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(be)

Der Zustände sind es sechs
in ein und desselben:

das gesprochene Wort
der geschriebene Satz
das erlebte Tun

das unterlassene Wort
das fehlende Dokument
die erfahrene Unterlassung.

Der Ereignisse sind es fünf
dem ein und dasselbe ausgesetzt:

was nottut
was verhindert
was ermöglicht
was entbehrlich
was gefällt.

Der Gebilde sind es vier
in ein und desselben:

der Lebensgefährte
die Nachkommen
der Freund
das darüber hinaus.

Der Erfahrung sind es drei
in ein und desselben:

der Widerstand
die Akzeptanz
die Gleichgültigkeit.

Der Beziehungen sind es zwei
in ein und desselben:

zu sich selbst
zu einem Gegenüber.

Ohne Zahl die Eins
in ein und desselben:

keine Länge
keine Breite
keine Höhe

: das Selbst.

Jenseits dessen –
: das Reich der Märchen.

Gleðilegt sumar!

Tilvera: “Was ist jenes, worauf einer mit dem Wort wir verweist?”

Ónytjungur: “Irgendetwas, zu dem sich einer zugehörig sieht,  was entweder notwendigerweise durch dessen Existenz bereits an sich gegeben, oder über eine simplifizierende Formel leicht zugänglich, was in der Regel dazu führt, dass sonstiges Vorhandene auf eine überschaubare Formel reduziert.”

Tilvera: “Was verstehst du unter Formel?”

Ónytjungur: “Die Umwandlung eines Zusammenhangs in eine Beschreibung. Wenn ich zum Beispiel meine Familie sage, dann beschreibe ich mit der Formel Familie jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich sowohl meiner Frau als auch meinen Kindern zugehörig bin.”

Tilvera: “Gut, dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise bei all jenen Lebewesen, deren Eigenschaft es ist, sich fortpflanzen zu können. Übst du nicht auch einen Beruf aus, und erfüllst in diesem eine bestimmte Rolle?”

Ónytjungur: “So ist es. Wenn ich zum Beispiel mein Team sage, dann beschreibe ich mit der Formel Team jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich jenen Kollegen zugehöre, die an der Erreichung eines bestimmten Ziels arbeiten.”

Tilvera : “Dabei zeige sich der Zusammenhang im gemeinsamen Ziel, nicht jedoch in Beruf und Rolle. Und gehörst du nicht einer Gattung an?”

Ónytjungur: “Auch das. Ich gehöre wie du der Gattung an, die Tröll genannt werden. Wenn ich zum Beispiel die Formel Tröll sage, dann beschreibe ich mit der Formel Tröll jenen Zusammenhang, der sich daraus ergibt, dass ich kein Schaf, kein Pferd, und auch keine andere Gattung bin, die sich signifikant von einem Tröll unterscheidet.”

Tilvera : “Gut, auch dieser Zusammenhang ergibt sich notwendigerweise durch die Tatsache, ein Lebewesen zu sein. So zählte ich jetzt schon drei wir bei dir, dabei stehe ich erst am Anfang meiner Möglichkeiten. Wie viele glaubst du, könnte ich noch finden?”

Ónytjungur: “Du weißt, dass du bei mir am Ende deiner Möglichkeiten angelangt. Du musst dich also an andere richten, wenn du weiterfragen möchtest.”

Tilvera : “Nun, du magst mir genügen. Wäre doch mit jeder weiteren Zugehörigkeit zu Irgendetwas nichts gewonnen, sondern nur verloren.”

Ónytjungur: “Du sprichst in Rätseln.”

Tilvera : “Keineswegs. Es dürfte selbst dir als Taugenichts einleuchten, dass umso komplexer die Formel, desto  geringer die Lust, diese verstehen zu wollen, da eine solche einerseits nicht eingängig,  und andererseits  sie keinen Beitrag leiste, um jenes fortzusetzen, was einfache Formel ermöglichten. Gegenüber einer komplexen Formel hat eine einfache Formel auch noch einerseits den Vorteil, dass sie leicht nachzusprechen wäre, was andererseits dazu führe, über diese  ein so genanntes Zusammengehörigkeitsgefühl generieren zu können …”

Ónytjungur: “… in der Form, dass darüber die einen hinzugezählt, somit die anderen ausgeschlossen, denn das eine ist nicht möglich ohne das andere …”

Tilvera : “… wie du ja bereits an drei Zusammenhängen aufzeigtest. Es dürfte auf der Hand liegen, dass umso mehr Zusammenhängen einer sich zugehörig fühle, desto größer sowohl  Möglichkeit wie Wahrscheinlichkeit , dass die Zugehörigkeit zu einem Zusammenhang in Konflikt gerate  mit der Zugehörigkeit zu einem anderen Zusammenhang.”

Ónytjungur: “Mit welcher Begründung?”

Sommeranfang, 20.04.2017, 23:36 Uhr

Tilvera : “Mit jener, dass Zusammenhänge, welche nicht notwendigerweise bereits durch die Tatsache gegeben, ein konkretes Individuum zu sein, solche sind, die stets durch eine simplifizierende Formel aufgestellt, welche die anderen vorhandenen künstlich geschaffenen Zusammenhänge nicht berücksichtigten, die aber nichtsdestoweniger dennoch vorhanden sind, und in aller Regel – je nach Ausprägung mehr oder weniger von solchen – sich in einem konkreten Individuum verknüpfen.”

Ónytjungur: “Du willst mir erzählen, dass simplifizierende Formeln in einem konkreten Individuum zwangsläufig Unheil  hervorrufen?”

Tilvera : “Das hängt von der Art der simplifizierenden Formel ab, und dem konkreten Individuum.”

Ónytjungur: “Es gibt nur eine Art simplifizierender Formeln. Ihr Merkmal ist, dass sie simplifizieren.”

Tilvera : “Das hängt davon ab, ob du mit simplifizierend eine übermäßige Vereinfachung oder eine zutreffende Vereinfachung meinst.”

Ónytjungur: “Und was wäre deiner Ansicht nach eine zutreffende Vereinfachung?

Tilvera : “Gesetzt den Fall, es gebe Lehre, deren Anwendung, und ein Resultat aus Anwendung …”

Ónytjungur: “Es gibt tausende Lehren, zahllose  Anwendung davon, und die Resultate …”

Tilvera : “Gemach, gemach. Gehen wir beide zuerst ganz allgemein einmal davon aus, eine Lehre stellte allgemeine und informatorische Behauptungen auf. Diese würden nun im Detail von einem konkreten Individuum auf einen besonderen Fall angewendet, der vom Allgemeinen insofern abweiche, dass dieser eben ein Detail sei, ist es dann nicht so, dass dieses konkrete Individuum dabei unweigerlich eine persönliche Erfahrung mache, was dazu führe, dass er diese Erfahrung als Lehre kodifiziere, und mit jedem solchen Ereignis den Kreislauf erneut beginne?”

Ónytjungur: “Wäre dem nicht so, wozu dann Lehre, Anwendung und Resultat?”

Tilvera : “Gut. Wie kann es dann aber dazu kommen, dass es Zusammenhänge gibt, welche Lehren dennoch aufrecht erhalten, obschon die konkrete persönliche Erfahrung eines Individuums dieser eklatant wiederspreche, dennoch solche Zusammenhänge ungerührt weiterhin behaupten, sie würden  individuelle Erfahrung repräsentieren?”

Ónytjungur: “Möglicherweise aufgrund des gleichen Musters, anhand dessen Individuen davon ausgehen, es gebe Frühling, Sommer, Herbst und Winter, dies sei überall so, und falls nicht, dann habe es eben so zu sein?”

Tilvera : “So ungefähr.”

Ónytjungur: “Nun, es gibt hier seit jeher nur Winter und Sommer, wie du weißt. Die Vorgabe, es habe aber so zu sein, dass es auch Frühling und Herbst gebe, wäre hier nur als grober Unfug eingestuft, da das Wetter ja bis heute noch nicht einmal dazu zu bewegen war, sich wenigstens an die Vorgaben Winter und Sommer zu halten.”

Tilvera : “Gut, dass du mich daran erinnerst. Heute ist ja gesetzlicher Feiertag, da der Sommeranfang gebührend begrüßt werde. Gleðilegt sumar, Ónytjungur!”

Ónytjungur: ” Gleðilegt sumar,  Tilvera”.

Im Wahrnehmungsgefängnis

Ónytjungur: “Was bringst du Neues aus der Welt der seltsamen Wesen, die immer zahlreicher die Gegend hier heimsuchen?”

Tilvera: “Es ist die Rede davon, dass jeder Schwachkopf, der den freien Willen in Frage stelle, seinen freien Willen dazu benutze, um eine Theorie zu entwickeln.”

Ónytjungur: “Und wie verhält es sich bei jenen, die darüber keine Theorie entwickeln?”

Tilvera: “Befinden sich, so der Erkennende, ebenso in einem Wahrnehmungsgefängnis. Aus diesem heraus erkenne er, dass das produktivste Vermögen die Fantasie sei.”

Ónytjungur: “Meint er mit dem Eigenschaftswort produktiv nun jenes Vermögen, viele konkrete Ergebnisse hervorbringen zu können, oder das Vermögen, schöpferisch sein zu können?”

Tilvera: “Worin läge der Unterschied?”

(Bild: Bernhild Vögel)

Ónytjungur: “Nun, gesetzt den Fall, seine Aussage treffe zu, dass er sich in einem Wahrnehmungsgefängnis befinde, wäre er ja außerstande, konkrete Ergebnisse hervorbringen zu können, könne also nur schöpferisch unterwegs sein, in dem Sinne, dass er zum Beispiel  die These aufstelle, Trolle hätten knubbelige Nasen, und würden grobe Späße treiben.  Nun ist der Vorgang, eine These aufzustellen, dass Trolle knubbelige Nasen hätten und grobe Späße treiben würden, nicht weniger oder mehr schöpferisch als die These, dass das Ding da in deiner Hand ein Apfel sei, er für Trolle genießbar wäre, sie damit ihren leeren Magen füllen könnten, und daran auch keineswegs zugrunde gehen würden, sondern nur nicht verhungerten. Die erste These wäre wie die zweite These schöpferisch, allerdings entbehrte die erste These der Eigenschaft, ein konkretes Ergebnis im Sinne von Tatsache hervorgebracht zu haben, und es ist unschwer zu erkennen, dass die erste These so abwegig ist wie die zweite zutreffend.”

Tilvera: “Er sagt, es hätte bei ihm eine Einsicht gezündet.  Die Menschen würden nur aneinander vorbeileben, sich einander nicht verstehen, sondern sich nur Bilder voneinander machen und sich überstülpen.”

Ónytjungur: “Wie kommt’s? Schließt er von sich auf andere?”

Tilvera: “Er sagt, es gebe kein höheres Ziel, denn so sei der Begriff der Evolution konzipiert. Es gebe zwar eine Höherentwicklung des Lebens, aber dies geschehe nicht aus zielgerichtetem Geschehen, sondern aus Zufallsgeschehen. Es würden jene selektiert, welche die besten Überlebenschancen hätten.”

Ónytjungur: “In der Tat. Als ich vor ein paar Jahrzehnten bei strömendem Regen über einen dieser gepflasterten Gehwege  unten im Park lief, zertrat ich aus Versehen ein paar Regenwürmer, die sich dort in Sicherheit gebracht hatten. Ihr Unglück war, dass sie hierfür sich den falschen Ort zur falschen Zeit aussuchten, wie all jene zerquetschten Regenwürmer verrieten, die vor mir bereits Fußgänger zertreten hatten. Es ist auch unbekannt, ob es sich dabei um Regenwürmer handelte, die dabei der Tod bereits ereilte, bevor sie sich fortpflanzen konnten, wie auch unbekannt, ob es sich dabei um Regenwürmer handelte, die mit Intelligenz begabt waren, oder nur um Dummköpfe. Wie auch immer, jene Regenwürmer, die sich zu jenem Zeitpunkt im Gras aufhielten, hatten sich danach fortgepflanzt. Da die Lebenserwartung der Regenwürmer zwei Jahre beträgt, müsste sich dort nun unten im Park mittlerweile die 25. Generation tummeln. Genau gesagt nur jene, die bei all den zahllosen Regenfällen der letzten Jahrzehnte nicht ausgerechnet gerade in dem Augenblick den Gehweg als einzige Zuflucht vorfanden. Nun sage mir, meint er damit jene, wenn er sagt, diese wurden nur deswegen selektiert, weil diese die besten Überlebenschancen gehabt hätten?”

Tilvera: “Nun, er geht von Rückkoppelung aus.”

Ónytjungur: “Von negativer oder positiver?”

Tilvera: “Von positiver.”

Ónytjungur: “Demnach davon, dass desto mehr, umso mehr, und desto weniger, umso weniger?”

Tilvera: “So scheint es. Er sieht Sinninseln.  Es gebe keinen Sinn, außer er werde erzeugt.”

Ónytjungur: “Und was wird unter Sinn verstanden?”

Tilvera: “Sinn sei etwas, was Einzelne oder auch ganze Kulturen, ganze Kollektive, als produktives Vermögen erzeugen in der Art und Weise, wie sie ihr Leben organisieren. Er ist der Ansicht, dass im Falle, einer hätte das Gefühl, dass sein Leben sinnlos sei, er damit eigentlich sage, dass er ein zusammenhangloses Leben führe.”

Ónytjungur: “Wäre er Philosoph, so wüsste er, dass heutzutage nur noch entweder ein zusammenhangloses Leben oder ein an Blauäugigkeit kaum zu überbietendes Leben möglich.”

Tilvera: “Mit welcher Begründung?”

Ónytjungur: “Schon einmal vom Rabbit Proof Fence gehört?”

Tilvera: “Ein Farmer führte einst in Australien 24 Karnickel ein, damit er sich dort besser heimisch fühlen könne, da …”

Ónytjungur: “Verhält es sich nicht so, dass jeder Einzelne, so er sich einem  Zusammenhang  zugehörig wähne, sich de-facto nur irgendeinem Zusammenhang anschlösse, der nur  irgendeine winzig kleine Teilmenge aller tatsächlich vorhandenen Zusammenhänge wäre? Somit alle weiteren vorhandenen Zusammenhänge schlicht und ergreifend ignorierte?”

Tilvera: “Er sagt, Schopenhauer hätte gesagt, dass die Erde ein erkalteter Planet mit einem Schimmelüberzug von Leben sei, und der Schimmel die Eigenschaft hätte, sich überall auszubreiten, auch ziemlich unappetitlich sei, es aber in­mitten des Schimmels gemütlich und warm wäre. Dies sei allerdings nur eine Metapher gewesen.”

Ónytjungur: “Beschrieb er dabei nicht jenes, was sich da bis auf den heutigen Tag zeige? Und bestünde der Sinn dessen nun darin, dass sich einer einem Zusammenhang anschließe, der nur  irgendeine winzig kleine Teilmenge aller tatsächlich vorhandenen Zusammenhänge sein kann, nur um es etwas gemütlich und warm zu haben?”

Tunnelblick

Wer durch ein Tunnel schreitet, kennt nur den Weg vor sich. Nichts, was ablenken könnte.  Jeder Tunnel hat den Vorteil, über Anfang und Ende zu verfügen. Im anderen Falle wäre er eine Höhle.

Tunnel wie Höhle zeichnen sich dadurch aus, dass die eigene Stimme nicht im Irgendwo verhallt, sondern zurückgeworfen auf den Sprechenden. Selbst der Tunnel, der mit dem Wort Leben bezeichnet, verfügt über einen Anfang, und ein Ende. Dass der Tunnel durchschritten wurde, sagen jene Spuren, welche auf dem Weg mit der Zeit verwehen.  Die Spuren trennen Realität von Illusion:

“Da es keine Wege gibt, auf denen sich nichts erfahren ließe, wäre jede Vorschrift über Wege, die zu begehen seien, Ausprägung vorhandenen Unwissens. Gibt es doch nur nützliche und nutzlose Wege, und wer könne da wissen, da jeder Weg nur ein einziges Mal begangen wird, und  danach für niemandem mehr begehbar.

Hier ging kein Skeptiker. Denn er war unfähig, eine mögliche Erkenntnis von Wirklichkeit von vornherein auszuschließen.

Hier ging auch kein Pessimist. Denn in der Annahme, dass sich eine pessimistische Sicht auf die Zukunft bestätigen werde, ist der Pessimist stets optimistisch unterwegs.

Er sei nur ein Fragender, und dies aus gutem Grund. Er sei ein Antwortender, denn seine Frage sei seine Antwort.

Er habe gelernt, Ja zu sagen. Wie er gelernt habe, Nein zu sagen. Er habe gelernt, dass es sinnvoll sei, sich stets zu rechtfertigen, und Rechenschaft abzulegen. Ihm selbst gegenüber, nicht Anderen. Denn was ihm Pflicht, brauche nicht Pflicht anderer sein. Gebe es doch keinen Unterschied zwischen Rechtfertigung, und dem Versuch, einen anderen bekehren zu wollen.

Er habe gelernt, Fehler einzugestehen. Denn die Erfahrung habe ihm gezeigt, dass die Menge seiner Dummheiten die Menge seiner richtigen Entscheidungen bei Weitem übertraf.

Und komme da einer, und hielte ihm vor, er hätte an einem Tunnelblick gelitten, so wäre solchem zu antworten, dass als Gewinn hierfür den Augen nicht der Weg verloren ging.”

Falschmeldung

Ónytjungur: “Was bringst du Neues von deiner Reise? Ich frage nur, da ich diesen Winter  jeden Tag hier ein seltsames Ereignis beobachte.”

Tilvera: “Und was soll deiner Ansicht nach seltsam sein?”

Ónytjungur: “Hast du keine Augen mehr im Kopf? Die Berge ringsum weinen jeden Tag schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid!”

Tilvera: “In der Tat. Seit die Wissenschaftler das Klima hier aufzeichnen, so ist zu hören, war es zu keiner Zeit hier um diese Zeit so warm. Stürme lassen das Mittagsland, das sich aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer selbst Abendland nennt, nun schon das zweite Jahr rechts liegen, und pusten die warme Luft im Winter lieber in den Norden. Und so ist es nun am Nordpol gerade mal so kalt wie in den Städten des Mittagslandes.”

Ónytjungur: “Du treibst üblen Schabernack mit mir.”

Tilvera: “Keineswegs. Es ist aber nichts, worüber du dir Sorgen machen solltest.”

Ónytjungur: “Soso. Glaube, mich daran erinnern zu können, dass ich dich dahingehend nicht um Rat gebeten hatte.”

Tilvera: “Nun, er ist auch kostenfrei. Ich bringe dir frohe Kunde. Ein Heiland ist uns geboren, er trat aus der Bedeutungslosigkeit hervor, von jubelndem Volk empor getragen in den Olymp. Nun sitzet er zu Rechten der Wissenschaftler, und lehrt sie. Es ist endlich das Ende des Zeitalters angebrochen, in welchem renomierte Forscher  ungerechtfertigterweise ihre Forschungsergebnisse aus langjähriger und akribischer Forschung als ermittelte Fakten ausgeben durften.”

Ónytjungur: “Forschung ist Betrug, deren Ergebnisse eine Lüge? Hirngespinste?”

Tilvera: “Nun, es verhält sich so, dass auch das geozentrische System damals besser mit jenem übereinstimmte, was  damals als gesunder Menschenverstand angesehen.”

Ónytjungur: “So ist also den Professoren ein Professor entwachsen, der nun Professor der Professoren?”

Tilvera: “Nicht ganz. Missgünstige Rivalen hatten zu seinem großen Leidwesen nichts unversucht gelassen,  um zu verhindern, dass er zeitlebens sein Genie durch Lehre und Studium erprobe. Und so war er verurteilt, sich mit dem Titel eines Bachelors abspeisen zu lassen, nicht einmal zu einem Masterstudiengang wurde er zugelassen.”

Ónytjungur: “Es kann der Klügste nicht studieren, was arge Missgunst ihm verweigert. Gibt es den Grad eines Bachelors in der Klimaforschung?”

Tilvera: “Nun, der Forschungsbereich, in dem er studierte, war mehr im Bereich Immobilienwirtschaft.”

Ónytjungur: “Dann dürfte er Kenntnisse erworben haben, wie die Häuser in Zukunft zu bauen sind, damit sie den starken Stürmen standhalten, mit denen hier auf Grund des Rückgangs des arktischen Eises gerechnet wird.”

Tilvera: “Nicht ganz. Bei seiner Forschungsarbeit ging es mehr um den Kauf und Verkauf von Immobilien.”

Ónytjungur: “Also darum, mit welcher Methode einer eine Immobilie am besten kauft, solange diese noch intakt ist, …”

Tilvera: “… und mit welcher Methode er sie am gewinnbringendsten verkauft, bevor sie zerstört ist. So ungefähr.”

Ónytjungur: “Und diese Person wurde nun in den Rang eines Professors der Professoren berufen?”

Tilvera: “Nicht ganz. Du kennst ja die Missgunst, die Genies Allerortens entgegenschlägt. Aber es bekümmert ihn nicht.”

Ónytjungur: “Darin zeigt sich wahre Größe.  So ist also über kurz oder lang damit zu rechnen, dass die Berge hier ringsum im Winter nicht mehr schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid weinen, und der Winter eines Tages wieder zurückkehrt, so wie ihn die Einheimischen bisher gewohnt waren.”

Tilvera: “Nun, es gibt Verdachtsmomente, die besagen, dass es durchaus ein anderes Ende nehmen könnte.”

Ónytjungur: “Inwiefern?”

Tilvera: “Das Genie schätzt Golfplätze und Luxus-Ressorts.”

Ónytjungur: “Und?”

Tilvera: “Es ist folglich durchaus denkbar, dass seine überwältigende Weisheit dazu führt, dass deine Enkelkinder eines Tages aus diesem Grund nicht mehr im Winter auf die Kanaren zu fliegen brauchen, sondern gleich hier bleiben können.”

Ónytjungur: “Was hat das eine mit dem anderen zu schaffen?”

Tilvera: “Ich erinnere dich daran, dass sein Forschungsbereich der Kauf und Verkauf von Immobilien ist. Ein Luxus-Ressort mit Golfplatz ist eine Immobilie. Hast du schon jemals Golf auf einer Schneedecke gespielt?”

Ónytjungur: “Du weißt, dass ich im Falle, mich überfiele die Langeweile, bereits vollständig damit ausgelastet bin, faustgroße Steine mit meinem rechten Fuß in den See dort drüben zu kicken. Wozu sollte ich mir dann anderes Spielzeug zulegen wollen?”

Tilvera: “Steht dein Stein, den du dein Zuhause nennst, nicht an einem malerischen Plätzchen Erde?”

Ónytjungur: “Schon seit der Landnahme. Unwissende erzählen, hier würden sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Dabei gibt es hier gar keine Hasen, sondern nur Füchse.”

Tilvera: “Dann kann ich dir einen Bericht aus Schottland empfehlen. Aber Vorsicht, es gibt Leute, die behaupten, es würde sich um eine Falschmeldung handeln. Bei jenem, was Deine Augen dort sehen, könnte es sich durchaus auch um eine Fata Morgana handeln. Also um ein Trugbild.”

Ónytjungur: “Ich soll meinen Augen nicht mehr trauen können?”

Tilvera: “Es wurde ex cathedra verkündet. Er ist die Wahrheit und das Licht. Jenseits davon ist seitdem nur noch Lügenpresse, und  der Feind des Volkes möglich.”

Ónytjungur: “Lass mich raten, wer das Volk ist, und wer nicht, weiß er auch.”

Tilvera: “Das lässt sich in solchen Fällen immer leicht feststellen. Wer seine Stiefel leckt, gehört zum Volk, und wer sich weigert, ist der Feind des Volkes.”

Ónytjungur: “Da ist es doch gut, dass wir beide Trolle sind.”

Tilvera: “Was soll daran gut sein?”

Ónytjungur: “Trolle tragen gar keine Stiefel. Und wenn sie etwas lecken, dann nur leckere Eiscreme.”

Bushaltestelle

(Bild: Bernhild Vögel)

 

Er gewähre allen Menschen, denen er begegne, einen Vorschuss an Freundlichkeit. Solcher Art, dass sein Tun oder sein  Unterlassen nicht irrtümlich als Ausdruck von Höflichkeit auszulegen sei. Denn er verabscheue Höflichkeit abgrundtief. Sie sei ihm die perfekteste Lüge, die sich als Rücksichtnahme auszugeben versteht.

Allerdings gewähre er den Vorschuss an Freundlichkeit nicht bedingungslos. Sähe er seine Freundlichkeit abgelehnt, oder gar missbraucht, und selbst er könne nicht sagen, nach welchem Maßstab er zu einer solchen Feststellung komme, ersetze er Freundlichkeit durch undurchdringbare Distanz. Bereits ein gemeinsamer Aufenthalt im gleichen Raum werde ihm dann unerträglich, mochte der Raum auch so groß sein, dass nur der Zufall den Weg des Anderen seinen Weg kreuzen könne. Er gäbe sogleich seine ursprüngliche Absicht auf, sobald er einer solchen Person gewahr werde, und verließe umgehend den Ort. Jeder andere Ort gelte ihm dann angenehmer, keine Anstrengung wäre ihm daraufhin anstrengend genug, und jegliches andere Angebot sei ihm willkommener, sei dies auch nur eine Bushaltestelle in einer eisigen Winternacht.

Das Leben sei nichts anderes als der nahtlose Übergang von der unvoreingenommenen Neugier zu begründeter Skepsis, oder in die Liebe, oder in jene Tranquilizer, die aus jedem darüber hinausgehendem wir resultieren, was unweigerlich dann der Fall sei, so dieses abgrenzende wie formalisierte wir weniger als die Gattung benenne. Diese Einstellung mache sowohl frei, wie auch einsam, und er könne beim besten Willen nicht sagen, welches von diesen zwei Ereignissen ihn mehr berühre. So sei seine Antwort gewesen, an einen wohlwollenden Belehrenden, der ihn einmal bei einer Tasse Kaffee zu einer anderen Verhaltensweise ermuntern habe wollen.

Liebe sei, so fuhr er fort, jener durch nichts heilbare Schmerz, der sich unvermittelt einstelle, wenn der andere den Raum verlasse, und der sofort verflöge, sobald der andere den Raum wieder betrete. Im Verlauf der Zeit werde dieser Schmerz dann stets durch ein wohltuendes wie begründetes Vertrauen ersetzt. Er habe sie kennenlernen dürfen, so seine Worte, und auch jenes in ausreichendem Maße, was irrtümlich für Liebe gehalten , da noch keine Möglichkeit eines Vergleichs durch Erleben vorhanden gewesen sei.

Seiner Erfahrung nach sei jedes denkbare wir, so es jenseits von Grenzen angenommen, die durch Zeitspanne einer Begegnung durchlebt, durch gemeinsame Eigenschaften gekennzeichnet, da dieses wir stets jemand erfunden habe, es auf einer schlichten vereinfachenden Formel beruhe, was dazu führe, dass darüber unvermeidbar ein Stammesverhalten verstärkt, und der Intellekt degeneriere.

Und so sei jenes wir, dem er angehöre, nichts weiteres als aneinander gereihte Perlen von Begegnungen, gemeinsam körperlich durchschrittene und geteilte Räume, und deren Dauer. Und jene Zeit, die davon getragen, auf eine weitere Perle hoffen zu können …

Und dann kam mein Bus.

Fragment

 

Und kraulten sie durch schwankende Körper
die kopfunter auf den Wellen schwappen
an den Badestränden sonniger Urlaubstage,

es fiele ihnen ein, am Abend ja nicht zu vergessen,
bei der Reiseleitung vorzusprechen.

Wegen schriftlicher Bestätigung.
Da erforderlich, um – in der Heimat angekommen –
Anspruch auf Reisepreisminderung anzumelden.

Wäre ja doch etwas übertrieben gewesen,
was da mit “All inclusive” angeboten.

þanki

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: “Du warst lange Zeit unterwegs. Du weißt Neues zu berichten?”

Tilvera: “Nur über jenes, was Geschichte genannt, womit nicht Erzählung gemeint, sondern Entwicklung, im Sinne entstehender Gesellschaften. Sie suchen nun nach Veränderungen im Erleben und Verhalten, die zeitlich überdauern, und aufeinander aufbauen.”

Ónytjungur: “Wie? Ist ihnen noch nicht genug, was bisher angerichtet?”

Tilvera: “Es geht ihnen um die Anerkennung, Urinstinkte ausleben zu dürfen.”

Ónytjungur: “Als da sind?”

Tilvera: “Zum Beispiel die Angst. Diese habe über Jahrmillionen die Arterhaltung mitgesichert. Daher sei aufklären und Ungebildetheit anprangern die falsche Antwort. Entsteht Angst, würden die Urinstinkte geweckt, und diese seien brutal, und vertrügen sich nicht mit gebildetem Denken.”

Ónytjungur: “Interessant, Urinstinkte lehnen Information und öffentlichen Tadel ab. Richtet sich jenes, was da nun Urinstinkt genannt, nicht gegen die eigene Art, gegen Menschen? Sind die Opfer in deren Augen wieder einmal keine Menschen mehr, oder wird da nur Urinstinkt genannt, was kein Urinstinkt ist?  Und was ist denken?”

p1030140
(Bild: Bernhild Vögel)

Tilvera: “Eine berechtigte Frage. Es entstand aus dem mittelhochdeutschen Wort þanki.

Ónytjungur: “Aber þanki ist ein Ergebnis, und keine Tätigkeit. Wie kam es zu solchem Unsinn?”

Tilvera: “Ich weiß. þanki  ist das Wort für jenes, was in einer anderen Sprach Idee genannt.”

Ónytjungur: “Wurde das Wort Idee nicht dem Griechischen entnommen?”

Tilvera: “Sie haben eine Rangordnung festgelegt, im Sinne von Sortierung mehrerer vergleichbarer Objekte zum Zwecke einer Bewertung, und in dieser steht Idee über Wirklichkeit.”

Ónytjungur:þunk ist þank? Mir dünkt, ergo denk ich? Ist mit der Tätigkeit dünken  nicht bezeichnet, dass da einem etwas so vorkomme, es ihm als ob erscheine, anmute? Und beruhen nicht Ideen auf demselben? Wozu dann zwei Wörter für dasselbe? Ist doch, was mit denken bezeichnet, nichts anderes als dünken. War ihnen dünken nicht ausreichend, so dass sie aus dem Begriff þanki, also Idee, ein Tunwort erzeugen mussten?”

Tilvera: “Nun, vielleicht deckte das Wort dünken nicht ab, was denken abdecke.”

Ónytjungur: “Soso.  Und was wird getan, wenn einer denkt, und nicht dünkt?”

Tilvera: “Ich denke, also bin ich.”

Ónytjungur: “Wäre das auch nicht schon erreicht, wenn mir etwas deuchte, also dünke?”

Tilvera: “Zweifellos. Dann wären aber bestimmte Aussagen nicht mehr möglich.”

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Gedanke – Idee

Ónytjungur: “Als da wären?”

Tilvera: “Zum Beispiel: Was denkst du.”

Ónytjungur: “Und wozu fragst du nicht: Was überlegst du?”

Tilvera: “Oder:  Ich habe ihm was zu denken gegeben.”

Ónytjungur: “Und wozu teilst du mir nicht mit: Ich habe ihm was zu überlegen gegeben?”

Tilvera: “Da wäre noch: was denkst du darüber.”

Ónytjungur: “Und wozu fragst du nicht: wie urteilst du darüber?”

Tilvera: “Es ginge auch nicht mehr die Feststellung: wer hätte das von dir gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du mir nicht: wer hätte das von dir geglaubt?”

Tilvera: “Es wäre auch die Mitteilung nicht mehr möglich: das war für ihn gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu teilst du mir nicht mit: das war für ihn bestimmt?”

Tilvera: “Ich könnte auch nicht mehr sagen: ich habe mir nichts Böses dabei gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du nicht: ich habe dabei nichts Böses beabsichtigt?”

Tilvera: “Ich könnte auch nicht mehr sagen: das habe ich mir gleich gedacht.”

Ónytjungur: “Und wozu sagst du nicht: das habe ich mir gleich vorgestellt?”

Tilvera: “Findest du nicht, dass du ein Wortklauber bist?”

Ónytjungur: “Ist das deine Antwort auf meine Frage nach dem wozu? Dann düfte das Tunwort denken wohl mehr bei einer fixen Idee anzusiedeln sein, und nicht bei Gedanke, also bei kredda, und nicht bei hugur. Soll ich deiner Ansicht nach langsam zu verstehen beginnen, aus welchem tieferen Grund es das Tunwort denken nicht in allen Sprachen gibt?”

Tilvera: “Nun, dieses Tunwort bezeichnet eine Zusammenfassung der Tätigkeiten überlegen, urteilen, erinnern, glauben, bestimmen, vorstellen, meinen und beabsichtigen.”

Ónytjungur: “Und was ist das Ergebnis, wenn ich Äpfel, Unterhosen, Schraubenzieher und Kartoffeln zusammenrühre? Apfelmus? Kartoffelbrei? Dann wäre wenigstens nachvollziehbar, dass im Ergebnis über dieses Wort nur eine diffuse Vorstellung herstellbar, da zum Einen völlig undeutlich, und zum Anderen eine erforderliche Abgrenzung unterschlagend.”

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Differenzierung Eigenschaft “dumm”

Tilvera: “Wie bereits festgestellt, du bist nichts anderes als ein Wortklauber. Das rein Geistige wird dir stets fremd sein, wenn du so weiter machst. Bist du dumm?”

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“Vernunft”

Ónytjungur: “Das lässt sich wohl nicht vermeiden. Insbesonders dann, wenn mich einer dahingehend belehren möchte, dass ich mich vor einer Diktatur der Vernünftigen zu fürchten habe. Offensichtlich ist einem solchen unbekannt, was hierzulande unter dem Wort Vernunft verstanden wird. Aus diesem Grund  ziehe ich dem rein Geistigen vor, auf Erfahrung beruhend, und durch systematische Beobachtung, zu einer vorläufigen Annahme zu kommen, diese dann zu untersuchen, um dann zu versuchen, ob ich das auf solche Art und Weise  Aufgefundene mir selbst gegenüber erklären könne.”

Tilvera: “Und? Kannst du?”

Ónytjungur: “Kaum. Es zerrinnen mir die Wörter bei genauerer Inspektion wie Sand zwischen den Fingern. Und beschränke mich daher lieber  auf die Wörter überlegen, urteilen, erinnern, glauben, bestimmen, vorstellen, meinen und beabsichtigen. Sind doch diese Tätigkeiten für mich nachvollziehbar.”

Tilvera: “Dann wird aus dir nie ein Denker.”

Ónytjungur: “Wer sagt, dass ich beabsichtige, ein solcher eines Tages zu werden? Mir genügte schon, würde ich eines Tages wenigstens einen geringen Teil von dem verstehen, was anderen begreiflich.”

Gegen jede Einförmigkeit

troll-imadeWEB-1Wie jedes Jahr wurde am 16. November, dem Geburtstag des Dichters Jónas Hallgrímsson, auf Ísland der Tag der Isländischen Sprache gefeiert, und der Kultusminister vergab den Jónas- Hallgrímsson-Preis für wichtige Beiträge zur isländischen Literatur.

Dieses Jahr wurde der isländischer Dichter und Übersetzer Sigurður Pálsson ausgezeichnet. In seiner Dankesrede sprach Sigurður Pálsson über die Wichtigkeit von Sprachstudien:

Jener, dessen Sprache nur wenige Menschen verstehen, ist in der attraktiven Position,  gezwungen zu werden, eine andere Sprache zu lernen. Der Zwang ist sowohl süß  als auch lohnend. Eine andere Sprache zu lernen bringt die Fähigkeit für eine vielfältigere Einstellung zur Vielfalt der Welt hervor, und arbeitet gegen jede Einförmigkeit. Dies ist von entscheidender Bedeutung. Einförmigkeit ist nicht nur widerwärtig und uninteressant – sie ist gefährlich. Sie kann zu Isolation, Angst und Hass führen. Durch das Lernen fremder Sprachen stellen wir uns in andere Fußstapfen, und können deren tieferen Sinn verstehen. Sprachstudien umfassen nicht nur ein neues Vokabular, sondern auch eine andere Denkweise, eine andere Erinnerungssammlung, eine andere Weltanschauung, einen anderen kulturellen Reichtum.

spor
(Bild: Bernhild Vögel)

 

Übersetzung: B. Pangerl