidbar ein Stammesverhalten verstärkt, und der Intellekt degeneriere.

Und so sei jenes wir, dem er angehöre, nichts weiteres als aneinander gereihte Perlen von Begegnungen, gemeinsam körperlich durchschrittene und geteilte Räume, und deren Dauer. Und jene Zeit, die davon getragen, auf eine weitere Perle hoffen zu können …

Und dann kam mein Bus.

Fragment

 

Und kraulten sie durch schwankende Körper
die kopfunter auf den Wellen schwappen
an den Badestränden sonniger Urlaubstage,

es fiele ihnen ein, am Abend ja nicht zu vergessen,
bei der Reiseleitung vorzusprechen.

Wegen schriftlicher Bestätigung.
Da erforderlich, um – in der Heimat angekommen –
Anspruch auf Reisepreisminderung anzumelden.

Wäre ja doch etwas übertrieben gewesen,
was da mit „All inclusive“ angeboten.

Gleðilegt nýtt ár – Happy New Year – Bonne année – Gutes Neues Jahr!

Wieder ist ein Jahr rum. Was heißt, dass die Strecke der persönlichen Vergangenheit etwas länger, und die Strecke der persönlichen Zukunft etwas kürzer geworden. Es düfte sich daher vermutlich um einen Irrtum handeln, nehme einer an, dass die Isländer aus diesem Grund heraus auch noch Feuerwerkskörper in großen Mengen in die Luft jagen, neben der traditionellen Sitte, im Chor an Freudenfeuern Lieder über Elfen und dem unsichtbaren Volk zu singen.  Näher läge da die Antwort, dass die Organisation ICE-SAR  auf Ísland das ungeschriebene Monopol auf Feuerwerkskörper besitzt, und mit dem Erlös seine vielfältige Ausrüstung finanziert, um Leben zu retten. Es soll – so war zu hören – nach dem Bankencrash 2008 eine Person auf die Idee gekommen sein, ihren Lebensunterhalt damit zu bestreiten, indem sie konkurrierend zu ICE-SAR Feuerwerkskörper importierte und billiger verkaufte. Und dann diese Geschäftsidee erfolglos aufgegeben habe, da die Isländer lieber die teuren Feuerwerkskörper von ICE-SAR gekauft hätten. Offensichtlich ist das Lebensmotto „Geiz ist geil“ noch nicht bei allen Isländern angekommen.

So ist es nicht verwunderlich, dass zum Jahresende 2016 nicht irgendwelche Leute von RÚV zur Person des Jahres erklärt wurden, die aus irgendwelchen Gründen sich einen Namen gemacht hatten, und daher im abgelaufenen Jahr in die Schlagzeilen gerieten, sondern Namenlose. Also jene Menschen, die in den Gesprächsstoffen der von Schlagzeile zu Schlagzeile, von Aufgeregtheit zu Aufgeregtheit hechelnden wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaft nicht für erwähnenswert gehalten, da nicht der Rede wert: das unsichtbare Volk, das in Rettungseinheiten tätig ist. Was die Frage nach sich ziehe, was jenes wohl sein mag, das solche Leute, die im abgelaufenen Jahr in die Schlagzeilen gerieten, mehr ausgezeichnet haben mag als solche, die das Jahr dafür nutzten, um zum Beispiel in der Ferne  1.107 Menschen das Leben zu retten.

Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit besteht vermutlich darin, dass die Wahrnehmung im günstigsten Fall nur ein Segment der Wirklichkeit. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass nun auf Island durch den Massentourismus immer mehr Touristen auch im Winter mit Mietwagen sich aus den komfortablen Bereichen der Städte hinauswagen, und ihrem Selbstverständnis gemäß davon ausgehen, dass gesperrte Straßen nur für Isländer gelten, nicht aber für Touristen. Was dazu führte, dass die ehrenamtlichen Retter von ICE-SAR immer häufiger nicht wegen Notfällen in den Sturm hinausfuhren, sondern um das Leben eines eingebildeten und ignoranten Trottels zu retten. Da es auf Island Sitte ist,  von  geretteten Menschen kein Geld ausgerechnet dafür zu verlangen, da deren Leben gerettet wurde, befreien die Rettungsmannschaften allerdings nur Menschen  aus ihrer misslichen Lage, nicht jedoch deren fahrbaren Untersatz. Was unseres Erachtens eine sehr weise Entscheidung ist.

„Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht. Dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll, ist gewiss“ (Georg Christoph Lichtenberg)

 

In diesem Sinne wünscht die Redaktion, dass das kommende Jahr 2017 nur solche Ereignisse bescheren möge, die geeignet sind, alle mit Freude zu erfüllen.

„Teil des Seins eines Isländers“

Am 30. November veröffentlichte die New York Times einen Artikel der Autorin Kimiko de Freytas-Tamura über ein isländisches Phänomen: „On an Island Named for Ice, the Poets Are Just Getting Warmed Up„. Übersetzung aus dem Englischen:

Von KIMIKO DE FREYTAS-TAMURA NOV. 30, 2016:

Island, so scheint es, ist voll von versteckten Dichtern.

Wenn sie nicht ihrem Hauptberuf nachgeht, versucht sich eine große Anzahl der 330.000 Einwohner zählenden Insel in Versen, auch Politiker, Geschäftsleute, Pferdezüchter und Wissenschaftler, welche die genetische Isolation der Insel in der Verfolgung medizinischer Durchbrüche studieren. Selbst David Oddsson, der 2002 Ministerpräsident war (als die isländischen Banken privatisiert wurden) und Zentralbankpräsident im Jahr 2008 (als die Banken zusammenbrachen), ist ein ausgebildeter Dichter .

Birgitta Jonsdottir, die Anführerin der anarchistisch ausgerichteten Piratenpartei, die sich bei der gegenwärtigen Parlamentswahl sehr gut bewährt hat, beschreibt sich ziemlich hochfliegend als „Poetikerin“. Ihr erstes veröffentlichtes Gedicht „Schwarze Rosen“ schrieb sie, als sie 14 Jahre alt war, und drehte sich um einen nuklearen Holocaust.

Kari Stefansson, einer der weltweit führenden Genetiker und Gründer von Decode Genetics, erinnerte sich an ein Gedicht, das er 1996 schrieb, wenige Monate nach der Geburt von Dolly, dem geklonten Schaf.

„Ich war ein wenig depressiv“, sagte Herr Stefansson in seinem Büro, das mit seinen Schlitzfenstern und Computerbildschirmen ein wenig wie das Innere eines Raumschiffs aussah. „Einer meiner Wege, damit umzugehen, war, ein kleines Gedicht zu schreiben“, sagte er, bevor er fortfuhr, es zu rezitieren:

Wo finde ich, verloren in der Helligkeit eines sonnigen Tages,
das Glück eines unglücklichen Menschen.

Günstig nur, eine Kopie von sich selbst zu sein.
Alles andere stinkt.

Poesie ist ein nationaler Zeitvertreib, nicht eine besonders „fachliche Tätigkeit“, sagte Sveinn Yngvi Egilsson, Professor für isländische Literatur an der Universität von Island. „Sie ist ein Teil des Seins eines Isländers“, sagte er. „Ja, es ist charmant, nicht wahr?“

In früheren Zeiten waren Verse ein integraler Bestandteil der gesellschaftlichen Zusammenkünfte und wurden oft improvisiert, sagte er. Dichterwettbewerbe fanden statt, wobei die Preise an die witzigsten und schärfsten Verse gingen. Die beliebteste Versform, sagte er, wird „ferskeytla“ genannt, vier gereimte Strophen, die in zwei Teile aufgeteilt werden können.

Isländer sind ungewöhnlich fruchtbare Leser und Schriftsteller, und Gedichtbände neigen dazu, sich gut in Island zu verkaufen. Poesie war den Zahlen der Nationalbibliothek zufolge die drittgrößte Kategorie von Büchern, die im Lande im Jahr 2014 veröffentlicht wurden, nach Fiktion und Kunst. In diesem Jahr wurden weit mehr Poesie-Bücher in Island veröffentlicht, als Bücher über Wirtschaft oder öffentliche Verwaltung. (Es gab anscheinend überhaupt kein Buch über Finanzwirtschaft.)

Das kalte ozeanische Klima und lange Winternächte können auch etwas damit zu tun haben. „Die Leute bekommen gewöhnlich Langeweile, und sie versuchen, sich gegenseitig bei Laune zu halten“, sagte Professor Egilsson. „Einer dieser Wege ist die Poesie.“

Übersetzung: B. Pangerl

Gegen jede Einförmigkeit

troll-imadeWEB-1Wie jedes Jahr wurde am 16. November, dem Geburtstag des Dichters Jónas Hallgrímsson, auf Ísland der Tag der Isländischen Sprache gefeiert, und der Kultusminister vergab den Jónas- Hallgrímsson-Preis für wichtige Beiträge zur isländischen Literatur.

Dieses Jahr wurde der isländischer Dichter und Übersetzer Sigurður Pálsson ausgezeichnet. In seiner Dankesrede sprach Sigurður Pálsson über die Wichtigkeit von Sprachstudien:

Jener, dessen Sprache nur wenige Menschen verstehen, ist in der attraktiven Position,  gezwungen zu werden, eine andere Sprache zu lernen. Der Zwang ist sowohl süß  als auch lohnend. Eine andere Sprache zu lernen bringt die Fähigkeit für eine vielfältigere Einstellung zur Vielfalt der Welt hervor, und arbeitet gegen jede Einförmigkeit. Dies ist von entscheidender Bedeutung. Einförmigkeit ist nicht nur widerwärtig und uninteressant – sie ist gefährlich. Sie kann zu Isolation, Angst und Hass führen. Durch das Lernen fremder Sprachen stellen wir uns in andere Fußstapfen, und können deren tieferen Sinn verstehen. Sprachstudien umfassen nicht nur ein neues Vokabular, sondern auch eine andere Denkweise, eine andere Erinnerungssammlung, eine andere Weltanschauung, einen anderen kulturellen Reichtum.

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(Bild: Bernhild Vögel)

 

Übersetzung: B. Pangerl