Was wäre, wenn …

Ob Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren, ist Gegenstand der Methode  „Efsaga“ („Was wäre wenn“)  an der Universität Reykjavík, Fakultät für Geschichte und Philosophie:

Die Menschen haben lange gefragt, was in der Geschichte der Menschheit passieren konnte, aber nicht geschah. Was, wenn in der Antike die Perser Griechenland besetzt hätten? Was, wenn der Süden im amerikanischen Bürgerkrieg gesiegt hätte? Was wäre, wenn Hitler im Ersten Weltkrieg gefallen wäre? Es kann sicherlich Spaß machen, Fragen dieser Art zu berücksichtigen, aber haben sie einen gewissen Wert in der Geschichte? Der Vortrag wird zu dem Schluss kommen, dass dies ohne zu zögern zu bejahen ist. Reflexionen darüber, was hätte geschehen können, helfen uns besser zu verstehen, warum es so war; was fast unvermeidlich war, und was reiner Zufall und Laune des Schicksals war.“

Ein Ergebnis aus der Frage „Was wäre, wenn“ hat 2012 die Redaktion der Zeitung Lemurinn präsentiert:

http://lemurinn.is/2012/08/20/hitler-a-thingvollum/

Übersetzung:  „Der Führer gab seiner Bewunderung für den Naturpark Ausdruck und sagte wörtlich: Es ist bemerkenswert, hier an diesem Ort zu stehen, wo die nordische Rasse ihre goldene Ära im Mittelalter hatte. Nun, da Island vom britischen Imperialismus und der jüdischen kapitalistischen Verschwörung befreit worden ist, wird die nordische Kultur in Thingvellir wieder aufstehen.“

Da dieser Besuch nicht stattfand, brauchte der Gröfaz die von den Isländern sicherlich gestellte Frage nicht beantworten, ob er eine Überdosis an Schwefelgasen abbekommen habe, denn eine Überdosis würde zu ernsten Gefäßschäden im Gehirn führen, und was denn das sein solle, die „nordische Rasse“, denn auf Ísland gebe es dergleichen nicht, habe es auch zu keiner Zeit gegeben, zudem wäre den Isländern die Pflicht zu Gehorsam und Unterordnung ein fremder Gedanke, und außerdem sei ihre Kultur zu keiner Zeit gestorben, so dass sie gar nicht auferstehen könne.

Einer der Forscher der Universität Reykjavík hat kürzlich eine andere Rolle übernommen:

http://gudnith.is/efni/um_mig_english

Ein Doktor der Philosophie kann durchaus auch ein sehr subtiler Staatspräsident sein. Erst kürzlich  änderte der isländische Staatspräsident kurzfristig seine Pläne hinsichtlich der Begrüßung syrischer Kriegsflüchtlinge,  und  empfing die Zuflucht suchenden Menschen plötzlich nicht wie ursprünglich geplant am Flughafen, sondern lud sie kurzerhand in seine Residenz ein, kurz nachdem eine weltbekannte Person in der USA ein Einreiseverbot unterschrieb :

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/01/30/icelandic_president_invites_syrian_refugees_to_his_/

Nun erzählte er bei einem Vortrag die etwas seltsame Geschichte, er würde Ananas auf Pizzas verbieten. Ein etwas sonderbarer Vorgang bei einem Doktor der Philosophie. Als Ahnungslose  sich daraufhin ereiferten, war das vermutlich angestrebte Ziel der lustigen Bemerkung erreicht, und eröffnete ihm die sicherlich willkommene Gelegenheit, ganz unverdächtig auf die Unterschiede zwischen isländischem und amerikanischem System hinzuweisen:

http://icelandmonitor.mbl.is/news/politics_and_society/2017/02/22/icelandic_president_releases_a_statement_on_pineapp/

Seine vorhersehbare Replik auf Facebook:

„Ich mag Ananas sehr, nur nicht auf der Pizza. Ich kann kein Verbot erlassen, das Leuten verbietet, Ananas auf Pizzas zu setzen. Ich mag keine solchen Kräfte haben. Präsidenten haben nicht die absolute Macht. Ich würde dieses Amt nicht bekleiden wollen, wenn ich ein Gesetz setzen könnte, das verbietet, was ich nicht mag. Ich würde nicht in einem solchen Land leben wollen. Ich empfehle Pizza mit Meeresfrüchten.“

Die amüsante Episode wird wohl als die „Ananas-auf-Pizza-Affäre“ in die isländische Geschichtsschreibung eingehen.

Falschmeldung

Ónytjungur: „Was bringst du Neues von deiner Reise? Ich frage nur, da ich diesen Winter  jeden Tag hier ein seltsames Ereignis beobachte.“

Tilvera: „Und was soll deiner Ansicht nach seltsam sein?“

Ónytjungur: „Hast du keine Augen mehr im Kopf? Die Berge ringsum weinen jeden Tag schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid!“

Tilvera: „In der Tat. Seit die Wissenschaftler das Klima hier aufzeichnen, so ist zu hören, war es zu keiner Zeit hier um diese Zeit so warm. Stürme lassen das Mittagsland, das sich aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer selbst Abendland nennt, nun schon das zweite Jahr rechts liegen, und pusten die warme Luft im Winter lieber in den Norden. Und so ist es nun am Nordpol gerade mal so kalt wie in den Städten des Mittagslandes.“

Ónytjungur: „Du treibst üblen Schabernack mit mir.“

Tilvera: „Keineswegs. Es ist aber nichts, worüber du dir Sorgen machen solltest.“

Ónytjungur: „Soso. Glaube, mich daran erinnern zu können, dass ich dich dahingehend nicht um Rat gebeten hatte.“

Tilvera: „Nun, er ist auch kostenfrei. Ich bringe dir frohe Kunde. Ein Heiland ist uns geboren, er trat aus der Bedeutungslosigkeit hervor, von jubelndem Volk empor getragen in den Olymp. Nun sitzet er zu Rechten der Wissenschaftler, und lehrt sie. Es ist endlich das Ende des Zeitalters angebrochen, in welchem renomierte Forscher  ungerechtfertigterweise ihre Forschungsergebnisse aus langjähriger und akribischer Forschung als ermittelte Fakten ausgeben durften.“

Ónytjungur: „Forschung ist Betrug, deren Ergebnisse eine Lüge? Hirngespinste?“

Tilvera: „Nun, es verhält sich so, dass auch das geozentrische System damals besser mit jenem übereinstimmte, was  damals als gesunder Menschenverstand angesehen.“

Ónytjungur: „So ist also den Professoren ein Professor entwachsen, der nun Professor der Professoren?“

Tilvera: „Nicht ganz. Missgünstige Rivalen hatten zu seinem großen Leidwesen nichts unversucht gelassen,  um zu verhindern, dass er zeitlebens sein Genie durch Lehre und Studium erprobe. Und so war er verurteilt, sich mit dem Titel eines Bachelors abspeisen zu lassen, nicht einmal zu einem Masterstudiengang wurde er zugelassen.“

Ónytjungur: „Es kann der Klügste nicht studieren, was arge Missgunst ihm verweigert. Gibt es den Grad eines Bachelors in der Klimaforschung?“

Tilvera: „Nun, der Forschungsbereich, in dem er studierte, war mehr im Bereich Immobilienwirtschaft.“

Ónytjungur: „Dann dürfte er Kenntnisse erworben haben, wie die Häuser in Zukunft zu bauen sind, damit sie den starken Stürmen standhalten, mit denen hier auf Grund des Rückgangs des arktischen Eises gerechnet wird.“

Tilvera: „Nicht ganz. Bei seiner Forschungsarbeit ging es mehr um den Kauf und Verkauf von Immobilien.“

Ónytjungur: „Also darum, mit welcher Methode einer eine Immobilie am besten kauft, solange diese noch intakt ist, …“

Tilvera: „… und mit welcher Methode er sie am gewinnbringendsten verkauft, bevor sie zerstört ist. So ungefähr.“

Ónytjungur: „Und diese Person wurde nun in den Rang eines Professors der Professoren berufen?“

Tilvera: „Nicht ganz. Du kennst ja die Missgunst, die Genies Allerortens entgegenschlägt. Aber es bekümmert ihn nicht.“

Ónytjungur: „Darin zeigt sich wahre Größe.  So ist also über kurz oder lang damit zu rechnen, dass die Berge hier ringsum im Winter nicht mehr schwarze Tränen auf ihr weißes Kleid weinen, und der Winter eines Tages wieder zurückkehrt, so wie ihn die Einheimischen bisher gewohnt waren.“

Tilvera: „Nun, es gibt Verdachtsmomente, die besagen, dass es durchaus ein anderes Ende nehmen könnte.“

Ónytjungur: „Inwiefern?“

Tilvera: „Das Genie schätzt Golfplätze und Luxus-Ressorts.“

Ónytjungur: „Und?“

Tilvera: „Es ist folglich durchaus denkbar, dass seine überwältigende Weisheit dazu führt, dass deine Enkelkinder eines Tages aus diesem Grund nicht mehr im Winter auf die Kanaren zu fliegen brauchen, sondern gleich hier bleiben können.“

Ónytjungur: „Was hat das eine mit dem anderen zu schaffen?“

Tilvera: „Ich erinnere dich daran, dass sein Forschungsbereich der Kauf und Verkauf von Immobilien ist. Ein Luxus-Ressort mit Golfplatz ist eine Immobilie. Hast du schon jemals Golf auf einer Schneedecke gespielt?“

Ónytjungur: „Du weißt, dass ich im Falle, mich überfiele die Langeweile, bereits vollständig damit ausgelastet bin, faustgroße Steine mit meinem rechten Fuß in den See dort drüben zu kicken. Wozu sollte ich mir dann anderes Spielzeug zulegen wollen?“

Tilvera: „Steht dein Stein, den du dein Zuhause nennst, nicht an einem malerischen Plätzchen Erde?“

Ónytjungur: „Schon seit der Landnahme. Unwissende erzählen, hier würden sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Dabei gibt es hier gar keine Hasen, sondern nur Füchse.“

Tilvera: „Dann kann ich dir einen Bericht aus Schottland empfehlen. Aber Vorsicht, es gibt Leute, die behaupten, es würde sich um eine Falschmeldung handeln. Bei jenem, was Deine Augen dort sehen, könnte es sich durchaus auch um eine Fata Morgana handeln. Also um ein Trugbild.“

Ónytjungur: „Ich soll meinen Augen nicht mehr trauen können?“

Tilvera: „Es wurde ex cathedra verkündet. Er ist die Wahrheit und das Licht. Jenseits davon ist seitdem nur noch Lügenpresse, und  der Feind des Volkes möglich.“

Ónytjungur: „Lass mich raten, wer das Volk ist, und wer nicht, weiß er auch.“

Tilvera: „Das lässt sich in solchen Fällen immer leicht feststellen. Wer seine Stiefel leckt, gehört zum Volk, und wer sich weigert, ist der Feind des Volkes.“

Ónytjungur: „Da ist es doch gut, dass wir beide Trolle sind.“

Tilvera: „Was soll daran gut sein?“

Ónytjungur: „Trolle tragen gar keine Stiefel. Und wenn sie etwas lecken, dann nur leckere Eiscreme.“

Bushaltestelle

(Bild: Bernhild Vögel)

 

Er gewähre allen Menschen, denen er begegne, einen Vorschuss an Freundlichkeit. Solcher Art, dass sein Tun oder sein  Unterlassen nicht irrtümlich als Ausdruck von Höflichkeit auszulegen sei. Denn er verabscheue Höflichkeit abgrundtief. Sie sei ihm die perfekteste Lüge, die sich als Rücksichtnahme auszugeben versteht.

Allerdings gewähre er den Vorschuss an Freundlichkeit nicht bedingungslos. Sähe er seine Freundlichkeit abgelehnt, oder gar missbraucht, und selbst er könne nicht sagen, nach welchem Maßstab er zu einer solchen Feststellung komme, ersetze er Freundlichkeit durch undurchdringbare Distanz. Bereits ein gemeinsamer Aufenthalt im gleichen Raum werde ihm dann unerträglich, mochte der Raum auch so groß sein, dass nur der Zufall den Weg des Anderen seinen Weg kreuzen könne. Er gäbe sogleich seine ursprüngliche Absicht auf, sobald er einer solchen Person gewahr werde, und verließe umgehend den Ort. Jeder andere Ort gelte ihm dann angenehmer, keine Anstrengung wäre ihm daraufhin anstrengend genug, und jegliches andere Angebot sei ihm willkommener, sei dies auch nur eine Bushaltestelle in einer eisigen Winternacht.

Das Leben sei nichts anderes als der nahtlose Übergang von der unvoreingenommenen Neugier zu begründeter Skepsis, oder in die Liebe, oder in jene Tranquilizer, die aus jedem darüber hinausgehendem wir resultieren, was unweigerlich dann der Fall sei, so dieses abgrenzende wie formalisierte wir weniger als die Gattung benenne. Diese Einstellung mache sowohl frei, wie auch einsam, und er könne beim besten Willen nicht sagen, welches von diesen zwei Ereignissen ihn mehr berühre. So sei seine Antwort gewesen, an einen wohlwollenden Belehrenden, der ihn einmal bei einer Tasse Kaffee zu einer anderen Verhaltensweise ermuntern habe wollen.

Liebe sei, so fuhr er fort, jener durch nichts heilbare Schmerz, der sich unvermittelt einstelle, wenn der andere den Raum verlasse, und der sofort verflöge, sobald der andere den Raum wieder betrete. Im Verlauf der Zeit werde dieser Schmerz dann stets durch ein wohltuendes wie begründetes Vertrauen ersetzt. Er habe sie kennenlernen dürfen, so seine Worte, und auch jenes in ausreichendem Maße, was irrtümlich für Liebe gehalten , da noch keine Möglichkeit eines Vergleichs durch Erleben vorhanden gewesen sei.

Seiner Erfahrung nach sei jedes denkbare wir, so es jenseits von Grenzen angenommen, die durch Zeitspanne einer Begegnung durchlebt, durch gemeinsame Eigenschaften gekennzeichnet, da dieses wir stets jemand erfunden habe, es auf einer schlichten vereinfachenden Formel beruhe, was dazu führe, dass darüber unvermeidbar ein Stammesverhalten verstärkt, und der Intellekt degeneriere.

Und so sei jenes wir, dem er angehöre, nichts weiteres als aneinander gereihte Perlen von Begegnungen, gemeinsam körperlich durchschrittene und geteilte Räume, und deren Dauer. Und jene Zeit, die davon getragen, auf eine weitere Perle hoffen zu können …

Und dann kam mein Bus.