Mor(t)alität der Modalität

troll-imadeWEB-1Ónityungur: „Sind wir beide uns darin einig, dass es rationales und vorstellendes Begreifen geben kann, und die Beziehung zwischen beiden solcher Art ist, dass das eine Voraussetzung für das andere?“

Tilvera: „Wenn du die Fähigkeit meinst, im Vorgriff Anordnung von Synapsen dergestalt herzustellen, das diese jedes konkretes Individuum in die Lage versetzen, jede Sprache der Welt sich aneignen zu können, also jede dahingehende Abrichtung durch andere aufzunehmen, zu welchem Zweck die auch immer stattfinden mag, …“

Ónityungur: „Wäre es dann nicht sinnvoll, Modalitäten als Gegenstand einer Betrachtung zu erwägen? Sind diese doch mit Vorstellungen verbunden.“

Tilvera: „Welcher Art? Die Art und Weise, wie etwas ist, geschieht, oder gedacht wird? Oder Art und Weise an sich, Möglichkeit, Bedingung, Ausführungsart? Die der Sprachwissenschaft? Die der Philosophie?“

Ónityungur: „Da ich weder Sprachwissenschaftler noch Philosoph, wie wäre es, wenn wir beide nur einfach darüber redeten?“

Tilvera: „Auf einen Versuch ankommen lassen? Die Stille durch Geschnatter unterbrechend?“

Ónityungur: „Betrachte es als Abwechslung.“

Tilvera: „Die Angelegenheit ist schnell abgehandelt. Mir sind nur sechs Wörter bekannt: dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen. Drei von diesen beziehen sich auf notwendig, drei auf möglich.“

Modalität-Grammatikalisierung
Modalität

Ónityungur: „Finden diese nicht bei realistischen und nicht-realistischen Hintergründen Anwendung?“

Tilvera: „So ist es. Zusätzlich zu ihren unterschiedlichen Funktionen, die sie in einer Sprache einnehmen, erfahren sie ihre Bedeutung auch abhängig von den Umständen.“

Ónityungur: „Lass uns von Umständen reden, anhand des Wortes wollen, im Sinne von krefjast, also fordern, und im Sinne von útheimta, also im Sinne von wie es sein Amt will.“

Tilvera: „Korrespondiert dieses Wort nicht mit dem Wort dürfen, im Sinne von erlaubt seingestattet, zugelassen?“

Ónityungur: „Das ist abhängig von dem Ort, an dem du dich aufhältst.“

Tilvera: „Gut, lass uns über das Wort wollen reden, da es demnach von den Umständen abhängig.“

Ónityungur: „Es würde schon genügen, über einen nicht-realistischen Hintergrund zu reden.“

Tilvera: „Und welchen?“

 Ónityungur: „Zum Beispiel dem deontischen Hintergrund.“

Tilvera: „Demnach darüber, was das Gesetz befiehlt. Also jener Bereich der Logik, in dem es um normative Begriffe wie Verpflichtung, Erlaubnis geht, in dem notwendig, was geboten, und möglich, was erlaubt. Mit Bezug auf ein System von juristischen Gesetzen, sozialen Regeln, moralischen Normen, individuellen Überzeugungen. Was hat es mit diesem Hintergrund auf sich?“

Modalverben-intro-extra
Trolle, (c) Zen&Senf

Ónityungur: „Nun, zum Beispiel weist in dem einen Land das Strafgesetzbuch 273 Paragraphen auf 57 Seiten, in einem anderen Land hingegen 300 Seiten auf, und diese scheinen immer noch nicht zu genügen.“

Tilvera: „Demnach ist in einem Land etwas unter Strafandrohung verboten, was im anderen Land erlaubt.“

Ónityungur: „Keineswegs. Dann wäre es ja plausibel. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sich die fraglichen Länder eben nicht.“

Tilvera: „Dann gibt es in dem einen Land Straftaten, die in dem anderen Land noch nicht begangen, demnach kein Anlass gegeben.“

Ónityungur: „Auch das nicht. Die Spitzbuben sind in dem einen Land ebenso einfallsreich wie in dem anderen.“

Tilvera: „Dann wurde sicherlich das eine Strafgesetzbuch mit größeren Buchstaben aufgesetzt als das andere.“

Ónityungur: „Das Gegenteil ist der Fall. Der Text ist dort dermaßen klein gedruckt, dass eine Lupe erforderlich.“

Tilvera: „Du meinst, es wird das Gleiche ausgesagt, die einen benötigten dafür 57 Seiten mit lesbaren Buchstaben, die anderen 300 Seiten, bei denen einer zum Lesen eine Lupe benötigt, und das Ergebnis ist das Gleiche? Was steht denn dann in solchem Text“

Ónityungur: „Habe ich nichts wichtigeres zu tun als 300 Seiten auswendig zu lernen, da in diesen aufgelistet, was unter Strafandrohung verboten? Und dabei so umständlich formuliert, dass zu 300 Seiten klein Gedrucktem aufgeblasen, was bereits über 57 Seiten lesbar? Ich habe noch nicht einmal die Anzahl der Paragraphen gezählt.“

Tilvera: „Nun, es wird sich vermutlich so verhalten, dass die 300 Seiten in der Bevölkerung pro Kopf zu weniger Straftaten führten, denn die 57 Seiten.“

Ónityungur: „Wieder daneben. Das Gegenteil ist der Fall.“

Tilvera: „Dann bin ich mit meinem Latein am Ende.“

Ónityungur: „In dem einen Land wurde auf dem Alþing das Recht des Einzelnen definiert, da alle Bestrebungen, Veränderungen ohne Zustimmung derer durchzusetzen, die sich an die Gesetze hielten, als Verachtung des Gesetzes aufgefasst, die Leute sich daher vorher über neue Gesetze absprachen, anstatt sie mit Gewalt durchzusetzen, im anderen Land gibt es Leute, die sich als Gesetzgeber auffassen.“

Tilvera: „Was dazu führte, dass in dem einen Land kein Gesetz ohne vorangegangenem Rechtsstreit und Rechtsentscheid möglich, da für selbstverständliches Recht gehalten, dass keiner durch neue Gesetze gebunden werde, es sei denn, er hätte diesen selbst zugestimmt, und in dem anderen Land das Individuum, zur Obrigkeit mutierend, sich wie eine Glucke über alle Küken stülpt?“

Ónityungur: „Ein lächerliches Unterfangen. Wie lächerlich, zeigt ein Antidiskriminierungsgesetz, welches Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern und beseitigen soll, und zur  Verwirklichung dieses Ziels die durch solches Gesetz geschützten Personen Rechtsansprüche erhalten.“

Tilvera: „Wird dadurch nicht Unehrlichkeit gefördert, sogar legalisiert? Führt solches nicht dazu, dass die Leute noch weniger ehrlich sind, zum Grassieren der Lüge, so dass keiner mehr weiß, woran er ist, zum Verlust jeglicher Orientierung? Verhindert es doch nur, dass einer nicht mehr schreibe oder sage, er wolle keinen Neger, oder er will keinen alten Sack, und nun zu solchen Sätzen greife: Leider konnten wir Ihre Bewerbung nicht in die engere Wahl ziehen, wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, dessen Profil noch genauer den Anforderungen der ausgeschriebenen Position entspricht. Was ist dadurch gewonnen?“

Ónityungur: „Sie nennen es Kultur.“

Tilvera: „Es scheint mir, dass die Leute dort auch noch betriebsames, unreflektiertes oder zielloses Handeln ohne Konzept schätzen, um den Anschein von Untätigkeit zu vermeiden oder zu vertuschen.“

Ónityungur: „Am liebsten hören sie auf jenen Gockel, der am lautesten kräht. Was beiträgt zur Sterblichkeit des ins Einzelne gehenden. Was auffällt, ist, dass in dem einen Land die Sprache einem natürlichen Sprachtod anheim fiel, im anderen aber nicht.“

Tilvera: „Diese sich nicht mehr adäquat in ihrer Sprache ausdrücken können, und die in einer Sprache speziell immanenten Konzepte von Bezeichnungen und Sicht auf die Welt dabei untergingen?“

Ónityungur: „Falls ja, dann unumkehrbar. Kann aber auch gut sein, dass in der Masse dort darauf gepfiffen wird, was Dichter so zu sagen wissen.“

Tilvera: „Du meinst, sie haben das Wissen verloren, dass das Wort dürfen auch im Sinne von imstande sein, wagen, sich trauen und Mut haben zu verstehen ist, das Wort können auch im Sinne von kennen und wissen gebraucht, und nicht nur im Sinne von leisten, erzielen und erreichen?

Modalitäten_Deutsch-Isländisch
Modalverben

Ónityungur: „Und das Wort mögen nicht nur auf etwas Lust haben bedeutet, sondern auch etwas fühlen, sich um etwas kümmern, womit bei Letzterem aber keineswegs krefjast und útheimta gemeint.

Tilvera: „Was ermöglicht, dass mit dem Wort dürfen nicht nur beanspruchen und benötigen aufgefasst, sondern auch brauchen und müssen.“

Ónityungur: „So dass für das Wort müssen nur noch werden, bleiben, sich vollziehen, geschehen, passieren, bekommen und empfangen übrig bliebe.“

Tilvera: „Was eine anders geartete Abrichtung zur Folge hätte.“

Ónityungur: „Zum Beispiel eine solche, die jedem konkreten Individuum zugesteht, ob ihm ein Handschlag wichtiger als ein freundliches Wort.

Tilvera: „Wurde der nicht irgendwo zur Pflicht erhoben?“

Ónityungur: „Es wird dort Rolle mit Autorität verwechselt, sie nennen es Kultur.

Tilvera: „Sage keiner, es gebe keine humanistische Evolution.“

Ónityungur: „Wie kommst du darauf?“

Tilvera: „Nun, ist es nicht so, dass dort nun nur noch 4.500 € Strafe zu zahlen sind, und nicht mehr ein Apfel vom Kopf seines Sohnes abzuschießen wäre?“

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Trolle, (c) Zen&Senf

 

Anmerkung der Redaktion:

Mortalität der Modalität = Sterblichkeit der näheren Umstände = Sterblichkeit des ins Einzelne gehenden

Isländische Sommer-Präliminarien

bv1Die große Frage, die sich in Island alle dutzend Monate stellt: Wann hört der Winter auf, und wenn, was dann? Für den Frühling ist bekanntlich in nördlichen Breiten keine Zeit, doch der Sommer, der eigentlich unmittelbar auf den Winter folgen sollte, ziert sich meist und muss aufwendig angelockt werden.

Zuallererst wird den Wettergöttern ein Wellblechdach geopfert, um sie gnädiger zu stimmen. Der mindestens 48 Stunden exponiert dargebotene weiße Eimer ist eine spezielle Gabe an Njördr, den allgegenwärtigen Gott der Winde.

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Wenn diese Opfergaben nicht ausreichen, ist der Abfall an der Reihe, für manchen Isländer eine schmerzhafte Trennung, die er mit der Beschwörungsformel „Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur“ abzuwenden sucht.

Da das Mülltonnen-Reisewetter dennoch naht, kommt der Wasserzauber, vatnsgaldur genannt, zur Anwendung. Es ist ein doppelter Gegenzauber. Eine Wasserwelle, verfertigt von der angesehensten Friseurmeisterin der Stadt soll den Südwind besänftigen.

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Der Wassertanz Kneippivaki, ausgeführt von den mutigsten Kindern der Hágrunnskóli, möge den Nordwind abhalten.

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Traurigerweise hat nie eine Evaluierung dieser Vorsorgemaßnahme stattgefunden. Da sich die Qualitätsmanagerin Sofía Vindsdóttir seit fünf Jahren im Mutterschaftsurlaub befindet, ist bis heute unklar, ob die Intervention auch tatsächlich die gewünschten Ergebnisse bzw. Wirkungen produzieren konnte.

Kurz vor Sommerausbruch holt die Ortsfeuerwehr in selbstlosem Einsatz die letzten Vorjahresflechten (das für den Export bestimmte „isländische Moos“) von den halbwegs schneefreien Berghängen.

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Um den Winter gänzlich zu vertreiben, wird nun dem ausgefeimtesten der 13 Jólasveinar („Weihnachtskerle“) noch einmal die Präsidentschaft über das Traumeisland angetragen und sofort wieder entzogen. Dieses auf den ersten Blick sinnlos erscheinende Ritual schafft die willkommene Gelegenheit, etwa hundertmal takk fyrir veturinn zu sagen, also allen und jedem für den Winter mitsamt Schneewehen, Frostbeulen und Glatteis zu danken.

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Die Isländer waren noch nie in der Lage Gebrauchsanleitungen zu studieren, da sie lieber Gebrauchslyrik lesen. So ist es ihnen nie gelungen, Rentiere zu zähmen und invasive Pflanzen nach Vorschrift in Vasen zu halten. Und nun sind es gerade solche Grünlinge, die noch vor Verschwinden des Winters ihr keckes Haupt erheben. Mancherorts ist man daher dazu übergegangen, in der Græn vika  (der entscheidenden Woche, um den Sommer zu ködern) die Rasenflächen zu shampoonieren, um das Wachstum der aus den Vasen geratenen Kräuter zu stoppen.

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Weitere Maßnahmen werden kurzfristig geplant.

Anm.:

Aldrei komi þetta fína ferðaveður fyrir ruslatunnur: Möge dieses feine Reisewetter für Mülltonnen niemals kommen!

Kneippvaki: abgeleitet von Vikivaki, einem Ringtanz aus Wikingerzeiten

Takk fyrir veturinn: Danke für den Winter

Græn vika: Grüne Woche

Oumi Khadischa

troll-imadeWEB-1Oumi Khadischa war es immer eine Lust, in Pariser Geschäften den für sie passenden Schal auszusuchen; modisch genug hatte er zu sein, um ihre Weltoffenheit preiszugeben, jedoch in Farben gehalten, die ihrer tiefen Verbundenheit mit der Natur nicht widersprachen. In seiner Aufmachung und Ornamentik war dabei auf den Status ihres Stammes genauso zu achten, wie auf die Stellung, die sie innehatte. Seit sie den Titel Hascha sich erwarb, bevorzugte sie als Zeichen ihrer Würde nur noch jenen weißen Schal, der nur einer Hascha zustand.

Eines Tages, sie wollte nach ein paar Jahren wieder Europa besuchen, bat sie darum, ihr die für Besuche in Deutschland erforderliche Bürgschaftserklärung zuzusenden, da sie noch einmal reisen möchte, um die neuen Enkelkinder zu sehen, bevor sie sterbe.

Im Zuge von 9/11 hatte jedoch das deutsche Auswärtige Amt mit der tunesischen Regierung vereinbart, dass Tunesier, die ein Touristenvisa bei der deutschen Botschaft in Tunis beantragen, nun persönlich in der dortigen Visa-Abteilung zu erscheinen hätten, ungeachtet des Alters der Person, und selbst ihre Papiere vorzulegen haben. Weibliche Besucher dürften dabei im Gegensatz zu früherer Praxis die deutsche Botschaft nur noch ohne Kopfbedeckung betreten.

So machte sich Oumi Khadischa, schon von ihrer schweren Krankheit gezeichnet, notgedrungen selbst auf den Weg nach Tunis, um sich in die Schlange der Antragsteller einzureihen, die bereits lange vor Sonnenaufgang vor dem Eingang der deutschen Visa-Abteilung ausharrten, um innerhalb der Öffnungszeiten noch ihren Antrag einreichen zu können, und nicht nach vergeblichem stundenlangen Warten vor dann verschlossenen Türen unverrichteter Dinge wieder heimkehren zu müssen.  

Als sie nach mehreren Stunden endlich an dem vor dem Eingang wachhabenden Polizeibeamten stand, forderte dieser sie weisungsgemäß auf, ihren Schal abzulegen, da das Betreten der Visa-Abteilung nur ohne Kopfbedeckung erlaubt sei. Oumi Khadischa fragte ihn, ob er denn wisse, mit wem er da spreche, und ob man ihm als Kind nicht den Respekt beigebracht hätte, den man alten Frauen schuldig sei. Das brachte den jungen Polizeibeamten in arge Verlegenheit, war er doch nur ein junger Bursche, sie hingegen eine alte Frau, noch dazu eine Hascha, welcher er damit bereits aus zwei Gründen Respekt entgegenzubringen hatte; auch erregte der Disput bereits die Aufmerksamkeit der umstehenden Neugierigen.

In seiner Not erklärte er Oumi Khadischa, dass er seinen Job verlieren würde, sollte er sie mit dem Schal in die deutsche Botschaft lassen. Da nahm sie plötzlich den Schal ab, drückte diesen dem jungen Burschen in die Hand, und trug ihm auf, ihren Schal solange in Sicherheitsverwahrung zu nehmen, auf ihn sorgfältigst aufzupassen, und ihn ja nicht aus den Händen zu geben, bis sie aus der deutschen Botschaft zurückgekehrt sei.

Und ließ den jungen Mann mit hochrotem Kopf zurück, auf das Peinlichste vor allen Umstehenden bloßgestellt; ein stattlicher junger Kerl in Uniform, der Öffentlichkeit preisgegeben, ausgerechnet mit einem Damenschal in seiner Hand, noch dazu mit einem Schal einer Hascha, als respektabler Polizist, als Respektsperson, nun von allen Wartenden grinsend begafft.

Als Oumi Khadischa aus der Visa-Abteilung zurückkehrte, nahm sie ihren Schal wieder an sich, und fragte den Polizisten, ob er nicht genug Anstand hätte, da er sich bei ihr nicht bedanke; um dann dem Beamten, der nur verblüfft und fragend in seiner offensichtlichen Betretenheit die alte Frau anstarrte, zu erklären, dass sie ihm immerhin gerade seinen Arbeitsplatz gerettet habe.

Sagte es, und verschwand in der wartenden Menge; durch die breite Gasse, die ihr die Wartenden respektvoll anboten.

Am Schwarzen Raucher

troll-imadeWEB-1Ónytjungur: „Ist die Annahme Unsinn, dass sich Lebendes von Lebendem ernähre?“

Tilvera: „Es stellte sich die Frage, was Lebendes sei, und was nicht.“

Ónytjungur: „Sagen wir, die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren.“

Tilvera: „Demnach Bakterien, Archaeen, Pilze, Pflanzen, Tiere und Menschen. Womit wir bei anorganischer und organischer Chemie angelangt …““

Ónytjungur: „… und im weiteren Verlauf bei Individuen, denen allen gemein ist, dass sie voneinander unterscheidbaren Wesen angehören, zu jedem Wesen mehr als ein Individuum existiert, allesamt das Vermögen aufweisen, sich reproduzieren zu können, wobei mit Reproduktion das Wesen gemeint, und nicht das Individuum.“

Tilvera: „Falls du unter Wesen nichts anderes als Gattung verstehst. Wobei anzumerken wäre, dass das konkrete Individuum etwas ist, und sein Wesen etwas anderes.“

Ónytjungur: „Wir beide sitzen im Augenblick vor dem Geburtskanal alles Lebendigen.“

Tilvera: „Da ist nur das Meer, und nichts weiter.“

Unbenannt-28
Weißer Raucher

Ónytjungur: „Du vergisst, dass du hier am Rand einer tektonischen Platte sitzt, vor dir der Mittelatlantische Rücken liegt, und dort unten Schwarze Raucher zugange sind.“

Tilvera: „Demnach beim Verursacher einer Wirklichkeit dergestalt, in welcher das konkrete Individuum etwas ist, und sein Wesen etwas anderes.“

Ónytjungur: Es also sinnvoll wäre zu sagen, dass zwei Absichten vorliegen müssten, und dass in beiden Absichten entweder zwei verschiedene Vermögen erfasst sind, wobei jede der beiden für sich zu erfassen wäre, oder aber mit einem einzigen Vermögen, dann jedoch in zwei verschiedenen Zuständen.

Tilvera: „Nun wirst du kryptisch. Was ist Absicht? Was hat dies alles mit der Fähigkeit der Menschen zu tun, ihre Gedanken auf etwas richten zu können?“

Ónytjungur: „Ich kann mich nicht erinnern, von Menschen gesprochen zu haben. Dein Problem ist, dass du bei dem Wort Absicht annimmst, über den Bezeichner wäre die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, seine Gedanken auf etwas richten zu können, und daraus schließt, es müsse sich demnach um Vorhaben, Vorsatz, Plan oder Beweggrund handeln.“

Tilvera: „Nun, das Wort Absicht benennt, dass nach etwas gestrebt werde, das Gerichtetsein auf etwas, demnach Vorhaben, Vorsatz, Plan oder Beweggrund.“

Ónytjungur: „Du übersiehst, dass es genauere Wörter als intendere geben könnte.“

Tilvera: „Als da wären?“

Ónytjungur: „Wie wäre es mit tilgangur, im Sinne von Zweck? Denn wenn ich Absicht sage, meine ich keineswegs ásetningur im Sinne von Beschluss, Vorsatz und Vorhaben, auch nicht áform im Sinne von Plan, Beweggrund und Motiv.“

Tilvera: „Nun wirst du aber pingelig.

Ónytjungur: „Wie du willst. Es kann aber durchaus sein, dass es triftige Gründe dafür gebe, diese sechs Wörter nicht in einen Topf werfen zu wollen, und dann solange umzurühren, bis daraus ein Brei entstehe, der dann als intendere aufgetischt. Wie dem auch sei, ich meine Absicht ausschließlich im Sinne von Zweck, und nicht darüber hinaus. Und wenn ich Zweck sage, dann nicht im Sinne von finis, da dies ja wieder der Beweggrund für eine zielgerichtete Tätigkeit. Mehr im Sinne von markmið, also vom Gebrauch oder Verwendungszweck her betrachtet, und nicht von augnamið her, was eine Zielvorgabe bezeichne.“

Tilvera: „Nun gut, einigen wir uns darauf, dass immer dann, wenn du Absicht sagst, du nur Zweck im Sinne von Gebrauch und Verwendungszweck meinst, und nichts darüber hinausgehendes. Und weiter?“

Ónytjungur: „Bekanntlich lassen sich ja Prozesse in zwei Richtungen betrachten. Die eine verfolgt die Richtung vom Beschluss her bis zum Erreichen des beabsichtigten Ziels, thematisiert daher diese Form der Bewegung, die andere verfolgt die Richtung vom Ergebnis ausgehend zurück zu dessen Ausgangspunkt. Die Frage ist, zu welchen Erkenntnissen kommen beide, und im Falle, diese wären nicht identisch, widersprächen sich vielleicht sogar, welche wäre dann die richtige, und welche die falsche?“

Tilvera: „Und von welchem Ergebnis sprichst du?“

Ónytjungur: „Von dem, das sich uns beiden zeigt, dem Gebrauch und Verwendungszweck. Ist es nicht so, dass es die unterschiedlichsten Wesen gibt?“

Tilvera: „Begnügte ich mich damit, Form mit Inhalt gleichzusetzen, beginge ich dann nicht den logischen Fehler, von Ähnlichkeit auf Gleichheit zu schließen, diese irrtümlich anzunehmen, und bei vorhandenen Abweichungen diese einzufordern?“

Ónytjungur: „Und verhält es sich nicht so, dass sich reproduzierende Wesen von reproduzierenden Wesen ernähren, und ohne reproduzierende Wesen, die als Ernährung dienen würden, es das reproduzierende Wesen, das sich durch diese ernähre, gar nicht geben könnte, niemals gegeben hätte?

Tilvera: „Die Produzenten einmal davon ausgenommen. Es war davon zu lesen, dass Wasser allein auf Dauer nicht genüge.“

Ónytjungur: „Einmal davon ausgehend, das Biotop dort unten im Meer, am Schwarzen Raucher, ist der Ursprung des Lebenden, es gebe uns nicht, und auch sonst nichts Lebendes. Nur dieses Biotop dort unten im Meer am Schwarzen Raucher. Wovon wäre dann auszugehen, damit jenes, was nun ist, auf jenes zurückgeführt werden kann, was dort beginnt?“

Tilvera: „Dass sich irgendwann einmal die Bakterien wohl sich nicht mehr damit begnügt haben, organische Verbindungen aus anorganischen Stoffen aufzubauen, dazu nicht mehr die Oxidation von Schwefelwasserstoff nutzen wollten oder konnten, sich zu voneinander unterscheidbaren Wesen entwickelt haben müssen, in der Art, dass vom Produzenten ausgehend das eine Wesen das andere über Nahrungsnetze ernähre?“

Ónytjungur: „Dazu müssten sie sich aber erst soweit zueinander unterschieden haben, dass das eine Wesen das andere ernähren könne, und dies genau auf eine solche Art und Weise, dass dabei keine Lücken auftreten, denn eine Lücke …“

Tilvera: „… hätte dazu geführt, dass ein Wesen keine Nahrung gefunden hätte, oder ein Wesen nicht als Nahrung für irgendein Wesen tauglich war.“

Ónytjungur: „Im ersten Fall hätten die Voraussetzungen gefehlt, dass dieses Wesen überhaupt entstehe, im zweiten Fall wäre es nur ein Schmarotzer. Alle anderen wären aber einer negativen Rückkoppelung unterworfen. Denn es wird von einer Regel erzählt, der zufolge ein Überangebot an Nahrung zu einer größeren Population führe.“

Tilvera: „Was wiederum einen größeren Bedarf an verfügbarer Nahrung nach sich ziehe. Dies setze sich dann solange fort, bis mit der Zeit immer weniger Nahrung zur Verfügung stehe, da von immer mehr verzehrt, worüber ein Punkt erreicht werde, wo die Dauer, noch Nahrung zu finden, größer ist als die Dauer, die einer ohne Nahrung überlebe.“

Ónytjungur: „Was die Entwicklung der Nahrungssuchenden umkehre, da deren Zahl nun nicht mehr steige, sondern sich reduziere.“

Tilvera: „Was der Nahrung wiederum die Gelegenheit gebe, sich so weit zu erholen, dass deren Population wieder zunehme. Denn es ist davon auszugehen, dass der letzte Nahrungssuchende verendet bevor er die letzte noch vorhandene Nahrung findet.“

Ónytjungur: „Womit zwar nur das Ergebnis beschrieben, das aus diesem Biotop dort unten im Verlauf der Zeit entstehen wird, gesetzt den Fall, es gebe weder dich noch mich, noch sonst irgendetwas Lebendes. Womit aber auch die Absicht beschrieben, im Sinne von markmið, dem Gebrauch und Verwendungszweck, denn das Ende ist bereits in den Anfang gesteckt. Nicht aber geklärt wäre, ob in beiden Verwendungszwecken, da das konkrete Individuum ja etwas ist und sein Wesen etwas anderes, die beiden Verwendungszwecke mit zwei verschiedenen Vermögen zu erfassen sind, wobei jede der beiden für sich zu erfassen wäre, oder aber mit einem einzigen Vermögen, dann jedoch in zwei verschiedenen Zuständen.“

Tilvera: Was aber nur für dich gilt, da du mit dem Intellekt das Wesen und die Form der Sache erfasst, und mit dem Sinn das Individuum jenes Wesens. Zu diesem Unfug neigt bekanntlich nicht jedes Ende der Nahrungskette.“

Ónytjungur: „Nun, dafür ist mir wenigstens aufgefallen, dass das konkrete Individuum etwas ist und sein Wesen etwas anderes. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass jenes Ende der Nahrungskette, von dem du vermutlich sprachst, wenigstens in einem Punkt einer Meinung ist, da alle dessen Exemplare ausnahmslos davon ausgehen, die Krönung der Schöpfung zu sein, und dies unabhängig davon, ob sie von einer vorhandenen  Letztbegründung ausgehen oder eine solche in Abrede stellen?“

Tilvera: „Nicht nur das. Es ist mir zudem aufgefallen, dass alle Exemplare dieses Endes der Nahrungskette in diesem Punkt sich einig sind, obschon die einen davon ausgehen, dass dieses Ergebnis durch Zufall entstanden sei, und die anderen vom Vorhandensein einer Determinierung. So gegensätzlich ihre Ansichten auch sein mögen, in dem einen Punkt sind sich seltsamerweise alle Exemplare ausnahmslos einig. Da ist es gut, dass wir beide erfreulicherweise nur Trolle geworden sind, die zu nichts taugen.“

Ónytjungur: „Du vergisst ein altes Lied. Dort wird gesagt

Haltur riður hrossi,
hjörd rekur handarvanur,
daufur vegur og dugir,
blindur et betri
en brenndur sé,
nýtur manngi nás.“ 1)

Tilvera: „Kenne ich. Es überliefert Wissen, erzählt davon, dass der Hinkende reiten könne, der Handlose hüten, und der Taube noch zum Kampf tauge.“

Ónytjungur: „Und dass blind sein besser sei als verbrannt werden, denn der Tote tauge zu nichts.“

1) entnommen aus „Hávamál og Völuspá“, Gísli Sigurðsson, SVART Á HVÍTU, Reykjavik 1986, S. 27

Landshornaflakkari

troll-imadeWEB-1Der kleine Besucher am Ufer des kleinen Baches hatte sich entschieden: der ist gut beraten, der Halluzinationen von Wirklichem zu unterscheiden vermag. Es wird daher nur ein Trugbild bleiben, denn immerhin hatte jener Baum dort sogar den Blitzschlag überlebt, benötigte danach nur noch den verbliebenen Rest an seiner Rinde, um jedes Jahr die grünen Blätter seiner verkohlten Äste mit Nötigem zu versorgen.

Im Alter von zwölf Jahren, als ihn Jahre später seine Eltern bei ihrer Reise auf den Kontinent mitnahmen, was ihn zur deutsch-tschechischen Grenze führte, die damals noch der Eiserne Vorhang genannt, stand er an diesem Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete mit seinen Augen verständnislos immer wieder all diese Dinge ab, welche die Menschen offensichtlich für notwendig hielten. Denn in einem solchen Alter hat man noch davon auszugehen, dass Erwachsene nur jenes tun, was auch unbedingt und zwingend notwendig sei. Ist doch alles, was in diesem Alter von Erwachsenen erfahrbar, Ausdruck vorhandener Notwendigkeiten, welche als solche die Welt des Möglichen, die noch die Welt eines Zwölfjährigen ausmache, in ihre Schranken verwies.

Konnte sich daher noch an die kleine Erzählung von Sjón und Halldór Baldursson  in „Sagan af húfunni fínu“ erinnern:

Ein Junge saß auf einem Stein.
Sie lebten auf dem Land, der Junge und der Stein.
Eine kleine Familie aus der Stadt ging vorbei, Vater und Mutter mit ihrem Sohn im Teenager-Alter.
Sie standen vor dem Jungen auf dem Stein und starren ihn an.
Der Junge war nicht einverstanden, dass man ihn anstarrte, hatte man ihm doch gesagt, dass Anstarren unhöflich sei, und so blickte er auf seine Beine.
„Ich durfte nie auf einem Stein sitzen“, sagte der Vater.
„Steine verschmutzen die Hosen der Menschen, und daher ist es nicht gut, auf ihnen zu sitzen,“ sagte die Mutter.
„Er wird doppelt erleichtert auf dem Stein sitzen“, sagte der Sohn, der ein gebildeter Teenager war.

Er blickte fragend zu dem Jungen auf dem Stein.
„Nicht wahr?“

So stand dieser Schüler vor dieser breiten kahlen Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, vor den hohen Gitterzäunen, die den Zutritt zu einem breiten Streifen verhindern sollten, wobei nicht ersichtlich war, welchem Zweck dieses dienen sollte. War doch auf diesem breiten Streifen nichts Schützenswertes vorhanden, kein Strauch, kein Baum, und auch keine Wiese, die in deutschen Städten Rasen genannt, und der so schützenswert war, dass in den Städten vor jedem Hausausgang ein Schild am Rand dieser Rasenflächen angebracht werden musste, auf dem zu lesen war: „Betreten des Rasens verboten. Eltern haften für ihre Kinder“.

Die Sicht auf Dinge, die sich einem zeigen, verändert sich im Laufe der Jahre. So entpuppt sich zum Beispiel ein reißender Fluss von damals, in welchen einer einst unter Ansammlung aller Kräfte große Steine geworfen hatte, um auf diesen das andere Ufer erreichen zu können, im erwachsenen Alter als kleiner, schmaler Bach, der nur einen Meter breit, dessen Wasser friedlich vor sich hin murmelt, und dessen Wasserstand nicht einmal bis zu den Knöcheln reiche.

Der zwölfjährige Junge stand am Bahnhof in Bayrisch Eisenstein, und tastete daher mit seinen Augen verständnislos immer wieder diese hohen Drahtzäune ab. Diese breite kahle Schneise, welche den Wald in zwei Teile zerschnitt, und fragte sich, wie wohl einem Tier dort draußen im Wald zumute sein dürfte, welches unvermittelt plötzlich diesen Zaun entdeckt, der ihm den Weg verwehrt, zu jenen Futterplätzen dort drüben, die in der Vergangenheit immer aufgesucht werden konnten. Wobei unwichtig war, ob das Tier nun auf dieser Seite, oder auf jener Seite vor dem Zaun stand, da sich nur in ein und derselben Situation befindend.

Erst später, im Erwachsenenalter, fand der Junge von damals endlich die Antwort auf die Frage, wozu die Erwachsenen Notwendigkeiten aufstellen, welche als solche die Welt des Möglichen in ihre Schranken weisen. Die Antwort fand sich in einem Satz, den der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt seinem Romulus in den Mund legte: der Staat bediene sich des Wortes Vaterland immer dann, wenn er auf Massenmord aus ist.

So wurde der Junge zu jenem, was auf Island ein Landshornaflakkari genannt. Ein Landeseckenlandstreicher, von dem sich die Isländer erzählen, er ginge in der eigenen Spucke.

Ein Pendler zwischen den Kulturen, ein Reisender, der einst in jedem isländischen Haus auch ein höchst willkommener Gast war, um mit ihm Gesinnung auszutauschen. Denn der Unterschied zwischen Reisen und Verreisen besteht darin, dass das eine synonym zu erfahren, und das andere synonym zu Zeitvertreib, was nicht dasselbe ist. Beides bietet Erholung, das eine vom Irrtum, und vom anderen werden sicher Andere zu erzählen wissen. Sind doch nicht alle Sichten auf Dinge, die sich einem im Verlauf des Lebens zeigten, auch solche, die sich im Lauf der Jahre auch veränderten.

Und so kennt der Besucher von damals bis heute nicht die Antwort auf die Frage, welcher Nationalität er denn angehöre.

Unbenannt-20War er es doch, der damals diese Steine in diesen reißenden Fluss warf, da auf der gegenüberliegenden Seite sich sein Zuhause befand: ein riesiger Baum, den einmal ein Blitz getroffen hatte. Der Baumstamm war hohl, seine Innenseite schwarz und verkohlt, und unten war auf einer Seite ein breiter Spalt, ein Einlass, so dass es möglich war, in diesen Baumstamm hineinzugehen. Blickte der Fünfjährige dann, im Baumstamm stehend, nach oben, so sah er all die schwarzen Äste der Baumkrone, die wieder ein grünes Blätterkleid trugen. Dieser Baum war sein bester Freund, und auf die lächerliche Frage, welcher Nationalität er denn sei, würde er – der Wahrheit die Ehre gebend – antworten: dieselbe wie dieser Baum.

Übersetzung: B. Pangerl

isLandshornaflakkari

 

Drehtanz

Stille entfloh mit dem Wind gegen Norden,
Blumen bedeckten mit Erdreich ihr Herz,
Menschen ergötzten sich gähnend am Morden,
und Seelen verschmorten in sengendem Schmerz.

Liebe erstickte im dröhnenden Lachen,
Wärme verkroch sich fröstelnd ins Laub,
Augen, die mahnend sonst Frieden bewachen,
bedeckten verzweifelt sich selber mit Staub.

Männer erdrückten selbst Kinder zum Schweigen,
Frauen ergaben sich lärmendem Spiel,
Völker ertranken in wirbelndem Reigen,
und Worte verdorrten, – sie galten nicht viel.